Heute koche ich!

Was für Sie klingen mag wie ein einprägsamer Titel eines gelungen Kochblogs (keine Sorge, ich ändere meinen Blognamen nicht schon wieder!), ist in Wahrheit eine Drohung – wenn man dem Römer Glauben schenken darf.

Würde er diesen harmlos scheinenden Satz heute noch einmal hören, er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: „Mamma mia, sempre questa donna!“ [Mamma mia, immer diese Frau!]

Trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis Ihnen die ganze Geschichte von vorne zu erzählen, denn Sie verstehen mich. Da bin ich mir sicher!

Etwas Grundlegendes über mich sollten wir zuerst klären: Ich bin kulinarisch gesehen sehr kreativ. Täglich finden mich neue Kochideen und möchten in die Tat umgesetzt werden. Nur gibt es da ein Problem: Ich bin in der Küche vollkommen talentfrei oder um es mit anderen Worten zu sagen: Mein größter Erfolg ist und bleibt eine pasta fredda – ein italienischer Nudelsalat.

Heute war es wieder soweit: Eine neue Idee fand mich. Wie ich gedankenverloren durch einen italienischen Kochblog stöberte, sah ich es: Mein Rezept! Es trug den melodisch klingenden Namen polpette di melanzane al sugo [Auberginen Frikadellen in Tomatensoße]

Ein kurzer Blick in den Kühlschrank genügte. Es war alles vorhanden. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch. Denn wäre mein kurzer Blick ein langer Blick gewesen, wäre mir sogleich aufgefallen, dass zwei Zutaten fehlten: Eier und Parmesan. Fundamentale Geschmacks- und Konsistenzsäulen in diesem Rezept.

Aber hätte mich diese Lappalie davon abgehalten das Rezept postwendend umzusetzen? Wohl nicht! Denn „Improvisation“ ist mein zweiter Vorname.

So machte ich mich also an die Arbeit.

Schritt 1: Tomatensugo kochen. Dazu benötigt man passierte Tomaten , Zwiebeln, Zucker (ja, das kam mir auch spanisch vor), Salz, Pfeffer und Basilikum.

Hm…die sofortige Zubereitung des Sugos erschien mir nicht sinnvoll. Er würde doch nur herumstehen und damit Platz rauben, der in der eh schon kleinen Küche bereits Mangelware war.

Ich vertagte Schritt 1 auf später.

Dass Gerichte an Geschmack gewinnen, je länger sie köcheln, wusste ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht. So ging ich sehr von mir selbst überzeugt zu Schritt Nummer 2 über.

Schritt 2: Würfeln Sie die Auberginen und geben Sie sie in ein Sieb. Bestreuen Sie sie großzügig mit Salz, damit sie an Flüssigkeit verlieren.

Das erschien mir sinnvoll. Während ich die Auberginen würfelte, tauchte der Römer hinter mir auf. „Madre mia!!! Le dita!!“ [Meine Güte! Die Finger!!] rief er. Ich beobachtete das Messer wie es nur wenige Millimeter neben meinen Fingerkuppen entlang schnitt. „Kein Grund zur Sorge“, sagte ich sehr cool, „ich mache das immer so!“ Der Römer nahm mir das Messer aus der Hand. „Wenn du es immer so machst, dann machst du auch immer etwas falsch. È un miracolo che non è mai successo qualcosa!“ [Es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist] Als er die Auberginen fertig gewürfelt hatte, nahm ich ihm das Messer aus der Hand. „Danke, aber ich komme nun allein zurecht.“ sagte ich sehr schnippisch. Ich platzierte die Würfel in einem Küchensieb und fing an sie mit Salz zu bestreuen. Und während ich so bestreute und meinen Gedanken nachging, hörte ich den Römer schon wieder: „Ma che stai facendo? [Was machst du denn da?] Soviel Salz vertragen die Auberginen doch gar nicht! Und warum das grobe Meersalz?!“ Ich guckte auf die Auberginenwürfel. In meiner Tagträumerei versalzte ich die Auberginen sprichwörtlich. „Viel hilft viel!“ erklärte ich ihm sehr selbstbewusst, doch er wusch bereits die Auberginen um sie von meinem Salzgestöber zu befreien. Er trocknete sie kurz auf einem Küchentuch und streute mit einer geschickten Handbewegung feinkörniges Meersalz auf die Würfel. Gerade soviel, dass sie ins Schwitzen kamen.

Schritt 3: Drücken Sie nun das Wasser leicht aus den Auberginen. Anschließend erhitzen Sie das Öl in einem Topf. Danach frittieren Sie die Auberginenwürfel bis sie goldgelb sind.

Nachdem die Auberginenwürfel ein Teil ihres Wassers ausgeschwitzt hatten und ich sie danach ausdrückte (Sie glauben gar nicht wie viel Wasser in so einem Gemüse ist!) stand die Königsdisziplin an: Das Frittieren.

Während ich das Sonnenblumenöl großzügig in den Topf goß, stand der römische Paul Bocuse schon wieder neben mir. „STOOOP!!“ schrie er plötzlich als der Topf erst halbvoll war. „Jahaaaa“ antwortete ich genervt. „Basta così. [Das reicht so!] Das ist mehr als genug Öl!“ unterwies er mich fachmännisch.

Nach einer Pause fragte er sichtlich erheitert: „Du willst also wirklich frittieren?“ „Ja, so steht’s im Rezept.“ antwortete ich nüchtern und konzentriert. „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Du kannst doch kaum ein Toastbrot unfallfrei zubereiten und jetzt willst du frittieren?“ machte er sich über mich lustig. Ich atmete tief ein. „Arroganter Hamel!“ dachte ich und sagte es auch. Er guckte mich fragend an. Das Wort Hamel fehlte ihm wohl im Wortschatz. „Nichts, nichts.“ säuselte ich. „Weißt du, nur weil DU dich noch nicht an das Thema Frittieren getraut hast, heißt das nicht, dass ich es nicht versuchen kann.“

Der Römer grinste, wünschte mir in bocca al lupo [Viel Glück] und täuschte an zu gehen. Doch er war zu neugierig wie das Experiment enden würde. Deswegen schaffte er es nur bis zum Türrahmen und lehnte nun lässig dagegen.

