It is how it is, nä?

It is how it is, nä?

„Alt sind wir geworden.“ stellt der Eine fest, während wir uns beide in einem mannshohen, rahmenlosen Spiegel im Flur seiner Wohnung betrachten. Zwei fahle Gesichter starren uns neugierig an. Nase und Mund sind bereits mit einer FFP2 Maske bedeckt, die wie ein seltsam anmutender Kaffeefilter in unserem Gesicht thront.

Meine (in Eigenregie) viel zu dunkel gefärbten Haare habe ich mühsam in der hellgrauen Mütze verstaut. Ein paar unbeugsame Strähnen gucken dennoch heraus. Der Rest meiner Haarpracht ist heute früh eilig zu einem Dutt festgezurrt worden. Vor ein paar Jahren war es noch ein eleganter, andalusischer Dutt, der tief im Nacken saß. Heute sieht man, dass die elegante Südspanierin Mutter geworden ist. Alleinerziehende Mama von Vierlingen, wenn man ihrer Frisur Glauben schenken darf.

Auch die Haare meines besten Freundes stellen den Lockdown recht gut dar: Man verwahrlost langsam – aber stetig. Seine Haarpracht ist eindeutig zu lang. Ein Schnitt lässt sich kaum mehr erahnen und um das zu kaschieren benutzte er vermutlich zwei Hände voll Gel, welches nun traurig und schwerfällig in seinen Spitzen hängt und auch nicht so recht weiß, was es da soll.

„Schau mal! Diese Polster unter meinen Augen. Wahnsinn!“ jammere ich und schlinge mir zeitgleich den Schal um den Hals. Dann trete ich noch einen Schritt näher an den Spiegel heran um auch wirklich jedes Detail meines müden Gesichts zu erkennen.

„Lieber ein Polster als diese fiesen, dunklen Augenringe. Guck dir das mal an! Ist das noch kaffeebraun oder schon rabenschwarz? Nicht mal nach dem Neuseeland-Flug sah ich so aus.“ Sein Gesicht ist nun direkt neben meinem, nur wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt.

„It is how it is, nää?!“ äffe ich unsere alte Englischlehrerin, Frau Schlesewitz, nach. Wir lachen beide lauthals, weil wir uns daran erinnern wie wir mit 19 Jahren in der Berufsschule in der Luisenstraße saßen. Er war der Neue in der Klasse. Dazu gehörte selbstredend, dass er sich in der ersten Stunde artig bei seinen neuen Mitschülern vorstellen musste. Danach durfte er sich in die Mittelbank der ersten Reihe setzen. Und dort hatte er nichts besseres zu tun als eine ganze Tafel Schokolade genüsslich zu frühstücken. Nicht etwa hastig, beschämt oder gar heimlich. Nein, nein. Mit großer Leidenschaft und aller Zeit der Welt schob er sich voller Muße Stück um Stück in den Mund. Der Vorgang dauerte zwei Schulstunden, was mich damals wie heute noch in Staunen versetzt. Wie kann ein Mensch nur so langsam eine Tafel Schokolade essen? Und wie kommt ein Schüler damit bei seinen strengen Berufsschullehrern Tag für Tag durch – ohne auch nur einen schiefen Blick zu ernten?

Zur Mittagspause an seinem ersten Tag kamen wir ins Gespräch. Daraus entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Welche Wahl hätte man auch gehabt, wenn jemand einem nach zwei Monaten im Fastfood Restaurant gesteht, dass das Wochenende bei seiner Mutter „nicht so toll war“? Und mit „nicht so toll“ meinte er, dass seine Mutter ihm am Samstag gestanden hat, dass sie noch sechs Monate zu leben hätte. Krebs. Unheilbar. Er hat schon überall gestreut. Sie hat zu lang gewartet.

Mit 19 Jahren, noch grün hinter den Ohren, was antwortet man da schon? Nichts. Man sitzt da, schweigt und legt ihm eine Hand auf die Schulter, die Fingerkuppen noch teilweise vom krümeligen Salz der Pommes bedeckt . Nach einer Weile guckte er mich an und zitierte Frau Schlesewitz: „It is how it is, näää?“ Wir lachten, weil wir nicht wussten wie wir sonst dem Schmerz begegnen sollten.

Doch zurück zum Heute: Mühsam bücke ich mich um meine Schuhe zu binden. Dabei ächze ich wie der alte Golf seiner Mutter, den er meist nur im sechsten Gang fuhr. Fragen Sie mich nicht warum, denn das konnte selbst er mir nicht beantworten. „Jetzt stöööhnst du wieder wie ’ne alte Frau.“, zieht er mich auf, „Soll ich dir in den Mantel helfen oder schaffst du’s allein?“ Ich funkle ihn an. „Du brauchst gerade reden, mein Lieber. Mit deinen grauen Haaren wäre JETZT die Zeit zu „Indian Black Henna“ zu greifen. Nicht damals in der Berufsschule als du „südländischer“ aussehen wolltest. Stattdessen sahst du aus wie ein viel zu braver Buchhalter, der mit allen Mitteln versuchte, in einem Bollywood Film mitspielen zu können.“ Nun funkelt er mich an, denn diese Episode ist ihm heute noch unangenehm.

„Komm, Mutti, wir gehen zum Jaffna Basar* um dir dein Garam Masala zu kaufen.“ keift er und ich hake mich bei ihm ein.

Wir gehen hinaus ins kalte Frankfurt. Bahnhofsviertel. Sein Viertel. Nie wollte er woanders wohnen. Seit einem Jahr ist er stolzer Besitzer seiner Bahnhofsviertel-Schlappen und einer dazu passenden Eigentumswohnung.

Zusammen schlürfen wir die kalte, nasse Straße entlang. Als die Bordelle noch offen hatten, leuchtete hier eine Reklame nach der anderen. Deutlich mehr Leute waren unterwegs. Jetzt kauern nur ein paar, wenige Junkies in den Hauseingängen und versuchen sich vor dem kalten Schneeregen zu schützen. Nach ein paar wenigen, hundert Metern kommen wir an. Wir treten ein: links die Kochbananen, rechts die Schokoriegel.

„Bist du dir sicher, dass wir HIER richtig sind?“ frage ich ihn, denn nach einem Ort, wo ich Garam Masala kaufen kann, sieht es hier nicht aus. „Aber klar doch, wir müssen in den ersten Stock.“ antwortet er mir und schiebt mich vor sich her. „Bist du verrückt! Das ist doch das Lager da oben!“ versuche ich ihn von diesem irren Plan abzuhalten. Doch er schiebt mich weiter Richtung Treppe. Zwei Kassierer sagen etwas auf Hindi. „Guck, selbst die beiden Herren sagen, dass nur das Personal nach oben darf.“ versuche ich einen letzten Versuch. „Mäuschen, das war Hindi, was die beiden geredet haben. Das verstehst du doch gar nicht.“ verspottet er mich und wir kichern wie damals als wir kaum volljährig waren, uns aber schon so erwachsen gefühlt haben.

