Das elfte Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

[Die Auflösung von Tag 10 finden Sie ganz unten]

Fakt Nummer 11

Ich arbeitete in München und war todunglücklich. Der Job war okay, Freundschaften hatte ich irgendwie auch, aber sie waren sehr austauschbar und ich fühlte mich unglaublich allein. Nachdem mich ein Münchner, den ich ganz toll fand, geghostet hatte, beschloss ich, dass es nun mit mir und dieser Stadt vorbei sein würde. Ich rief den Einen an, erklärte ihm, was ich vor hatte und schloss meinen Monolog mit: „Ich zieh zu dir nach Frankfurt!“ ab. Er lachte und sagte: „Ja, gut. Das ist auch eine Möglichkeit.“ Damit war die Geschichte für mich klar.

Am nächsten Tag gab ich meine Kündigung in der Arbeit ab. Ich hatte einen vagen Plan, der vorsah, Germanistik und Linguistik zu studieren um keine überhöhten Krankenkassenkosten zu zahlen. Das war’s.

„Warum fliegst du denn nicht einfach bei meinem Arbeitgeber?“ fragte der Eine. „Och, ich weiß nicht. So klein schätze ich die Gefahr nicht ein, plötzlich abzustürzen. Ich würde es jetzt nicht „totale Flugangst“ nennen, aber ich habe schon sehr, SEHR großen Respekt.“ antwortete ich. „Versuch’s doch trotzdem. Besser als ein Studium von Fächern, die dich eh nicht interessieren. Bei uns siehst du wenigstens was von der Welt und verdienst auch noch dabei.“

Was hatte ich schon zu verlieren? Ich bewarb mich! Es war mir eh egal, was genau ich in Frankfurt machen würde. Hauptsache, ich konnte bei meinem besten Freund wohnen. Prompt bekam ich einen „assessment center“-Termin angeboten. Ich sagte zu. Am Tag des Vorstellungsgesprächs hübschte mich Der Eine auf, steckte mich ins Kostümchen und in die Pumps und wir fuhren zum Flughafen. Alle Kandidaten waren furchtbar aufgeregt. Ich war die Ausnahme: Tiefenentspannt saß ich im Warteraum und las ein Buch.

Kurz darauf wurde unsere Gruppe aufgerufen: Wir gingen erst zum Englischtest. Einerseits hatte ich mit den multiple choice Fragen keine Schwierigkeiten, andererseits hing mein Leben nicht davon ab. Ich klickte mich munter durch, ging danach aufrechten Ganges zum mündlichen Teil und bestand mit 98%.

Schlussendlich kam der letzte Teil: das Gespräch mit der Psychologin. Eine sehr nette Dame! Wir machten zwei Rollenspiele, die ich albern fand, aber ich wollte den Einen nicht enttäuschen, der daheim auf mich wartete. Also verkniff ich mir meinen Kichern und machte professionell mit. „Danke. Wir sagen Ihnen dann Bescheid.“ verabschiedete mich die nette Dame.

Daheim angekommen hatte ich die Lehrgangszusage im Email Postfach. „Oh, das habe ich jetzt nicht erwartet. Soll ich das machen? Mir wird doch immer so mulmig beim Fliegen?“ hakte ich beim Einen nach. „Ja, ja, versuch das mal.“ war seine Antwort.

Tja, und so versuchte ich das mal. Was soll ich Ihnen sagen? Mulmig wird mir nicht mehr beim Fliegen, aber mein Traum war es sicher nicht Flugbegleiterin zu werden.

Reise Nummer 11 (Part 3 – Teil 1 und 2 finden Sie hier)

Tirana

Kommen wir direkt zum wichtigsten Punkt: Wo schlafen?

Hotel: Wer ein kleines Boutiquehotel bevorzugt, ist im „Padam Boutique Hotel“ genau richtig. Zentraler könnte es nicht liegen. Von hier kann man bequem alles zu Fuß erreichen. Das Frühstück gibt es im Wintergarten(-Restaurant). Es wird a la carte angereicht – nicht nur zu Corona Zeiten.

Einziger Nachteil des Hotels: Wer Probleme hat Treppen zu steigen, der ist schlecht beraten hierher zu kommen, da das Hotel über keinen Aufzug verfügt.

Wer es hochmodern will, der ist gut beraten im Maritim Plaza zu nächtigen. Die Zimmer sind äußerst modern, das ganze Hotel ist luxuriös und bietet eine schöne Aussicht über Tirana. Das Frühstück ist absolut in Ordnung. Für den Preis bekommen Sie „vor der Tür“ aber ein deutlich individuelleres und leckereres Frühstück.

Sehr ans Herz legen kann ich Ihnen auch das Hotel Xheko Imperial (sprich: Scheko). Die Zimmer sind bestens ausgestattet, ruhig und verfügen über äußerst bequeme Betten. Das Frühstücksbuffet wird auf der großen Dachterrasse eingenommen und lässt keine Wünsche übrig. Abends verwandelt sich die Dachterrasse in eine Bar (am Wochenende auch mit gut erträglicher Livemusik).

Nach dem Frühstück in meiner Lieblings-Kaffeehauskette „Sophie Caffe“, drei Schritte vom Hotel Padam entfernt, schlendern wir vorbei an der berühmten Betonpyramide, die seit Jahren umgebaut werden sollte, Richtung Rinia Park. Wir werfen einen Blick auf die Kunstinsallation „Reja – The Cloud“ und erreichen schließlich, in der Nähe des Nationaltheaters, das Museum Bunk’Art 2.

Dazu muss man wissen, dass der Premierminister nicht nur ein berüchtigter Basketballspieler war, sondern auch ein belesener Künstler. Deswegen gefallen ihm besonders all die Kunstprojekte und Museen für die er sich stark macht.

Das Museum ist tatsächlich ein ehemaliger Bunker. Der damalige Staatschef Enver Hoxha hatte den Plan, für je 4 Albaner einen Bunker zu errichten, insgesamt also 750.000 Bunker. Soweit kam es nicht, aber den Bau von ca. 300.000 hat er realisiert. Wenn Sie durch’s Land fahren, werden Sie merken, dass die Betonkuppeln überall sind. In jeder noch so unscheinbaren Ecke stehen diese Betonklötze. So auch in Tirana im Zentrum.

Das Museum dient zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Es wird über die Abhörmethoden, die Arbeitslager und die vielen Opfer berichtet. Der Klang der eigenen Schritte auf dem dumpfen Metallboden tun ihr übriges um eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. Der Bunker ist Nichts für Leute mit Platzangst! 😉

Als wir wieder Tageslicht erblicken, wird es Zeit Richtung Hauptplatz, dem Skanderbeg Platz, zu gehen. Er ist ähnlich eines Hügels gebaut worden, damit kein „potenzieller Führer“ dieses Landes mehr eine Rede vor dem Volk halten kann. Die Hälfte des Publikums würde ihn nämlich nicht aufgrund der künstlichen Anhöhe sehen. Ganz in der Nähe steht auch die „Et’hem-Bey-Moschee“ – die historische Moschee Tiranas. Normalerweise kann man sie besichtigen, aber sie wird gerade restauriert. (Stand: 12/2020)

Direkt daneben ist der Uhrenturm, der auch eine berühmte Sehenswürdigkeit Tiranas ist.

Langsam wird es Zeit für ein köstliches Mittagessen. Wenn wir schon in Albanien sind, sollten wir zum exzellenten, italienischen Restaurant „Panevino“ gehen. Der Chefkoch ist Italiener, der Service ist flott und aufmerksam und die einzelnen Gerichte sind herausragend. Man kann sowohl draußen, als auch drinnen sitzen. Die Preise sind europäisch.

Einen caffè trinken wir unterwegs. Hier, in Albanien, darf er sich wirklich überall so bezeichnen. Die italienischen Einflüsse sind immer noch präsent – und das schmeckt man. Vollmundige Aromen und – ich lehne mich jetzt gewaltig aus dem Fenster – selbst mein liebster Kaffee-Experte, Mr Coffee himself alias Tom, würde hier auf seine Kosten kommen.

Danach schauen wir uns die neu erbaute, große Moschee (Namazgjah-Moschee) von Tirana an. Sie wird die größte Moschee des Balkans sein. Laut Römer ist sie aber noch nicht eröffnet worden.

Wer bereits wieder Hunger hat, der holt sich ein Stück Börek in meiner Lieblingsbäckerei, Buka e arte „QATO“ in der Rruga e Elbassanit. Die Verkäuferin ist seit Jahren die selbe, sehr freundlich und sehr bemüht. Gleich daneben ist übrigens die Apotheke, wo man Pflaster einzeln kaufen kann.

Und da wir schon einmal in der Straße sind: Köstliche Kuchen und Baklava bringen wir der Familie immer aus der Patisserie „Mon Amour“ mit.

Wer nun genug von all dem Stadtverkehr, dem Hupen und Knattern der Roller hat, der geht in den nahegelegenen „Großen Park von Tirana“ (Parku i Madh i Liqenit Tiranë). Hier kann man in Ruhe Spazieren gehen, sich den See angucken oder eine Runde durch’s Grün joggen.

Wem das zu wenig ist, der fährt hoch auf den Dajti Berg, der Hausberg Tiranas. Mithilfe des Dajti Ekspres gelangt man in kürzester Zeit ans Ziel. Hoch oben kann man wandern, Bunker beobachten, Pony reiten und essen natürlich. Es gibt ein ganz wunderbares Panorama Restaurant dort oben mit einer traumhaften Aussicht.

Wer zwar eine Auszeit von dem hektischen Treiben in Tirana will, aber kein Bergfreund ist, der sollte sich ein Taxi nach Durres (Durrazzo) nehmen. [Die Stadt war sehr mitgenommen vom Erdbeben, das im November 2019 stattfand. Die Aufbauarbeiten sind in vollem Gang.] Die Fahrt dauert ca. 40 Minuten (je nach Verkehr) und kostet ca. 17 Euro im Taxi.

Sehr zu empfehlen ist das Restaurant Charli Max Durres mit dem kleinen Strandabschnitt unterhalb. Die Lage ist traumhaft und man hat einen schönen Blick auf’s Meer. Um einen herum schleichen einige, junge Babykätzchen. Wenn man ihnen ein Stück vom Fisch abgibt, geben sie schnell Ruhe und sind glücklich. 😉 Exzellenten Kaffee und Kuchen gibt es bei Cialda oder Pasticeri Pelikan.

