Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉

Killing me softly – Ein Abenteuerbericht

Momentan komme ich nicht wirklich zum Schreiben auf meinem Blog. Zu sehr hinke ich in der Uni nach. Zu sehr belüge ich mich selbst, dass eine Teilzeitstelle, 85% der Kindererziehung und ein Studium „total gut“ unter einen Hut zu bringen sind. Es ist als würde man krampfhaft versuchen, viel zu viele Jonglierkeulen gleichzeitig in der Luft zu halten. Ständig droht eine abzustürzen, man hechtet zu ihr, rettet sie, aber dann kommen zwei andere Jonglierkeulen, die kurz davor sind mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden zu knallen.

Doch darum soll es heute nicht gehen. Viel mehr geht es heute um meine Notizen des Monats Februar. Das Kind brachte uns ein Geschenk in Form einer Magen-Darm-Grippe mit nach Hause. Wie wir das überlebten, schildere ich Ihnen hier. Doch seien Sie gewarnt: Ein Magen-Darm-Infekt ist nichts für eine blühende Fantasie und einen schwachen Magen:

Aufbügel-Bild auf meinem Pulli. Bildlich dargestellt, was ich über diese Magen-Darm-Grippe denke.

Es scheint ein eisernes Naturgesetz zu sein, dass Mütter die Krankheit ihres Kindes einige Tage später durchleben müssen, um beurteilen zu können wie schlimm es wirklich für den Nachwuchs war. Im Verkauf würde man vermutlich sagen „Nur wer das Produkt, oder in unserem Fall die Krankheit, gut kennt, kann es überzeugend verkaufen.“ Der Römer und ich, da bin ich mir sicher, könnten Ihnen die Krankheit perfekt verkaufen, so viel „Produkterfahrung“ konnten wir sammeln. 😉

Am Sonntag um 8 Uhr fing es an. Mir war speiübel. Ich wankte ins Bad, ging auf Toilette, wankte wieder zurück ins Bett und wartete darauf einzuschlafen, aber die Übelkeit hatte dermaßen die Überhand gewonnen, dass es mir unmöglich war, in den wohlverdienten Schlaf zurückzufinden. Um 09:00 Uhr tapste das Kind ins Elternzimmer, wobei es an diesem Wochenende Elter-Zimmer heißen müsste, denn der Römer war in Albanien, um seine Familie zu besuchen. Signorino gebot mir, dass er zu frühstücken wünsche. Ich folgte ihm und wir frühstückten zusammen, wobei er mit großer Begeisterung drei Scheiben Nusskuchen verdrückte und ich an meinem Kamillentee nippte. Der Tee brachte nicht den gewünschten Effekt, denn die Übelkeit wurde schlimmer und schlimmer. Ich legte mich auf die Couch, machte den Fernseher für das Kind an und hoffte, dass die Übelkeit gleich vorbei sein würde und wir normal in den Tag starten könnten.

Signorino interessierte sich überhaupt nicht für den Fernseher. Stattdessen animierte er mich zum Lego spielen. Ich setzte mich schwerfällig auf den Boden, nahm zwei Lego-Steine in die Hand, zog einen roten Plastikeimer zu mir heran und erbrach den kompletten Kamillentee hemmungslos. Das Kind guckte mich mit weit aufgerissenen Augen panisch an und krisch aus voller Lunge, als es mich in seinen roten Sandkasteneimer würgen und erbrechen sah. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aufzublicken, zu lächeln, „Mama geht’s gut, Schatz.“ zu sagen, doch Sie kennen es vielleicht: Ein Kötzerchen bleibt nie alleine. Man hat mehrmals das Vergnügen. Das Kind schrie immer lauter, immer aufgeregter. Ich tat mein Möglichstes ihn zwischen meinem Erbrechen zu beruhigen, doch er war so panisch und ich so beschäftigt, meinen Mageninhalt loszuwerden, dass meine beschwichtigenden Worte im roten Sandkasten-Eimer verhallten. “Hoffentlich war’s das jetzt.”, dachte ich, als mein Magen wirklich alles losgeworden war, was ihm scheinbar auf der Magenschleimhaut brannte. Aber mein Verdauungsorgan hatte anderes im Sinn.

Es war 10 Uhr Vormittags. Um 16:20 Uhr sollte der Flug des Mannes in Frankfurt landen. Mit einer flotten Einreise würde er nicht vor 17 Uhr daheim sein. Noch sieben Stunden. Mein eh schon flauer Magen wurde noch flauer. Uff! Durchatmen. Wir schaffen das.

Ich informierte den Mann via Messenger-Dienst über meinen Zustand. Er las die Nachricht und antwortete nicht. Jetzt war mir nicht nur schlecht, ich war wütend und wusste nicht wie ich den Tag überleben sollte. Ausruhen und halb tot vor dem Fernseher liegen war dank Signorino keine Option. “Danke für deine lieben Nachrichten!!!!”, schrieb ich dem Mann 30 Minuten später. Jedes einzelne Ausrufezeichen hinter dem Text gab dem Mann einen Hinweis darauf, in welcher Eskalationsstufe meiner Wut ich mich gerade befand. Diesmal war es Stufe 4 von 5. Postwendend antwortete der Römer. “Scusa, amore [Entschuldige, Liebling!]! Uns wäre fast ein LKW aufs Auto geknallt, aber Ibrahim reagierte blitzschnell. Zum Glück ist nichts passiert. Aber das geschah genau zu dem Zeitpunkt, als ich deine Nachricht las. Danach war ich so geschockt, dass ich alles vergaß.” Mich wunderte das gar nicht. Also, dass ein LKW ungebremst auf Ibrahims Kutsche knallen wollte. Wer den Verkehr in Albanien kennt, der wundert sich allenfalls um die niedrige Unfallquote. “Mir geht’s wirklich dreckig.”, schrieb ich dem Mann. Er versprach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, könne aber den Flugplan der Airline auch nicht beeinflussen. Ich schickte ihm einen grünen Übelkeitssmiley als Antwort. Die Situation war zum Kotzen. Das empfand auch mein Magen so.

Ich legte das Handy beiseite und erbrach wieder. Mehrmals. Das Kind weinte und schrie, wollte mir den Eimer entreißen und schlug mit der flachen Hand fest auf meinen Rücken. Oh Mann! Was für eine erbärmliche Situation. Ich beruhigte den vor Panik schreienden Signorino, nahm ihn in den Arm und erklärte ihm, dass es Mama nicht so gut gehe, aber die Situation unter Kontrolle sei. Letzteres war gelogen. Nichts war unter Kontrolle. Wir guckten seit zwei Stunden Peppa Wutz und ich spuckte mir die Seele aus dem Leib.

Um 12:30 Uhr verdonnerte ich das Kind zum Mittagschlaf. Eine andere Lösung, um die Zeit bis zur Ankunft des Römers zu überbrücken, sah ich nicht. Zum Glück schlief Signorino schnell ein. Ich auch, so erschöpft war ich. Doch nach zwanzig Minuten erwachte ich wieder, da über uns, wie jeden Sonntagmittag (!), eine Singparty unter Freunden stattfand. Unsere grandiosen Nachbarn Nina und Tobi (mit Baby) hielten und halten „Singen mit Freunden an einem Sonntag“ für ein Grundrecht. Sollen die Nachbarn sich doch einfach an ihren schiefen Lagerfeuertönen erfreuen. Das Kind schlief, toi, toi, toi, weiter. Ich ging in unser Schlafzimmer, spuckte auf dem Weg dorthin wieder, steckte das Babyphone ein und legte mich hin. Sofort schlief ich ein. Dann hämmerten Nina und Tobi. Sie hämmerten einen Nagel in die Wand. Oder mehrere. Auf alle Fälle war ich zu kraftlos gegen die Wand zu schlagen. Ich ertrug es. Und nahm mir vor, sobald ich wieder fit sei, ihnen klar zu machen, dass ich sonntags keinen Mucks hören will, der über Zimmerlautstärke hinausgeht, sonst schalte ich die Hausverwaltung ein. Vermutlich würde ich es netter ausdrücken, aber in dem Moment, gefangen in meinem Elend, spürte ich genau das.

Das Kind erwachte nach zwei Stunden Mittagschlaf. Normalerweise weckte ich Signorino früher, denn abends geht er sonst nicht ins Bett, aber ich war um jede freie Minute dankbar. Ich hob ihn aus dem Bett. Eine Seite seiner Hose war bräunlich. Vermutlich das geschmolzene Schokoladen-Eis, das ich ihm vorhin gab, um ihn zu beruhigen und zu beschäftigten. Nun ja. Wie sich nur einige Augenblicke später herausstellte hatte das Kind Durchfall. “Oh Mann! Oh Mann!”, würde das Kind jetzt sagen. Und „Oh Mann! Oh Mann!“ war die Situation tatsächlich. Unter Würgen wechselte ich die Windel, den braun-feuchten Body, wusch das Kind mit einem Waschlappen, zog es an und erbrach mich abermals. Das Kind krisch, Sie ahnen es, ich bemühte mich, es zu beruhigen, aber es beruhigte sich erst wieder, als ich mir den Mund ausspülte und auf allen Vieren auf das Sofa kroch.

Zwanzig Minuten später hörte ich ein Geräusch als würde jemand eine halbvolle Ketchup-Tube ausdrücken. Es war Signorino. Er guckte verwundert und grinste dann. „Oh Nein! Bitte nicht schon wieder.“, dachte ich an unsere Windelwechsel-Aktion von eben zurück. In meiner geistigen Umnachtung machte ich den Fehler, ihn hinzulegen und so verteilte sich die Masse bis zum Hals. Wortwörtlich. Ich fluchte, würgte, wechselte, wischte und rieb das Kind mit einem frischen Waschlappen ab. Dann bezog ich das Kind neu. Neuer Body, neues Oberteil, neue Hose, neue Socken. Alles neu! Am liebsten hätte ich seine alten Klamotten verbrannt, doch ich warf sie bei 95 Grad in die Waschmaschine.

Turtle, die an diesem Tag zu den Spät-Aufstehern gehörte, bot sich an, vorbeizukommen. Allerdings musste sie erst einen Corona-Test machen, denn, so waren die Regeln im Februar, sonst dürfe sie nicht Bahn fahren . Ich war besorgt, dass sie unseren Magen-Darm-Infekt als Gastgeschenk mitnahm, sollte sie uns besuchen.

Ich guckte auf die Uhr: Es war 12:30 Uhr. Das Flugzeug Richtung Albanien hatte bereits in Frankfurt abgehoben, um den Römer in einigen Stunden einsammeln zu können. Ich bedankte mich bei Turtle für Ihre Hilfe und erklärte ihr, dass ich Angst hätte, dass sie ebenfalls das Magen-Darm-Virus bekäme. Sie wollte sich nicht abbringen lassen von ihrem Besuch. Ich insistierte. Nach einiger Zeit willigte sie ein, dass sie daheim bleiben würde.

Ich wankte ins Bad. Leider musste ich auf dem Klo thronend abermals würgen. Ein Glück ist die Toilette so klein, dass man bequem ins Waschbecken spucken konnte, während man auf dem Lokus sitzt. Genau zu dieser Zeit tapste Signorino vorbei, erblickte seine würgende, auf der Toilette sitzende Mutter mit heruntergelassener Hose und schrie wie am Spieß. Wer kann es ihm verdenken? Das sind vermutlich Bilder, die man nur schwerlich vergisst. Er wollte mich sofort von der Toilette wegziehen, was wahrlich keine schlaue Idee war. Ich klammerte mich mit einer Hand an der Kloschüssel fest, mit der anderen Hand versuchte ich den panischen Signorino auf Abstand zu halten und dazwischen ging ich meinem Bedürfnis zu Erbrechen nach. Das Kind wurde immer panischer, je länger der Vorgang dauerte. Er war vollkommen durch den Wind. Nach jedem Schwall beruhigte ich den kleinen Mann. „Alles gut, Liebling. Mama geht’s nur nicht so gut heute. Keine Sorge.“ Meine Sätze beruhigten weder ihn, noch mich. Erst als ich mich nassgeschwitzt und wacklig – Erbrechen ist echt anstrengend – vom WC erhob, beruhigte sich Signorino langsam, zitterte aber dennoch wie Espenlaub. Er schniefte noch eine ganze Weile und hielt meine Hand fest umklammert, so als ob ich jeden Moment zu Staub zerfallen würde. Mir tat das alles furchtbar Leid. Mit aller Kraft versuchte ich fortan meinen Brechreiz zu unterdrücken, damit das Kind beruhigt sein würde. Wie ein zertretener Kaugummi lag ich auf dem Sofa, während das Kind fernschaute. Schamerfüllt muss ich zugeben, dass es das an diesem Tag seit Stunden tat. Ich fühlte mich unglaublich mies. Innerlich wie äußerlich. Ich war ein Wrack.