Ich ließ mich nicht irritieren. Mutig erhitzte ich das Öl, fuhr nochmal mit den Händen durch die Auberginenwürfel und schüttete sie dann alle gleichzeitig in den kleinen Topf. Sie glauben gar nicht wie das spritzt und schäumt!

Aaah!! Porca puttana! [Das übersetzte ich Ihnen besser nicht]“ schrie der Römer.

Mein Gott, kann dieser Mann denn nicht einmal zufrieden sein?

„Schnell, schnell, du brauchst einen Schaumlöffel! Küchenrolle! Einen Teller! Das verbrennt dir doch sofort auf Stufe 9!“ Während ich mich noch suchend nach den gewünschten Utensilien umblickte, hatte er bereits alles im Bruchteil einer Sekunde zusammengesucht, den Temperaturregler auf kleine Flamme gestellt und seihte bereits die goldgelben Auberginenwürfel ab. „Puh! Das war knapp!“ reagierte er sehr gestresst. Ich guckte ihn verdutzt an. „Ging doch nochmal alles gut!“ lächelte ich während ich die goldgelb glänzenden Würfel betrachtete. Der Römer tupfte sich indessen den Schweiß von der Stirn.

Schritt 4: Vermengen Sie die frittierten Auberginenwürfel mit dem geriebenen Parmesan, den Semmelbrösel, dem Ei, den passierten Tomaten und dem Basilikum.

Nichts leichter als das. Während ich versuchte alles zu mischen, fiel es mir auf: Der Römer hatte das letzte Ei heute Mittag gegessen. „Mortacci tua!“ fluchte ich.

Aber ich wäre nicht ich, würde ich nicht exzellent improvisieren können. „Ein bisschen mehr Tomatensoße und es sollte klappen.“ redete ich mir ein. Also ertränkte ich die Auberginenwürfel in eben dieser. Streute eine Packung Semmelbrösel auf die Maße, die nun arg flüssig geworden war und wollte gerade den Basilikum hinzufügen, als ich aus dem Off schon wieder die Stumme des Römers vernehmen konnte: „Ma che cos’è? Stai facendo un insalata?“[Aber was ist das denn? Machst du gerade einen Salat?] fragte er grinsend. Ich räusperte mich, denn soviel Unverschämtheit lässt selbst mich nicht kalt.

Voller Selbstbeherrschung antwortete ich dann: „Nein, amore mio. Diese Pflanze nennt man Basilikum und sie ist Bestandteil der polpette.“ Kaum hatte ich meinen Satz ausgesprochen, drängte er mich bereits zur Seite, entfernte die Basilikumblätter vom Stängel und schnitt sie hauchdünn. „Du kannst doch keinen ganzen Baum in den Teig mischen. Basilikum muss man kleinschneiden, damit es sein Aroma versprüht. Er soll dich am Gaumen kitzeln! Es frischer machen! Luftiger! Es wird doch kein sorbetto al basilico [Basilikum Sorbet]“ erklärte er mir sehr fachmännisch.

„Das wäre ja auch kalt.“ glänzte ich zynisch mit meinem Wissen.

Er überließ mir den Teig. Die ganze aufgestaute Wut auf diesen Besserwisser machte es zu einem regelrechten Kinderspiel diesen Teig zusammenzukneten. Und wie ich knetete! „So ein Klugschei*er! Arroganter Hamel!“ murmelte ich vor mich hin.

Als ich den geriebenen Parmesan hinzufügen wollte, merkte ich, dass er in unserem Kühlschrank nicht zugegen war. Ich verwechselte ihn bei meiner vorherigen Zutatenvisite schlichtweg mit dem Pecorino.

Mehr als ein Schulterzucken rief auch dieses Problem nicht in mir hervor. Ich rieb ihn sehr fein und wollte ihn gerade untermischen, als ich zum wiederholten Male eine Stimme vernahm.

Der Römer – wie sollte es auch anders sein: „Ma è scritto parmeggiano, non pecorino!“ [Aber hier steht Parmesan, nicht Pecorino!] merkte der Römer an, während er auf die Stelle im Rezept deutete. „Ja, ich weiß. Aber ich dachte, ich improvisiere!“ erklärte ich ihm. Einen Teufel werde ich tun und ihm mitteilen, dass ich nicht genau geschaut habe als ich die Zutaten im Kühlschrank kontrolliert habe.

„Improvisieren? Du? Dazu braucht man Erfahrung! Fantasie! Passione [Leidenschaft]!“ neckte er mich. „Hab ich alles und jetzt rutsch zur Seite. Dieses Rezept verlangt nach Pecorino!“ motzte ich und schob ihn aus der Küche.

Schritt 5: Formen Sie Bällchen und platzieren Sie im Inneren einen kleinen Würfel Mozzarella. Danach panieren Sie die Bällchen mit Semmelbrösel.

Das krieg ich hin! Kein Problem. Ich versuchte Bällchen zu formen, doch der Teig klebte zäh zwischen meinen Handflächen. Der Römer kam wieder vorbei, angeblich um ein Fläschchen für Signorino zuzubereiten, und guckte mich belustigt an. „Aqua. Tiepida.“ [Wasser. Lauwarm.] merkte er süffisant im Vorbeigehen an. „Ja, kannst du dir nehmen. Gläser sind im oberen Küchenschrank.“ teilte ich ihm kühl mit. „No! Du sollst deine Hände mit lauwarmen Wasser befeuchten. Dann kannst du die Bällchen besser formen.“ ergänzte er mit seiner arroganten Küchenchef-Art. „Hmpf…“ hmpfte ich. „Geht schon.“

Als er die Küche verlassen hatte, versuchte ich seinen Trick und siehe da: Es klappte wunderbar. Doch gar nicht so doof, dieser Römer.

Schritt 6: Frittieren Sie nun die Bällchen bis sie goldgelb sind.