Wer abends in Tirana nur eine Pizza will, ist bei Piceri Era goldrichtig. Wenn es aber wirklich ein fantastisches Abendessen sein soll mit gehobener Küche, der kommt um das Restaurant Padam nicht umhin. Der Chefkoch, Fundim Gjepali, gewann in der Vergangenheit bereits viele Preise und ist Juror einer berühmten, albanischen Kochsendung. Wenn er an den Tisch kommt um zu fragen wie es schmeckt, kann das bei der überraschten, albanischen Verwandtschaft zu Schnappatmung und Schweißausbrüchen führen.

Auflösung von Tag 10

Die Mehrheit war dafür: Klar hat Frau Farniente sich den Fuß auf diese Weise gebrochen.

Was soll ich sagen? Sie kennen mich wohl sehr gut!

Eine Woche nach meinem Fußbruch kam der Römer vorbei und nahm mich für vier Wochen nach Rom mit. Alleine fliegen hätte nicht funktioniert.

Er überzeugte mich mit seinem Argument: „Wer könnte dich besser betreuen als ich?“ Nun ja, die Aussage hatte einen wahren Kern.

Das zehnte Türchen des germanoitalbanischen Adventskalenders

[Die Auflösung von Tag 9 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 10

Haben Sie sich schon einmal den Fuß gebrochen? Eine unschöne Geschichte, oder?

Auch mir ist es passiert. Wie ich es angestellt habe, erkläre ich Ihnen hier:

Ich hatte ein schönes WG Zimmer im Zentrum Frankfurts. Da ich meist beim Römer in Rom war, reichte mir das kleine Zimmer, falls ich doch einmal eine Schulung oder Frühdienst hatte.

Es war Februar, grau in grau. Gleich sollte meine Schwester Turtle vorbeikommen und wir wollten einen Kaffee zusammen trinken gehen. Ich saß in der großen Wohnküche unserer Wohnung. Wie schon seit meiner Jugend hockte ich im Fersensitz auf einem Stuhl, weil das meine Lieblingsposition war. Leider schliefen dabei ab und zu meine Füße und Beine ein. Heute hatte ich Glück: Nur der linke Fuß schlief tief und fest. Der rechte war quietschfidel. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn Turtle wollte in 5 Minuten da sein. Warten bis Fuß und Bein aufwachen? Ach ne! Ich ging also schnell Richtung Küchentür, stolperte über meinen Fuß und hörte ein Geräusch als würde ein Ast durchbrechen. Sofort wurde mir schwarz vor Augen und ich fühlte mich als müsste ich mich übergeben. Ich stützte mich an der Wand ab und ließ mich langsam auf den Boden gleiten. „Das wird doch jetzt nichts Ernstes sein, oder?“ fragte ich mich am Boden sitzend. Ich kramte nach meinem Telefon in meiner Hosentasche. Letzter Anruf, Turtle. Ich klickte drauf. „Turtle, ich glaube, ich habe mir weh getan.“ jammerte ich und war zwischen Lachen und Weinen. „Okay, in einer Minute steh ich vor deiner Tür.“ Ich stand auf, hangelte mich an der Wand entlang und wartete an der Wohnungstür. Außer mir war niemand zu Hause. Turtle klingelte, ich machte auf und ihr Blick fiel auf meinen Fuß. „Oh.“ war ihre knappe Antwort. „Das ist ja recht geschwollen. Kannst du auftreten?“ fragte sie mich. „Ganz schlecht. Was meinst du? Muss ich ins Krankenhaus?“ wollte ich ihre Meinung wissen. „Ja, besser ist das.“ gab sie zurück.

Wir fuhren ins Krankenhaus, ich wurde geröntgt und man sah recht deutlich, dass der 5. Mittelfußknochen glatt durchgebrochen und Nummer 4 angebrochen war. Sofort bekam ich einen Gips, Schmerzmittel und Thrombosespritzen. Operiert musste es glücklicherweise nicht werden.

Der Römer konnte am Telefon gar nicht fassen, dass ich mir daheim, in der Küche, auf geradem, trockenen Boden den Fuß gebrochen habe.

Tja, was meinen Sie? Bin ich so ein Genie oder war es doch nur eine erfundene Geschichte?

Fortsetzung der großen Albanienreise von Tag Nummer 9

Reiseland: Albanien – Mentalität und Erfahrungen aus meiner Sicht

Getränke

Um Gottes Willen, bitte trinken Sie kein Wasser, wenn Sie eingeladen werden. Ich habe es (mal wieder), ausprobiert und hätte dem Gastgeber auch ebenso gut ins Gesicht spucken können. Red Bull* – it is! Dieser pappsüße Energiedrink sollte das Getränk Ihrer Wahl sein. Das liegt daran, dass es das teuerste, nicht alkoholische Getränk in Albanien ist und wie wir gelernt haben: Für den Gast nur das Beste und Teuerste! Wer den Gastgeber nur dezent beleidigen will, der trinkt einen Espresso (der geht bekanntlich immer) oder einen Softdrink. Aber bitte niemals, niemals Wasser!

Küsschen links, Küsschen rechts

Die junge Generation können Sie getrost mit Küsschen links und Küsschen rechts oder einer Umarmung begrüßen. Die ältere, männliche Generation bitte nicht. Geben Sie artig die Hand und fallen Sie dem 55jährigen Schwager bei einer Hochzeit nicht um den Hals. Auch nicht, wenn Sie schon mehrere Urlaube mit ihm und seiner Familie verbracht haben. Das Erdloch, in das Sie versinken möchten, weil fortan auf dieser Veranstaltung getuschelt und gelacht wird, kann gar nicht so schnell ausgehoben werden wie Sie es sich in diesem Moment wünschen würden.

Religion

Erwähnen Sie beim Römer nicht, dass er nur Moslem ist, weil seine Vorfahren Steuern sparen wollten. Auch wenn Sie eventuell Recht haben, man muss auch wissen, wann man schweigen muss. Bis zum Ende des Kommunismus war jede Art von Religion untersagt. Kirchen und Moscheen wurden zu Lagerhallen und Ställen umfunktioniert. Man betete heimlich und unbemerkt im Keller und brachte seinen Enkeln leise flüsternd bei Kerzenschein bei wie man betet. Mittlerweile darf jeder seinen Glauben ausleben wie er möchte. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Kirchen wieder, die friedlich nebeneinander stehen. Sowohl muslimische als auch christliche Feste sind Feiertage in Albanien. Man respektiert und achtet sich. Wichtiger als die Religion ist für die Albaner, dass ein Albaner eine Albanerin heiratet. Welche Konfession sie/er nun hat, ist Nebensache.

Kopftuch

Ja, Kopftücher werden getragen. Doch eher selten aus religiösen Gründen. Viel mehr aus Tradition. Ihnen werden in Albanien meist ältere Frauen mit schwarzen oder weißen Kopftüchern begegnen. Die Farben wiederum sind dann doch Religionen zugeordnet: Schwarz tragen die Christen, weiß die Muslime. Meine Schwiegermutter sieht zum Beispiel ganz entzückend aus mit ihrem weißen Kopftuch, dass den langen silbergrauen, französischen Zopf verbirgt. Es rutscht ihr immer wieder etwas herunter und sie bindet es stündlich drei Mal neu.

Albanistan

Ja, die Albaner wissen, was die meisten von ihnen denken: „Diebe, Drogenschmuggler, Autoschieber, Frauenhändler, Kriminelle.“ Einmal sagte der Römer nach der x-ten Job-Absage: „Ich mag nicht mehr. Die denken doch eh alle, ich komme aus Albanistan.“ Und genau dieser Satz brachte es, zum Leidwesen der -stan-Länder, auf den Punkt. Ja, viele denken und dachten (mich eingeschlossen), dass dieses Land hochgradig kriminell ist. Sie erwarten zahnlose Bettler oder Mafiosi mit schweren Goldkettchen, wenn sie am Flughafen ankommen. Aber glauben Sie mir: Dieses Land ist wahnsinnig facettenreich, offen, herrlich lustig (vielleicht auch nur für mich), gastfreundlich und interessant, weil es diese wunderbaren Einwohner hat, die es eben zu dem machen, was es ist. Albanien ist nicht Albanistan – es ist eine Perle am Mittelmeer, die nur von einigen, wenigen Angeheirateten und ein paar Abenteurern entdeckt wurde. Einerseits würde ich mir wünschen, dass es so bleibt. Andererseits würde ich den Albaner einen nachhaltigen Tourismus wünschen, der vielleicht dem ein oder anderen Wohlstand erlaubt. Verstehen Sie mich richtig: Es gibt Arme und Reiche in diesem Land, aber die Schere geht zu weit auseinander. Und das ist sehr schade!

Die Küche

Fleisch! Fleisch! Ach, und Fleisch! Vegetarier werden liebevoll toleriert. Für sie findet man schließlich Schafskäse, Börek, Reis, Gemüse und Obst aus dem Garten, auch gekochte Eier und was der Kühlschrank sonst noch so hergibt. Veganer werden freundlich in der Wildnis ausgesetzt. Sie könnte man es wohl zusammenfassen. Das Land am Mittelmeer bietet neben Fleisch auch Fisch, der besonders im Charli Max Marina Restaurant* in Durres herausragend schmeckt.

Lebensmittelvergiftung

Ja, auch in Albanien sollte „peel it, boil it, cook it or forget it!“ gelten. Besonders im Hinterland kann es einem passieren, dass einen Skanderbegs Fluch ereilt.

Ein befreundeter Italiener, der eine Albanerin geheiratet hat, sagte mir einmal: „Weißt du, ich bin weitgereist. Von Südamerika über Asien bis nach Australien. Aber nie in meinem Leben hatte ich so eine Lebensmittelvergiftung wie in Albanien.“

Und das kann ich so unterschreiben.