Die Zeit verging irgendwie. Ich weiß bis heute nicht, wie dieses „irgendwie“ aussah, denn alles lag in einem dichten Nebel.

„Was soll man machen?“, fragte ich mich nicht nur ein Mal…

Um 17:02 Uhr hörte ich Schritte im Hausflur. Sie eilten zu unserer Wohnungstür. Ich betete, dass es mein ausgeflogener, und eben wieder eingeflogener Gatte war und ja, immerhin diesmal wurden meine Gebete erhört. Der Römer marschierte im Stechschritt in die Wohnung. Signorino flippte aus vor Freude und warf sich in die römischen Arme. Alles, was für mich zählte, war nur noch der Überlebenswille, so dass jeglicher Kontrollzwang in weiter Ferne war. Unter normalen Umständen hätte ich gerufen: „Bitte wasch dir erst die Hände nach so einer Reise. Wer weiß, was du alles angefasst hast!“. Doch so jammerte ich nur ein „Endlich bist du da! Ich dachte, die Zeit vergeht nie!!“. Ich schlürfte an Vater und Sohn vorbei, den roten Kindereimer unter meinen Arm geklemmt, und legte mich ins Bett. Sofort nickte ich ein. Signorino wollte das so aber nicht gelten lassen und kam ins Schlafzimmer. Er stand neben meinem Kopf, legte seinen Kopf nur wenige Millimeter neben meinem Kopf ab und erzählte etwas. Ich streichelte seinen Blondschopf, empfahl ihm, ins Bett zu krabbeln und lächelte ihn müde an. Schnell wie der Blitz kletterte er über den Sessel ins Bett und setzte sich neben meinen Kopf. Dann begann er zu singen. Erst „Zum Geburtstag viel Glück“, dann seine ganz eigene Version des „ABCs“, um dann die richtigen Gassenhauer wie „Tschu Tschu Wa“ und „Certe Notti“ rauszuhauen. Mein Kopf dröhnte, mir war übel, aber es war ein schöner Gedanke seinerseits, mein Elend musikalisch auflockern zu wollen. „Signorino, vieni qua![Signorino, komm her!]“, rief der Römer und erklärte dem Sohn, dass ich schlafen müsse. Das war der Sigorino’schen One-Man-Coverband aber ganz egal. Er blieb sitzen und sang aus voller Brust weiter. Mittlerweile ging er zu den langsameren Nummern wie „La Le Lu“ und „Nina Na Na Nina Nu“ über, denn er merkte, dass ich die fetzigeren Lieder nicht so wertschätzen konnte wie das ein guter Sänger von seinem Publikum erwarten würde. Nach einiger Zeit gelang es dem Römer, Signorino aus dem Schlafzimmer zu locken. Vermutlich hat er dem kleinen Kerl mindestens einen „Igel“ [Schoko-Riegel] versprechen müssen, damit er seine angestammte Position auf der Bühne, neben meinem Kopf, verließ.

Dreißig Minuten später kam das Kind wieder bei mir im Schlafzimmer vorbei. An Schlafen war somit nicht zu denken. Ich schleppte mich gebeugt ins Wohnzimmer, platzierte mich wie der sterbende Schwan auf der Couch, bat den Römer um eine Schüssel (für Notfälle) und lag dort, als würde ich den Tod, bereits hinter dem Vorhang stehend, erahnen können. Alles war mir zu laut, zu hell und zu viel. Der Römer bot mir an, Pasta in Bianco zu kochen. Eine furchtbar liebe Geste, aber Nudeln in Öl und Parmesan ertränkt, waren das letzte, was mein Magen aufnehmen wollte. Denn generell wollte mein Magen gar nichts aufnehmen. Weder Wasser, noch Zwieback, noch Salzstangen. Er wollte sich primär erst einmal beruhigen. Das erklärte ich dem Römer, der meinte, ich solle einfach in kleinen Schlucken trinken und in kleinen Bissen essen. Ich würgte bei dem Gedanken, musste aber nicht spucken. Dennoch: Ich blieb bei der Null-Diät.

Als Signorino ins Bett ging, zwang der Römer mich wenigstens ein Nanogramm eines Zwiebacks zu essen. Ich knabberte daran wie ein traumatisiertes Kaninchen. Nach 1,5 Stunden hatte ich ein Viertel des Zwiebacks weggeknabbert und legte ihn zur Seite. Kraftlos schleppte ich mich ins Bett. Es wird schon werden, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Um 01:30 Uhr wachte ich auf. Ich ging ins Wohnzimmer. Mein Gang war immer noch gebeugt, aber etwas agiler als noch vor einigen Stunden. Mein Magen knurrte. „Komm mir jetzt bloß nicht so.“, feixte ich mein labiles Verdauungsorgan an. Ich knabberte an einem Zwieback. Draußen tobte ein Sturm. Dann trank ich in kleinen Schlucken Wasser. Er blieb drin. Nach einer Stunde ging ich zurück ins Bett. Mein Körper tat mir vom Kopf bis zum Rücken immer noch sehr weg.

Um 07:30 Uhr meldete sich der römische Wecker. Ich machte Tee, Kaffee für den Römer und bereitete ein Marmeladenbrot für Signorino vor. Dann weckten wir das Kind. Wie immer war Signorino „not amused“. Er frühstückte, wir zogen ihn an, die männlichen Farnientes verließen das Haus und dann geschah etwas, dass mir seit zwei Jahren nicht mehr passiert ist. Ich legte mich ins Bett und schlief einfach so ein. An einem Montagvormittag. Es ist nicht so, als hätte ich nie die Gelegenheit gehabt, dies auszuprobieren. Doch normalerweise lag ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett und konnte doch nicht wieder einschlafen, aber diesmal nickte ich einfach weg.

Um 12:30 Uhr erwachte ich wieder. Es fühlte sich surreal an, so spät aufzustehen. Ich war fit. Nicht topfit, aber fit. Der Römer brachte gegen 16:00 Uhr den Nachwuchs nach Hause und ich aß eine Haferflockensuppe.

Natürlich war ich noch auf Schonkost. Man will ja nicht gleich übertreiben. Abends bot mir der Römer ein Stück Seelachsfilet zu meinen trockenen Reis an. Ich winkte unter größter, akut auftretender Übelkeit ab. Aber ein Fischfilet sei doch etwas exquisites, versuchte er mir den ollen Fisch schmackhaft zu machen. Es muss wohl in der Familie liegen, dass man Personen, die gerade eine Magendarm-Grippe überstehen, gerne einen Fisch vorsetzt. Zuletzt tat das nämlich der römische Schwager am Ohrid-See, als sich mein Mageninhalt in den weiten der albanischen Steppe ergoss und er ein vorzügliches Fischrestaurant im Hinterland anfuhr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Römer unterbrach meine Gedanken an das Fischrestaurant am Ohrid-See. „Ich bin nur froh, dass ich diesmal verschont geblieben bin von eurer Magen-Darm-Grippe.“, stellte er, seinen Fisch kauend, fest. Er sollte sich arg täuschen….

[Fortsetzung folgt]

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage sind herausfordernd. Das liegt hauptsächlich an einer gewissen kulturellen, oder, wenn Sie es etwas enger fassen wollen, persönlichen Diskrepanz zwischen dem Römer und mir.

Für mich zeichnen sich Sonntage dadurch aus, dass sie langsam anrollen. Ähnlich eines sanften, karibischen Meeresrauschen nähern sich die flachen Wellen und ziehen sich langsam, fast unbemerkt, wieder zurück, bevor sie gemächlich wieder anrollen und versuchen, den feinsandigen Strand empor zu krabbeln. Allein ihnen fehlt die Kraft. So wie mir. Denn nichts muss, alles kann an diesem Ruhetag. Doch können möchte ich an diesem Tag so gut wie nichts. Vermutlich deswegen besteht meine Garderobe an Sonntagen aus weichen, unförmigen, seltsam verwaschenen Stoffbahnen, die meinen trägen Körper sanft umspielen. Eben so wie die Wellen der Karibik den Strand umspülen. Nichts engt ein, nichts wird mit Reißverschlüssen, Haken und Knöpfen an Stellen gehalten, die mein Körper aus eigenem Antrieb gar nicht erreichen könnte. Ganz im Gegenteil! Ein paar elastische Nähte, ein Stoffband, das meine Jogginghose daran hindert von meiner Hüfte zu rutschen und ein Paar beige Kuschelsocken, die dank der 4% Elasthan nicht einschneiden und sich gleichzeitig nicht von alleine abstreifen. Auch mein Haaransatz muss sich an diesem Tag seinem Schicksal fügen. Bevor die frühen Abendstunden anbrechen, muss er eben schauen, wie er mit der nicht weniger werdenden Talgproduktion zurecht kommt. Danach erlöse ich ihn gerne mit einer sanften Dusche, die mich in eine Wolke aus Mandelduft und Vanille einlullt.

Aber ganz im Vertrauen: Meiner Meinung nach, sind Sonntage Tage, die die Bademantel- und Pyjama-Lobby erfunden hat. Da bin ich mir recht sicher! Loungewear-Tage, wenn sie das neue Wort benutzen möchten, das kurz vor der Corona-Pandemie werbeträchtig herausgestampft wurde. Und ja, Loungewear klingt soviel eleganter als „Schlabber- und Gammellook“. Ich loungeweare mich also durch den Morgen, lese etwas, stöbere in Ihren Blogs und meinen Entwürfen. Dann schlappe ich in die Küche, wobei Sie das verwendete Verb schlappen wortwörtlich nehmen dürfen. Meine Kuschelsocken-Füße stecken in furchtbar unansehnlichen Schlappen. Ausgeblichenes Pistaziengrün mit weißen Schneeflocken. Urgemütlich, aber, wie beschrieben, auch verboten hässlich. Dazu liegen im Tiefkühlfach bereits die Aufback-Croissants bereit und warten seit dem Wocheneinkauf auf ihren Einsatz. Ich platziere sie auf einem Backblech und schiebe sie in den Ofen. Danach rühre ich im Topf etwas Milch mit Haferflocken zusammen und erhitze den Brei, so dass sich der Kleinste der Familie gleich über sein „Potschi“ (Porridge) freuen kann. Währenddessen setze ich das Teewasser auf. Der Haferbrei wirft träge Blasen, die ebenso träge wieder verschwinden. Mein Blick schweift aus dem Küchenfenster zum Frankfurter Messeturm, der heute gar nicht erst versucht dem hiesigen Hochnebel zu trotzen. Wozu auch? Es ist Sonntag. Keiner wird ihn heute vermissen.

Geräusche nähern sich. Der Römer quatscht mit Signorino, der wiederum etwas nölig antwortet. Es wirkt fast so als würde er nach mir kommen und sich erst langsam in den Sonntag hineinfühlen wollen. Doch dem Römer scheint das egal zu sein. All die unausgesprochenen Worte, die sich im Schlaf scheinbar angestaut haben, will er jetzt, an diesem Sonntagmorgen mit aufgeregten Erzählungen, Spiel und Spaß loswerden als ginge es um sein Leben. Als das Farniente’sche Duo in der Küche ankommt, interpretiere ich eine gewisse Genervtheit in den Signorino’schen Blick hinein. Die Geste, seine Arme hilfesuchend nach mir ausstreckend, untermauert meine Vermutung. Ich nehme ihn auf den Arm. Müde lehnt er seinen Kopf an meinen Hals und betrachtet den Brei, der immer noch gemächlich Blasen wirft. „Che mangiamo? [Was essen wir?]“, durchbricht der Römer diesen innigen Moment zwischen Signorino, dem Haferbrei und mir. Bevor ich überhaupt eine Antwort zu formulieren vermag, hat er die Croissants im Backofen entdeckt und informiert mich ausgiebig darüber, wie schade es ist, dass wir in Deutschland noch keinen Lieferanten für italienische Brioche gefunden haben. Ich nicke und hoffe, dass dieser Redeschwall sich nicht durch den ganzen Sonntag zieht. Kurz denke ich über Noise-Cancelling-Kopfhörer nach, die vermutlich eigens für Morgenmuffel wie mich erfunden worden sind. Doch dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Der römische Gatte würde es wohl falsch auffassen und beleidigt sein, wenn wir ihm mit Kopfhörern begegnen würden. Aber was versteht schon ein Morgenmensch von den Bedürfnissen zweier Morgenmuffel?

