Steuererklärung auf römisch

Wie unschön Steuererklärungen sind, wissen Sie sicher. Als mündige, erwachsene Bürger hatten Sie sicher mehr als einmal das Vergnügen aktiv oder passiv in den Steuerdschungel einzutauchen.

Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber seit ich Mutter eines kleinen Signorinos bin, kümmere ich mich sehr gerne um die Steuererklärung. Fast möchte ich soweit gehen und Ihnen leise flüsternd verraten, dass ich mich bereits seit Anfang 2020 auf die 2021 fällige Steuererklärung freue. Nicht etwa, weil ich auf eine Rückzahlung hoffe. Wobei ich einer Rückzahlung generell nie abgeneigt bin. Nein, nein, viel mehr, weil ich ein paar ungestörten Stunden nicht abgeneigt bin. Nur ich, mein Computer, die giftgrüne Mappe mit dem hübschen Wort „tasse“ (Steuern) auf dem Einband und eine schöne Tasse Tee.

Es sind wahre Mußestunden. Doch wie es mit der Ruhe und Entspannung oft so ist, früher oder später kommt jemand, der sie Ihnen streitig machen will.

Am Montag war es, als mir der Römer die Lohnsteuerbescheinigung 2020 auf den Schreibtisch legte. Ich lächelte zufrieden, wusste ich doch, dass nun die Zeit reif war für einen ungestörten Nachmittag in meiner ganz privaten Steueroase. Der Römer indessen hatte die nicht minder wichtige Aufgabe, mir jegliche Störungen, egal wie süß und tapsig sie sind, vom Leibe zu halten. Steuererklärungen erfordern eine größtmögliche Portion an Konzentration, Akkuratesse und Spürsinn. Gegen eine schöne Tasse Tee und ein paar italienische Kekse ist dennoch nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil, sie sind dem Ergebnis sogar zuträglich, möchte ich behaupten.

Während ich die giftgrüne Mappe aufschlug um schon einmal die Rechnungen zu sortieren, nahm das Unglück Fahrt auf. „Scusa amore, mi potresti far vedere come si fa?„[Entschuldige, Schatz, aber könntest du mir zeigen wie man das macht?] durchbrach der Satz des Römers die sich langsam ausbreitende Ruhe. Ich guckte ihn höchst irritiert an, bekam ich es doch mit der Angst zu tun, meine Mußestunden abgeben zu müssen.

Die Steuererklärung?“ fragte ich und kannte doch bereits die Antwort. „Esatto. Mi interessa.“ [Genau. Das interessiert mich.] gab der Römer neugierig zurück und guckte mir über die Schulter. „Puh…das ist einfacher gesagt als getan. Jahre, ach was, Jahrzehnte hat es mich gekostet, überhaupt einen ungefähren Plan zu haben, wie das alles von Statten geht. Turtle zum Beispiel, machte extra eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten, so kompliziert schien es ihr. Und mittlerweile versucht sie sogar Steuerberaterin zu werden, weil sie immer noch nicht recht weiß wie es funktioniert.“ versuchte ich ihm durch massive Abschreckung die Idee auszureden. „C’è lo possiamo provare.“ [Wir probieren es trotzdem.] sprach der Römer überzeugt. Ich nickte nur langsam und starrte auf meinen ungeöffneten Teebeutel. „Oase der Entspannung“ stand auf ihm, doch ich glaubte ihm nicht mehr so recht.

Heute Abend dann? Wenn Signorino schläft? Anders geht’s ja nicht. Einer muss auf ihn aufpassen und normalerweise mache ich die Steuern alleine, während du aufpasst. Einfach wird das eh nicht, aber….“ versuchte ich die Sache komplizierter zu machen als sie ist. Er unterbrach mich mit einem „stasera“ [heute Abend]. Dann drehte er sich um und ging in die Küche um sich dem Bräunungsgrad der Cannelloni im Ofen zu widmen.

Abends, Signorino schlief bereits seit dreißig Minuten, fanden wir uns dicht an dicht vor dem grellen Bildschirm ein. Weder eine Kanne Tee, noch Kekse waren auf meinem Schreibtisch, denn Gemütlichkeit würde bei diesem Thema heute garantiert nicht einziehen. Der Römer stellte seinen entkoffeinierten Espresso auf den Tisch und verrührte etwas Zucker in der dunkelbraunen Flüssigkeit. Ich kaute stattdessen nervös auf meinem Minzkaugummi herum. Dann griff ich beherzt zur giftgrünen Steuermappe und schlug sie auf. „Fürs Erste würde ich dich bitte, einfach nur unsere persönlichen Daten in dieses Programm einzutippen. Fang gerne mit dir an: Name, Anschrift, Beruf, Steuernummer,…“ zählte ich auf und vertiefte mich demonstrativ in eine Rechnung. „Okay, facile. [Okay, einfach.]“ gab er zurück und tippte los. Ich schielte immer mal wieder zu ihm und guckte, was er tippte. Nachdem er seinen Namen, unsere Straße und schlussendlich den Ort ausgefüllt hatte, guckte er mich fragend an. Mit zusammengekniffenen Augen dachte er angestrengt nach. Dann wandte er sich wieder dem Computer zu und tippte eine 6 ein. Wieder guckte er auf und fixierte mich fragend. „Jaaaaa?“ wollte ich wissen und guckte von meiner Rechnung hoch. „Il CAP è 6….e poi?“ [Die Postleitzahl ist 6….und dann?]“ erkundigte er sich bei mir. „Amore, wir wohnen seit dreieinhalb Jahren hier!“ gab ich beunruhigt zurück. Noch eh ich ihn fragen konnte, wie er seit Jahren Behördengänge und Bestellvorgänge absolvierte, hatte er die Antwort bereits in einer Suchmaschine gefunden. Siegessicher lächelte er mich an. „Man muss nur wissen, wo es steht.“ murmelte der Römer während er sich wieder seiner Aufgabe widmete. Nach einer Weile stand er auf, ging zu seinem Geldbeutel, holte seine Krankenkassenkarte und guckte sie kurz an. Dann tippte er los. Ich fragte mich seit wann das Steuerprogramm nach der Versichertennummer fragte. Aber, zugegeben, allzu vertraut bin ich mit den neuen Gesetzesänderungen nicht.

Ok, manca una ciffra.“ [Ok, es fehlt eine Ziffer.] stellte der Römer nach mehrmaligem Kontrollieren fest. Ich drehte mich zu ihm und guckte, was er eingegeben hat. „Woher hast du denn die Steueridentifikationsnummer? Die steht doch in dem großen Ordner. Oder weißt du sie etwa auswendig?“ hakte ich verwundert nach. „Ma è scontato. C’è sempre scritto sulla tessera sanitaria.“ [Aber das ist selbstverständlich. Schon immer steht diese auf der Krankenkassenkarten.] gab er etwas hochmütig zurück. „Seit wann?“ fragte ich nach während ich die Karte hin- und herdrehte und danach suchte. „Amore! Die Versichertennummer IST die Steuernummer. Die beiden sind identisch.“ erklärte er mir zunehmend genervter. Ich runzelte meine Stirn und zwei dicke Furchen bildeten sich zwischen meinen Augenbrauen. „Das wäre mir neu.“ sprach ich kurz und suchte im Internet mehr Informationen über seine These. Wenn es eine Änderung dieses Kalibers gegeben hätte, hätte doch das Finanzamt oder die Krankenkasse einen Informationsbrief geschickt? Ich wühlte in dem gut gefüllten Ordner mit der Aufschrift „Finanzkram“.

Schließlich fiel mir die Steueridentifikationsnummer in die Hände. Ich verglich sie mit der Versichertennummer der Krankenkasse. Nein, die beiden hatten rein gar nichts gemeinsam. Außer natürlich, dass sie aus wild zusammengewürfelte Ziffern bestanden. Die Krankenkasse nahm sich das Recht heraus, ihre Nummernfolge mit einem neckischen Buchstaben zu versehen. Langsam schüttelte ich meinen Kopf und gab dem Römer den Brief mit der Steueridentifikationsnummer, damit er sich noch einmal vergleichen konnte. „Strano. In Italia c’è scritto ovunque il codice fiscale*.“ [Komisch. In Italien steht überall die Steuernummer.] klärte er mich auf. „Aaaaah!“, jetzt fiel der Groschen auch bei mir, „In Italien!! Sag das doch gleich. Wir haben in Deutschland für alles eine eigene Nummer.“ Desillusioniert und verwirrt guckte mich der Römer mit seinen großen, blauen Augen an. „Germania è un paese molto strano. [Deutschland ist ein sehr seltsames Land.] Wo die Deutschen praktisch denken könnten, tun sie es nicht. Und wo sie es tun, braucht man es nicht.“ Nach diesem Satz tippte er die richtige Steueridentifikationsnummer ein, streckte sich und gähnte. „Mi sembra che dura un botto di tempo. [Es scheint mir, als würde das ewig dauern.]“ gab er nun zu und gähnte noch etwas lauter und übertriebener. „Amore, ich schätze deinen Einsatz sehr. Aber du nimmst mir schon so viel ab – die Steuererklärung musst du mir nicht auch noch abnehmen.“ versuchte ich ihm sein Vorhaben ein letztes Mal auszureden. „Hai raggione. Non posso fare sempre tutto io. Grazie, amore. [Du hast Recht. Ich kann nicht immer alles machen. Danke, Schatz.]“ gab er mir Recht und küsste mich auf die Stirn. Ich lächelte, dann streckte ich mich und gähnte ebenso herzhaft wie der Römer vor wenigen Momenten. „Morgen mach ich das. Heute bin ich schon zu müde.“ verkündete ich und erntete ein verständnisvolles Nicken vom Römer.