In Tirana hatte ich nie Probleme. Egal, wo wir gegessen haben, es war immer gut und an meinen mitteleuropäischen Verdauungstrakt angepasst. Aber im Hinterland, in Korça, sah ich dem Tod ins Auge nach einer Pizza mit viel Käse. Nur durch die großzügige Bakshish Gabe meines Schwagers an der Rezeption des Krankenhauses, bekam ich eine lebenserweckende Infusion. Die Fischsuppe danach, die mir mein Schwager aufschwatzte, war dann wiederum kontraproduktiv, aber irgendwie schafften wir es nach Tirana. (Die Geschichte tippe ich ihnen mal extra ab)

Krankenversorgung

Die gute Nachricht zu erst: Jeder, egal ob Tourist oder Staatsbürger, wird kostenlos medizinisch behandelt. Die schlechte Nachricht ist: Die Qualität ist nicht immer die gewohnte Mitteleuropäische. Wenn man einen gebrochenen Fuß hat, ist man sicher auch dort gut aufgehoben, solange der Bruch nicht zu kompliziert ist. Tirana verfügt unter anderem über gute Privatkrankenhäuser wie das American Hospital mit vielen, meist italienischen Ärzten. Und hier ist das Problem: Wer genug Geld hat, kann sich diesen Luxus leisten. Auch wer eine Auslandskrankenversicherung hat, wird dort bestens behandelt. Die einfache Bevölkerung kann nur beten und hoffen, dass es schon irgendwie klappen wird.

Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt können schon sehr in die Jahre gekommen sein. Dazu sind sie auch sehr überlastet mit Patienten.

Ich denke, es spricht für sich, wenn der albanische Premierminister sich bei einem Herzproblem lieber in die Charité nach Berlin* ausfliegen lässt.

Autofahren

Wer sich wirklich einen Mietwagen nehmen will (so wie ich!), der sollte besser auf der Hut sein. Auf einem kurzen Abschnitt von Gjiri i Lalzit zur nächstgelegenen, größeren Hauptstraße liefen mir vor’s Auto: Zwei Hunde, eine rollende Wassermelone vom Fruchtstand, eine Schafherde hinter einer Kurve, Badegäste mit lebensgroßen Gummikrokodil auf dem Weg zum Strand und ein betrunkener Greis auf einem Fahrrad. Wer sich das Fahrtraining nach dem Führerschein sparen will, sollte definitiv einen Mietwagen in Albanien buchen und am lebenden Objekt üben. Wer in Tirana Auto fahren will, der sollte tiefenentspannt sein. Wie Sie wissen, bin ich weit davon entfernt und bahnte mir fluchend, kreischend, hupend und betend den Weg durch diese Stadt. Der Römer bremste entweder imaginär mit, kommentierte mit „madre mia!“ oder drohte mit Scheidung und sofortigem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung. Als er dann noch „Amore, go with the flow!“ kommentierte, hielt ich am Skanderbeg Platz an, warf ihn aus dem Auto, drehte eine extra Runde bis ich mich beruhigt hatte und holte ihn wieder ab.

Hochzeiten

Wer das Glück hat auf einer albanischen Hochzeit eingeladen zu sein, sollte grelle Farben mit viel Glitzer tragen. Hohe Plateau Schühchen sind kein Vergehen, sondern gern gesehen. Der Friseurbesuch gehört zum guten Ton, das Make-Up sollte von einem Make-Up-Artist gemacht werden, der Sie so verwandelt, dass Sie sich hinterher nicht mehr erkennen. Und: Bitte am Schmuck nicht sparen!

Da ich weder zum Friseur gehe, noch zum Make-Up-Artist, bekomme ich einen „Ausländerbonus“.

Wer nicht tanzt, wird solange aufgefordert bis er sich zähneknirschend dazu bereit erklärt. Wer nicht freiwillig will, der wird auf die Tanzfläche gezogen. Und dann wird der Pogonishte Tanz getanzt bis die Hochzeit für beendet erklärt ist.

Ein Garant für gute Laune ist bei meiner Familie übrigens der Napoloni Song. Auch wenn die Stimmung zu einer Talfahrt anzusetzen scheint, wird mit diesem Lied die Partyrakete gezündet und die Laune der Gäste geht steil bergauf!

Auch bei privaten, innerdeutschen Autofahrten kann man damit dem eingeschnappten Römer eine Freude machen. Er würde es nie zugeben, aber er entspannt sich sofort und summt fröhlich mit.

Hier kommen meine Geheimtipps für albanische Hochzeiten:

  1. Wer, wie ich, bei der Schrittfolge Schwierigkeiten hat, den Rhythmus aber gut halten kann, der trägt ein extra langes Kleid. Vorteil: Keiner sieht die Füße, die wirr durch die Gegend stolpern. Es hat mich drei albanische Hochzeiten gekostet, diesen Trick für Sie herauszufinden!
  2. Nehmen Sie sich hautfarbene Ohrenstöpsel mit. Die Musik ist so laut, dass ich selbst in meinen wildesten Diskozeiten weniger Ohrensausen hatte. Noch zwei Tage danach werden Sie ein lautes, penetrantes Summen hören.
  3. Wer das große Glück hat einen noch sehr kleinen Signorino zu haben, darf gänzlich daheim bleiben. Die Lautstärke und der Trubel sind zu viel für die Kleinsten.

Auflösung von Tag 9

Na, wer hat’s gewusst? Die Geschichte ist tatsächlich passiert – nur leider nicht mir, sondern meiner Lehrgangskollegin. Sie können sich nicht ausmalen wie neidisch wir, der Andere und ich, waren. Und sie bestätigte mehrmals, dass sie namentlich von ihm angesprochen wurde. Hach!

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Das neunte Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

[Die Auflösung von Tag 8 finden Sie wie immer am Ende]

Fakt Nummer 9

Es war einer meiner ersten Flüge auf Kurzstrecke. Obwohl ich bereits vier Monate auf einem Langstreckenflugzeug flog, war ich dennoch aufgeregt, da die Kurzstrecke für mich komplettes Neuland war. Wir flogen an Tag 2 meiner Tour nach Mailand Malpensa. Die Gäste stiegen aus, die netten Damen und Herren vom Putztrupp machten das Flugzeug wieder ansehnlich und der Co-Pilot holte caffè für die ganze Crew irgendwo in der Nähe unseres Gates. Nach einem kurzen Turnaround sollten wir wieder zurück nach Frankfurt, um dann weiter nach Warschau zu fliegen und dort zu nächtigen.

Kurz bevor das Cleaning Personal fertig war, kam ein äußerst aufgeregter Stationsmanager an Bord: „Ragazze! [Mädels] Heute ist euer Glückstag!“ posaunte er heraus. „Auf 1C wird gleich ein berühmter US-Schauspieler einsteigen, der hier in der Nähe ein Haus hat.“ Mir fiel die Kinnlade herunter und ich brachte keinen Ton mehr heraus. Die Purserette nickte selig. „Na, dann schick ihn mal zu uns oder steigt er als letzter Gast ein?“ Der Stationsmanager lächelte: „Esatto! [Genau] Herr X steigt mit seinen beiden Bodyguards am Ende ein um den Einsteigevorgang nicht zu behindern.“

Ich zitterte vor Aufregung. Die Kabinenchefin bemerkte es sofort und schenkte mir ein Glas Wasser ein. „Alles gut. Er ist ein Gast – wie jeder andere auch.“ Das beruhigte mich nicht wirklich.

Die Gäste stiegen ein. Wir begrüßten jeden sehr freundlich. Da die Passagiere nicht wenig Handgepäck dabei hatten, musste ich zusammen mit den Passagieren ab dem letzten Drittel des Einsteigevorgangs Koffer-Tetris in der Kabine spielen. Letztendlich passte irgendwie dann doch alles. „Boarding completed.“ schalltes es durch den Metallvogel. Ich ging nach vorne Richtung Cockpit. Fragend guckte ich die Purserette an. Sie verwies mit ihrem Blick auf Sitzplatz 1C.

Ich folgte ihrem Blick und sah ihn. Wow! Ein Bild von einem Mann im dunklen Rollkragenpullover und gut sitzender Anzughose. Er las gerade. „Jetzt habe ich alles erlebt, was ich jemals erleben wollte. Von mir aus kann ich jetzt glücklich sterben.“ murmelte ich gedankenverloren. „Ne, ne, du! Erst beendest du noch die 5 Tagestour mit mir.“ scherzte meine Chefin.

Da wir eine sehr kleine Businessclass mit einer Hand voll Passagieren hatten, durfte ich direkt in der Economy Class anfangen zu arbeiten. Das wiederum war mir sehr recht, denn ich war äußerst nervös.

Als ich in der Touristenklasse fertig war, zog ich meinen Getränkewagen zurück in die Bordküche. Gerade wollte ich alles abbauen, da nahm mir meine Vorgesetzte die zu verstauende Flasche aus der Hand. „Ne, ne, lass mal. Räum du mal lieber in der Businessclass ab.“ Ich lief rot an. „Im ernst?“ stotterte ich. „Warum? Habt ihr das nicht im Grundlehrgang gelernt?“ zog mich die Purserette auf und zwinkerte. „Doch, aber ohne US-Schauspieler.“ flüsterte ich peinlich berührt. „Ja, dann machst du jetzt genau das, was du gelernt hast. Nur eben mit Schauspieler!“ antwortete sie mir und schob mich in die Kabine.

Verdammt! Herr Schauspieler hatte fertig gegessen. Ich näherte mich und fragte höflich und stotternd, ob ich abräumen darf. „Oh, thank you, Miss Farniente. It was delicious!“ Ich lächelte und völlig diffuse Gedanken rasten durch meinen Kopf: „Nicht umfallen! Nicht ohnmächtig werden! Er hat mich gerade mit Namen angesprochen. (KREISCH!!) Kann mich mal jemand kneifen? Ah, ich sterbe! Nicht ohnmächtig werden! Nicht stolpern!“

In der Küche musste ich mich erst einmal setzen. „Und?“ fragte die Purserette belustigt. Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Er hat mich mit Namen angesprochen.“ säuselte ich. „So machen das echte Gentlemen. Und er, my dear, ist einer der alten Schule.“

Der restliche Flug verlief ereignislos. Immer wieder erhaschte ich einen Blick auf den Schauspieler durch den geschlossenen Vorhang und drehte mich schnell weg. Er sollte sich schließlich nicht beobachtet fühlen. (Hihi!)

Als wir in Frankfurt am Gate ankamen, gab er sowohl meiner Chefin als auch mir die Hand: „Miss Langer, Miss Farniente! Thank you for the excellent service you provided on this flight. Have a wonderful day!“ [Frau Langer, Frau Farniente! Vielen Dank für den exzellenten Service auf diesem Flug. Ihnen einen wundervollen Tag!]

Die Purserette antwortete höflich für uns beide. Ich hingegen grinste dämlich. Was für ein Flug!