Irgendetwas sucht der Gatte jetzt. Dazu raschelt und klirrt er in einer Tour. Bei seinen Monologen, die er voller Energie in diesen frühen Sonntagmorgen spricht, gleitet er mühelos von dem Thema Frühstückscroissants zu dem französischen Präsidenten Macron, bis hin zu dem neu eröffneten französischen Café ums Eck, das seiner Meinung nach ausgezeichnete Macarons haben muss, um schließlich darüber zu referieren, dass jetzt die hässlichste Phase des Winters gekommen ist, denn schließlich sind die warmweißen Weihnachtslichter in den Fenstern und in der Stadt bereits verschwunden. Geblieben ist nur noch eine matschbraune Pampe, durch die wir morgens zur S-Bahn stiefeln, Streusplitt und seelenlose Fenster, die stumm auf unsere Allee starren.

Mein Gehirn, das wahrlich noch nicht aufnahmebereit ist, kreiert einen ebenso matschbraunen Sprachbrei aus all seinen Worten, Annahmen und Informationen. Am Ende wundere ich mich, dass der französische Präsident in unserer Nähe ein Café aufgemacht hat und dort matschbraune Macarons und Streusplitt aus seelenlosen Fenstern verkauft. Es wirkt wie ein Albtraum, aus dem man schnell erwachen möchte. „Mein Italienisch ist wohl doch nicht so gut wie ich dachte.“, rede ich mir ein. Signorino haut sich indessen mit der flachen Hand gegen den Kopf und sagt „Au!Au!“. Ja, dieser Wortschwall macht auch in meinem Kopf „Au!Au!“. Leise flüstere ich „Signorino, nicht schlagen! Das tut doch weh.“. Er grinst und fragt nach „Potschi ?[Porridge?]“. Ich fülle es behutsam auf einen Teller und verteile es mit dem Kinderlöffel so, dass es schnell abkühlt und sich der Nachwuchs nicht daran verbrennt. Der Römer ist derweil schon wieder irgendwo in der Wohnung unterwegs, räumt etwas um oder auf, redet dabei mit sich oder mit uns (so genau kann ich das nicht deuten) und verkörpert das Image eines laut plappernden, temperamentvollen und fröhlichen Italieners am Hafen von Ostia. Jede deutsche Marketingagentur würde sich einen solchen Werbeträger für eine italienische Dolce-Vita-Kampagne sehnlichst wünschen. Nur leider sind Signorino und ich keine Marketingagentur und wenn, dann würden wir heute Früh nur gemächliche Ayurveda-Reisen bewerben.

Langsam schlürfe ich zum Esstisch und stelle den Haferbrei ab. Signorino klettert auf seinen Stuhl. Dann setzt er sich plumpsend. Während ich pustend etwas nachhelfe, dass der Haferbrei erkaltet, schlägt unvermittelt die römische Sonntagsfrage in unser Szenario ein. „Quando usciamo? [Wann gehen wir raus?]“, will der Römer wissen und betrachtet uns erwartungsvoll, ähnlich eines sibirischen Huskys, der endlich, endlich vor die Tür will. Ich seufze leise in mich hinein. Signorino spuckt das Porridge aus. Jeden Sonntag die gleiche Frage im Hause Farniente. Es verwundert, dass ihm noch keine Husky’sche Sichelrute gewachsen ist, die er freudig wedelnd hin- und herwerfen kann. Ja, so ein Römer braucht eben Action, Lebensfreude und Bewegung. Aber das sagt einem auch keiner vorher. Das schlimmste daran ist aber, dass wir ihm all das nicht bieten können. Es ist Sonntagmorgen. Wir sind Stubenhocker und leben dies exzessiv an diesem Wochentag aus. Meine Gedanken schweifen ab – in die Vergangenheit. Ich erinnere mich an unsere ersten, gemeinsamen Sonntage vor Jahren in Rom. „Mein Gott, war ich belastbar.“, denke ich noch und sehe die Szenen in vollem Umfang vor meinem geistigen Auge:

Rom, 2015. Es ist 09:45 Uhr an einem Sonntag. Der Römer treibt zur Eile, schließlich sei das enge, römische Zeitfenster kurz davor sich zu schließen. Denn nur in diesem besagten Zeitfenster hätte man in den römischen Bars [Cafés] noch die volle Auswahl an duftenden Croissants mit verschiedenen Füllungen. Wer danach komme, den beißen die Hunde. Denn dann wären nur noch cornetti con crema pasticcera, Croissants mit einer Art Vanillecreme, vorrätig. Und wer würde diese schon freiwillig essen wollen? Nichts anderes als Ladenhüter sein diese, erklärt mir der Römer. Ich murmele ein leises „Ich mag Vanillecreme“ auf seine rhetorische Frage und will mich noch einmal im Bett umdrehen. Doch zu spät. Der Römer steht bereits mit weißem T-Shirt, dunkler Lederjacke, dunkler Sonnenbrille und perfekt gestyltem Haar vor mir. Er scheint es ernst zu meinen. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe mir meinen Leo-Pulli über, binde die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz und springe in die verwaschene Jeans. Nein, Botticellis Venus bin ich heute wahrlich nicht. Vielmehr habe ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Charlize Theron im Film Monster*. Nur muss ich nicht betonen, wie Charlize Theron damals in einem ihrer Presse-Interviews, dass ich für diesen abgekämpften Look stundenlang in der Maske saß. Bei mir reicht es vollkommen aus, wenn man mich unsanft aus dem Bett sprengt und beim Zähneputzen ungeduldig zur Eile antreibt. Dabei brauche ich Ihnen vermutlich nicht zu erklären, wie ich mich zwischen all diesen top gestylten, römischen Diven im Café fühlte. Immerhin, ich hatte ein cornetto integrale al miele [Vollkorncroissant mit Honig-Füllung] vor mir stehen und blinzelte in die Vormittagssonne. Doch, unter uns, ein schnelles Vanille-Croissant um 11:30 Uhr wäre für mich vollkommen ausreichend gewesen.

Die Jahre vergingen, der Römer zog nach Deutschland und so manch liebgewonnene Sitte veränderte sich. Außer die eben beschriebene. Jeden Sonntag mutierte der Römer wieder und wieder zum hechelnden Husky, der sofort und unbedingt an die frische Luft musste, um noch rechtzeitig vor 10:15 Uhr seinen ersten Cappuccino in einem Café zu trinken. Irgendwann ging ich genervt dazu über, dass ich sonntags grundsätzlich nicht daheim war. Dank meines Arbeitgebers konnte ich die Flüge so legen, dass ich – leider, leider- immer an diesem Tag arbeiten musste. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Dann kam Signorino und danach das Coronavirus. Auch hier waren meinem römischen Husky die Pfoten gebunden. Langsam schlich sich sogar eine gewisse Sonntagslethargie bei ihm ein. Es war ein angenehmes, sonntägliches Miteinander. Doch dann, der Umzug im Herbst 2021 war gerade durchgestanden, knisterte und kribbelte es wieder in den römischen Synapsen. Der Husky in meinem Mann erwachte, was vermutlich auch daran lag, dass wir plötzlich unzählige Cafés in nächster Nähe zum neuen Wohnort hatten, die bereits in den frühen Morgenstunden geöffnet hatten. Noch dazu ist das italienische Lieblingscafé nun mit einem straffen 30 Minuten Marsch zu erreichen.

Signorino und ich müssen da jetzt irgendwie durch. Letzte Woche beispielsweise wurde Signorino vom Römer aus seinem Schlafsack gesprengt wie ich damals aus dem römischen Bett im Stadtteil Testaccio. Der kleine Mann nörgelte und maulte, aber es half nichts. Ich hingegen wollte noch in Ruhe ein Paar Winterstiefel für den Sohnemann kaufen. Gelassen suchte ich im Internet nach einem Rabattcode, bemerkte dann, dass ich meine Treuepunkte eintauschen konnte und konvertierte diese Punkte vollkonzentriert in einen Gutschein. Das ging dem Römer nicht schnell genug. „Quanto ti dura? [Wie lange dauert es noch?]“, wollte der Gatte wissen. „Gleich!“, antwortete ich wie ein genervter Teenager. „Sag mir doch eine Zeitangabe an.“, fuhr der Römer unruhig fort und zog dem motzenden Signorino die abgenutzten Winterschuhe an. „Keine Ahnung….15 Minuten.“, murmelte ich und gab den Gutscheincode ein. „Okay…also um 11:20 Uhr bist du fertig, kann man sagen?“, nagelte mich der Römer mit meinem flapsig dahingesagten Satz fest. „Öhm…ja…vielleicht eher 11:25 Uhr oder 11:30 Uhr?“, versuchte ich sein strenges Zeitplan-Korsette zu lockern. „Deciditi! [Entscheide dich!)“, knurrte der Römer genervt und streifte dem wehrlosen Signorino den Schlauchschal mit den roten Dinos über. „Ja… 20 Minuten so in etwa.“, antwortete ich genervt. Wenigstens an Sonntagen wollte ich mich keinem straffen Zeitplan unterwerfen. An allen anderen Tagen hatte ich keine Wahl, schließlich waren sie bestimmt von Arbeitszeiten, Kitabring- und -abholzeiten, Terminen und Fahrplänen. „Okay. Alle 11:25 [Um 11:25]. Dir bleiben noch 17 Minuten.“, erklärte mir der Römer ungeduldig und Signorino hatte bereits seine Mütze auf. Mit großen, traurigen Augen guckte mich mein Sonntagskind an. Nein, auch er hatte keine Lust. Viel lieber würde er Bausteine in einem Spielzeugtopf kochen. Ganz in Ruhe. Eben ohne, dass ihn jemand zur Eile antrieb.

Ich hastete ins Bad, band meine strähnigen Haare zu einem Dutt, schlüpfte in meinen Leo-Pulli, stolperte fast wieder rückwärts aus der Jeans, weil ich das Gleichgewicht in all der Eile verlor, deodorierte mich und streifte mir die Kuschelsocken ab, da ich damit unmöglich in meine Winterstiefel passte. „Tschüss! Vielleicht sehen wir uns nachher.“, flüsterte ich meinen wollenen Sonntagsfreunden hoffnungsvoll zu. „Solo per non perdere l’obiettivo: Ti rimangono 5 minuti. [Nur, um das Wesentliche nicht zu vergessen: Die hast noch 5 Minuten.]“, rief mir der Römer zwischendurch zu. Ich kaschierte meine Augenschatten mithilfe eines Abdeckstiftes. Als ich Richtung Flur ging, das Kind war bereits in seine Daunenjacke gepresst, hielt mir der Römer eine weiße Maske entgegen. „Hier! Nicht, dass du die Maske vergisst.“, sicherte sich der Gatte auch gegen diese Imponderabilie ab. Ich steckte sie widerwillig in meine Manteltasche. Das Kind wurde in den Buggy gehievt und versuchte, als letzten Protest, seine Mütze vom Kopf zu ziehen. Es gelang halbwegs. Dann schritt der Römer ein. Wir nahmen den Aufzug und standen um 11:32 Uhr auf der Straße. „Puh! Ganz schön kalt.“, stellte der Römer fest. Für einen Tag Anfang Januar empfand ich die Temperaturen als durchaus erträglich. Wir gingen Richtung italienisches Lieblingscafé. Ich zog die Wintermütze etwas weiter in die Stirn. Nach etwas mehr als 500 Metern bemerkte der Römer wieder, dass es „echt kalt“ sei. Ich nickte. „Sollen wir nicht lieber umdrehen?“, fragte die römische Frostbeule. Es war 11:39 Uhr. „Nein!“, maulte ich. „Aber es ist sooo kalt!“, bettelte der Römer. „Du wolltest raus und hast uns alle aus unseren gemütlichen Sonntagsuniformen herausgesprengt. Jetzt laufen wir eben zu deiner Lieblingsbar. Los!“, herrschte ich ihn genervt an. „Aber vielleicht biegen wir hier links ab und statten dem neuen, französischen Café einen Besuch ab? Das Brixia* [die römische Lieblingsbar] ist echt weit weg. 30 minuti a piedi! [30 Minuten zu Fuß!]“, schlug der Römer vor. „Oooookay.“, erbarmte ich mich und witterte meine Chance: „Aber nächsten Sonntag bleiben Signorino und ich daheim. Allerhöchstens können wir einen Nachmittagsspaziergang machen – wenn das Wetter mitspielt.“ Der Römer nickte und bibberte in seinem schwarzen Kaschmirmantel. Den dunkelgrauen Schal zog er noch ein bisschen fester um den Hals, die Mütze noch ein bisschen tiefer.