Am nächsten Vormittag stand eine dampfende Tasse „Oase der Entspannung“ vor mir. Die zweifarbigen Kekse waren griffbereit auf einem Tellerchen angerichtet. Zufrieden klappte ich den Laptop auf, während ich im Hintergrund den Römer hörte wie er mit Signorino schimpfte. Anscheinend hatte er Klopapier in einem unachtsamen Moment geklaut, zerrissen und überall auf dem Weg in die Küche verteilt. Lautstark fluchte und rief der Römer nach dem flüchtenden Kleinkind. Ich seufzte selig. „Na, dann wollen wir mal. Die Steuernummer müsste so stimmen…. Erster Punkt: Beruf!“ Während ich unsere Berufsbezeichnungen eintippe, lächelte ich, denn schließlich hatte ich meine Mußestunden des Jahres zurückgewonnen. Wie es schien, für immer.

*codice fiscale – die italienische Steuernummer – oder wie der Römer sagt: „Senza sei morto in Italia. [Ohne bist du tot in Italien]“ Nichts läuft ohne die Steuernummer. Ein Bankkonto eröffnen? Aber klar doch, wie lautet denn die Steuernummer? Denn ohne italienische Steuernummer gibt es kein Bankkonto, keine (Kranken-)Versicherung, kein nichts. Jeder gute Italiener oder in Italien lebende weiß sie auswendig – und wenn nicht, dann kann er die Nummer mit einem schnellen Blick auf seine Krankenkassenkarte abrufen. Wer keine beantragen möchte, aber einen codice fiscale auf die schnelle braucht, kann sich auf einigen Internetseiten schnell und gratis den codice fiscale berechnen lassen.

Was kalt gewordene Nudeln mit dem Frühling zu tun haben

Der Frühling ist da!

Und wissen Sie, wie ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin? Nicht etwa durch die Schwärme an fröhlich zwitschernden Singvögeln, die sich hier und dort niederlassen. Auch nicht durch die ersten, zarten Maiglöckchen und Krokusse, die sich unbeirrt durchs Dickicht kämpfen.

Nein, nein. Es war ein so unverwechselbares Zeichen, dass es keinen Zweifel mehr an der Ankunft des Frühlings gab:

Wir kamen gerade von unserem Spaziergang am frühen Mittag. Just daheim angekommen, packte uns der Hunger. Ich setzte Nudelwasser auf, ließ eine Kinderhand voll Meersalz hineinrieseln und wartete bis sich das Wasser dazu bequemte, den Siedepunkt zu erreichen. Währenddessen guckte der Römer im Kühlschrank, welches Beiwerk der pasta integrale [Vollkorn Pasta] gerecht werden würde. „Mozzarella, basilico, pomodorini,….[Mozzarella, Basilikum, Kirschtomaten,…]“ zählte er nachdenklich auf. Dann drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu mir um: „È arrivata la primavera. [Der Frühling ist da.]“Wie man das mit einem Blick in den Kühlschrank feststellen könne, fragte ich ihn. „Guarda! [Schau!]“ sagte er und zeigte entzückt auf die eben aufgezählten Nahrungsmittel. Ich konnte keinen Frühling in unserem Kühlschrank erkennen – und ich gab mir wirklich größte Mühe. Stattdessen schlug mir eine gähnende Leere und die damit verbundene Dringlichkeit, heute unbedingt noch einkaufen zu gehen, aufs Gemüt. „Ich seh‘ nix. Besonders keinen Frühling.“ antwortete ich trotzig. Ich fühlte mich vom Römer mehr als verspottet. „Als ob der Frühling sich plötzlich in unseren Kühlschrank breit macht. Das ist doch lächerlich.“ keifte ich, während ich die rohen Nudeln ins Wasser kippte.

„Amore! Non lo vedi? [Liebling! Siehst du das nicht?]“ fragte der Römer nun etwas bestimmter. Ehrlich gesagt, hielt ich ihn langsam, aber sicher für verrückt. Ich starrte ihn ausdruckslos an. „Abbiamo tutti gli ingredienti a casa per fare una pasta fredda! Altro non c’è.“[Wir haben alle Zutaten für eine pasta fredda zu Hause! Es gibt nichts anderes.]“ strahlte er mich fröhlich an. „E questo vuol dire che è arrivata la….[Und das bedeutet, dass er angekommen ist, der…]“

PRIMAVERA!!! [Frühling!!!]“ schrie ich auf als endlich der Groschen fiel. Aber natürlich! Wie konnte ich nur so blind sein, wenn der Frühling sich mir doch förmlich ins Gesicht sprang. Die pasta-fredda-Saison (kalte Pasta mit Tomaten und Mozzarella) hat begonnen. Und ich habe es nicht einmal erkannt. Als ob es ein eindeutigeres Zeichen für den Frühling gäbe!

Während die Germanen, wie der Römer uns nennt, die Grills und Smoker aus dem Keller schleppen, sie abdecken, reinigen und in großen Mengen Würstchen und Koteletts kaufen, so ist es in unserem italbanischen Haushalt die Zubereitungsart der Pasta, die sich den Jahreszeiten anpasst.

Die Erklärung dafür ist eine ganz einfache: Stellen Sie sich vor, Sie sind in Italien. Das Thermometer kratzt an der 35 Grad Marke. Die Stadt ist stickig und die Hitze ist drückend. Erst am späten Nachmittag setzt der frische Meereswind ein und bringt etwas Erleichterung. Doch es ist erst Mittag. Denken Sie in dieser Szenerie nun an einen dampfenden Teller Pasta vor sich. Würde Ihnen bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen? Wohl eher nicht. Sie würden sich nach einer Abkühlung sehnen. Vielleicht aber auch nach einer Mahlzeit, die über ein paar Scheiben Wassermelone hinausgeht. Und tadaaaa! Hier kommt die pasta fredda ins Spiel. Doch machen Sie niemals den Fehler, die pasta fredda als italienischen Nudelsalat zu bezeichnen. Es sei denn, Sie ersehnen sich nach dem Status des „ospite non grata“*.

Sie sehen, noch eindeutiger als heute könnte sich der Frühling gar nicht nicht zeigen.

*ein nicht erwünschter Gast

Plebejer, die nerven.

Plebejer, die nerven.

Haben Sie schon einmal versucht einen Text zu verfassen, während hinter Ihnen jemand steht und penetrant einen Apfel kaut? Nein? Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Eben weil es nicht geht! Das wissen Sie so gut wie ich. Nur der Plebejer* in meinem Haushalt, der weiß es nicht.

„Über was schreibst du?“ fragt der Römer während er sich mit der linken Hand an meiner Stuhllehne abstützt und mit der rechten Hand den halb angeknabberten Apfel umklammert. „Über den Einen. antworte ich knapp und konzentriert. „Wer ist denn der Eine?“ packt den Römer die Neugier und er starrt interessiert auf meinen Computer-Bildschirm. „Mein bester Freund.“ gebe ich abermals kurz angebunden zurück. „Aaaah! Simon!“ erleuchtet ihn meine Antwort. Nach einer – nur wenige Sekunden andauernden – Pause hakt er nach: „Come sta Simon? [Wie geht es Simon?]“ Dazu beißt er in seinen rot glänzenden Apfel, der knackend nachgibt. „Gut.“ sage ich und hoffe, dass er nach der dritten, äußerst kargen Antwort versteht, dass er stört.

Doch er steht weitere zwei Minuten hinter mir und ich spüre seinen warmen Atem in meinem Nacken. Innerlich laufe ich Amok, wollte heute aber von einer unnötigen Diskussion absehen. Deswegen versuche ich mich zu beruhigen mit dem Ziel damit meine Konzentration wiederzufinden. Dieses Vorhaben ist jedoch komplett sinnlos, wenn der eigene Ehemann hinter einem steht und guckt, was man schreibt. „Ah! Questo è vero! [Ah! Das ist wahr!]“ gibt der Römer mir Recht und zeigt auf einen Abschnitt meines Textes. „Simon è veramente un bravo ragazzo. Peccato che è morta sua madre, vero? [Simon ist wirklich eine gute Person. Schade, dass seine Mutter gestorben ist, richtig?]“ führt er weiter aus. „Ja.“ gebe ich ihm Recht und stütze meinen schwer gewordenen Kopf auf der linken Hand ab.

Mein Gemahl steht immer noch wie festgeschraubt hinter mir. Der Apfel ist nun verspeist und er beginnt jetzt damit, sich seine Fingergelenke einzurenken, was beeindruckend laut knackst. Nach einer weiteren Minute eröffnet er mir: „Scrivi veramente veloce. Pazzesco! [Du schreibst wirklich schnell! Abgefahren!]“ Ich nicke langsam und schiebe ein langgezogenes „Hm.“ hinterher. Er streckt sich derweil und will während seiner Stretching Übungen wissen: „Ma hai mai fatto un corso? [Aber hast du jemals einen Kurs gemacht?] Oder wo hast du das gelernt?“

Ich schlage die Augen nieder, obwohl ich statt der Augen lieber ihn niederschlagen würde. Doch als überzeugter Pazifist atme ich lieber sehr lange aus. Mindestens sieben Sekunden lang. Am Ende meines Atemzuges angekommen hört es sich an als würde ein wildes Tier knurren, da mir die Luft ausgeht. „In der Schule.“ gebe ich bestimmt zurück und lese meinen Absatz noch einmal Korrektur. „Ah… war das Pflicht?“ will der Römer nun wissen. „Nein. Meine Eltern bestanden darauf.“ erkläre ich. „Ma guarda come scrivi adesso! [Aber schau wie du jetzt schreibst!] Das war doch eine super Idee von deinen Eltern!“ antwortet er euphorisch. Ich ignoriere seine Erkenntnis und versuche mich weiter in meinen Text zu vertiefen.

„Il bimbo dorme da un bel po‘, vero? [Das Kind schläft seit einiger Zeit, richtig?]“ stellt er jetzt fest und fängt an, eine in Raschelpapier eingepackte Praline auszupacken. „Ja.“ ist abermals meine Rückmeldung zu dieser Feststellung. „Strano. [Komisch]“ äußert er sich verwundert und schiebt nun die Schokokugel mit der Pistazie obendrauf in seinen Mund. „Vabbè, io ho da fare. Non ti disturbo più. [In Ordnung, ich habe zu tun. Ich störe dich nicht weiter.]“ verkündet er schlussendlich und ich atme erleichtert und lächelnd ein.