Was meinen Sie? War das ein Höhenflug meiner Fantasie? Oder doch ein wahres Märchen?

Reise Nummer 9

Auch heute geht es noch ohne Hilfe des Einen in Sachen Reisen.

Es geht in den Südosten Europas: Nach Albanien.

Flugzeit (ab Frankfurt): 2 Stunden

Taxikosten: Vom Flughafen Nene Tereza (Mutter Teresa) ins Stadtzentrum kostet ein Taxi 20 Euro. Man kann natürlich in der Landeswährung Lek zahlen, aber auch Euros (oder US Dollar) sind gern gesehen.

Währung: In einigen Restaurants und Geschäften kann man in Euro zahlen, da es eine stabile Währung ist. Dennoch empfiehlt es sich, sich Lek am Geldautomaten zu holen, da der Europreis immer etwas höher als der Lek Preis ist.

Bevor wir zu den Sehenswürdigkeiten, den Hotels und Restaurants übergehen, wollte ich mit Ihnen über meine Erfahrungen des Exoten am Balkan sprechen.

Gastfreundschaft und Service

Ich habe selten ein so gastfreundliches und hilfsbereites Volk wie das albanische kennengelernt. Sie sind authentisch herzlich und geben ihr letztes Hemd. Wenn man Hilfe braucht, kennen sie immer irgendeinen, der irgendeinen kennt, der einem helfen kann. Die Gastfreundschaft ist tief im Kanun, dem Gewohnheitsrecht der Albaner, verankert. Tatsächlich gibt es diverse Geschichten während des 2. Weltkrieges, in denen Albaner lieber ihr Leben gaben, als dass sie einen jüdischen Gast auslieferten.

Nun trifft diese Eigenschaft auf Albaner im Privatleben definitiv zu. Nicht aber auf den Service in Hotels und Gaststätten. Dieser mag oft arg reserviert, äußerst schüchtern und manchmal auch arrogant wirken. Meist sind es junge Burschen, die in Restaurants arbeiten. Es wirkt wie „gewollt, aber nicht gekonnt“. Wer mit einem Schweizer Servicestandard (Sie merken, mein Lieblingsland, wenn es um ausgezeichneten Service geht) nach Albanien kommt, sollte besser beide Augen zudrücken.

Die Sprache

Bitte, bitte, bitte erwähnen Sie nie vor einem Albaner, dass er eine slawische Sprache spricht. Sie könnten genauso gut seine Mutter beleidigen und seine Schwester als „hässliche Kuh“ betiteln. Die Albaner betonen immer und immer wieder, dass sie vom edlen Volk der Illyrer abstammen. Sie sind definitiv keine Slawen! Und somit haben sie im indogermanischen Sprachenbaum einen eigenen Ast, der albanisch heißt. Wenn Sie nun behaupten möchten, dass Albanisch Einflüsse aus dem Italienischen und dem Alt-Griechischen hat, so wird Ihnen ein Albaner höflich (aber bestimmt!) antworten, dass die eben genannten Sprachen wohl eher Einflüsse aus dem Albanischen haben. Ich habe es für sie ausprobiert! Vertrauen Sie mir ruhig. Loben Sie stattdessen die Einzigartigkeit dieser Sprache mit dem amerikanisch anmutenden R. Wer in der Lage ist in seiner Aussprache ein dh von einem th zu unterscheiden, verdient ein großes Lob. Und wer qen (Hund) fehlerfrei aussprechen kann, verdient die sofortige Ehreneinbürgerung in Albanien. Und nein, das q wird nicht als qu ausgesprochen. Das wäre auch zu einfach.

Der Nationalheld

Sie kommen nicht um ihn rum: Gjergj Kastrioti oder den meisten unter dem Namen Skanderbeg bekannt. Er war ein albanischer Fürst, der sich den Osmanen entgegenstellte und mutig gegen sie kämpfte. Nebenbei war er auch ein Sprachtalent und konnte sechs Sprachen fließend. Viele Sprachen sprechen zu können ist wohl eine albanische Krankheit.

Geboren ist Skanderbeg in Kruje, einer Stadt unweit von Tirana. Dort kann man noch heute in der Festung (mit Blick auf’s Meer, aber nur wenn Sie ganz genau gucken) viel über ihn lernen und erfahren. Wenn Sie Glück haben, können Sie auch alle 100 Meter einen Cousin des 4.-15. Grades des Römers kennenlernen. Wir hatten 2018 dieses Glück und begegneten 5(!) Cousins allein beim Aufstieg zur Festung.

In Rom gibt es übrigens eine große Skanderbeg Statue. Sie steht auf der Piazza Albania in Testaccio. Unweit davon entfernt, lebte der Römer. Ob er sich aus Heimweh oder aus Nationalstolz die Wohnung in unmittelbarer Nähe zur Piazza Albania gesucht hat, ist nicht überliefert.

Ich – auf der Festung Skanderbegs.

Die Mentatlität

Nun, sagen wir es wie es ist: Nicht nur einmal habe ich mich mit albanischen Freunden vom Römer angelegt, weil Emanzipation zwar ein schönes Wort ist, jedoch wird am Ende des Tages gemacht, was der Herr des Hauses sagt. Bei weitem sind nicht alle Albaner so, aber ich konnte feststellen, dass besonders die Albaner, die niemals Albanien verlassen haben, weit weg vom Thema Emanzipation sind. Geheiratet wird früh, meist mit Anfang 20. Das liegt auch daran, dass Beziehungen zwischen jungen Leuten offiziell nur existieren dürfen, wenn sie verlobt sind. Ansonsten sind sie vor den Eltern geheim zu halten. Wer sich dem frühen Heiraten widersetzt, wird komisch beäugt, so wie meine Nichte Elda, die lieber in ihre Bildung investiert und in Mailand studiert.

Familie

Wer nun glaubt, dass albanische Frauen zwar früh heiraten und dementsprechend früh Kinder bekommen, dafür aber recht ungebildet sind, der täuscht sich. Das Kind hat eine Legion an Betreuungspersonen: Von der Oma (der Mutter der jungen, albanischen Frau) über Tanten, Schwestern, Uromas und nicht selten Ur-Uromas. Die junge Mutter studiert einfach weiter, denn für den Sprössling ist, auch ganz ohne Kitas, gesorgt. Erziehung ist ein generationsübergreifendes Projekt. Das Paar, das weit weg von der Familie in einer Großstadt lebt und das Kind in die Kita geben muss? Undenkbar!

Genauso undenkbar sind Altenheime. Es wird als Schande angesehen, wenn Sie Ihre Mutter oder Ihren Vater im Heim betreuen lassen. Die alte Regel in Albanien besagt: Der jüngste Sohn (mit seiner Familie) betreut Mama und Papa, die bei ihm im Haus wohnen. Da die Töchter der alternden Eltern zu ihren Ehemännern ziehen, können sie sich zwar um ihre Eltern kümmern, nicht jedoch mit ihnen zusammen wohnen. Natürlich ist es mittlerweile nicht mehr so engstirnig wie damals. Auch Eltern ziehen zu ihren Töchtern. Oder der zweitjüngste Sohn wohnt mit seiner Familie und den Eltern zusammen, weil der jüngste Sohn lieber mit seiner deutschen Frau in Frankfurt wohnt. Aber prinzipiell besteht dieses ungeschriebene Gesetz.

Familien sind hier, besonders bis Ende des Kommunismus, extrem groß. Cousins und Cousinen werden in Grade unterteilt. Der erste Grad wird behandelt wie ein eigener Bruder oder eine eigene Schwester. Cousins und Cousinen gibt es in allen Altersklassen: Vom gestandenen Mann/Von der gestandenen Frau bis zum Säugling.

Signorino (mit seinem knappen Jahr) ist beispielsweise der jüngste Sprössling der römisch-albanischen Familie. Sein ältester Cousin 1. Grades ist 45 Jahre alt. Sie können sich folglich ausmalen, dass die römische Schwester mit 40 Jahren bereits Oma ist und die römische Mutter mit knackigen 70 Jahren bereits Uroma.

Verwandte im Ausland

Es gibt kaum eine Familie, die keinen Verwandten im Ausland hat: Meist in Italien, den USA oder der Schweiz. Aber auch in Deutschland oder Österreich gibt es sie: Die Auslandsalbaner. Man erkennt sie häufig schon am Nachnamen: Die Endung -(a)j oder -i verrät sie, sowie die Verwendung von -xh und-gj. (Istrefi, Prelaj, Xhiaj, Gjokaj). Wenn Sie mit dem Nachnamen Xhiaj (Aussprache: Schi-ai) übrigens in ein römisches Krankenhaus eingeliefert werden, ruft das Personal „Signor Xiai?! Signor Xiai?!“ durch’s Zimmer und erwartet eher einen schmächtigen Asiaten als einen bärtigen, grummeligen Albaner.

Die albanischen Männer

Jemand trug mir einmal diesen Satz zu und ich fand ihn, besonders im Bezug auf den Römer und seine weitläufige Familie, sehr passend: „Die deutschen Männer möge es als Angestellte zu arbeiten, da sie wie Hunde sind. Aber wir Albaner, wir sind Katzen. Wir müssen unser eigener Chef sein.“ Natürlich ist der Satz mit einem gewissen Augenzwinkern zu betrachten, aber es ist sicherlich ein wahrer Kern an dieser Geschichte. Die Albaner sind ungern angestellt. Lieber sind sie ihr eigener Chef und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Was noch hinzu kommt: Die wahnsinnige Dickköpfigkeit. Nein, ein Albaner weicht keinen Millimeter von seiner bereits getroffenen Meinung ab. Eher schläft er im Kartoffelkeller als dass er seine Meinung ändert. Sollte er nach Wochen doch seine Meinung ändern, kann er sich entweder nicht mehr daran erinnern oder er verkauft Ihnen Ihre Meinung als seine Meinung.

Albanische Autos

Der deutsche Automobilhersteller mit dem Stern ist ein Garant für Qualität und Langlebigkeit. Heiß begehrt ist diese Automarke im Land der blutroten Fahne. Da die Autos nicht so viel Elektronik vorweisen wie die, der anderen Marken, ist es ein leichtes Ersatzteile zu bekommen. Bei anderen Marken kann es zu einer mehrwöchigen Wartezeit kommen. Übrigens: So viele Luxuskarossen wie in Tirana habe ich selten in meinem Leben gesehen. Sie sehen die neuesten Modelle durch Albaniens Städte düsen. Meist sind die Autos importiert aus Deutschland oder Österreich.