Zu unserem Glück änderten wir den Plan und gingen zum französischen Café, das fantastische Schokotörtchen vorweisen konnte. Denn wären wir zur römischen Lieblingsbar gegangen, hätte uns das Schild „Chiuso per ferie – Geschlossen wegen Urlaub“ erwartet. So ging nochmal alles gut!

In diesem Sinne: Haben Sie einen wundervollen, ruhigen Restsonntag!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Weihnachten bei den Farnientes

Ich glaube, der weihnachtlichste Moment in diesen Festtagen war, als das Kind darauf bestand mit einer Rentier-Geschenkpapierrolle einzuschlafen. Es war der 23. Dezember und mein Plan war es, die unverpackten Geschenke abends, wenn das Kind schläft, einzupacken.

Den Plan vereitelte Signorino, in dem er die Geschenkpapierrolle fand und fortan als seinen Intimus betrachtete. Den ganzen Abend verbrachten die beiden miteinander. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Freundschaft nur so lange Bestand hielt, weil die Rolle noch in ihrer dünnen Plastikfolie eingewickelt war. Das Zähneputzen fand selbstverständlich mit der Geschenkpapierrolle in der rechten Hand statt. Ein riesen Gekreische schrillte durchs Wohnzimmer als er die Rolle für den Bruchteil einer Sekunde aus der Hand legen musste, weil wir ihn in den Pyjama steckten. Man hätte meinen können, wir würden das Kind abstechen. „Nimm ihm doch jetzt die blöde Rolle weg! Ich brauche die eh gleich, weil ich die Geschenke noch einpacken muss.“, wies ich den Römer an. „Ma che? Non ci dobbiamo stressare. [Ach was! Wir müssen uns nicht stressen.] Wir nehmen sie ihm gleich weg, wenn er schläft.“, antwortete der römische Gatte. Ein guter Plan, der leider am Faktor Kind scheiterte.

Wir brachten Signorino und seine Geschenkpapierrolle ins Bett. Er lag in der Mitte, flankiert vom Römer und mir. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man zwei Elternteile braucht, um ein Kind ins Bett zu bringen, ist das eine überaus berechtigte Frage. Die Antwort ist eine sehr einfache. Es ist (momentan) der schnellste und effizienteste Weg, das Kind ins Bett zu bringen. Fehlt ein Elternteil, wird dieser solange von Signorino gesucht bis er sich schließlich auch ins Bett begibt. Wenn man Signorino nicht aus dem Bett oder gar aus dem Schlafzimmer entlassen will, damit er den abwesenden Elternteil suchen kann, kreischt er ebenfalls solange bis er suchen gehen darf. Deswegen dauert der Einschlafprozess 15 Minuten, wenn wir beide zusammen anwesend sind – oder 2,5 Stunden, wenn nur ein Elternteil Signorino ins Bett bringen darf. Sie können sich denken, für welchen Weg wir uns regelmäßig entscheiden.

Als Signorino langsam ins Reich der Träume glitt, streckte ich im Halbdunkeln meine Hand nach oben, darauf bedacht, den Abkömmling nicht zu wecken, aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Römers zu gewinnen. Der Römer reckte seinen Kopf. Ich flüsterte „Geschenkpapierrolle!!“. Er kuschelte sich an das Kind heran, löste den kindlichen Daumen und wollte dann die restlichen Finger von der Rolle lösen, doch das Kind schrie bereits los. Mist! Der kleine Kerl hatte noch nicht richtig geschlafen. Der Römer ließ von seiner Hand und der Geschenkpapierrolle ab, um ihn dann sofort mit beruhigenden „Sssch’s“ zu besänftigen. Ein paar Mal nuckelte Signorino empört am Schnuller, um dann wieder einzuschlafen. „Nochmal?“, flüsterte ich nach 5 Minuten, in denen der Römer und ich unbeweglich wie zwei Eisblöcke neben dem Kind lagen. „Bloß nicht wecken!“ war die Devise. Der Römer schüttelte den Kopf und zeigte Richtung Tür. Wir schlichen uns aus dem Zimmer. Im Flur besprachen wir die Taktik. „Wenn die Entspannungsphase im Schlaf einsetzt, dann wird Signorino ganz von alleine von der Rolle ablassen und wir können sie mühelos und ohne Geschrei entfernen. Notfalls packst du erst morgen die Geschenke ein.“, erklärte mir der Römer seinen Plan. Ich stimmte zu. Als wir gegen Mitternacht ins Bett gingen, lag unser Sprössling mit seiner Geschenkpapierrolle im Klammergriff tief schlafend im Bett. „Und jetzt?“, flüsterte ich. „Ich schlaf doch nicht neben einer Geschenkpapierrolle?!“ Der Römer musste sich bei diesem Gedanken ein Lachen verkneifen und hielt sich den Mund zu, um das Kind nicht zu wecken. „Dai! Non ti preoccupare. [Komm schon! Mach dir keine Sorgen.] Jetzt kann man ihm die Rolle einfach wegnehmen.“ Sie ahnen es: Man konnte nicht. So schliefen wir also zu viert im Bett: Der Römer, Signorino, die Geschenkpapierrolle und ich. Wann immer sich das Kind drehte, und das tat es oft und viel, hatte man entweder einen kleinen Fuß im Bauch, eine Geschenkpapierrolle im Gesicht oder eine Hand auf dem Kopf. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich quartierte mich aus. „Es wird Zeit, dass das Kind alleine schläft.“, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Am nächsten Tag verbrachten Signorino und die Geschenkpapierrolle den Tag miteinander. Als die junge Freundschaft zur Mittagsschläfchenzeit immer noch nicht vorbei war, beschloss ich, die Geschenke in Geschenkpapier mit der Aufschrift „Happy Birthday!!“ zu verpacken. Anderes Papier hatte ich nicht zur Verfügung. Das Kind kann nicht lesen und in 30 Jahren werden wir bei der PowerPoint-Präsentation (oder was auch immer es dann geben wird) anlässlich seiner Hochzeit alle etwas zu lachen haben, sofern er denn überhaupt heiraten will. Nachdem alle Geschenke eingepackt waren, das Kind wieder wach und fit für die zweite Tageshälfte, verlor er, wie sollte es anders sein, sein Interesse an der Geschenkpapierrolle.

Der 24. Dezember war ansonsten recht unspektakulär. Es gab in unserer Wohnung keinerlei Weihnachtsdeko, was der mangelnden Zeit im Dezember geschuldet war. Das Kind riss seine Geschenke gegen 19 Uhr auf und wollte ansonsten gerne „Bobo Siebenschläfer*“ gucken. Der zweite Weihnachtsfeiertag plätscherte so vor sich hin. Morgens nieselte es, nachmittags schneite es, aber es war auch vollkommen egal, welches Wetter vor unseren Fenstern tobte. Wir hatten eh nicht vor, heute das Haus zu verlassen. Selbst der Knirps wollte nicht raus, trotz mehrmaligem Anbieten eines Spielplatz-Besuches. „No’malBoboJA?! [Nochmal Bobo Siebenschläfer, ja?]“, war seine Antwort. Dabei muss ich hervorheben, dass seine Satzstruktur mich stark an unseren neuen, überaus freundlichen Kebab-Dealer Cetin erinnert. „ZweiMalDönerMitAllesScharf,JA?!“, sagt Cetin, wenn die Schlange vor seinem Laden sich mal wieder um die nächste Straßenecke schlängelt. Da Cetin nicht nur überaus freundlich und schnell ist, sondern, hier lege ich mich fest, einen der besten Döner Frankfurts anbietet, ist seine Satzstruktur aufgrund des hohen Aufkommens an hungrigen Gästen oft auf das Nötigste reduziert. Er kann aber auch ganz normal sprechen, wenn nicht Horden von hungrigen Frankfurtern vor seinem Laden warten. Dennoch weiß ich nicht, ob es für uns als Eltern spricht, dass das Kind nun diese Satzstruktur aufweist. Zu unserer Verteidigung möchte ich trotzdem erwähnen: Wir hatten im Dezember echt viel zu tun und haben nur deswegen so oft bei Cetin bestellt. Immerhin sagt das Kind noch nicht „NächsteBitteHalloMeinFreundWasDarfsSein?“.

Am Abend des 25. Dezembers machten wir etwas total verrücktes: Wir buchten unseren Sommerurlaub. Das taten wir noch nie so früh, was einerseits daran lag, dass wir ein sehr unstetes Leben hatten und nicht länger als zwei Wochen im Voraus planen konnten. Andererseits lag es an der ständigen Ungewissheit, wann wir überhaupt Urlaub nehmen können, ob und wann wir einen Kitaplatz finden, ob und wann wir umziehen, usw.. Doch dieses Jahr haben wir bereits alle Unwägbarkeiten, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt wissen können, abgeklärt. Dazu sind wir dieses Jahr umgezogen, haben eine Kita gefunden und werden unseren Urlaub rechtzeitig beantragen.