Zurück zum Text.“ säuselt meine innere Stimme zufrieden. Für einen Moment schließe ich die Augen um den Anschluss an meine Geschichte zu finden.

Doch die mehr als überfällige Stille wird durch das Babyphone unterbrochen, das sich just in diesem Moment einschaltet. Signorino erzählt über mehrere Oktaven hinweg: „WauWauWau…Dadada…Mamama.

Der Römer fühlt sich allen Ernstes dazu berufen, Signorinos Erwachen mit „Ah, il bambino è sveglio. Ci vai tu? Perché io ho veramente tanto da fare! [Ah, das Kind ist wach. Gehst du? Weil ich hab wirklich viel zu tun!]“ zu kommentieren.

Bei so viel Dreistigkeit knurre ich nur noch leise – gefolgt von einem penetrant lauten Seufzer. Danach speichere ich meinen Text ab, klappe den Laptop zu, nehme einen von Signorinos Stoffbällen, werfe dem Römer den Ball gegen den Hinterkopf und gebe zurück: „Sehr gerne, du Ar§chkeks.“

Ma che c’è? [Aber was ist los?]„, will er nun völlig erstaunt wissen, „Perché sei arrabiata? [Warum bist du sauer?]“

Ich schüttle nur den Kopf und gehe ins Schlafzimmer um Signorino zu holen. Fröhlich glucksend begrüßt er mich – bereits im Bettchen stehend. „Also, mit euch beiden braucht man echt gute Nerven – oder ein abschließbares, lärmgedämmtes Arbeitszimmer…. “ Ich hebe ihn aus dem Bett. „Oder Ohrstöpsel!“, fällt es mir brandheiß ein, „Man! Warum bin ich da denn nicht früher daraufgekommen?“ Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Signorino lächelt belustigt und ich gebe ihm einen dicken Kuss. „Manchmal liegt die Lösung so nah…

*Plebejer: Die Plebejer waren in der römischen Republik das einfache Volk, das nicht dem alten Adel, den Patriziern, angehörte. Es bestand vor allem aus Bauern und Handwerkern. Sie galten als Römer und standen nach den Ständekämpfen unter dem Schutz des römischen Rechts. Quelle: Wikipedia.

Von Marco Soda und dem Salon Barras.

Von Marco Soda und dem Salon Barras.

Io odio Soda. [Ich hasse Soda.]“ hört man den Römer immer wieder durch die Wohnung murmeln, die er im mit langen, nachdenklichen Schritten durchquert als würde er sie vermessen wollen. „Odio, odio, odio veramente Soda. [Ich hasse, hasse, hasse wirklich Soda.]“

Nun krabbelt ihm Signorino, der sich unbemerkt aus dem Bad in den Gang geschlichen hat, vor die Füße. Er bremst ab, hebt ihn hoch und bringt ihn zurück zu mir. Ich hingegen bin in einer wichtigen Mission unterwegs: Die Befreiung unseres Abflusses von Haaren. „Amore!!“ ruft der Römer viel zu laut. Er steht in der Badtür, Signorino zappelt und will auf dem Boden abgesetzt werden. „Ja.“ antworte ich knapp und in meine Aufgabe vertieft, die quietschgelben Gummihandschuhe bis zum Ellbogen, einen fachmännisch von mir angeritzten Kabelbinder in der Hand, in dem sich möglichst viele Haare verfangen sollen.

„Io odio Soda! [Ich hasse Soda!]“ wiederholt er nun sein Mantra noch etwas lauter für den Fall, dass ich es nicht schon in den letzten Minuten mitbekommen habe. „Sodawasser?“ frage ich, denn ich weiß beim besten Willen nicht, welches Problem er mit Back- oder Waschsoda haben könnte. „No! Soda! Der bayerische Ministerpräsident!“ klärt er mich flapsig auf. „Aaaaaah! SÖDER! Markus Söder!“ wiederhole ich, denn darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Der Vorzeigefranke und er stehen im Klintsch. Zu lange kenne ich den Römer, als dass mich diese Information noch wundern würde. „Si, Marco Soda. È veramente un barbaro. [Ja, Marco Soda. Er ist wirklich ein Barbar.]“, wiederholt er bestätigend. Seine Zornesfalte unterstreicht die eben ausgespuckten Sätze grimmig. Es muss folglich ernst sein!

Nach diesem politischen Geständnis, widme ich mich wieder dem Abfluss. Woher genau diese Abneigung kommt, erfahre ich sicher gleich. Denn der Römer erzählt gerne ausschweifend von seinen Problemen in jeglicher Colour. Da lassen wichtige Details wie das „Warum“ nicht lange auf sich warten.

„Allora, il mio problema è questo: [Also, mein Problem ist dieses:]“ , setzt er an, „Marco Soda hat den Lockdown verlängert. Bei seiner Frisur absolut nachvollziehbar, schließlich drückt die aufgestellte Haartolle aus, dass er sich sehr oft mit der flachen Hand gegen die Stirn schlägt. Seinen doch recht einfachen Haarschnitt kriegt auch seine Gattin in wenigen Minuten mit der Haarschneidemaschine hin….“ Er atmet tief durch.

Indessen versuche ich zu erraten wie diese beiden Informationen miteinander zusammen hängen könnten. „Warum spielt die Frisur des bayerischen Ministerpräsidenten eine Rolle bei der Lockdown Verlängerung?“ frage ich rätselnd, denn ich finde partout keine Antwort darauf.

„Das liegt doch auf der Hand!“, blafft der Römer, „Alle Friseure sind zu – bis mindestens Ende Januar. Und das wiederum hat Soda schon eine Wochen vor dem Ende des aktuellen Lockdowns angedeutet. Er ist der einzige Politiker, der die Hiobsbotschaften schon weit vor dem eigentlichen Entschluss herausposaunt, deswegen trifft ihn die alleinige Schuld.“ Er seufzt und holt wieder Luft: „Wenn ich keine Naturlocken hätte, sondern dieses dünne, deutsche Haar, das schlaff vom Haupt herunterhängt, wäre das für mich auch kein großes Drama. Aber ich bin Südländer! Meine Haare wachsen wie verrückt, sie wellen sich, müssen ausgedünnt werden, teilweise gekürzt, aber nicht zu viel. Die Seiten müssen angestutzt werden, Übergänge müssen sich sanft an meinen Kopf anschmiegen. Und die Wirbel erst! Zwei Stück habe ich, die an herausfordernden Stellen liegen. Da muss ein Spezialist wie Jimmy [sein Friseur] ran!“ erklärt er mir in aufgebrachten Ton.

Mittlerweile habe ich meine Abflussreinigungsaktion beendet, ziehe die Handschuhe aus und streichle Signorino, der gerade alle Handtücher ausräumt, über das wenige, dünne, deutsche Haar.

„Also, mir ist bewusst, dass ich ganz sicher nicht Jimmy bin, aber ich kann mir Anleitungen im Internet anschauen und es gerne versuchen…“ fange ich hilfsbereit an und kenne doch bereits seine Antwort: „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Als ob man mal eben in einem Video lernen kann, wie man meine Haare fachmännisch schneidet? Friseur ist ein Beruf, der erlernt werden muss. Und selbst dann trennt sich die Spreu sehr stark vom Weizen. Es hat mich zwei Jahre gekostet, einen Profi-Friseur wie Jimmy überhaupt in Frankfurt zu finden.“ rattert er mir seine Sichtweise herunter. Ich nicke nur und gehe davon aus, dass das Thema nun für uns beendet ist.

Doch weit gefehlt.

Die Tage verstreichen, die Haare des Römers werden immer länger. Die Ohren sind zwar gerade noch so unbedeckt von seiner welligen Haarpracht, aber auch dieser Zustand wird sich bald ändern. Der Römer wird sichtlich verzweifelter.

An diesem Abend, Signorino ist schon längst im Bett, stützt er sich nach dem Abendessen mit beiden Händen auf dem Tisch ab: „Okay, ci provo. Non ho un’altra scelta. [Okay! Ich versuch’s. Ich habe keine andere Wahl.]“ erklärt er mir mit ernster Miene und stolziert ins Bad. Wenig später kann man das Summen des Haartrimmers hören. Nach 25 Minuten, oberkörperfrei, seine Schultern sind mit unzähligen, kurzen Haaren bedeckt, die es sich nach und nach auf dem Wohnzimmerfußboden gemütlich machen, steht er vor mir. „Ho bisogno del tuo aiuto.“ spricht er so leise, dass ich es beim ersten Mal nicht verstehe (oder verstehen will 😉 ). Er wiederholt seinen Satz – nun etwas lauter. „Ach, meine Hilfe!? Aber natürlich! Wie kann ich dir behilflich sein?“ erwidere ich süffisant grinsend. Er erklärt mir, dass ich seinen adretten Schnitt, Marke Eigenbau, etwas ausbessern solle. Außerdem hat er versucht, sich auch am Hinterkopf die Haare zu stutzen, vermutet aber, dass es etwas „unrund“ geworden ist.

Wir gehen ins Bad. Dort angekommen, schalte ich die „Festbeleuchtung“ an. Alle verfügbaren Lichter brauche ich nun, denn schließlich nehme ich meine Aufgabe als Coiffeuse sehr ernst.

Doch ich merke recht schnell: Die Lage ist ernst und dringlich – und exakt so sollte dieses Problem auch behandelt werden.

Ich gucke mir an, was der Römer sich angetan hat. Definitiv schneidet auch er nicht auf dem Niveau seines Friseurs Jimmy. Doch Glück im Unglück: Er schneidet auch nicht so schlecht, dass nichts mehr zu retten wäre. Zugegeben, die Übergänge sind mitunter etwas hart. Steinhart, wenn man so will. Es sieht auf seinem Kopf aus, als würden sich die Wellen und Locken nicht so recht sicher sein, ob sie nun kurz oder lang gehalten werden wollen.