Es sei günstiger, so hat es mir mein angeheirateter Neffe erklärt, die Autos in Deutschland zu kaufen, abzuholen und damit bis nach Albanien zu düsen, dort dann noch einmal Zollgebühren und Einfuhrsteuern zu zahlen, als dass Sie das gleiche Auto in Albanien kaufen.

Auflösung von Tag 8

Sie haben ja Recht und haben super Argumente geliefert:

Sonja sagte, dass jemand mit medizinischen Fachkenntnissen so etwas bemerken würde. Anke bemerkte, dass ein Sportler nun wirklich nicht die Risikogruppe sei. Miss to Bee glaubt die Geschichte (und liegt damit richtig), aber nicht am Hochzeitstag (düdüm). Doch genau so war’s. Die römische Gallenblase verstopfte uns auch den Hochzeitstag. Nachdem der Römer aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sollte er einen Termin zum Entfernen ausmachen. Das fand er „schwachsinnig“. Sie können sich denken, was darauf folgte: Ein Versuch der Selbstmedikation, der absolut daneben ging. Dann ein erneuter Besuch im Krankenhaus und schließlich eine Hau-Ruck-Operation. Man sagt, dass medizinisches Fachpersonal die schwierigsten Patienten seien. Beim Römer kann ich das bestätigen.

Ich war damals schon ein Trendsetter und trug Maske. Man vermutete einen Norovirus beim römischen Patienten, deswegen musste man mit Schutzanzug und Maske in sein Zimmer.

Endlich (oder auch nicht)

Ich bin Ihnen etwas schuldig. Und zwar eine Erklärung!

„Ach, Eva (oder, wenn Sie die förmliche Anrede bevorzugen: Ach, Sig.ra Farniente), Sie sind mir doch nichts schuldig.“ werden Sie lächelnd abwinken.

Doch, doch, darauf bestehe ich.

Letzte Woche, es war ein Montag oder Dienstag, Signorino schlief gerade, lagen der Römer und ich auf der Couch. Er links, ich rechts und wir starrten an die Decke. „Urlaub wäre schön.“ sprach ich in die Stille und der Römer seufzte. „Si, si. Ma abbiamo solo una settimana a settembre. E dobbiamo andare a vedere i miei.“ [Ja, ja. Aber wir haben nur eine Woche im September. Und wir müssen zu meinen Eltern fahren.] antwortete er müde.

Wir seufzten gleichzeitig.

„Wie viel Zeit brauchst du eigentlich für dein neues Ph.D. Projekt?“ fragte ich nun um das Thema zu wechseln. „Tre, quattro mesi.“ [3, 4 Monate] antwortete er und versuchte die Verzweiflung wegzugrinsen.* „Aber ich habe nur 6 Wochen bis Abgabeschluss. Es wird sehr knapp mit dem Projekt.“

Draußen prasselten Regentropfen gegen die Scheibe. Es war trist, es war grau und es war stürmisch.

„Unbezahlter Urlaub wäre schön.“ seufzte ich wieder. „Hm….“ stimmte der Römer in die Monotonie ein.

Plötzlich kam Bewegung in die Szenerie. Der Römer setzte sich ruckartig auf. „Ma perché no?“ [Aber warum nicht?] fragte er nun voller Energie. Ich runzelte die Stirn. „Ist es jetzt nicht viel zu spät um für August nach unbezahltem Urlaub zu fragen?“ erwiderte ich etwas überrannt. „Ma era idea tua! [Aber das war deine Idee!] Und, das muss ich diesmal ausnahmsweise sagen, es war eine fantastische Idee.“ strahlte er.

Ich dachte nach. „Aber es ist alles so kompliziert… und sicher werden sie dir keinen Urlaub geben UND….“ ich wollte gerade noch andere Gründe finden, warum es nicht klappen kann, da unterbrach mich der Römer: „Das Neun hast du doch eh schon, wenn du nicht fragst. Aber es kann ein Ja werden, wenn du den Mut hast zu fragen.“ versuchte er mich zu bekehren. „Den Satz hast du von mir!“ wandte ich ein. „Io lo provo! [Ich versuch’s!] Und wenn sie nein sagen, dann ist’s auch okay.“ verkündete er während er auf seine Armbanduhr guckte. „Oh, mi devo sbrigare. [Oh, ich muss mich beeilen.] Gleich fängt der Spätdienst an.“ sprach’s und packte hastig seine Tasche.

Als er von der Arbeit zurückkehrte, wirkte er sehr niedergeschlagen. Die Antwort auf die Frage nach unbezahltem Urlaub beantworteten seine hängenden Mundwinkel. Ein klares Nein für unseren Urlaub, der einen Monat dauern sollte. „Na ja, wir haben’s versucht.“

Gedanklich legten wir das Thema ad acta.

Bis heute.

„Christel [des Römers Chefin] bat mich nach der Arbeit auf sie zu warten. Sie müsse mir etwas zu meinem Urlaub sagen.“ schrieb der Römer um 13 Uhr.

Ich verdrehte die Augen, denn ich hatte Hunger und wollte noch länger auf ihn (und das gemeinsame Mittagessen) warten. „Welcher Urlaub? Den Vorschlag wegen des unbezahlten Urlaubs hat sie bereits abgeschmettert. Da bleibt nur die Woche im September. Sag mir bitte nicht, dass sie dir die Woche auch noch nehmen will?“ tippte ich genervt. Mein Hunger wirkte wie ein zusätzlicher Katalysator meiner – eh schon angespannten – Gefühle.

Doch der Römer antwortete nicht mehr. Frustriert biss ich in einen Schokoriegel und kaute ärgerlich darauf herum.

Nach 45 Minuten sah ich einen beschwingten Römer die Straße entlang spazieren. Fröhlich schwang er seine Milchkaffee braune Arbeitstasche hin und her. Ich wunderte mich.

„Okay! Tutto confermato.“ [Okay! Alles bestätigt.] jauchzte der Römer vor Glück und wirbelte den eben noch auf dem Boden spielenden Signorino im Kreis umher, der dann auch anfing vor Freude zu jauchzen. „Dein Urlaub im September war doch schon bestätigt?!“ hakte ich bei dem unorganisierten Römer nach. „Ja!! 5 Wochen!“ gab er freudestrahlend zurück. Ich war verwirrt. „Ne, ne. Eine Woche war das doch?“ vergewisserte ich mich irritiert. „Ma no! Allora, si! Ma no!“ [Aber nein! Also, ja! Aber nein!] strahlte mich der Römer an.

Ich hob beide Augenbrauen und verstand nichts. Doch diesmal war es definitiv kein sprachliches Missverständnis, das hier vorlag.

Der Römer bemerkte meine verhaltene Reaktion und rollte die Geschichte freundlicherweise noch einmal von vorne aus: „Wir wollten doch unbezahlten Urlaub?“ fing er an. „Dieser wurde uns aber nicht gewährt, weil meine Bitte so kurzfristig kam. Aber weißt du, was Christel heute gesagt hat: „Alles klar,“ sagte sie, „Römer, viel Spaß! Du hast 5 Wochen Urlaub – ab Mitte August! Ich hab nochmal mit Walter [dem anderen Chef] geredet und Walter ist d’accordo. Wir wollen, dass du dein Ph.D. Projekt ordentlich vorbereitest. Also: Ciao Kakao! Viel Spaß im Urlaub.“

Mir stand der Mund offen. „Wirklich?“ fragte ich irritiert. „Maaaa si! Cinque settimane per noi – e il progetto del Ph.D..“ [Aber ja! Fünf Wochen für uns – und das Ph.D. Projekt]

Ich schüttelte nun völlig fassungslos den Kopf. Als ich die Information langsam verstand, fuhr mein Kopf Achterbahn. Soviel war noch zu organisieren! „Ach du liebe Zeit. Wir brauchen einen neuen Kindersitz, eine Hülle, Flüge, Unterkünfte, vielleicht sogar einen Mietwagen?“ plapperte ich hektisch darauf los. „Senti, una volta nella tua vita…lo possiamo fare a modo mio?“ [Hör mal, einmal in deinem Leben… können wir das auf meine Art machen?] fragte er zögerlich an. Doch ich war schon ins Schlafzimmer gerannt und durchforstete Signorinos Kommode. „UV Anzug!“ delegierte ich. „Schreib auch gleich Sonnenschutz 50+ auf – der ist in Albanien** so teuer!“ leitete ich ihn an. „Ma chi dice che andiamo in Albania?***“ [Aber wer sagt, dass wir nach Albanien reisen?] fragte der Römer erheitert. „Wohin denn sonst? Im August sind wir immer in Albanien. Außerdem haben deine Eltern Signorino noch gar nicht kennengelernt. Danach können wir gerne woanders hin. Aber der erste Stop ist Albanien. Dein Ph.D. Projekt lässt sich doch viel erfolgreicher dort vorbereiten.“ quasselte ich fröhlich darauf los. Signorino quieckte erheitert. „Na, wenn selbst Signorino der Meinung ist. Aber sei bitte nicht genervt, wenn wir dort sind.“ bat der Römer.

„Aber natürlich bin ich genervt, wenn wir dort sind. Einfach weil nichts funktioniert, es laut und stickig ist. Dazu ist Pünktlichkeit ein Fremdwort. Absolut nichts läuft in geregelten Bahnen. Doch gleichzeitig bin ich gerne mit deiner verrückten Verwandschaft unterwegs. Ich lasse mich gerne von deiner Mama auf albanisch bequasseln, minütlich umarmen und mich mit „zemra ime“ anschmachten. Mir fehlen die losen Abmachungen, die Zeit und Ort betreffen. Das überrascht wirkende „Es war komischerweise Stau während der Hauptverkehrszeit, deswegen sind wir 40 Minuten zu spät.“ deiner Brüder geht mir ebenso ab, wie das völlig gelassene „s’ka problem“ [kein Problem] bei jedem vollwertigen Weltuntergang. Dazu der Kaffee, die holprigen, nicht geteerten Straßen Kamez‘, die Granatapfelbäume, die gemächlich im Wind wiegen. All das fehlt mir.“ erklärte ich ausschweifend.