Oben angekommen eröffnet sich eine neue Welt: Säcke voller Reis jeglichen Typus, Gewürze, Kekse, Tee – eben alles, was man in einem großen, indischen Supermarkt erwarten würde, findet man hier. „Siehste!“ lobt sich der Eine und ich klopfe ihm anerkennend auf den Rücken.

Während ich nach meinem Gewürz suche, liest er alle 845.000 anderen Gewürze vor: „Indian Butter Chicken Masala“, „Biryana Gewürz“, „Biryana Gewürz mit Hühnchen“, „Tandoori Gewürz“, „“Dhaba Curry Gewürz“,…. „Ah, dieses hier ist für Aloo Matar.“ Er seufzt und guckt einen Moment sehr traurig. „Ab und zu, auch nach 10 Jahren, vermiss ich meine Mutter. Sie fehlt hier – und sie fehlt mir.“ gesteht er mir. Ich gucke ihn mitfühlend an und lege einen Arm um seine Schulter. Er atmet tief ein und aus. Dann guckt er mich an, wie sie oft mit seinem unvergleichlichen, spitzbübischen Gesichtsausdruck und lächelt unter seiner Maske: „It is how it is, näää! Hier ist dein Garam Masala. Und ein 25 Kilo Reissack. Das wird nur zusammen verkauft, steht hier. auf Hindi“ erklärt er mir bierernst. „Du hast doch wieder was im Tee gehabt, heute früh. Mindestens Cremelikör, wenn nicht etwas stärkeres. Deine Fahne rieche ich doch sogar durch die Maske durch.“ ziehe ich ihn auf. „Man muss sich das Leben auch schön trinken dürfen in diesen düsteren Zeiten.“ ironisiert er.

Nach dem wir gezahlt haben, begleitet er mich noch zum Bahnhof. „Nicht, dass du verloren gehst.“ sagt er und ich weiß, dass er sich meist mehr Sorgen um mich macht als meine eigene Mutter.

Meine S-Bahn fährt gerade ein als ich ihm noch schnell seine Packung Garam Masala in die Hand drücke, die ich in meiner Reise-Handtasche für ihn transportiert habe. „Das sieht auch aus als würden wir hier unten dealen.“ bemerkt er, während ich unauffällig versuche ihm das Gewürz in die Jackentasche zu schieben. Wir kichern hysterisch. „Vielleicht sind wir älter geworden, aber wir sind immer noch genau so dämlich wie damals in der Schule.“ stelle ich fest. Er grinst und drückt mich zum Abschied.

Der Eine. Seit mehr als einem Jahrzehnt teilen wir uns geschwisterlich den von ihm selbst gebackenen „Kriegsapfelkuchen“ nach dem Rezept seiner Urgroßmutter – und all die Freude, das Leid, die Schicksalsschläge und Lebensereignisse.

Keine Sekunde möchte ich ihn in meinem Leben missen.

*Werbung, unbezahlt

Plebejer, die nerven.

Plebejer, die nerven.

Haben Sie schon einmal versucht einen Text zu verfassen, während hinter Ihnen jemand steht und penetrant einen Apfel kaut? Nein? Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Eben weil es nicht geht! Das wissen Sie so gut wie ich. Nur der Plebejer* in meinem Haushalt, der weiß es nicht.

„Über was schreibst du?“ fragt der Römer während er sich mit der linken Hand an meiner Stuhllehne abstützt und mit der rechten Hand den halb angeknabberten Apfel umklammert. „Über den Einen. antworte ich knapp und konzentriert. „Wer ist denn der Eine?“ packt den Römer die Neugier und er starrt interessiert auf meinen Computer-Bildschirm. „Mein bester Freund.“ gebe ich abermals kurz angebunden zurück. „Aaaah! Simon!“ erleuchtet ihn meine Antwort. Nach einer – nur wenige Sekunden andauernden – Pause hakt er nach: „Come sta Simon? [Wie geht es Simon?]“ Dazu beißt er in seinen rot glänzenden Apfel, der knackend nachgibt. „Gut.“ sage ich und hoffe, dass er nach der dritten, äußerst kargen Antwort versteht, dass er stört.

Doch er steht weitere zwei Minuten hinter mir und ich spüre seinen warmen Atem in meinem Nacken. Innerlich laufe ich Amok, wollte heute aber von einer unnötigen Diskussion absehen. Deswegen versuche ich mich zu beruhigen mit dem Ziel damit meine Konzentration wiederzufinden. Dieses Vorhaben ist jedoch komplett sinnlos, wenn der eigene Ehemann hinter einem steht und guckt, was man schreibt. „Ah! Questo è vero! [Ah! Das ist wahr!]“ gibt der Römer mir Recht und zeigt auf einen Abschnitt meines Textes. „Simon è veramente un bravo ragazzo. Peccato che è morta sua madre, vero? [Simon ist wirklich eine gute Person. Schade, dass seine Mutter gestorben ist, richtig?]“ führt er weiter aus. „Ja.“ gebe ich ihm Recht und stütze meinen schwer gewordenen Kopf auf der linken Hand ab.

Mein Gemahl steht immer noch wie festgeschraubt hinter mir. Der Apfel ist nun verspeist und er beginnt jetzt damit, sich seine Fingergelenke einzurenken, was beeindruckend laut knackst. Nach einer weiteren Minute eröffnet er mir: „Scrivi veramente veloce. Pazzesco! [Du schreibst wirklich schnell! Abgefahren!]“ Ich nicke langsam und schiebe ein langgezogenes „Hm.“ hinterher. Er streckt sich derweil und will während seiner Stretching Übungen wissen: „Ma hai mai fatto un corso? [Aber hast du jemals einen Kurs gemacht?] Oder wo hast du das gelernt?“

Ich schlage die Augen nieder, obwohl ich statt der Augen lieber ihn niederschlagen würde. Doch als überzeugter Pazifist atme ich lieber sehr lange aus. Mindestens sieben Sekunden lang. Am Ende meines Atemzuges angekommen hört es sich an als würde ein wildes Tier knurren, da mir die Luft ausgeht. „In der Schule.“ gebe ich bestimmt zurück und lese meinen Absatz noch einmal Korrektur. „Ah… war das Pflicht?“ will der Römer nun wissen. „Nein. Meine Eltern bestanden darauf.“ erkläre ich. „Ma guarda come scrivi adesso! [Aber schau wie du jetzt schreibst!] Das war doch eine super Idee von deinen Eltern!“ antwortet er euphorisch. Ich ignoriere seine Erkenntnis und versuche mich weiter in meinen Text zu vertiefen.