An seinem Hinterkopf fällt mir besonders die moderne Interpretation eines langen Irokesenschnittes mit leichten Wellen ins Auge. Das habe ich so noch gar nirgends gesehen. Mir imponiert der avantgardistische Stil, den er versucht hat in sein Haupthaar zu integrieren. Wahrscheinlich könnte man ihn auch so auf seine Patienten loslassen, wenn man ihnen erklären würde, was „radical chic“ ist. Aber ich vermute, dass er das nicht möchte.

Er unterbricht meine Gedanken, in dem er auf eine Parfümwerbung auf der Rückseite einer Zeitschrift zeigt. Es ist ein Duft eines italienischen Modedesigner-Duos. Das männliche, braun gebrannte Model sitzt auf einem weißen Boot, nur mit einem knappen, weißen Badehöschen bekleidet. Im Hintergrund glitzert das tiefblaue Meer rund um die Faraglioni-Felsen vor Capri. Das schwarze, lockige Haar sitzt perfekt. Die blauen Augen strahlen herausfordernd.

Ja, klar!“, lache ich laut, „Gib mir viereinhalb Jahre Zeit, die ich zwischen Friseurumschulung und Meisterausbildung verbringe und ich schneide dir genau das.“ Er guckt mich eingeschnappt an. „Du kannst es doch wenigstens mal versuchen!“ motzt er und hält sich provokativ die Zeitschrift mit dem Bild zu mir vor die nackte Brust.

In diesem Moment lasse ich unerwähnt, dass er mich Tage zuvor für absolut unfähig hielt auch nur eine Schere richtig zu halten und nun soll ich ihn in das männliche Model aus der Werbung verwandeln. Der Mann hat Humor – das muss man ihm lassen.

Ich nehme den Trimmer und trimme mal hier, mal da, bis zumindest der modern interpretierte Irokosenschnitt weicht. Dann mache ich mich an die Übergänge, merke aber schnell, dass ich mit dem Haartrimmer an meine Grenzen komme. Mangels professioneller Haarschere, gleiche ich etwas mit der Nagelschere aus. Es ist nun deutlich besser, aber noch Galaxien von Jimmys Künsten entfernt. Ich seufze resigniert und lasse die Schere sinken.

Der Römer weist mich an, den Schminkspiegel, der nun zum Friseurspiegel umfunktioniert wurde, mal links, mal rechts zu halten, damit er jede Ecke begutachten kann. Er schüttelt den Kopf. „Vabbè [In Ordnung], du hast es versucht. Comunque, grazie. [Trotzdem danke.]“ Den restlichen Abend sieht man ihn nur noch mit Mütze vor dem Fernseher sitzen. Es muss wirklich schlimm für ihn sein, wenn er selbst daheim seine Haarpracht unter einer Kaschmirmütze verstecken muss.

Am nächsten Tag, es ist bereits später Mittag, höre ich Dieter und ihn angeregt im Hausflur quatschen. Beschwingt schwebt der Römer wenige Minuten später durch die Haustür. „Ho trovato il mio parucchiere: [Ich habe meinen Friseur gefunden:] Dieter! „ berichtet er mir aufgeregt und lächelt zufrieden. Ich gucke etwas überrascht, nicke dazu aber langsam (und ungläubig). „Dieter hat im Salon <<Barras>> gearbeitet als er jung war. Er meint, er hat dort nur Herrenhaarschnitte gemacht.“ ergänzt er freudig. Ich grinse, doch der Römer scheint es gar nicht zu bemerken. Heiter setzt er fort: „Er holt nur eben seine Friseurschere und einen alten Kittel von oben. Und ich muss schon einmal den Stuhl in den Innenhof raustragen. Er schneidet mir draußen die Haare – mit Maske und Daunenjacke. Sicherheit geht vor. Du weißt schon… Aerosole und so.

Noch ehe ich aufklären kann, das Dieter in keinem feinen Salon (ganz im Gegenteil!) gearbeitet hat, zischt der Römer mit einem Küchenstuhl an mir vorbei.

Nur 15 Minuten später kommt er durchgefroren, aber glückselig, mit neuer Frisur und seinem Stuhl zurück. „È fantastico. [Das ist fantastisch] Etwas kurz, aber Dieter weiß wirklich, was er da tut.“ berichtet mir der Römer euphorisch. Zufrieden streicht er sich über die raspelkurzen Haare.

Ich muss zugeben, der Römer hat Recht. Ein wirklich sehr schöner Schnitt für einen Oberleutnant. Zwar äußerst kurz, aber bei jeder Musterung würde der Römer mit Pauken und Trompeten genommen werden.

Dass Dieter in keinem Friseursalon mit dem Namen „Barras“ gearbeitet hat, sondern für die Bundeswehr (= umgangssprachlich Barras), löse ich nicht auf. Denn wer weiß, wie lange dieser Lockdown noch dauert und wie oft er Dieters Friseur-Expertise noch in Anspruch nehmen muss.

Wenigstens habe ich dank Dieters „Salon Barras“ in unserem Innenhof ein relativ dramafreies Leben.

Der Römer beim Nachjustieren… was wie Rückenhaare anmutet, sind seine Friseurkünste des Oberkopfes. 😄

Tocca a te [Du bist dran!]

Ach, lassen Sie die Späße! Sie hören Sich an wie der Römer, der schelmisch grinsend vor dem Fernseher sitzt, während ich meine Runden drehe.

Ich stehe im Ring und meine Hüfte hangelt sich mutig und kampfbereit an meinem Hula Hoop Reifen entlang. Doch dieses Mistding, das sich farblich zwischen überfahrener Frosch und zu viele Algen im Teich bewegt, fällt immer wieder zu Boden. Unter Ächzen und „Mein Rücken!“-Rufen hebe ich ihn schwerfällig auf.

Währenddessen bewundere ich die Gesichtsmuskelspannung des Römers, die sich keinen Millimeter von ihrer vorherigen Position bewegt hat. Seit Minuten strahlen seine Mundwinkel, festgetackert an den Ohren, eine grenzenlose Freude und einen unbändigen Spaß aus. Grund ist seine Frau, die sich hoffnungslos abmüht.

„Mi fai ridere.“ [Du bringst mich zum Lachen.] untermalt er seinen unerhört dämlichen Gesichtsausdruck. „Mein Freund Altin sagte schon damals im Studium der Sportwissenschaften: Die Unsportlichen dieser Welt erkennst du an einem Tag im Jahr: Dem 01.01.! Da scheint der Startschuss zu fallen für ihre tage- und in Ausnahmefällen auch wochenlang andauernde Sportlichkeit, die bei der kleinsten Niederlage in völliger Kapitulation endet. Je eher, desto besser für den schwachen Körper.

Der Römer lacht laut über seine Erklärung und setzt sich auf den Boden. Dort türmt er mit seinem überheblichen Grinsen Bauklötzchen auf, die Signorino mit einer riesen Freude umwirft. Dann ergänzt er seinen Monolog mit einer persönlichen Weisheit: „Ich sag‘ immer: Leistungssportler werden nicht am 01.01. geboren.“ Dazu zwinkert er und lacht wieder.

„Okay, Confucio. [Konfuzius] Wenn du fertig bist mit deinen Tipps, würde ich gerne weitermachen.“ Ich setze den Ring wieder an, drehe ihn nach links und versuche währenddessen meine Hüfte kreisen zu lassen. Er dreht zwei Mal, vermutlich aus Mitleid, und fällt wieder zu Boden. Nun steht der Römer hinter mir, legt mir eine Hand auf die Schulter und säuselt: „Vuoi che lo provo io, amore mio? [Willst du, dass ich es mal versuche, mein Schatz?]“

„Bloß nicht!“ ätze ich zurück und hebe den Ring diesmal schnell und ohne lautes Jammern auf. „Ma perché? Ti vorrei aiutare! [Aber warum? Ich will dir helfen!]“ insistiert der Römer und hält mich nun sanft mit beiden Händen an den Schultern fest. „Weil du immer alles sofort kannst! Der Ring wird dir nicht ein einziges Mal herunterfallen. Ganz im Gegenteil. Du wirst ihn zwei Minuten galant auf deinen Hüften kreisen. Dann wirst du ihn mit den Händen anhalten und mir erklären, dass es gar nicht so schwer ist und total viel Spaß macht. Spätestens dann wird das kleine, bockige Mädchen in mir den Hula Hoop Reifen in die Ecke knallen und ihn nie wieder anfassen. Deswegen bitte ich dich inbrünstig: Mach mir meine neue, tolle Sportart nicht kaputt. Du kannst es gerne einmal versuchen und bitte darauf achten, dass dir der Ring nach maximal zweimal Hüfte kreisen herunterfällt, aber mehr Hilfestellung möchte und kann ich nicht akzeptieren.“ erkläre ich ihm in einem stakkatoartigen Redeschwall.

Er nimmt den Ring in die Hand. Kurz bevor er losdrehen will, hält er inne. Es brennt ihm noch etwas auf der Seele. Deswegen kommentiert er meinen Monolog umgehend: „Es tut mir Leid, aber ich kann nicht so tun als wäre ich unsportlich. Ich bin Leistungssportler. Natürlich haben wir mehr Fähigkeiten als andere…“ Dann lässt er den Ring abheben. Er macht einen Halbkreis – und fällt zu Boden. Ein minimales Lächeln huscht über mein Gesicht, doch ich will mich nicht zu früh freuen.

„Das war, weil ich gerade nicht konzentriert war. Guarda come si fa! [frei übersetzt: Schau zu und lerne!]“ Wieder lässt er den Hula Hoop Reifen kreisen und wieder fällt der Ring sofort zu Boden. Ich grinse. Ist es wirklich möglich, dass ich die einzige Sportart entdeckt habe, in der der Römer kein Naturtalent ist? Hoffnung keimt in mir auf.

