Interview mit meinem Vater

Viel zu oft habe ich den Beitrag neu angefangen. Erst suchte ich nach Zitaten. Aber keines wollte so richtig passen. Dann hatte ich unzählige, andere Ideen – doch keine wurde dem Thema gerecht. Nach langem Grübeln beschloss ich: Mein Projekt liegt mir so am Herzen, dass es keiner Einleitung bedarf.

Ich habe angefangen meinen Vater – meinen wunderbaren, weisen, lebensklugen Vater – zu interviewen. Auch wenn die Krankheit, Demenz, bis jetzt nur seine Sprachfähigkeit und seinen Bewegungsapparat angegriffen hat, so habe ich dennoch Angst, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, in dem sie seine Erinnerung und besonders seine Persönlichkeit angreift. Die Angst ist leider begründet. Aufgrund der Krankheit mag dieser Tag schneller kommen als bei manch anderem.

Doch dann bin ich vorbereitet. Denn bis dahin haben wir einen Schatz von unbezahlbarem Wert erschaffen: Unsere Interviews.

Es war vor ein paar Wochen. Ich zermarterte mir den Kopf wie ich seine Weisheiten und seine Lebenserfahrung konservieren kann. Und aus dem nichts kam die Frage „Wie gut kennst du deinen Vater eigentlich?“ auf. Ich nenne ihn „Papa“ und weiß schemenhaft seine Vorgeschichte. Aber was weiß ich tatsächlich über ihn als Mensch – nicht als Papa. Wenig bis gar nichts. Die Antwort mag kaum überraschen, doch macht sie gleichsam traurig, wenn man weiß, dass die Zeit drängt.

Wie schnell kann man seinen Vater richtig gut kennen lernen?

Ich werde es für Sie herausfinden, denn noch kann ich all meine Fragen stellen, per Email, denn sprechen ist ihm unangenehm, weil nicht mehr alle Worte so herauskommen wie er sie losschickt.

Ebenso schnell wie ich den Entschluss zu diesem Projekt getroffen habe, kam seine positive Antwort zurück. Er versprach mir, meine Fragen so gut wie möglich zu beantworten.

Seine Zusage stellte mich vor eine neue Herausforderung: Was fragt man denn nun seinen Vater? Mit welcher Frage fängt man an? Mit den hochtragenden? Und wenn ja, wie würden diese aussehen?

Ich fing mit der, mir am einfachsten und gleichzeitig am schwierigsten scheinenden Frage an und schrieb:

„Lieber Papa, was sind und waren bis jetzt die wichtigsten Werte für dich im Leben? Und warum findest du diese Werte so wichtig? Und: Welche Werte wolltest du uns vermitteln? Liebe Grüße, deine Tochter“

Seine Antwort lies nicht lange auf sich warten:

„Liebe Tochter, die Antwort hört sich einfach an, ist aber schwierig in die Tat umzusetzen: Loyalität! Auch wenn es manchmal schwer fällt. Ich weiß, dieser Wert zählt heute wenig. Dennoch, ich habe ihn von meinen Eltern vermittelt bekommen und ich halte ihn bis heute für meinen wichtigsten Wert. Nur wer wahre Loyalität in seinem Leben erfahren hat, weiß um deren Bedeutung und ihrem Wert. Sei zuallererst dir selbst gegenüber loyal. Verkaufe nicht deine Meinung und deine Ansichten. Stehe zu deinem Wort und halte es. Verspreche dir nichts, was du nicht halten kannst und halte dich auch bei deinen Mitmenschen daran. Eure Erziehung betreffend: Mir war es wichtig, dass ich diesen Wert an euch weitergebe und ich hoffe, es ist mir gelungen. Gruß Papa“

Ich druckte die Email sorgsam aus und heftete sie in einem Ordner ab.

Mittlerweile sind viele Seiten dazugekommen. Mehrmals die Woche schreibe ich ihm eine Frage, die er meist noch am selben Tag beantwortet. Seine Emails sind ein bunter Mix aus gefühlvollen, weisen, lustigen, erstaunlichen, melancholischen, überraschenden und bittersüßen Antworten, die mich immer wieder auf’s Neue begeistern.

Denn am Ende bleibt uns nur die Erinnerung. Und unsere Emails.

10 Gedanken zu “Interview mit meinem Vater

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