„Il bimbo dorme da un bel po‘, vero? [Das Kind schläft seit einiger Zeit, richtig?]“ stellt er jetzt fest und fängt an, eine in Raschelpapier eingepackte Praline auszupacken. „Ja.“ ist abermals meine Rückmeldung zu dieser Feststellung. „Strano. [Komisch]“ äußert er sich verwundert und schiebt nun die Schokokugel mit der Pistazie obendrauf in seinen Mund. „Vabbè, io ho da fare. Non ti disturbo più. [In Ordnung, ich habe zu tun. Ich störe dich nicht weiter.]“ verkündet er schlussendlich und ich atme erleichtert und lächelnd ein.

Zurück zum Text.“ säuselt meine innere Stimme zufrieden. Für einen Moment schließe ich die Augen um den Anschluss an meine Geschichte zu finden.

Doch die mehr als überfällige Stille wird durch das Babyphone unterbrochen, das sich just in diesem Moment einschaltet. Signorino erzählt über mehrere Oktaven hinweg: „WauWauWau…Dadada…Mamama.

Der Römer fühlt sich allen Ernstes dazu berufen, Signorinos Erwachen mit „Ah, il bambino è sveglio. Ci vai tu? Perché io ho veramente tanto da fare! [Ah, das Kind ist wach. Gehst du? Weil ich hab wirklich viel zu tun!]“ zu kommentieren.

Bei so viel Dreistigkeit knurre ich nur noch leise – gefolgt von einem penetrant lauten Seufzer. Danach speichere ich meinen Text ab, klappe den Laptop zu, nehme einen von Signorinos Stoffbällen, werfe dem Römer den Ball gegen den Hinterkopf und gebe zurück: „Sehr gerne, du Ar§chkeks.“

Ma che c’è? [Aber was ist los?]„, will er nun völlig erstaunt wissen, „Perché sei arrabiata? [Warum bist du sauer?]“

Ich schüttle nur den Kopf und gehe ins Schlafzimmer um Signorino zu holen. Fröhlich glucksend begrüßt er mich – bereits im Bettchen stehend. „Also, mit euch beiden braucht man echt gute Nerven – oder ein abschließbares, lärmgedämmtes Arbeitszimmer…. “ Ich hebe ihn aus dem Bett. „Oder Ohrstöpsel!“, fällt es mir brandheiß ein, „Man! Warum bin ich da denn nicht früher daraufgekommen?“ Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Signorino lächelt belustigt und ich gebe ihm einen dicken Kuss. „Manchmal liegt die Lösung so nah…

*Plebejer: Die Plebejer waren in der römischen Republik das einfache Volk, das nicht dem alten Adel, den Patriziern, angehörte. Es bestand vor allem aus Bauern und Handwerkern. Sie galten als Römer und standen nach den Ständekämpfen unter dem Schutz des römischen Rechts. Quelle: Wikipedia.

Wurmstichige Tage.

Wurmstichige Tage.

Momentan ist irgendwie der Wurm drin.

Mehrere Beiträge habe ich, die ich gerne niederschreiben würde. Es geht um Outdoorjacken und Sperrmüll. Natürlich handelt jede einzelne auch vom Römer. Dazwischen philosophiere ich über Metalltonnen, Marillenröster und dem Süßspeisen-Freitag meines Großvaters.

Aber meinen Sie, irgendwer lässt mich hier in Ruhe meine Gedanken zu Ende denken oder sie gar liebevoll in Worte verpacken? Mit nichten! Stattdessen unterbricht der Römer meine Gedanken regelmäßig mit wertvollen Informationen über gesehene und für gut befundene Tanzvideos der deutschen Polizei. Dazu kommt natürlich noch der kleine Farniente, der gerne meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt (und natürlich auch bekommt!).

Gewiss bin ich schon auf die Idee gekommen, den Römer mit Signorino zu beschäftigen und andersherum. Meist endet es nach fünf Minuten so: „Amooooooore! Lui si sta lamentando!“ [Schatz! Er beschwert sich gerade!] wird mir der vor Wut schnaubende Signorino in die Hände gedrückt. Dann verschwindet der Römer erst einmal für einen längeren Zeitraum im Bad: 20 Minuten ungestört scrollen verpackt in einem Toilettengang. Doch es springt auch wieder etwas dabei für mich raus: Neue, erheiternde Videoempfehlungen und Gedanken zur politischen Lage.

Außerdem gibt es noch zu berichten, dass Signorino mittlerweile geht. Drei Schritte an einem guten Tag, fünf Schritte an einem grandiosen Tag. Nach vollbrachtem Kunststück, dass ich mit vielen euphorischen „Jaaa! Sehr gut!“-Rufen quittiere, lässt er sich auf die Knie sinken und krabbelt, da ihm Gehen zu langsam erscheint. Die Kombination aus Krabbeln, Gehen und sich am Küchenschrank entlang hangeln, mag zwar kinderlose, gleichgeschlechtlich liebende Freunde wie dem Anderen freudig aufschreien lassen, mich lässt es die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Aber nur eine Nanosekunde, denn mit Händen über dem Kopf lässt sich der gerade stürzende Signorino schlecht auffangen. Und er stürzt oft. Meist glimpflich und ohne Drama, das muss man ihm lassen. Wenn er allerdings einen Bauchplatscher in den leeren Wäschekorb macht, den Mutti unachtsam und gedankenverloren auf dem Wohnzimmerboden abgestellt hat, schreit er doch überaus laut.

Zugegeben, als Rabenmutter musste ich erst einmal lachen aufgrund des ulkigen Bildes, das er abgab. Doch ich schaltete, ganz profimäßig, sofort in den tröstenden Sh-Sh-Sh-alles-wieder-heil-Tröst-Modus um. Langsam, ganz langsam, versiegte dann auch der reißende Fluss Krokodilstränen, die Signorino wie ein Rasensprenger produzierte.

Ansonsten bin ich sehr froh, dass Sie, liebe Leser, fleißig schreiben. Denn lesen ist so viel einfacher und schneller als selbst zu schreiben. Das wollte ich Ihnen schon lange mitteilen! Danke, dass Sie so viele, exzellente Beiträge schreiben. Ich würde sonst verrückt werden, sehe ich doch seit Wochen niemanden mehr.

In diesem Sinne: Wünschen Sie mir Glück, dass die männlichen Farnientes sich doch wieder zusammenraufen, wie man so schön sagt und ich endlich meine Artikel abtippen kann!

Bleiben Sie gesund und führen Sie sich ruhig vor Augen: Auch diese Krise ist endlich. Genau wie der Risottoreis, der sich dazu entschlossen hat, genau heute, an einem durchwachsenen Sonntag, enden zu wollen, wo ich doch schon die getrockneten Pilze eingeweicht habe. Aber das ist eine andere Geschichte…

Ein kurzer Sonntagsgedanke.

Ein kurzer Sonntagsgedanke.

Es gibt ein Gedicht, dass ich in jungen Jahren lernen musste. Noch heute verfolgt mich die erste Zeile, wann immer ich die Zeitung (virtuell) aufschlage:

Es ist schon wahr: nichts wirkt so rasch wie Gift!