„Allora, va bene.“ nickte der Römer zufrieden und hing mit einem Ohr bereits am Telefon um seiner Verwandschaft Bescheid zu geben, dass der lang ersehnte Enkel Signorino im August das gelobte Land betritt. „Endlich.“ werden sie jauchzen und sich seufzend in den Armen liegen.

„Endlich.“ murmelte ich zufrieden und strich beschwingt über meinen vereinsamten Handgepäckskoffer.

*Der Römer arbeitete seit 8 Monaten an seinem Projekt. Leider hat die Universität nach 10 Jahren beschlossen, die ausgeschriebenen Messgeräte durch andere zu ersetzen. Das wiederum stürzt den Römer in eine mittelschwere Krise, da er nun ein neues Thema braucht – und der Bewerbungsschluss Ende August ist.

**So einfach wie gedacht gestaltet sich eine Reise in ein Drittland wie Albanien leider nicht. Die aktuellen Gesetze besagen, dass man nach der Rückkehr aus einem Drittland 14 Tage in Quarantäne muss. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein nachweisbarer, negativer PCR Test, der bei Einreise nicht älter als 48h ist und aus einem anerkannten Land (Liste: klick) kommt. Alternativ kann der Test nach Einreise am Ort des Grenzübertritts (z.B. das Centogene Testcenter am Frankfurter Flughafen) oder am Ort der Unterbringung erfolgen. Das Testergebnis muss – unabhängig davon, ob die Testung vor oder nach Einreise erfolgte – für mindestens 14 Tage nach Einreise aufbewahrt werde. Es muss dem Gesundheitsamt auf Verlangen vorgelegt werden. (Quelle: Auswärtiges Amt)

***Da wir nicht aus touristischen Zwecken reisen, werden wir die Lage selbstverständlich (auch aufgrund der steigenden Covid-19 Zahlen) beobachten und nicht unbedacht nach Albanien reisen. Wir befinden uns bis zum Reisezeitpunkt in der Feinabstimmung mit der Familie, die darauf besteht, dass wir nicht reisen, sollten die Zahlen sich noch weiter erhöhen.

Albanien: Mal was Sinnvolles!

Wie oft geben der Römer und ich 250€ für Quatsch aus (Quatsch, der sich summiert wie Salatschleudern, die verstauben, Wassersprudler, die die Dame des Hauses unbedingt braucht, etc…).

Warum also nicht einmal 250€ für was sinnvolles ausgeben und Menschen in Not helfen? Von 250€ kann eine albanische Familie einen Monat lang mit Lebensmitteln versorgt werden.

Ein bekannter, albanischer Imam, Elvis Naçi, der sich seit jeher für Wohltätigkeitszwecke einsetzt, sammelt hier:

https://www.gofundme.com/f/elvisnaci?utm_source=customer&utm_medium=copy_link&utm_campaign=p_cp+share-sheet

Das Geld versiegt nicht einfach so, sondern kommt da an, wo es gebraucht wird. Im letzten Jahr hat er beispielsweise ein Krankenhaus gebaut.

Dies ist keine Werbung, kein Betteln um Spenden und keine Aufforderung. Wer möchte, der darf. Und wer nicht möchte, der muss nicht. Ich wollte nur auf ein seriöses Projekt aufmerksam machen, bei dem sich keiner bereichern will.

In diesem Sinne: Fühlt euch alle gedrückt! ❤️

Erdbeben in Albanien

Eigentlich wollte ich heute das gestrige Macho-Gespräch des Römers veröffentlichen. Doch dann kam das heftige Erdbeben in Albanien mit unzähligen Toten und Verletzten.

Und mit dem Erdbeben kam eine Frage bei mir hoch: Warum liest man dazu nichts in unseren deutschen Zeitungen, aber in sämtlichen griechischen, italienischen, englischen und US-amerikanischen Zeitungen kann man davon lesen? Die Krankenhäuser sind voll, ein Großteil der Hafenstadt Durazzo (Durres) ist unbewohnbar.

Wäre die gleiche Sache in Griechenland passiert, hätte es einen riesen Aufschrei gegeben. Hilfe wäre geschickt worden. Aber in Albanien? Nichts. Der deutsche Staat schweigt. Die Zeitungen ebenso.

Italien reagierte sofort und schickte das technische Hilfswerk nach Albanien. Der Kosovo mobilisierte sofort seine Bundeswehr um zu helfen. Auch Griechenland schickte sofort Helfer nach Albanien.

Und hier liest man nicht einmal etwas von diesem Erdbeben. Irgendwie erschreckend.

P.S.: Allen Familienmitgliedern geht es gut. Es gab nur ein paar Risse in den Häusern, aber das Epizentrum war zu weit weg. Die Mutter einer albanischen Freundin, die in Durres wohnt, musste die ganze Nacht draußen schlafen. Es sieht aus wie im Krieg, sagte sie. Ihr Haus blieb dennoch unversehrt. Das kann man von den Häusern der Nachbarn nicht sagen. Die meisten sind zerstört.

Eine Hand voll Muscheln und Sand

Bei diesem schmuddelig-kalten Wetter ist mir ein Blogbeitrag in die Hände gefallen, den ich im Urlaub am Strand geschrieben habe. Hoffentlich wärmt er genau so wie eine warme Kürbissuppe, die auf dem Herd vor sich hinköchelt oder die Kuscheldecke auf dem Sofa.

Eine Hand voll Muscheln und Sand bedeuten doch überall Glück, oder? Egal in welche Sprache. Egal mit welcher Währung gezahlt wird. Egal in welchem Land und an welchem Strand.

Eine Hand voll Muscheln und Sand bedeutet Freiheit, salzige Meerluft. Es bedeutet einen Moment sorglos zu sein. Tief durchzuatmen während die Meeresbrise sanft die sonnengebräunte Haut streichelt. Es bedeutet Familien mit Kühlboxen voller Köstlichkeiten, die liebe- und mühevoll zusammengestellt wurden. Es bedeutet Eis, dass viel zu schnell schmilzt und Geschmackssorten, die oft so künstlich sind, dass man sie nur im Sommer am Strand essen kann. Es bedeutet Fußabdrücke im warmen, hellen Sand. Es bedeutet Wellen, die dich umspielen um dich langsam ins Meer zu ziehen. Lauwarmes, salziges Meerwasser, Luftmatratzen in grellen Farben, windschiefe Sandburgen, morsche, ausgeblichene Holzplanken, über die man bis zum Strand balanciert.

Es bedeutet, Urlaubsbekanntschaften an der immer selben Strandbar zur immer selben Zeit zu treffen. Nur die Haut- und Haarfarbe verändert sich. Während die Haare ausbleichen, das dunkelblonde Kleinkind nun fast hellblond ist, wird die Haut dunkler. Bei manchen erst rot – und das in allen Schattierungen, bei anderen ein hübsches braun, dass so wunderbar zum weiten, weißen Leinenkleid passt. Es bedeutet Kaffeeduft und eine große Flasche Wasser, an der die Wassertropfen abperlen und sich ihren Weg bahnen um eine hübsche, kleine Pfütze auf dem Holztisch zu bilden.

Eine Hand voller Muscheln und Sand bedeutet auch Wassermelonenkerne-Weitspucken. Die riesigen, süßen Wassermelonen des Südens mit ihren Rabenschwarzen Kernen. Es bedeutet Schwimmsachen, die im Wind in wenigen Minuten wie von Zauberhand trocknen. Es bedeutet Gummikrokodile, die mit voller Lebenslust von jungen Abenteurern gekapert werden, nur dass sie sie dann wieder ins Meer plumsen lassen, wenn sie nicht aufpassen. Es bedeutet pappsüße Granita, abends, auf warmen Steinstufen zu schlürfen oder zu löffeln.

Es bedeutet fangfrischer Fisch, der wunderbar nach Salz und Meer riecht, gebraten mit ein wenig Olivenöl und Rosmarin auf dem Grill. Beträufelt mit frischer, sonnengelber Zitrone aus Nachbars Garten. Es bedeutet Gemüse aus dem Garten. Gurken, so aromatisch, dass man sich schwört, nie nie nie wieder ihre traurigen Artgenossen in Plastikfolie eingeschweißt im Supermarkt zu kaufen. Es bedeutet warme Nächte, die nur durch den Ventilator und das dünne Betttuch erträglich werden.

Und am Ende des Urlaubs bedeutet es, immer nochmal ein paar Sandkörner im schon ausgepackten Koffer zu finden. Vielleicht auch eine kleine Muschel, die sich keck reingeschmuggelt hat.

Eine Hand voll Muscheln und Sand sind vielleicht die Währung des wahren Glücks auf dieser Erde.

Gjiri i lalzit – verursacht einen Knoten in der Zunge beim Aussprechen, ist dafür aber tausendmal schöner als die Aussprache. Versprochen.

Elda in Mailand

[Alle vorherigen Teile sind hier zu finden: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4]

Für Besnik gab es kein Zurück mehr. Er erlaubte Elda schweren Herzens in Mailand zu studieren. Wäre da nicht vor Jahren dieses blöde Versprechen an sich selbst gewesen, dass er alles tut, damit seine Tochter die bestmögliche Ausbildung bekommt. Manchmal möchte er den jungen, naiven Besnik für diese dämliche Aussage ohrfeigen. Doch jetzt war es zu spät dafür.

Flora, seine Frau, lief schon seit Tagen mit geschwollenen Augen durch das große Haus. Als Elda vor dem Studentenvisumsantrag saß und sie in ihrer mädchenhaften Schrift Druckbuchstabe um Druckbuchstabe einfügte, rissen bei Flora wieder alle Dämme. Schnell huschte sie in die Küche und schnitt Zwiebeln. Wenn sie eh schon weinte, dann sollten wenigstens ihre Kinder denken, es käme von den Zwiebeln. Dass sie dabei herzzerreißend schluchzte blieb ihren Kindern trotzdem nicht verborgen.

Elda wusste, dass ihr neuer Lebensabschnitt nicht nur Freude für die Familie bedeutete. Aber sie redete sich ein, dass es wie mit einem Pflaster ist: Lieber schnell und ruckartig „abziehen“ als langsam und schmerzhaft. Sie musste alles ausblenden um den Schritt in die große, weite Welt zu wagen. Anders ging es nicht.