Dazu wussten wir: Die Kita schließt in den letzten zwei Augustwochen. Irgendjemand muss das Kind betreuen. Wir arbeiten beide und somit ist es klar, dass wir uns in dieser Zeit frei nehmen werden. Zuerst buchten wir fünf Nächte in Rom in dem Reihenhäuschen, dass wir 2020 kennen und lieben gelernt hatten. Dann dachten wir daran, dass wir danach den Zug nach Bari nehmen könnten und in Polignano a Mare eine Woche bei einem römischen Freund verbringen könnten. Die Züge waren noch nicht buchbar, was wenig verwunderte, denn DB Tickets* kann man auch erst drei Monate vorher buchen. Der Römer und ich redeten etwas über Albanien und über Gjiri i Lalzit, die Lalzit Bucht. etwas oberhalb von Durrës. Hier waren wir das erste und letzte Mal am Meer als ich mit Signorino schwanger war. Furchtbar langweilig, wenn man als Paar dort ist. Mit Kind sieht das aber ganz anders aus: Es gibt einen langen Strand, zwei Restaurants, drei Spielplätze, viele Kinder, ein Café, fertig. Dazu ist die Wohnanlage von langen Wohngebietsstraßen durchzogen, die zu allen heiligen Zeiten von einem Auto befahren werden. Davor und danach gehört die Straße den Kindern mit Laufrädern, Bobby Cars und Fahrrädern. „Ach, ich weiß nicht.“, stöhnte der Römer bei der Vorstellung. „Warum in den Norden schweifen, wenn wir im Süden die besten Strände des Landes haben?“ Ich bat ihn, mir noch ein Mal die Bilder von Orten wie Dhermi, Ksamil, Palasë und Himar zu zeigen. Hübsch sah es dort aus. Wir suchten nach Unterkünften. Der Haupttenor des Römers war bei jeder Unterkunft “Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?] Das würde ich nicht mal an den Mann** meiner Schwester vermieten.“ Irgendwann, durch eine göttliche Fügung, fanden wir eine Unterkunft die dem Römer genehm war. Der Preis im August sprach aber auch für sich. Gleichzeitig glänzten die römischen Augen. „Okay, können wir machen. Dann wird aber Rom storniert. Wir sind doch nicht Graf Koks!“, erklärte ich dem Römer. „Okay, kein Problem.“, sprach der Gatte und stornierte in zwei Klicks den Besuch in Rom. „Dann nehmen wir am besten ein Taxi bis dorthin.“, schlug er vor. „Ne, ne, ne, ne, ne! Sicher nicht. Das kenne ich schon. Vergiss es!“, insistierte ich blitzschnell. „Ma perché no? [Aber warum nicht?]“, wollte der Römer wissen. Ich hatte meine innere Kontra-Liste schon seit 2019 fertig in meiner virtuellen Albanien-Schublade und feuerte ein Argument nach dem anderen ab: „1. Mir ist bis jetzt kein albanischer Taxifahrer begegnet, der nicht die ganze Zeit durchgeredet hat. Natürlich in einem undefinierbaren, albanischen Dialekt. Mit dir. Die Fahrt dauert mindestens vier Stunden. Ne, danke. 2. Entweder Taxis haben keine Klimaanlage und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Oder aber es gibt eine Klimaanlage. Dann ist die Einstellung immer auf „Winter in Jakutsk“. 3. Die Blicke! Jedes Mal, wenn ich den Kindersitz für Signorino installiere, werde ich angeguckt als hätte ich sie nicht alle. Das reicht mir schon, wenn dein Bruder mich so anguckt. 4. Gespräche über Deutschland. J-E-D-E-S einzelne Mal. Es scheint, als wärst du ein Gesandter der albanischen Botschaft in Berlin. Der Fahrer feuert also ein unbestätigtes Gerücht über Deutschland ab und du übertreibst es entweder mit deinen Lobeshymnen oder du machst Deutschland so schlecht, dass man denkt, man wohnt in einem seelenlosen Land voller dysfunktionaler Menschen. 5….“ Der Römer unterbrach mich: „Ist ja schon gut. Was willst du stattdessen machen?“ Ich grinste. Auch hier hatte ich bereits meine Lösung feinsäuberlich vorbereitet: „Ich buche einen Mietwagen. Bei Firma X – am Flughafen. Nicht wieder bei einer Mietwagenplattform, wo ich irgendeine Schrottbrasse in der Stadt abholen darf und wenn ich ankomme, sagt man mir: ‚Oh, da haben Sie aber Glück, dass sie fünf Minuten zu früh dran sind. Denn das ist unser letzter Mietwagen. Na ja, dann hat das Paar nach Ihnen eben Pech.‘ Wenn ich einen Mietwagen vier Monate vorher gebucht und bezahlt habe, brauche ich kein „Glück“. Der Mietwagen steht dort, wie vertraglich vereinbart, und wartet darauf von mir übernommen zu werden. Außerdem will ich die Mietwagenkategorie „Panzer“. Nie wieder fahre ich mit einer halbkaputten Coladose auf den Straßen Albaniens. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wir haben teure Fracht an Bord, unseren Signorino.“ Ich drehte den Bildschirm zum Römer, um ihm zu zeigen, was ich mir genau vorstellte. „So viel Geld? Bist du irre! Sollen wir nicht lieber meinen Schwager Besim fragen, ob wir seinen Hyundai*** in der Zeit haben dürfen?“, wollte der Römer wissen. „Ne, danke. Auch das kenne ich schon. Natürlich sagt er sofort Ja, weil er zum heutigen Zeitpunkt denkt, dass er es schon irgendwie hinbekommt seinen Hyundai*** zu verleihen. Wenn wir dann Mitte August mit Kind und Koffer vor seiner Tür stehen, ist er so überrascht, dass er uns den Kleinstwagen seines Sohnes anbietet, denn der Hyundai*** sei angeblich in der Werkstatt. Zu dritt quetschen wir uns dann in den alten Opel Corsa*** und tuckern nach Dhermi. Ne, ne, mein Lieber! Entweder das – zu meinen Konditionen oder wir fahren an die Nordsee.“, machte ich dem Römer klar. „Gut, dann fahren wir an die Nordsee.“, trotzte er und verschränkte die Arme. Ich zeigte ihm wortlos die Wassertemperaturkurve der Insel Amrum. „Okay, und du meinst, dass ein Taxi vom Flughafen Tirana nach Dhermi wirklich keine Option darstellt?“, wollte der Gatte noch einmal wissen. „NEIN!“, sprach ich. „MamaPapaBoboJa? [Mama, Papa, darf ich Bobo Siebenschläfer gucken?]“, sagte eine leise Stimme. Signorino hatte sich unbemerkt aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen. „Nein, Schatz. Du gehst jetzt wieder ins Bett.“, erklärte ich unserem Ableger. „TschuTschuWaJa? [Das Lied TschuTschuWa wäre auch in Ordnung für mich, Mutter.]“, versuchte es der Nachwuchs weiter. „Nein, auch das nicht. Komm, wir gehen zusammen ins Bett.“, schlug ich ihm vor. Seine kleine, warme Hand nahm meine und ich brachte ihn wieder ins Bett. Diesmal klappte es auch ohne römische Verstärkung. Als ich nochmals aufstand, buchte ich die Mietwagenkategorie „Panzer“ zum Preis einer halben Niere. „Freiheit kostet Geld.“, pflegt mein Vater immer zu sagen. Recht hat er.

Ein Schokotörtchen gab’s auch noch. Die Fenster sind ungeputzt, aber das fällt bei dem Vordergrund und dem schrecklichen Wetter kaum auf. 😉

*Eine Fernsehsendung der Öffentlich-Rechtlichen. Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

**Man akzeptiert ihn, mag ihn aber nicht besonders, weil er so dickköpfig ist

***Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

Voll eingebunden

Wer genau schaut, sieht Chaos im Hintergrund. Aber mir sind die Hände gebunden. Wortwörtlich.

„Hier jagt ein Ereignis das nächste“, werden Sie sich vielleicht gedacht haben bei dem Bild mit dem blauen Verband. Denn „voll eingebunden“ – so ganz wortwörtlich, bedeutet meistens „gestaucht“, „gezerrt“ oder gar „gebrochen“. In meinem Fall bedeutet es aber nur, dass ich kein Möbelstück mehr mit dem neuen Werkzeugkoffer aufbauen sollte. Denn eh ich mich versah, hatte ich zwei blutige Blasen in der Handinnenfläche. Natürlich kam ich auf die Idee, die Wunde zu desinfizieren (ich fluchte wie ein Bierkutscher!) und zu verpflastern. Leider war das Kinderpflaster nur wasserdicht, nicht aber bewegungsresistent. Nach vier Minuten löste es sich bereits ab und wanderte in den Müll.

Ich kontaktierte den Römer in der Arbeit. Selbstredend missbrauchte ich nicht unser Codewort „codice rosso“, sondern fragte ganz leger nach, wie dieses Problem zu lösen wäre. Wenige Minuten später antwortete er. Na klar, es war schließlich kein Ernstfall. Vermutlich deswegen bekam ich sofort eine Antwort auf meine Frage. Man müsse es verbinden, riet mir der Gatte. „Mit einem richtigen Verband?“, wollte ich wissen. Die Antwort des Römers ließ auf die Qualität meiner Frage schließen: „Ne, mit Klopapier.“ Ja gut. Besonders hochtragend war meine Rückfrage nicht. „Spaß beiseite. Ja, mit einem richtigen Verband natürlich.“, fügte er seiner witzelnden Antwort an.

Ich schritt zur Tat und holte unsere Medizin- und Verbandsbox aus dem Regal. Eine Kompresse, die noch von Signorinos Nabel-Abheilungsprozess als Neugeborener übrig war, drückte ich vorsichtig an die nässende Wunde. Autsch! Ein ziehender Schmerz, ähnlich eines offenen Zahnnervs, durchzog meine Hand. Innerlich verfluchte ich das dämliche Werkzeugset. Dann wickelte ich den Verband um Hand und zugehörigem Handgelenk. Vorsichtig fixierte ich den Verband mit einer Klammer. Mein Befinden war etwas eng und ungelenk in diesem Verband, aber das Brennen der offenen Wunde wurde langsam erträglich. Nur Abspülen konnte ich beim besten Willen nicht. Signorino kritisierte meine Verweigerung aufs Schärfste. Er wollte JETZT die Bratpfanne, egal, ob sie nun ölig sei oder eben nicht. Jede zeitliche Verzögerung wäre eine Kriegserklärung an die Geduld Signorinos. Außerdem sei es meine mütterliche Pflicht, ihm die Pfanne zu überreichen, damit er im Wohnzimmer Legosteine ein- und ausschichten konnte. Wir diskutierten, er weinte, dann schrie er, schließlich stemmte er sich gegen meine Knie, um mich wegzuschieben. Ich bot ihm einen gewaschenen Kochlöffel an. Er schmiss ihn auf den Boden. Schließlich bekam er einen großen Topf und spielte schmollend damit. Die Pfanne versteckte ich im Geschirrspüler.

Versuchen Sie mal mit meiner Konstruktion Geschirr abzuwaschen! Sie kommen gar nicht erst in den Gummihandschuh.

Abends, als der Gatte von seiner Arbeitsstelle heimkam, bat ich ihn, mich ordentlich zu verbinden. Der erste, römische Lacher polterte durch die Wohnung, als er mich fragte, welchen Puder ich für die Wunde benutzte. „Na, den blau-weißen, italienischen im Badschrank.“, war meine Antwort. Der Römer lachte Tränen. „Schaden wird der sicher nicht.“, hapste er nach Luft. „Warum? Was ist denn damit?“, wollte ich wissen. „Der ist gegen Fußpilz.“, prustete er wieder los. Hm… vielleicht hätte ich doch lesen sollen, was auf der Verpackung stand? Aber wer hat schon Puder gegen Fußpilz daheim? „Immerhin brauchen wir uns um eine mögliche Fußpilzinfektion deiner Hand keine Sorgen machen.“, nahm er mich auf den Arm. Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen.

Der Gatte desinfizierte die Wunde gekonnt, legte die Kompresse darauf und verband die Blasen. Ein entscheidender Unterschied zu meinem Verband war sicher, dass er nur ein Viertel des Verbandmaterials benutzte, was die Hand mit einer ganz neuen Beweglichkeit quittierte. „Das wird sicher ein paar Tage dauern bis die offenen Wunden weg sind.“, erklärter er mir. „Das heißt, keine Möbel zusammenbauen, bitte. Und keine unnötige Belastung für die blutigen Blasen.“ Proaktiv ergänzte ich seine Ratschläge: „Und kein Geschirrspülen und Putzen.“ Er guckte mich streng von unten an. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf: „Mit Gummihandschuhen sollte es dir keinerlei Schwierigkeiten bereiten.“ Frech antwortete ich: „Selbst ohne Blase und Gummihandschuhe bereitet es mir Schwierigkeiten. Nicht auszudenken, was wäre, wenn sich die Wunde entzündet und ich keinerlei Fahrdienste, Einkäufe und sonstige Sachen erledigen könnte.“ Der Römer musterte mich ganz genau. Dann räusperte er sich und sprach: „Keine Sorge, so schnell geht das nicht.“ Ich biss in einen Keks und sprach mampfend und zwinkernd: „Lieber nichts riskieren.“

P.S.: Weil ich es gerade ausprobierte: Blasenpflaster, ursprünglich für die Füße, sind auch relativ resistent in der Handinnenfläche. 😉

Kein Warmduscher!

Ha! Gestern erzählte ich Ihnen noch etwas schamerfüllt, dass ich ein eingefleischter Warmduscher bin. Doch ist die Not erst noch so groß, dann werden selbst verwöhnte Großstadtkatzen zu wilden Luchsen. Gut, das war jetzt etwas bildlich gesprochen und biologisch eher wenig bis gar nicht korrekt formuliert, denn eine Katze wird nicht einfach zu einem Luchs, selbst wenn sie sich das noch so sehr wünschen möge. Aber Sie verstehen mein Beispiel schon!

Als ich dem Römer heute sagte, dass ich in den Ring, respektiv die Dusche, steige, wollte er mich abhalten, indem er Geschichten aus seiner Jugend auspackte. Nein, sagte er, das würde er mir nicht raten. Als Jugendlicher habe er sich einmal in den Bergen Albaniens im eiskalten Gebirgsbach gewaschen, mit dem Ergebnis, dass seine Gaumenmandeln und Lymphknoten vier Tage lang angeschwollen waren. “Warmduscher!”, sprach ich und schnappte mir entschlossen ein Handtuch. Dann murmelte ich etwas von Russ*innen, die sich in die sibirische Taiga flüchteten und dort, fernab der Zivilisation und dem dazugehörigen Warmwasser, lebten. “Du bist in Oberbayern groß geworden und nicht in der sibirischen Taiga. Warmwasser gab es in Bayern vermutlich en masse. Dein Körper ist das kalte Wasser doch gar nicht gewohnt.”, frotzelte der Römer. Pff! Wenn der wüsste, wie kalt und hart so mancher, oberbayerische Winter war, dann würde er aber ganz schnell, ganz bescheiden werden.