Er versucht es wieder und wieder. Doch sein Engagement wird kontinuierlich von Misserfolg gekrönt. „Ma che m€rda è? [Was für ein Sch€iß ist das denn?]“ stöhnt er, bevor er den Ring aufhebt und es auf ein Neues versucht. Er wirkt gequält, doch er gibt nicht auf. „Scusa, ma questo cerchio non funziona. C’è qualcosa che non va!“ [Entschuldige, aber dieser Reifen funktioniert nicht. Irgendwas klappt hier nicht.] setzt er an. Ich winke ab. „Hm….sicher.“ gebe ich auf seine Ausrede zurück. Dann bereiten Signorino und ich das Abendessen vor.

Vom Wohnzimmer hört man immer und immer wieder das Geräusch des eben zu Boden gefallenen Reifens und lautes Fluchen.

Als das Abendessen auf dem Tisch steht, muss ich den Römer mehrmals dazu auffordern sich zu uns zu setzen. „Si, vengo subito! [Ja, ich komm sofort!]“ Sein Essen ist bereits kalt als er sich schlussendlich zu uns bequemt. An seiner Rückenlehne lehnt sein neuer, runder Freund. Nach drei Bissen und einem Schluck Wasser steht mein Leistungssportler wieder auf und übt weiter.

Ich muss lachen. Wenig später tippe ich ihn an, während der Reifen mal wieder auf dem Boden liegt. „Schatz, gib’s auf. Probier’s doch einfach morgen nochmal.“ Doch er hört gar nicht richtig zu. Schwitzend, mit hochrotem Kopf, macht er weiter.

Der Abend verstreicht, der Römer quält sich weiter. Gegen Mitternacht gehe ich ins Bett. Im Sessel ein sehr müder, sehr geschaffter Römer. Sein grüner Freund liegt nun, scheinbar ebenso resigniert, auf dem Boden. „Ich geh ins Bett. Kommst du?“ frage ich ihn. „Si, si, subito.“ [Ja, ja, sofort], spricht er leise während er im Internet nach Hula Hoop Tipps sucht, „Ma non mi aspettare! [Aber warte nicht auf mich!]“

Ich gehe ins Schlafzimmer, lege mich ins Bett und döse ein. Irgendwann, viele Stunden später, kommt der Römer ins Schlafzimmer. Ich blinzle kurz, drehe mich Richtung Fenster und sehe, dass es draußen bereits dämmert.

„Amore! Amoooore!“ flüstert er leise, aber aufgeregt. „Hm….“ antworte ich ihm. „Sono riuscito! Durava fino ad adesso, però sono riuscito. [Ich hab’s geschafft! Es dauerte bis jetzt, aber ich habe es geschafft.] Er kichert in mein Ohr. „Von was redest du?“ hake ich verschlafen nach. „Ich spreche vom Hula Hoop Reifen. Ich kann ihn oben halten – ganz ohne Probleme.“ erklärt er aufgeregt und sein Flüstern hat bereits die normale Lautstärke erreicht. „Super, Schatz.“ murmle ich und drehe mich um. „Ti faccio vedere domani. O vuoi vederlo adesso? [Ich zeig’s dir morgen. Oder willst du es jetzt sehen?] sprudelt es fröhlich aus dem Römer heraus. „No, no….“ ist meine kurze Antwort.

Am späten Mittag steht ein sehr verschlafener Römer vor mir. Er reibt sich die Augen, die Haare sind wild verstrubelt. „Morgen!“ strahle ich ihn süffisant an. „Buongiorno! [Guten Morgen!]“ brummt er verschlafen.

Nach einem Espresso, einem Glas Orangensaft und ein paar Keksen, kommt er direkt zur Sache. „Allora, adesso telo faccio vedere.“ [Also, jetzt zeige ich es dir.] Er schnappt sich den Ring, steigt in selbigen, hebt ihn an und lässt die Hüften kreisen. Immer wieder. So geht es minutenlang, in denen ich seinen Auftritt mit lautem „Ahs“ und „Ohs“ würdige.

„Vedi?! [Siehst du?!] Es geht – ganz ohne Probleme.“ zeigt er mir auf. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ lobe ich ihn überschwänglich. „Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht vielmehr darum: Wenn du etwas wirklich willst, dann kämpfst du dafür. Du musst dich 180 Prozent reinhängen und üben. Aufgeben ist keine Option.“ will er mich motivieren. Doch er hört sich an als würde er mir ein Fitness Programm in einem sozialen Netzwerk verkaufen wollen, das mich irgendwie „krasser“ machen soll. Als er seine Rede beendet hat, werfe ich ein: „Ich bin ganz deiner Meinung, mein Schatz. Aber dein Freund Altin sagte doch bereits, dass am 01.01. der Tag der Unsportlichen ist. Deswegen hat es gestern sicher nicht geklappt. Es war schlichtweg nicht dein Tag. ;-)“ Auf so eine Erklärung war er nicht vorbereitet. Er prustet los und lacht Tränen. Ich stimme mit ein und selbst Signorino, an seinem missmutigen Zahnungstag, findet es unglaublich lustig.

„Ach, amore mio….“ sagt er sehr zufrieden. Er gibt mir den grünen Ring in die Hand, klopft mir auf die Schulter und flüstert mir drei Wörter ins Ohr: „Tocca a te!“ [Du bist dran!]

Dann verabschiedet er sich wieder ins Bett. Ich stelle den Ring in die Ecke und spiele mit Signorino. Man soll es am 2. Tag des neuen Jahres ja nicht gleich übertreiben.

Von römischen Reiseprofis

[Dieser Text wurde bereits im Sommer von mir geschrieben.]

Sollten Sie in den nächsten Tagen am Flughafen sein und die leise Vermutung haben, dass die nette, dreiköpfige Familie, die Ihnen entgegen stolpert, die „Farnientes“ sind, kann ich Sie beruhigen.

Wir sind es nicht.

Denn uns würden Sie schon von weitem erkennen – insbesondere akustisch. Sie hätten keinerlei Zweifel. Sie wüssten, dass wir es sind.

Heute möchte ich Ihnen erzählen, wie wir reisen. Nach langjähriger Berufserfahrung, unzähligen Aufenthalten an (inter)nationalen Flughäfen, Ein- und Ausreisevorgängen und vorangehenden Sicherheitskontrollen möchte ich behaupten: Ich bin ein Reiseprofi. Doch ich hätte auch mehrere Jahre in Folge mit dem Preis „Der goldene Tourist“ ausgezeichnet werden können, der Römer würde trotzdem alles besser wissen.

Es fängt schon beim Kofferpacken an. Meinen Koffer packe ich mit Ruhe und Verstand. Am Vorabend des Abreisetages steht er fertig gepackt neben der Haustür. Darauf befindet sich ein Klebezettel mit Dingen, die ich am Morgen noch ergänzen muss (Handyladegerät, Handy,…)

Der Römer hingegen hält es für absolut überflüssig am Vortag zu packen. „Lo faccio domani.“[Das mache ich morgen.] klärt er mich leicht genervt von meiner Nachfrage auf. Morgens steht er dann auf, frühstückt gemütlich und kümmert sich um seine sensible Männerhaut – bis ihm siedend heiß einfällt, dass er seinen Koffer noch packen muss und in 20 Minuten unsere geplante Abfahrt ist. Ab diesem Zeitpunkt höre ich nur noch Gefluche und einen irre durch die Wohnung laufenden Römer. „Dove ca**o è…?“ [Wo zum Teufel ist…?] fangen fortan all seine Sätze an und ich flöte ihm ein aufmunterndes „Ich weiß es nicht, amore.“ entgegen.

Nun würde man meinen, dass man in so einer Situation nicht noch das Bügelbrett herausholt und seine komplette Reisegarderobe bügelt. Doch Sie haben die Rechnung ohne den Römer gemacht. Er bügelt und flucht und bügelt. Bis wir die angedachte Flughafen S-Bahn verpassen und ich ordentlich Druck mache. „Wenn wir nicht sofort gehen, fliegen Signorino und ich allein!“ schreie ich dann durch die Wohnung. „Okay, dann fliege ich nachmittags in Ruhe.“ antwortet er prompt. Daraufhin motzen wir uns an und 10 Minuten später steht er in seinen Ausgehschuhen, gebügelter (!) Jeans und Leinenhemd an der Tür. „Vieni?“ [Kommst du?] hallt es durch die Wohnung, während ich Signorino in der Trage verstaue.

An der Haustür gehe ich noch kurz meine Checkliste mit ihm durch. „Schlüssel? Pass? Geldbeutel? Handy? Sonnenbrille?“ frage ich und betone, dass wir alles andere vor Ort kaufen können, sollte er es doch vergessen haben. „Si, si! Hab ich alles.“ sagt er stets. Auf halber Strecke zur S-Bahn rennt er noch einmal zurück, weil sein Pass merkwürdigerweise doch nicht auffindbar ist. Er liegt noch auf dem Küchentisch und hoffte auf eine entspannte Woche ohne uns.

Signorino und ich gehen unbeirrt weiter Richtung S-Bahnhof – mit dem kleinen Unterschied, dass ich nun aussehe wie ein Packesel: Vorne den kleinen Signorino in der Trage, hinten den römischen Rucksack, rechts die Handtasche und jeweils links und rechts einen Rollkoffer.

Angekommen am Bahnsteig warten wir noch einige Minuten auf die S-Bahn. Vom Römer fehlt jede Spur. Als der Zug einfährt, rennt ein völlig verschwitzter Römer mit seinem Pass winkend auf den Bahnsteig.

Ich stelle mich mit mit Kind und Koffern für die obligatorischen 10 Sekunden in die Lichtschranke der S-Bahn Tür, damit der Römer diese noch erreicht.

Völlig gestresst versinkt er wenige Augenblicke später in seinem Sitz und macht bis zum Flughafen ein Nickerchen während ich Signorino bespaße.