Am nächsten Tag hatte sie einen Termin beim italienische Konsulat in Tirana. Bevor das Konsulat aufmachte, genoss sie noch eine Tasse Espresso im schräg gegenüberliegenden Sophie Café. Sie ließ sich in die braune, abgewetzte Ledercouch sinken und begutachtete das frühe Treiben Tiranas. „Faleminderit! [Danke]“ bedankte sie sich höflich bei der freundlichen Bedienung, die ungefähr in ihrem Alter war.

Sie dachte nach. Nein, so wollte sie nicht enden. Sie wollte mit ihrem Studium keine Kellnerin oder Barista werden. Und das scheint ohne die nötigen Kontakte oft der einzige Weg in Albanien zu sein. Sie wollte weg von Tirana und internationale Erfahrungen sammeln. Hier würde sie nur das gut behütete Mädchen bleiben, dass von allen unterschätzt wird.

Entschlossen trank sie den letzten Schluck ihres Espressos, kramte in ihrer Tasche und holte eine 100 Lek (0,81 Eur) Münze aus ihrem Portmonnaie. Als sie diese auf den Tisch legte um zu zahlen, fiel ihr die kleine, gerollte Botschaft auf, die zu jedem Getränk bei Sophie Café gereicht wird. Sie glaubte nicht an sowas. Aber was schadete es schon, diese Nachricht zu lesen? „Hapi krahet dhe fluturo zog i vogel! Bota eshte jotja! [Öffne deine Flügel und flieg, Vögelchen! Dir gehört die Welt].“ stand da. Sie lächelte und schob die Nachricht zu den Familienbildern in ihrem Geldbeutel. Kurz darauf überquerte sie die Straße und marschierte auf das italienische Konsulat zu. „Takim? [Termin?]“ fragte der Pförtner forsch. „Ja!“ antwortete sie und reichte ihm ihren Reisepass. „Va bene! Entri, signora! [In Ordnung! Treten Sie ein!]“ sagte der Pförtner.

In der herrschaftlichen Villa im mediterranen Stil ging alles ganz schnell. Unterlagen wurden geprüft, es wurde gestempelt, ihr Pass wurde mit einer Lupe auf die Echtheit überprüft und der Beamte sagte mit seiner tiefen, sonoren Stimme: „Va bene, signorina. Dura un giorno. Ci vediamo domani. Il visto d’ingresso per motivi di studio sará pronto domani mattina. [In Ordnung. Es dauert einen Tag. Wir sehen uns morgen. Das Einreisevisum für Studenten ist morgen Vormittag fertig]“

„Domani mattina…“ hallte es in ihrem Kopf nach. „Morgen Vormittag also. Das heißt, sie kann an der Einführungs- und Orientierungsphase in Mailand teilnehmen und das wiederum heißt…“ Sie musste kurz nachrechnen. „…sie würde wohl Ende der Woche nach Mailand fliegen. Wow!“ Plötzlich war ihr Traum so unglaublich nah. Beschwingt fuhr sie die wenigen Kilometer nach Hause.

Besnik fragte sie, wie es gelaufen sei. „Mire! [Gut!]“ war ihre knappe Antwort und sie grinste. „Shume mire [Sehr gut]!“ Sie erklärte, dass das Visum morgen fertig sei und sie demnach nicht die erste Phase an der Universität verpassen würde, wenn sie Freitag flöge. Besnik schluckte und nickte.

„Wo ist eigentlich Mama?“ fragte Elda. „Sie schneidet Zwiebeln.“ antwortete Besnik und versuchte ein Lächeln anzudeuten, dass ihm nur schwer gelang. „In letzter Zeit gibt es ziemlich viele Gerichte mit Zwiebeln, findest du nicht?“ fragte Elda. „Hm….“ stimmte Besnik gedankenversunken zu.

Am Abend tagte der Familienrat. Es gab – wie sollte es anders sein – französische Zwiebelsuppe. Anwesend waren Toni, Elda, ihre Eltern und Tonis Frau. „Okay, aufgepasst: Elda wird nach Mailand fliegen. Mama und ich können die Geschäfte hier nicht Ruhen lassen. Toni! Du wirst mit Elda mitfliegen und dich um alles kümmern. Dein Italienisch ist sehr gut und ich werde sie vorerst nicht allein in einer fremden Stadt lassen. Ich habe schon mit Afrim, meinem Studienfreund, telefoniert. Dort werdet ihr für’s erste wohnen bis Elda eine eigene Wohnung gefunden hat. Es wird nicht allzu lange dauern.“ erklärte Besnik. Alle nickten. „Die Tickets habe ich schon buchen lassen. Freitag um 14:30 Uhr fliegt ihr.“

Alle nickten. Flora verließ schniefend den Tisch um nach der Suppe zu sehen.

Die folgenden Tage war Elda damit beschäftigt, ihr Visum abzuholen, sich von ihren Freundinnen zu verabschieden, ihre Verwandten noch ein letztes Mal zu drücken und ihre Sachen zu packen. „Wie viele Koffer darf ich mitnehmen?“ fragte sie Besnik. Vor ihr waren drei große Koffer geöffnet und bereits gut gefüllt. „Einen.“ antwortete dieser knapp. „Einen?!?!?“ fragte sie schockiert. Ihr Vater nickte belustigt. „Tja, Kind. Im Ausland zu wohnen hat nicht nur Vorteile.“ gab er ihr lachend zurück. „Aber Papa!!“ wollte sie protestieren. „Schatz, da musst du jetzt durch.“ sagte er und verließ den Raum. Irgendwie schaffte sie es einen Koffer zu packen. Was keiner außer Toni wusste: Sein Koffer war nochmal zu 2/3 mit ihren Sachen belegt. Er würde nicht soviel brauchen für die wenigen Tage und wusste wie wichtig all die Kleidungsstücke für seine kleine Schwester waren.

Am Freitag ging die Reise los. Alles war aufregend. Die Tage vergingen wie im Flug und die beiden Geschwister suchten mit Afrims Hilfe händeringend eine kleine Wohnung für Elda. Erfolglos! Es war September und sie waren bei weitem nicht die einzigen, die nun eine bezahlbare Unterkunft suchten.

Nach einer Woche rief der verzweifelte Toni bei seinem Onkel, dem Römer, an. Er klagte von seiner Erfolglosigkeit. Der Römer musste lachen. „Was dachtet ihr denn? Dass ihr innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung findet?“ belächelte er die beiden Geschwister. „Das kann Wochen oder Monate dauern.“ Toni räusperte sich. „Aber in Tirana…“ wollte er ansetzen. „Ja, in Tirana ticken die Uhren anders. Das hier ist Mailand.“ erklärte der Römer. „Aber wie gut, dass ihr mich habt. Ich werde mich bei ein paar Freunden erkundigen, ob jemand eine Wohnung für Elda hat.“

Der Römer kramte all seine Kontakte aus. War da nicht die Tante der Dottoressa der alten Praxis, die in Mailand vermietete? Und gab es nicht den Bruder seines Freundes Fabian, der dort seit Jahren wohnte?

Der Römer klapperte alle ab. Innerhalb von wenigen Stunden hatte er zwei heiße Tipps. Nicht ganz günstig, aber was ist schon günstig in Mailand?

Er überbrachte die frohe Botschaft direkt an Elda. Sie freute sich sichtlich. Man machte einen Besichtigungstermin aus und die zwei Geschwister schauten sich die beiden Wohnungen an. Eine lag vier Straßen von der Uni entfernt. Ein süßes, kleines Apartment in einem schönen Palazzo. Da wollte sie hin. Es war die Eigentumswohnung von Fabians Bruder.

Elda berichtete abends dem Römer von den Besichtigungen. „Die Wohnung ist einfach perfekt. Klein, aber dennoch zwei Zimmer, eine kleine Küche, voll ausgestattet. Der Preis – nicht ganz billig. Aber noch am oberen Limit. Nur die Mietbedingungen scheinen mir komisch.“ erzählte sie dem Römer. Dieser fragte nach dem Warum. „Na ja, ich sagte, ich will mindestens zwei Jahre bleiben. Aber in den langen Semesterferien brauche ich die Wohnung nicht. Ich fliege doch heim nach Albanien. Also würde ich die Wohnung bis Anfang Februar mieten und dann wieder ab Ende März bis einschließlich Juni und von Juni bis September bin ich wieder nicht da, das heißt ich brauche die Wohnung wieder ab September. Und so erklärte ich Endrit, dem Bruder von Fabian, das. Er hat mich ausgelacht, aber ich weiß nicht warum. Er sagte nur: Ruf den Römer an und lass dir das alles nochmal erklären.“ führte sie lang und breit aus. Der Römer wusste nicht, ob er lachen oder schimpfen soll. „Ach Elda, Elda, Elda! Du musst noch viel lernen. Eine Wohnung kann man nicht nach Bedarf mieten. Du kannst einen Untermieter suchen, aber du kannst nicht monatsweise mieten. Das macht kein Vermieter mit.“ erklärte er geduldig. „Wenn du meinen Ratschlag willst: Unterschreib den Vertrag! Endrit ist ein guter Kerl und versucht dich nicht übers Ohr zu hauen“ versuchte er ihr zu helfen.

Sie seufzte. „Das ist hier alles viel komplizierter als ich dachte. So allein. Im Ausland. Aufregend – klar. Aber kompliziert.“ gab sie kleinlaut zurück.

„Ja und es werden noch viele, viele Dinge folgen. Hör auf deinen Onkel! Aber dennoch wird es eine wunderbare Zeit. Hab Vertrauen!“ ermutigte der Römer sie.

„Irgendwie kann ich’s kaum erwarten!“ gab sie aufgeregt zurück. „Ich – allein in Mailand. Wow!“

Fine – Fund – Ende

Elda geht nach Mailand

[Teil 1 ist hier zu finden] [Teil 2 ist hier zu finden] [Teil 3 ist hier zu finden]

„Absage, Absage, Absage!!! Maaaan! Sehen die nicht, dass ich eine der besten Studentinnen in ganz Albanien bin?“ wütet Elda. „Sind die denn wirklich alle so doof? Ich habe überall Top-Noten! Nur weil ich nicht aus den USA komme, sondern aus so einem blöden, kleinen, unwichtigen Land wie Albanien.“ ätzte sie weiter. Sie knallte die Unterlagen auf den Tisch, seufzte und lies sich mit verschränkten Armen auf den Stuhl am großen Esstisch plumpsen.

„Aber, aber, aber! Deine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen! Wir sind ein stolzes Volk. Behandel dein Land mit Respekt und sei stolz darauf, was du bist und woher du kommst.“ mahnte sie Besnik. Doch er goß nur noch mehr Öl ins Feier mit seinen Worten.

