Die Albanienchroniken – Teil 5: Ein morgendlicher Disput, Nasenstreicheln im Krankenhaus und ein Rumpelstilzchen zwischen High Heels und Miniröcken

Meine Nachtruhe war um 07:15Uhr schlagartig vorbei. Wie Sie längst wissen, fällt diese Uhrzeit für mich unter die Kategorie „Mitten in der Nacht“, Unterkategorie „Körperverletzung“.

Wer meinen verdienten Schönheitsschlaf störte? Die albanischen Nachbarn, die neben unserer Ferienwohnung residierten. Dabei fing es harmlos, aber gleichzeitig unüberhörbar, an: Um 7:15 Uhr wurden, wie es schien, sämtliche Tassen, Teller und Pfannen aus den Schränken gezogen und gegeneinander geschlagen. Eventuell wurde auch gekocht und der Tisch gedeckt. So genau konnte ich es, schlaftrunken wie ich war, nicht eruieren. Selbst mit einem Kopfkissen, das ich auf das freiliegende Ohr gepresst hatte, konnte ich den Lärm noch immer hören. Um nicht nur meine auditive Wahrnehmung zu reizen, beschloss man in der Nachbarwohnung, auch eine penetrante, olfaktorischen Komponente einzusetzen. Ein Geruch von stark frittierten Eiern verbreitete sich über die Klimaanlage und ergoss sich in meinem Schlafgemach. Mir wurde etwas flau im Magen. Um 7:30 Uhr begaben sich alle Familienmitglieder der Nachbarwohnung an den Esstisch, der anscheinend direkt an der Wand, hinter der ich schlief, stand. Das Gespräch plänkelte lustlos dahin, bis es eine abrupte Wendung gab. Scheinbar aus dem Nichts wurde der Ton des weiblichen Parts zunehmend gereizter und aggressiver. Ich griff zu einem zweiten Kissen. Schnell merkte ich, dass ich mir auch noch die Bettdecke über den Kopf ziehen musste, um den schnell anschwellenden Geräuschpegel zu dämpfen. Da ich unter zwei Kissen und einer Decke nur schwerlich Luft bekam, war ich gezwungen wieder zurückzurudern und mit einem einzigen Kissen auszukommen.

Derweil begann Frau Nachbarin zu brüllen als würde sie auf einer geschäftigen Großbaustelle stehen und nicht neben ihrem Mann im Esszimmer sitzen. Und was sie ihrem Gatten nicht alles um die Ohren haute. Zugegeben, ich verstand nicht jedes Detail. Aber am Ende rief sie, dass sie keine Arbeitsstelle habe. Das tat mir einerseits sehr Leid, weil ich durchaus wusste, was das für Konsequenzen nach sich zog. Andererseits sah ich bei ihrer Stimmgewalt großes Potenzial für eine Stelle als Marktschreierin auf dem pazari i ri, dem neuen Markt Tiranas. Ihr Gegenüber, vermutlich ein Mann, schwieg die ganze Zeit über. Vielleicht äußerte er sich auch, aber wenn, hatte er eine sehr zarte Fistelstimme, die ich durch die Wand und aufgrund meines Kissens auf dem Ohr nicht vernehmen konnte. Da ich mir in meinem Kopf bereits einen bärtigen, schweigsamen Albaner um die 50 Jahre ausgemalt hatte, dessen Bauch mein Vater getrost als „Hendlfriedhof“ bezeichnen würde, passte die Fistelstimme für mich nicht in meine Vorstellung. Deswegen schloss ich daraus, dass er höchstwahrscheinlich einfach schwieg. Und darin war er ganz schön gut. Vermutlich auch ein Talent, dass man zu Geld machen konnte. Aber ich war hier, hinter meiner sicheren Schlafzimmerwand, nicht die albanische Berufsberatung, sondern nur die peinlich berührte Nachbarin, die zum damaligen Zeitpunkt bevorzugt hätte zu schlafen, anstatt diesem lärmintensiven Monolog zuzuhören. Nach weiteren zehn Minuten, in denen er schwieg und sie weiter brüllte, hörte man schwere, ruhige Männerschritte. Wenig später knallte die Wohnungstür ins Schloss. Er war wohl gegangen. Danach war es still in der anderen Wohnung. Nach weiteren fünf Minuten setzte ein aggressiver Abspülvorgang in der Nachbarwohnung ein. Dazu drehte meine temporäre Nachbarin albanische Liebeslieder auf, die lautstark die Irren und Wirren einer verlorenen Liebe besangen.

In meinem Bett war ich hingegen so aufgebracht ob diesem unerwarteten Streit, der so früh morgens stattfand, dass ich hellwach war. Gleichzeitig war es mir auch ein bisschen unangenehm, so hautnah in eine Ehestreitigkeit hineingeschlittert zu sein, die nicht die Meine war. Allein der Gedanke, dass die Nachbarn von meiner Existenz gar nichts wussten, beruhigte mich etwas. Wer würde auch eine Deutsche im Pyjama hinter der Küchenwand vermuten? Ich schälte mich aus dem Einzelbett und tappte in das Doppelzimmer des römischen Vater-Sohn-Duos. Auf dem Weg dorthin beschloss ich, nie wieder darauf zu bestehen, eine Signorino freie Nacht im anderen Schlafzimmer haben zu wollen. Dabei dachte ich doch tatsächlich, dass meine Nachtruhe durch die Abwesenheit Signorinos deutlich ausgeprägter wäre. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen!

Wie erwartet schliefen die beiden männlichen Familienmitglieder. Eng umklammernd – wie die Ertrinkenden – lagen sie im Bett. Der Große schnarchte leise, der Kleine atmete dafür etwas lauter. In einer fließenden Bewegung legte ich mich dazu. Doch von der Erschütterung meiner, vermutlich doch nicht so fließenden Bewegung erwachte Signorino. Keine zwei Minuten später rollte er zu mir hinüber und begrüßte mich mit „Mamamamama“. Ich gab ihm zu verstehen, dass unsere Nacht um 8 Uhr noch nicht vorbei sei. Das wiederum wollte der willensstarke Sohn nicht akzeptieren und unterhielt uns so lange, bis zumindest ich entnervt aufgab und aufstehen wollte. Der Römer wollte noch ein bisschen liegen bleiben. Signorino hielt das für keine gute Idee und drückte ihm immer wieder, laut lachend, den angespeichelten Schnuller gegen die Schläfe.

1:0 für Signorino. Wir standen alle drei auf, frühstückten gestrige Croissants und tranken Tee und Kaffee. Nach dem Frühstück erhob sich der Römer, griff zu seinem Telefon und kümmerte sich um den wichtigsten Punkt auf der Tagesagenda: Er rief beim deutschen Krankenhaus [Spitali Gjerman oder einfach German Hospital] an, um einen Termin zum PCR-Test, den wir für die Rückreise benötigten, auszumachen. Gewohnt höflich begrüßte er sein Gegenüber am Apparat und trug sein Anliegen vor. Ob die Information richtig sei, dass man den Test im deutschen Krankenhaus machen könne, wollte er wissen. „Po. [Ja.]“. antwortete die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung knapp. Sehr schön, bemerkte der Römer, wir würden dann gegen 16 Uhr bei Ihnen sein. „Hmmmm….!“ machte die Stimme und wirkte nicht besonders glücklich mit diesem Vorschlag. Dann bediente sich die Krankenhausmitarbeiterin einer Taktik, die ich schon oft bei meiner albanischen Familie beobachten konnte. Aus Höflichkeit verneinte man nicht direkt, so wie ich es in Deutschland machen würde. Nein, vielmehr drückte man es deutlich diplomatischer aus. So sagte die Stimme also: „Ich empfehle Ihnen bis 14 Uhr im deutschen Krankenhaus zu sein. Danach wird es sehr, sehr schwierig einen solchen Test durchzuführen.“ Der Römer quittierte diese Empfehlung mit einem zweimaligen „Mire [Gut]“. Dann bedankte er sich, wünschte der Dame noch einen schönen Tag und verabschiedete sich freundlich.

Wir beschlossen diesen Punkt der Tagesordnung sogleich vollständig zu erledigen. Zwanzig Minuten später verließen wir das Haus. Im Treppenhaus begegnete uns ein bärtiger Mann mit einem großen, runden Bauch, der auf unsere Etage zusteuerte. Er wirkte mürrisch. Mit seiner tiefen, basslastigen Stimme grüßte er uns. „Ha!“, rief ich aus, als er aus unserem Sichtfeld verschwunden war, „Er hat doch keine Fistelstimme! Er war einfach nur schweigsam. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt.“ Dann grinste ich zufrieden in mich hinein. Der Römer guckte mich verwirrt an, sparte sich aber eine Rückfrage und überging meinen Kommentar galant.

Von dem gestrigen Spaziergang hatten wir anscheinend nichts gelernt und so nahmen wir abermals den Buggy mit. Schön blöd! Der Bürgersteig war nicht für Gegenstände mit Rollen geeignet. Wer transportiert werden möchte, soll seine Verwandtschaft bemühen oder zumindest einen charmanten Taxifahrer. Der Römer wollte Zweiteres vorschlagen, aber seine stoische Sparbrötchen-Gemahlin bestand darauf, „die paar Meter“ zu gehen. Nach einem fünfzehnminütigen Marsch, in denen man seinen Blick nicht eine Sekunde vom Boden abwenden konnte, wollte man keinen Knöchelbruch riskieren, kamen wir an. Schweißnass, mit einem 15 Kilo Kleinkind auf der Hüfte, musste ich mich kurz vor dem Krankenhaus sammeln, um wieder in meinen normalen Atemrhythmus zu finden. Der Römer grinste hämisch, hatte er doch nur den zusammenfaltbaren Buggy in der Hand. „Guarda che il taxi non avrebbe costato più di 3 euro. [Schau, das Taxi hätte nicht mehr als 3 Euro gekostet.]“ sprach er nun, als wir vor unserem Ziel standen. „Drei Euro?“ wollte ich fassungslos wissen. „Si! [Ja!] Aber du hast gleich abgewunken. Und ich weiß wie du bist, wenn ich insistiere.“ flötete er. Ein Glück legte sich mein Fokus recht schnell auf die Menschentraube, die vor dem Krankenhauseingang wartete. Eine Maske hatte selbstredend keiner auf. Der Römer versuchte indessen zu verstehen, ob der Menschenauflauf wartete, um eintreten zu dürfen oder einer anderweitigen Tätigkeit nachging, die sich uns nicht erschloss. Letztlich beschloss er, einfach zum Eingang zu stolzieren. Halbherzig entschuldigend bahnte er sich seinen Weg durch die Ansammlung, was mit einem nun ausgefalteten Buggy, erstaunlich schnell und effizient vonstatten ging. Signorino und ich folgten der Schneise, die er hinterließ. Kurz darauf stolperten wir ins Krankenhaus. Was sich hier für ein Anblick bot, lässt mich bis heute staunen:

Linkerhand war die große Rezeption. Primär aus Dekorationszwecken, wie es schien, hatte man eine Plexiglasscheibe installiert, die halb hoch den Plebs von den Krankenhausangestellten trennen sollte. Die Plexiglasabgrenzung endete auf Höhe meines Kinns. Nun muss ich sagen, dass ich als hochgewachsen in Albanien gelte, obwohl ich keine 1,70m groß bin. Für die meisten weiblichen und alternden Albaner endete diese Scheibe vermutlich auf Augenhöhe. Hinter dieser Coronaschutzmaßnahme saßen einige, junge, gut geföhnte Damen. Sehr adrett anzusehen! Nur verhinderte die akkurate Föhnfrisur vermutlich die richtige Trageordnung der Maske. Es war wie eine schlecht gemachte Werbung, in der die Bundesregierung darauf aufmerksam machte, wie die Maske nicht zu tragen wäre. Die orange-blondierte Außenwelle trug sie an einem Ohr. Der Rest hing schlaf nach unten, als wäre es ein übergroßer, sehr eigenwilliger Ohrring. Der kurze, lockige Bob klemmte die Maske kurzerhand unters Kinn, da sie beim Sprechen störte. Die hellbraunen Blocksträhnen waren schon etwas fortschrittlicher unterwegs. Unter der Nase, aber den Mund bedeckend. Fast richtig!

Der Römer meldete uns, mit Signorino auf dem Arm, an. Ich kniete mich kurz nieder, desinfizierte mir flink wie ein Wiesel die Hände, drückte noch einmal den Nasensteg meiner FFP2 Maske ordentlich zurecht und beschloss fortan nur noch selten, und wenn dann sehr flach, zu atmen. Mal wieder wurde nach unseren Pässen verlangt. Diese wurden kopiert und wieder an uns ausgehändigt. Während der Römer die Formalien klärte, schnappte ich mir Signorino und wir beobachteten die ankommenden und weggehenden Menschen. Es war wie eine sehr lustig anzuguckende Kleinkunstbühne, die sich vor uns auftat: Eine gut gestylte Frau um die 40 stöckelte ins Krankenhaus. Sie trug natürlich keine Maske, dafür einen feuerroten Lippenstift, der ihren mediterranen Teint vorzüglich unterstrich. Als sie schon fast an der Rezeption vorbei war, fiel ihr selbst (!) auf, dass wahrscheinlich das Tragen einer Maske in dieser Szenerie angebracht wäre. Flott tippelte sie zurück zur Rezeption und äußerte ihr Anliegen. „Ach, Sie haben keine Maske? Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ bemerkte der kurze, lockige Bob. Was ironisch klingen mochte, war definitiv nicht so gemeint. Es war ihr und allen anderen tatsächlich nicht aufgefallen. Man gab der gut gestylten Krankenhausbesucherin eine OP-Maske. Diese bedankte sich und eilte in die Kardiologie.

Wenig später schlürfte ein Ehepaar herein. Man konnte mit einem Blick erkennen, dass nicht nur sie der Risikogruppe angehörten, sondern vermutlich auch schon ihre Kinder (und eventuell Kindeskinder). Tattrig steuerten sie Richtung Rezeption. Der Greis mit dunkler Schiebermütze hatte seine Gattin im schwarzen Kleid, der dunklen Strumpfhose und dem weißen Kopftuch untergehakt. Natürlich trug keiner von beiden eine Maske. Sie fragten auch nach keiner, dafür grüßten sie die Rezeptionskräfte sehr freundlich bevor sie in die Urologie einbogen. Die hellbraunen Blocksträhnen und die orange-blondierte Außenwelle grüßten freundlich zurück und widmeten sich sofort wieder ihrem Gespräch, das höchstwahrscheinlich private Motive hatte. An der Körperhaltung der beiden Damen und den fest umklammerten Kaffeebechern konnte man ablesen, dass es sich um Beziehungs-, wenn nicht sogar Eheprobleme, handelte. Die Lage war ernst. Wer würde in diesem fesselnden Gespräch schon auf eine Maskentragepflicht in Krankenhäusern bestehen wollen? Es gab schließlich dringlichere Probleme.

Der kurze, lockige Bob schob dem Römer den Patientenkugelschreiber zu, der vermutlich seit langem kein Desinfektionsmittel mehr gesehen hatte. Der Römer guckte pikiert, zog seinen silber-schwarzen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Lederjacke und unterschrieb damit. „So ist es doch schon gleich viel sicherer.“ kommentierte er seine Geste und zwinkerte dem braunen, lockigen Bob zu. Dieser guckte ihn an wie ein Auto. Die orange-gefärbte Außenwelle, die sich offensichtlich aus der Diskussion der Beziehungsprobleme gelöst hatte, bat uns, auf der Sitzbank am Ende des Ganges Platz zu nehmen und dort zu warten. Wir würden dann aufgerufen werden.

Dem war auch so. Nach zwei Minuten wurde der Römer zum PCR-Test gebeten. Nach einer weiteren Minute kam er heraus und flüsterte mir ins Ohr, dass er die Dame schon vorgewarnt hatte, dass ich nur Englisch sprechen würde. Ich bedankte mich und eilte in den Testraum. Freundlich grüßend wurde ich auf einen Stuhl platziert. Ich nahm meine Maske ab. Die junge Dame streichelte mit einem Wattestäbchen sanft meinen inneren Nasenflügel, bevor sie es in einem durchsichtigen Röhrchen versenkte. Dann holte sie sich ein neues Wattestäbchen und kraulte damit liebevoll meine Mandeln. Ich wunderte mich etwas über die Sanftheit des Testverfahrens, hatte doch Turtle mir vorab mitgeteilt, dass das medizinische Fachpersonal normalerweise mit den Wattestäbchen bis zum Gehirn durchbohren würde. Doch ich hinterfragte die Situation nicht weiter. Ich bedankte mich und wünschte der Dame noch einen schönen Tag.

Beim Rausgehen erklärte ich dem Römer, dass der Abstrich überhaupt nicht unangenehm war. Er grinste und lieferte postwendend die Erläuterung zu meinem Eindruck. Das habe die Dame extra so gemacht, habe sie ihm erklärt. Denn schließlich wusste sie vom Römer, dass wir in Frankfurt wohnen und dahin zurück wollten. Und deswegen touchierte sie unsere Nasenschleimhäute und Mandeln nur leicht, denn wenn wir nur Überträger seien, aber keinerlei Symptome hätten, so wäre der Test negativ. Wäre die Corona-Erkrankung aber fortgeschritten, so würde der Test positiv resultieren. „Im Ernst?!“ presste ich aufgebracht heraus. „Das geht doch nicht!“ Der Römer tätschelte mir die Schulter. „Seh’s doch positiv. Wenigstens können wir noch zurückreisen, sollten wir positiv sein.“ erwiderte der Römer. Ich verstummte und beschloss, dass wir uns in fünftägige Quarantäne begeben würden, auch wenn Familienbesuche im Ausland nicht als quarantänepflichtig im Bundesland Hessen angesehen werden. Danach würden wir uns einem echten Test unterziehen, der über das liebkosen der Nasenschleimhäute hinausging.

Nach unserem kurzweiligen Krankenhausaufenthalt gingen wir zurück zum Sheshi Skënderbej, dem Hauptplatz Tiranas. Da unser Ziel nur wenige hundert Meter entfernt lag, beschlossen wir, auf eine Taxifahrt verzichten zu können. Der Römer trug Signorino, ich schulterte dafür den zusammengefalteten Buggy, der spätestens auf dem großen, tadellos gepflasterten Hauptplatz wieder zum Einsatz kommen würde. Von weitem konnte ich bereits eine kleine Zeltstadt erahnen, die an einem Ende des Platzes aufgebaut war. Davor standen sehr elegante, gold-blaue Wartestühle, die vermutlich eine Leihgabe der angrenzenden Oper waren. Die Zeltstadt stellte sich als Impfzentrum heraus, das zwar wenig besucht schien, aber dafür umso besser organisiert war. Der Römer verriet mir, dass Albanien ganz schön Tempo in Sachen Impfung machte, denn es wird jeder, verfügbare Impfstoff verimpft. Darunter auch chinesische und russische Fabrikate. Während wir das Impfzentrum mit einigen Metern Abstand beobachteten, düste Signorino über die Steinplatten. Immer wieder hielt er an, als müsste er eigenhändig die Fliesen nachjustieren und klopfte mit dem Hammer mehrmals prüfend darauf. Dann stand er lachend auf und lief vor Freude jauchzend davon. So ging das eine ganze Stunde lang.

