Frankfurter Impressionen #2

Ein Friedhof? Ja. Und zwar der jüdische Friedhof Battonnstraße. Zentraler geht es nicht!

Für mich ein neu entdeckter Frankfurter Ort, der gut beschützt hinter hohen Mauern liegt. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus und das schönste ist, dass er meistens menschenleer ist. Darin war ich noch nie, erfuhr aber, dass ein Besuch gegen Hinterlegung des eigenen Ausweises im jüdischen Museum möglich ist. Das werde ich aber noch genauer eruieren.

Starten Sie gut in die Woche!

P.S.: Wer mehr über den jüdischen Friedhof erfahren will, der findet hier alle Infos: klick

Zwei Mozzarellas, eine Haselnuss

Signorino und ich beim Kuscheln – ein Symbolbild

„Voi due mozzarelle!“ [Ihr zwei Mozzarellas!], spricht der Römer seine engste Familie, bestehend aus Signorino und mir, an. Dann lacht er laut und spitzbübisch über seinen eigenen Witz. Jedes Mal. Seit Tagen.

Nun hat ein Römer gut lachen, wenn der Hauttyp je nach Jahreszeit stets zwischen Walnuss und Haselnuss hin- und herwechselt. Doch in der germanoitalbanischen Familie erbte Signorino anscheinend meine vornehme Blässe, die der Römer liebevoll als mozzarellafarben bezeichnet.

Ganz unrecht hat er bei seinem frechen Kommentar nicht. So habe ich mir doch tatsächlich einen Sonnenbrand zugezogen, als ich freitags Signorino von der Kita abgeholt habe. Zehn Minuten Hin- und zehn Minuten Rückweg in der sengenden Mittagssonne* reichten aus, um meine Haut zart erröten zu lassen. Als ich dies dem Römer erzählte, kugelte er sich vor Lachen auf dem Boden. Er konnte es gar nicht fassen. Ein Glück saß das Kind wohlbeHUTet in seinem Kinderwagen. Zusätzlich schützte ihn das Sonnenverdeck seines Buggys. So gab es nur einen zart rosafarbenen Mozzarella in der Familie.

Wohl dem, der einen höheren Melaninanteil hat! Die römische Haselnuss kann gerne in der prallen Mittagssonne durch Frankfurt spazieren und das dolce vita genießen. Mama und Sohn Mozzarella nutzen im Sommer eben die frühen Morgenstunden und die späten Nachmittagsstunden, um die Welt zu entdecken.

*in Zukunft creme ich mich ein, wenn ich Signorino abhole.

Der Freitagsrapport | KW24

Löffelchenstellung

Wie isst Signorino daheim?“, fragte die Erzieherin mich diese Woche. „Mit den Händen… und flüssige Sachen füttern wir ihm.“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Sie runzelte die Stirn. „Also wir hier in der Kita sagen, dass Kinder mit 1,5 Jahren mit dem Löffel essen sollten. Das ist unser Standard hier.“ Ich nickte und versprach, mich darum zu kümmern. Das tat ich auch. Zwei Nachmittage versuchte ich, dass das Kind alleine einen Joghurt isst. Nachdem 2g Joghurt im Magen des Kindes landeten und 98g überall anders, von der Wand über den Schrank bis zum Tischchen, gab ich auf. Dann malte Signorino noch ein bisschen mit der Joghurt Pampe auf dem eh schon verhunzten Tischchen. So konnten wir immerhin einen künstlerischen Erfolg verzeichnen. Dennoch: Dinge mit dem Löffel zu essen und das mit 18 Monaten klappt bei uns nicht. Der Versuch ist (vorerst) für beendet erklärt!

Vater-Kind-Brunch

Der Römer bezeichnet mich morgens gerne als „lunatica“ [launenhaft]. Dabei hat er (leider) recht. Morgens komme ich wirklich schwer in die Gänge. Alles ist mir zu laut, zu viel, zu wuselig und zu dicht. Unter der Woche ist es hingegen erträglich, da Mann und Kind zur Arbeit und Kita gehen. Den ganzen Vormittag verbringe ich dann damit, mich gemächlich in den Tag hineinzufühlen (das hört sich dekadenter an als es ist). Aber am Wochenende prasselt alles ungefiltert auf mich ein, was dann durchaus gerne zu Konflikten führen kann. Auch dadurch, dass der Römer wie eine Sprungfeder am Wochenende aus dem Bett springt und sofort da anfängt, wo er abends aufgehört hat. Am liebsten würde er mir all seine nächtlichen Erkenntnisse bei einem Frühstück in einem Café irgendwo in Frankfurt erzählen. Doch vor 12 Uhr das Haus zu verlassen, ist mir, am Wochenende, eine unendliche Qual.

Wie gut, dass wir vor einem guten Jahr Nachwuchs produziert haben. Der neue, samstägliche Frühstückskumpel des Römers ist nun Signorino – und Mutti hat frei. Die beiden Herren nutzten die Öffnung der Frankfurter Gastronomie und düsten mit der U-Bahn ins italienische Lieblingscafé des Römers. Dort gönnte sich der Große ein Cornetto und einen Cappuccino, der Kleine bekam eine aufgeschäumte Milch und ein Stück Ciambella [ein ringförmiger Frühstückskuchen]. Beide hatten ihren Spaß und ich eine angenehme Mußestunde, in der ich lunatica [ich übersetze es gerne als mondfühlig] sein konnte wie es mir behagte.

Ich hoffe, aus diesem Vater-Kind-Brunch wird eine samstägliche Tradition. Es wäre sowohl der ruhebedürftigen Partei, als auch der italienisch-quirligen Frühstückspartei zu gönnen. Drücken Sie mir die Daumen!

Nachwort: Das Beste daran habe ich Ihnen noch gar nicht mitgeteilt. Man bringt der Daheimgebliebenen, also mir, auch noch etwas mit. Drei süße Törtchen bekam ich, die wir zwischen uns aufteilten! Da verflüchtigte sich sogleich jeglicher Rest meiner Morgenmuffelichkeit.

Sie möchten wissen wie die Törtchen aussahen? Ich zeige Sie Ihnen im Bild der Woche.

Das Bild der Woche

Man möchte meinen, im Hause Farniente gibt es nur Törtchen und Kuchen. Ganz verneinen kann ich die Annahme nicht!

Der Lacher der Woche

Den Lacher der Woche lieferte Signorino – und zwar im Schlaf. Laut kichernd und dabei tief und fest schlafend weckte er uns. Nachdem der Römer und ich zu uns gekommen waren, mussten auch wir schmunzeln. So ging das zehn bis fünfzehn Minuten lang. Dann drehte sich das Kind zur Seite und das Kichern wandelte sich zu tiefen, ruhigen Atemzügen.

Hilfe! Urlaub!

In etwa so fühlt es sich dieses Jahr an. Im September soll es so weit sein: 14 Tage Urlaub hat der Römer eingereicht und bestätigt bekommen. Nur leider wissen wir nicht wohin. Wir wissen nur, was wir wollen (und was wir nicht wollen), nicht aber, wo dieser Ort sein soll. Vielleicht haben Sie zufällig die Nadel im Urlaubsdestinations-Haufen und können uns einen Tipp geben?

So entspannt möchte ich im Urlaub aussehen. Nur die Kulisse sollte eine andere sein.

Was wir uns vorstellen:

  • Ein Urlaubsort am Mittelmeer mit einem adretten Strand, der nicht allzu weit entfernt ist.
  • Ferienwohnung – da wir Individualtouristen sind.
  • Mein persönliche Wunsch wäre ein Ort, an dem ich mindestens einmal in 14 Tagen einen Tintenfisch vom Grill (polpo arrostito) genießen kann.
  • Es sollte im gleichen Ort (oder in Fahrweite) einen Supermarkt, (mind.) ein Café und eventuell ein Restaurant geben.
  • Maximal zwei bis drei Stunden Flugzeit

Und ja, wir dachten auch schon an Apulien und wären nicht abgeneigt. 😉

Es muss nicht gleich Ipanema sein.

Was wir nicht wollen:

  • Einen All-Inclusive Hotelbunker
  • Einen Club-Urlaub
  • Einen wilden Partyort mit unzähligen Diskotheken, die alle bis September wieder in Betrieb sind.

