Land der Dichter und Denker

Morgens in der S-Bahn. Signorino und ich fahren zur Kita. Wir setzen uns in die linke Vierer-Sitzgruppe, in dem ein junger, schmaler, sehr intellektuell wirkender Mann ein dickes Buch liest. Als er uns, oder viel mehr Signorino bemerkt, reißt er die Augen panisch auf. Er geht wohl davon aus, dass mein Sohn laut krakelnd seine Ruhe stören will. Doch Signorino ist ein S-Bahn-Profi und weiß sich zu benehmen. Als mein Nachwuchs beinahe flüsternd bemerkt, dass wir jetzt in einen Tunnel fahren, entspannen sich die Gesichtszüge des Intellektuellen. Er hat verstanden, dass Signorino kein Stimmungsmacher ist. Also keine Gefahr für die morgendliche Ruhe in der S-Bahn.

Wir rollen am Hauptbahnhof ein. Ein Typ steigt ein. Neongrünes Oberteil, beige Cargo-Hose mit vielen Schnallen und Verschlüssen. Kurz geschorene, mittelblonde Haare. Alles an dem Mitreisenden schreit. Der erste Eindruck lässt mich erahnen, dass nicht nur sein Kleidungsstil schrill ist, sondern auch alles andere an dem neuen Mitreisenden. Doch vielleicht mag das täuschen. Höflich ist er auf alle Fälle, denn er bedankt sich, als eine ältere Dame mit grauem Pagenschnitt ihre weinrote Handtasche auf ihren Schoß hebt, um für den Herrn einen Sitzplatz zu schaffen. Dass seine Stimme dabei laut und dröhnend ist, bemerke ich zwar, will aber meinem ersten Eindruck noch nicht gleich nachgeben.

Nur der schmale S-Bahn-Gang trennt uns jetzt noch von diesem Mitmenschen. Gerade fahren wir an der Taunusanlage ein, als Signorino leise bemerkt, dass vom Bahnsteig ein Aufzug mit Leuten nach oben schwebt. Ich gebe ihm recht und erkläre ihm mit gedämpfter Stimme, dass der Aufzug die Leute nach oben und unten befördern kann und, mit Blick auf die Anzug- und Kostümträger:innen im Aufzug, weise daraufhin, dass sie zur Arbeit müssen. Der schrille, junge Mann in der Vierersitzgruppe neben uns pult indessen sein Handy unter lautem Stöhnen und Seufzen aus der Hosentasche.

Endlich hält er es in der Hand. Ein paar Mal wischt er lustlos darauf herum, dann stellt er die Musik an. Natürlich ohne Kopfhörer dafür zu benutzen. Blecherne Balkanmusik wird von seinem Mobiltelefon in höchster Lautstärke herausgewürgt. Die Sängerin winselt wehleidig zu den Bässen und Klängen.

Alle Köpfe der um ihn herumsitzenden Mitfahrer:innen schnellen ruckartig zu ihm und fixieren ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er bemerkt es nicht.

“Jetzt Sommermusik.”, kommentiert er laut. Wir Übrigen gucken uns irritiert an. Keiner sagt etwas. Brasilianische Funk-Klänge wummern durch den Waggon. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha.

Ein älterer Herr, Hesse vermutlich, geht an uns vorbei. “Sin wa hier an da Copacabana oder was?”, spricht er im Vorbeigehen. Wir grinsen. Unser Mitreisender ignoriert den Kommentar. Als selbst ernannter S-Bahn DJ braucht man eben höchste Konzentration für das, was man tut.

Die junge Frau im Sommerkleid, die ihm gegenüber sitzt, steht genervt ausatmend auf und lässt sich auf einem Sitz am Ende der S-Bahn nieder. Ich blicke ihr nach und werde wütend. Nicht auf die junge Frau, sondern, dass einer sich das Recht herausnimmt, morgens die ganze S-Bahn zu terrorisieren. Eines der ungeschriebenen Gesetze ist es, dass morgens in öffentlichen Verkehrsmitteln absolute Ruhe zu herrschen hat.

Wir fahren an der Hauptwache ein. “Gelb.”, erklärt mir Signorino und meint damit die gelben Wandpanellen der Hauptwache.

“Jetzt lustige Musik.”, stimmt uns unser DJ auf den nächsten Kracher in seiner Playlist ein. Wieder sagt niemand etwas. Die ältere Dame neben ihm verdreht die Augen. Doch jetzt platzt mir der Kragen. Dafür war ich zu lange Flugbegleiterin, als dass ich jetzt meine Klappe halten könnte.

“Also, entschuldigen Sie mal bitte. Ich glaube, es hakt! Wir befinden uns hier im Land der Dichter und Denker. Und wissen Sie, wie es dazu kam? In dem Ruhe herrschte. Ab-so-lu-te Ru-he! Meinen Sie, irgendjemand kann dichten und denken bei dieser scheppernden Musik? Also bitte, verschonen Sie uns mit Ihren DJ-Künsten.”

Die Leute grinsen. Der Kerl will gerade antworten, da heißt es hinter uns: “Sie haben gar keine Maske auf! Das macht dann 50,-€, bitte.” Zwei Kontrolleure stehen bei einem jungen Mann im Anzug. “Oh, aber … hm… heute musste es schnell gehen.”, antwortet dieser. “Helmut, die Ausrede habe ich ja noch nie gehört.”, witzelt der eine Kontrolleur mit dem anderen. Der grinst. Zum jungen Anzugträger gewandt, wiederholt er noch einmal: “50,- € kost Sie die Maskenfreiheit im Zug, der Herr.”

Unser DJ wird blass. Auch er hat keine Maske auf. Wie von der Tarantel gestochen läuft er bis ans Ende des Waggons. Die „lustige Musik“, die er uns gerade eben noch ankündigt hat, begleitet ihn und an der nächsten Station springt er aus der S-Bahn. Ruhe! Endlich Ruhe!

Nur das Kind singt leise ein Lied seiner Lieblingsserie “Bohnentoast bing! Bohnentoast bong! Bohnentoast bingedibangedibung!”.

8 Kommentare zu „Land der Dichter und Denker

  1. Diese morgendliche Szenarie kann man sich dank deiner Beschreibung gut vorstellen 🤭 ich muss sagen, ich hab früher als ich morgens zur Arbeit fuhr, immer Podcasts von Laura oder YouTube-Videos über 🎧 von anderen Coaches gehört und laut gelacht. Mir ging diese morgendliche Stille zu jener Zeit sehr auf die Nerven. Ich hätte mich über etwas Lebendigkeit gefreut, wobei der DJ dann doch too much ist.

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    1. Dein Lachen hat sicher so manchen erheitert und war hoffentlich ansteckend. 🤩 Du hast natürlich recht: Die morgendliche Stille wird nicht von jedem gerne gesehen, aber für Morgenmuffel ist sie eine wahre Erleichterung. 😄
      Der DJ war aber ein besonderes Exemplar eines Frühen-Vogels. 😄

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