Das ist einfach. Das habe ich gerade eben schon gemacht.

Doch ich lernte aus meinem Fehler: Ich stellte eine niedrigere Temperatur als vorhin ein! Erst warf ich ein Bällchen in den Topf, dann nochmal 2, dann kam mir ein Gedanke und ich suchte etwas im Küchenschrank. Danach warf ich nochmal 3 Bällchen rein.

Der Römer – diesmal mit einem satten Signorino auf seinem Arm – stand in der Tür. „Was wird das denn wieder?“ fragte er in seinem Besserwisser Ton. „Nichts. Ich werfe Bällchen ins heiße Öl.“ erklärte ich schnippisch. „Si, lo vedo. [Ja, das sehe ich] Aber warum sind manche fast schwarz und andere fast roh?“ fragt er entsetzt. „Ääähm…“ brachte ich hervor.

Ich guckte in den Topf. „Oh!“ entfuhr es mir.

Da hatte ich schon Signorino auf dem Arm und wir wurden gebeten, das Spektakel von weitem zu betrachten. „Per la sicurezza di tutti!“ [Für die Sicherheit aller] hörte ich noch.

Der Römer seihte wieder ab, warf die besonders schwarzen polpette in den Müll und ließ dann die übrigen, noch zu frittierenden Bällchen in das heiße Öl gleiten. „Ist das das Rezept?“ fragte der Römer sehr höflich. „Ja!“ antwortete ich schuldbewusst. Der Römer lächelte mich aufmunternd an und rettete, was noch zu retten war. Signorino hielt mir seine Spielzeug-Raupe vor die Augen und guckte mich erwartungsvoll an. Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich legte Signorino auf seiner Krabbeldecke ab und deckte den Tisch.

Nach 20 Minuten konnten wir essen. Traumhafte, wolkenähnliche polpette alle melanzane dampften auf den Tellern. Es roch himmlisch! Der würzige Sugo unterstrich den vollmundigen Geschmack des Käses.

„Ti piace?“ erkundigte sich der Römer. „Ja! Sehr gut. Ausgezeichnet.“ erklärte ich zufrieden zwischen zwei Bissen. „Hai fatto bene, amore mio. [Das hast du gut gemacht, mein Schatz] Der Pecorino war eine super Idee.“ lobte der Römer mich. Ich errötete, wusste ich doch, dass er die meiste Zeit meine Fehler ausgebügelt hatte und wir nur deswegen diese traumhaften Frikadellen genießen konnte. „Ma la prossima volta, che dici, proviamo una ricetta insieme?“ [Aber nächstes Mal, was meinst du, probieren wir ein Rezept zusammenzukochen?] wendete er sich ganz scheinheilig an mich. „Okay.“ knickte ich ein. „Aber ich suche es aus!“

Er lächelte und küsste mich auf die Backe. „D’accordo. Ma niente fritto!“ [Einverstanden! Aber nichts Frittiertes!]

Wie der Römer und ich uns kennen lernten (Teil 2)

Tadaaaa! Da ist er: Der überarbeitete Teil 2 unserer Kennenlern-Geschichte.

Sie haben den großen Vorteil, dass Sie nicht Jahre mitfiebern müssen (sowie der David Hasselhoff des Nordens: christophrox), was denn nun zwischen uns ist. Sie können das Endergebnis bewundern: Ich heiratete am Römer den Römer und wir haben letzten Dezember einen Signorino bekommen.

Genießen Sie Teil 2: [klick]

Umbauarbeiten

Wundern Sie sich nicht: Sie sind immer noch auf der richtigen Seite!

Aus La Deutsche Farniente wird zwischen Tiber und Taunus oder um es mit anderen Worten zu sagen: Ich brauchte schlichtweg einen Tapetenwechsel.

Nun also: http://www.zwischentiberundtaunus.com

Machen Sie’s sich gemütlich, schauen Sie sich um und ärgern Sie sich bitte nicht über meine Umbauarbeiten! Auch der schönste Umbau findet ein Ende und danach haben wir es ganz muggelig. Versprochen!

Wünsche ohne Barrieren

Da prangt sie also an unserem Kühlschrank – die 5-Zimmer Wohnung in der Via Dandolo in Rom. Wer sich durch die engen Gassen Trasteveres als Tourist durchgeschlagen hat, kommt selten in diese Ecke des Viertels. Große, mediterran eingefärbte Hausfassaden hinter hohen Mauern, keine touristische Attraktion weit und breit und doch: Für den Römer und mich ist es eine der schönsten Straßen Roms.

Sie werden sich fragen, was die Annonce dieser Wohnung an unserem Kühlschrank zu suchen hat.

Das möchte ich Ihnen gerne erklären: Die liebe Jeanette (ein großes Danke an dieser Stelle!) hat mich auf den -für mich- richtigen Podcast gestoßen, der mich inspiriert und meine Gedanken in klareren Bahnen fließen lässt.

Ganz am Anfang des Podcasts, in einer der ersten Folgen, geht es unter anderem um die Frage: „Wo siehst du dich in 3 Jahren, wenn es keine gedanklichen Barrieren gibt?“ Meine Antwort war schnell gefunden: „Die ganze Familie Farniente wohnt in Rom – und ich schreibe über die ewige Stadt und ihre Bewohner.“ Das wäre mein Wunsch – aus tiefstem Herzen.

Später an diesem Tag fragte ich den Römer eben diese Frage, die ich mir selbst gestellt habe: „Wo siehst du dich in 3 Jahren ohne gedankliche Barrieren? Das Unmögliche bleibt außen vor!“

Er stammelte etwas herum, wand sich und wollte sich in seinen „Unmöglichkeiten“ verfangen wie ein zappelnder Fisch am Hafen von Anzio. „Keine Barrieren!“ betonte ich noch einmal. Er atmete tief durch, schloss die Augen, hielt einen Moment inne und sagte: „Va bene! Telo dico?“ [Gut! Soll ich’s dir sagen?] Ungeduldig wie ich bin, erwiderte ich nur ein „sarebbe ora“. [Es wäre an der Zeit!]