Sie wissen ganz genau, wo dieser Ort sein könnte? Dann schreiben Sie es gerne ins Kommentarfeld oder per Email an info@zwischentiberundtaunus.com

In diesem Sinne:

Gleiten Sie sanft und sicher ins Wochenende. Und lassen Sie sich nicht vom Freizeitstress verrückt machen. 😉

Wie man in Frankfurt einen Kita-Platz findet

Es war Mitte Dezember, 2019. Signorino war wenige Stunden alt und schlief neben mir im Krankenhausbett. Ich registrierte ihn bei diversen Kitas im Umkreis, was in Frankfurt über die Onlineplattform „Kitanet“ geregelt wird. „Ha,“, dachte ich, „wer ist schon so genial und meldet sich am Tag der Geburt des Kindes an?“ Das Schicksal prustete vermutlich los, denn in einigen Städten melden sich Eltern bereits weit vor der Geburt ihres Nachwuchses an. Zum Glück ist das in Frankfurt nicht möglich.

Dann hielt ich ein Jahr die Füßchen still, denn schließlich waren wir online registriert. Zeitgleich begannen die ersten, zarten Stimmen im Bekanntenkreis, die sich im Verlauf des ersten Jahres zu einem stimmgewaltigen (und ziemlich nervigen) Orkan formierten. „Seid ihr verrückt? Ihr müsst bei den Kitas anrufen, Emails mit Ostergrüßen schicken, Kitas besichtigen! So findet ihr nie einen Platz.“ erklärte uns die überragende Mehrheit der Eltern. Nur ein einziger Vater, ein tiefenentspannter Mann um die 40, erklärte uns, dass er sich ebenfalls nur online registriert hatte, ruhig abwartete und kurz vor seinem Wunschtermin von einer Kita kontaktiert wurde. Ohne Ostergrüße, Besichtigungen und einer Zeremonie zu Ehren des Gottes der Kindertagesstätte. Unsere anderen Bekannten zweifelten diese Version stark an. Eine Mutter tat es unter einem lauten Wortschwall als „unwahrscheinlichen Einzelfall“ ab. Somit stand es bei den Elternaussagen 5 zu 1.

Die ersten, zarten Januartage dieses Jahres verbrachte ich damit, zu recherchieren wie man jetzt noch an einen Kita-Platz in Frankfurt kommen könnte. Auf der offiziellen Internetseite stand, dass man „Tage der offenen Tür“ wahrnehmen solle. Ich musste bei diesem Punkt erst einmal laut loslachen. Wir befanden uns mitten in einer Pandemie ungeahnten Ausmaßes. Wenn es momentan etwas in Kitas geben würde, dann waren das „Tage und Wochen der geschlossenen Tür“. Denn schließlich waren die meisten Eltern dazu angehalten, ihr Kind daheim zu betreuen und das bereits seit Monaten.

Ich klickte weiter durch die Internetseite und stolperte über einen anderen Punkt. Er hieß „Vergabe der Kita-Plätze“. Dort las ich, dass es nicht nach Anmeldezeitpunkt, sondern nach Sozialplan ginge. Mist! Meine erste Amtshandlung, nachdem Signorino wenige Stunden alt war, war also für die Katz. Aber natürlich ist diese Regel absolut richtig. Selbstredend sollte ein alleinerziehender Elternteil an erster Stelle bei der Vergabe der Kita-Plätze stehen.

Ich schloss die Seite und gab etwas in eine Suchmaschine ein. Daraufhin fand ich den sehr ambitionierten Blog einer Frankfurter Mutter von drei Kindern. Sie lobpreiste ihre große Erfahrung mit Kitas und der dazugehörigen Anmeldung bereits im Einleitungstext. Weiter im Artikel berichtete sie über einen genauen Schlachtplan und schilderte wie man sich einen Betreuungsplatz in Frankfurt verschaffen könne. Dazu gehörten Kitabesichtigungen im Säuglingsalter, regelmäßige Anrufe bei der Kita-Leitung und Emails mit Fotos des Kindes, um stets präsent zu sein. Damit habe sie bei allen drei Kindern einen herausragenden Erfolg verzeichnen können. Mir drehte sich der Magen um! Nein, das kann ich nicht. Nein, das bin ich nicht. Ich will keine Ostergrüße an Kitas mit Fotos meines Sohnes schicken. Ich klickte auf das kleine X im rechten, oberen Bildschirmrand und klappte den Laptop zu. Aus den Augen, aus dem Sinn.

So verstrichen die Monate bis mich irgendwann erneut die Panik packte. Zugegeben, sie packte mich, weil mich eine automatische Email der Kitaplattform zwölf Wochen vor dem gewünschten Starttermin erreichte. Dort standen erneut Tipps wie „Nutzen Sie unbedingt die Tage der offenen Tür“ oder „Nehmen Sie gerne bereits vorab Kontakt zu den Kitas auf“. Außerdem riet mir diese Email dazu, den Suchradius zu erhöhen und regelmäßig in der Restplatzbörse zu gucken. Als ersten Schritt informierte ich mich in der Restplatzbörse. Puh, alle freien Plätze lagen in den Vororten. Jeden Tag im Auto dreißig Minuten hin- und zurückzufahren im Berufsverkehr? Nein, danke! Dann meldete ich das Kind in anderen Stadtteilen an und schrieb in der Kommentarfunktion einer jeden Kita: „Gerne auch Halbtagesplatz, Mutter arbeitet ab Dezember wieder als Flugbegleiterin“. Am darauffolgenden Tag erzählte ich dem Römer äußerst aufgeregt vom Kita Dilemma. Die irrationale Panik hatte mittlerweile Regie in meinem Kopf übernommen. Mein Gatte war, wie es nicht anders zu erwarten war, sehr gelassen. „Si, si, non ti preoccupare. [Ja, ja, keine Sorge.]“ winkte er ab und lehnte sich mit dem Rücken gemütlich gegen die Stuhllehne, während er interessiert in einem sozialen Netzwerk surfte.

Klasse Tipp, danke auch. Ich war aber besorgt! Sehr sogar. Deswegen bat ich ihn inständig, mir das Kind an zumindest einem Vormittag abzunehmen, damit ich mich durch die Kitas telefonieren konnte. Er willigte ein und es passierte von beiden Seiten – nichts. Die Vormittage verstrichen meist viel zu schnell und mein Telefonvorhaben verschwand irgendwo zwischen der Wäsche, Aufräumen, Putzen, den Keller ausräumen und das Auto zum TÜV bringen. Unter matschigen Marmeladenbrotstückchen, die ich nach unserem sehr späten Frühstück gegen 11 Uhr vom Boden kratzte, geriet meine Telefonaktion vollends in Vergessenheit.

Ein paar Wochen später bäumte sich noch einmal meine Kita-Panik auf. Doch der Römer erstickte sie im Keim: „Amore, versuch‘ doch einfach den Sachen mit Gelassenheit zu begegnen. Es wird sich schon alles finden.“

Was hatte ich schon zu verlieren? Wenn ich keinen Kitaplatz zum Juni finden würde, dann vielleicht im Herbst und wenn es im Herbst nicht klappen sollte, dann vielleicht im Winter. Bis Februar 2022 hatte ich immerhin noch Resturlaub.

Nachdem ich nicht konsequent genug für meine eigene „Stress-Methode“ war und alles, was blieb, nur die ständige Anspannung war, entschied ich mich dazu, die römische Methode auszuprobieren. „Tranquilla. [in etwa: Nur mit der Ruhe.] säuselte der Römer, während wir meist schon im Auge des Stress-Sturms standen. „Andrà tutto bene.“ [Es wird alles gut.] schob er dann noch nach, lächelte und widmete sich wieder einer anderen Aufgabe. Gut, ganz so einfach machte ich es mir nicht. Ich wollte zwar gerne Gebrauch von der römischen Methode machen, brauchte aber, um mich vollends zu entspannen, einen Plan B. So bin ich gestrickt. Das kriege ich nicht aus meiner DNA. Zumindest eine grobe Aussicht wollte ich haben, falls alles in die Binsen ging. Denn „Abwarten und Tee trinken“ ist eine Sache, aber es wirklich so auszuleben wie vom Römer angedacht, ist eine komplett andere. Am zweiten Schritt der römischen Variante, „In letzter Sekunde improvisieren – und das mit größter Gelassenheit zelebrieren“, scheitere ich meistens kolossal. Bei mir brennen alle Sicherungen durch, wenn ich nicht in Ruhe Zeit habe, über die bestmöglichste Variante nachzudenken, so dass ich dann tatsächlich zu dem kopflosen Huhn werde, für das mich der Römer ab und an hält.