Nachdem uns das Kind einigermaßen ausgepowert erschien, beschlossen wir beim Restaurant Panevino* gegenüber des prächtigen Maritim* Hotels vorbeizuflanieren. Es war Zeit zum Mittagessen und hier würden wir sicher fündig werden. Als wir an diesem italienischen Restaurant ankamen, fragte der Römer den jungen Kellner, ob sie die Option „zum Mitnehmen“ anbieten würden. „Zum Mitnehmen? Klar! S’ka problem. [Kein Problem.]“ Wir bestellten Spargelrisotto für den kleinen Farniente, Steak und Gemüse für uns Großen. Währenddessen war der Außenbereich des Restaurants gut besucht. Auch Innen saßen einige, illustre Gäste aus dem albanischen Funk und Fernsehen. Es dauerte ca. 20 Minuten, in denen wir abwechselnd Signorino hinterherjagten, während der andere Erziehungsberechtigte gemütlich seinen caffè trinken konnte. Das Kind, das wir vor wenigen Minuten noch als „ausgepowert“ bezeichnet hatten, war nun wie durch Zauberhand putzmunter. Es heizte durch den Außenbereich, einer von uns immer in seinem Windschatten. Alles war aufregend und neu. Insbesondere die Treppen kurz vor der großen Straße, wo wir ihn mehrmals vor Schlimmeren bewahren mussten. Beim Zahlen entschuldigten wir uns für das aufgedrehte Kind. „Ach woher!“ winkte der junge Kellner ab. „So ein liebes Kind. Sie wissen gar nicht, was hier alles für Kinder ankommen.

Auf dem Nachhauseweg fotografierte ich ein paar riesige Ostereier. Man sah, dass der (mittlerweile wiedergewählte) Premierminister Edi Rama nicht nur vormaliger Bürgermeister von Tirana, sondern auch ein begnadeter Künstler war. Erst als ich die Fotos auf meinem Handy kontrollierte, erinnerte ich mich daran, dass gerade Ostern war. Weitab von allem konnte man das schon einmal vergessen.

Daheim angekommen erfreuten wir uns an der wunderbaren Küche des Panevino. Das Fleisch, trotz eines 15minütigen Transportweges, verlor nicht ein My an Geschmack. Es war auf den Punkt gebraten. Die dazugehörende Soße, sowie das Gemüse, das man getrost als al dente bezeichnen konnte, rundeten unser Menü ab. Das Kind flitzte immer wieder um den Esstisch unserer Ferienwohnung und holte sich sein Spargelrisotto löffelweise ab. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, hatte irgendwer schlagartig den Stecker des Kindes gezogen und zack – lehnte es seinen schwer gewordenen Kopf an mein Knie und schloss stehend die Augen. Ich schlang das letzte Stück Fleisch herunter und brachte den bereits dösenden Signorino sogleich ins Bett.

Als ich aus dem Schlafzimmer kam, zog der Römer gerade seinen zweiten Schuh an. Er müsse auf Streifzug, begründete er seine Ausgehwilligkeit. „Aha.“ gab ich kurz zurück und wartete amüsiert auf den Grund seines Streifzuges. Nun, er brauche ein Antibiotika, für das er in Deutschland erst mühsam zum Arzt müsse, um sich ein Rezept ausstellen zu lassen. Hier in Albanien sei es nur eventuell rezeptpflichtig, eventuell aber auch nicht. „Hast du mal wieder eine, deiner berühmten Selbstdiagnosen gestellt?“ wollte ich schelmisch grinsend wissen. Er nickte bestätigend. Außerdem würde sich unser minimaler Vorrat an Windeln und Feuchttücher dem Ende zu neigen. Aha, bemerkte ich wieder. Ich vermutete hinter seinem plötzlichen Tatendrang weder die Apotheke, noch die beinahe aufgebrauchten Hygieneartikel des Kindes. Vielmehr spekulierte ich auf einen Universitätsdekan, der zufällig einer seiner engsten Freunde war und sicher zum caffè in ruhiger Atmosphäre bat. Noch einmal wies ich darauf hin, dass Freunde nicht zur Familie 1. und 2. Grades gehörten und somit, laut Gesetz, eine Quarantäne in Deutschland anstünde. Von meinem Plan, so oder so, eine fünftägige Quarantäne einzuschieben, erwähnte ich nichts. Nein, nein! Ich würde mich täuschen. Er kann mir versichern, dass er nur zur Apotheke und zum Supermarkt gehen würde. Jetzt müsse er aber wirklich los. Ciao, amore! Und schon war er aus der Haustür.

Nach dreißig Minuten war er zurück. In der Hand hielt er eine kleine Plastiktüte, die mit einem Firmenemblem einer Apotheke bedrückt war. Hinter dieser Plastiktüte war eine viel größere Plastiktüte zu erkennen, aus der ein Päckchen Feuchttücher ragte. Er hatte nicht gelogen. Denn in 30 Minuten schaffte es selbst der Römer nicht, noch einen Espresso mit seinem guten Freund Eli zu trinken.

Und? War die Packung Antibiotika rezeptpflichtig?“ wollte ich vom Römer wissen. „Si e no. [Ja und nein.]“ gab der Römer zurück. „Eigentlich schon, aber die nette Apothekerin und ich unterhielten uns über dieses Medikament und wir waren uns beide einig, das es so ein schwacher Allrounder war, dass man damit nichts schlimmes anstellen könne. Deswegen gab sie mir das Schächtelchen auch ohne Rezept. Sie erkannte an meinen fachspezifischen Ausführungen, dass ich wusste, was ich da tun würde.“ Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Er wird schon wissen, was er tut. Außerdem schaffte er es, bis zu unserem Kennenlernen vor einigen Jahren, ohne meine klugen Ratschläge zu überleben.

Am späten Nachmittag beschlossen wir einen Ausflug in den städtischen Park zu machen. Was für eine dämliche Idee! Wir mussten dazu das Ausgehviertel Blloku durchqueren. Bässe wummerten aus den Boxen diverser Shisha-Bars. Viele top gestylte Damen und Herren standen vor den Bars und Cafés auf dem Gehsteig, der zwar diesmal kinderwagenfreundlich war, aber wir dennoch unsere liebe Mühe hatten, den ganzen High Heels und Sportschuhen auszuweichen. Eine Maske zählte, Sie ahnen es, wie immer nicht zu den Accessoires, mit denen sich die Damen und Herren schmückten. Als wir endlich den Park erreichten, witterte Signorino seine Chance und gebot auszusteigen. In aller Ruhe setzte er sich auf den Steinboden und klopfte passioniert darauf herum. Sofort wollten wir ihn wegzerren, denn nur wenige Meter von uns entfernt endete der Radweg. Doch Signorino weigerte sich lautstark und schaltete gekonnt in die Einstellung „Zementsack“. Kreischend und um sich tretend, trugen wir ihn die Anhöhe hoch, was sehr schweißtreibend und nervenaufreibend war. „Er wird sich schon beruhigen.“ redeten wir uns gegenseitig Mut zu und sollten uns damit sehr irren. Auf dem Hügel angekommen, klopfte er wieder Steinfliesen. Da es keine Radfahrer gab, setzten wir uns auf die Holzbank neben Signorinos Arbeitsstelle. Dies nahm er zum Anlass, ruckartig aufzustehen und wegzulaufen. Der Römer hetzte hinterher, packte Signorino, setzte ihn wieder neben der Bank ab, nur dass er dann wieder einige Minuten später außer Sichtweite gelangte. Es war ein überaus anstrengendes Spiel bis wir beschlossen heimzukehren. Das wiederum gefiel Signorino gar nicht. Unter lautem Geschrei gab er uns zu verstehen, dass er weder getragen werden wollte, noch bereit war, in den Kinderwagen zu steigen. Er steigerte sich so in seinen Wutanfall hinein, dass wir ein kreischendes, unhandliches Kleinkind durch das Ausgehviertel trugen. Der Vorteil war, dass die Damen und Herren vor den Bars auswichen, was mich wunderte, denn das Geschrei konnte man bei den lauten Bässen leicht überhören. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke drehte er so durch, dass er es schaffte, sich zu Füßen einer High Heels Trägerin im knappen Minirock zu setzen und neben ihr Steine zu klopfen. Wir ließen ihn eine Minute gewähren, so dass er sich beruhigen konnte, um ihn dann weiter nach Hause zu tragen. Natürlich flippte er wieder aus. So ging das fortan weiter, bis wir nach 40 Minuten schweißgebadet zu Hause waren. Dort beruhigt er sich und schaltete wieder in die „lebhaftes, aber weitestgehend zufriedenes Kleinkind“-Einstellung. Es war 19:55 Uhr. In 5 Minuten setzte, wie jeden Abend, die Ausgangssperre ein. Was für ein Tag!

Der nächste Tag ist bereits der letzte Teil dieser Albanienchroniken. Für mich war das persönlich der anstrengendste Tag, an dem ich die Stunden bis zu unserer Abreise zählte. Seien Sie gespannt auf Teil 6, wie ich meine Ehe anzweifle und die albanische Gelassenheit nicht mehr ertrage. 😉

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Die Albanienchroniken – Teil 4: Wie der Römer spurlos verschwand, warum Albaner gerne mal links fahren und wie Uschi Blum mich einbürgerte

Es war 9:20 Uhr. Die Sonne blinzelte nicht nur durchs Fenster, sie strahlte derart penetrant, dass meine Augen sich nur schwerlich an die Helligkeit gewöhnten. Neben mir lag Signorino, natürlich quer und ausgestreckt wie ein Seestern, und schlief dabei tief und fest. Vorsichtig schlug ich die weiße Bettdecke zurück, sicherte den Seestern mit Kissen links und rechts ab, damit er nicht herausfallen konnte und schlich aus dem Zimmer. Die Tür des gegenüberliegenden Raums, in dem der Römer heute nächtigte, stand einen Spalt breit offen. Grinsend streckte ich meinen Kopf hinein und rechnete mit einem schnarchenden Römer, der auf dem Bett lag. Doch da war niemand. Verwirrt betrat ich die Kammer, um einen besseren Überblick zu haben. Aber tatsächlich: sein Schlafgemach war leer.

Ich tapste wieder aus dem Zimmer und ging ins angrenzende Wohnzimmer. Aber auch hier gab es keine Spur, die zum Römer führte. „Vermutlich im Bad, wo das Licht brennt.“ dachte ich und schob die angelehnte Badezimmertür vollständig auf. „Guten Morg…“ setzte ich an und meine Worte verhallten im Nichts. Auch im Badezimmer war der Römer nicht. Nur der Wasserhahn des Bidets tropfte ab und an. Mittlerweile stieg etwas Panik in mir hoch. Allein, mit Kleinkind in einer Ferienwohnung in Albanien und der Römer war spurlos verschwunden, ohne auch nur einen Hinweis seines Verbleibes auf dem Esstisch oder an der Haustür zu hinterlassen. Sofort schaltete sich der Katastrophenteil meines Gehirns ein, der zu einem erhöhten Maß an südländischem Drama neigte:

Ein dunkler Minivan mit Schiebetür, Männer in Kapuzenpullis und Sonnenbrillen, sowie ein knallharter, politisch motivierter Drahtzieher hinter diesen Männern, werden in meinem Kopf, innerhalb von Sekunden, lebendig. Sie haben den Römer sicher heute Nacht in der Wohnung gekidnappt, ihm einen dunklen Jutebeutel über den Kopf gezogen und unsanft in den Minivan gestoßen. Dann sind sie mit quietschenden Reifen davon gefahren. Da die Wohnung nicht zur Straßenseite, sondern zum dahinter liegenden Schulhof lag, habe ich von alldem nichts mitbekommen. Jetzt saß er vermutlich in einer kleinen, weiß gefliesten Verhörzelle, die durch grelle und stets flackernde Leuchtstoffröhren erhellt war. Bekleidet war er sicherlich nur mit einem Unterhemd und seiner grauen, ausgewaschenen Jogginghose. Es wurde von ihm erwartet, dass er ein Geständnis ablegte oder aber, alle Brücken in Deutschland abbrach und nach Albanien zog. Ihm gegenüber thronte ein großer Spiegel, hinter dem der politische Bösewicht saß und ihn hämisch grinsend beobachtete. In der Zelle war es kalt und ungemütlich.

Ich schüttelte den Kopf. Langsam gewann mein gesunder Menschenverstand wieder die Oberhand über mein Katastrophencenter. Ich beschloss zu überprüfen, ob seine Schuhe noch da waren. Denn die Kidnapper hätten ihm wohl kaum Zeit gelassen, seine weißen Sneaker in aller Ruhe anzuziehen. Ein Blick genügte: Sie waren verschwunden. Ebenso sein Geldbeutel und sein Telefon.

Beim Wort Telefon klingelte es schließlich auch in meinem Kopf. Kurzerhand rief ich ihn an. Auch nach mehrmaligen Versuchen kam keine Verbindung zu Stande. Wie auch? Sein Handy hatte er vermutlich immer noch im Flugmodus, weil er sich in Albanien hauptsächlich von WLAN zu WLAN hangelte. Über eine albanische SIM-Karte verfügte er nicht.

Nun meldete sich mein Magen, laut knurrend. Soeben wollte ich den Herd anstellen, damit die Espressokanne ihren Job verrichten würde, da rief auch schon Signorino. Ich holte ihn aus dem Schlafzimmer und bereitete für uns das Frühstück vor. Der Kleine war bester Laune. Na, das war doch schon einmal die halbe Miete, wenn der eigene Vater vermutlich verschleppt worden war und in einer Zelle ausharren musste. Dann entschloss ich mich, falls der Römer in zwei Stunden nicht wieder auftauchen würde, Neffe Toni zu kontaktieren. Er wisse sicher, was zu tun ist. Außerdem sprach er neben seiner Muttersprache Albanisch, auch noch ein wunderbares Italienisch und ein super Englisch. Sollten wir den Römer aus politischer Gefangenschaft befreien müssen, würde uns das sicher aus der Patsche helfen. Doch so weit kam es erst gar nicht. Ein Schlüssel bohrte sich in das Schloss der Wohnungstür und vor mir erschien ein gut gelaunter Römer im Polo-Shirt, über dem er seine mahagonifarbene Lederjacke trug. Natürlich hatte er seine dunkle Sonnenbrille auf. In der Hand hielt er eine weiße Papiertüte, die einen betörenden Duft nach warmen Gebäck verströmte. Darüber war ein roter, kleiner Umschlag eines Mobilfunkanbieters zu erkennen. „Wo warst du?!“ kam es von mir so schnell und direkt, dass ich den Teil mit der Begrüßung komplett vergaß. „Buongiorno anche a te, amore mio. [Dir auch einen guten Morgen, mein Schatz.]“, fing der Römer an. „Ich habe dir doch gestern gesagt, dass ich um 8 Uhr aufstehe und Croissants hole. Außerdem habe ich mir gleich noch eine albanische SIM-Karte gekauft.“ Ich guckte etwas bedröppelt. „Ja, dass du früh aufstehen willst, weil du so viel zu erledigen hast, sagtest du. Aber diesen Satz habe ich bereits unzählige Male in Deutschland gehört und da ist dein Plan nicht ein Mal in die Tat umgesetzt worden. Vermutlich habe ich deswegen nur mit einem, offensichtlich tauben Ohr zugehört. “ gab ich zurück. Dann erklärte mir der Römer bestens gelaunt, dass die Energie hier eine ganz andere sei. Es fiel ihm morgens leicht, voller Tatendrang aus dem Bett zu hüpfen und die frühlingshaft warmen und sonnengetränkten Straßen Tiranas zu erobern. Bei seiner Schilderung überlegte ich den Hauch einer Sekunde, ob wir nach Tirana ziehen sollten, denn diese Energie müsse man nutzen, solange sie vorhanden sei. Doch ich verwarf den Gedanken so gleich wieder. Erleichtert, weil der Römer zurück war, machte ich mich über die noch warmen Croissants her. Wir frühstückten flott, der Römer machte Signorino und ich mich selber zurecht und dann schritten wir hinaus auf die Straßen der albanischen Hauptstadt.

Es war laut, es war stickig, irgendjemand hupte ständig und keiner hielt sich an die Maskentrageordnung. Dazu waren die Gehwege alles andere als kinderwagenfreundlich. Die Sonne knallte zudem vom strahlend blauen Himmel herunter. Anscheinend war die morgendliche Energie dieser Stadt bereits verpufft, oder, ich erkannte den Charme, mit einem ziemlich schweren Kleinkind auf der Hüfte, nicht. So gingen wir eine kleine Runde rund um den kompleksi taiwan, das Taiwan-Center. Daneben befand sich ein wunderbarer Kinderspielplatz, der gut besucht war. Da wir einen Auftrag hatten, der da lautete, sich möglichst nicht mit Corona anzustecken, schoben wir das laut protestierende Kleinkind daran vorbei. „Nächstes Mal, Signorino. Diesmal müssen wir vernünftig sein.“ Das ewige Vertrösten und die Einschränkungen machten müde, aber allein diese Reise war risikobehaftet (und unvernünftig) genug. Deswegen hieß es: Augen zu und mit (Signorinos) Geschrei vorbei am Spielplatz.

Ein riesen Spielplatz, der sich über einen Großteil des Parkes erstreckt, verbirgt sich hinter dem kleinen Hügel.

Nach diesem, eher energieraubenden Spaziergang, bereiteten wir eine schnelle Pasta zu, während Signorino bereits so energielos war, dass er sein Schläfchen zwei Stunden nach vorne verlegte. Er schlief noch in meinem Arm ein. Umso besser. Schließlich würde uns Bruder Ibrahim am frühen Nachmittag abholen, damit wir zu den römischen Eltern fuhren. Aber Moment mal? Müssten wir nicht heute auch Signorino im Bürgeramt von Kamez anmelden? Und brauchten wir dazu nicht noch eine notariell beglaubigte Geburtsurkunde unseres Ablegers?