„Oooookay…“ begann der Römer erneut. „Allora….“

Ich platzte fast vor Ungeduld und spielte nervös an meinem Ehering herum, bereit ihn in den tiefen der Espressotasse zu entsorgen, wenn er nicht bald seine Version des perfekten Lebens vor mir ausbreitete.

„Ich…also wir…wohnen in Rom. Testaccio, Trastevere, Centro Storico, das wäre mir egal. Riguardo al lavoro [Hinsichtlich der Arbeit]….hm…telo dico veramente?“ [Soll ich’s dir wirklich sagen?]

Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn! Jede buddhistische Weisheit ist hinfällig mit ihm und seinem Spannungsaufbau! Ich versuchte mich an das „Ertragen des Leidens“ zu erinnern und ertrug dieses Leid mit tiefen, fast schon Wehen veratmenden Atemzügen voller Ungeduld. Einatmen….3…4…5…Ausatmen…6…7…8. Spätestens in diesem Augenblick beglückwünschte ich mich zu dem damaligen Geburtsvorbereitungskurs.

„Bitte, ja.“ antwortete ich – ganz konzentriert auf meine Atmung.

„Okaaaaay… allora…“ [Okaaaaay…also….] fing er wieder an.

„NUN SPUCK’S ENDLICH AUS!“ schoss es aus mir heraus. „Huch! Woher kam das denn?“ fragte ich mich in Gedanken und lächelte den Römer entschuldigend an. Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der Befreiung in mir breit. Dennoch: Ich habe wohl noch einen sehr langen, buddhistischen Weg vor mir.

„Scusa, allora, io vorrei lavorare come professore a una delle università di Roma. [Entschuldige, also, ich würde gerne als Professor an einer der römischen Universitäten arbeiten.]“ fing er an. „Teilzeit wäre super. Gleichzeitig habe ich meine eigene Praxis in Rom. Aber es ist unwahrscheinlich, dass ich jemals in Rom als Professor arbeiten kann. Ich bin kein richtiger Italiener und ich….“ versuchte er sich schon wieder zu limitieren. „Na, na, na! Es geht nur darum zu definieren, wo du hin willst. Der Rest kommt dann nach und nach.“ unterbrach ich ihn.

Nach einer kurzen Pause, setzte ich wieder an. „Wie schön, dass wir zur gleichen Destination wollen.“ Ich grinste. „Und noch schöner, dass wir darüber offen reden konnten.“

„Wie meinst du das?“ fragte der Römer irritiert. „Na ja, du willst nach Rom, ich will nach Rom. Das kann kein Zufall sein.“ begründete ich meine Aussage.

Wenig später fand man uns vor dem Computer, nach Traumhäusern suchen. Spontan verliebten wir uns beide in das Anwesen in der Via Dandolo. Ich druckte es aus, strich den utopischen Preis mit einem dicken Filzstift durch und hing es an den Kühlschrank. Dem überraschten Römer erklärte ich: „Man muss seine Ziele fest im Blick haben. So auch unser Haus. Vielleicht klappt es nicht in drei Jahren, vielleicht auch nicht in fünf, aber früher oder später wird alles so, wie wir es uns ausgemalt haben. Energie fließt in die Richtung, in die deine Gedanken gehen.“ kommentierte ich meine Idee. „Inshallah.“ antwortet er und grinst. „Genau, inshallah!“ antwortete ich und umarmte ihn.

Vor’m Herrgott sind wir alle gleich

[Der Text hat viele bayerische Sätze – wer sich nicht durch die bayerische Version quälen will, was ich Ihnen dennoch ans Herz lege, findet die bereinigte, hochdeutsche Version am Ende des Textes – einfach runterscrollen]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande. Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien kam und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lossn Sie Ihr Enkelin mit de Türken spuin?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, genns (das sagte mein Opa immer), kümmern’s erna um Ihren Dreck!“ antwortete er. „I woits ja nua song. Net dass hinterher dann Probleme mit dena Türken gibt!“ antwortete Herr Mayerhofer. „Genns, schleichans earna! Und putzens lieba des Treppenhaus. De Woch san Sie droh!“ gab mein Opa zurück.

Später, in Opas Wohnung, bei Pichelsteiner und Brezen, fragte ich meinen Opa: Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub und auch in Deutschland habe ich bis zum damaligen Zeitpunkt noch nie Bayern verlassen. „Des san Menschn von am andern Land, der Türkei. Und die wohnan jetzt hier mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. Ohne lange nachdenken zu müssen antwortete mein Opa: „Es gibt koan! Mir san olle vom Herrgott gmacht worrn. Loss dir nix erzähln von dem oiden Mayerhofer. Des is a Brauner!“ fügte er an. „Was ist ein Brauner?“ hakte ich nach. „Des san Menschen, die dir einredn woin, dass’s an Unterschied zwischen uns gibt. Des machan die desweng, damits de andern schlechter geht ois eana. Aber I sogs nomoi: Es gibt koan Unterschied zwischen uns olln. Am jüngsten Tag san ma alle gleich. Und dann lacht der Herrgott den Herrn Mayerhofer aus für so an Schmarrn. Und a Watschn kassiert er ah. Do bin I mir sicha! Woast, Mausal, du konnst song: Da Hans is a recht a Depp, weil er den Maibaum alloa klaun woit! Aber du konnst net song: Da Abdul is a rechter Depp, weil er net do geboren ist. Wichtig is, dass du dene Leid sogst, die so a Meinung hom, dass die olle Deppen san. Wenn’s mehra von dene gebn hätt, die amal wos gsagt hätten, damals, dann war der zwoate Weltkrieg und ois wos do passiert ist, net gwesen. Und des wär a feine Sach gworrn.“ Zufrieden mit seiner Erklärung schlürften wir ruhig unseren Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Opa sagt, braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt auch, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Watschn vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein sehr schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vorm Herrgott san mir olle gleich! Und wer anders denkt, der kriegt a Watschn!“

[Hochdeutsche Version]

Damals im Kindergarten gab es eine sehr beeindruckende Girlande.Eine Menschen- oder vielmehr Kinder-Kette, die Kinder aus allen möglichen Ländern zeigte. Sie hielten sich an den Händen und die Girlande hing im Eingangsbereich unseres Gruppenzimmers.