So dauerte es ein paar Tage bis ich die Zeit fand, mir einen Plan B zu überlegen: Sollte die römische Methode nicht klappen, werde ich 1.) ab November die deutsche Methode versuchen und alle Kitas abklappern/anrufen, 2.) notfalls meine Elternzeit verlängern müssen, um das Kind dann eventuell mit drei Jahren direkt in den Kindergarten zu schicken. Hier rechnete ich mir größere Chancen aus, da man Kinder erst ab 1,5 Jahren für den Kindergarten in Frankfurt registrieren kann. Das wäre immerhin noch nicht zu spät.

Als mein grober Schlachtplan stand, stieg ich in die römische Methode ein, was mir, als rastloser Mensch, recht schwer fiel. Ich wartete ab. Wann immer sich meine gestresste Agathe, die ökologisch-korrekte Nordendmutter mit dem Lastenfahrrad, meldete und mir eindringlich ins Gewissen redete, dass das doch irre sei, sich um überhaupt nichts zu kümmern, beschwichtigte ich sie mit den Worten, dass man das wie eine Meditation behandeln müsse. Dann zitierte ich noch eine Kalenderblattseite „Alles kommt zur Rechten Zeit in dein Leben. Du musst nur Geduld haben!“ Meine innere Agathe tobte. Passiv-aggressiv, versteht sich. Sonst sehr auf die angemessene, friedvolle Kommunikation vertrauend, rastete sie jetzt komplett aus: „Wir sind in FRANKFURT!! Du findest mit dieser Einstellung nie einen Kita-Platz. Bist du von allen guten Geistern verlassen? Als ob, ohne Vorstellung, ohne vorheriges Telefonat, ohne Email-Grüße von Signorino, dich IRGENDWER anrufen wird – außer vielleicht der psychosoziale Notdienst!“ Ich ignorierte sie, schließlich war ich jetzt zu einer fleischgewordenen, weiblichen Version des Römers geworden. Gelassen schlappte ich in die Küche und machte mir einen Espresso. Signorino nahm derweil das Wohnzimmer auseinander. Ich lächelte entspannt und legte mir noch einen Cantuccio auf den Espressountertassenrand. In aller Ruhe setzte ich mich an den Tisch, beobachtete Signorino wie er dreihundert verschiedene Bauklötzchen durch die Gegend warf, und rührte einen halben Löffel voll Zucker in die fast schwarze Flüssigkeit. Es fehlte nur noch, dass ich auf die Erdumdrehung vertraute, die den Zucker schon verrühren würde. Aber das fand selbst ich, die lockere Römerin, affig.

So verstrichen die Tage und Wochen. An einem Donnerstag Ende März waren wir am Flughafen, um nach Albanien zu fliegen. Genau an diesem Donnerstag rief Frau Det an. Das hörte ich allerdings nicht, was daran liegen mag, dass ich mit Signorino unzählige Runden am Flughafen drehte. Das stets laufende Kleinkind betrieb Gatehopping und wir sorgten für sehr gute Unterhaltung zwischen den wartenden Passagieren.

Als ich kurz vor Boarding auf mein Telefon blickte, erspähte ich zwei entgangene Anrufe. Frankfurter Nummern. Ich vermutete, es wäre mein Zahnarzt, der mir mitteilen wolle, dass die nächste, ungeliebte Prophylaxe anstünde. Vorsichtshalber googelte ich die Nummer. Die Suchmaschine teilte mir mit, dass die Telefonnummer einer Frankfurter Kita gehöre. Alles fiel mir aus dem Gesicht: Klappte die römische Variante etwa doch? Ich klickte auf die Kategorie „Anrufbeantworter“ und hörte ihn ab. Die Computerstimme schaltete sich ein: Heute, 9:37 Uhr, dann ging die Ansage über zu einer sympathischen Stimme: „Hallo Frau Farniente, hier ist Frau Det von der Kita. Wir hätten einen Platz für Signorino. Bitte rufen Sie bis 12:00 Uhr zurück, sonst muss ich den Platz anderweitig vergeben.“ Geschockt guckte ich auf die Uhr. Es war bereits 11:30 Uhr. Die Bodenmitarbeiter befanden sich in den letzten Zügen, um zeitig mit dem Boarding zu beginnen. Ich gab dem Römer, der mittlerweile mit dem rennenden Kleinkind beschäftigt war, zu verstehen, dass ich ein dringendes Telefonat führen müsse. Zwei Gates weiter fand ich eine ruhige Ecke. Irgendwo zwischen Herren- und Damentoilette, rief ich Frau Det zurück. Es tutete zweimal, dann hob sie ab. Eindeutig übernahm jetzt die ambitionierte, innere Agathe. Mein Redeschwall ergoss sich über Frau Det. Nachdem ich fertig geredet hatte, fragte sie höflich: „Sind Sie denn interessiert an dem Platz?“ In diesem Moment fragte ich mich, ob irgendein Elternteil jemals nein sagen würde. Überschwänglich bejahte ich und fügte hinzu, dass das einem 6er im Lotto nahekäme. Zumal ich mir weder die große Hafenrundfahrt gegönnt hatte, um Kitas zu besichtigen, noch jemals irgendwo angerufen hatte. Ich hab mich einfach im Online-System eingetragen und gewartet. Aber das wissen Sie ja bereits. Frau Det erklärt mir den Ablauf und sagte, dass ich mir am kommenden Donnerstag die Räumlichkeiten angucken könne. (Ich dachte für mich: Solange auf dem Kita-Hof keine Drogen verkauft oder gedealt würden, wäre jede Kita für mich Recht. Obwohl, wir befanden uns in Frankfurt. Selbst das könnte man in späteren Lebensläufen noch als Berufserfahrung im „Sales Department“ deklarieren. )

Ich bestätige den Termin. Donnerstag! Wunderbar. Im Hintergrund wurde Herr Ramirez lautstark in Deutsch, Englisch und Spanisch zu Gate Z22 gebeten, denn der Flug nach Cancun würde gleich den Boardingprozess beenden. Ich brüllte dagegen an und hoffte, dass mich Frau Det verstünde. Und das tat sie, denn sie fügte noch hinzu: „Kommen Sie mit Kind und medizinischer Maske!“ Klaro, das sollte ich hinkriegen. Notfalls würde ich auch im pinken Einhornkostüm mit Holzclogs kommen, wenn mir das einen Kita-Platz verschaffen würde.

Am darauffolgenden Donnerstag war es dann soweit. Wir besichtigten die Kita. Frau Det, eine überaus freundliche, herzliche Person, zeigte mir die Räumlichkeiten. Die zwei Erzieherinnen seiner zukünftigen Gruppe, waren ebenso anzutreffen. Zwei resolute, aber äußerst angenehme Damen, die aussahen, als würden sie bei keinem Trotzanfall der Welt mehr mit der Wimper zucken. Man zeigte mir außerdem den Balkon, die Außenanlage und die Wickelmöglichkeiten. Dann gingen wir ins Elterngesprächszimmer. Frau Det erklärte mir alles mit sanfter, ruhiger Stimme. Viele Ausflüge würde man in dieser Kita machen. Aber das fiel Corona leider zum Opfer. Man arrangiere sich, so gut es ginge, erklärte sie. Man sah Frau Det an, dass auch sie und ihr Team an dieser Situation deutlich zu knabbern hatten. Am Ende des Gesprächs, sagte Frau Det: „Überlegen Sie es sich gerne in Ruhe. Besprechen Sie es mit Ihrem Partner, ob Sie Ihren Sohn hier in die Kita geben wollen und melden Sie sich gerne morgen.“ Ich nickte und antwortete: „Frau Det? Darf ich auch gleich „Ja“ sagen? Ich habe so einen guten Eindruck, ich bin mir sicher, dass mein Mann damit einverstanden ist.“ Warum sollte er auch nicht einverstanden sein? Er hätte die Kita eh nicht besichtigen können aufgrund der Pandemie und musste auf mein Urteil vertrauen. Frau Det lachte bei meiner prompten Zusage. „Aber natürlich! Wunderbar. Wir freuen uns!“ Ich guckte auf Signorino. „Wir auch!“. Das Händeschütteln ließen wir aus. Corona.

Als Frau Det uns zehn Minuten später verabschiedete, ich Signorino anzog und wir aus dieser Hinterhofoase an die große Straße gespült wurden, musste ich grinsen. Verrückt! Die römische Methode funktionierte – und das ganz ohne Stress und Anstrengung.

Nun stand es bei den Elternaussagen immerhin 5 zu 2.

Frankfurter Impressionen

Ich habe allergrößtes Verständnis, am Montag erst um 13:00 Uhr zu öffnen. Das Wochenende war lang und sonnig und wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre ich an dem Schild nicht schon um 8:45 Uhr vorbei geschlürft, sondern erst gemütlich gegen 13:00 Uhr.

