Ein invasiver Freundeskreis

Ich freue mich sehr, wenn jemand Interesse an meiner Schwangerschaft und/oder an unserem Kind zeigt. Es bedeutet mir viel und zeigt mir, dass ich meinem Freundeskreis wichtig bin.

Jedoch bin ich ein Freund von Grenzen. Grenzen, die respektiert werden.

Fangen wir mit „dem Schlimmsten“ meines Freundeskreises an. Mr. Invasiv 2019 – alias „der Andere“. Er plant bereits zu welchen Kursen ER mit dem Bambino geht – von der Krabbelgruppe bis zum Babyschwimmen. Er riet mir zum Geburtsvorbereitungskurs und hat solange auf mich eingeredet bis ich mich genervt dafür anmeldete. Er gab an, dass ER, sobald es los geht, sofort informiert werden möchte, damit ER dann vor dem Kreissaal warten könne. Angesprochen auf seine Arbeit, gab er an, dass er sich dafür krank melden würde. „Geburtstermin XY passt mir nicht so gut. Da habe ich ein Seminar.“ sagte er. Ich schüttelte nur noch genervt den Kopf und fragte: „Aber entschuldige bitte, warum musst du denn dazu da sein?“ Prompt kam die Antwort: „Na, wenn ich dir was einkaufen soll oder so.“ Ich guckte etwas verwirrt und erwiderte: „Du weißt aber, dass ich verheiratet bin?“ Als ich dem Einen (übrigens die einzig normale Person in meinem Freundeskreis, wenn es um das Thema Schwangerschaft geht) davon erzählte, erwiderte er lachend: „Er weiß aber, dass er nicht der Vater ist?!“

Ich hab den Anderen sehr gerne – keine Frage. Angesprochen auf sein invasives Verhalten, gab er an, dass er nie eigene Kinder haben kann (aufgrund seiner sexuellen Orientierung) und sich deswegen natürlich umso lieber mit unserem Bambino beschäftigen will. Das finde ich toll und löblich.

Allerdings gibt es Grenzen. Eine davon wäre z.B., dass keiner meiner Freunde/Verwandten im Krankenhaus wartet bis ich entbunden habe. Das ist eine Sache zwischen den Eltern – also dem Römer und mir.

Heute setzte er dem ganzen die Krone auf. Ich jammerte, dass ich langsam keine Lust mehr habe schwanger zu sein (3 Stunden Schlaf, leichte Vorwehen, Rückenschmerzen, müde, energielos… you name it) und daraufhin kam zurück: „Mir würde es z.B. gut passen, wenn du entweder diesen Donnerstag oder Freitag entbindest. Da wäre ich anwesend.“ Na, das ist ja das wichtigste, dass der Andere anwesend ist…

Weiter geht es mit einer lieben Freundin aus der Heimat. Wir waren immer sehr verbunden miteinander. Durch meinen Umzug in ein anderes Bundesland, schrieben wir nur noch sporadisch miteinander und haben uns auch einige Zeit nicht mehr gesehen. Verbunden blieben wir natürlich trotzdem miteinander, allerdings nicht mehr so eng.

Sie freut sich sehr für uns, dass wir schon bald unseren kleinen Bambino in die Arme schließen können. Gestern schrieb sie mir: „Ich habe mit meinem Mann geredet. Wir würden euch so gerne ein paar Tage besuchen, wenn das Baby da ist.“ Ich freute mich sehr über ihre Zeilen und umso mehr, dass sie vorbeikommen wollen. Dabei dachte ich an Frühsommer oder Sommer, wenn wir einigermaßen „sattelfest“ als Eltern sind. Ich schrieb ihr wie sehr ich mich freue und das ich es toll finde, dass sie vorbeikommen wollen. „Momentan gibt es ein tolles Angebot für ein Hotel in eurer Nähe. Anfang Januar.“

Ääääh… unser Bambino ist noch nicht mal geboren. Wir wissen weder, ob es gesund ist, noch ob alles so glatt läuft wie wir uns das vorstellen. Auch als Eltern haben der Römer und ich keinerlei Erfahrung. Ich schrieb ihr – ehrlicherweise: „Ich dachte an Frühsommer oder Sommer, da wir dann 1. kein Neugeborenes mehr haben, sondern ein Baby, 2. das Wetter dazu einlädt nicht nur in der Wohnung zu sitzen und 3. wir gar nicht wissen, ob es gesund ist, wie es überhaupt mit Baby ist etc., etc.“ Sie las die Nachricht und schrieb: „Ach so, mein Mann meinte auch, man müsse euch mehr Zeit geben. Aber du wirkst so entspannt, da dachte ich mir, dass wir das Hotel gleich buchen können. Na gut, dann warten wir wohl noch.“

Ja, ich bin entspannt. Aber ich weiß auch nicht was auf uns zukommt. Und ich möchte erst, dass meine Eltern ihren Enkel kennen lernen bevor hier alle möglichen Freunde aus diversen Ländern anreisen. Ich möchte die Zeit als Familie genießen und nicht genervt und gestresst sein, weil ich ein drei Wochen altes Baby habe und gleichzeitig jemand hier ein „spaßiges Wochenende“ mit Bar-Abenden und Essen gehen verbringen will.