Der Mensch, und sei er noch so minderjährig,

ist, was die Laster dieser Welt betrifft,

früh bei der Hand und unerhört gelehrig.

Die Ballade vom Nachahmungstrieb – Erich Kästner

Auch 90 Jahre später ist diese Zeile aktueller denn je.

Kindermund tut Wahrheit kund.

Kindermund tut Wahrheit kund.

Es gibt ein italienisches Kinderlied, das “Il coccodrillo come fa?” [Wie macht das Krokodil?] heißt.

Am Anfang werden alle Tierlaute besprochen. Der Hund macht „wauwau“. Die Katze „miau“, das Schaf „mäh“, usw.

Signorino macht alle Geräusche gerne nach. Man erkennt, welches Tier er gerade nachmacht, auch wenn er mit einem Jahr natürlich nicht immer den exakten Laut nachmachen kann.

In dem Moment, in dem gefragt wird wie das Krokodil macht, antwortet er immer eindeutig mit: Mama!

Das Kind kommt eindeutig nach seinem Vater. 😉

Von Marco Soda und dem Salon Barras.

Von Marco Soda und dem Salon Barras.

Io odio Soda. [Ich hasse Soda.]“ hört man den Römer immer wieder durch die Wohnung murmeln, die er im mit langen, nachdenklichen Schritten durchquert als würde er sie vermessen wollen. „Odio, odio, odio veramente Soda. [Ich hasse, hasse, hasse wirklich Soda.]“

Nun krabbelt ihm Signorino, der sich unbemerkt aus dem Bad in den Gang geschlichen hat, vor die Füße. Er bremst ab, hebt ihn hoch und bringt ihn zurück zu mir. Ich hingegen bin in einer wichtigen Mission unterwegs: Die Befreiung unseres Abflusses von Haaren. „Amore!!“ ruft der Römer viel zu laut. Er steht in der Badtür, Signorino zappelt und will auf dem Boden abgesetzt werden. „Ja.“ antworte ich knapp und in meine Aufgabe vertieft, die quietschgelben Gummihandschuhe bis zum Ellbogen, einen fachmännisch von mir angeritzten Kabelbinder in der Hand, in dem sich möglichst viele Haare verfangen sollen.

„Io odio Soda! [Ich hasse Soda!]“ wiederholt er nun sein Mantra noch etwas lauter für den Fall, dass ich es nicht schon in den letzten Minuten mitbekommen habe. „Sodawasser?“ frage ich, denn ich weiß beim besten Willen nicht, welches Problem er mit Back- oder Waschsoda haben könnte. „No! Soda! Der bayerische Ministerpräsident!“ klärt er mich flapsig auf. „Aaaaaah! SÖDER! Markus Söder!“ wiederhole ich, denn darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Der Vorzeigefranke und er stehen im Klintsch. Zu lange kenne ich den Römer, als dass mich diese Information noch wundern würde. „Si, Marco Soda. È veramente un barbaro. [Ja, Marco Soda. Er ist wirklich ein Barbar.]“, wiederholt er bestätigend. Seine Zornesfalte unterstreicht die eben ausgespuckten Sätze grimmig. Es muss folglich ernst sein!

Nach diesem politischen Geständnis, widme ich mich wieder dem Abfluss. Woher genau diese Abneigung kommt, erfahre ich sicher gleich. Denn der Römer erzählt gerne ausschweifend von seinen Problemen in jeglicher Colour. Da lassen wichtige Details wie das „Warum“ nicht lange auf sich warten.

„Allora, il mio problema è questo: [Also, mein Problem ist dieses:]“ , setzt er an, „Marco Soda hat den Lockdown verlängert. Bei seiner Frisur absolut nachvollziehbar, schließlich drückt die aufgestellte Haartolle aus, dass er sich sehr oft mit der flachen Hand gegen die Stirn schlägt. Seinen doch recht einfachen Haarschnitt kriegt auch seine Gattin in wenigen Minuten mit der Haarschneidemaschine hin….“ Er atmet tief durch.

Indessen versuche ich zu erraten wie diese beiden Informationen miteinander zusammen hängen könnten. „Warum spielt die Frisur des bayerischen Ministerpräsidenten eine Rolle bei der Lockdown Verlängerung?“ frage ich rätselnd, denn ich finde partout keine Antwort darauf.

„Das liegt doch auf der Hand!“, blafft der Römer, „Alle Friseure sind zu – bis mindestens Ende Januar. Und das wiederum hat Soda schon eine Wochen vor dem Ende des aktuellen Lockdowns angedeutet. Er ist der einzige Politiker, der die Hiobsbotschaften schon weit vor dem eigentlichen Entschluss herausposaunt, deswegen trifft ihn die alleinige Schuld.“ Er seufzt und holt wieder Luft: „Wenn ich keine Naturlocken hätte, sondern dieses dünne, deutsche Haar, das schlaff vom Haupt herunterhängt, wäre das für mich auch kein großes Drama. Aber ich bin Südländer! Meine Haare wachsen wie verrückt, sie wellen sich, müssen ausgedünnt werden, teilweise gekürzt, aber nicht zu viel. Die Seiten müssen angestutzt werden, Übergänge müssen sich sanft an meinen Kopf anschmiegen. Und die Wirbel erst! Zwei Stück habe ich, die an herausfordernden Stellen liegen. Da muss ein Spezialist wie Jimmy [sein Friseur] ran!“ erklärt er mir in aufgebrachten Ton.

Mittlerweile habe ich meine Abflussreinigungsaktion beendet, ziehe die Handschuhe aus und streichle Signorino, der gerade alle Handtücher ausräumt, über das wenige, dünne, deutsche Haar.

„Also, mir ist bewusst, dass ich ganz sicher nicht Jimmy bin, aber ich kann mir Anleitungen im Internet anschauen und es gerne versuchen…“ fange ich hilfsbereit an und kenne doch bereits seine Antwort: „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Als ob man mal eben in einem Video lernen kann, wie man meine Haare fachmännisch schneidet? Friseur ist ein Beruf, der erlernt werden muss. Und selbst dann trennt sich die Spreu sehr stark vom Weizen. Es hat mich zwei Jahre gekostet, einen Profi-Friseur wie Jimmy überhaupt in Frankfurt zu finden.“ rattert er mir seine Sichtweise herunter. Ich nicke nur und gehe davon aus, dass das Thema nun für uns beendet ist.

Doch weit gefehlt.

Die Tage verstreichen, die Haare des Römers werden immer länger. Die Ohren sind zwar gerade noch so unbedeckt von seiner welligen Haarpracht, aber auch dieser Zustand wird sich bald ändern. Der Römer wird sichtlich verzweifelter.