In diesem Sinne: Starten Sie gut in die neue Woche! ☀️ Und hoffentlich haben Sie auch erst ab 13:00 Uhr “geöffnet”. Mein Verständnis wäre ganz auf Ihrer Seite!

Der Freitagsrapport | KW23

Die Schweigespirale

Momentan beschäftige ich mich intensiv mit den Theorien und Modellen der Kommunikationswissenschaft. Das Warum und Weshalb soll für die Schweigespirale keine Rolle spielen. [Anmerkung: Doch wie Sie mich kennen, werde ich Sie gerne in den nächsten Wochen über das Warum und Weshalb informieren. 😉 ]

Die Schweigespirale wurde von Elisabeth Noelle-Neumann formuliert und ließ mich die ganze Woche nicht los. Immer wieder dachte ich über dieses Modell, dass ich Ihnen nachfolgend vorstelle, nach. Die Theorie besagt, kurz zusammengefasst, dass die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas abhängt.

Dies könnte in ungefähr so aussehen:

  • Die meisten Menschen fürchten soziale Isolation.
  • Menschen beobachten daher ständig das Verhalten anderer, um einschätzen zu können, welche Meinungen und Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit Zustimmung oder Ablehnung finden.
  • Menschen üben Isolationsdruck auf andere aus, beispielsweise, indem sie den Mund verziehen oder sich abwenden, wenn jemand etwas sagt oder zeigt, das von der öffentlichen Meinung missbilligt wird.
  • Menschen neigen dazu, ihre eigene Meinung zu verschweigen, wenn sie denken, dass sie sich mit ihrer Meinung dem Isolationsdruck anderer aussetzen würden.
  • Diejenigen hingegen, die öffentliche Unterstützung spüren, neigen dazu, ihre Meinung laut und deutlich zu äußern.
  • Laute Meinungsäußerungen auf der einen und Schweigen auf der anderen Seite setzen den Schweigespiralprozess in Gang.
  • Dieser Prozess entzündet sich typischerweise an emotional aufgeladenen Themen.

Vielleicht mag es an den aktuellen Geschehnissen liegen, zu denen man eine Meinung haben kann (oder auch nicht), aber genau hier könnte beispielsweise eine Schweigespirale in die eine oder andere Richtung einsetzen.

Wer sich etwas genauer zur Theorie der Schweigespirale informieren möchte, findet alle weiteren Infos hier. Generell möchte ich diese kommunikationswissenschaftliche Theorie ganz isoliert von der Person Noelle-Neumann betrachten. Dass auch Elisabeth Noelle-Neumann nicht ohne kritisch zu betrachtende Vergangenheit war, können Sie hier nachlesen.

Quellenangabe: http://www.noelle-neumann.de/wissenschaftliches-werk/schweigespirale/

Das Fundstück der Woche

Das Fundstück der Woche liegt mir diese Woche besonders am Herzen. Alles fing mit einem Tapetenwechsel an – und zwar dem Tapetenwechsel von Sonja. Sie führte sechs Jahre lang den wundervollen Blog „Frauen und Islam“ und entschloss sich, dass es nun an der Zeit wäre, einen neuen Blog zu eröffnen. Dabei suchte sie sich, um beim Beispiel der Tapete zu bleiben, eine überaus geschmackvolle Tapete aus. Gewohnt humorvoll berichtet sie über all das, was sie bewegt. Von der Erkenntnis, dass sie endlich Suppe kochen kann, in welcher absurden Szenerie sie ihren „pretty, pretty husband“ geheiratet hat [das steht aber noch im alten Blog] und wie man eine Familienkutsche like a boss kauft. Der Clou bei ihrem Blog ist dabei aber nicht nur ihr einmaliger Humor (allein der wäre es schon wert, ihr zu folgen), sondern auch ihr großes und faktenbasiertes Wissen über den Islam. Sie klärt auf, vermittelt und tut dies, ohne belehrend zu wirken.

Wenn Sie nun neugierig geworden sind, dann schauen Sie bei Sonja gerne einmal vorbei: [Hier geht’s lang!]

Trick 17

Haben Sie gewusst, dass es (Kleinkinder)-Schlafsäcke mit Füßchen gibt? Nein? Ich auch nicht. Ein Glück habe ich es noch herausgefunden, bevor das Kind 18 Jahre alt ist. So sind Signorino und wir, als seine Eltern, mit dieser Erfindung von nun an im Glück. Signorino, weil es ihm endlich im Schlafsack gelingt, sich ordentlich (und rasch) fortzubewegen. Wir, weil das Kind nicht mehr alle paar Schritte aufgrund seines unhandlichen Schlafsackes umfällt. Die Füßchen kann man nutzen, muss man aber nicht. Wie so etwas aussehen könnte, können sie auf nachfolgendem Bild bewundern.

[Es gibt auch Erwachsenen-Schlafsäcke mit Füßen, habe ich gesehen. Vielleicht ist das für den ein oder anderen eine nette Idee fürs Homeoffice. 😉]

Der Lacher der Woche

Bei diesem Transporter eines Abbruchunternehmens ist wirklich alles stimmig gestaltet. Besonders gefällt mir der Slogan „the art of demolation“. Das nahmen die Herren dieser Firma auch wirklich wörtlich. Sie waren schwer am Schuften für ihre Kunst!

Das Bild der Woche

Das Bild der Woche zeigt mal wieder eine Köstlichkeit, die der Römer nach der Arbeit mitgebracht hat. „Sandra“, so heißt das Schokotörtchen, welches aus Himbeer-Schokoladenmousse, Ceylonzimtcreme und Mandelbisquit besteht. Kurzum: Es war so lecker wie es aussieht.

Für alle Frankfurter (und Frankfurt affinen Personen) kann man diese und weitere Köstlichkeiten hier kaufen:

L’Art Sucré* [Große Bockenheimer Str. 25, 60313 Frankfurt am Main]

Hier geht’s zum Online-Shop und hier zur Homepage.

*Werbung, wie gewohnt unbezahlt und unbeauftragt

Kommen Sie gut in ein stressfreies Wochenende voller Sonnenschein, Flieder- und Magnolienduft und einer Tasse Kaffee auf der Piazza ihrer Wahl!

Wie Eltern Kinderkrankheiten durchstehen

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ sagt man, oder schöner, weil ursprünglicher: „lupus est homo homini.“ Ein Halbsatz, der von einer Komödie von Titus Maccius Plautus übernommen wurde, leitet meist einen sozialkritischen Artikel ein, werden Sie denken. Aber nein, liebe Leser! Vielmehr beschreibt es den Umgang zwischen dem Römer und mir, wenn Signorino krank ist.

Ein Glück passiert das nicht so häufig. Das erste und letzte Mal hatte unser Ableger Fieber als Nebenwirkung einer der zahlreichen Impfungen im ersten Lebensjahr. Wir wussten, woher es kommt. Wir gaben ein schmerzstillendes Zäpfchen. Das Kind beruhigte sich. Die Nacht war holprig. Das Leben plätscherte, unberührt davon, einfach so weiter.

Doch diesmal war es anders: Am Donnerstag, dem Feiertag, fing es an. Das Kind war wärmer als sonst. Als Mutter und lebendes Fieberthermometer erkenne ich die geringste Veränderung der kindlichen Körpertemperatur. Meine Messung erfolgt meist durch einen flüchtigen Kuss auf die Signorino’sche Stirn. Eine andere Messtechnik ist eine klebrige, einen Moment zu lange verweilende, kindliche Patschehand an meiner Wange. So teilte ich dem Römer sofort meine Beobachtung mit, während wir am Rand des Sandkastens saßen. Der Römer starrte seine nackten Zehen in den offenen Schuhen an und fragte sich vermutlich, wie er mit seinem akkurat gebügelten Leinenhemd und den Bermudashorts auf dieser dreckigen Sandkastenbegrenzung Platz nehmen konnte. „Ancora?! [Schon wieder?!] Das sagst du immer.“ , antwortete er und klopfte etwas Sand von seiner beigen Hose. „Er scheint doch ganz fit zu sein.“, schilderte er daraufhin seinen Eindruck. Aufmerksam beäugten wir jeden Tapser des kleinen Farnientes, der eifrig eine grüne Kindergießkanne durch die Sandkiste warf. „Jaaa….aber irgendetwas ist anders.“, äußerte ich meinen mütterlich geleiteten Verdacht. Der Römer bestand darauf, abzuwarten. Klar, was hätten wir auch machen sollen? Es war Feiertag. Und besonders faktenbasiert war meine, vom Instinkt geleitete, Vermutung eben auch nicht. Außerdem war es sommerlich-warm draußen. Dazu sprang das Kind wie ein Perpetuum mobile über den weitläufigen Spielplatz. Am Ende war es vielleicht nur der schwül-warmen Außentemperatur geschuldet, dass ich den Eindruck hatte, er wäre wärmer als sonst.