Sofort sprach ich den Römer darauf an, ob er den Notar schon kontaktiert hatte? Er guckte mich verwundert an und antwortete, dass er dazu noch nicht gekommen sei. Ich stöhnte. Da war sie wieder dahin, die Energie Tiranas. Stattdessen handelte er nach seiner gewohnten Manier. Sogleich begründete er sein vermeintliches „Nichts-tun“. Er hielt es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Geburtsurkunde heute schon fertig gestellt sei, so dass ihm die Lust fehlen würde, dort anzurufen. „Und mit welchem Dokument willst du dann unseren Sohn in Albanien anmelden?“ wollte ich, gespannt auf seinen Plan B, von ihm wissen. „Gar nicht. Mein großer Bruder Ibrahim muss dann eben das Schriftstück vom Notar abholen. Und wenn wir das nächsten Mal hier sind, melden wir Signorino an.“ In dieser Sekunde tat mir Ibrahim Leid. Als großer Bruder des Römers musste man sicher einiges (mit)machen. Außerdem braute sich in meinem Kopf eine ellenlange, aber glücklicherweise fiktive Diskussion in der römisch-albanischen Familie zusammen. Hauptsächlich handelte sie davon, wie schade es wäre und wie unglaublich traurig es die Familie machte, dass Signorino immer noch kein Albaner sei. Er wäre schließlich schon ein Jahr (!) alt. Ich drängte abermals darauf, dass der Römer beim Notar anriefe und überzeugte ihn schließlich, dass wir uns in Albanien befanden, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier war alles und nichts möglich. Keiner wusste, was der nächste Moment bringen würde. Schlussendlich knickte er ein und wählte die Nummer des Notars.

Nach einer Weile hörte man sehr oft das Wort „faleminderit“ [Danke]. Wer sich so oft bedankte, hatte meistens einen positiven Grund dazu. Und genau so war es. „Du wirst es nicht glauben, aber das Dokument ist bereits übersetzt und notariell abgesegnet! Wir können es abholen.“ Ich grinste, wusste ich doch bereits vorher, dass in Albanien alles (oder manchmal auch nichts) möglich ist. Dann fragte ich, warum ihn denn niemand eher darüber unterrichtet hatte, dass das Schriftstück abholbereit sei. „Na, weil ich gestern schnippisch sagte, dass ich keine albanische Telefonnummer habe und mich melden würde. Sie wollten mich bereits heute morgen anrufen, aber sie wussten nicht wie. Und so warteten sie eben bis ich mich melden würde.“

Nun musste Ibrahim noch von dieser Planänderung unterrichtet werden. Anstatt direkt zu den römischen Eltern zu fahren, mussten wir einen Umweg über den Notar und das Bürgerbüro einplanen. Das teilte der Römer seinem Bruder Ibrahim am Telefon mit. Er sei bereits auf dem Weg, antwortete Ibrahim, und es wäre ihm eine Ehre dabei behilflich zu sein, dass sein Neffe sich endlich zum edlen Volk der Albaner zählen dürfe. Wenig später kam er an und parkte in zweiter Reihe vor dem bereits bekannten Kompleksi Taiwan. Mit leuchtenden Augen begrüßte er seinen blonden Neffen mit dem hellen Teint. Minutenlang, und dem Neffen begeistert zulächelnd, brachte er nichts anderes heraus als „Zemra ime! Mashallah! [Mein Schatz! Mashallah!]“. Währenddessen installierte ich den Kindersitz. Der Römer wollte zwar „eine Ausnahme“ machen und auf den Autositz verzichten, aber ich bestand darauf. Ausnahmen gibt es bei der Sicherheit meines Kindes nicht. Und ganz besonders gibt es diese nicht, wenn wir auf albanischen Straßen unterwegs waren, wo Führerscheine vor 30 Jahren noch durch eine kleine Extrazahlung, ohne Fahrprüfung erworben werden konnten (Quelle: meine beiden Schwager). Als wir schließlich alle im Auto saßen, wuchteten wir uns mit der in die Jahre gekommenen C-Klasse auf die Straßen Tiranas. Wir rollten wenige Meter und standen postwendend im Stau. Durch die gestern erwähnten Straßenbauarbeiten kollabierte das marode Verkehrssystem beinahe vollständig. Doch der gemeine, albanische Straßenverkehrsteilnehmer wollte das nicht akzeptieren und hupte deswegen gleich doppelt so leidenschaftlich. Nach etwas mehr als 20 Minuten waren wir 200 Meter weit gekommen. Signorino quengelte bereits. Ich packte die erste Geheimwaffe aus und öffnete ein Buch mit lustigen Klappen. Interessiert guckte er, was für ein Tier sich hinter dem jeweiligen Tierpopo versteckte.

Währenddessen instruierte der Römer noch einmal Ibrahim über den Verlauf dieser Tour d’Albanie: Erster Halt – Notariat. Zweiter Halt – Bürgeramt des Vorortes Kamez. Ibrahim hörte dabei ganz genau zu und nickte viel. Dann guckte er auf die Uhr: Es war 15:24 Uhr an einem Freitag, der gleichzeitig der vorerst, einzige Tag war, an dem wir die Staatsbürgerschaft des Kindes erwerben konnten. Blitzschnell dachte Ibrahim nach, denn gleich würde das Bürgerbüro schließen. Er rief seinen guten Freund und Nachbarn an, der am Empfang des Bürgerbüros arbeitete. Ja, sie hätten noch geöffnet, tönte eine sonore Stimme über Ibrahims Handy-Lautsprecher durchs Auto. Man würde heute allerdings gerne früher schließen. Schließlich sei Freitag. Was denn erledigt werden müsse, wollte Ibrahims Nachbar von ihm wissen. Bruder Ibrahim antwortete, dass sein Bruder aus Deutschland zu Besuch sei, mitsamt seiner deutschen Gattin und dem bezaubernden Nachkommen. Mashallah! Ein Bild von einem Kind. Engelsgleich. Nun wäre es ihm ein Bedürfnis aus dem Jungen einen Albaner zu machen, schließlich habe er bis jetzt lediglich die deutsche Staatsbürgerschaft. Und die Schwierigkeit an diesem Unterfangen sei, dass eben alle drei Familienmitglieder in genau dieser Konstellation beim Bürgeramt auftauchen müssten. Denn es würde an der ausländischen Mutter liegen, ob das Kind Albaner werden dürfe. Doch zum Glück hat der kleine Bruder eine ordentliche Ehefrau gefunden, die der Staatsbürgerschaft des Sohnes gerne zustimmen will. Nur müsse sie das eben tun, indem sie das beim Bürgeramt bestätigen würde. Der Nachbar meldet sich wieder zu Wort: Aha, aha, das verstehe man natürlich. Ein schwieriges Unterfangen sei das also. Aus diesem Grund würde er natürlich gerne eine Ausnahme machen und auf uns warten. Aber wir müssten ihm versprechen, uns zu beeilen. Er wisse nicht, wie lange er die Gemeindemitarbeiterinnen hinhalten könne. Es sei schließlich Freitag, erwähnte er noch einmal, um seinen baldigen Feierabend zu unterstreichen. Ibrahim versicherte ihm, dass das eine Selbstverständlichkeit sei. Mit einem dreimaligen Rrofsh! [Danke!] beendete er das Gespräch.

Die indirekte Aufforderung, sich zu beeilen, nahm Bruder Ibrahim überaus wörtlich. Er heizte in einem Affenzahn durch wenig befahrene Nebenstraßen. Selbstredend beachtete er keine, je existierende Verkehrsregel. Der Römer sprang, noch während wir ins absolute Parkverbot vor dem Notarbüro rollten, aus dem Auto, zahlte, nahm das Dokument entgegen und war in weniger als einer Minute wieder im Fahrzeug. Verwundert beobachtete ich die Szene. Ich überlegte, ob ich den Römer in unseren gemeinsamen Jahren jemals so schnell und zielstrebig gesehen hatte, doch kam zu dem Schluss, dass mir dieses Verhalten völlig neu sei. Mein Mann, dessen Lebensmotto stets „con calma“ [mit der Ruhe] war, zeigte mir eine völlig ungewohnte, nie zuvor da gewesene Facette seiner selbst. Vermutlich war es die sonderbare, von ihm erwähnte Energie Tiranas, die ihm diese ungewohnte Flinkheit verlieh.

Ibrahim startete den Motor. Wir parkten aus dem Halteverbot in einer einzigen, zügigen Bewegung aus. Der Straßenkreuzer, der gerade hinter uns vorbeifahren wollte, bremste abrupt ab und verhinderte damit, dass er uns seitlich in den Kofferraum knallte. Ich zog die Luft scharf ein, was unter einer FFP2 Maske überaus herausfordernd war. Mit zittriger Stimme fuhr ich daraufhin fort, Signorino weitere Tierpopos aus seinem Buch zu erklären.

Die Straßen waren immer noch brechend voll, der Verkehr lief mehr als schleppend. „Ich kenne da ein paar Abkürzungen.“ murmelte Ibrahim ruhig und guckte seinen Bruder, den Römer, mit einem verschwörerischen Lächeln an. Noch ahnte ich nicht im Entferntesten, was sein Satz genau bedeuten würde. Doch das lernte ich schneller als mir lieb ist. Von den großen, vollen Hauptverkehrsstraßen, bog Bruder Ibrahim in ein Gässchen ein, das ich anfangs für eine zurückversetzte Hofeinfahrt hielt, so schmal wirkte es. Wir schossen durch diese enge Gasse, die uns wiederum auf ein noch engeres Gässchen spülte. Passanten drückten sich, wie selbstverständlich, an schmale Einbuchtungen und Häuser, um sich vor Ibrahims Benz zu bewahren. Ein Straßenhund, der hinter einer uneinsehbaren Kurve stand, rettete sich jaulend auf einen Absatz. Dann befuhren wir winzige Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung und drückten uns mit dem Ibrahim’schen Kraftfahrtzeug in letzter Sekunde gegen Häusermauern und Einfahrten, wann immer uns der Normalverkehr entgegen kam. Bruder Ibrahim und der Römer zuckten nicht einmal mit der Wimper, während meine Knie nach fünf Minuten Fahrt gegeneinander schlotterten. Ich saß neben Signorino auf dem Mittelplatz der Rückbank. Immer wieder hörte ich in Situationen, in denen ich bereits mit meinem sofortigen Ableben rechnete, „s’ka problem“ [Kein Problem]. Ob Ibrahim mich damit beruhigen wollte – oder aber sich selbst, weiß ich bis heute nicht. Auch erschließt sich mir nicht, woher er diese Gelassenheit nahm, im Angesicht des Todes noch einen beschwichtigenden Satz zu flöten.

Nachdem wir das Gewirr aus Sträßchen und Einbahnstraßen verlassen hatten, schleifte uns Ibrahim mit seinem Auto auf die nächst größere Straße. Erleichtert atmete er auf. Nicht etwa, weil auch er in dem Gassengewirr Todesangst gehabt hätte. Nein, vielmehr, weil er auf dieser großen Straße richtig beschleunigen konnte. Wir fuhren meistens links. Wer vermutet, dass das schon in Ordnung sei, weil wahrscheinlich Linksverkehr in Albanien herrsche, dem kann ich nur entgegnen: Auch in Albanien herrscht Rechtsverkehr! Und Ibrahim fuhr den Großteil der Strecke auf der Gegenspur. Stets im letzten Moment bevor der Gegenverkehr uns erwischte, scherte Bruder Ibrahim hinter LKWS oder Kleinstwagen ein. Sein Fahrstil erinnerte stark an das Fahrgeschäft „Die wilde Maus“, in das ich gerne und oft auf dem Oktoberfest einstieg. Doch diesmal war ich unangeschnallt und sah mich im Minutentakt durch die Windschutzscheibe segeln. Mit schweißnassen Händen, das Kinderbuch hatte ich bereits am Ende des Gassengewirrs zur Seite gelegt, tastete ich nach dem Sicherheitsgurt, den ich im bisherigen Fahrtverlauf partout nicht fand. Als ich ihn endlich gefunden hatte, zog und zerrte ich hektisch an ihm, doch er bewegte sich keinen Zentimeter. „Der klemmt.“ klärte mich Ibrahim vollkommen entspannt auf. „Aber du sitzt hinten. Hinten kann überhaupt nichts passieren.“ versicherte er mir weiter. Ich schluckte und krallte mich an der Hand meines Sohnes fest. Wer hier kein Gottvertrauen entwickelte, der konnte sich mit Fug und Recht Atheist nennen. Denn in Ibrahims Vehikel werden selbst die verlorensten Schafe wieder auf den rechten, religiösen Pfad geführt… oder vielmehr katapultiert.

Wie zum Beweis und von mir erst unbemerkt, murmelte ich „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes (wobei das vermutlich der selbe Zeitpunkt ist). Amen!“ Ich erschrak ein wenig vor diesem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis und brachte das mit einem lauten „Huch! Katholisch!“ zum Ausdruck. Stein und Bein hätte ich schwören können, dass ich wald- und wiesengläubig war. Gott? Ja! Aber seine irdischen Vertreter? Nein, danke. Der Römer und Bruder Ibrahim drehten sich anlässlich meines Ausrufes zeitgleich zu mir um, was angesichts von Ibrahims Fahrweise keine gute Idee war. Im nächsten Moment tauchte ein LKW auf, der im laufenden Verkehr, ebenso gottesvertrauend von einer Seitenstraße auf unsere linke Fahrbahn rollte. Der Fahrer hielt das Handy so in der Hand, als ob er gerade eine Sprachnachricht aufnehmen würde. Wir waren so nah dran, ich konnte auf seinem Handydisplay beinahe sehen, wem er diese schicken wollte. Ein erstickter Schrei kam aus meiner trockenen Kehle. Ibrahim, der mittlerweile wieder nach vorne schaute, drückte abrupt auf die Bremse. „S’ka problem.“ lachte er und ich konnte mir nicht erklären, woher er diese Lebenseinstellung nahm.

Außerdem fragte ich mich, ob der Satz „s’ka problem“ österreichische Wurzeln hatte und eigentlich „Des is ka Problem.“ heißen müsste. Im Angesicht der Völkerverständigung wurde es von den Albern aber zu „s’ka problem“ runtergekürzt. Dann wurde mein Gedanke beim nächsten Überholversuch abermals abrupt beendet. Meine Fingernägel krallten sich wieder in das dunkelgraue Sitzpolster, damit ich zumindest etwas halt auf der ruckeligen Piste fand. Immer wieder atmete ich sehr scharf ein und angstlachend aus. Dann dachte ich, dass ich es nicht fair fände, meinen letzten Atemzug hier in den Straßen von Kamez zu tätigen. Doch Ibrahim ließ sich nicht aufhalten. Er war auf einer Mission. Schließlich ging es um nicht weniger, als den Erwerb der albanischen Staatsbürgerschaft für seinen deutschen Neffen. Und wenn das bedeutete, dass er einen Zahn zulegen müsse, um noch rechtzeitig das Bürgeramt zu erreichen, dann war das ein verhältnismäßig geringer Preis.

Mit quietschenden Reifen hielten wir vorm Bürgeramt. Weit und breit war kein Parkplatz frei. Aber das war, Sie ahnen es, „s’ka problem“ [Kein Problem]. Schließlich würde es nicht lange dauern, den Neffen hier zum Albaner zu machen. Ibrahim ließ das Auto erst die Erhöhung des Bürgersteiges erklimmen, um sich dann mittig auf den angrenzenden, zentralen Platz der Wohnsiedlung zu stellen. Neben unserem ungewöhnlichen Parkplatz war eine Sitzbank, auf der ein älteres Ehepaar saß. Sie schienen sich über unseren, eigenwilligen Abstellplatz, mitten auf der Piazza neben dem kleinen Brunnen, kein bisschen zu wundern. Albanien, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Parken Sie wo Sie wollen, wenn es nicht lange (=weniger als drei Stunden) dauert.

Zittrig und schweißnass stieg ich aus. Meine Beine hatten die Konsistenz von Quittengelee. Doch anstatt ins Bürgeramt zu hechten, schlenderten wir nun betont lässig auf den letzten Metern. „Ah, da seid ihr ja schon.“ begrüßte uns der im Bürgeramt arbeitende Nachbar Ibrahims. „Oh, der Bruder mit Familie. Wie schön! Bitte hier entlang.“ Er brachte uns zu einer albanischen Version der Fräulein Rottenmeier aus der Serie Heidi. Sie schob ihre Brille zurecht und ihr goldenes Brillenkettchen schaukelte im Wind des Ventilators hin und her. Ibrahims Nachbar erklärte ihr, warum sie ihren vorzeitigen Feierabend aufgeben musste. Sie nickte streng. Nacheinander gaben wir unsere Pässe ab. Nebenan stritt eine Frau, die kurz nach uns das Bürgeramt betrat, mit einer anderen Rezeptionskraft des Bürgeramtes, warum sie nicht mehr dran kommen würde. Aber gnädige Frau, antwortete die Rezeptionskraft gelassen, Sie müssen doch verstehen, dass auch wir uns an Öffnungszeiten halten müssen. Es sei nun eben 16:03 Uhr und auch ein Bürgeramt müsse irgendwann schließen. Sie schrie, dass sie von weit her gekommen sei. Man ließ dennoch keine Gnade walten. Ein Glück übersetzte mir der Römer erst später den Sachverhalt zwischen der schreienden Frau und dem Herrn an der Rezeption.

Indessen schien es bei Fräulein Rottenmeier zu einem Problem gekommen zu sein. Der Römer war nicht mehr, wie seit eh und je, im Hause Ibrahim gemeldet. „Ja, das ist richtig.“ bestätigte der Römer und mir fiel alles aus dem Gesicht bei dem Gedanken, was das für die Staatsbürgerschaft des Kindes bedeuten würde. Dann fügte er hinzu, dass das aber absolut nicht sein Versehen sei. Er hätte sich bei e-Albania, der Online-Verwaltungsplattform des Staates Albanien, angemeldet und man hätte ihm, ohne sein Zutun, eine Adresse in der Stadt Valbona zugeteilt. Aber in dieser, überaus attraktiven Gegend in den nordöstlichen Alpen Albaniens war er noch nie! Selbstverständlich wollte er sich darum kümmern, aber es wäre mit ein paar Klicks nicht zu ändern gewesen. Deswegen beließ er es so und nahm sich fest vor, bei nächster Gelegenheit, sobald er an eine kompetente und fachkundige Verwaltungsfachangestellte käme, nachzufragen, wie sich denn diese unfreiwillige Ummeldung zugetragen habe.