Damals wusste ich noch recht wenig von der Welt, aber wahrscheinlich verstand ich mehr als heute. Ich wusste nicht, dass Menschen in Kategorien eingeteilt werden aufgrund ihres Aussehens, der Ethnie, ihrer Sprache, ihres Kleidungsstils oder ihres Wohlstandes und dass man sie -je nachdem- besser oder schlechter behandelte. Ich spielte im Kindergarten am liebsten mit Laura, die sehr nett war und zwei blonde Zöpfe hatte und Angelo, der zwar gerade erst aus Italien und dementsprechend wenig Deutsch sprach, aber ein super Puppenvater war.

Meistens holte mich mein Opa vom Kindergarten ab, da meine Eltern noch im Büro waren. Recht genau kann ich mich an den Kommentar eines Nachbarns meines Opas erinnern. „Lassen Sie ihre Enkelin mit den Türken spielen?“ fragte er meinen Opa während ich mit Abdul im Sandkasten spielte. „Herr Mayerhofer, ach kommen Sie, kümmern Sie sich um Ihren Dreck!“ antwortete er. „Ich wollte es nur anmerken. Nicht, dass es danach Probleme mit diesen Türken gibt.“ antwortete Herr Mayerhofer. „Los, gehen Sie! Und putzen Sie lieber das Treppenhaus. Diese Woche sind Sie dran!“ gab er zurück.

Später im Haus, bei Pichelsteiner (ein bayerischer Eintopf) und Brezeln, fragte ich meinen Opa: „Opa, was sind Türken?“ Ich war 5 Jahre alt. Für mich gab es keine Nationalitäten. Wir waren noch nie außerhalb Deutschlands im Urlaub, geschweige denn, außerhalb Bayerns. „Das sind Menschen aus einem anderen Land, der Türkei. Und sie wohnen jetzt hier zusammen mit uns.“ erklärte er. „Hm…“ sagte ich und schlürfte meinen Eintopf. „Und was ist der Unterschied zwischen denen und mir?“ löcherte ich ihn weiter. „Es gibt keinen. Wir sind alle von Gott erschaffen worden. Lass dir nichts vom alten Mayerhofer einreden. Er ist ein Nazi!“ fügte er an. „Was ist ein Nazi?“ hakte ich nach. „Das sind Menschen, die dir einreden wollen, dass es einen Unterschied zwischen uns gibt. Das machen sie, damit es den anderen schlecht geht. Aber ich betone es noch einmal: Es gibt keinen Unterschied zwischen uns allen. Vor dem jüngsten Gericht sind wir alle gleich. Und dann lacht Gott Herrn Mayerhofer aus für so einen Quatsch. Und eine Ohrfeige kassiert er dann auch. Da bin ich mir sicher. Weißt du, Mäuschen, du kannst sagen: Der Hans ist ein Depp, weil er den Maibaum allein klauen wollte. Aber du kannst nicht sagen: Der Abdul ist ein Depp, weil er nicht hier geboren ist. Wichtig ist, dass du den Leuten, die so eine Meinung haben, sagst, dass SIE alle Idioten sind. Wenn es mehrere dieser Leute gegeben hätte, die den Mund aufgemacht hätten, damals, dann wäre der zweite Weltkrieg und alles, was passiert ist, nicht passiert. Und das wäre eine gute Sache gewesen!“ erklärte er mir sehr ernst und schlürfte dann ruhig seinen Eintopf weiter.

Als meine Mama mich abholen kam und im Auto fragte, was Opa und ich gemacht haben, fasste ich es für sie zusammen: „Braun tragen Nazis und Nazis sind schlecht. Die wollen nämlich, dass wir komisch von anderen Menschen wie dem Abdul denken und Unterschiede machen. Aber Opa sagt, der Herrgott macht keinen Unterschied zwischen uns. Und wer doch einen Unterschied macht, kriegt eine Ohrfeige vom Herrgott. Wichtig ist, immer was zu sagen, wenn jemand so eine Meinung wie der Herr Mayerhofer hat, weil sonst gibt es Krieg. Und es wäre eine schöne Sache, wenn es keinen Krieg mehr gibt.“

Meine Mutter lächelte und sagte: „Da hat Opa dir aber was tolles beigebracht. Halt dich immer schön daran, denn Opa ist ein schlauer Mann!“

Wissen Sie, auch mir will mein Gehirn ab und zu einen Streich spielen. Es will in einem unbeobachteten Moment Menschen in die Länder-Klischee-Kiste stecken. Imaginär hau ich mir auf die Finger und denke an den Satz meines Opas: „Vor Gott sind wir alle gleich! Und wer eine andere Meinung hat, kriegt eine Ohrfeige.“

Römische Verjüngungskur

Der Römer steht kurz vor dem kompletten Verfall. Zumindest möchte man das meinen, wenn man ihn in letzter Zeit beobachtet.

„Es ist 5 vor 12 Uhr!!“ merkt er nervös an und huscht an mir vorbei ins Badezimmer. Ich gucke auf die Uhr. 19:07 Uhr – die Uhrzeit kann er schon mal nicht meinen. „Wie meinst du das?“ frage ich durch die geschlossene Badezimmer Tür. Er öffnet mit nassem Gesicht. Der milde Reinigungsschaum schmückt seine rechte Hand.