Nach einiger Zeit sammelten wir das überall verteilte Sandspielzeug ein und trotteten zur römischen Pizzeria des Vertrauens. Dort angekommen schnackten wir eine Runde mit Daniele, dem Pizzabäcker und gerieten bei der Rückkehr nach Hause in den ersten, sommerlichen Platzregen des Jahres. Dabei lagen zuerst die Pizzen im Kinderwagen und Signorino weilte auf dem Arm des Vaters, da er seinen Buggy als momentan unzumutbar beurteilte. Dann ächzte die Armmuskulatur des Römers nach einem Kilometer unter dem Gewicht des Kindes. Er bestand darauf, dass das Kind in den Kinderwagen gehörte. Die drei, deutlich leichteren Pizzen sollten stattdessen auf dem römischen Arm weilen. Dieser Gedanke wurde mit großem Unverständnis seitens Signorinos aufgenommen. Doch der Römer gewann. Im feucht-warmen Gewitter flüchteten wir nach Hause. Signorino war bei diesem Spurt lediglich von ein paar, wenigen Tropfen getroffen worden. Dies war in allererster Linie seiner wasserdichten Plastikhülle über dem Buggy zu verdanken. Wir Erwachsenen trieften vor Regenwasser als wir daheim angekommen waren. Rasch assistierten wir dem lautstark zeternden Signorino beim Kleiderwechsel. Auch wenn die Anziehsachen des Kindes kaum nass waren, so bestand ich dennoch darauf, den Ableger vorsichtshalber in den hellblauen Schlafanzug zu verfrachten. Als wir ihn umzogen, bemerkte der Römer das vorhin von mir geäußerte Phänomen: „Non lo so, ma… [Ich weiß nicht, aber…] das Kind ist irgendwie wärmer als sonst.“ Ich ersparte uns allen mein obligatorisches „Hab‘ ich dir doch gesagt.“ und nickte nur sehr besorgt. Ja, irgendwie schien die Körpertemperatur des Kindes etwas höher als sonst zu sein. Nach dem Essen brachten wir Signorino planmäßig ins Bett. Recht schnell schlief er ein.

Der Römer und ich widmeten uns unserer Feierabendbeschäftigung, die daraus bestand, dass ich die chaotische Ablage aller angesammelten Briefe der letzten sechs Monate sortierte und er in einem Fachbuch las. Doch ich konnte kaum die ersten Briefe von Ende Mai 2021 abheften, als das Kind lautstark krisch. Routiniert ging ich ins Schlafzimmer, bewaffnet mit einer Flasche Wasser, und war noch so naiv zu glauben, dass er gleich wieder einschlafen würde. Vermutlich war das auch mein Glück! Denn hätte ich gewusst wie die Nacht verlaufen würde, wäre ich als Nichtraucher wohl mit quietschenden Reifen „Zigaretten holen“ gefahren. Ich versorgte den jungen Mann mit Wasser, gab sicherheitshalber noch etwas Zahn-Gel auf den Schnuller und begann das Kind in den Schlaf zu singen. Sogleich fielen die müden Äuglein zu, nur um Sekunden später wieder aufzuleuchten. Ähnlich wie zwei große Stadionscheinwerfer funkelten sie im Halbdunkeln. Dies wurde von einem sirenenhaften Schreien untermalt. Als nicht mehr ganz neue Mutter stürzte ich mich ins „Troubleshooting“ und begann meine eigens konzipierte Liste abzuarbeiten. Nichts half! Kein schnulziges Musikvideos wie sonst, kein Schnuller, kein Kuscheln, keine akrobatische Nummer, in der ich singend mit einem Elefanten und einem rosa Einhorn jonglierte. Stattdessen schrie das Kind aus vollem Halse. Es wurde auch nicht müde. Ganz im Gegenteil! Immer mehr brüllte es sich in Rage. Nach dreißig Minuten erfolgloser Fehlerbehebung und einem leichten Surren auf meinem rechten Ohr, wusste ich nicht mehr weiter. Zeitgleich wurde der Römer durch eine göttliche Fügung (oder Signorinos ohrenbetäubendes Geschrei) ins Schlafzimmer geleitet. In die Hand hatten ihm die Götter ein Fieberthermometer und ein dazugehöriges Zäpfchen gedrückt, wie es schien. „Ja…ja… mach mal!“ brüllte ich gegen das kindliche Geschrei an. Der Römer desinfizierte das Fieberthermometer und unter lautem Gekreische maßen wir Fieber bei dem kleinen, kreischenden und knallroten Bündel. 37.9 °C zeigte das Thermometer an. Erhöhte Temperatur. Aber das Kind schien Schmerzen zu haben, also schickten wir das Zäpfchen auf seine Reise, was mit einem sich windenden Kind wahrlich nicht einfach war. Nach einer viertel Stunde beruhigte sich der kleine Kerl und das Kreischen verwandelte sich in ein herzzerreißendes Wimmern.

Mein römischer Gatte und ich waren nervlich und körperlich stark angeschlagen. Durchgeschwitzt bis auf das Unterhemd saßen wir auf dem Sofa. Der gequält wirkende Minimensch drückte sich gegen meinen Oberkörper und hielt mit beiden Händen meine rechte Hand ganz fest. Er schniefte und jammerte dabei. Es war mittlerweile Mitternacht.

Nach einer Weile legten wir ihn erneut schlafen, was uns, vermutlich durch das Fieberzäpfchen, recht rasch gelang. Erschöpft schliefen wir, den kleinen Mann wie zwei Klammern flankierend, ein. Nach zwanzig Minuten weckte uns ein ohrenbetäubender Lärm. Die Signorino’sche Sirene war wieder aktiviert worden und er schrie und schrie. Wieder gingen wir zum Troubleshooting über, versuchten alles vom fehlenden Schnuller bis zum Öffnen des Schlafsackes. Kekse wurden gebracht, dann Wasser, kurz darauf lauwarmer Kamillentee, doch er ließ sich nicht beruhigen. Es wurde geschukelt, gesungen, selbst das blinkende, laute Spielzeugauto wurde ausgepackt. Doch es war zwecklos! Nach einer Stunde durchgehendem, körperlich schmerzendem Plärren, fingen wir Eltern an, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Wir warfen uns spitze Kommentare vor die Füße, die nur zum Zweck hatten, von unserer absoluten Hilflosigkeit abzusehen. „Jetzt guck doch mal bei Google* nach, was das sein könnte!“, motzte ich den Römer an. Das Kind bebte und heulte unverändert weiter. Der Römer folgte meinem dämlichen Kommentar, nachdem er merkte, dass eine Diskussion mit einer aufgebrachten Mutterfurie zwecklos erschien. Er gab irgendetwas mit „febbre“ [Fieber] „bambino“ [Kind] und „non smette di strillare“ [hört nicht auf zu schreien] ein. Dann wischte er wenig überzeugt einige Minuten durch die Suchergebnisse und legte schlussendlich das Handy weg. „Das ist doch alles Quatsch!! Als ob Dr. Google eine ordentliche Diagnose stellen könnte!!“ schmetterte er mir entgegen. Ich, immer noch absolut ohnmächtig in der Situation mit dem kreischenden Signorino, der sich partout nicht beruhigte, verfing mich in einem gepfefferten Wortschwall, der nur zeigte, wie überfordert und wenig rational ich in einer Ausnahmesituation war. Denn natürlich hatte der Römer vollkommen Recht! Dr. Googles Diagnosen sind zwar gut gemeint, nicht aber gut gemacht.