Fräulein Rottenmeier guckte streng über den Rand ihrer goldenen Brille. Aber das sei doch ganz klar, erklärte Fräulein Rottenmeier. Sie haben vier Jahre weder Strom angemeldet, noch Steuern bezahlt, noch irgendetwas anderes im Bürgeramt erledigt. Da wir sie aus unserem Meldesystem nicht löschen können, werden sie automatisch vom albanischen Staat umgemeldet. Das käme daher, dass sich sonst die unbekannt verzogenen Leute einer bestimmten Region in eben genau dieser Region stauen würden, während andere Gegenden deutlich bevölkerungsärmer wären. So buchte man die „verloren geglaubten, albanischen Schafe“ eben in andere, wenig bewohnte Gebiete Albaniens um. Durch diesen überaus üblichen Prozess, würde sich die Bevölkerungsdichte Albaniens sehr gleichmäßig verteilen. Zumindest auf dem Papier. Außerdem könne sie den Römer nicht einfach so ummelden. Sie brauche einen Beweis, dass der Römer tatsächlich bei Bruder Ibrahim wohnen würde. Ob der Römer denn eine Stromrechnung, Steuererklärung oder etwas anderes zur Hand hätte, aus dem hervorgeht, dass er dort auch wirklich verkehrt, fragte Fräulein Rottenmeier.

Der Römer schüttelte den Kopf. Nein, er würde in Deutschland leben. Nur ab und an, da wäre er in Albanien. Fräulein Rottenmeier dachte nach. Schließlich erklärte sie dem Römer, dass sie uns nur anbieten könne, dass wir jetzt zum Notar gehen und Bruder Ibrahim dort eine eidesstaatliche Erklärung abgäbe, dass er dem Römer dauerhaft und kostenfrei ein Zimmer in seinem Haus überlasse. Außerdem müsste eine Vollmacht aufgesetzt werden, dass die Eltern des jungen Signorinos einverstanden wären, dass Bruder Ibrahim die Einbürgerung durch Abstammung am darauffolgenden Montag für uns erledigen würde. Oder aber, wir würden jetzt noch nach Valbona fahren, wo der Römer gemeldet war, und würden Signorino eben dort anmelden. Sie vermutete aber, dass bei einer einfachen Fahrtzeit von 4,5 Stunden, das dortige Bürgeramt schon geschlossen habe, bis wir ankommen würden. Die beiden Brüder, Ibrahim und der Römer, nickten viel. Nur Signorino drehte am Rad und lief den hellen Fliesenboden wie irre entlang. Ich jagte keuchend hinterher. Man bedankte sich recht herzlich und schob ihr einen 500 Lek Schein (in etwa 4 Euro) zu. Sie schüttelte vehement ihren Kopf, so dass die Perlenohrhänger leise klimperten. Meine Herren, Sie wissen doch, dass wir hier im Bürgeramt nicht bestechlich sind. Ibrahim insistierte dennoch. Am Ende nahm Ibrahims Nachbar den Schein an sich und wünschte ein erholsames Wochenende. Man werde sich sicherlich in Kurze am heimischen Gartenzaun wieder sehen und ein Schwätzchen halten.

Dann tapsten wir über die Piazza, vorbei am Auto, das immer noch neben dem Brunnen stand, zum Notarbüro. Das schuhschachtelgroße Notariat war zwischen zwei Cafés gepresst. Eine resolute, dralle Mitfünfzigerin mit einem weinroten, lockig gestylten Bob, saß an einem dunklen, wuchtigen Schreibtisch. Sie erinnerte stark an die, von Hape Kerkeling ins Leben gerufene Figur Uschi Blum. Vor dem Schreibtisch standen zwei ungemütlich aussehende Stühle. Gemütlich mussten sie auch nicht sein, denn keiner der Klienten blieb länger als ein paar, wenige Minuten in ihrem Kabuff. Und wenn, dann standen sie. So wie jetzt: Vier Leute waren in das kleine Notarbüro gezwängt. An der Scheibe des Büros wurde höflich darauf aufmerksam gemacht, dass immer nur zwei Personen gleichzeitig eintreten durften. Natürlich nur mit Maske. Doch Papier ist geduldig. „Das könnte ein bisschen länger dauern.“ bemerkte Ibrahim. Mein Optimismus wollte ihm nicht so recht glauben. Schlussendlich sollte Ibrahim Recht behalten. Es dauerte mehr als eine Stunde. Selbstredend verfluchte ich danach meine unnütze Zuversichtlichkeit.

Die Notarin Uschi Blum bearbeitete vier Fälle gleichzeitig. Ihr Büro glich einem geschäftigen Bienenstock. Ständig kam jemand, brachte einen Pass oder ein Dokument, schwirrte wieder ab, telefonierte, lief zu seinem Auto oder in das angrenzende Café, ein neuer Klient rückte an, schneite ungefragt ins Büro herein, wurde zurechtgewiesen, nahm dann aber wieder ein Dokument mit,… so ging das beinahe eine Stunde lang. Ich drehte langsam am Rad. Signorino und ich warteten draußen. In unmittelbarer Nähe zum Notariat befand sich eine Apotheke, vor der Pflastersteine verlegt worden waren. Signorino beschäftigte sich 40 Minuten lang damit, diese Pflastersteine mit seinem grünen Holzhammer zu klopfen. Danach winkten wir einem netten Herrn im Café nebenan zu. Er winkte freundlich zurück und lachte. Dann verschwand er in der Bar und kam mit einer Dose Pfirsichsaft und einem Strohhalm heraus. Er zeigte auf das Kind und sagt etwas auf Albanisch. Ich verstand, dass der Saft für das Kind sei und bedankte mich auf Englisch, gemischt mit Albanisch. Signorino winkte fröhlich. Dann ging ich ins Notarbüro und bat den Römer, sich bei dem netten Herrn zu bedanken. Er ging zu ihm hinüber und drückte unseren Dank für den Pfirsichsaft aus. „So ein netter Mann!“, sagte er zu mir, kurz bevor er wieder im notariellen Bienenhaus verschwand.

Wenig später meldete sich meine Blase. Ich betrat das Notarbüro, um den Römer zu bitten, mir behilflich zu sein, eine Toilette zu organisieren. Wir gingen in das rechts liegende Café „Bar Juve“, das einer italienischen Fußballmannschaft gewidmet war. Darin war es schummerig und wir brauchten einen Moment, bis sich unsere Augen an die düstere Umgebung gewöhnt hatten. Am Ende des Raumes war linkerhand der dunkle Tresen aufgebaut. Ein Lichtstrahl schien mühsam durch die ungeputzten Fensterscheiben durchdringen zu wollen. Man sah, er tat sich damit sichtlich schwer. Wir liefen zickzack über die schwarz-weißen Fliesen, da wir Tischen und Stühlen, die ohne scheinbare Logik im Raum verteilt worden waren, auswichen. Hinter der Bar war niemand anzutreffen. Nur eine ältere Dame mit kurzer, blondierter Dauerwelle in einer dunklen Bluse saß auf einem, in die Jahre gekommenen Cord Sofa. Daneben saß eine mindestens 25 Jahre jüngere Version von ihr. Es sah ein bisschen seltsam aus, wie zwei identische Personen in unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebens auf einem Sofa in einem Vorort von Tirana saßen. Ich musste schmunzeln und schloss daraus, dass sie wohl Mutter und Tochter sein müssen.

Mit einem „Më Falni! [Entschuldigen Sie!]“ unterbrach der Römer die Stille und das geklonte Mutter-Tochter Duo musterte uns neugierig. „Po, urdheroni! [Ja, bitte!]“ sprach die Ältere der beiden. Dann erläuterte der Römer meine missliche Lage und fragte höflich, ob ich das WC dieser Bar benutzen dürfe. „Aber bitte, bitte! Natürlich!“ und die Jüngere zeigte auf eine Glastür, die durch ihre eigenwilligen Metallornamente herausstach. Ich ging durch die Tür und befand mich im Freien, hinter der Bar. Dann fiel mein Blick nach rechts. Ein kleiner Anbau, auf dem Tualet [Toilette] stand, wies mir den Weg. Währenddessen, so erzählte mir der Römer später, wurde der „blonde Engel“ angeschmachtet. Hach, ein außergewöhnlich schönes Kind. Mashallah! Und so blond und hell. Sowas sehe man selten in dieser Gegend. Im Norden, zum Beispiel in Valbona (wo der Römer seinen unfreiwilligen Wohnsitz hatte), da würde man so etwas sicher ab und an sehen. Aber hier, in Tirana, sei das sehr ungewöhnlich. Ach, die Mutter ist Deutsche. Deswegen ist das Kind wohl so hell. Dann ging die Jüngere hinter den Tresen und bot dem Kind eine pappsüße Orangenlimonade an. Natürlich wollte das Kind, nach seinem Pfirsichsaft, auch in den Genuss dieser Orangenlimonade kommen. Doch der Römer winkte freundlich ab. Die Damen insistieren jedoch, dass das Kind das Getränk wenigstens probieren sollte. Nur mit viel Mühe gelang es dem Römer die beiden Damen zu überzeugen, dass Signorino gerade einen Pfirsichsaft hatte. Das sahen sie ein und gaben ihm einen Schokoriegel. Signorino freute sich darüber sehr, denn sein Grundsatz ist: Je süßer, desto besser. „Aber beim nächsten Mal geht die Limonade auf uns.“ sprach die Ältere. „Ja, ja, ganz sicher!„, antwortete der Römer und schielte immer wieder ungeduldig zur Tür, durch die ich vorhin verschwunden war. Genau in diesem Moment öffnete sich besagte Tür und ich kehrte vom stillen Örtchen zurück. Artig bedankte ich mich bei den beiden, gleichen Damen und wunderte mich etwas über das schokoverschmierte Gesicht des Kindes. Dann gingen wir zurück zum Notar. Es dauerte weitere zwanzig Minuten, in denen der Muezzin der gegenüberliegenden Moschee zum Gebet rief. Signorino lauschte entspannt und begann erst wieder, seine Bodenplatten zu beschlagen, als der Muezzin verstummt war.

Mir schien, als würde jemand meinen Namen aus dem inneren des Notariats rufen. Eilig hastete ich, mit Signorino auf dem Arm, zum Büro von Uschi Blum. Ich wurde bereits erwartet, denn man würde einige Unterschriften von mir brauchen. Unter all diesen albanischen Rufen, der römischen Übersetzung und dem Kleinkind, das die Yucca Palme umwerfen wollte, war ich so verwirrt, dass ich meine Unterschrift komplett vergaß. Acht Seiten unterschrieb ich mit einer Unterschrift, von der ich annahm, dass es die Meine sein könnte. Erst dann kam ich auf die Idee, zu erfragen, was ich da eigentlich gerade unterschrieben hatte. „Für die Staatsbürgerschaft.“ hieß es kurz. Ich fragte mich, ob ich mich gleich mit eingebürgert hatte, beschloss aber, dass es eh nicht gültig sein würde, denn die Unterschrift, die ich in der Eile improvisiert hatte, war ja gar nicht meine. Dann waren wir endlich fertig, bedankten uns bei der Notarin Uschi Blum und traten schließlich ins Freie. Geschafft! Am Montag würde Bruder Ibrahim mit all diesen Dokumenten den Römer anmelden und zeitgleich das Kind zum Albaner machen.

Wir schlenderten, diesmal bepackt mit einem Stapel Papiere, hinüber zur Parkplatz-Piazza. Ibrahim startete den Motor und automatisch klammerte ich mich wieder am Sitzbezug fest. Ein Glück war er diesmal nicht in Eile, was mein Herzinfarkt-Risiko erheblich sinken ließ. Gemütlich zuckelten wir durch die Straßen Kamez‘. Der nächste Halt sollten die römischen Eltern sein. Wie abgesprochen sollten nur sie anwesend sein. Aber mit Absprachen verhielt es sich hier wie mit meiner Unterschrift im Notarbüro. Man vergaß sie ab und an und improvisierte dann eben etwas anderes. So waren neben den römischen Eltern auch noch der römische Bruder L. nebst seiner Gattin Dyshi, ihre drei erwachsenen Kinder, sowie eine weitere Schwägerin anwesend. Wir begaben uns ans andere Ende der großen Sofalandschaft und saßen etwas abseits der Familie. Bei der Masse an nicht maskentragenden Personen, wäre es vermutlich auch schon egal gewesen. Lediglich meine römischen Schwiegereltern und unser Kamikaze-Pilot Ibrahim trugen eine Maske. Wenn wir hier virusfrei rauskommen würden, sagte ich mir, würde ich mir in Deutschland weitaus weniger Gedanken über eine mögliche Ansteckung zu machen.

Nachdem wir es uns gemütlich gemacht hatten, trug Schwägerin Dyshi das vergoldete, ornamentverzierte Tablett mit den zwei Bleikristallschalen herein. In der einen befand sich Lokum (ein zäher, sehr süßer Geleewürfel, der mit Puderzucker bestäubt wird), in der anderen eine süße, mit Kokos ummantelte Waffelkugel. Als ich mir ein leicht rosa gefärbtes Lokum herauspickte, lächelte mich Dyshi auffordernd an. Sie wusste um meinen süßen Zahn und sogleich gab sie mir noch eine Waffelkugel. Ich lächelte entschuldigend. Sie zwinkerte nur. Dann stopften der Römer und ich die Süßigkeit unter unsere Masken und kauten zufrieden. Währenddessen wurde das lang ersehnte, neue Familienmitglied Signorino bewundert. Er war das zwanzigste Enkelkind meiner Schwiegereltern, die nicht stolzer hätten sein können. Am Anfang noch etwas schüchtern, bemerkte Signorino schnell, dass er hier anstellen konnte, was auch immer er sich in den Kopf gesetzt hatte. Jede noch so törichte Aktion erntete hier einen überwältigenden Applaus und schallendes Gelächter. So bestätigt, drehte das Kind erst richtig auf. Die pralle Aufmerksamkeit schien ihn dermaßen zu beflügeln, dass er beinahe die mannshohe Pflanze meiner Schwiegermutter umwarf. Als er fast in den am Boden stehenden Heizstrahler rannte und ihn Dyshi im letzten Moment auffing, sprach ich ein Machtwort. Zumindest hatte ich das vor.

Aber noch eh ich ihn zur Räson bringen konnte, fiel mir das Kollektiv an Verwandten, einschließlich meines römischen Gatten, in den Rücken. Das arme Kind, man solle es doch gewähren lassen. Es sei doch sooo brav, hieß es von den anwesenden Personen. Brav ja, antwortete ich, aber er wisse in seinem zarten Alter Risiken nicht richtig einzuschätzen. Dafür gäbe es seine Eltern, die ihm Gefahren und damit verbundene Grenzen aufzeigen müssen. Man winkte lachend ab. Ruhig blieb ich auf der Couch sitzen und beobachte das Schauspiel mit einer Mimik, die vermuten ließ, ich hätte sehr viel, sehr feinkörnigen Sand im Mund. Zeitgleich schwante mir für die spätere Heimfahrt Böses. Das völlig überdrehte Kind würde vermutlich im Auto lautstark abdrehen, bevor es schließlich k.o. einschlafen würde. Nach diesem Hammertag wäre das aber nun wirklich kein Vergehen.

Von der Begrüßung bis zur Verabschiedung waren die albanischen Familienmitglieder äußerst bemüht uns nicht zu berühren. Beispielsweise musste ein einfacher Ellbogen-Check zur Begrüßung reichen. Doch bei der finalen Verabschiedung bekam die mühsam aufrecht gehaltene Kontrolle meiner Schwiegermutter einen Riss. Sie konnte partout nicht an sich halten und drückte Signorino, der auf meinem Arm weilte, heimlich ein Küsschen in den Nacken. Bei aller Vernunft, wer hätte es ihr auch verdenken können? Nach mehr als einem Jahr sah sie endlich ihr Enkelkind, durfte ihn aber, entgegen jeden Instinkts, nicht anfassen. Die römische Mutter und ich unterdrückten einen Schwall voll Tränen. Es gelang nur schwerlich.

Ich konnte nur erahnen, wie schwer es sein musste, ihr „verlorenes“ Enkelkind nicht endlich in den Arm zu nehmen. Sich kontrollieren zu müssen, gegen jeden Impuls! Der römische Vater wirkte indessen müde und in Gedanken versunken. Später werde er seinem Sohn Ibrahim sagen: „Da zieht man seine Kinder auf und hat endlich das langersehnte Enkelkind seines Letztgeborenen und dann darf man es nicht einmal anfassen. Verflucht sei dieses Virus!“ Die Hilflosigkeit der Situation zwang meinen sonst so nüchternen und wortkargen Schwiegervater zu einem, für ihn ungewöhnlich großen Gefühlsausbruch.

Nach der Verabschiedung saßen wir in der gewohnten Konstellation in Ibrahims Auto. Manche waren mehr und manche waren weniger angeschnallt. 😉 Ibrahim fuhr uns heim und benutzte mal wieder ein paar Abkürzungen. Doch zu meiner Erleichterung schlichen wir diesmal über Schotterstraßen und riesige Schuttberge. Ich wunderte mich, wie ruhig der alte Mercedes* trotz dieser widrigen Straßenverhältnissen lief. Kein Motorstottern, keine Reifen die durchdrehten. Nun verstand ich die Albaner, die seit jeher auf diese deutsche Marke setzten.

Daheim angekommen, ging der Römer noch einmal aus, um für uns Pizza zu holen. Er versuchte sein Glück im Restaurant neben unserer Ferienwohnung, da auf der großen Werbetafel vor der Lokalität Werbung für Pizza, Pasta und Risotto gemacht wurde. Am Tresen angekommen bestellte der Römer zwei Pizzas. Die junge Kellnerin erwiderte, dass sie alles anbieten könne, nur keine Pizza. Enttäuscht wollte der Römer abziehen, da erhob sich ein bärtiger Gast, Mitte 20. Er hatte die Diskussion mitbekommen. „Stop! Warte!“ rief er dem Römer hinterher. Der Römer drehte sich um. „Du willst Pizza?“ fragte er den Römer. Dieser nickte langsam und etwas irritiert. „Was für eine?“ wollte der hilfsbereite Gast im Kapuzenpulli wissen. „Zwei Margheritas.“ Okay, okay, warte, sprach der Gast. Er nahm sein Telefon, wählte eine Nummer und bestellte zwei Pizzas. Dann gab er die Adresse durch und bat den Römer zu warten. Das tat er auch. Doch 15 Minuten später war der Gast spurlos verschwunden. Der leicht genervte Römer beschloss daraufhin zu gehen, doch der junge Gast, der die Pizza bestellte, stand draußen auf der Straße und wartete auf den Pizzafahrer. Zwei Minuten später kam dieser mit zwei dampfenden Pizzakartons um die Ecke. Der Römer zahlte, bedankte sich beim Pizzafahrer und etwas überschwänglicher beim netten Gast. „S’ka problem.“ [Kein Problem.] antwortete dieser und verschwand in der Dunkelheit. Es war 19:50 Uhr. In 10 Minuten griff die Ausgangssperre.

So in etwa sah die Pizza aus.