An diesem Abend, Signorino ist schon längst im Bett, stützt er sich nach dem Abendessen mit beiden Händen auf dem Tisch ab: „Okay, ci provo. Non ho un’altra scelta. [Okay! Ich versuch’s. Ich habe keine andere Wahl.]“ erklärt er mir mit ernster Miene und stolziert ins Bad. Wenig später kann man das Summen des Haartrimmers hören. Nach 25 Minuten, oberkörperfrei, seine Schultern sind mit unzähligen, kurzen Haaren bedeckt, die es sich nach und nach auf dem Wohnzimmerfußboden gemütlich machen, steht er vor mir. „Ho bisogno del tuo aiuto.“ spricht er so leise, dass ich es beim ersten Mal nicht verstehe (oder verstehen will 😉 ). Er wiederholt seinen Satz – nun etwas lauter. „Ach, meine Hilfe!? Aber natürlich! Wie kann ich dir behilflich sein?“ erwidere ich süffisant grinsend. Er erklärt mir, dass ich seinen adretten Schnitt, Marke Eigenbau, etwas ausbessern solle. Außerdem hat er versucht, sich auch am Hinterkopf die Haare zu stutzen, vermutet aber, dass es etwas „unrund“ geworden ist.

Wir gehen ins Bad. Dort angekommen, schalte ich die „Festbeleuchtung“ an. Alle verfügbaren Lichter brauche ich nun, denn schließlich nehme ich meine Aufgabe als Coiffeuse sehr ernst.

Doch ich merke recht schnell: Die Lage ist ernst und dringlich – und exakt so sollte dieses Problem auch behandelt werden.

Ich gucke mir an, was der Römer sich angetan hat. Definitiv schneidet auch er nicht auf dem Niveau seines Friseurs Jimmy. Doch Glück im Unglück: Er schneidet auch nicht so schlecht, dass nichts mehr zu retten wäre. Zugegeben, die Übergänge sind mitunter etwas hart. Steinhart, wenn man so will. Es sieht auf seinem Kopf aus, als würden sich die Wellen und Locken nicht so recht sicher sein, ob sie nun kurz oder lang gehalten werden wollen.

An seinem Hinterkopf fällt mir besonders die moderne Interpretation eines langen Irokesenschnittes mit leichten Wellen ins Auge. Das habe ich so noch gar nirgends gesehen. Mir imponiert der avantgardistische Stil, den er versucht hat in sein Haupthaar zu integrieren. Wahrscheinlich könnte man ihn auch so auf seine Patienten loslassen, wenn man ihnen erklären würde, was „radical chic“ ist. Aber ich vermute, dass er das nicht möchte.

Er unterbricht meine Gedanken, in dem er auf eine Parfümwerbung auf der Rückseite einer Zeitschrift zeigt. Es ist ein Duft eines italienischen Modedesigner-Duos. Das männliche, braun gebrannte Model sitzt auf einem weißen Boot, nur mit einem knappen, weißen Badehöschen bekleidet. Im Hintergrund glitzert das tiefblaue Meer rund um die Faraglioni-Felsen vor Capri. Das schwarze, lockige Haar sitzt perfekt. Die blauen Augen strahlen herausfordernd.

Ja, klar!“, lache ich laut, „Gib mir viereinhalb Jahre Zeit, die ich zwischen Friseurumschulung und Meisterausbildung verbringe und ich schneide dir genau das.“ Er guckt mich eingeschnappt an. „Du kannst es doch wenigstens mal versuchen!“ motzt er und hält sich provokativ die Zeitschrift mit dem Bild zu mir vor die nackte Brust.

In diesem Moment lasse ich unerwähnt, dass er mich Tage zuvor für absolut unfähig hielt auch nur eine Schere richtig zu halten und nun soll ich ihn in das männliche Model aus der Werbung verwandeln. Der Mann hat Humor – das muss man ihm lassen.

Ich nehme den Trimmer und trimme mal hier, mal da, bis zumindest der modern interpretierte Irokosenschnitt weicht. Dann mache ich mich an die Übergänge, merke aber schnell, dass ich mit dem Haartrimmer an meine Grenzen komme. Mangels professioneller Haarschere, gleiche ich etwas mit der Nagelschere aus. Es ist nun deutlich besser, aber noch Galaxien von Jimmys Künsten entfernt. Ich seufze resigniert und lasse die Schere sinken.

Der Römer weist mich an, den Schminkspiegel, der nun zum Friseurspiegel umfunktioniert wurde, mal links, mal rechts zu halten, damit er jede Ecke begutachten kann. Er schüttelt den Kopf. „Vabbè [In Ordnung], du hast es versucht. Comunque, grazie. [Trotzdem danke.]“ Den restlichen Abend sieht man ihn nur noch mit Mütze vor dem Fernseher sitzen. Es muss wirklich schlimm für ihn sein, wenn er selbst daheim seine Haarpracht unter einer Kaschmirmütze verstecken muss.

Am nächsten Tag, es ist bereits später Mittag, höre ich Dieter und ihn angeregt im Hausflur quatschen. Beschwingt schwebt der Römer wenige Minuten später durch die Haustür. „Ho trovato il mio parucchiere: [Ich habe meinen Friseur gefunden:] Dieter! „ berichtet er mir aufgeregt und lächelt zufrieden. Ich gucke etwas überrascht, nicke dazu aber langsam (und ungläubig). „Dieter hat im Salon <<Barras>> gearbeitet als er jung war. Er meint, er hat dort nur Herrenhaarschnitte gemacht.“ ergänzt er freudig. Ich grinse, doch der Römer scheint es gar nicht zu bemerken. Heiter setzt er fort: „Er holt nur eben seine Friseurschere und einen alten Kittel von oben. Und ich muss schon einmal den Stuhl in den Innenhof raustragen. Er schneidet mir draußen die Haare – mit Maske und Daunenjacke. Sicherheit geht vor. Du weißt schon… Aerosole und so.

Noch ehe ich aufklären kann, das Dieter in keinem feinen Salon (ganz im Gegenteil!) gearbeitet hat, zischt der Römer mit einem Küchenstuhl an mir vorbei.

Nur 15 Minuten später kommt er durchgefroren, aber glückselig, mit neuer Frisur und seinem Stuhl zurück. „È fantastico. [Das ist fantastisch] Etwas kurz, aber Dieter weiß wirklich, was er da tut.“ berichtet mir der Römer euphorisch. Zufrieden streicht er sich über die raspelkurzen Haare.

Ich muss zugeben, der Römer hat Recht. Ein wirklich sehr schöner Schnitt für einen Oberleutnant. Zwar äußerst kurz, aber bei jeder Musterung würde der Römer mit Pauken und Trompeten genommen werden.

Dass Dieter in keinem Friseursalon mit dem Namen „Barras“ gearbeitet hat, sondern für die Bundeswehr (= umgangssprachlich Barras), löse ich nicht auf. Denn wer weiß, wie lange dieser Lockdown noch dauert und wie oft er Dieters Friseur-Expertise noch in Anspruch nehmen muss.

Wenigstens habe ich dank Dieters „Salon Barras“ in unserem Innenhof ein relativ dramafreies Leben.