„Ich muss mich um mein Gesicht kümmern. Jahrelang, eigentlich seit jeher, habe ich es vernachlässigt. Ma ultimamente al lavoro [Aber letztens in der Arbeit], hat mich jemand auf 40 Jahre geschätzt. 40 anni!!! [40 Jahre!!!]“ erzählt er mir empört während er den Schaum in kreisenden Bewegungen auf seinem Gesicht verteilt. „Ähm…amore? Du BIST 40.“ gebe ich zögerlich zurück und bereue die Feststellung im selben Augenblick. Er atmet tief aus, was sich ziemlich lustig anhört, weil er gerade den Reinigungsschaum von seinem Gesicht wäscht. Nachdem er mit dem Prozedere fertig ist, holt er tief Luft und sagt: „Laut Geburtsurkunde, ja. Ma devo sembrare come un quarantenne?[Aber muss ich so aussehen wie ein 40jähriger?]“

Er tupft sein Gesicht vorsichtig mit einem kleinen Handtuch trocken. „Amore?“ frage ich wieder. „Dimmi!“ [Sprich!] sagt er nun schon etwas genervter. „Warum tupfst du dein Gesicht ab?“ hake ich sichtlich irritiert nach. „Ma non lo sai?“ [Aber weißt du das nicht?] gibt er erstaunt zurück. Das Gesichtswasser hat er bereits in der rechten Hand. „Wer sein Gesicht abrubbelt, der produziert automatisch noch mehr Falten. Rughe!! Capisci! [Falten! Verstehst du!] Sanft abtupfen ist die einzige Möglichkeit um dich davor zu bewahren.“ erklärt er mir mit ernster Stimme. Ich grinse, nicke und denke mir den Rest.

Als er nach weiteren 25 Minuten fertig ist, spreche ich ihn auf eine seltsame Zahlung an, die ich auf der Kreditkartenabrechnung bemerkt habe. „Amore, hast du etwas für 200 Euro gekauft? Dr.Ti? Was soll das denn sein?“ befrage ich ihn interessiert. „Aaaaach das! Ein Gesichtsserum. Retinol! DAS Zaubermittel. Es lässt dich um Jahre jünger erscheinen. Dazu der Dermaroller – sarà una revoluzione! [Das wird eine Revolution]“ offenbart er mir. „Okay…aber 200 Euro?“ antworte ich nun schon etwas harscher. „Ma cheeee! [Aber was!!] Wie oft gibst du 200 Euro aus? Ich werde doch wohl 200 Euro in mich investieren dürfen. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich mich gehen lassen würde? Ti piacerebbe? [Würde dir das gefallen?] Non credo! [Ich glaube nicht!] Allora![Also!]“ redet er sich in Rage. „Aber warum benutzt du denn keine koreanischen Produkte? Die sind viel günstiger und der koreanische Markt ist um Jahrzehnte weiter als der europäische!“ informiere ich ihn. „Davvero?“ [Wirklich?] Der Römer ist ganz Ohr. „Ja, ja… die Koreaner..“ will ich fortfahren – da war er schon abgerauscht.

Den restlichen Abend verbrachte er, recherchierend, am Laptop. Er machte sich Notizen und war ganz in die Materie vertieft. Ich vermutete, dass er sich um ein Projekt für die Universität kümmert – doch weit gefehlt. „Okay! Ich bin nun top informiert. Mehrmals habe ich nun Zollgebühren und Mehrwertsteuer Sätze berechnet. Ich würde auch nur auf 240 Euro kommen, was günstig ist, wenn man bedenkt, dass ich ein 9-in-1 Serum, Gesichtswasser, eine Haferkleie Maske, eine Tonerde Maske, einen Sonnenschutz 50+ fürs Gesicht, eine lebensverändernde Essenz, eine revolutionäre Tagescreme, eine aufpolsternde Augencreme, ein Straffungsfluid und einen Porenverkleinerungsbalsam bekomme. ABER – und hier kommt das große ABER: In diesen schrecklichen Zeiten braucht die Post vier bis 6 Wochen bis sie das Paket aus Korea liefert. Fra quattro e sei settimane!! [Zwischen vier bis 6 Wochen] Weißt du wie alt ich bis dahin ausschauen werde? Die Leute werden von mir denken, dass ich schon 41 Jahre alt bin. Per favore, chiedo il tuo aiuto! E‘ urgente! [Bitte, ich brauche deine Hilfe! Es ist dringend!]“ redet er sehr schnell und sehr aufgeregt auf mich ein. Die Lage scheint ernst zu sein – für ihn – und für unser Sparkonto.

„Mo-mo-mo-mo-ment! 240 Euro?“ gebe ich zurück. „Si, si, ma questo non e‘ il problema. Il problema e‘ il tempo.“ [Ja, ja, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Zeit.] führt er schnell aus. „Fliegt einer deiner Kollegen in nächster Zeit nach Korea? Es ist ein Notfall!“

„Ja, der Andere. Aber er hat sicher keine Zeit, für mehrere hundert Euro Anti-Aging Produkte zu kaufen. Ich glaube, dir brennt das Hütchen, amore mio!“ mache ich ihm nun sehr eindeutig klar.

„E‘ tanto?“ fragt er verdutzt und scheint anscheinend langsam zur Besinnung zu kommen. „Das fragst du noch? Aber ja!!! Das ist extrem viel.“ herrsche ich ihn an. Er guckt mich niedergeschlagen an. „So komme ich nicht weiter.“ denke ich und versuche es über einen anderen Weg: „Doch glaub mir, amore mio, allein durch dein Retinol Serum siehst du aus wie Anfang 30. Du hast die koreanischen Produkte doch gar nicht nötig! Und wenn es ganz schlimm werden sollte, dann verspreche ich dir, dass ich jemanden finde, der dir all diese Dinge mitbringt.“ Sein Blick erhellt sich. „Hm… hast du den Eindruck, dass das Serum schon wirkt?“ fragt er aufgeregt nach. „Aber ja!!!! Hundertprozentig. Du siehst sicher fünf Jahre jünger aus.“ lobe ich überschwänglich. „Wenn ich dein Alter nicht kennen würde, ich würde dich auf junge 35 Jahre schätzen.“

„Grazie! Ho pensato oppure io ma non ero sicuro!“ [Danke! Ich habe das auch gedacht, aber ich war mir nicht sicher] bedankt er sich überglücklich. „Und du bist dir sicher, dass ich nicht einmal das 9-in-1 Serum testen sollte?“ hakt er noch einmal nach. „Also, wenn du unbedingt möchtest, frage ich gerne den Anderen, ob er dir das mitbringt. Aber du hast es definitiv nicht nötig!“ erwidere ich. Er denkt kurz nach, scheint mir aber nicht vollkommen zu vertrauen und sagt: „Dennoch…könntest du den Anderen fragen? Außerdem dachte ich noch an die Haferkleie Maske und die Essenz….“ versucht er es weiter. „AMORE!!!“ gebe ich scharf zurück. Er guckt mich kleinlaut an. „Okay….also nur das Serum. Ich hab’s verstanden…“ knickt er ein. „Ich mach mir noch eine schnelle Reiskleie Maske und dann geh ich ins Bett.“ erwähnt er, schon halb aus der Tür. „Na dann…buona notte!“ [Gute Nacht] gebe ich lachend zurück.