Mutig zog ich in den Kampf. Noch motivierter dem Römer zu beweisen, dass ich hart wie eine alte Brotkruste bin. Erst wusch ich meine Haare. Das ging ganz gut, da Haare, außer an der Wurzel, über keinerlei Kälte- oder Wärmeempfinden verfügen. Dann kam der Körper an die Reihe. In 0,487 Millisekunden pflegte ich meinen Körper, so gut er eben in dieser kurzen Zeitspanne zu pflegen war. Es war kalt, eiskalt und für eine Sekunde entwich mir ein kurzer, spitzer Schrei. Doch dann erinnerte ich mich wieder an mein Mantra: Ich bin kein Warmduscher!

Beim Abtrocknen wickelte ich mich in drei Schichten Handtücher und einen Bademantel ein. Ich sah aus wie eine vollschlanke Matrone. Der Römer lachte, als er mich in meinem Aufzug, noch etwas bibbernd vor Kälte, ins Wohnzimmer tapsen sah. „Hai finito? [Bist du fertig?]“, wollte er wissen und grinste schelmisch. Ich nickte, hob das Kinn ein bisschen mehr und stolzierte an ihm vorbei, um mir einen warmen Tee zu machen. Als ich in der Küche strandete, sah ich einen halb vollen Eimer kochenden Wassers und einen Topf, der gerade damit beschäftigt war, kaltes Wasser auf dem Herd zum Kochen zu bringen. „Was ist das denn?“, schrie ich ins Wohnzimmer. „Mein Duschwasser!„, dröhnte es zurück aus dem Wohnzimmer. Wenige Augenblicke später stand der Römer hinter mir. „Und das soll WIE funktionieren?„, wollte ich von ihm wissen. „Man mischt das heiße Wasser mit dem kalten und so übergießt man sich piano piano [nach und nach].“, erklärte mir der römische Bademeister. „Na dann…„, kommentierte ich sein Vorhaben. Indessen kochte das Wasser und er schüttete den zweiten Topf in den blauen Eimer. „Io me ne vado. [Ich geh‘ dann mal.]“, ließ der Römer mich wissen und schleppte den Eimer in unsere Nasszelle. Was seine und meine Dusche gemeinsam hatten, war der eine kurze Schrei, der durch die Wohnung hallte. Er schüttete sich aus Versehen einen Teil des heißen Wassers über den großen Zeh, berichtete er mir später. Danach gab es keine größeren Unfälle mehr. Fröhliche Platsch- und Spritzlaute, sowie ein beschwingt gesummtes Lied konnte man aus dem Badezimmer vernehmen. 20 Minuten später kam der zufriedene Römer aus der Dusche. Im Gegensatz zu mir, zitterte er nicht.

Es war 12:41 Uhr und irgendwie hatten wir beide den Waschvorgang überlebt. Auch, wenn ich offiziell bewiesen hatte, kein Warmduscher zu sein.

Seit 15:25 Uhr gibt es wieder heißes Wasser, so viel man tragen und verbrauchen kann. Beim nächsten Mal warte ich vielleicht noch etwas länger ab, ob das Warmwasser nicht doch noch zurückkehrt. Oder noch bessser: Ich friere für den nächsten Heißwasserstreik eines ein, damit wir es beim nächsten Mal nur noch auftauen müssen. 😉

Gekritzel an der S-Bahn Station Konstablerwache “Mambo Mambo Mambo”. Und ja, das war es auch unter der Dusche. Bei den Temperaturen kam es einem Mambo sehr nahe.

Autofahren mit der „ADESSO!!-Methode“

Ich weiß nicht, ob „ADESSO!“ in den engen Gassen des römischen Stadtviertels Trastevere funktioniert, aber ich weiß, dass „ADESSO!“ definitiv nicht auf den getakteten Straßen Frankfurts funktioniert. „ADESSO!!“ bedeutete nämlich nicht nur „JETZT!!“, sondern auch, dass ich auf der linken Spur der zweispurigen Fahrbahn abbremsen musste und mühsam versuchte, mich mit der Familienkutsche auf die rechte Spur zu hieven. Das alles geschah im dichten Feierabendverkehr Frankfurts, denn die Vorstädter wollten zurück in ihre Vorstädte und Familie Farniente wollte nach Alt-Heddernheim. Dabei brauche ich Ihnen nicht zu erklären, dass die hinter mir fahrenden Autos aufgeregt hupten und die dazugehörigen Fahrer ekstatisch mit den Händen fuchtelten. Das taten sie in etwa so, als wären sie anmutige Flamenco-Tänzer*innen. Allein der grimmige, teils schreiende Gesichtsausdruck passte nicht in das anmutige Bild, das mir beim Begriff Flamenco-Tänzer*in in den Kopf kommt. Auch die Vehikel der rechten Spur, auf die ich übersetzen wollte, zeigten sich wenig angetan von meinem spontanen Einfall, ihre Spur benutzen zu wollen. Da wir zu diesem Zeitpunkt bereits die dritte Ausfahrt mit der „ADESSO!!“-Methode verpasst hatten, musste ich jetzt in den sauren Apfel beißen und mich als miserabler Autofahrer outen. Dabei war es absolut nicht meine Schuld, denn hätte ich einen ordentlichen Lotsen, hätte er mindestens 500 Meter vorher Bescheid gegeben, dass ich mich rechts halten solle. Doch wenn ich mich auf eine Eigenschaft des Römers verlassen konnte, dann war es, dass das Adverb „vorausschauend“ ein ihm gänzlich unbekanntes ist. Dabei bildete seine Tätigkeit als temporärer Straßenlotse keinerlei Ausnahme. Seit jeher navigierte er nach der „ADESSO!“-Methode. Soll die Fahrerin der Farniente’schen Familienkutsche doch gucken, wo sie bleibt. Frei nach dem Motto: „Man lebt im Hier und Jetzt. Also lotst man auch im Hier und Jetzt.“

Glücklicherweise hatte irgendwann einer der anderen Autofahrer Erbarmen (oder aber ihm platzte die Hutschnur bei der Ansicht des von mir kreierten Staus), so dass er mir die Chance gab, mich in die rechte Spur einzufädeln. Der Römer saß währenddessen entspannt und breitbeinig auf dem Beifahrersitz und mampfte zufrieden einen Schokoriegel, der sich in meiner Snack-Schublade der Mittelkonsole befand. Ich schwitzte derweil Blut und Wasser. Mein Herzschlag schlug im Takt schneller Techno-Beats. Hastig bedankte ich mich bei dem zuvorkommenden Autofahrer und fuhr geduckt und beschämt nach Alt-Heddernheim ein. Wer meint, der Ort sei ein verträumtes, hessisches Dorf irgendwo im Taunus, der irrt sich nicht ganz. Es ist durchaus ein alteingesessener Stadtteil Frankfurts, in dem, da lege ich mich fest, ganz sicher hessisch gebabbelt (=gesprochen) wird. Auch die Architektur sieht nicht mehr als maximal drei Familien in einem Haus vor.

Nicht mein Auto, aber Ibrahims Vehikel in den Straßen Tiranas.

Wer davon ausgeht, dass die anschließende Fahrt im verträumten Alt-Heddernheim reibungslos ablief, den muss ich leider an dieser Stelle enttäuschen. Mein gewagtes Manöver um nach Heddernheim zu kommen, war anscheinend nur die Pflicht. Die Kür sollte erst noch folgen. Das wusste ich zum damaligen Zeitpunkt zum Glück nicht, sonst hätte ich das Familienauto abgestellt und wäre die acht Kilometer (immer die Eschersheimer Landstraße entlang Richtung Innenstadt) heimgestiefelt. Der Clou in Alt-Heddernheim ist nämlich – verzeihen Sie, liebe Heddernheimer – der kleinstädtische Charakter, der sich in einem Labyrinth aus Sträßchen, Gassen und Winkeln niederschlägt. Zumindest beschrieb der mit der Navigation restlos überforderte Gatte diesen Stadtteil so. Ein Labyrinth – oder mit den Worten des Römers: „‚sto labirinto di merda“ [dieses Sch*iß-Labyrinth]. So trug es sich zu, dass wir spätestens alle 50 Meter abbiegen mussten. Doch wohin? Ja, das wusste der Lotse auch nicht. „Aspetta…[Warte…]“, fing jede Antwort auf meine Aufforderung der dringlichen Wegbeschreibung an. An mir sollte es nicht liegen. Ich konnte warten. Doch die Alt-Heddernheimer Autofahrer, die zu Scharen in den verwinkelten Gassen unterwegs waren und hinter der „blöden Stadttussi mit der Sonnenbrille“ hinterher tuckern mussten, hatten für das stotternde Navigationsvermögen des römischen Gatten keinerlei Verständnis. So begann ich aus der Not heraus meine Weg-Entscheidungen selber zu treffen. Der Gatte zoomte, fluchte und aktualisierte immer wieder die digitale Karte auf seinem Handy. Zu unserem Unglück war nur jede fünfte meiner Entscheidungen richtig getroffen und so irrten wir durch die Wirren Alt-Heddernheims. Irgendwann fuhr ich schweißnass rechts ran, stellte mich an einen Bürgersteig der 1001 Gassen und lehnte meinen dröhnenden Kopf gegen das Lenkrad. Das Kind quakte von der Rücksitzbank, der Römer aktualisierte immer noch die digitale Straßenkarte und ich wäre am liebsten auf die Rücksitzbank gekrochen, was leider nicht ging, denn der Mann verfügt immer noch über keinen, hier anerkannten Führerschein. Doch in diesem Moment meiner absoluten Resignation sprach der Gatte ein: „Eccoci qui! [Hier sind wir!] Wir stehen genau vor der richtigen Tür.

Mühsam hob ich meinen schweren Kopf, blinzelte hinter meiner Sonnenbrille hervor und sah ein Fachwerkhaus.

Ich wollte dem Römer diese Information nicht recht glauben, aber anscheinend waren wir richtig. Wir standen, wie durch eine göttliche Fügung, vor der gewünschten Adresse. Schwerfällig quälte ich mich aus dem Fahrersitz, schnappte mir den Umschlag, den ich abzuliefern hatte und schlich mit zitternden Beinen zum Haus mit der Nummer 10. Dass meine Beine so kraftlos und wabbelig waren, verwunderte nicht. Schließlich habe ich seit 40 Minuten meine komplette Beinmuskulatur krampfhaft angespannt. Auch meine Nackenmuskulatur konnte von diesem K(r)ampf ein Liedchen singen. Ich warf den Umschlag mit unserem neuen Wohnungsschlüssel in den Briefkasten des von der Hausverwaltung beauftragen Baudekorateurs und schlürfte wieder zum Auto. Hätte ich vorher gewusst, wie katastrophal anstrengend eine neun Kilometer Fahrt in Frankfurt werden würde, ich hätte dem Baudekorateur am Telefon gesagt, dass wir uns an die drei großen Löcher in der Wand sicher gewöhnen werden. Mangels Betreuung Signorinos (aufgrund der Kitaferien), schlug ich ihm jedoch vor, ihm „mal eben“ die Schlüssel vorbeizufahren. „Heddernheim? Gar kein Problem. Das ist ein Klacks.“, sprach ich selbstbewusst ins Telefon. Ebenso gut hätte er Kinshasa, die Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo, als Wohnort nennen können. Vermutlich wäre die Fahrt dorthin auch nicht anstrengender geworden. Eventuell nur langwieriger.

Leider war die Adresse des Baudekorateurs nur ein Zwischenstopp und nicht das finale Ziel. Es gab noch eine weitere Etappe auf der Tour de Francfort: Unsere neue Wohnung. Der Kofferraum des Autos war vollgepackt mit Kartons, die wir von unserem aktuellen Keller in den neuen transferieren wollten. Die Kartons wieder in der alten Wohnung abzusetzen, stellte für mich keine Option dar. Munter flötete der Römer ein “Non ti preoccupare! [Keine Sorge!] Ich navigiere dich.” Aber genau diese Drohung seinerseits bereitete mir große Sorgen. „Besser nicht.“, antwortete ich knapp und so höflich wie man eben einen Zweiwortsatz betonen konnte. Trotzig guckte mich der Römer von der Beifahrerseite an, legte sein Mobiltelefon mit der geöffneten Straßenkarten-App auf die Mittelkonsole des Autos und verschränkte gekränkt seine Arme. „Pah! Vedi tu! [Pah! Schau halt du!]“, murmelte er und starrte in die entgegengesetzte Richtung aus dem Beifahrerfenster.