In meinem Tunnel aus Erschöpfung und Verzweiflung ließ ich mir das Handy geben. Das Kind, das immer noch aus voller Lunge brüllend versuchte, in mich zu kriechen, erschien mir noch etwas wärmer als vorhin. Ich nahm die Sache selbst in die Hand und suchte im Internet nach Diagnosen. Der Römer stand einfach nur neben uns. Was hätte er auch tun sollen? Es gab nichts zu tun außer das Geschrei Signorinos auszuhalten. Während ich panisch und aufgebracht nach jedem Strohhalm, den mir die Suchmaschine ausspuckte, griff, riss sich der Römer los und desinfizierte erneut das Fieberthermometer. „Hirnhautentzündung?!“, sprach ich erschrocken in die Nacht. Na klar, die Symptome passten alle! „Das ist doch vollkommen unwahrscheinlich! Signorino ist einfach nur müde und hat Fieber.“, antwortete der Römer ernst. Er nahm mir den nach Luft schnappenden und immer noch plärrenden Signorino ab, der daraufhin komplett ausrastete. Keiner durfte ihn von seiner Mutter trennen. „Was machen wir jetzt? Fahren wir ins Krankenhaus?“, wollte ich vom Römer wissen. Mittlerweile schrie das Kind seit zweieinhalb Stunden durch, ohne dass es auch nur einen Hauch seiner Stimmgewalt einbüßte. Bereits als Säugling war das seine große Stärke, aber ich war mir sicher, dass wir diese Phase bereits hinter uns gelassen hatten. „Wir ziehen uns mal an und setzen uns ins Auto. Nimm sicherheitshalber die Krankenkassenkarte von Signorino mit!„, übernahm der Römer das Ruder. Ich lief immer noch wie ein kopfloses, panisches Huhn durch die Wohnung. Ein brüllender Säugling ist eben ein ganz anderer Katalysator in einer fiebrigen Situation als ein ruhig vor sich hin fieberndes Kind. Ich streifte mir irgendein Oberteil über, das vermutlich dem Römer gehörte. Aber in dieser Situation, um zwei Uhr nachts, waren meine modischen Ansprüche absolut nichtig. Dazu hüpfte ich in eine Hose, deren alleiniger Besitz schon mehr als zweifelhaft war. Angezogen wirkte sie noch etwas lächerlicher als in meiner Hand. Aber auch das war mir vollkommen egal! Ich wollte nur, dass unser Ableger endlich, endlich aufhörte zu schreien. Denn ich verstand meine eigenen Gedanken nicht mehr.

„Autoschlüssel, Hausschlüssel, Krankenkassenkarte, Wasser für Signorino?“, fragte der Römer stakkatoartig. Ich nickte wie in Trance. Ja, ja. Alles da. Hastig rissen wir die Wohnungstür auf. Das Kind schniefte einen Moment und guckte sich im dunklen Hausflur um. Dann eilten wir zur Haustüre und waren im Freien. Signorino drehte seinen Kopf neugierig in alle Richtungen, musterte den weißen Sportwagen der Labradoodle-Nachbarn und den silbrig glänzenden Grill der Nachbarn. Er war so mit Gucken beschäftigt, dass er vermutlich komplett vergaß, dass er seit mehreren Stunden durchschrie wie am Spieß. Irritiert gingen wir zum Auto. Das Kleinkind ließ sich genügsam anschnallen und gluckste, als ich den Motor des Autos startete. Der Römer saß bei ihm im Fond und hielt seine warme Hand. Es war zwei Uhr dreißig morgens. Außer ein paar jugendliche E-Roller Fahrer und wenige Autos, die ungehindert durch die Innenstadt glitten, schlief Frankfurt den Schlaf der Gerechten. „Und jetzt? Ins Krankenhaus ist doch auch irgendwie doof jetzt, oder?“, interessierte mich die Meinung des Römers. „Secondo me, basta di fare un giro. [Ich glaube, es reicht eine Runde im Auto zu drehen.]“, sprach der Römer. Wir fuhren von Ost nach West. Von West nach Nord und dann in den Süden Frankfurts. So lernte ich, dass es momentan eine Baustelle auf der Bockenheimer Landstraße gab. Außerdem wurde das furchtbar hässliche Gebäude am Opernplatz 2, schräg gegenüber der Alten Oper, abgerissen. Staunend fuhr ich uns durch eine Stadt, die mir vollkommen unbekannt schien. Vermutlich ist es wahr, dass man mit einem Kleinkind nur im eigenen Stadtviertel umher zirkelt.

Als ich beinahe einen rot-weißen Leitkegel auf der Straße übersah, beschloss ich, dass es jetzt an der Zeit wäre, heimzukehren. Innerlich betete ich, dass der Parkplatz vor der Tür noch frei wäre. Ansonsten müsste ich das Auto um diese Zeit in die 700 Meter entfernte Tiefgarage bringen und dazu hatte ich am frühen Morgen wirklich überhaupt keine Lust. Langsam rollte ich unsere Wohnstraße entlang und sah, dass mein vorheriger Stellplatz direkt unter unserem Wohnzimmerfenster immer noch unbesetzt war. Juhu! Wenn jetzt noch das Kind schlafen würde, wäre das eine wirklich erfolgreiche Fahrt gewesen. Aber nein! Das Kind war noch wach. Immerhin war es gefestigt genug, als dass es wieder ab und an gluckste und nicht mehr ohrenbetäubend krisch. Der Römer nahm den kleinen Menschen aus seinem Autositz und trug ihn ins Haus. Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, lehnte meinen schwergewordenen Kopf gegen das Lenkrad und atmete tief durch. Ob ich einfach hier schlafen könnte? Wahrscheinlich war der römische Ehemann dagegen und auch das Kind würde sich wieder die Seele aus dem Leib brüllen.

Ich nahm meine Tasche, sperrte das Auto ab und ging ins Haus. Ein kleiner, rotbackiger Signorino begrüßte mich und gähnte herzhaft. Es war beinahe vier Uhr. Wir schliefen ein, wurden aber im weiteren Verlauf der Nacht alle vierzig Minuten von einem schrillen Signorino-Schrei geweckt, der bald darauf wieder einschlief.

Um acht Uhr war die Nacht vorbei und wir am Ende. Ich rief die Kita an und teilte mit, dass Signorino heute definitiv nicht eingewöhnt werden würde. Am Ende des Gesprächs wünschte ich ein geruhsames Wochenende. Dann rief ich den Kinderarzt an und mir fiel beinahe das Telefon aus der Hand, als die freundliche Anrufbeantworterstimme flötete, dass das Praxisteam den Brückentag zum Anlass nahm, erst am Montag wieder die Praxistüren zu öffnen. „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und hoffen, Sie haben ein angenehmes Wochenende.“ , zwitscherte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich legte auf und fragte mich, ob der letzte Satz pure Bosheit oder kristallklare Ignoranz war? Wenn jemand an einem Freitagmorgen beim Kinderarzt anrief, dann würde er das wohl nicht tun, weil er über seine geruhsamen Wochenend-Pläne plaudern will. Sicherlich mochte es auch hier einige, wenige Ausnahmen geben. Aber ich hier hatte ein fieberndes Kind! Außerdem bin ich eine unerfahrene und deswegen panische Mutter eines Einzelkindes!

Ich informierte mich, ob es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gäbe. „Male.“ [Schlecht.]“ murmelt der Römer, während er über meine Schulter guckte und das leidende Kind schaukelte und schuckelte. Ja, wirklich male. Der Bereitschaftsdienst würde sich zu seiner Bereitschaft erst ab 16 Uhr bekennen. Ich atmete lange aus. Dann griff ich nach einem letzten Strohhalm. Wer vier Kinder groß gezogen hatte, der würde sicher auch einen Tipp für den fiebernden Enkel und die panische Tochter haben. Ich rief meine Mutter an. Und siehe da: Wie nicht anders zu erwarten war, hatte sie nicht nur einen Tipp, sondern einen bunten Strauß voller Lösungen parat. Wir befolgten ihren Crashkurs zum Thema „krankes, fieberndes Kind“ und hielten uns strikt an ihre Vorgaben. Bereits am Nachmittag ging es Signorino besser. Er trank wieder etwas regelmäßiger, außerdem aß er ein wenig Brot und, das war noch viel wichtiger, das Fieber ging langsam zurück.

Die darauffolgende Nacht war, dank eines intensiven Nachtschrecks, noch einmal herausfordernd. Diesmal half auch keine frische Luft mehr. Letztendlich hielt ich das Signorino’sche Geschrei neben mir einfach aus, während er wütend die Wasserflasche und seinen Gladiatioren-Bär durchs Schlafzimmer warf. Aus lauter Verzweiflung versuchte ich mit ruhiger Stimme ein Kinderbuch vorzulesen. Ob es dabei mir mehr half oder ihm, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir uns beide beruhigten. Ich etwas schneller als er. Nach etwa einer Stunde und vierzig Minuten Dauergeschrei aus voller Lunge entspannte sich der Ableger und schluchzte nur noch ab und an. Er wachte zwar im 30 Minutentakt jammernd auf, aber kuscheln reichte ihm vollkommen. Nur der körperliche Kontakt zu mir durfte bloß nicht abreißen, sonst ging die Sirene wieder los. Am nächsten Morgen war das Fieber weg und die erhöhte Temperatur ebenfalls.