Sie wollen wissen, was der morgige Tag bringt? Deutsche Krankenhäuser, die „Corona konform“ völlig neu definieren, Apothekerinnen, die gerne ein Auge zudrücken und Wutanfälle im Park. Und natürlich: s’ka problem. 😉

*Werbung, unbezahlt

Die Albanienchroniken – Teil 3: Grenz-Axel, ein Kitaplatz an Gate Z22 und aufgebrachte, albanische Notare

[Sie wissen gar nicht, was die Albanienchroniken sind? Dann fangen Sie doch bei Teil 1 an.]

[An Teil 1 können Sie sich noch erinnern, aber bei Teil 2 klingelt nichts? Dann bitte hier entlang.]

Noch fünf Minuten bis die Flughafen S-Bahn in unseren Heimatbahnhof einfahren würde. Und wir waren natürlich noch zu Hause! „Die Sonnenbrille ist hier, in meinem Rucksack!“ rief der Römer von unten durchs Treppenhaus. Er stand bereits an der Schwelle der Haustür, während ich noch einmal zurück in die Wohnung geflitzt bin. Eine Albanienreise ohne Sonnenbrille? Nein, danke. Selbst bei 15 Regentagen im April war mir das Risiko immer noch zu groß mit zusammengekniffenen Augen durch die Hauptstadt Albaniens zu irren. „Okay! Ich kooooomme!“ schrie ich nach unten und nahm zwei Treppenstufen auf einmal. An der Haustür angekommen, übernahm der Römer. Er schob mich vor sich her durch den Innenhof und auf die Straße. „Mancano quattro minuti che arriva il treno. [Es fehlen noch vier Minuten bis der Zug ankommt.]“ Mit großen Augen blickte ich ihn an und wollte ein „Das schaffen wir nie!“ hinterherschieben, doch der Römer, der nun vor mir ging, zog mich eilig hinter sich her. Im Stechschritt eilten wir zum Bahnhof. Angekommen an den Treppenstufen zur S-Bahn Station, kugelten wir diese beinahe nach unten, weil wir Signorino, den Buggy, den Kindersitz und die Gepäckstücke auf einen Rutsch hinunter jonglieren wollten. Schweiß gebadet, aber ohne größere Blessuren, liefen wir auf den Bahnsteig, während die just in diesem Moment einfahrende Flughafen-S-Bahn an uns vorbeirauschte und in etwa vierzig Metern Entfernung hielt. Wir liefen wie die Irren, um den Zug doch noch zu erreichen. Unter lautem Widerstand verlor Signorino seinen Schnuller bei diesem Sprint. Blitzschnell verwandelte sich der kleine Farniente in ein heulendes, sich windendes Bündel Mensch. Doch es half nichts. Wir mussten weiter. Die S-Bahn Tür fing bereits an, schnelle Piepgeräusche von sich zu geben, als der Römer in letzter Sekunde seinen Fuß in die Lichtschranke schob. Schnell huschten wir in den Zug.

Puh! Geschafft! Erleichtert nahmen wir Platz. Der Römer lehnte seinen Kopf gegen die Sitzlehne und strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht.

Irgendwann sollten wir unser katastrophales Abreise-Ritual ändern.“ bemerkte ich und streichelte Signorino, der beleidigt auf meinem Schoß saß, über den Kopf. „Es ist jedes Mal der gleiche, unkoordinierte Ablauf: Zweieinhalb Stunden bevor wir zur Flughafen-S-Bahn müssen, verplempern wir die Zeit mit Essen, Trinken, je nach Uhrzeit auch mit Anziehen, Duschen, Mußestunden und was nicht alles. Dieser Prozess dauert ganze zwei Stunden und zehn Minuten. Nur um dann in den letzten zwanzig Minuten all das zu erledigen, was wir in den vorherigen zwei Stunden ignoriert haben. Dann kommen wir keuchend und schnaufend an der S-Bahn an und erwischen diese gerade noch mit Müh und Not.“ fasste ich unseren Aufbruch von daheim zusammen. „Però siamo sempre riusciti a prenderlo! [Aber wir haben es immer geschafft!]“ stellte der Römer fest und reichte Signorino einen Ersatzschnuller. „Ja….schon. Aber die Art und Weise, WIE wir das schaffen, halte ich für wenig erstrebenswert.“ antwortete ich und band meinen zerzausten Pferdeschwanz noch einmal neu. „La prossima volta andrà meglio. [Nächstes Mal wird es besser klappen.]“ vertagte der Römer das Problem und wir wussten beide, dass es beim nächsten Mal mindestens genau so chaotisch werden wird wie all die Male zuvor.

Nach 25 Minuten erreichten wir den Flughafen Frankfurt am Main. Vollbepackt stiegen wir aus. Vor mir stöckelte eine Flugbegleiter-Kollegin zur Rolltreppe. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit und lächelte selig. Hach! Flughafenluft. Das Tor zu Welt. Gespannt und neugierig wartete ich darauf, dass uns die Rolltreppe in die große Abflughalle des Terminals 1 brachte. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits den quirligen, unkoordinierten Tanz aus gehetzten Geschäftsleute, bummelnden Familien und trödelnden Touristen. Endlich oben angekommen erblickte ich… nichts! Die Halle war, bis auf ein paar, wenige Mitarbeiter und Fluggäste, komplett leer. Corona! Klar, da war ja was. Meinen Kloß im Hals schluckte ich hinunter, während wir auf die leere Gepäckabgabe zusteuerten.

Die nächsten dreißig Minuten bestanden aus dem üblichen Prozedere, das das Herumklicken auf Gepäckautomaten, den Besuch beim Sperrgepäckschalter und meine einstudierte Choreografie bei der Sicherheitskontrolle beinhaltete. Als wir all diese Stationen durchlaufen hatten, landeten wir schließlich bei der letzten Etappe dieses Staffellaufs: der Passkontrolle!

Vor uns saßen zwei Grenzpolizisten in ihrer silbergrauen, über den Köpfen der Reisenden thronenden Kanzel. Der etwas stämmigere Polizist von beiden winkte uns herrisch zu sich. Erst als wir wenige Zentimeter vor seiner Bundesgrenzschutzkanzel standen, bemerkte ich seine frappierende Ähnlichkeit mit Axel Stein. Wohlgemerkt war er eine sehr übellaunige Version dieses Schauspielers. „Hallo, guten Morg….“ begrüßte ich den Polizisten gewohnt freundlich. Bis zum Ende des zweiten Wortes kam ich gar nicht, denn sogleich wurde ich rüde unterbrochen von einem gemaulten „Pässe!!“. Ich drehte mich um, weil ich vermutete, dass sich wie aus dem Nichts eine kilometerlange Menschenschlange gebildet haben muss, denn das wäre eine schlüssige Erklärung für den knappen Ton des Bundespolizisten. Doch da war niemand! Keine Menschenseele stand hinter uns. Der Römer kramte in seinem Rucksack und reichte ihm die Pässe unter einem höflichen „Hier, bitteschön.“. Grenzpolizist Axel blätterte lustlos in unseren Pässen, als wären sie ein langweiliges Boulevardmagazin beim Friseur seines Vertrauens. Dann scannte er alle ein und unterbrach die Stille wieder mit einem einzigen Wort. „Grund?!“ fragte er. Da der Satz weder über ein Verb, noch über ein weiteres Nomen verfügte, das mir geholfen hätte, dieses einzelne, vor mir ausgespuckte Wort zu deuten, sah ich mich gezwungen eine Rückfrage zu stellen. „Für die Reise, meinen Sie jetzt?“ wollte ich wissen und legte meinen Kopf schief. Er nickte. Nur keine Worte verschwenden. Grenzpolizist Axel hatte scheinbar ein sehr limitiertes Kontingent an abgezählten Wörtern, die er in einer acht Stunden Schicht benutzen durfte. Deswegen bediente er sich vermutlich vielen, nonverbalen Signalen, die er immer wieder genervt abfeuerte. „Familienbesuch.“ antwortete ich wahrheitsgemäß, mich an Axels Kommunikationsmodus orientierend. Diesmal nickte er nicht einmal. Um genau zu sein, verzog er keine Miene. Keine Ahnung, ob das Wort „Familienbesuch“ bis zu seinem Thron durchgedrungen war, aber er hakte auch nicht weiter nach. „Mi sembra un po‘ incazzato. [Er scheint mir etwas angefressen.]“ raunte mir der Römer leise ins Ohr und ich musste bei der herrlichen Betonung des römischen Satzes kichern. Grenzpolizist Axel musterte mich streng. Auch das war mir neu, dass Lachen nicht erlaubt war. Aber vermutlich gab es dafür eine Dienstanweisung, die Grenz-Axel ganz genau studiert hatte. Nach einem quälend langen Moment erhob Grenzpolizist Axel abermals die tiefe, schneidende Stimme. „Aufenthaltstitel?“ murrte er. Ich war etwas verwirrt, denn nach einem Aufenthaltstitel für Albanien wurde ich in all den Jahren noch nie gefragt. Sogleich äußerte ich meine Zweifel in einem Halbsatz, Axel-Style: „Für Albanien?“ Grenz-Axel guckte mich durchdringend an. Man konnte seitenlange Monologe aus seinem starren Blick lesen. Er war anscheinend ein Mann, der viel mit den Augen ausdrücken konnte, aber wenig mit seinem Mund. Jetzt gerade dachte er zum Beispiel: „Du dummes, dummes Weib. Natürlich NICHT für Albanien. Vor mir liegt ein albanischer Pass. Der Mann braucht doch irgendeine Berechtigung, hier in Deutschland zu sein!“ Doch Axel sagte indessen: „Nein, vom albanischen Pass!“ Meine Klappe war mal wieder schneller als mein Anstand und quiekte munter heraus: „Sie meinen von meinem Mann?!“ Grenz-Axel nickte unmerklich. Der Römer flüsterte leise: „Che vuole il tizio? [Was will der Typ?]“ Ich flüsterte zurück, dass er den römischen Aufenthaltstitel vermissen würde. Unter einem lauten „Ah!“ suchte der Römer wieder in seinem Rucksack und legte erst ein Handyladegerät, ein Buch über Orthopädie und Traumatologie, sowie einen Beutel mit Flüssigkeiten auf den Tresen der Kanzel, bis er schlussendlich seine scheckkartengroße Niederlassungserlaubnis fand. Erleichtert überreichte der Römer den Aufenthaltstitel, der sich im Design kaum von einem deutschen Personalausweis unterschied, an den ungeduldig dreinblickenden Grenz-Polizisten. Penibel studierte Grenz-Axel die römische Niederlassungserlaubnis. Nach einer weiteren Minute legte er alle Pässe und den Aufenthaltstitel auf den Tresen seiner Zelle und starrte stumm geradeaus an uns vorbei. Verwirrt fragte ich: „Sind wir jetzt fertig?!“ und Axel seufzte genervt. Schließlich fand er noch ein „Ja“ in seinem Restkontingent der verbleibenden Wörter für heute und antwortet mit diesem. „Okay, danke. Tschüss.“ schmetterte ich ihm entgegen. Dann schnappte ich mir die Pässe und stiefelte davon. „Secondo me, era veramente incazzato.“ [Ich glaube, dass er wirklich angepisst war.] äußerte der Römer seinen Eindruck. Ich musste lachen und gab ihm Recht.

Die übrige Zeit bis zum Boardingbeginn vertrieben wir uns mit einem zweiten Frühstück. Dabei frühstückten wir nicht zeitgleich, was dank des aktiven Kleinkindes auch nicht möglich gewesen wäre. Vielmehr trank erst der Römer in Ruhe seinen Cappuccino und genoss mit allergrößter Muße sein Brioche, während ich mit dem neugierigen Signorino im Kamikaze-Modus spazieren rannte. Natürlich hätte ich das Kind auch herumtragen können, aber unser ausgeklügelter Plan sah vor, dem Kind so viel Auslauf wie möglich zu gönnen, so dass es im Flugzeug nur noch müde in sich zusammensacken und bis Tirana durchschlafen würde. Als der Römer fertig gefrühstückt hatte, tauschten wir. Nach einigen Minuten war weit und breit keine Spur mehr von dem römischen Vater-Sohn-Duo zu sehen, so dass ich beiläufig auf mein Handy blickte. Eine Frankfurter Nummer hatte mich diverse Mal versucht zu erreichen. Ich vermutete dahinter meinen Zahnarzt, der mich sicherlich an meine halbjährlich wiederkehrende Zahnprophylaxe erinnern wollte. Doch irgendetwas sagte mir in diesem Moment, dass ich die Telefonnummer lieber noch einmal in einer Suchmaschine eingeben sollte. „Kita Frankfurt“ war der erste Treffer, der mir angezeigt wurde. Huch! Wie ist das denn passiert? Erst jetzt bemerkte ich, dass sich eine neue Nachricht auf meiner Mailbox befand. Ich hörte sie ab, grinste, rief die Nummer zurück und vereinbarte einen Kita-Besichtigungstermin* . Währenddessen wurde im Hintergrund Herr Ramirez lautstark und in drei Sprachen gebeten, zu Flugsteig Z24 zu kommen. Sie würden den Boardingvorgang gleich beenden. Aus voller Kehle brüllte ich dagegen an: „Donnerstag? Klasse, Frau Det. Ich freue mich. Bis dann!“

In etwa so sah unser Frühstück aus. Im Hintergrund müssen sie sich ein, wie irre durch das Terminal laufendes Kind vorstellen.

Verwirrt und mein Glück kaum fassend, berichtete ich dem Römer, der gerade an mir vorbeijoggte, was soeben passiert war. Es schien, als würde er sich ebenso freuen. Doch dann verschwand er schon wieder außer Hörweite, da er Signorino davon abhalten musste, sich bäuchlings auf den Fahrsteig zu werfen.

Nach weiteren fünf Minuten begann der Boardingvorgang unseres Fluges. Gäste, mit eingeschränkter Mobilität und Familien mit kleinen Kindern wurden gebeten, zuerst einzusteigen. Wir ließen unsere Bordkarten scannen, ich wünschte den Kollegen vom Boden noch einen schönen, verbleibenden Arbeitstag und wollte gerade zum Aufzug gehen, zu dem bereits zwei Gäste mit Rollator und Betreuungsdienst rollten, da wurde ich von der blonden, älteren Bodenmitarbeiterin zurückgepfiffen. „Die Aufzüge sind nur für Gäste mit eingeschränkter Mobilität.“ flötete sie. Ich insistierte nicht, da man mit Bodenkollegen lieber keinen Streit anfängt. Stattdessen ärgerte ich mich im Stillen, nahm Signorino auf den Arm und der Römer faltete den Kinderwagen zusammen. Beladen wie die Packesel, wankten wir fluchend 50 Treppenstufen nach unten. Dort wartete bereits der Passagierbus auf uns. Seltsamerweise war von den gehbehinderten Gästen weit und breit keine Spur mehr. Vermutlich hatten sie einen extra Transport bekommen.

Zügig fuhren wir zum Flugzeug, das auf einer Außenposition geparkt war. An Bord angekommen, stellte ich mich bei Kabinenchef Detlef und seiner Kollegin Julia als ebenso flugbegleitende Kollegin vor. Wir merkten recht schnell, dass wir auf einer Wellenlänge waren. Die Stimmung war ab der ersten Sekunde ausgelassen. Da wir in der zweiten Reihe saßen, gesellte sich Detlef immer mal wieder zu uns für ein Schwätzchen über Albanien. Nach fünf Minuten, der letzte Passagierbus ließ auf sich warten, kam der Kapitän zu uns. „Entschuldigt! Eine Frage:“ fing er an und ich wartete gespannt auf den weiteren Verlauf seines Satzes. „Ihr wolltet wirklich nach Tirana, oder?“ wollte er von uns wissen und musterte uns neugierig. Entsetzt und unisono antworteten wir mit einem lauten „JA!“. Daraufhin erläuterte er uns den Grund seiner Frage: Wegen eines Computerproblems seien die polnischen und albanischen Gäste nun vermischt, meldete ihm der Kapitän der Warschau-Maschine. Das hieße, Gäste, die nach Tirana gebucht seien, sitzen nun im Flugzeug, das nach Warschau fliegen sollte. Man müsste nun alle Gäste wieder auf die richtigen Maschinen sortieren. Laut lachte ich bei der Vorstellung, wie wir nach Tirana wollten und fassungslos in Warschau landen würden. Der Kapitän beendete seine Erklärung mit: „Ne, ist doch gut. Ihr seid auf alle Fälle richtig hier. Entspannt euch.“ Und das taten wir dann auch.

Fünf Minuten später schritt der Kapitän, mit seinem Diensthandy am Ohr, an uns vorbei. „Alsoooo ne!“ rief er in die vordere Bordküche, als er aufgelegt hatte. „Heute ist wirklich der Wurm drin!“ Belustigt informierte er Kabinenchef Detlef, dass die gehbehinderten Gäste im Aufzug stecken geblieben seien und man jetzt einen Techniker kommen lassen müsse, der den Aufzug wieder in Gang bekäme. Ich drehte mich zum Römer und murmelte erleichtert: „Glück im Unglück! Das wäre unser Lift gewesen. Und ich habe mich noch über die 50 Treppenstufen beschwert. Stell dir mal vor, wir würden mit Signorino im Aufzug feststecken...“

Nach weiteren 20 Minuten an der Parkposition tauchte erneut ein Passagierbus auf. „Tirana – letzter Bus“ stand darauf. Halleluja! Es ging voran. Alle verbleibenden Gäste stiegen ein und wir rollten mit leichter Verspätung Richtung Startbahn, um zügig abzuheben.

An Bord kam tatsächlich ein bisschen Urlaubsstimmung beim Römer und mir auf. Kollegin Julia bot an, uns Signorino abzunehmen, damit wir in Ruhe essen könnten. Und das taten wir auch. Das erste Mal seit Signorinos Geburt speisten der Römer und ich gemeinsam in vollkommener Ruhe, ohne, dass wir jemand zeitgleich füttern mussten. Weder waren wir gezwungen dazu, das Glas Cola in einem Zug zu leeren, noch das Brötchen mit Butter herunterzuschlingen. Es war herrlich! Signorino fand Julia toll und genoss ihr Unterhaltungsprogramm sehr. Ich hätte sie knutschen können!