Nichts leichter als das. Ich schnappte mir sein Handy, schaute mir die Stadtkarte an und hatte danach eine ungefähre Vorstellung wie wir zur neuen Wohnung kommen würden. “Sicher verfährst du dich.”, trat der Römer nach und zupfte sich einen Fussel von seinem dunkelblauen Hemd. Ich hob abschätzig meine linke Augenbraue und gab ihm sein Telefon zurück. “Selbst wenn, miserabler als die Hinfahrt kann es nicht werden.”, konterte ich und lachte süffisant auf. Der römische Blick streifte kampfbereit den Meinen. Doch er entschied sich dazu, zu schweigen und in seinem Mobiltelefon sinnlos auf- und abzuscrollen. Konzentriert schlängelte ich mich aus dem Gassengewirr Alt-Heddernheims heraus. Das dauerte einige Zeit, aber immerhin schrie niemand völlig inkorrekte Anweisungen in mein rechtes Ohr. Aha, da sah ich auch schon die große Hauptstraße von der wir kamen. Ich bog ab und hatte das Glück, dass mir ein dottergelbes Straßenschild anbot, mir den Weg zum Frankfurter Palmengarten zu weisen. Der Palmengarten befindet sich immerhin in der ungefähren Ecke der Stadt, in der wir die Kartons abladen wollten. Dankbar nahm ich das Angebot der Frankfurter Straßenverkehrsbehörde an. Als wir unterhalb des Ginnheimer Spargels (= Europaturm) vorbeifuhren, wusste ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Das angenehme an den Straßenschildern, die den Weg säumten, war, dass keines von ihnen völlig aufgeregt „ADESSO!!“ brüllte. Vielmehr kündigten sie – weit bevor ich mich einordnen musste – an, dass ich bei der nächsten Kreuzung abbiegen sollte. Vorbei am Senckenbergmuseum bog ich nach links ab und steuerte auf den Frankfurter Hauptbahnhof zu. Der Römer saß immer noch missmutig auf seinem Lotsensitz und beobachtete aus dem Augenwinkel jede meiner Bewegungen. Signorino quakte einmal kurz und der Römer reichte ihm eine Flasche Wasser nach hinten. Vielleicht war das seine Berufung? Der Kabinenservice klappte in diesem Auto nämlich phänomenal. Angekommen auf der großen Landstraße Richtung Griesheim waren es nur noch wenige hundert Meter bis wir am Ziel waren. Ich wollte in die Hofeinfahrt des neuen Wohnhauses einfahren, doch da sah ich, dass das Tor verschlossen war. Hastig würgte ich den Motor ab, eilte zum Hoftor und versuchte es zu öffnen. Doch es bewegte sich, trotz mehrmaligen Rütteln, keinen Zentimeter. “Der Hausschlüssel muss doch in dieses dumme Tor passen!!”, murmelte ich, doch dem Haustürschlüssel und dem Hoftor war das egal. Sie kooperierten kein bisschen. Mittlerweile streckte der Römer seinen Lockenkopf aus dem Beifahrerfenster. “Ti serve aiuto? [Brauchst du Hilfe?]“, wollte er wissen und ich schüttelte den Kopf. “Danke, geht schon.”, krakelte ich zurück und verzweifelte dabei immer noch an diesem blöden Schloss. Eine Minute später schwang sich der römische Gatte galant aus dem Auto. Die Steinchen unter seinen Lederschuhen knirschten auf dem Gehsteig. “Dai, amore! Ti aiuto. [Komm schon, Schatz! Ich helfe dir.]”, sprach er verständnisvoll. Zähneknirschend überreichte ich ihm den Schlüssel. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde war das Tor offen. “Wie hast du das denn gemacht?”, sprach ich völlig fassungslos. Er grinste keck: “Mit Gefühl und Empathie öffnet sich jedes Tor.” Dann zwinkerte er mir zu. Ich guckte immer noch verdutzt aus der Wäsche. “Fahr schon mal rein, ich schließe das Tor nach dir ab.”, schlug der Gatte mir vor. Und so tat ich wie mir geheißen. Verwundert fuhr ich durch das verwunschene Tor, dass sich unter meiner Hand partout nicht öffnen ließ. “Anfängerglück.”, dachte ich. Doch nach einer viertel Stunde in der neuen Wohnung – die Kartons waren alle verstaut – gelang es dem Römer abermals mühelos das trotzige Tor zu öffnen. Ich bestand darauf, es zumindest schließen zu wollen und scheiterte wieder kläglich. “Sag mal, wie schwer kann es denn sein, so ein dämliches Tor zu schließen?! Irgendetwas ist kaputt.”, moserte ich als ich zurück ins Auto kam und das Tor immer noch sperrangelweit offen stand. Der Römer stieg ruhig aus, schlenderte zum Tor und drehte den Schlüssel in einer flüssigen Bewegung um 360 Grad. Zack. Zu war’s, das Burgtor. “Das ist doch nicht dein Ernst!!”, ächzte ich. “Wenn’s darauf ankommt, weiß ich eben wie’s geht. Wozu brauchst du einen Lotsen, wenn du noch nicht einmal das Tor aufbekommst, um das Auto herauszufahren?„, ärgerte er mich. Diesmal schwieg ich, denn auf diesen Satz fiel mir partout keine Antwort ein.

Hinter verschlossenen Türen

Ich schlüpfe in meinen linken Schuh, binde ihn zu und komme in einer schnellen Bewegung wieder in den Stand. „Okay, wir können los.“, sage ich, schnappe mir meine Tasche und gehe einen Schritt auf den Römer zu. „Si, un attimo. [Ja, einen Moment.]“, antwortet dieser. Das Kind ist im Buggy, der Römer vollständig angezogen und ich bin ebenso ausgehfein. „Auf was warten wir denn?“, will ich neugierig von ihm wissen. Er steht wie angewurzelt da und bewegt sich keinen Zentimeter. „Auf nichts.“, erwidert er knapp. Doch immer noch macht er keine Anstalten zur Türklinke zu greifen und die Wohnungstüre zu öffnen. Ich warte einige Sekunden, in denen ich ihn verwirrt anstarre. „Fühlst du dich nicht gut?“, frage ich ihn schließlich, denn sogleich kommt mir sein gestriger Migräneanfall in den Sinn. „Sto benissimo, grazie amore.[Mir geht es sehr gut, danke Liebling.]“ , gibt er, immer noch kurz angebunden, zurück. „Aber auf was warten wir denn dann? Los, lass uns raus in die Sonne*!“ , fordere ich ihn mittlerweile sehr genervt auf. „Si! Subito. Un momento! [Ja! Sofort. Einen Moment.]“ , spricht er wieder und steht immer noch da, wo er eben stand. Signorino fängt an quengelig zu werden, weil er dringend an die frische Luft möchte. Dann macht der Römer einen Schritt nach vorne und wird dabei quasi Eins mit der Haustüre. Er schiebt die Klappe des Türspions zur Seite und schielt hindurch. „Sag mal, was machst du da?!“, motze ich ihn nun an und finde die Situation höchst dubios. „Sssscht!!“, macht er und dreht sich mit angespannten Zornesfalten zu mir um. Dazu legt er die Kante seines ausgestreckten Zeigefinger auf seine minimal geöffneten Lippen. Nach einem kurzen Augenblick widmet er sich wieder seinem Türspion. „Was ist denn los mit dir?“, flüstere ich patzig in seine Richtung. „Un attimo! Hubsi e Schnubsi stanno per uscire. [Einen Moment! Hubsi und Schnubsi gehen gerade raus.]“ , erklärt mir der Römer leise. „Na und? Warum sollten wir deswegen in der Wohnung bleiben?“, will ich von ihm wissen und Signorino fängt an mit seinem grünen Holzhammer gegen die Wand zu schlagen. „Dai, lascia stare. [Komm, lass es gut sein.]„, entgegnet mir der Römer etwas genervt. „Ne, ich will jetzt eine Erklärung, warum wir hier drin, wie bestellt und nicht abgeholt, warten müssen!“, knalle ich ihm meinen Frust vor den Kopf. „Weil die Zwei sich immer verbal an uns ranwerfen, wenn wir mit Signorino rausgehen. Und das erzwungene Gespräch dauert dann Minuten. Darauf habe ich keine Lust! Also warte ich lieber, bis sie außer Sichtweite sind und gehe dann eben ein paar Minuten später aus der Wohnung.“ , begründet er sein Verhalten. Ich lache schallend – und vermutlich zu laut. „Wow, du bist echt gut integriert in die deutsche Gesellschaft. Respekt!“ Er mustert mich verwirrt. „Was soll das denn jetzt bedeuten?“, will er wissen. „Na, in Rom war dir das doch ganz egal. Du bist immer aus der Wohnung – ohne vorher zu lauschen, wer sich gerade im Hausflur befinden könnte. Auch einen Türspion hast du nie benutzt. Ganz im Gegenteil! An jeglichem Geschwätz hast du dich gerne und oft beteiligt. Und hier lauscht du gewissenhaft an der Wohnungstür, ob sich jemand im Hausflur aufhalten könnte. Außerdem überprüfst du die aktuelle Situation durch den Türspion, um ganz sicher zu sein, dass die Luft rein ist. Nur damit du bloß nicht in ein Gespräch mit den Nachbarn verwickelt wirst.“

Er fühlt sich ertappt, aber findet sofort eine Ausrede. „Das liegt nur daran, dass ich jetzt einen kleinen, zuckersüßen Signorino habe. Avere un bambino e come avere un cane. [Ein Kind zu haben ist wie einen Hund zu haben.] Alle wollen einen ständig in ein Gespräch verwickeln.“ Bei seiner Ausführung muss ich bestätigend nicken. Na ja, wo er recht hat, hat er recht. Man wird tatsächlich oft angesprochen mit einem Kleinkind. „Siehst du! Und ich habe heute eben gar keine Lust auf ein Schwätzchen. Ich will einfach nur die Sonne genießen und meine Ruhe.“, ergänzt er seinen vorherigen Satz. „Ich finde, ich habe dir alles beigebracht, was du als guter Deutscher wissen musst. Eine Unbedenklichkeitsbescheinigung würde ich dir jederzeit unterschreiben, wenn ein solches Dokument bei einer Einbürgerung benötigt werden würde.“, sage ich sehr stolz. „Purtroppo non esiste. [Leider gibt es sowas nicht.] Ich erwarte immer noch die positive Antwort zur Einbürgerung vom Regierungspräsidium.“ , spricht der Römer. „Keine Sorge, im Herzen bist du bereits deutscher als es dir vielleicht lieb ist.“ Dann räuspere ich mich und frage den deutschen Römer: „Können wir jetzt gehen?“ Er versichert sich noch einmal im Türspion, ob sich wirklich gar niemand mehr im Hausflur befindet. Dann dreht er sich lächelnd um, zeigt mir das „Daumen hoch!“-Zeichen und schnappt sich den Kinderwagen. Signorino quietscht vor Freude und wir rollen ins Treppenhaus. Nach ein paar, wenigen Stufen sind wir an der Haustür angelangt. Vorfreudig reißt sie der Römer auf und….

… erblickt Hubsi und Schnubsi.

Tja, mit was der Römer nicht gerechnet hat: Hubsi und Schnubsi verweilen vor dem Haus, um ihre Nordic Walking Stecker zu justieren. Unter lautem Ah!– und Oh!-Rufen beginnen sie ein laaanges Gespräch über und mit Signorino.

Nächstes Mal guckt der Römer sicherheitshalber noch einmal durchs Küchenfenster nach unten, ob die Luft auch wirklich rein ist.. 😉 Aber das bringe ich ihm auch noch bei.

Eine solch imposante Wohnungstüre haben wir leider nicht. Aber dieses Exemplar wäre auch gänzlich ungeeignet, denn es verfügt über keinen Türspion.

*Sie werden es bemerkt haben: Der Text ist schon einige Tage alt. Denn Sonne gibt es hier weit und breit nicht. Dafür 9 Grad und Regenschauer.

Ein katastrophal schöner Ausflug

Wir haben gestern einen sehr schönen Ausflug gemacht. Es war schrecklich!