Last but not least: The Italians! Der italienische Freundeskreis des Römers. Allen voran Giovannino und Marco. Sehr gute, wenn nicht sogar die besten Freunde des Römers in Rom. Sie freuen sich sehr, dass der Römer Vater wird. Marco hat schon drei Kinder, Giovannino ist noch Single. Sie besprachen sich wohl untereinander und schlugen dem Römer folgendes vor: „Wir kommen am Entbindungstermin vorbei für ein paar Tage. Dann können wir das Neugeborene sehen und wir drei Männer können abends dann um die Häuser ziehen – wie in alten Zeiten. Deine Frau und dein Kind sind ja gut versorgt im Krankenhaus. Und im besten Fall kriegst du auch noch ein paar Tage Vaterschaftsurlaub, d.h. wir können die Stadt unsicher machen.“ Als mir der Römer von diesem Vorschlag lachend erzählte, sagte ich nur: „Das ist nicht dein Ernst?!“ Er kringelte sich vor lachen. „Si, si, è vero. Cosi hanno detto!“ [Ja, ja, es ist wahr. So haben sie’s gesagt] Ich verdrehte die Augen (wie so oft in diesen Tagen): „Du hast hoffentlich nein gesagt?!“ fragte ich zurück. „Certo che si! Che faccio? Ti lascio da sola all’ospedale e vado a bere qualcosa con i ragazzi?“ [Natürlich! Was mach ich? Soll ich dich allein im Krankenhaus lassen und mit den Jungs was trinken gehen?]

Ich verstehe, dass Giovannino keinerlei Erfahrung mit Kindern, Babys, schwangeren Partnerinnen oder was auch immer hat. Aber Marco?! Der drei Kinder hat?!

Wie man sieht, ich bin umgeben von einem wunderbaren, invasiven Freundeskreis.

Doch es gibt auch die Goldstücke unter ihnen: Der Eine z.B,, der mir meine Ruhe lässt, der höflich nachfragt, aber nie Grenzen überschreitet. „Du wirst es mir schon sagen, wenn es soweit ist oder du was brauchst.“ Oder auch meine Schwester Ova, die bereits zwei Kinder hat: „Ich würde dir gerne zur Geburt eine Kuchen- und Muffinflatrate schenken. Jede Woche kommt ein neues Paket mit Selbstgebackenem an. Glaub mir, du wirst es brauchen.“ Oder auch Turtle, die sich als Babysitter anbietet und hilft, wo sie kann, wenn sie gebraucht wird.

10 Gedanken zu “Ein invasiver Freundeskreis

  1. Meine Mutter hatte sich bei meiner ersten Geburt auch extra Urlaub genommen. Ich fand die Idee sie dabei zu haben auch gut, bis die Wehen anfingen. In dem Moment hat mein Körper das Kommando gehabt und der wollte NIEMANDEN sehen, außer meinem Mann. Ich habe sie angerufen und Bescheid gesagt. Das muss natürlich bei dir nicht so sein, aber alles was die Geburt und die erste Zeit danach betrifft, ist privat und geht nur die Eltern etwas an. Ist aber nur meine Meinung.
    Ich bin schon ganz gespannt für euch. 🤗
    Wir sehen uns dann vor dem Kreissaal. 😂😂
    LG🌹

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    • Die eigene Mutter könnte ich mir theoretisch und im Notfall auch noch vorstellen, aber der schwule, beste Freund, der Sekt trinkend vor’m Kreissaal warten will? 🥂😏
      Ich geb den Termin noch rechtzeitig bekannt, dass sich Fahrgemeinschaften organisieren können! 😘😄
      LG ❤️

      Gefällt 1 Person

      • Ach super! Ich mach’ am besten eine Liste, wo sich jeder eintragen kann inkl. Lebensmittelunverträglichkeiten und/oder Präferenzen. Für Linsenbolognese (natürlich vegan! 😄) sorgen wir.
        Gute Idee! Die muss ich mir noch in die Kliniktasche packen. 😂😂
        LG ❤️

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  2. Oh je, da ist aber einer überengagiert 😀 Ich finde auch, dass die Entbindung eine Sache zwischen Mutter und Vater ist. Wir waren auch alleine und fanden es gut so. Und die einzigen, die wir sofort informierten, waren unsere Eltern. Und dachten uns „die werden’s schon weitersagen“ 😀

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    • Überengagiert trifft’s gut! 😄 Ganz genau so sehen der Römer und ich das auch, sind damit aber anscheinend in unserem Freundeskreis allein auf weiter Flur. 😄 Genau so wollen wir es auch machen. Die frisch gebackenen Großeltern werden informiert und “die werden’s schon weitersagen”. 😃

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