Nach einer halben Stunde, endlich angekommen am Flughafen, bin ich bestens vorbereitet. Die Bordkarten befinden sich bereits auf unseren Handys, ich kenne die Wege, laufe zielgerichtet zu den Gepäckautomaten, habe das Handy bereits in der Hand und zeige routiniert die Bordkarte vor. Im Hintergrund höre ich den fluchenden Römer „Dove ca**o è…? [Wo zum Teufel ist…?] Sempre ’sta m*rda di telefono… [Immer dieses sch*iß Telefon] Mi fa impazzire… [Es treibt mich zur Weißglut…]“ Der nette Herr an der Bordkartenkontrolle interveniert und fragt, ob wir zusammen gehören. „Bis jetzt schon noch. Das kann sich aber im Verlauf der Reise ändern.“ bemerke ich auf den nervös suchenden Römer schielend und der freundliche Herr lacht. Er winkt den Römer durch und wünscht uns eine gute Reise. „Danke, die können wir gebraucht!“ antworte ich wahrheitsgemäß.

Die nächste Etappe unserer Reise heißt „Sicherheitskontrolle“: Laptops, Tablets und alle anderen elektronischen Geräte des Handgepäcks (mit und ohne Kabel) sind von mir separat verpackt. Flüssigkeiten wurden schon Tage vorher liebevoll in durchsichtige Plastiktüten gepackt. Alle Flüssigkeiten für Signorino sind ebenfalls eigens verpackt und jederzeit bereit einem Test unterzogen zu werden. Alles ist präzise aufgeteilt, beschriftet und selbstredend griffbereit.

Der Römer hingegen hält jegliche Vorbereitung für unnötig. Er fängt meist 10 Sekunden bevor wir an der Sicherheitskontrolle an der Reihe sind an, alle Dinge in einen viel zu großen, drei Liter Gefrierbeutel zu packen. Er kramt in Hosentaschen, in seinem Rucksack und stopft alles, was er in 10 Sekunden finden kann, in die nicht verschließbare Plastiktüte. Meist bekommt er dann die erste Schelte des Sicherheitspersonals und ich reiche ihm wortlos den passenden Flüssigkeitsbeutel, der in meiner Jackentasche auf seinen Einsatz lauert.

Da ich um die Problematik der piepsenden Kleidungsstücke Bescheid weiß, ist mein Outfit beim Fliegen immer dasselbe: Eine bequeme, dennoch elegante Hose – ohne Hosentaschen, Knöpfe und Gürtel. Dazu ein dünnes, langärmliges Oberteil ohne eventuell piepende Metallapplikationen. Offene Haare, damit ich keine piepsenden Haarklammern benutzen muss. Schuhe: einfache Espadrilles mit einer schlichten Gummisohle.

Der Römer hingegen trägt Jeans mit Gürtel und in den Hosentaschen einen Haufen Kleingeld (Wirklich immer! Ich flieg mit dem Mann schon seit 5 Jahren durch die Gegend). Dazu kombiniert er ein Armband und eine Kette, die grundsätzlich piepsen. Schuhe mit einer Metallplatte darin gehören auch zu seinem Standard.

Ich schwebe also durch die Sicherheitskontrolle – leicht wie eine Feder. Routiniert bleibe ich einen Hauch einer Sekunde stehen und werde weiter gewunken. Der Römer übergibt mir Signorino. Der kleine Herr Farniente wird freundlich abgetastet und wir dürfen passieren.

Daraufhin wird der Römer gefragt, ob er den Körperscanner nebenan benutzen möchte. Er willigt ein und steht in diesem Gerät wie eine ägyptische Hieroglyphe. „Was macht der Mann da eigentlich?“ höre ich eine Sicherheitsmitarbeiterin zu ihrer Kollegin tuscheln. Der nette Herr am Körperscanner erklärt dem Römer nochmal wie er sich am besten hinstellen soll und bittet ihn, die dunkle Sonnenbrille aus dem lockigen Haar zu nehmen. Er gehorcht und tut wie ihm geheißen. Als er heraus gewunken wird, will er schnurstracks zu uns laufen, doch er wird zurückgepfiffen. Ungeduldig wartet er am Bildschirm. Gut zu erkennen sind viele, mal kleinere, mal größere farbige Punkte. „Sprechen Sie Deutsch? English?“ fragt der nette Herr. „Natürlich Deutsch.“ grinst der Römer mit hörbarem Akzent und der Sicherheitskontrolleur scheint ihm nicht recht zu glauben. Dennoch erklärt er ihm, dass er nun im halboffenen Séparée durchgecheckt werden muss. Der Römer gehorcht auch hier und stellt sich wie ein Berliner Ampelmännchen hin. Am Ende dieser Prozedur hat der Sicherheitsmitarbeiter ein Päckchen Kaugummi, ein benutztes Taschentuch, eine Maske und einen Schnuller gefunden. Der Römer grinst verlegen – und darf passieren.

Signorino und ich betrachteten das heitere Spektakel aus der Ferne. Nicht nur einmal schüttelte ich den Kopf. „Dai, famiglia! Avanti, avanti! [Kommt schon, Familie! Los, Los!] treibt der Römer uns an und klatscht in die Hände. „Der Kerl weiß schon, dass WIR auf ihn gewartet haben? Nicht andersherum!“ flüstere ich zu Signorino und er antwortet mit seinem Lieblingswort „Nein! Nein! Nein! Nein!“. Ich streichle ihm über den Kopf.

Vor dem großen Bildschirm mit allen anstehenden Abflügen platziert sich der Römer so, dass kein anderer Passagier mehr einen Blick auf die Abflüge zwischen 12 und 14 Uhr erhaschen kann. „Okay….dov’è il nostro volo?“ [Okay, wo ist unser Flug?] murmelt er fragend und ich schultere bereits wieder die überladene Wickeltasche. „Gate A18.“ bemerke ich knapp während er noch sucht. „Perfetto! Das liegt in der Nähe meiner Lieblingsbar. Mi va proprio un cappuccino buono ed un brioche caldo. [Ich habe totale Lust auf einen guten Cappuccino und ein warmes Croissant.]“ schwärmt er und seine Augen leuchten. „In 15 Minuten ist Boarding.“ ergänze ich streng. Aber er scheint es gar nicht mehr richtig wahrzunehmen. Er ist bereits zu sehr eingenommen von seinem Gedanken an ein zweites Frühstück.

Wir stoppen an der Bar. Eine ellenlange Schlange windet sich vor der Kasse hin und her. „Du, ich glaube das dauert länger. Wir gehen mal besser zum Gate!?“ versuche ich ihn abermals zu überzeugen, doch es ist aussichtslos. „Ma che! [Aber was!] Wir sind im Urlaub – nicht auf der Flucht. Und einen Urlaub möchte ich entspannt mit einem Cappuccino und einem Mandelbrioche beginnen.“ erwidert er. Also stehen wir in dieser nicht enden wollenden Schlange, er, der tiefenentspannte Römer, und ich, die nervöse Mutti, die ständig auf die Uhr guckt. Signorino indessen ist fasziniert von den Menschenmassen und gluckst fröhlich. „Amore, ich habe gerade eine Benachrichtigung auf’s Handy bekommen. Die fangen jetzt mit dem Boarding an…“ sage ich 15 Minuten später. „È allora?“ [Und jetzt?] antwortet er. „Es sind nur noch acht Leute vor uns. Das geht schnell.“

Ich atme angestrengt und versuche mich zu beruhigen. Nach einer weiteren Minute gewinnt dennoch meine Nervosität die Oberhand. „Okay, basta! Ich gehe schon mal zum Gate. Das wird mir hier zu brenzlig.“ klatsche ich ihm hin und ziehe mit Signorino ab. Der Römer bleibt und wirft mir ein flapsiges „Ich dachte, du bist Flugbegleiterin. Da solltest du doch eigentlich entspannter sein!“ hinterher. Ich schnaube und stampfe Richtung Gate.

Dort angekommen dürfen Signorino und ich direkt zur netten Bodenstewardess gehen und müssen uns nicht in der Schlange anstellen. Unsere Bordkarten werden gescannt und wir laufen den langen Gang hinunter bis zum Flugzeug. Als wir freundlich grüßend bei der diensthabenden Kabinenchefin vorbeihuschen, höre ich, wie sie ihrer Kollegin zuflüstert: „Mutig – allein mit einem Baby zu reisen. Ich habe mich das ja nie getraut.“ Ich lächle und gucke auf die Uhr. Noch maximal 10 Minuten und die Türen werden geschlossen. Wenn es der Römer bis dahin wirklich nicht schafft, bin ich tatsächlich alleinreisend mit Baby. Und er? Er ist einen Kopf kürzer.

Ich setze mich hin, schnalle Signorino mit dem Babygurt, den eine Flugbegleiter-Kollegin mir aushändigte, an und warte. Nach und nach tröpfeln nur noch vereinzelte Gäste ins Flugzeug. Meine Anspannung lässt sich kaum noch verbergen. Ich gucke von meinem Gangplatz nervös richtig Purserette. Sie guckt auf die Uhr. Jeden Augenblick müsste die Bodenkollegin auftauchen und den Passagier-Abschluss bringen. Man hört bereits Getrampel in der Flugzeugbrücke.

„Du und dein blöder Cappuccino! Ich hau ihn dir um die Uhren, wenn du nicht in drei Sekunden in diesem doofen Flugzeug stehst.“ denke ich und bemerke bei einem Blick auf Signorinos Kopf, dass mein Dekolleté bereits nervöse, rote Flecken aufweist. Ich zwinge mich einen Moment die Augen zu schließen und tief ein- und auszuatmen. Nach 20 Sekunden öffne ich meine Augen wieder. Vor mir steht ein nassgeschwitzter Römer. „Permesso?“ [Darf ich?] sagt er grinsend und hält statt einem Cappuccino seine Sonnenbrille in der Hand. „Sag mal, bist du irre!“ fange ich an, doch werde von einem „Boarding completed!“ der Kabinenchefin unterbrochen. Er lässt sich geschafft in seinen Sitz plumpsen.