Wobei der Ausflug an sich und die wundervolle Landschaft ganz besonders reizend waren. Nur wir, wir machten ihn zu einer Katastrophe. Alles fing mit einem leeren Scheibenwischer-Wischwasser-Tank an. Ich, als alleiniger und somit hauptverantwortlicher Fahrer, wollte und musste ihn, aus einem inneren Zwang heraus, unbedingt auffüllen. Der Römer, als lässiger Beifahrer, winkte ab. Wortwörtlich sagte er: „Maaa no! [Aaaber nein!] Wir schütten mit einer Plastikflasche etwas Wasser auf die Windschutzscheibe und das Problem ist gelöst.“ Seine südliche Gelassenheit traf auf meine starrsinnige Gewissenhaftigkeit, was dazu führte, dass sogleich mein fantasievolles, aber überängstliches Katastrophen-Center in meinem Kopf aktiviert wurde. „Und was machen wir, wenn ich das Wischwasser ADHOC brauche, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer meine Windschutzscheibe plötzlich verdreckt? Ein Traktor zum Beispiel! Oder ein LKW?“ Der Römer lachte. Wann sei das denn jemals passiert, wollte er von mir wissen. Ich zählte ihm vier Szenarien in den letzten zwölf Jahren auf, wobei zwei davon geflunkert waren. „Andrà tutto bene! [Es wird alles gut gehen!] Können wir jetzt losfahren? Signorino ist schon ganz müde.“ bat er und zog sich die dunkle Lederjacke über. Doch ich rührte mich nicht vom Fleck. Entweder wir fahren mit Wischwasser, oder aber das Auto bewegt sich keinen Millimeter von seinem Parkplatz. Der Römer guckte genervt, aber bemerkte rasch, dass der Fahrer des Autos das Hoheitsrecht hatte. Er knickte ein und wir holten Wischwasser an der Tankstelle. Mit Hilfe einer Videoanleitung lernte ich, wie ich überhaupt die Motorhaube öffnen konnte. Seit wir ein Auto haben, also seit letztem September, war dieser Vorgang nie von Nöten. Auch das Scheibenwischwasser reichte bis Mai dieses Jahres. Doch irgendwann musste es wohl zur Neige gehen. Warum das allerdings ausgerechnet heute passieren musste, erschloss sich mir nicht wirklich.

In der Videoanleitung wurde mir vom schwäbisch sprechenden Manfred in der dunkelgrauen Latzhose, sehr freundlich und kompetent gezeigt, dass man den Tank für das Kühlwasser bloß nicht mit dem Wischwasser verwechseln sollte. Sein grauer Schnauzer bebte, als er mir diesen Hinweis gab. Er meinte es wohl ernst. Dann rückte er sich die große Brille mit dem Goldrand zurecht und guckte fürs Video noch einmal ganz genau, welcher Tank der Richtige war. Die Kamera zoomte erst an den falschen Tank. Ein großes, feuerrotes X erschien und das Video wurde mit einem dröhnenden Laut untermalt, als hätte man gerade gesicherte Ware aus dem Drogeriemarkt stehlen wollen. Dann fokussierte die Kamera auf den richtigen Tank. Ein leuchtend grüner Haken erschien. Manfred drehte sich um und hielt lächelnd seinen Daumen in die Kamera. Ja, das musste der richtige Tank sein.

Der Römer und ich standen vor der offenen Motorhaube, während Signorino durch den Innenhof tollte. Während ich noch Manfreds Tipps bewunderte, riss der Römer bereits die hellblaue Abdeckung vom Wischwassertank und setzte sofort an, die gekaufte Flüssigkeit einzufüllen. „Nein!!!!“ schrie ich, wollte ich doch noch einmal ganz sicher gehen, dass das auch wirklich der richtige Tank war. Schließlich hatte mich Manfred eindrücklich gewarnt! „Ma che?! [Aber was?!] Das ist ganz sicher der richtige Tank!“ plusterte sich der römische Gatte in seiner Lederjacke auf. Ich kontrollierte noch einmal, verglich das Video mit der Realität und gab die Erlaubnis zum Einfüllen. „Tel‘ho detto. [Ich hab‘s dir doch gesagt.]“ maulte der Römer und ich beschloss seinen Satz zu überhören. Dann fuhren wir los.

Mittlerweile darf der Römer auch wieder auf dem Beifahrersitz sitzen, denn das Kind ist groß genug, das es mit dem Kopf nach vorne gerichtet fahren darf. Das wiederum bedeutet, dass Signorino, der es hasste mit Blick nach hinten befördert zu werden, nicht mehr beim Autofahren weint. Dafür schreit er jetzt bei jeder Kurve begeistert „Wow!!!“. Ob das ein Lob ist, dass ich die Kurve noch gekriegt habe oder ein ironischer Kommentar, kann ich Ihnen nicht sagen. Da er charakterlich eher nach dem Römer kommt, liegt die Vermutung nahe, dass es letzteres ist. Dazu kommentiert er jedes Auto, das uns überholt, mit einem, diese Aktion hinterfragenden „Hmmm?!?“. Ein bisschen fühlt es sich mit den männlichen Farnientes so an, als würde ich in einer nie enden wollenden Fahrprüfung sitzen. Der Kleine ist dabei der Fahrprüfer, der im Fond sitzt, während der Große der Fahrlehrer ist, der jede kleinste Aktion seines Schülers (also mir!) sofort und umfassend kommentiert. Nur, dass mein römischer Fahrlehrer sein Leben lang Beifahrer war und äußerst selten am Steuer saß.

Wir befanden uns mittlerweile irgendwo zwischen Frankfurter Hauptwache und Frankfurter Hauptbahnhof. Blöderweise fiel unsere Abfahrtszeit in die Mittagsschläfchenzeit unseres Sprösslings. Statt wie gewohnt einfach einzuschlafen, beobachtete Signorino all meine fahrerischen Manöver. An schlafen war bei dieser aufregenden Fahrt nicht zu denken. Schließlich kutschiert Mutti nicht jeden Tag die ganze Bande durch Frankfurt.

Nach einer sehr lang erscheinenden Fahrt erreichten wir schlussendlich unser Ziel. Leider waren die Parkmöglichkeiten schon sehr ausgeschöpft. Eine etwas intensivere Suche im Straßengewirr Schwanheims, einem Stadtteil Frankfurts, später, fanden wir doch noch ein freies Fleckchen für unser Auto. Doch just in diesem Moment fing es an zu regnen. Dicke, schwere Tropfen prasselten gegen unser Schiebedach und die Scheiben. Signorino fing an zu motzen, weil er natürlich nach dieser Autofahrt und unter Inanspruchnahme seiner völligen Konzentration schrecklich müde war. Der Römer schlug genervt vor, sogleich wieder nach Hause zu fahren. No, no! [Nein, nein!] Das klart nicht mehr auf, da sei er sich sicher, sprach er, sehr von seinen meteorologischen Fähigkeiten überzeugt.

Ich wollte meinen Kopf gegen das Lenkrad schlagen. „Entschuldige, amore mio!“, erwiderte ich knurrend, „Aber ich fahre euch doch nicht durch die ganze Stadt, um dann beim kleinsten Schauer wieder heimzugurken.“ Der Römer schüttelte bedauernd den Kopf und klopfte gegen die Scheibe. Er sehe keine andere Möglichkeit, antwortete er traurig. Ganz schwarz sei der Himmel. Nein, da ist er sich sicher, das klart heute nicht mehr auf. Ich atmete tief durch, reichte eine Flasche Wasser an den quengelnden Ableger und bat den Römer, sich in den Fond zu seinem Ableger zu gesellen. Er wollte empört insistieren, doch meine Begründung kam derart aus der Pistole geschossen, dass er keine Möglichkeit dazu hatte. Ruhig erklärte ich ihm, dass Signorino sicher noch zehn Minuten durchhalten könne, wenn er ihm auf dem Handy das Kinderlied Aramsamsam vorspielen könne. Mürrisch machte der Römer die Beifahrertür auf und schlüpfte in einem Bruchteil einer Sekunde in die hintere Autotür. Da saßen sie, die zwei Farnientes, und guckten fröhliche Kinderliedervideos. Das vormals laute Prasseln der Tropfen wurde schon beim zweiten Lied schwächer.

Ich sah meine Chance gekommen! Rasch stieg ich aus, öffnete den Kofferraum und klappte den Kinderwagen auf. Dann teilte ich dem Römer durch den Kofferraum mit, dass er Signorino die Jacke anziehen könne. Leise murrend tat er wie ich ihm gesagt hatte. Dann stieg er aus. Ein dicker Tropfen traf seine gestylten Locken. Verärgert guckte er gen Himmel, dann zu mir. Nein, bei diesem Regen könne er keinen Spaziergang machen. Es würde nichts helfen. Wir MÜSSEN wieder heim. Ich schüttelte vehement den Kopf. Guck doch, es hat aufgehört zu regnen, wiederholte ich nochmals. Er blickte noch einmal übellaunig zum Himmel. Sehr weit südlich konnte man sogar einen Streif hellblauen Himmels erahnen. Wortlos packte er den quengelnden Signorino in seine olivfarbene Karosse. Als es wieder leicht anfing zu tröpfeln, installierte ich die Regenhülle des Kinderwagens. Signorino beschwerte sich. Der Römer, dessen Naturlocken anscheinend aus Zucker bestanden, flüchtete fluchend ins Auto. Ich machte mit der monströsen Regenhülle einfach weiter und konzentrierte mich auf meinen Atem, der immer gepresster wurde. Sobald das maulende Kind verstaut war unter seiner Regenfolie, spannte ich einen Schirm auf und brachte ihn an die römische Autotür. Dort konnte ich einen übellaunigen Römer mit verschränkten Armen erkennen. Trotzig starrte er nach vorne. Ich klopfte an die Scheibe und der Römer öffnete das Fenster einen Spalt breit. „Du willst unbedingt diesen Spaziergang machen, oder?“ knurrte er. Ich nickte und murmelte ein „Wenn wir schon einmal da sind…“ Er schnappte sich den Schirm, ich mir Signorino und wir stapften los. Ich bat den Römer, noch einmal auf seinem Mobiltelefon zu schauen, wie der genaue Weg zur Schwanheimer Düne lautete. Er guckte nach und fand – nichts. „Wie? Die Wegbeschreibung findest du hundertprozentig bei einer Suchmaschine!“ sprach ich und auch mein Ton wurde genervter. „No! Non c‘è. [Nein! Die gibt‘s nicht.]“ versicherte mir der Römer. Ich ließ mir das Handy zeigen. „SCHWANheimer Düne!! Nicht SCHWEINheimer Düne.“ korrigierte ich seine Eingabe und hielt ihm sein Telefon hin. „Ah, mi sembrava già un po‘ strano. [Ah, es erschien mir schon etwas komisch.] Ein Schwan scheint auch deutlich eleganter zu sein als ein Schwein. Aber man weiß ja nie – hier in Deutschland.“ Er lachte über seinen eigenen Scherz. Ich nicht.

Das Kind schrie mittlerweile richtig laut, weil es so übermüdet war. Der Römer kämpfte sich durch die Kinderwagenregenhülle und fischte Signorino aus dem Buggy. Dieser ließ sich dankbar herausnehmen und kuschelte sich an die Lederjacke seines Vaters. Ich fuhr derweil den Kinderwagen. Der Römer trug den müden Ableger. „Nie wieder!“ dachte ich. „Nie wieder mache ich mit euch beiden einen Ausflug.“ Signorino schlief während meinem Gedanken ein und der Römer bemerkte: „Das ist aber schön hier an der Schweinheimer Düne.“ Ich musste lachen. „Schwan!!! Schwanheimer Düne.“

Nach weiteren fünf Minuten legten wir den dösenden Signorino in den Buggy. Er verschlief den kompletten Ausflug. Immerhin tankten wir etwas frische Luft und erfreuten uns an der schönen Landschaft. Der Himmel zog auf, als wir durch die Natur spazierten, und die Sonne lachte vom Himmel. „Bella, questa gità! [Schön, dieser Ausflug!] Gut, dass wir nicht heimgefahren sind.“ stellte der Römer am Ende des Ausfluges fest. Ich nickte müde. Ja, hier an der Schweinheimer Düne ist‘s wirklich schön.

Aber nächstes Wochenende bleiben wir lieber daheim.

P.S. Nicht nur die Schwanheimer Düne ist ein Grund zur Freude, nein, auch mein letzter Teil der Albanienchroniken ist endlich fertig. 😃 Und ja, ich bin ein bisschen stolz, dass ich es endlich geschafft habe, den letzten Teil fertig zu stellen. Nachdem ich ihn lektoriert habe, wird er selbstverständlich veröffentlicht.