Der Römer und ich lagen uns am Morgen erschöpft und geschafft in den Armen. „Wie andere Leute mehr als ein Kind haben können, bleibt mir ein Rätsel.“ flüsterte mir der Römer ins Ohr. „Für mich ist das Thema eh durch. Ich schaffe pro Leben nur ein Kind.“ Dann umarmten wir uns nochmal ganz fest. Der Römer gab mir einen Kuss auf die Wange. Doch sogleich schob sich eine kleine Hand zwischen das römische und mein Knie und zwei grün-blaue Augen blitzten uns schelmisch an. „MamaPapa!“ maunzte Signorino, ließ sich auf den Boden plumpsen und klopfte mit einem Holzkochlöffel auf den Teppich. MamaPapa machten sich einen dritten Kaffee und gähnten sehr lange und intensiv.

Leider reichen meine Lateinkenntnisse für meine, aus dieser Krankheit gewonnene Weisheit nicht aus, aber der Satz geht in etwa so: Der Elter ist dem Elter ein Wolf, insbesondere, wenn das Kind seit Stunden wie am Spieß schreit.

[*Werbung, unbezahlt]

WMDEDGT – Juni 21

Es ist mal wieder soweit: Wie jeden 5. des Monats will Frau Brüllen wissen: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ oder, etwas knapper, WMDEDGT?

10:00 Uhr Die Nacht war holprig. Aber das Kind fiebert nicht mehr und das finde ich nach aufregenden Tagen (und noch aufregenderen Nächten) ziemlich gut, auch wenn unser Ableger heute Nacht im Halbstundentakt aufwachte und jedes Mal spitz schrie. Ich wische etwas auf dem Telefon hin und her und war froh, dass die samstägliche Kategorie „Anderswo“ bei Geschichten und Meer | La Mère Griotte bereits veröffentlicht wurde. Dort entdecke ich auch den aufklärenden und überaus interessanten Artikel zum Thema Gendern. Dann beschließe ich, aufzustehen. Der eigentlich noch dösende Signorino findet das aber so blöd, dass er laut schreit. Nun gut. Dann bleibe ich eben noch liegen.

10:40 Uhr Der römische Gatte schwingt sich aus dem Bett und steuert in Richtung Bad. Dabei lässt er die Schlafzimmertür offen. Eine gigantische Wolke Knoblauchgestank zieht ins Schlafzimmer und mir wird blümerant. Wenig später schimpfe ich leicht mit dem römischen Gatten. Er solle sein (knoblauchiges Koch-)Zeug zeitnah wegräumen, erkläre ich ihm. Der römische Gatte führt aus, dass er aufgrund der schwierigen Lage mit dem Kind keine anderen Möglichkeit hatte abzuspülen und nicht einmal seinen liebevoll zubereiteten, albanischen Knoblauch-Joghurt (total erfrischend im Sommer; die deutsche Gattin stößt auch kaum auf) verspeisen konnte. Immerhin: Auch das Kind ist wach aufgrund des penetranten Geruchs. Wir stehen endgültig auf!

11:00 Uhr Wie gewohnt will ich mein Handy an unserem quasi einzigen Ladegerät anstecken, bis ich sehe: Huch! Das Kabel ist abgeknickt und damit kaputt. Ich informiere den Römer gewohnt aufgeregt, der ebenso gewohnt lässig reagiert. Er sei sich sicher, da müsse noch ein weiteres Ladekabel sein. Auch ich erinnere mich jetzt dunkel. Es scheitert allein am Auffinden dieses Kabels. Da wir hungrig und aufgrund der letzten Tage unansehnlich sind, beschließe ich die Vorzüge der Großstadt zu nutzen und Frühstück mit den letzten 4% meines Akkus zu organisieren. Das kommt bei allen Familienmitgliedern gut an. Sie machen sich hungrig über eine Vielzahl an rasch gelieferten Franzbrötchen her.

12:00 Uhr Der hohe Zuckeranteil des Franzbrötchens beflügelte anscheinend meinen Geist. Blitzartig schießt mir der mögliche Aufenthaltsort des Handy-Ladekabels in den Kopf. Noch ehe ich den Satz mit dem vermeintlichen Verbleib des Kabels fertig ausgesprochen habe, ist der Römer bereits in seinen „Ciabatte“ [Hausschuhen] aus dem Haus gehechtet, um sein lebensnotwendiges Mobiltelefon wieder in Betrieb zu nehmen. Es ist nur noch bei 4% Akku. Er wird fündig und kehrt triumphierend in die Wohnung zurück. Dann verbindet er das Telefon mit dem nun wieder kompletten Ladegerät. Das Telefon piepst bestätigend. Der Römer atmet erleichtert auf. Ich schlage vor, dass wir beim örtlichen Drogeriemarkt vorbeischauen, um ein zweites Ladekabel zu kaufen.

13:00 Uhr Pädiatrische, mütterliche Konsultation via Videotelefonie. Unser Ableger hat zwar kein Fieber mehr, aber ist immer noch schlapp. Ich schreibe mir eine Liste für die Apotheke. Ein Glück liegt diese neben dem Drogeriemarkt. Dreißig Minuten später sind wir alle ausgehfein und trotten bei T-Shirt Temperaturen zum Einkauf. Nach etwas längerer Suche finden wir ein Ladekabel für das Telefon, fehlkaufen beinahe Kinder-OP-Masken (sie waren für 5 Euro am Wühltisch und ich missdeutete sie als Erwachsenenmasken) und traben weiter zur Apotheke. Dort bekamen wir von der netten Apothekerin Kinder-Sonnencreme Pröbchen geschenkt. Auf nach Hause! Ich versuche den Knirps ins Bett zu bringen – ohne Erfolg. Der Römer kocht – wie immer mit großem Erfolg. Er produziert eine verboten cremige pasta rosa*. Wir vertagen das Mittagsschläfchen des Nachwuchses und essen. Danach zwei schnelle caffè. Der Römer bietet an, den Kleinen ins Bett zu bringen, da ich noch etwas erledigen muss.

16:00 Uhr Unser Ableger macht sich immer mal wieder verbal bemerkbar, hat aber dazu beide Augen fest geschlossen. Wir wechseln uns dazulegend ab. Der Römer schreibt in seiner Signorino freien Zeit einen Motivationsbrief. Ich lese etwas über Interdependenzen von Medien, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Dann bricht der Himmel auf und ein ganzes Mittlermeer an Regenwasser scheint sich über Frankfurt zu ergießen. Halleluja! Es hört gar nicht mehr auf. Die Rose vorm Fenster weiß nicht, ob sie’s gut oder schlecht finden soll. Der pitschnasse, vorbeispazierende Fußgänger sieht aus als würde er stark unter dieser regenassen Situation leiden. Ein Glück sitze ich im Trocknen, denk ich noch. Dann stoße ich ungeschickt das Wasserglas um. Ja nun.

18:00 Uhr Signorino ist erwacht, während der Römer die Tür ins Schloss zog. Letzterer düste in die Pizzeria, um seinen ehemaligen Chef und guten Freund zu besuchen. Das Kind scheint knatschig und isst zwei Stückchen Brot, zwei Stückchen Banane und drei Kekse, die er sich in einem unbeobachteten Moment selbst organisiert hat. Vermutlich hätte er noch mehr Kekse verspeist, wenn denn mehr Kekse in der Packung gewesen wären. Immerhin: Er isst! Danach spielen wir mit Bausteinen und ich mache mich daran, die katastrophal aussehende Küche in einen Ort der Sauberkeit zu verwandeln. Die Aufgabe erscheint mir so spannend, wie aussichtslos.

19:30 Uhr Der Römer ist zurück von seinem Ausflug in die Pizzeria und hat den Wochenendeinkauf im Arm. Signorino wirft ihm seine Kleinkindschuhe vor die Füße und schnallt sich meine Handtasche um. Er will wohl spazieren gehen. Wir ziehen ihn an und gehen hinaus. Nach dem Gewitter ist die Luft herrlich klar und es ist angenehm warm, aber nicht schwül. Unser Ziel ist die Schaukel am Fluss. Signorino freut sich über 25 Minuten Geschaukel, während wir uns über Erwachsenenkram (Steuererklärung, Aufenthaltstitel,…) unterhalten. Dann setzen wir den laut protestierenden Farniente in den Buggy und schlürfen nach Hause. Dort macht sich der Römer ans Kochen. Der kleine Farniente bekommt Würstchen und Brot. Er isst sehr schlecht. Das war aber schon zu erwarten.