„Ja, was denn? Nur weil wir Albaner sind, nehmen die mich nicht. Was soll denn sonst der Grund sein?“ fragte Elda aufgebracht und nun den Tränen nahe.

„Ich weiß es nicht. Es gibt viele Bewerber aus vielen Ländern. Und die Top-Unis warten nun mal nicht auf dich, mein Kind. “ setzte Besnik erneut an um sie zu bechwichtigen.

Es half nur wenig. Tagelang lief Elda mit einem unsichtbaren, schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht herum. Ihre Laune war nicht mies, sie war auf einem Punkt, den man nur selten im Leben erreicht. Ihre Stimmung war vergleichbar mit dem Marianengraben -abgrundtief und keiner weiß, was da unten alles lauerte.

Mehrere Tage gingen ins Land. Es hagelte Absagen. Frankfurt sagte ab. Zürich sagte ab. Genf sagte ab. Rom meldete sich gar nicht. Elda war verzweifelt. Sie sah sich auch im nächsten Jahr wieder an der Supermarktkasse – mit ihrem Bachelor-Abschluss. „Dann hätte ich mir auch einfach das Studium sparen können.“ seufzte sie als sie mit dem Römer telefonierte. „Ich ende als Top-Studentin an der Supermarktkasse. Na, danke auch. Dann kann ich doch gleich den Sohn meines Nachbarn heiraten und ihm drei Kinder schenken. Wozu brauche ich Bildung? Wozu bitte?“ Sie klang verzweifelt und ihre Stimme war belegt. Mehrmals schniefte sie.

„Du wirst sehen, irgendwoher kommt ein Lichtblick. Keine Sorge.“ erwiderte der Römer.

Und er sollte Recht behalten.

Zwei Tage später kam ein Lichtblick. Ein Lichtblick aus Italien. Università di Milano – Lehrstuhl für economia [Wirtschaft]. Sie teilten Elda mit, dass sie angenommen wurde an eben dieser Universität. Sie flippte aus vor Freude und rief sofort den Römer an. Er gratulierte ihr herzlich und senkte dann seine Stimme: „Elda, es gibt nur ein Problem: Dein Vater hat dir drei Städte vorgegeben und sein Favorit war Frankfurt. Bitte sag ihm noch nichts. Ich kümmere mich darum. Schaffst du das?“ fragte er. Sie bejahte und quiekte vor Freude.

Der Römer recherchierte, telefonierte mit alten Freunden aus Mailand, informierte sich über diverse Möglichkeiten und rief dann kurzerhand Besnik an. Das Gespräch begann wie immer – mit einem harmlosen Geplänkel über die Familie, die Gesundheit, das Wetter und die Arbeit. Irgendwann kamen sie zum Thema Elda. „Ja, sie ist sehr traurig. Sie bekommt nur Absagen. Mein kleines Mädchen so zu sehen, tut mir in der Seele weh.“ erzählte Besnik. „Und wenn es eine Zusage geben würde?“ fragte der Römer unschuldig. „Das wäre toll! Klar, nicht jede Stadt wäre willkommen, aber zum Beispiel Mailand wäre doch ein Kompromiss. Ich habe einen alten Studienfreund dort. Blöd nur, dass ich ihr nur die drei Städte genannt habe. Und die Bewerbungsphase für dieses Jahr ist schon vorbei.“ seufzte Besnik. „Dann ist heute dein Glückstag, lieber Besnik. Ich habe deiner Tochter geraten sich auch bei anderen Universitäten zu bewerben und Mailand hat ihr zugesagt!“ gab der Römer stolz preis. „WAAAAAAAS?“ entfuhr es Besnik – und man wusste nicht, ob nur das reine Erstaunen und die Freude darüber mitschwang oder doch auch ein bisschen Wut.

„Bevor du es nun doch verteufelst, lass es mich erklären: Es gibt 14 Flüge am Tag nach Mailand – von Frankfurt aus. Wir sind in einer Stunde bei ihr, falls was sein sollte. Dein Studienfreund wohnt dort, aber auch einer meiner engsten Freunde. Mailand hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Norditaliener sind ähnlich wie die Deutschen – eher ernst und arbeitsam. Von Albanien gibt es etliche Direktflüge und was noch wichtiger ist: Du würdest deiner Tochter einen Traum erfüllen.“ argumentierte der Römer ausführlich.

Besnik seufzte am anderen Ende der Leitung. „Und wie soll das alles gehen? Sie ist so jung und war noch nie im Ausland. Es lauern überall Gefahren. Bis ich bei ihr bin, vergehen mindestens 3 Stunden. Mein kleines Mädchen… ganz allein in Mailand.“

[Fortsetzung folgt – letzter Teil]

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

[Für Teil 1 und Teil 2 bitte jeweils auf den Link klicken]

„Und die wäre?“ fragten der Römer und Elda unisono.

„Ich habe es mir lange und breit überlegt. Elda darf im Ausland studieren, aber nur dort, wo es Verwandte gibt. Singapur und London wären damit eindeutig vom Tisch. Ich möchte jemanden von meiner Familie in ihrer Nähe wissen.“ erklärte Besnik. „Eine Möglichkeit wäre z.B. Rom…“ setzte er an.

Doch Elda unterbrach ihn sofort: „Rom!?!? Papa! Wo in Rom vermutest du denn die erstklassigen BWL Unis? Da kann ich genauso gut in Tirana studieren.“ Sie schmollte. Der Römer warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu bringen sollte, sich erst einmal alles anzuhören, bevor sie ihre Chancen verspielte. Doch ihr jugendlicher Übermut verhinderte, dass sie den Blick des Römers richtig deutete oder gar wahrnahm.

„Na gut, in den süditalienischen Dörfern gibt es keine Universitäten, die fallen also raus. Dann hätten wir noch Zürich…“ machte Besnik weiter.

Bevor Elda wieder ansetzen konnte, boxte der Römer sie leicht in die Seite, damit sie still ist. „Lass deinen Vater ausreden.“ zischte er.

„Dann natürlich Frankfurt, wo der Römer wohnt.“ zählte Besnik weiter auf. „Ja, Frankfurt hat einen guten Ruf, wenn es um Finanzwesen und um BWL geht. Aber die Spraaaache…“ Elda konnte es nicht lassen. Ihr jugendlicher Leichtsinn zwang sie förmlich dazu, all ihre Gedanken, taktisch unklug, auszusprechen.

„Und sonst würde noch Chicago bleiben. Das ist mir persönlich allerdings zu weit. Ich schicke doch meine Tochter nicht auf einen anderen Kontinent. Wo kämen wir denn dahin? Was würden die Leute sagen?“ führte Besnik weiter aus.

„Danke, Besnik. Ich denke, das sind ziemlich viele Informationen für Elda. Sie muss sicher erst einmal recherchieren und darüber schlafen.“ sagte der Römer, bevor Eldas Mund wieder Sätze los lies, die besser Gedanken geblieben wären.

Besnik und Flora mussten etwas erledigen. So blieben nur wir drei bei ihnen zu Hause. „Ich finde das blöd! Die große, weite Welt steht mir offen und ich soll nach Rom, Zürich oder Frankfurt? Pfff! Ich hab von London, Paris, Brüssel oder gar Singapur geträumt. Meine Freundin Ionnida studiert beispielsweise in New York. Ich sehe all ihre Bilder online und es sieht fantastisch aus.“ maulte Elda.

„Elda, Elda, Elda. Erst einmal: Am Ende des Tages sind es nur Bilder von Ionnida. Wer weiß, wie toll es wirklich ist? Du bist doch ein kluges Mädchen. Du bewirbst dich für Rom, Zürich und Frankfurt wie mit Besnik abgemacht. Dazu nimmst du noch Orte, die in der Nähe liegen. Das wäre beispielsweise Mailand, Genf, Berlin, vielleicht auch Brüssel? Orte, die von den Wohnorten deiner Familie schnell erreichbar sind. Es geht Besnik ja nur darum, dass du als Mädchen nicht allein im Ausland bist. Er hat Angst um dich.“ erklärte der Römer. Elda guckte ihn mit großen Augen an. Anscheinend war der Groschen jetzt gefallen. Ihr Vater hatte Angst um sie.

„Hm…. gar nicht mal so dumm. Wie weit ist London von Frankfurt entfernt?“ fragte Elda mit strahlenden Augen. „Zu weit.“ war die nüchterne Antwort des Römers. „Na gut, aber dein Tipp gefällt mir. Ich schau mir das mal genauer an.“ gab Elda zurück und setzte sich an ihren PC um zu recherchieren. So genau betrachtete sie die Europakarte das letzte mal im Geographie Unterricht in der 7. Klasse.

Wenig später stand fest, dass sie sich offiziell für die drei bekannten Städte bewirbt, inoffiziell noch für Brüssel und Mailand. Sie bereitete den Bewerbungsprozess vor und wartete nun auf Antwort der Unis. Wie auf heißen Kohlen saß sie da. „Und wenn mich alle Unis nehmen?“ fragte sie. „Dann besprechen wir zwei das zuerst und dann schlagen wir es deinem Papa vor.“ antwortete der Römer besonnen.

In diesen Tagen und Wochen des Wartens suchte Besnik das Gespräch mit dem Römer. „Wir müssen über etwas reden. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Wunsch, dass sie in Frankfurt studiert. Seit dich deine Schwester als Alibi benutzte um sich mit mir treffen zu können, bist du wie ein kleiner Bruder für mich. Ich würde mich am wohlsten fühlen, wenn du ein Auge auf Elda hast- Deutschland hat einen grandiosen Ruf in Albanien, es kostet, aber nicht so viel wie Zürich. Ich würde mich einfach besser fühlen, wenn Elda bei euch wäre. Deswegen ist meine Entscheidung schon gefallen. Sie geht nach Frankfurt.“

„Ich verstehe dich. Uns wäre es eine Ehre deine Tochter bei uns zu haben. Frankfurt ist eine größere Stadt, aber keine Großstadt wie Berlin. Man kann alles mit dem Rad oder zu Fuß erreichen. Die Goethe Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wir würden uns um deine Tochter kümmern als wäre es unsere eigene. Aber nun warten wir ab, was die Unis zurückmelden. Denn ich fürchte, es wird nicht leicht.“

[Fortsetzung folgt…]