„Du wirst es mir nicht glauben, aber es war echt knapp!“ hechelt er völlig außer Puste. Ich will bereits loszetern, doch er bittet mich erst einmal alles erzählen zu dürfen. „Gut. Erzähl!“ gehe ich eingeschnappt auf seine Bitte ein.

„Allora, era un disastro! [Also, es war ein Disaster!] Als ihr gegangen seid, hatte ich nur noch ein paar Leute vor mir. Ich harrte geduldig aus und kam auch recht bald dran. Als ich bei der Ausgabestation auf den Cappuccino und das Mandelhörnchen wartete, fuhr ich mir durchs Haar und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Gli occhiali da sole! [Die Sonnenbrille!] Non c’erano! [Sie war nicht da!] Kurz überlegte ich, was ich nun tun könnte, doch es war klar: Ich musste zurück zur Sicherheitskontrolle. Ich lief also den ganzen Weg wieder zurück, fragte mich bei den Sicherheitsleuten durch und hatte Glück: Sie war noch da. Eine Mitarbeiterin wollte sie gerade beschriften um sie zum Fundbüro bringen zu lassen. In Windeseile nahm ich sie entgegen und lief zum Gate. Es war nur noch eine Bodenmitarbeiterin dort, die bereits eifrig tippte. Aaaah! Herr Farniente! Auf Sie haben wir noch gewartet. Ich wollte gerade den Abschluss machen. erklärte sie mir. Nun ja, und jetzt bin ich hier. Was für ein Abenteuer!“ grinst er.

Ich gucke ihn an. Meine Augenbrauen sind bereits verdächtig Nahe an meinem Haaransatz.

„Und wo ist dein Cappuccino nun? Hast du ihn in aller Ruhe auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle geschlürft?“ bemerke ich spitz und sah den Römer vor meinem inneren Auge leichtfüßig an seinem Cappuccino nippend zur Kontrolle schlendern.

„Madonna mia!“ schreit er auf und ich psch-te ihn an. „Ma che pal*e! [Was für ein Sche*ß] Ich hab‘ ihn vergessen – an der Sicherheitskontrolle. Nur kurz abgestellt hab ich ihn. Mamma mia! Und die Papiertüte mit dem Brioche auch. Che disastro! [Was für ein Desaster!]“

Nun sind wir auf der Runway. Der Flieger beschleunigt und wir heben ab. „Na, das kann ja was werden.“ denke ich und halte Signorinos Hand ganz fest.

Der Römer indessen lächelt und setzt die Sonnenbrille auf. „Na, wenigstens hab ich die Sonnenbrille wieder. Dieses Neonlicht im Flugzeug ist einfach zu viel für meine empfindlichen Augen.“ erklärt er mir ernst. „Hm….“ gebe ich zurück. „Wenigstens sind wir auf dem Weg nach Rom. Da ist’s nicht so unangenehm, wenn du im Flugzeug mit einer Sonnenbrille sitzt.“ murmle ich. „Scusa?“ [Entschuldige?] fragt er. „Glück im Unglück mit deiner Sonnenbrille.“ bestätige ich ihm – nun etwas lauter. „Infatti!“ [Genau] gibt er mir Recht. „Ja, infatti.“ grinse ich.

Heute beginnt die Zukunft

„Die spinnen, die Römer.“ müssen die TIRs von oben gestern gedacht haben.

Der Römer und ich schrien so laut und euphorisch, dass man sich im Kalender vergewissern musste, ob heute auch wirklich kein WM-Endrundenspiel stattfand. Dieses Jahr barg schon so viele Überraschungen – unmöglich wäre es nicht gewesen.

Signorino derweilen war so geschockt von unserem Aufschrei, dass er bitterlich anfing zu weinen. Der Römer durfte ihn fortan für den Rest des Abends nicht mehr berühren. Das mag daran liegen, dass er noch lauter und exzessiver schrie als ich. Zwanzig Minuten lang versicherte ich dem verängstigten Signorino schuckelnd, dass das ein Ruf der puren Freude war und er keine Angst haben müsse. Er traute dem Frieden nicht so ganz und ging vorsichtshalber erst nach Mitternacht zu Bett.

Sie werden sich fragen, was denn im Hause Farniente passiert ist, dass man es mit einem Urschrei derartigen Ausmaßes quittieren muss. Ich erzähle es Ihnen gerne.

Dazu muss ich etwas ausholen: Der Römer studierte in Italien, wie sie sicherlich wissen. Zwei Studiengänge schloss er dort mit Bravour ab. Nun dachten wir, als er hierher zog, dass alle Studiengänge im europäischen Wirtschaftsraum ohne Probleme anerkannt werden.

Leider sollten wir uns täuschen. Recht schnell lernten wir, dass er ein gewisses Sprachniveau vorweisen muss um eine Zulassung in Deutschland zu bekommen. Des weiteren muss die zuständige, deutsche Behörde seinen Studiengang auf Herz und Nieren prüfen, obgleich die italienischen Studiengänge fachlich und didaktisch deutlich höherwertiger sind als das deutsche Pendant.

Recht schnell besorgten wir alle notwendigen Unterlagen von der römischen Universität, die beweisen sollten, dass seine Studiengänge mindestens gleichwertig zu den deutschen Äquivalenten waren. Es klappte und sie wurden in Deutschland anerkannt. Nun fehlte lediglich das Sprachzertifikat. Und das erwies sich als Ritt durch die Hölle.

Er, der bestens ausgebildete Römer, musste plötzlich in einer Pizzeria bis weit nach Mitternacht schuften, nur um dann morgens um 6:00 Uhr aufzustehen um zum Sprachunterricht zu gehen. Aber er bewies sich in der Pizzeria: Er war erst Pizzabäcker, dann Kellner, am Schluss war er der engste Freund des Besitzers, der ihm immer wieder die Stelle als Manager seines neuen Restaurants im Zentrum schmackhaft machen wollte. Doch der Römer lehnte dankend ab, denn zu sehr liebt er seinen eigentlichen Beruf.

Die Bezahlung in der Pizzeria war nicht besonders linear. Es gab keine monatliche Zahlung auf das Gehaltskonto. Stattdessen wurde er bar bezahlt. Tröpfchenweise trudelte sein Lohn bei uns ein. Zur gleichen Zeit wurden unseren Fixkosten leider nicht tröpfchenweise abgebucht, so dass es mitunter sehr unangenehme Jahre waren, in denen wir oftmals am Ende des Monats die vielversprechende Auswahl zwischen pasta in bianco (Nudeln mit Parmesan und Öl) oder Kartoffeln mit Quark hatten.

Als der Deutschlehrer des Römers ihm im Frühjahr 2019 mitteilte, dass er nun bereit wäre für die Prüfung, freuten wir uns sehr. Zeitgleich wurde ich schwanger. Nun sollten all unsere Probleme überstanden sein – dachten wir. Und wir sollten uns abermals täuschen.

Der Römer machte den ersten Versuch – und scheiterte haushoch. „Kann ja mal passieren. Nächstes Mal klappt es bestimmt.“ beruhigten wir uns. „Einmal ist kein Mal.“ heiterten wir uns auf. Wir wussten nicht, dass es finanziell deutlich härter und emotional noch viel anstrengender werden würde.

Er scheiterte wieder. Und wieder.

Ich erinnere mich an unseren letzten Urlaub zu zweit. Eine charmante Babykugel zierte bereits meinen Bauch. Wir verbrachten unsere komplette Urlaubszeit lernend am Strand, auf dem Balkon und in der Küche. Der Römer kniete sich rein, doch am Ende bestand er wieder nicht.

Nach diesem Urlaub begann er seine neue Stelle. Ein Praktikum in einer beliebten Praxis. Das hatte zumindest einen Vorteil: Am Ende des Monats ging Geld auf unserem Konto ein. Nicht tröpfchenweise, sondern auf einen Schlag. Für ein Praktikum war die Stelle gut bezahlt. Für jemanden, der deutlich mehr Studiengänge abgeschlossen hat, als die festangestellten Arbeitnehmer der Praxis war es ein Witz.

Schnell war er sehr geschätzt bei seinen Chefs und seinen Patienten. Wer einmal bei ihm war, der wechselte nicht mehr zu einem anderen Kollegen. Er konnte seine Arbeitsstunden aufstocken, was mich hinsichtlich der anstehenden Geburt Signorinos und der Gehaltseinbußen aufgrund des Elterngeldes etwas beruhigte. Die wenigen Urlaubstage, die er 2019 hatte, legte er auf die Tage rund um den errechneten Geburtstermin Signorinos. Signorino kam später – und der Römer musste wieder arbeiten als wir vom Krankenhaus heimkamen. Er hatte, dank Probezeit und vorhergehenden Jobs, keine Chance auf Elternzeit. Meine Geburtsverletzungen waren äußerst ausgeprägt, so dass ich nicht länger als 30 Sekunden stehen konnte. Doch ich hatte keine Wahl. Also biss ich mich durch dieses Wochenbett – weitestgehend allein. Der Römer fühlte sich meist schuldig, da er mich seiner Meinung nach im Stich ließ. Auch mein Hinweis, dass er nichts dafür könne und es definitiv nicht seine Schuld sei, beruhigte ihn nicht. Zeitgleich fühlte mich meist überfordert und allein gelassen mit dem neugeborenen Signorino, der stundenlang schrie. Die Hebamme goss Öl ins Feuer, in dem sie jeden einzelnen Tag, an dem sie ihre Visite machte, fragte, ob es nicht doch jemand gäbe, der mich unterstützen könne. Nein, den gab es nicht.

Der Römer versuchte sich nun wieder an einem zertifizierten Sprachtest. Und scheiterte abermals.

Je öfter er es versuchte, desto mehr litt sein Selbstvertrauen. Er traute sich nichts mehr zu. Er, der bei allem mit Disziplin, Verbissenheit und absolutem Willen gewann, verlor nun – Mal um Mal.