Angekommen in Tirana lief alles ganz unspektakulär ab. Mit Bussen wurden wir ins Terminal gebracht, durchliefen zwei Desinfektionsmittel sprühende Maschinen, die aussahen wie Durchgangs-Metalldetektoren. Daraufhin stellten wir uns brav in eine der Schlangen zur Passkontrolle, doch schon nach 30 Sekunden winkte uns eine nette Mitarbeiterin zum leeren Schalter, der sich um die Passkontrolle der Diplomaten kümmerm sollte. Da weit und breit kein Diplomat in Sicht war, kamen wir sofort dran und reisten ein. Nach weiteren 10 Minuten hatten wir unser Gepäck in der Hand und rollten damit in die Vorhalle. Aufgrund der Ansteckungsgefahr war es jeglichen, abholenden Personen untersagt, in der Ankunftshalle zu warten. Stattdessen stand eine große Menschentraube, bestehend aus Taxi- und Shuttlebusfahrern, so wie wartenden Familienangehörigen unter freiem Himmel, natürlich ohne Maske und eng zusammen. Gespannt, ob Ibrahim oder Schwester F. uns abholen würde, marschierten wir aus dem Flughafengebäude.

Zu unserer großen Überraschung wartete weder Ibrahim, noch Schwester F. auf uns. Stattdessen winkte uns von weitem ein gut gelaunter und sichtlich moppelig gewordener Neffe Toni (Schwester F.’s Sohn) zu. Mit lässiger Sonnenbrille auf der Nase, schlenderte er auf uns zu. Er trug eine OP-Maske, natürlich unter der Nase, wie es augenscheinlich Usus in Albanien ist. Freudig begrüßte er uns mit einem Fauststoß. Dem kleinen Signorino kniff Neffe Toni in die Wange. Auf dem Weg zum koreanischen SUV erklärte er, dass seine Mutter (Schwester F.) gestern Abend ein längeres, lautstarkes und energiegeladenes Gespräch mit ihrem Bruder Ibrahim hatte. Sie gewann, doch stellte heute morgen fest, dass sie einen nicht aufschiebbaren Arzttermin hatte. Die Scham, Ibrahim zu bitten, uns doch abzuholen, ersparte sie sich. Deswegen schickte sie ihren Sohn, Neffe Toni. Angekommen bei der Geländelimousine, bemerkten wir schnell, dass Schwester F. im gestrigen Gespräch definitiv nicht zu viel versprochen hatte. Das Auto war äußerst komfortabel und nicht mit dem klapprigen Vorgänger zu vergleichen. Schnell installierten wir den Kindersitz. Signorino schlief bereits am Denkmal von Mutter Teresa ein, das im Ausfahrtsbereich des gleichnamigen Flughafens stand. Ich lehnte mich zurück und rechnete mit 25 Minuten Fahrtzeit in die Innenstadt. Toni redete von einer „kleinen Baustelle“ und das es etwas länger dauern könnte. Die „kleine Baustelle“ entpuppte sich als ein katastrophales Großprojekt, das sich vom Vorort bis in die Innenstadt zog. Dazwischen fuhren wir durch einen scheinbar neuen Tunnel. Der Römer vermutete, dass der aktuelle Premierminister Edi Rama bis zu den Wahlen Ende April alles in Ordnung bringen würde. Toni schüttelte vehement den Kopf. Nein, das wird er ganz sicher nicht schaffen. Aber ein bisschen herrichten und hübsch machen wird er die Baustelle. Soviel sei sicher. Mein übermüdeter Kopf stellte sich vor, wie Edi Rama ein paar Tulpen am Baustellenrand pflanzte und „So! Fertig! Alles wieder hübsch!“ schrie, was mich wiederum sehr schmunzeln ließ. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt (also 6x so lange wie sonst) erreichten wir Taivani, das Taiwan Center, in dessen Nähe wir unsere Unterkunft gebucht hatten. Recht viel länger hätte es wahrscheinlich in die taiwanische Hauptstadt Taipeh auch nicht gedauert. 😉

Neffe Toni lud unser Gepäck aus und gab uns noch einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg: Ab 20 Uhr herrscht ein striktes und scharf kontrolliertes Ausgangsverbot, das selbst die Albaner beachten würden, da hohe Strafen drohen, wenn man sich nicht daran halten würde. Immerhin eine Maßnahme, die fruchtete, wenn sich hier schon keiner an die gesetzliche Maskenpflicht hielt. Ich guckte auf die Uhr, die mir 17:30 Uhr anzeigte. „Das wird aber ein knappes Höschen!“ stöhnte ich, als wir uns mit unzähligen Gepäckstücken und Signorino auf dem Arm die Treppenstufen bis zum Aufzug hochquälten. Der Römer warf mir einen verwirrten Blick zu. Diese Redensart kannte er wohl noch nicht. Angekommen in der Unterkunft machte sich bei uns ein riesengroßer Hunger bemerkbar. Unterstrichen wurde dieser von einer quälenden Müdigkeit, die alle betraf, außer Signorino. Da der Römer in Albanien unser Mann für alles ist (und ich mich gerne hinter meinen miserablen Albanischkenntnissen verstecke), lief er sogleich los und organisierte uns eine bunte und überaus reichliche Auswahl an Börek. Er hatte sämtliche Sorten gekauft, die es in dem kleinen Straßenverkauf in der Rruga (=Straße) Myslym Shyri gab. Aus der leicht fettigen Papiertüte lugten Börekstücke mit Lauch, mit Ricotta, mit Kartoffeln, mit Spinat und Feta und mit Fleisch hervor und dufteten verführerisch. Der erste Bissen glich einer Erlösung! Wie das schmeckte. Herrlich! Signorino musterte alle Börekstücke, roch an ihnen und schlug nur bei Börek mit Ricotta zu, was er mit einem freudig überraschten „Mmmh!“ quittierte.

Wir waren zwar immer noch müde, dafür aber nicht mehr hungrig. Ich fragte den Römer, wann er zum Notar gehen wolle. Schließlich müsse Signorinos Geburtsurkunde noch übersetzt und notariell beglaubigt werden, bevor wir ihn morgen im Bürgerbüro von Kamez, einem Vorort von Tirana, zum Albaner machen würden. Heute war bereits Donnerstag. Das wiederum hieße, dass wir nur den morgigen Freitag haben würden, um die albanische Staatsbürgerschaft für Signorino zu erwerben. Denn am Montag in aller Herrgottsfrühe würden wir bereits abreisen. Inshallah! Der Römer guckte auf die Uhr. Mittlerweile war es 18:50 Uhr. In einer guten Stunde begann die Ausgangssperre. Wir hatten weder fürs Abendessen eingekauft, noch waren wir beim Notar. Sogleich streifte sich der Römer seine Lederjacke über und trabte los.

Um zwei Minuten vor 20 Uhr schneite er, mit zwei großen Einkaufstüten bepackt, zur Haustür hinein. „Mica era facile là fuori. È una giugnla senza regole. [Das war wirklich nicht einfach da draußen. Es ist ein Dschungel ohne Regeln.]“ keuchte er und ließ sich geschafft aufs Sofa plumpsen. Ich guckte ihn fragend an. „Allora, riguardo al notaio… [Also, hinsichtlich des Notars…]“, fing er an. Gebannt lauschte ich. „Ich war bei drei verschiedenen Notariaten und alle lachten mich aus mit meiner Bitte, das Dokument bis morgen Mittag übersetzt und notariell beglaubigt zu haben. Dann nahm ich ein Taxi und versuchte es beim vierten Büro. Dort, wo wir damals unsere Heiratsurkunde übersetzen haben lassen.“ erzählte er mir. Sofort protestierte ich. „Och ne! Bitte nicht da! Wir mussten zwei Mal dorthin, weil der Übersetzer dem Skenderbeu Konjak [ein albanischer Cognac] so zu getan war, dass er nicht einmal meinen Namen richtig schreiben konnte. Ich hieß „Elvira Angelina“, statt „Eva Angelika“. Und DU wolltest mich noch davon überzeugen, dass es in Albanien normal sei, ausländische Namen zu übersetzen. Erst als ich insistierte, dass das in keinem, mir bekannten Land der Fall sei, und dass wir nicht in Freiburg am Main, sondern in Frankfurt am Main geheiratet haben, bist du noch einmal hingegangen und hast es korrigieren lassen. Der Notar hatte derweil schon munter seinen Stempel darauf gesetzt.“ Der Römer rollte mit den Augen. „Ma sempre questa storia del secolo scorso [Aber immer diese Geschichte aus dem letzten Jahrhundert].“ Dann fuhr er mit seiner Geschichte fort: „Auf alle Fälle bin ich da reinmarschiert und habe mich vorgestellt. Dann fragte mich die nette Notarfachangestellte bis wann ich das Dokument brauche. Wahrheitsgemäß sagte ich, bis morgen. Sie guckte überrascht, lachte schrill auf und bat mich einen Augenblick zu warten. Sie müsse kurz mit dem Notar Rücksprache halten. Als sie aus dem Zimmer des Notars kam, hatte sie selbigen gleich mit im Schlepptau.“ Der Römer machte eine Pause und hob den quengelnden Signorino auf seinen Schoß. Dann knüpfte er an seine Erzählung an: „Der Notar, ein Stier von einem Mann mit hochrotem Gesicht und Balkenaugenbrauen zur 80er Jahre Brille, herrschte mich an: <<Wer ist der Witzbold, der mich zwingt aus meinem Büro zu kommen? Sie?>> Ich bejahte die Frage und schilderte ihm, dass es um einen neuen Staatsbürger Albaniens ginge. Zweifelnd, aber interessiert guckte er mich an und erklärte mir, dass der Auftrag mindestens vier Tage dauern würde, da auch noch ein vereidigter Übersetzer involviert wäre. Seinen Satz beendete er mit: <<Aber lassen Sie ihre Nummer da. Vielleicht geschehen noch Zeichen und Wunder.>> Ich gab zurück: <<Ich habe nichts anderes als ein Wunder erwartet! 😉 Eine albanische Telefonnummer habe ich nicht, deswegen rufe ich Sie morgen Vormittag an.>> Der Notar nickte, wir schüttelten uns die Hände und morgen werden wir sehen, ob er es geschafft hat oder nicht.“ Ich schluckte. „Das Händeschütteln war aber nicht besonders Corona-konform. Ich hoffe, du hast deine Hände danach gleich desinfiziert.“ kommentierte ich seine Geschichte. „Das ist alles, was dir zu dieser Geschichte einfällt?“ wollte der Römer entgeistert von mir wissen. „Ja, irgendwie schon. Was soll ich auch sagen? Morgen Vormittag wissen wir sicher mehr.“ rechtfertigte ich meinen Kommentar. Der Römer schwieg eine Weile. Dann beendete er seine Geschichte mit: „Na, und dann nahm ich wieder ein Taxi und bin schnell wie der Wind einkaufen gegangen. Non era facile. Ma ce l’ho fatto. [Das war nicht einfach. Aber ich habe es geschafft.]“ Er sah wirklich müde aus. Noch müder als vorhin. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ entgegnete ich ihm und strich über seinen Oberarm. Wie ein Honigkuchenpferd grinste er und gab zwinkernd zurück: „Sarebbe il minimo. [Das ist ja wohl das Mindeste.]“

Ob der Notar schließlich doch noch Mitleid mit uns hatte und das Unmögliche möglich machte? Und ob er einen (nüchternen) Übersetzer fand, der bis zum nächsten Vormittag die Geburtsurkunde übersetzen würde, damit das arme Kind (O-Ton Schwester F.) doch noch Albaner werden könne? Das alles verrate ich Ihnen in der nächsten Folge, wo ich Ihnen auch erzähle, mit welchem waghalsigen Test man in Tirana feststellt, ob jemand sich wirklich Atheist schimpfen darf.

[Fortsetzung folgt]

*Wie es dazu kam, werde ich gesondert berichten. Das glauben Sie mir nie!

Die Albanienchroniken – Teil 2: Von positiven Schwestern und der albanischen Familienehre

[Sie haben den ersten Teil der Albanienchroniken verpasst? Kein Problem, bitte hier entlang!]

Okay, in Ordnung, aber ohne… mich!“ fing ich an. „Ich bin doch nicht irre und stehe um 05:30 Uhr auf, wenn das Flugzeug erst um 12 Uhr mittags planmäßig abheben soll!“ Mit vorgeschobener Unterlippe, einer zum Zerbersten angespannten Zornesfalte und verschränkten Armen saß ich trotzig auf unserem Sofa.

RUMMS! Die Kinnlade des Römers kippte nach unten und er fast vom Stuhl. Vermutlich hatte er sich auf seinen römischer Charme und meine weibliche Gutmütigkeit verlassen. Doch diesmal stand meine Entscheidung in Stein gemeißelt fest. Ich werde morgen nicht fliegen! Er versuchte gar nicht erst mich vom Gegenteil zu überzeugen, schließlich wusste er um meine stoische Art. Auch sein übliches „Ma dai!“ [Ach, komm schon!] sparte er sich. Stattdessen schwieg er und tippte wie ein Häufchen Elend auf seinem Mobiltelefon herum. Etwas anderes hätte meine Laune auch kaum ertragen an diesem Abend. Als wir ins Bett gingen, unterbrach er die Stille mit einem leise gemurmelten „Buona notte“ [Gute Nacht]. Ich beschränkte mich auf ein gebrummtes „Nacht„. Selbst das obligatorische Adjektiv „gut“, das man normalerweise vor die „Nacht“ stellt, wollte ich ihm in diesem Moment partout nicht gönnen.

Am nächsten Morgen war mein Ärger, wie von Zauberhand, verraucht. Der Römer stand extra früh auf, holte Wiedergutmach-Croissants und bereitete den Frühstückstisch vor. Er scheute keine Kosten und Mühen, was bedeutete, dass sogar frisch gepresster Saft auf dem Tisch stand. Ich klickte derweil auf meinem Computer herum und checkte uns für den heutigen Flug aus. Dann buchte ich das Ticket auf den nächsten Tag um. Dazu muss ich Ihnen erklären, dass ich eine solche Entscheidung nie getroffen hätte, hätten wir ein normales Flugticket reserviert. Dank meines Arbeitgebers habe ich den Vorteil sogenannte „Standby-Tickets“ zu erwerben. Das Prinzip ist schnell erklärt: Als Mitarbeiter hat man zwar einen Flugschein in der Hand, jedoch keinen Anspruch auf einen Sitzplatz im Flugzeug. Sind alle Plätze ausgebucht, bleibt man traurig hinterherwinkend am Boden zurück, was mir nicht nur einmal passiert ist. Sollte wiedererwartend ein Sitzplatz frei sein, ist man ein gern gesehener Gast, der sich auf den letzten, freien Mittelplatz quetschen darf. Selbstverständlich sind die Flugtickets (bei meinem Arbeitgeber! In Italien und den USA sieht das wiederum ganz anders aus, sagte man mir…) nicht umsonst, aber dennoch etwas billiger als die normalen Tarife. Dadurch, dass man keinen Anspruch auf einen Sitzplatz hat, kann man die Flugtickets nach belieben und jederzeit (um)buchen. Ich nenne es das „Kommst du heute nicht, kommst du morgen“-Prinzip, von dem ich des Öfteren Gebrauch machen musste. Zum Beispiel, wenn der caffè in der Pasticceria Barberini (Werbung aus Überzeugung) im römischen Stadtviertel Testaccio wieder gar so gut schmeckte.

Nach diesem Exkurs, finden wir uns wieder am römischen Esstisch deutscher Nation ein. Noch während ich die Umbuchung machte, sah ich im Augenwinkel wie mein Telefon mehrmals kurz aufleuchtete. Ich klickte ein letztes Mal auf „bestätigen“ und das Flugdatum wurde auf den nächsten Tag geändert. Dann nahm meine Neugier überhand und ich guckte, wer mir geschrieben hatte. „Turtle“ stand in großen Lettern auf meinem Handybildschirm. Ich öffnete die Textnachricht und las. Erst ein Mal, dann, um ganz sicher zu gehen, noch ein zweites Mal, gefolgt von einem dritten und vierten Mal. Hä? Laut las ich die Nachricht vor: „Ich bin übrigens positiv.“ Verwirrt kräuselte ich meine Stirn und guckte den Römer an. „Ich finde so eine Textnachricht in der jetzigen Zeit absolut nicht lustig.“ sagte ich und tippte ein flapsiges, der deutschen Grammatik nicht gerecht werdendes „Positiv was?“ in das Nachrichtenfeld. Turtle war online und antwortete sofort. Sie tippte und wenige Augenblicke später erschien in unserem Chatfenster: „Na, Corona-positiv.

Ich fiel aus allen Wolken und drückte auf den kleinen Telefonhörer neben ihrem Namen. Es tutete zwei Mal, dann hob sie ab. „Im Ernst?“ fragte ich und vergaß bei aller Aufregung die Begrüßung. Sie lachte. „Grüß dich! Ja, wirklich. Das ganze Büro ist positiv getestet worden.“ erklärte sie mir und hustete, wie zur Untermalung der Absurdität, zwei Mal. Dann räusperte sie sich. „Aha.“ antwortete ich mangels passenden Gesprächsfloskeln, die man soeben positiv getesteten Leuten mit auf den Weg geben könnte. Sie erzählte munter weiter, immer wieder unterbrochen von einem bellenden Husten. Seit vorgestern würde sie sich schlapp fühlen. Da der Schnelltest vor drei Tagen noch ein negatives Testergebnis angezeigt hatte, hat sie sich aufgrund ihrer Symptome dazu entschlossen noch einmal einen PCR Test auf eigene Kosten zu machen. Und dieser kam heute früh positiv zurück. Dann steckte sie sich einen Keks in den Mund, hustete wieder kurz und führte aus: „Es war gar nicht so leicht an einen solchen Test heranzukommen. Bei vier Praxen und dem Gesundheitsamt rief ich an. Doch keiner fühlte sich zuständig, da ich bereits Symptome entwickelt hatte. Bis ich bei der fünften Praxis komplett ausgeflippt bin. Ich fragte die nette Arzthelferin, die mich ebenfalls vertrösten wollte, was ich denn tun müsse, um so einen Kack-PCR-Test zu bekommen.“ Ich lachte, denn so wütend im Umgang mit anderen Mitmenschen kannte ich die sonst so schüchterne Turtle gar nicht. Als Turtle der immer noch freundlichen Arzthelferin all ihr Leid klagte und das mit all ihrer Frustration und Hilflosigkeit untermalte, bat sie Turtle schließlich, direkt in der Arztpraxis vorbeizukommen. Sie würden sie sofort testen. „Und der Rest ist Geschichte. Jetzt bin ich in Quarantäne. Da es die britische Variante ist, muss ich auch gleich 14 Tage daheim bleiben.“ Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie auch der morgige Flug ohne uns abheben würde und ich das Flugticket nach Albanien stornierte. Ich konnte Turtle in diesem Zustand wohl kaum alleine in Frankfurt lassen. Wer würde für sie einkaufen? Wer würde im Notfall helfen können? Indessen holte mich Turtle blitzschnell aus dem Gedankenkarussell, bevor ich überhaupt eine Fahrkarte dafür lösen konnte. „Keine Sorge! Ich habe vor drei Tagen groß eingekauft. Vielleicht war es eine Vorahnung, denn irgendetwas sagte mir: Nimm mal lieber mehr mit! Meine Vorräte reichen noch für mindestens eine Woche. Außerdem habe ich nur Husten und fühle mich etwas gerädert. Ich bin aber fieberfrei. Ihr könnt ganz entspannt in einer halben Stunde abfliegen.“ beruhigte sie mich. „Äh… Turtle? Wir fliegen morgen. Es gab ein paar… Unstimmigkeiten.“ klärte ich sie auf. „Ach so.“ antwortete sie knapp und hustete wieder. Wie eine nervige Glucke hakte ich im Verlauf des weiteren Telefonats mehrmals nach, ob sie wirklich nichts, absolut gar nichts, von der Apotheke, dem Supermarkt oder der Drogerie brauchte. „Nein, nein! Es ist alles unter Kontrolle.“ gab sie den immer gleichen Satz zurück. Dann informierte ich meine beiden besten Freunde, dass Turtle positiv getestet wurde. Da beide in Frankfurt wohnen und momentan nicht fliegen, versprachen beide, sich jederzeit um Turtle zu kümmern, sollte sie etwas benötigen. Diese Info leitete ich an Turtle weiter, die mit einem „Daumen-hoch“-Zeichen darauf reagierte. Vermutlich war sie froh, dass ihre bemutternde Schwester am nächsten Tag nach Albanien fliegen würde.