Der Römer beim Nachjustieren… was wie Rückenhaare anmutet, sind seine Friseurkünste des Oberkopfes. 😄

WMDEDGT – Januar 21

Heute gibt es ein (Quasi-)Novum. Ich wollte so gerne bei Frau Brüllens WMDEDGT am 05. jeden Monats mitmachen.

And here we go:

9:20 Uhr Ich wache zwischen Bett 1 und Bett 2 verknotet auf. Signorino erzählt – natürlich mit seinem Kopf auf meinem Kissen. Als er merkt, dass ich die Augen aufgeschlagen habe, dreht er sich um und will am Kopfteil hochklettern. Ich stütze ihn, damit wir den ersten Unfall des Tages vermeiden können. Indessen frage ich mich, wo der Römer hin ist. Heute arbeitet er doch erst um 10:40 Uhr. Ich höre Fragmente von Gesängen (ein Ritus? ein Iktus?) und Wasser in der Dusche spritzen. Er ist also wach.

9:40 Uhr Ich bereite Signorinos Frühstück vor. Der Römer kümmert sich derweil um Signorino und mosert, dass er lieber ohne uns frühstückt, wenn er zur Arbeit muss. Wir halten „sein System“ auf. Nachdem alles fertig ist, meckert Signorino rum, weil er lieber unseren Schokokuchen anstatt des schnöden Haferbreis haben will. Der Römer isst in der Küche, damit Signorino den Schokokuchen nicht sieht und sich doch noch mit seiner Haferpampe abfindet. Es klappt. Ich trinke derweil nur Espresso.

10:20 Uhr Jetzt aber schnell! Der Römer gelt noch eine letzte Strähne in die richtige Richtung, setzt seine Mütze so vorsichtig auf wie meine Oma damals ihre Dauerwellen-Regenhaube und verschwindet. Wir sind allein. Das heißt: Die Spülmaschine bekommt nun besondere Zuwendung. Ausräumen, einräumen, Küche aufräumen, währenddessen übt sich Signorino an der Sportart „Parkour“. Er hangelt sich an den Küchenschränken entlang, dann an mir (und zwickt wie verrückt!), dann am Wäschekorb, dann Richtung Waschmaschine… Immer wieder stoppt er um Sachen aus den Regalen zu räumen. Ich stehe verrenkt zwischen Signorino und den Aufgaben in der Küche da und es erinnert mich stark an das Spiel Twister: „Rechte Hand auf Signorinos Kopf, linker Fuß vor Waschmaschine, rechtes Bein hält Küchenschrank zu…“

10:40 Uhr – Ultimo Ratio: Kinderlieder. 1:30min Aramsamsam für Signorino, damit ich die Küche in eben dieser Zeit zumindest etwas ordentlicher verlassen kann.

11:20 Uhr Wir lesen bzw. wir machen das, was wir lesen nennen. Signorino räumt alle Bücher aus seinem Fach, schlägt eins auf, ich lese zwei Seiten vor und er zieht ein neues Buch hervor. So geht das 30 Minuten lang. Dann holt er seine Stofftierraupe hervor und guckt sie begeistert an.

12:00 Uhr Signorino isst Milchreis und erzählt währenddessen. Von „Mmmh“ und „Mama” gekrönt, scheint es ihm zu schmecken. Wir unterhalten uns auf „dada-risch“. Er scheint aufgebracht und schreit durch die Wohnung. Am Milchreis kann es nicht liegen, ich hab ihn probiert.

13:00 Uhr Der Römer kommt nach Hause. Er hatte tatsächlich nur zwei Patienten. Gestern dachte er noch, dass wäre ein Fehler im System, doch es bestätigte sich. Wir haben keine Lust zu kochen und einigen uns auf Thailändisch. Matsaman Curry möchte er nicht mehr, obwohl er das immer nimmt. „Die Kartoffeln schmecken da zu sauer.“ Er schwenkt auf gebratenen Reis um. Die Ente dazu kann ich ihm ausreden, da er sonst, mit fehlender Galle, wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängt. Er nimmt Rind. Und ich Hühnchen.

13:10 Uhr Ich bringe Signorino ins Bett bzw. ich trage ihn minutenlang ins Bett. Eine einfachere und effektivere Methode haben wir bis heute nicht gefunden.

13:15 Uhr Signorino hat die Augen geschlossen; ich halte ihn noch im Arm. Es klingelt. Der Römer macht auf: Hallo! – Hallo! – Paket für Sie! *biep* Danke! Tschüss! Tschüss! Es war der Postbote mit den Blinklichtern für den Kinderwagen, damit wir spätnachmittags nicht immer halb zusammen gefahren werden unten am Main. Signorino ist dementsprechend wieder wach. Nächste Runde!

13:30 Uhr Signorino schläft endlich. Ich lasse den Römer leise aus der Wohnungstür, damit er beim Thailänder vorbeigeht und die Beute beiden Gerichte abholt.

13:45 Uhr Der Römer war erfolgreich. Wir essen. Die Qualität ist immer tippitoppi beim Thai um die Ecke.

14:30 Uhr Der Eine und ich schreiben. Wir wollen uns zum Spazieren gehen verabreden – mit Maske, an der frischen Luft, mit Abstand,… Sie kennen das Spiel. Wir verabreden uns für 15:30 Uhr. Er kommt hierher.

15:30 Uhr Ich sehe vom Wohnzimmerfenster aus, dass der Eine telefonierend vorbeischleicht. Schuhe, Mantel und die Leichtdaune ziehe ich fix über. Signorino, mittlerweile wach, guckt mich vorwurfsvoll an. Ich verabschiede mich. Kuss für alle Farnientes und ab!

15:30-18:00 Uhr Wir machen einen wirklich langen Spaziergang. Am Main entlang in die Innen-Innenstadt, zum Römer (das Gebäude heisst wirklich so), am Standesamt vorbei, Richtung Willy-Brandt-Platz, dort zu Café Nummer 1*. Leider verstehen wir nicht, ob nun geöffnet ist für eine Mitnahme eines Espressos oder nicht. Also nebenan zuCafé 2. Weiter zum Goetheplatz, zur alten Oper, den Grüngürtel ein Stück entlang zum Eschenheimer Tor, zur Konsti, zum Zoo und schon liefert mich der Eine wieder daheim ab. Es war sehr kalt, wir sind 9 Kilometer gegangen, aber auch sehr schön.

18:00 Uhr Der Römer erwartet mich bereits. Signorino ist beleidigt und möchte mich erstmal nicht begrüßen. Nach 5 Minuten taut Signorino auf und findet mich doch ganz okay. So okay, dass er mich nicht mehr loslassen will. Auf‘s Toilettchen kann ich auch nicht mehr allein. Ja, gut. Kann man nix machen.