Mit dem Römer wird es einem nie langweilig. Ganz sicher nicht.

Reisen – damals und heute

Während ich das Kokosöl in meinem Mund hin- und herschiebe (probieren Sie Ölziehen einmal aus – das ist klasse!), denke ich nach.

„Schlafsack, zwei Schlafanzüge, Nestchen.“ kritzel ich auf meinen Zettel. Wann wurde Reisen eigentlich so kompliziert? Früher – genau vor einem Jahr – reichte mir ein Handgepäckskoffer zum Verreisen. Drei Tage – arbeitend – und es war nicht mehr als ein Rock, zwei Blusen, zwei Strumpfhosen, ein Halstuch (als Wechselklamotten der Uniform), eine klein zusammenfaltbare Daunenjacke, ein Schal, eine Hose, ein Rollkragenpulli, Unterwäsche, Kosmetiktasche, Schuhe, Mütze, Handschuhe, Socken. Fertig!

„7 Hosen, 3 Lätzchen, 7 Oberteile – wenn die Milch wieder rückwärts fließt.“ schreibe ich weiter. Wie schön war es damals, morgens ganz allein im Hotelzimmer zu sitzen und den ersten Kaffee zu genießen. Ganz in Ruhe im Kingsize Bett – nur ich und das Surren der Klimaanlage. Kein Geschrei, kein „Amoooooore, wo ist nochmal…?“. Das Bad war nie besetzt, denn es war mein Bad – wenn auch nur für eine Nacht.

„Windeln, Feuchttücher, Rescue Tropfen, Fläschchen, Milchpulver.“ krakle ich weiter auf meine Packliste. Hach, die erste Nachricht des Anderen, ob ich auch schon wach sei und wir gleich frühstücken wollen. Ich las sie während im Hintergrund eine amerikanische Morningshow über den Bildschirm flimmerte. Auf meinem großen und fluffig weichen Bett thronte ich wie die Königin New Yorks, würde es denn eine geben. „7 Uhr? Ich trinke noch meinen ersten Plörri (so schmeckt für uns amerikanischer Filterkaffee – wie Plörre!) Kaffee zu Ende. Dann fix duschen und ab zu Le Pain Quotidien?“ fragte ich. „Passt! Unten in der Lobby?“ kam kurz zurück. Ich schickte das „Daumen-hoch“ Zeichen und begab mich in die Dusche.

„Overall, Sonnenhut, Mütze, Nasentropfen,…“ führe ich weiter auf meiner Liste auf. Unten in der Lobby angekommen gab es eine riesige Umarmung für den Anderen. „Die Broadway Show war gestern genial. Ich hab den ganzen Morgen lang – also ab 5 Uhr – die Playlist auf und ab gehört.“ There’s a lot of favors // I’m prepared to do // You do one for Mama // She’ll do one for you.“ stimmte ich an. Die Zeilen hingen immer noch in meinem Kopf fest. Ich hakte mich bei ihm unter und wir schritten ins kalte New York hinaus.

„Mulltücher, Windelcreme, Mandelöl, Babyspüli…“ notiere ich weiter. Mir gefroren die Gesichtszüge. Der kalte New Yorker Wind blies mir ins Gesicht und ich wickelte den Schal noch ein weiteres Mal um meinen Hals. „Diesmal esse ich aber auf alle Fälle noch ein Schneeball-Gebäck – mit Sahne! Dann lieber keinen Cappuccino als dass ich nochmal diesem Gebäck nachtrauern muss.“ sagte ich zum Anderen und er lachte laut. Kältewölkchen kamen aus seinem Mund. „Ich nehme was für die schlanke Linie! Irgendein Chiasamen Gedöns.“ antwortete er mir und strich über seinen Bauch. „Als ob! Das sagst du JEDES MAL.“ gab ich sichtlich belustigt zurück.

„Söckchen – mindestens 7 Paar – er pinkelt sie ja öftermal an – Schnuller!! – Schnullerketter – Stoffdrache“ vermerke ich. Angekommen im Café warteten wir artig bei dem hübschen Schild „Please wait to be seated.“ Wir sind die einzigen Gäste. „Setzen Sie sich ruhig irgendwohin. Es ist noch nichts los. Ich bin gleich bei Ihnen.“ flötete die Kellnerin mit einem hübschen New Yorker Akzent. Wir lächelten und setzten uns. Als sie bei uns war, bestellten wir. Chiasamen Müsli wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wurde es Avocado Toast mit Lachs und Ei.

„Beißring, Wechselklamotten, Kuscheltuch, Fieberzäpfchen…“ schreibe ich weiter. Wir aßen und unterhielten uns über Gott und die Welt. „Gehen wir gleich noch über die Brooklyn Bridge?“ fragte der Andere. „Aber klar doch! Bei 0 Grad und Eiswind mach‘ ich das am liebsten.“ gab ich zurück. Wir bezahlten, packten unsere Sachen und gingen tatsächlich über die Brooklyn Bridge. Es war eiskalt und ich spürte meine Oberschenkel zeitweise nicht mehr. „Wann ist eigentlich Pickup? (Abholzeit)“ hakte ich beim Anderen nach. „In drei Stunden.“ gähnte er. „Ich leg mich aber vorher nochmal hin. Sonst schaff ich die Nacht nicht.“ ergänzt er noch schnell. „Ich fürchte du hast keine Wahl. Wie viele Gäste habt ihr in der First Class?“ erkundigte ich mich bei ihm. „Voll!! Acht Leute!“ stöhnte der Andere. „Wow! Ganze acht!“ ärgerte ich ihn. Er knuffte mich in die Seite. „Davon kannst du in der Economy ja nur träumen.“ konterte er geschickt. „Ich bin eben eine Eco Stuse. Was soll ich machen?“ zwinkerte ich ihm zu.