Als ich dem Römer in Kurzform erzählte, was seiner Schwägerin zugestoßen war, klammerte er sich mit eiserner Hand an den Tragegriff des silbernen Koffers, den er gerade ins Schlafzimmer rollen wollte. „Keine Sorge. Wir fliegen morgen trotzdem, wenn die Maschine nicht komplett ausgebucht ist.“ Der Römer guckte mich etwas unsicher an. Ich winkte grinsend ab. Signorino stapfte an uns beiden, mit einem Kochlöffel bewaffnet, vorbei. Blitzschnell schnappte sich der Römer den kleinen Kerl, zog ihn an und die beiden füllten am Main ihren Vitamin D Haushalt auf. Währenddessen packte ich alle Dinge für Signorino und mich ein. Es dauerte zwei Stunden, die ich in der ungewohnt ruhigen Wohnung sehr genoss. Nachdem die beiden Herren ihren Spaziergang beendet hatten und heimkehrten, übernahm ich Signorino, während der Römer akribisch seine Outfits aus unserem Kleiderschrank auswählte, jedes Teil einzeln aufeinander abstimmte, alles feinsäuberlich bügelte, kleinlich und mit höchster Vorsicht faltete und schließlich alles zusammen im Koffer verstaute, was tatsächlich zwei Stunden dauerte. Er hatte mit seiner gestrigen Zeitangabe definitiv nicht übertrieben.

Mittlerweile war es 15:00 Uhr. Neben unserer Haustür standen ein fertig gepackter Koffer, ein faltbarer Reisekindersitz, ein Buggy, eine überdimensionierte Wickeltische und ein römischer Rucksack. Ich war zufrieden.

Unserem morgigen Flug stand scheinbar nichts mehr im Wege. So weit wie auf diesem Bild kommen wir vermutlich nicht. Das Foto wurde von einer B747 irgendwo über Nordamerika aufgenommen.

Der restliche Tag verlief ereignislos und bestand aus einem weiteren, langen, Vitamin D geladenen Spaziergang für den Römer, Signorino und mich. Danach statteten wir dem hiesigen Supermarkt noch einen Besuch ab, denn es gibt nichts schlimmeres als an einem Feiertag zurückzureisen und einen leeren Kühlschrank vorfinden zu müssen. Um 19:00 Uhr holte der Römer Pizza für die ganze Familie. Kurzum: Ich war glücklich.

Um 20:30 Uhr rief die römische Schwester F. an. Gleich sollte Signorino ins Bett gehen. Natürlich bestand der Römer darauf, dass er in die Videokamera winken sollte. Interessiert grinsend, dennoch alles andere als winkend, guckte er seine Tante an. Unter lauten „zemra ime“ [mein Herz] Rufen, begrüßte diese Signorino, der den Bildschirm antippte und dadurch beinahe auflegte. Während Schwester F. ihren Neffen Signorino anschmachtete, fragte sie ganz belanglos im Nebensatz, wer uns denn vom Flughafen abholen würde. „Ibrahim.“ antwortete der Römer und nannte den Namen seines großen Bruders. Sie stöhnte, als hätte ihr der Römer soeben mit voller Wucht ein glühend heißes Messer in den Rücken gerammt. „Ibrahim?! O Zot i madh. [Oh großer Gott.]“ brachte sie nach einer kurzen Pause sichtlich getroffen hervor und wiegte ihren Kopf hin und her. Nach einer weiteren, theatralischen Pause, in der sie lange ausatmete, holte sie, sehr zu unserer Beruhigung, abermals tief Luft. Dann fragte sie unter Anwendung geschicktester Rhetorik : „Mit seinem alten Benz will er euch also abholen?“ Leidend blickte sie in die Kamera, dennoch konnte man mit geschultem Blick ein angriffslustiges Blitzen in ihren Augen erkennen. Nein, sie würde dafür Sorgen, dass ihr großer Bruder Ibrahim diese Schlacht verlieren würde. Schließlich ging es um nicht weniger als die Ehre als Erste der Familie ihren lang ersehnten, germanoitalbanischen Neffen, live zu sehen und im gelobten Land begrüßen zu dürfen. Sie schätzte und liebte ihren Bruder Ibrahim sehr, aber diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Man sah, dass sie sich auf diesen Kampf vorbereitet hatte wie ich mich auf das Packen unserer Koffer. Nur war sie nicht mit Friedrich dem Großen zu vergleichen. Viel mehr war sie eine moderne, weibliche Version von „Alexander i madh [Alexander dem Großen]“. Das sah man spätestens als sie ein Argument nach dem anderen akzentuiert abfeuerte und zufrieden lächelnd wartete, bis es seinen Effekt zeigte. „Sei mir nicht böse.“ ,fing sie an, „Das klapprige Vehikel deines Bruders wird meinem wunderschönen Neffen -Mashallah- nicht gerecht.“ Der Römer nickte und machte den Fehler minimal zu insistieren. „Ich habe Ibrahim schon zugesagt, dass er uns abholen darf.

Autsch! Selbst ich zuckte bei dieser gut gemeinten, römischen Antwort zusammen, ahnte ich doch, welch schweres Geschütz Schwester F. gleich auffahren würde. „Nein, das kann ich nicht akzeptieren. Es geht hier schließlich um die Sicherheit meines Neffen.“ begründete sie ihr Veto und ich war erstaunt, dass gerade sie die Sicherheitsfrage auf den Tisch brachte. Vor meinem geistigen Auge sah ich uns, wie wir vor Jahren zu viert auf der Rückbank des alternden Mercedes ihres Mannes saßen. Selbstverständlich waren alle, im Fond des Autos sitzenden Insassen (ihre beiden erwachsenen Kinder, der Römer und ich) unangeschnallt. Nicht, weil wir wollten. Denn ich, die Deutsche, hätte mich schon gerne angeschnallt. Vielmehr, weil sich partout keine Sicherheitsgurte in der hinteren Fahrtgastzelle befanden. Aber weder das Alter des Autos, noch die nicht vorhandenen Sicherheitsgurte für die hinteren Fahrgäste, hielten Schwager B., den Mann von Schwester F., davon ab mit überhöhter Geschwindigkeit durchs albanische Hinterland zu rasen. Auch zum Teil schotterige und ungeteerte Straßen, sowie Schlaglöcher so groß wie der Bodensee, stellten hier keine Ausnahme dar. Ungeachtet dessen, musste ich zugeben, dass ihr Sicherheitsargument in dieser Diskussion überaus raffiniert und gleichzeitig wertschätzend gegenüber mir, der deutschen Schwägerin, gewählt war. Sie hatte meinen Schwachpunkt absolut richtig eingeschätzt. „Ihr habt wahrscheinlich einen Autositz dabei…“ säuselte sie und blickte mich durch die Handykamera an. Ich lächelte. „Wenn dem nicht so ist, dann wäre es eine Selbstverständlichkeit für uns, einen Autositz für meinen zauberhaften Neffen zu kaufen.“ Der Römer wollte etwas einwenden, allerdings hatte er keine Chance gegen seine große Schwester F.. Wortreich erklärte sie nun, dass der Dreipunktgurt der koreanischen Automarke, die sie mittlerweile ihr Eigen nannte, deutlich hochwertiger wäre, als der Sicherheitsgurt von 1998, der in Ibrahims Auto vermutlich nur als dekoratives Element diente. Der Römer versank mit seinen wenig überzeugend vorgetragenen Argumenten immer tiefer im Treibsand der ausgeklügelten Argumente der großen Schwester F.. Ich guckte belustigt dabei zu. Diese Aufführung übertraf alle bisherigen, albanischen Theaterstücke, denen ich bis jetzt beiwohnte. Hilfesuchend blickte mich mein römischer Ehemann an. Schwester F. redete immer weiter und zog schließlich den 50:50 Joker. „Gjermanja“ [Die Deutsche], also ich, sollte zu Rate gezogen werden. Ich grinste, denn dies war eine Falle, die ich mittlerweile nur zu gut kannte. War ich früher noch so naiv und gab meine ehrliche, meist sehr direkte Meinung wieder, bediente ich mich heute der einzig sinnvollen Überlebenstaktik in diesem unerbittlichen Wettstreit. Ich zuckte mit den Schultern und schob ein „Nuk e di“ [Ich weiß es nicht] hinterher. Dann lächelte ich entschuldigend. Schwester F. betrachtete mich amüsiert. Vermutlich galt ihr belustigter Blick nicht meinem witzigen Akzent, sondern viel mehr meiner Gewieftheit. Ich hatte den einzig legitimen Notausstieg in dieser Situation benutzt und war damit fein raus.

Noch einmal setzte Schwester F. an, dass ihr Ylli [Stern] nur das Beste verdient habe. Schlimm genug, dass er ein ganzes Jahr ohne die einzig richtige Staatsbürgerschaft leben musste. Das arme Kind, geboren im Exil Ausland. Immerhin Sohn einer Deutschen. Ein hoch geschätztes Volk, obgleich es nicht die selben Werte wie Albanien hätte. Dann fragte sie, wann wir Signorino beim albanischen Standesamt anmelden würden. Schließlich wäre es allerhöchste Zeit, dass er ein waschechter Albaner werden würde. Der Römer seufzte. Man merkte, dass er von dieser nicht enden wollenden Diskussion geschafft war. „Am Freitag, inshallah.“ antwortete er und fügte hinzu: „Sofern sie die beglaubigte Geburtsurkunde anerkennen. Schließlich ist sie schon ein Jahr alt.“ Nun verflüchtigte sich die mediterrane Hautfarbe aus Schwester F.’s adrettem Gesicht. Kalkweiß wollte sie wissen, ob denn eine Möglichkeit bestünde, dass ihr geliebter Neffe kein Albaner werden würde. „Theoretisch.“ antwortete der Römer knapp. Jetzt ließ sie sich dramatisch auf die geschmackvolle Couch im Hintergrund fallen und legte ihre linke Hand kraftlos an ihre Stirn. „O Zot, na ndihmo! [Oh Gott, hilf uns/steh uns bei!]“

Wer nun allerdings eine handfeste Krise erwartete, hatte die Rechnung ohne die blitzgescheite Schwester F. gemacht. Pfeilschnell witterte sie ihren Moment. „Wenn schon die Staatsbürgerschaft meines geliebten Neffen auf dem Spiel steht, dann doch wenigstens nicht der Transport vom Flughafen in die Stadt!“ jammerte sie. Mehr denn je habe er durch diese unglücklichen Umstände einen Fahrservice seiner Tante F. im koreanischen SUV verdient. Schließlich wäre nur das Beste gut genug für ihr zemra [Herz = Signorino]. Der Römer unterbrach ihre nie enden wollenden Ausführungen höflich und vertagte die Entscheidung auf morgen. Das wollte F. aber partout nicht gelten lassen. Sogleich würde sie ihren Bruder Ibrahim anrufen. Auch er müsse einsehen, dass er in diesem Rennen den Kürzeren gezogen hatte. Siegessicher und zufrieden legte sie auf.

Ich murmelte belustigt meinen neu gelernten Satz „O Zot, na ndihmo!“ [Oh Gott, steh uns bei!]

Wie oft ich diesen Satz in den folgenden Tagen tatsächlich rezitieren würde, war mir zum damaligen Zeitpunkt allerdings nicht bewusst…

[Fortsetzung folgt]

Die Albanienchroniken – Teil 1: Packen Sie langsam, ich habe es furchtbar eilig!*

Die Albanienchroniken – Teil 1: Packen Sie langsam, ich habe es furchtbar eilig!*

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ behauptete einst der Dichter Matthias Claudius. Ob er dabei speziell mich meinte, halte ich zwar für ganz ausgeschlossen, denn der gute Mann starb bereits im Jahre 1815, aber genug zu erzählen habe ich trotzdem. Erst wollte ich einen mittellangen Beitrag über unsere Reise nach Albanien inmitten einer Pandemie schreiben. Was sollte auch Spannendes passieren? Wir würden schließlich nur die römische Familie dort besuchen, Signorino vorstellen und wieder heimdüsen. Doch als ich nach dem mehrtägigen Ausflug durch meine Reiseaufzeichnungen blätterte, merkte ich schnell, dass ein einziger Beitrag dieser Reise definitiv nicht gerecht werden würde.

So handelt der heutige Artikel von den Vorbereitungen dieser abenteuerlichen Reise, die definitiv nicht unter die Kategorie „Urlaub“ fällt. Wer selbst eine nicht gerade unanstrengende Familie hat, der weiß nur zu gut, wie viel Erholung ein solcher Besuch bereithält. Doch ich war optimal dafür gerüstet, dachte ich. Wer die Rechnung jedoch ohne den Wirt macht, der zahlt nicht selten einen hohen Preis für seine eigene Torheit. Und wer nicht nur einen einzigen Wirt hat, sondern gleich eine ganze, albanische Wirtsfamilie, der sollte zusätzlich noch seine Nervengarderode aufstocken und einpacken. Denn das leichte Nervenkostüm wird für diesen Ausflug garantiert nicht reichen.

Wir befinden uns am Vortag der geplanten Abreise nach Tirana, der Hauptstadt Albaniens. Seit Tagen schrieb ich detailreiche Packlisten, malte mir diverse (Horror-)Szenarien und ihre notwendigen Lösungen aus und plünderte nicht nur das Versandhaus meines Vertrauens, sondern auch unser gemeinsames Konto. Ich setzte mir in den Kopf für jede, noch so unwahrscheinliche Imponderabilie bereits im Voraus gewappnet zu sein. Stundenlang suchte ich im Internet nach garantiert funktionierenden Unterhaltungsmöglichkeiten für das gelangweilte Kleinkind. Denn ganz sicher würde der erhöhte Bewegungsdrang Signorinos genau während der Start- und Landephase des Flugzeuges zum Vorschein kommen. Ich recherchierte nach geeigneten, farblosen und kleckerfreien Snacks und diversen, anderen Reiseschnickschnack, der uns das Reisen vereinfachen sollte. Strategisch war ich aufgestellt wie Friedrich der Große. Psychisch eher nicht.

Der Römer, wie sollte es anders sein, war die Ruhe selbst. Seine einzige Reisevorbereitung bestand darin, einen kurzfristigen Friseurbesuch bei seinem Stammfriseur Jimmy zu organisieren. Durch seinen unbändigen, römischen Charme, der überzeugenden Dramaturgie seines haarigen Problems und seiner penetranten Hartnäckigkeit, erkannte Jimmy schlussendlich die absolute Notwendigkeit dieses Haarschnittes. Er knickte ein und versprach, ihn am Vormittag einzuschieben. Als ich ihn um 9 Uhr morgens darauf hinwies, dass ich jetzt gerne anfangen würde zu packen, guckte mich der Römer entgeistert an:

„Adesso? Ma adesso devo andare dal parrucchiere! [Jetzt? Aber jetzt muss ich zum Friseur!]

Dann setzte er seinen Satz fort, indem er mir sein Leid und die damit verbundene Schmach schilderte: „Die Seiten müssen wieder einmal angeglichen werden. So kann ich unmöglich in ein Flugzeug steigen, geschweige denn, meiner Familie unter die Augen treten. Ich sehe schon ganz verlottert aus. Wie ein Barbar!“ Selbst bei näherer Betrachtung schien er immer noch der gleiche, gepflegte Mann zu sein, den ich vor Jahren heiratete. Und genau diese Beobachtung teilte ich mit ihm. „No, no, non lo vedi tu! [Nein, nein, das siehst du nicht!]“ argumentierte er etwas eingeschnappt. „Das ist die Gewohnheit der Ehepaare. Kleine Veränderungen fallen dir gar nicht mehr auf, weil ich zu einer Selbstverständlichkeit in deinem Leben geworden bin. Für dich habe ich den selben Stellenwert wie etwa das Sofa… oder der Kleiderschrank.“ Ich nickte schweigend. Nicht etwa, weil ich seinen Ausführungen zustimmte. Vielmehr, weil ich meine prallgefüllte To-Do-Liste vor meinem inneren Augen sah. Jeder weitere Einwand kostete uns unnötig Zeit. Jedes zustimmende Nicken hingegen ersparte uns unfassbar viele, unnötige Minuten einer sinnfreien Diskussion. Zufrieden lächelnd verabschiedete sich der Römer um 10 Uhr und machte sich auf den Weg zu Jimmy.