19:00 Uhr Wir raffen uns auf und gehen mit Signorino nochmal spazieren. Es schnieselt (halb Schnee, halb Niesel 😉) und ist dementsprechend kalt. Kleine Mainrunde, die neuen Lichter am Kinderwagen leuchten in fröhlichem Grün. Der Römer hat seine Handschuhe vergessen, also schiebe ich meistens Signorino. Er schläft ein (oh no!), aber letztendlich nur für 20 Minuten. Hoffentlich ist er trotzdem um 21 Uhr willig ins Bett zu gehen!

19:45 Uhr Wir sind daheim. Der Römer will unbedingt kochen (kinderfreie Zeit und so…). Es gibt Kartoffelsuppe für alle. Keine Würstchen da – aber wir werden es überleben.

20:50 Uhr Der Römer künstelt immer noch an der Kartoffelsuppe rum als wär‘s ein Mehrgang-Menü. Ein Glück hab ich schon „gesnackt“ während das Kind zu Abend aß. Langsam bin ich äußerst genervt, da Signorino schon „drüber“ ist und mein Blutzuckerspiegel weit unten. Ich drücke dem Römer das aufgedrehte Kind in die Hände und flüchte ins Bad. Drei Minuten durchatmen. Von draußen höre ich den überforderten Römer, der nun nicht mehr an seiner Kartoffelsuppe rumdoktern kann, weil Signorino den Deckel vom Dampfsterilisator durch die Gegend wirft und dabei laut lacht. Ich steige wieder in den Ring und gehe zurück.

21:00 Uhr Der Römer wird von mir verpflichtet den hyperaktiven Ableger ins Bett zu bringen. Wer eine Stunde lang Suppe kocht (die kocht sich nach dem Schälvorgang schließlich von alleine!), der darf auch Signorino ins Bett bringen. Bitte. Danke! Ich räume das Wohnzimmer auf, das aussieht als hätte ein Troll Bauklötzchen-, Bücher- und Spielzeugdurchfall gehabt. Die römische Suppe wartet auf ihren Einsatz – und kühlt langsam aus.

21:20 Uhr Alles aufgeräumt. Ich höre den Römer. Wenig später sehe ich ihn auch – mit Signorino auf dem Arm. “Non dorme, questo animaletto.” [Dieses Tierchen schläft nicht.] Nun denn. Das ungeplante Schläfchen rächt sich nun. Mal gucken, wie lange der Spaß heute mit ihm geht. Wir essen Suppe. Sie ist komplett ungewürzt. Was hat der Mann in der Küche gemacht?! Ich spare mir den Kommentar. Der Römer bringt ungefragt Salz und Pfeffer. Immerhin!

21:40 Uhr “Vuoi una deca?” [Willst du einen entkoffeinierten Espresso?]. Ich dachte schon, der Römer fragt nie. Signorino spielt indessen wieder. Die Bauklötze habe ich weggepackt. Die räume ich heute nicht nochmal weg.

22:30 Uhr Glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht, aber unser südeuropäisches Partymodel (alias Signorino) ist JETZT müde. 1,5 Stunden nach seiner regulären Zeit. Once again: Schlafsack – Kuss – Kuss. Nachti Nacht! Ich räume zum wiederholten Male die Bücher und die Spielzeugkiste auf bzw. ein. Hoffentlich kommt er heute nicht mehr zurück zu einer weiteren Spielerunde (auch das hatten wir schon….).

23:00 Uhr Der Römer und ich gucken unsere Serie und essen heimlich Eis, was man als gut eingespieltes Elternpaar eben so macht, wenn das Kind endlich schläft. Gleich wird Signorino noch einmal wach (wie immer nach einer Stunde), verlangt Wasser und noch einmal Einschlafbegleitung, aber nur die Sparversion (2 Minuten).

[The End]

Tocca a te [Du bist dran!]

Ach, lassen Sie die Späße! Sie hören Sich an wie der Römer, der schelmisch grinsend vor dem Fernseher sitzt, während ich meine Runden drehe.

Ich stehe im Ring und meine Hüfte hangelt sich mutig und kampfbereit an meinem Hula Hoop Reifen entlang. Doch dieses Mistding, das sich farblich zwischen überfahrener Frosch und zu viele Algen im Teich bewegt, fällt immer wieder zu Boden. Unter Ächzen und „Mein Rücken!“-Rufen hebe ich ihn schwerfällig auf.

Währenddessen bewundere ich die Gesichtsmuskelspannung des Römers, die sich keinen Millimeter von ihrer vorherigen Position bewegt hat. Seit Minuten strahlen seine Mundwinkel, festgetackert an den Ohren, eine grenzenlose Freude und einen unbändigen Spaß aus. Grund ist seine Frau, die sich hoffnungslos abmüht.

„Mi fai ridere.“ [Du bringst mich zum Lachen.] untermalt er seinen unerhört dämlichen Gesichtsausdruck. „Mein Freund Altin sagte schon damals im Studium der Sportwissenschaften: Die Unsportlichen dieser Welt erkennst du an einem Tag im Jahr: Dem 01.01.! Da scheint der Startschuss zu fallen für ihre tage- und in Ausnahmefällen auch wochenlang andauernde Sportlichkeit, die bei der kleinsten Niederlage in völliger Kapitulation endet. Je eher, desto besser für den schwachen Körper.

Der Römer lacht laut über seine Erklärung und setzt sich auf den Boden. Dort türmt er mit seinem überheblichen Grinsen Bauklötzchen auf, die Signorino mit einer riesen Freude umwirft. Dann ergänzt er seinen Monolog mit einer persönlichen Weisheit: „Ich sag‘ immer: Leistungssportler werden nicht am 01.01. geboren.“ Dazu zwinkert er und lacht wieder.

„Okay, Confucio. [Konfuzius] Wenn du fertig bist mit deinen Tipps, würde ich gerne weitermachen.“ Ich setze den Ring wieder an, drehe ihn nach links und versuche währenddessen meine Hüfte kreisen zu lassen. Er dreht zwei Mal, vermutlich aus Mitleid, und fällt wieder zu Boden. Nun steht der Römer hinter mir, legt mir eine Hand auf die Schulter und säuselt: „Vuoi che lo provo io, amore mio? [Willst du, dass ich es mal versuche, mein Schatz?]“

„Bloß nicht!“ ätze ich zurück und hebe den Ring diesmal schnell und ohne lautes Jammern auf. „Ma perché? Ti vorrei aiutare! [Aber warum? Ich will dir helfen!]“ insistiert der Römer und hält mich nun sanft mit beiden Händen an den Schultern fest. „Weil du immer alles sofort kannst! Der Ring wird dir nicht ein einziges Mal herunterfallen. Ganz im Gegenteil. Du wirst ihn zwei Minuten galant auf deinen Hüften kreisen. Dann wirst du ihn mit den Händen anhalten und mir erklären, dass es gar nicht so schwer ist und total viel Spaß macht. Spätestens dann wird das kleine, bockige Mädchen in mir den Hula Hoop Reifen in die Ecke knallen und ihn nie wieder anfassen. Deswegen bitte ich dich inbrünstig: Mach mir meine neue, tolle Sportart nicht kaputt. Du kannst es gerne einmal versuchen und bitte darauf achten, dass dir der Ring nach maximal zweimal Hüfte kreisen herunterfällt, aber mehr Hilfestellung möchte und kann ich nicht akzeptieren.“ erkläre ich ihm in einem stakkatoartigen Redeschwall.