„Wickeltasche, warmes Wasser, Thermoskanne, Schnulleretui.“ komplettiere ich meine Liste. „Hast du den Co Piloten gesehen? Der hat ja mal 100% was mit der Ollen aus der Business!“ lästerte der Andere. „Echt? Ich dachte, der wäre mit der Kollegin aus der First zusammen.“ ging ich darauf ein. „Ja! Auch!!!“ lachte der Andere. Wir gingen ein Stück schweigend nebenher und genoßen die letzten Meter bis zum Hotel. „Sagst du mir Bescheid, wenn du gleich runter in die Lobby fährst? Ich mag nicht mit den anderen warten. Die Kabinenchefin labert mir immer ein Ohr ab – Indien hier, Ayurveda da, Yoga dort. Ich hab doch nur einmal gesagt, dass ich einen Yoga Anfängerkurs mache. Meeeein Gott!“ bat ich den Anderen. „Aber klar doch! Schreib mir einfach kurz vorher.“ antwortete er. „Du bist der Beste!“ gab ich zurück. „Ich weiß!“ konterte der Andere zwinkernd.

Es ist anders zu verreisen – und sei es nur nach München. An tausend Dinge muss man denken. Signorino ist zu bespaßen und – bei dem morgendlichen Flug – auch der Römer, damit die Laune nicht ins Unermessliche sinkt. Ich vermisse meine Auszeiten vom Alltag (alias Arbeit), aber gleichzeitig genieße ich es, jede Nacht neben dem Römer und Signorino einzuschlafen. Ich genieße unsere Frühstückszeiten zusammen, unseren Tagesrhythmus, unsere kleinen Rituale. Doch irgendwann wird sich Mutti wieder in die Lüfte schwingen. Bis dahin bleibt mir die Erinnerung( und die Hoffnung, dass ich das bald wieder tun darf)!

5 Glücksmomente des Tages

Heute habe auch ich einen Artikel über das aktuellste Thema geschrieben. Aber dieser braucht eine Bühne. Und die hätte er in diesen Tagen nicht. Ich publiziere ihn dennoch zeitnah, versprochen.

Kennen Sie Tage, an denen Sie resigniert die Nachrichten-Apps schließen? Soziale Netzwerke ignorieren Sie und Sie hadern vielleicht an der Entscheidung, jemals ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben?

Heute ist so ein Tag. All die Nachrichten, der Hass zwischen den Ethnien, die Politik, die sich die Schuld hin- und herschiebt, die Gewalt, die Brutalität. Heute halte ich Sie nicht aus. Nicht weil ich die Augen davor verschließen möchte, sondern weil es mich betroffen macht, dass wir so mit uns umgehen, aufgrund der Pigmentierung der Haut. Würde ein Hund mit einem rötlichen Fell jemals einen Hund mit einem braunen Fell so behandeln? Ein blödes Beispiel, entschuldigen Sie. Aber ich denke an die Tierwelt. Würde eine Gruppe grüner Meeresschildkröten eine Suppenschildkröte benachteiligen? Ach, Sie sehen, heute bringe ich nichts zustande.

Deswegen möchte ich heute über ein lapidares Thema reden. Über meine fünf Glücksmomente des Tages:

  1. Ich bin heute neben meinem Sohn aufgewacht, der zur frühen Stunde schon sehr viel zu erzahlen hatte. Also brabbelte er und seine kleine Hand versuchte mich zu wecken. Mein Gesicht neben seinem wurde eifrig (und gewaltsam) betastet. Er entdeckte Ohr- und Nasenlöcher und wollte diese um 5 Uhr morgens testen. Ich bevorzugte ihm eine Milch zu machen und er war von meinem Angebot begeistert. So begeistert, dass er beim anschließenden Windelnwechseln gleich wieder einschlief. Bis 9:30 Uhr.
  2. Der Römer brachte heute Früchte vom Lieblingsfruchthändler mit. Die süßesten Erdbeeren, die knackigsten Bergpfirsiche, die prallsten Kirschen. Der Sommer bringt die tollsten Früchte hervor.
  3. Wir spazierten heute Abend am Main entlang, wie fast jeden Abend. Signorino in der Trage, der immer einen Arm raushängen lassen muss beim Fahren Getragen werden. Der Römer noch leicht hinkend, weil er doch keine 20 mehr ist und sich einen Muskelfaserriss zugezogen hat. So bummelten wir am Main entlang, die Sonne stand schon tief und es war sehr angenehm warm. Der Sommer ist fantastisch.
  4. Heute Morgen ist des Römers Neffenkind (also das Kind seines Neffen) geboren. Ein wunderschöner Bub, der der neue Spielgefährte von Signorino wird. Wir sind sehr glücklich, dass es Mama und Baby gut geht und das ein kleiner, neuer Erdenbürger diese Welt bevölkert. Sobald man reisen kann, sind wir nach Albanien unterwegs. Denn niemand dort kennt Signorino. Oma und Opa können es kaum noch erwarten und heulen via Videotelefonie meist Rotz und Wasser, dass ihr „zemra“ (Herz) so weit wegwohnt.
  5. Das mag jetzt etwas ungewöhnlich klingen, aber ich bin dankbar, dass Frau Dr. Merkel, eine Wissenschaftlerin, unsere Bundeskanzlerin ist. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern beruhigt es mich ungemein, dass sie keine Testosteron gesteuerte Person mit einem mühsam erworbenen Bachelor in Wirtschaft ist.