Um 11:20 Uhr kehrte er vom Coiffeur zurück. Die Seiten seines welligen Haares waren etwas kürzer, sonst sah er komplett unverändert aus. In der Hand hielt er eine große Tüte mit Croissants. „Für ein zweites Frühstück.“ teilte er mir zwinkernd mit. Wir hatten absolut keine Zeit dafür, denn allein dieser Friseurbesuch kostete uns mehr als eine Stunde, die in meinem durchgetakteten Zeitbudget nicht vorgesehen war. Die einzige Lösung schien mir, meine Grundsatzfrage anzuwenden: „Ist es schneller einzuwilligen und mitzumachen oder ist eine ellenlange Diskussion doch der effizientere Weg?“ Sie ahnen es: Ich entschied mich fürs Mitmachen. Blitzschnell flitzte ich in die Küche, machte zwei caffè und knallte sie in der Eile so heftig auf den Esstisch, dass sich zwei winzige, braune Espressopfützen auf dem weißen Möbelstück abzeichneten. Ich wischte sie hastig weg, setzte mich schwungvoll an den Tisch und stopfte mir ein Croissant in den Mund. Währenddessen bespaßte ich Signorino, der vehement meine Aufmerksamkeit einforderte. Zeitgleich stand der Römer vor unserem Kühlschrank und sinnierte über die geeignetste Marmelade für sein Croissant. „Oggi prendo la marmellata di… arance! [Heute nehme ich…. Orangenmarmelade!]“ einigte er sich schließlich mit sich selbst und schob ein „Mmhhh…che scelta deliziosa! [Mmhhh…was für eine köstliche Wahl!]“ hinterher. Als er wenige Augenblicke später an den Esstisch trat, befand ich mich bereits in den letzten Zügen des Croissants. Mit vollgestopften Backen nickte ich ihm zu. „Perché non mangi con calma? [Warum isst du nicht in Ruhe?] “ fragte er etwas pikiert und betrachtete abschätzig meine bis oben hin gefüllten Hamsterbacken, in denen es sich ein Croissant gemütlich machte. Mit vollem Mund antwortete ich, dass wir keine Zeit hätten. Doch er verstand nicht. Stattdessen zelebrierte er sein zweites Frühstück mit größtmöglicher Muße, strich sich mit ruhigem Messerschwung immer wieder Marmelade auf das buttrige Croissant und schloss bei jedem Bissen genussvoll die Augen. Ich holte indessen den Lappen und fing an um ihn herum zu wischen. Er ignorierte mich gekonnt, was wahrlich nicht einfach war.

Nach weiteren 20 Minuten beschloss ich, dass auch das schönste Frühstück einmal zu Ende sein müsse. „Schatz, hör mal: Wir müssen jetzt echt packen. Sonst schaffen wir das alles nicht. Die Zeiten, in denen wir nur mit Handgepäck verreisen konnten, sind seit Signorinos Geburt vorbei.“ Er nickte zustimmend, stand auf und räumte seinen Teller in die Spülmaschine. Ich begann inzwischen routiniert die Gültigkeit unserer Pässe zu kontrollieren. Diese Tätigkeit ist vermutlich meinem Beruf geschuldet. Schließlich bin ich seit Jahren darauf konditioniert, dass die Laufzeit meines Reisedokuments nicht weniger als sechs Monate betragen darf. Signorino hing mir währenddessen am Bein wie eine Fußfessel und summte Teile des Lummerlandliedes.

2027. Passt!“ Ich legte mein Ausweisdokument zur Seite. Der Römer betrat nun das Schlafzimmer, in dem Signorino und ich standen. Lachend schnappte er sich den kichernden Signorino und wirbelte ihn nach oben. „2025. Super!“ sprach ich und stapelte Signorinos Pass auf meinem. „2021?! Moment mal!!“ stotterte ich mit Blick auf das römische Ausweisdokument. „Monat? August!“ Im Kopf zählte ich bereits nach, wie viele Monate noch bis zum Ablauf des Passes fehlen würden. „Vier!!! Quattro!“ rief ich panisch aus, während all meine Alarmglocken laut schrillten. Ich hatte wirklich mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass der römische Pass nur noch wenige Monate gültig sein würde. „Amore! Rilassati! [Liebling! Entspann dich!]“ versuchte mich der Römer emotional einzufangen. Mittlerweile stand er mit Signorino im Arm direkt hinter mir und guckte sich sein Reisedokument über meine Schulter an. „Das sind doch noch ganze vier Monate. Bis dahin kann ich verreisen, wann und wohin ich will.“ klärte er mich auf. „Eben nicht!“ trat ich ihm entschieden entgegen. Ich machte ihm verständlich, dass viele Länder die Einreise verweigerten, wenn der Pass nicht noch mindestens sechs Monate gültig sei. Der Römer guckte mich an wie ein Rehbock, der fasziniert und panisch zugleich in die Scheinwerfer eines heranrasenden Autos blickte. Sofort machte ich mich daran, im Internet nach Ein- und Ausreisebestimmungen von Deutschland und Albanien zu suchen, während sich ein rastloser Redeschwall voller möglicher Horrorszenarien über den kurzzeitig völlig überforderten Römer ergoss. Auf der Richterskala meines aktuellen Stresslevels befand ich mich bereits auf einer 4 bis 5. Nach meinem Redeschwall schaltete der Römer wieder auf Autopilot und versuchte mich mit seinem Mantra „Amore, andrà tutto bene. [Schatz, es wird alles gut.]“ zu beruhigen.

Und tatsächlich! Die erlösenden Antworten standen auf den Internetauftritten der deutschen und albanischen Behörden. „…und so muss ein Ausweisdokument noch mindestens drei Monate gültig sein…“ las ich laut vor und atmete erleichtert aus. „Tel’ho detto: Andrà tutto bene. [Ich sagte doch: Alles wird gut.}“ beschwichtigte mich der Römer. Mit meinem Ärmel wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Puh! Ein abgelaufener Pass hätte mir gerade noch gefehlt.

Nachdem wir die Passgültigkeit geklärt hatten, wollte ich erneut den Römer zum Packen antreiben, da hing er auch schon am Telefon: „Erisa?! Pronti!!! Sono io. [Erisa?! Hallo!!! Ich bin’s.]“ hörte ich den Römer ins Telefon brüllen. Dann legte er sich mit dem Handy am linken Ohr und dem Pass in der rechten Hand auf die Couch. Ausschweifend erklärter er seiner albanisch-italienischen Freundin Erisa, die ebenfalls in Frankfurt wohnt, dass sie unbedingt auf ihre Passgültigkeit achten solle. Noch am Telefon suchte diese nach ihrem Ausweisdokument, überprüfte es in Echtzeit und gab dem Römer eine genaue Rückmeldung zur Gültigkeit. Als beide festgestellt hatten, dass Erisas Pass bereits im Juni dieses Jahres ablaufen würde, suchten sie sich gemeinsam durch das albanische Onlinesystem, in dem man Termine bei Konsulaten buchen konnte. Unter lauten Ausführungen, die teils in Albanisch, teils in Italienisch stattfanden, reservierten sie in minuziöser Kleinstarbeit nicht nur einen Konsulatstermin in München für sie, sondern auch gleich noch eine Hin- und Rückfahrkarte in selbige Stadt. Ich hingegen dachte, ich bin im falschen Film. Es war bereits 13:00 Uhr und der Römer telefonierte in aller Ruhe, als würden wir morgen einen Ausflug in den Taunus machen und keine Flugreise mit Kleinkind in einen Drittstaat. Nach weiteren 15 Minuten, in denen ich mindestens sieben Minuten lang vor ihm stand und wild mit den Armen fuchtelte, legte er auf. „Era importante. [Das war wichtig.]“ versuchte er mir verständlich zu machen. „Auch Erisas Pass läuft bald ab.“ Ich nickte, seufzte und erwähnte abermals, dass wir jetzt bitte packen müssen.

Adesso? Ma adesso abbiamo fame, amore mio. [Jetzt? Aber jetzt haben wir doch Hunger, mein Schatz.]“ entgegnete er mir sehr überzeugend.

Mein Magen knurrte zustimmend. Na gut, ein schneller Teller Pasta würde sicher nicht schaden. Der Römer kochte eine Pasta mit getrockneten Tomaten und Garnelen, die ganze Familie aß brav auf und Signorino fing sogleich nach dem Mittagessen an zu quengeln, da er müde war. Vorbildlich brachte ihn der Römer ins Bett. Während das Kind schlief, packte ich das Handgepäck mit den bereits vorbereiteten Gegenständen. Ich sortierte in die überdimensionierte Wickeltasche einen wilden Mix aus Wechselklamotten, Feuchttüchern, Windeln, Spielzeug, Wasser, Babyflaschen, Quetschies, Fruchtriegeln und Keksen ein. Als Fachkraft des Fluges verstaute ich bereits alle Flüssigkeiten so, dass ich sie an der Sicherheitskontrolle schnell zur Hand haben würde. Die restlichen Sachen verstaute ich nach ihrer jeweiligen Nützlichkeit. Unnötige Sachen nach unten, wichtige Sachen nach oben. Schließlich ist mein zweiter Vorname „Effizienz“, was in unserer Familie nicht alle von sich behaupten können. Als Signorino aufwachte und zufrieden seine Nachmittagsbrotzeit verspeiste, erwähnte ich zum wiederholten Male, dass ich jetzt gerne packen würde, was wiederum bedeutete, dass der Römer Signorino davon abhalten müsse, heulend und schreiend vor der geschlossenen Schlafzimmertür zu stehen und gegen die Tür zu hämmern. Bestenfalls hielt er ihn so in Schach, dass ich weder die Schlafzimmertür schließen müsse, noch Signorino auf die Idee käme, alle gepackten Gegenstände wieder aus dem Koffer zu zerren und in der Wohnung zu verteilen.

Adesso? [Jetzt?]“ fragte der Römer diesmal sehr überrascht. Aber die Sonne würde doch so einladend scheinen.

Ein Unding, wenn nicht sogar eine Verschwendung wäre das, genau jetzt zu packen! Wir würden ganz sicher später packen, das verspreche er mir. Doch jetzt würde er auf einen Spaziergang in der warmen Frühlingssonne bestehen müssen. Sein Vitamin D Status sei ohnehin nach all diesen trüben Monaten in einem besorgniserregenden Zustand. Zähneknirschend willigte ich ein, bestand jedoch darauf, ebenfalls meine Einkaufsliste des hiesigen Drogeriemarktes zu erledigen. „Ma certo, amore mio! Non c’è problema. [Aber sicher doch, mein Schatz! Kein Problem.]“ versicherte er mir. Wir packten Signorino in den Buggy und gingen los. Doch statt beim Drogeriemarkt die reisenotwendigen Besorgungen zu erledigen, lief der Römer schnurstracks daran vorbei. Ich rief ihn wild gestikulierend zurück. „Ma non adesso, mia principessa. [Aber doch nicht jetzt, meine Prinzessin.] Wir können doch nicht den ganzen Spaziergang lang schwere Tüten schleppen. Nach dem Spaziergang aber gerne.“ klärte er mich über seinen Plan auf. Ich schob meine Sonnenbrille, die in meinem Haar steckte, demonstrativ über die Augen. Wenn ich schon in spätestens fünf Jahren ausgeprägte Zornesfalten haben würde, dann wollte ich wenigstens auf Blinzelfalten – solange es geht -verzichten .

Wir machten einen langen Spaziergang. Der Römer konnte seinen Vitamin D Bedarf auffüllen, Signorino und ich vermutlich auch und mein Zorn verpuffte aufgrund der frischen Luft und des strahlend blauen Himmels. Auf dem Rückweg kauften wir alle fehlenden Reiseutensilien im Drogeriemarkt ein und statteten der örtlichen Apotheke einen Besuch ab, damit ich meine Reiseapotheke auffüllen konnte. Der Römer war sich zwar sicher, dass das nicht nötig sei, aber ich legte dennoch großen Wert darauf, im Notfall nicht mühsam eine Apotheke in Albanien suchen zu müssen. Als wir nach zwei Stunden Auslauf endlich daheim waren, forderte ich den Römer abermals dazu auf, auf Signorino aufzupassen während ich packen würde. Da ich die vorherigen Male gekonnt ignoriert wurde, sprach ich ihn nun deutlich direkter an. Es war bereits 18:45 Uhr. Das Kind musste noch gebadet werden und würde in circa zwei Stunden ins Bett gehen und dann, Sie wissen es von den vorherigen Erzählungen, sind jegliche Geräusche zu vermeiden. Das hieß wiederum: In jedem Fall müssen wir packen, bevor das Kind schläft.

Okay, va bene. Però…. [Okay, in Ordnung. Aber…]“, fing er an und strich sich über seinen Bauch.

„…ein kleiner spuntino [Snack] würde uns sicher helfen, konzentrierter und besser zu packen.“ Ich hatte keine Lust mehr auf seine Ausreden und antwortete ihm äußerst genervt: „Aber nur Brot!! Mehr nicht!“ Der Römer schwebte zufrieden in die Küche. Was genau er an „Nur Brot!!“ nicht verstanden hatte, weiß ich bis heute nicht. Was ich aber weiß, ist, dass er sogleich ein selbstgemachtes Oliven-Paté zubereitete, diverse Käsesorten kleinschnitt und anrichtete, die scharfe Tomatenmarmelade in kleine Schälchen füllte, Brot aufschnitt und kurz im Ofen erwärmte und Teller mit Balsamicocreme verzierte. Als er seine Interpretation von „Nur Brot!!“ servierte, konnte ich ihm nicht einmal böse sein, da er sich so viel Mühe bei der Darbietung gegeben hatte. Mittlerweile war es 19:45 Uhr. Nervös guckte ich auf die Uhr. Ich konnte förmlich spüren wie uns die Zeit durch die Finger glitt. Ungeduldig, aber gleichzeitig höflich lächelnd, stopfte ich alles in mich hinein. Insgeheim hatte ich die stille Hoffnung, dass der Römer sich ein Beispiel an mir nehmen würde, aber wie immer zelebrierte er sein Abendmahl, als wäre es sein letztes. Nach weiteren zehn Anstandsminuten bat ich ihn, mich erheben zu dürfen. Natürlich wüsste ich, dass er noch isst und natürlich sei das eine grobe Unhöflichkeit meinerseits, jedoch hätte ich dringende Angelegenheiten zu erledigen, erklärte ich ihm ernst. Er nickte leise kauend. Sogleich hastete ich ins Schlafzimmer. Doch wann immer ich auch nur den Versuch machte, den Koffer zu öffnen, kam der neugierige Signorino angerannt und wollte gucken, was ich da machte. Jegliche Packversuche vereitelte er. Ohne tatkräftige Unterstützung seitens des Römers würde ich definitiv nicht packen können. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, natürlich mit dem aufgeweckten Kleinkind im Arm. „Okay, jetzt ist es 20:15 Uhr. Ich MUSS jetzt packen. Wirklich! Außerdem muss der Zwerg noch gebadet werden. Vielleicht fangen wir so an, dass du zuerst deine Sachen packst und ich packe hinterher ganz schnell die Sachen von Signorino und mir? Du brauchst sicher nicht länger als 15 Minuten für deine Reiseutensilien, oder?!“ schlug ich sichtlich gestresst vor. Mittlerweile tummelte sich mein Gemütszustand auf der Farniente’schen Richterskala auf einer wackligen 6,5 mit Tendenz nach oben.

15 minuti? [15 Minuten?]“ erschrak der Römer merklich. Nein, das würde nie reichen. Er brauche mindestens eine Stunde um seine Sachen römerkonform zu packen.

Nun schnellte mein Puls hoch. Auf meiner Stressskala war ich blitzschnell auf einer soliden 8,5 bis 9 angekommen. Den ganzen Tag verzögerte er den von mir geplanten Ablauf und jetzt würde er eine Stunde brauchen um vier Unterhosen und zwei Pullis einzupacken? Ich sah rot! Nach röter sah ich, als mein Blick auf das einzige, fertig gepackte Handgepäcksstück fiel. Provozierend lag die dunkelblaue Wickeltasche, aus der drei gültige (!) Pässe ragten, auf der Couch. Ich steigerte mich so hinein, dass ich ganz am Ende der Stress-Richterskala ankam. Lautstark explodierte ich und beendete meinen Tobsuchtsanfall mit dem Satz: „….gerne kannst du nur mit einer Wickeltasche bepackt fahren, aber ICH bleibe unter diesen Umständen zu Hause. Den ganzen Tag hältst du mich hin, nur um mir dann zu sagen, dass du eine Stunde brauchst um deine vier Sachen einzupacken.“ Ich ließ mich geschafft auf die Couch fallen und beschäftigte mich demonstrativ mit meinem Handy. Der Römer hingegen war nicht sauer, er war vollkommen verwirrt. Warum ist seine Ehefrau denn jetzt so ausgerastet? Er hilft doch wo er kann.

Wortlos ging er mit dem bereits auffallend häufig gähnenden Kleinkind ins Badezimmer und ließ Wasser in die Badewanne ein. Schnell badete er ihn, steckte ihn in den Schlafanzug und Signorino lehnt seinen schwer gewordenen Kopf müde an die Schulter seines Papas. Seine Augen konnte der arme Kerl kaum noch offen halten. Ich begab mich währenddessen wieder ins Schlafzimmer und saß vor einem geöffneten Koffer mit ziemlich vielen Checklisten, die um mich herum verteilt auf dem Fußboden lagen. Gestresst, genervt und nichts findend, murmelte ich: „Soll er doch alleine fahren! Ich werde mich doch jetzt nicht im letzten Moment stressen. Schließlich habe ich bereits alles vor Tagen haarklein geplant. Und wer meint, meinen Plan so vereiteln zu müssen, der soll ruhig auf die Schnauze fallen.“ Der Römer betrat mit unserem Ableger das Schlafzimmer. Leise gab er mir zu verstehen, dass ich aus dem Zimmer gehen solle. Am besten mit dem Koffer. Ich klappte das Gepäckstück leise zu und rollte es hinaus. Im Koffer befanden sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt fünf Kleidungsstücke Signorinos, ein Nachtlicht, ein paar Hausschuhe und zwei Packungen Feuchttücher. Alles andere fehlte. Toilettenartikel konnten nun ebenfalls nicht mehr gepackt werden, weil das Bad neben dem Schlafzimmer liegt. Normale Waschgeräusche wecken das Kind nicht auf. Wilde Suchaktionen in unzähligen, formschönen, aber unpraktischen Boxen, können den leichten Schlaf des Kinder aber durchaus unterbrechen. Und das galt es um jeden Preis zu vermeiden.

Trotzig ließ ich mich auf die Couch plumpsen. Nein, morgen würde ich garantiert nicht reisen. Als der Römer ins Wohnzimmer kam, stritten wir uns flüsternd und leise zischend. Sämtliches Türenknallen und wütend-aus-der-Wohnung-laufen fiel Signorinos Schlaf zum Opfer. Am Ende schien der Römer eine Lösung für unser Debakel gefunden zu haben. „Na, dann stehen wir eben morgen um 5:30 Uhr auf und packen. Wenn das Kind zu dieser Zeit aufwacht, dann ist das eben so.“ Ich schüttelte meinen Kopf. Nicht nur, weil die Aufstehzeit „5:30 Uhr“ für mich nur im aller größten Notfall existierte, sondern auch, weil ich meinem mühevoll ausgearbeiteten Schlachtplan hinterhertrauerte, der heute konstant vom römischen Ehemann vereitelt wurde.

„Okay, in Ordnung, aber ohne…“ fing ich an.

[Hier geht es weiter mit Teil 2]

So hätte es aussehen sollen, sah es aber nicht.

*Der Satz in der Überschrift lehnt sich an Winston Churchills berühmten Kommentar „Fahren Sie langsam, ich habe es eilig.“ an.