Er nimmt den Ring in die Hand. Kurz bevor er losdrehen will, hält er inne. Es brennt ihm noch etwas auf der Seele. Deswegen kommentiert er meinen Monolog umgehend: „Es tut mir Leid, aber ich kann nicht so tun als wäre ich unsportlich. Ich bin Leistungssportler. Natürlich haben wir mehr Fähigkeiten als andere…“ Dann lässt er den Ring abheben. Er macht einen Halbkreis – und fällt zu Boden. Ein minimales Lächeln huscht über mein Gesicht, doch ich will mich nicht zu früh freuen.

„Das war, weil ich gerade nicht konzentriert war. Guarda come si fa! [frei übersetzt: Schau zu und lerne!]“ Wieder lässt er den Hula Hoop Reifen kreisen und wieder fällt der Ring sofort zu Boden. Ich grinse. Ist es wirklich möglich, dass ich die einzige Sportart entdeckt habe, in der der Römer kein Naturtalent ist? Hoffnung keimt in mir auf.

Er versucht es wieder und wieder. Doch sein Engagement wird kontinuierlich von Misserfolg gekrönt. „Ma che m€rda è? [Was für ein Sch€iß ist das denn?]“ stöhnt er, bevor er den Ring aufhebt und es auf ein Neues versucht. Er wirkt gequält, doch er gibt nicht auf. „Scusa, ma questo cerchio non funziona. C’è qualcosa che non va!“ [Entschuldige, aber dieser Reifen funktioniert nicht. Irgendwas klappt hier nicht.] setzt er an. Ich winke ab. „Hm….sicher.“ gebe ich auf seine Ausrede zurück. Dann bereiten Signorino und ich das Abendessen vor.

Vom Wohnzimmer hört man immer und immer wieder das Geräusch des eben zu Boden gefallenen Reifens und lautes Fluchen.

Als das Abendessen auf dem Tisch steht, muss ich den Römer mehrmals dazu auffordern sich zu uns zu setzen. „Si, vengo subito! [Ja, ich komm sofort!]“ Sein Essen ist bereits kalt als er sich schlussendlich zu uns bequemt. An seiner Rückenlehne lehnt sein neuer, runder Freund. Nach drei Bissen und einem Schluck Wasser steht mein Leistungssportler wieder auf und übt weiter.

Ich muss lachen. Wenig später tippe ich ihn an, während der Reifen mal wieder auf dem Boden liegt. „Schatz, gib’s auf. Probier’s doch einfach morgen nochmal.“ Doch er hört gar nicht richtig zu. Schwitzend, mit hochrotem Kopf, macht er weiter.

Der Abend verstreicht, der Römer quält sich weiter. Gegen Mitternacht gehe ich ins Bett. Im Sessel ein sehr müder, sehr geschaffter Römer. Sein grüner Freund liegt nun, scheinbar ebenso resigniert, auf dem Boden. „Ich geh ins Bett. Kommst du?“ frage ich ihn. „Si, si, subito.“ [Ja, ja, sofort], spricht er leise während er im Internet nach Hula Hoop Tipps sucht, „Ma non mi aspettare! [Aber warte nicht auf mich!]“

Ich gehe ins Schlafzimmer, lege mich ins Bett und döse ein. Irgendwann, viele Stunden später, kommt der Römer ins Schlafzimmer. Ich blinzle kurz, drehe mich Richtung Fenster und sehe, dass es draußen bereits dämmert.

„Amore! Amoooore!“ flüstert er leise, aber aufgeregt. „Hm….“ antworte ich ihm. „Sono riuscito! Durava fino ad adesso, però sono riuscito. [Ich hab’s geschafft! Es dauerte bis jetzt, aber ich habe es geschafft.] Er kichert in mein Ohr. „Von was redest du?“ hake ich verschlafen nach. „Ich spreche vom Hula Hoop Reifen. Ich kann ihn oben halten – ganz ohne Probleme.“ erklärt er aufgeregt und sein Flüstern hat bereits die normale Lautstärke erreicht. „Super, Schatz.“ murmle ich und drehe mich um. „Ti faccio vedere domani. O vuoi vederlo adesso? [Ich zeig’s dir morgen. Oder willst du es jetzt sehen?] sprudelt es fröhlich aus dem Römer heraus. „No, no….“ ist meine kurze Antwort.

Am späten Mittag steht ein sehr verschlafener Römer vor mir. Er reibt sich die Augen, die Haare sind wild verstrubelt. „Morgen!“ strahle ich ihn süffisant an. „Buongiorno! [Guten Morgen!]“ brummt er verschlafen.

Nach einem Espresso, einem Glas Orangensaft und ein paar Keksen, kommt er direkt zur Sache. „Allora, adesso telo faccio vedere.“ [Also, jetzt zeige ich es dir.] Er schnappt sich den Ring, steigt in selbigen, hebt ihn an und lässt die Hüften kreisen. Immer wieder. So geht es minutenlang, in denen ich seinen Auftritt mit lautem „Ahs“ und „Ohs“ würdige.

„Vedi?! [Siehst du?!] Es geht – ganz ohne Probleme.“ zeigt er mir auf. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ lobe ich ihn überschwänglich. „Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht vielmehr darum: Wenn du etwas wirklich willst, dann kämpfst du dafür. Du musst dich 180 Prozent reinhängen und üben. Aufgeben ist keine Option.“ will er mich motivieren. Doch er hört sich an als würde er mir ein Fitness Programm in einem sozialen Netzwerk verkaufen wollen, das mich irgendwie „krasser“ machen soll. Als er seine Rede beendet hat, werfe ich ein: „Ich bin ganz deiner Meinung, mein Schatz. Aber dein Freund Altin sagte doch bereits, dass am 01.01. der Tag der Unsportlichen ist. Deswegen hat es gestern sicher nicht geklappt. Es war schlichtweg nicht dein Tag. ;-)“ Auf so eine Erklärung war er nicht vorbereitet. Er prustet los und lacht Tränen. Ich stimme mit ein und selbst Signorino, an seinem missmutigen Zahnungstag, findet es unglaublich lustig.

„Ach, amore mio….“ sagt er sehr zufrieden. Er gibt mir den grünen Ring in die Hand, klopft mir auf die Schulter und flüstert mir drei Wörter ins Ohr: „Tocca a te!“ [Du bist dran!]

Dann verabschiedet er sich wieder ins Bett. Ich stelle den Ring in die Ecke und spiele mit Signorino. Man soll es am 2. Tag des neuen Jahres ja nicht gleich übertreiben.