22:00 Uhr Das Kind kann nun in beide Hände klatschen und übt diese neue Fähigkeit bis zum Umfallen. Als ich ihn in den Schlaf singen will, klatscht er dazu mit. Es dauert eine ganze Stunde bis er schließlich ausgeklatscht hat und ins Land der Träume geschwebt ist. Wir hoffen auf eine Nacht ohne Nachtschreck. Aber lassen wir uns überraschen.

Let‘s call it a day! Gute Nacht! 😴

*Es war ein Zwischending aus pasta in bianco, also Nudeln mit Parmesan, und einigen wenigen Tomaten. Die Farbe war tatsächlich zart rosa.

Der Freitagsrapport | KW22

Basilikum ist nicht gleich Basilikum

Der Römer bereitete ein pesto alla genovese [Basilikumpesto] zu, das von allen Familienmitgliedern, besonders aber vom anspruchsvollen Signorino gerne gegessen wird. Dazu sollte es Gnocchi geben. Die Portion für Signorino war als erstes fertig und er bekam sofort zu essen. Während ich Signorino gemächlich fütterte, hörte ich ein entrüstetes „Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?]“ aus der Küche, gefolgt von einem „Che schifo! [Wie eklig!]“. Ein aufgebrachter Römer kam ins Wohnzimmer stolziert. In der Hand einen Teelöffel. „Amoooore!“ setzte er an, während ich Signorino einen weiteren Löffel Gnocchi in den Mund schob. „Kannst du das mal bitte probieren? Irgendetwas ist da vollkommen schief gelaufen.“, sprach er und verzog den Mund angewidert. Warum ich etwas probieren sollte, von dem der Chefkoch bereits überzeugt war, dass es ungenießbar sei, weiß ich nicht. Aber anscheinend schmecken zwei Gaumen mehr als einer. Ich kostete und tat es dem Römer nach: Auch mein Mund geriet aus den Fugen. Damit schmeckte ich offensichtlich genau das, was der Römer auch schmeckte. Das Pesto war wirklich ungenießbar.

Aber was war passiert? Konnte sich ein Profikoch wie der Römer so täuschen?

Nein, das konnte er nicht. Aber die Einkäuferin, in Gestalt von mir, hatte sich bitterböse getäuscht. So schnappte ich mir beim Einkauf zwei Päckchen Thai Basilikum, Parmesan, Pinienkerne und Gnocchi und steuerte auf die Kasse zu. Zack! Bezahlt. Und schnell wieder heim. Dort wartete der Römer mit dem hungrigen Signorino bereits auf meinen Einkauf. „Die Blätter des Basilikums sehen heute ein bisschen klein aus.“ , kommentierte der Römer meinen Einkauf. Ich nuschelte ein „Entschuldige, aber es gab keinen anderen.“, was vermutlich nicht stimmte, aber ich griff mir eben die erstbesten Packungen. Daraufhin bereitete der Römer sein Pesto zu. Ohne es vorher abzuschmecken, bekam der hungrige Signorino die erste, beinahe salzlose Portion. Dann würzte der Römer das Pesto, daddelte auf seinem Handy herum und schmeckte die Soße schlussendlich für den Erwachsenengaumen ab. Und der Rest ist Geschichte.

Wir bestellten nach diesem Fauxpas Pizza. Thaibasilikumpesto klingt zwar aufregend, schmeckt aber ganz bescheiden. Obwohl, einen Geschmack traf dieses besondere Pesto schon: Signorino aß mit Freude alle Gnocchi mit Thaibasilikumsoße auf. Als die Pizzas da waren, verschlang er zusätzlich noch ein Stück Pizza. Geschmäcker sind eben verschieden. Und wer weiß, vielleicht wird das der nächste, große Trend?

Das Fundstück der Woche

Ein ZDF Video zeigt den Lehramtsanwärter Mohamed. Ein geflüchteter Lehrer aus Syrien, der aufgrund der politischen Lage mit seiner Familie das Land verlassen musste. Mit einem Stopp in der Türkei, ist er schlussendlich nach Deutschland gekommen. Und dort hat er in nur sechs (!) Jahren Deutsch gelernt und Lehramt studiert. Wer jemals in einer Fremdsprache studiert hat, der weiß, was das für eine wahnsinnige Anstrengung bedeutet.

Hier geht’s zum ZDF-Video!

Die Kommentare (in einem sozialen Netzwerk) unter diesem Film ließen mich jedoch erschaudern. Ich hoffe inständig, dass sie nicht repräsentativ für unsere Bevölkerung sind, aber es war schlichtweg gruselig:

1. Es wurde an der Notwendigkeit gezweifelt, dass Mohamed sein Heimatland mitsamt seiner Familie wirklich verlassen musste. Ich bin mir sicher, dass jemand, der alles in seinem Heimatland aufgibt, um mit seiner Familie ins Ungewisse zu flüchten, sicher unzählige, schlaflose Nächste darüber gegrübelt, ob es nicht doch noch irgendwie in der Heimat weitergeht. Man möge sich das einmal für sich selber vorstellen. Wer würde schon, mit oder ohne Familie, ins völlig Ungewisse flüchten?

2. Seine Frau trug in der Doku ein Kopftuch. Es wurde daraufhin geschlossen, dass Mohamed ein islamischer Fundamentalist sei, der den Schülern nur versucht, seinen Glauben aufzudrängen. Hierzu empfehle ich, die Weiten des Internets zu nutzen und sich mit dem Thema Frauen und Islam auseinanderzusetzen. [An dieser Stelle habe ich immer gerne Sonjas Blog verlinkt, aber sie hat ihn leider geschlossen. Außerdem steht er auf privat.]

3. Besorgte Mütter gaben an, dass sie nicht möchten, dass Mohamed, der nach 6 Jahren immer noch (!!) mit Akzent sprach, ihre Kinder unterrichtet, da er, in ihren Augen, kein korrektes Deutsch sprach. Dass er Mathelehrer und kein Deutschlehrer ist, interessierte die missmutige Mütter-Meute nicht.

Generell wurde mir bei diesen Kommentaren ganz blümerant. Jemand lernt in kürzester Zeit Deutsch UND studiert an einer deutschen Universität. Dazu ist er nicht Anfang 20, sondern 40 Jahre alt, hat bereits Lehramt studiert und war in Syrien seit langem Mathematiklehrer. Jemand, der sich für das Studium, für das Mohamed zugelassen wurde, an einer deutschen Universität einschreiben will, muss Sprachkenntnisse auf einem B2 Niveau nachweisen (Quelle: LMU München). Da wir hier von der deutschen Sprache reden, ist das wahrlich eine Herausforderung. Deswegen ziehe ich vor Mohameds Leistung meinen imaginären Hut! Und, verzeihen Sie mir den bitteren Kommentar am Ende: Wer eine gehässige Bemerkung unter dieses Video in einem sozialen Netzwerk schrieb, dem würde ich ans Herz legen, in Syrien ansässig zu werden und dort Mathematik zu unterrichten. Natürlich mit vorherigem Studium auf Arabisch.

Der Lacher der Woche

An den genauen Grund, warum der Römer mir zwei typische, deutsche Männernamen nennen sollte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an seine Antwort erinnere ich mich dafür umso besser.

Er antwortete mit den Klassikern unter den deutschen Vornamen: „Hellbert“ und „Thost“.

Vielleicht wird in Ihrer Familie gerade Nachwuchs erwartet? Schlagen Sie doch einmal den traditionsbewussten, norddeutsch anmutenden Vornamen „Thost“ vor.

Das Lied der Woche

Unser Nachwuchs ist sehr engstirnig, wenn es um die Musikauswahl im Hause Farniente geht. Einzig Balladen ist er gewillt zu akzeptieren. Die leisen Töne eben, die zum Nachdenken anregen. Bei jeder flotteren Nummer beschwert er sich lautstark, so dass gar kein Musikgenuss mehr möglich ist. Und so hörten wir letzte Woche sehr, SEHR oft dieses Lied von Ermal Meta und Elisa. Dabei musste ich an Anke denken, deren Tochter dieses Lied vermutlich auch schon trällernd zum Besten gab. 😉

Egal, ob mit Brückentag oder ohne: Starten Sie gut in dieses Wochenende, legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage und gönnen Sie sich auch mal eine Auszeit mit einem guten Buch und einem Kaltgetränk!