Dazu kamen die Kommentare von Bekannten und Verwandten, wann immer sie erfuhren, dass er wieder einen Prüfungstermin hatte. „Ihr müsst halt mal daheim Deutsch reden.“ sagten sie, die rein deutschen Pärchen, die sich nicht vorstellen konnten, dass man Sprachen nicht einfach so austauschen kann. „Er muss sich halt noch mehr reinknien.“ gab uns jemand als Tipp. „Vielleicht sollte er mehr Fernsehen gucken auf Deutsch.“ Ja, wenn er dazu nur die Zeit hätte. Ab dem vierten Versuch diese Prüfung zu bestehen, behielten wir die Termine für uns. Wann immer jemand danach fragte, antworteten wir, dass der Römer momentan pausierte.

Natürlich belastete die Situation wiederum unsere Partnerschaft. Wir waren nun Eltern, waren darauf angewiesen, dass er endlich diese unsinnige Prüfung bestand, da wir finanziell mit dem Rücken zur Wand standen – noch dazu mit einem Säugling.

Noch niederschmetternder war es für den Römer, wenn er Gleichgesinnten begegnete, die angaben, das Sprachzertifikat beim ersten Versuch bestanden zu haben. Meist waren es Italiener. Ihr Akzent, wenn sie Deutsch sprachen, war gleichzeitig so stark, dass ich kein Wort verstand. Auch die grammatikalische Struktur machte wenig bis keinen Sinn. Wir konnten uns nicht erklären wie ausgerechnet sie diese Prüfung bestanden hatten.

Am schlimmsten war es, wenn der Brief des Prüfungsamts ankam: „Nicht bestanden.“ stand da und der Römer las jedes Mal laut „incapace“ [unfähig] vor. Die darauffolgenden Tage waren bestimmt von einer schrecklich gedrückten Stimmung. Ich spendete Trost, aber was soll man noch sagen, wenn jemand das siebte Mal nicht bestanden hat?

Gestern kam wieder ein Brief des Prüfungszentrums an. Diesmal war der Umschlag anders – was mir Grund zur Hoffnung gab. Der Römer kam erst spät von der Arbeit. Die Stunden bis zu seiner Ankunft zu Hause zogen sich wie Kaugummi. Als der Römer heimkam, wollte ich ihn nicht gleich überfallen, sondern ihn erst einmal in Ruhe ankommen lassen. Ich schaffte es genau bis zu dem Moment, wo er die Hände wusch und etwas über seinen Arbeitstag erzählen wollte. „Cornelia sta in malattia. [Cornelia ist krank] Das ist wohl die ganze Woche so. Io spero che [Ich hoffe, dass]….“ Ich unterbrach ihn. „Es ist ein Brief für dich angekommen. Vom Prüfungszentrum. Aber diesmal ist er anders. Ich wollte dich erst daheim ankommen lassen, aber ich halt’s nicht mehr aus.“ sprudelte es stakkatoartig aus mir heraus. Auf der Stirn des Römers zeigte sich seine Sorgenfalte. „Dove?“ [Wo] fragte er nur und ich zeigte wortlos auf den Esstisch.

Er riss den Umschlag auf. Signorino war auf meinem Arm und brabbelte. „Mamamamama….babababababa…wawawawa.“ Der Römer las das Anschreiben, guckte mich an und zeigte auf Seite 2.

„Bestanden.“ stand dort.

Wir schrien so laut, dass die Wände bebten. All die Freude, die Fassungslosigkeit, die Anstrengung der letzten Jahre, die unzähligen Rückschlage, alles, alles, kam auf einmal aus uns heraus.

Für uns ist der gestrige Tag ein Tag voller Freude, voller Hoffnung, voller Zukunft, denn wir wissen, dass das Bangen ein Ende hat. All die Einbußen, die unzähligen Kurs- und Prüfungskosten, der ständige, panische Blick auf’s Konto und die damit verbundene Angst, dass unsere finanziellen Reserven zum Leben nicht mehr ausreichen würden, hören heute auf. Heute feiern wir und schreien vor Freude so laut, dass Signorino weint.

Denn heute beginnt für uns die Zukunft.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Letztens, da ist mir etwas Dummes passiert.

Ich kann Ihnen nicht einmal den genauen Moment nennen, in dem es passiert ist. Aber ich vermute er war irgendwann zwischen dem Entschluss „das Handy ordentlich zu desinfizieren“, dem Mangel an Desinfektionsmittel im Hause Farniente und der Überzeugung, dass Wasser und Seife es wohl auch tun sollten.

So schnappte ich mir mein Mobiltelefon, ein neueres Semester, und schrubbte es ordentlich mit Wasser und Seife ab. Liebevoll legte ich es in ein kuschelweiches Handtuch und tupfte es trocken. Es glänzte wie neu und funktionierte einwandfrei. Nichts anderes hatte ich erwartet, warb der Hersteller doch mit der Eigenschaft „wasserdicht“.

Dann sah ich auf der großen Kommode im Flur des Römers Handy. Und ab da nahm das Unglück seinen Lauf.

Es ist schon wahr, was man über Italiener im Allgemeinen und dem Römer im Speziellen sagt: Das Leben, die Liebe und alle sozialen Kontakte hängen von diesem kleinen, portablen Gerät ab. Ständig klingelt und piepst es, stets blinkt es penetrant und wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, leuchtet es wie ein Stadionscheinwerfer taghell im dunklen Schlafzimmer auf. Meist wird es dann vom eben eingeschlafenen Signorino fröhlich quiekend begrüßt.

Jedoch ist der Teufel ein Eichhörnchen. Nennen Sie es Schicksal, ich nenne es Dummheit. In meinem Tunnel aus Wasser, Seife und dem dringenden Bedürfnis, alle Mobiltelefone des Hauses zu desinfizieren, geschah es: Ich vergaß, dass des Römers Modell leider nicht wasserdicht ist. Großzügig seifte ich es ein, schrubbte jeden Knopf, spülte es mit lauwarmen Wasser ab und legte es ebenfalls in ein Handtuch. Als ich es abtupfte, leuchtete das Display noch in grellen Farben auf. Zufrieden legte ich es auf die Kommode im Flur und verschwand in die Küche.

Nach einigen Minuten hörte ich einen kläglichen Klingelton. Es hörte sich fast so an als würde Ligabue in seinem Lied „certe notti“, das gleichzeitig der Klingelton des römischen Telefons war, um Hilfe rufen. „Certe notti sei sveglio, o non sarai sveglio mai. Ci vediamo da Mario prima o poi“ [Bestimmte Nächte bist du wach, oder du wirst nie wach sein. Wir sehen uns bei Mario – früher oder später] krächzte Ligabue und ich glaubte nicht mehr daran, dass man ihn mit diesem scheppernden Sound jemals wieder „bei Mario“ sehen wird. Egal ob prima [früher/vorher] oder poi [später].

Der Römer begab sich just in diesem Augenblick zu seinem Telefon: „Ma che cavolo è?“ [Was zum Teufel ist das?] fragte er mit seinem um Hilfe schreienden Telefon in der rechten Hand. Fassungslos starrte er mich an. „Ma lo schermo…?“ [Aber der Bildschirm…?] wendete er sich überfordert an mich.

Oh.“ war meine dumpfe Antwort, die viel Raum für unbequeme Spekulationen ließ.

Der Römer tippte wie wild auf seinem Bildschirm herum, der nun in sehr schwachen Pastellfarben gehalten war. Schick sah das aus – aber passte so gar nicht zu den hektischen, roten Flecken in seinem Gesicht. „Das ist nicht dein ernst!? Du hast es jetzt aber nicht gewaschen, oder? Es ist hoffentlich nur eine temporäre Störung!“ brachte er unglaublich nervös hervor und sein Auge zuckte. „Ähm…also…“ wollte ich gerade erklären, doch er unterbrach mich mit einem wenig charmanten „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Ich schwieg, denn mir war es so unfassbar peinlich, dass ich keine Worte dafür fand.

Der Römer rannte aufgeregt durch die Wohnung. „Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht. E‘ morto!!! [Es ist tot] Sie hat es umgebracht!“ schrie er theatralisch und ich hoffte, dass die Nachbarn nicht die Polizei angesichts dieses „Mordes“ rufen würden. Er legte seine Hände ins Gesicht und murmelte Unverständliches. „Meine Mutter wollte heute Abend anrufen! Mirko schickte mir eine Sprachnachricht. 11 Minuten lang!! 11!! Und jetzt ist alles weg. Alles!“ hörte ich seine Klagerufe durch die Wohnung schallen.

„Es gibt Schlimmeres, wirklich!“ sprach ich und merkte erst danach, dass jeder Satz zu viel für den labilen Römer in dieser prekären Situation war. „Schlimmeres?!“ keifte er und seine Stimme schlug Purzelbäume. „Was denn?! Ich bin abgeschnitten von der Welt! Niemand kann mich mehr erreichen. Was gäbe es denn da Schlimmeres, bitte?!“

Ich antwortete nicht, denn was hätte das auch in dieser Situation gebracht? Stattdessen packte ich Signorino in den Kinderwagen und wir machten einen sehr langen Spaziergang um der römischen Tragödie zu entgehen. „Er wird sich schon wieder beruhigen.“ flüsterte ich dem neugierig dreinblickenden Signorino ins Ohr während ich ihm die Mütze aufsetzte.

Etwas später, es war bereits Abend, guckte der Römer immer noch sehr grimmig. „Ich brauche ein neues Telefon!“ fing er ganz direkt an. „Hm….“ antwortete ich, weil ich die Äußerung hm als äußerst konfliktfrei empfand. „La situazione è seria. [Die Situation ist ernst] Non ci riesco a vivere così. [Ich kann so nicht leben] Jedes Mal schaue ich wieder auf den flackernden Bildschirm, nur um festzustellen, dass mich keine Menschenseele mehr erreichen kann. Nessuno. [Niemand]“ erklärte er weiter. „Hm…“ gab ich wieder von mir.

„Okay, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine Lösung! Bitte such folgendes:“ sagte er und nannte mir seine Vorgaben bestehend aus Marke, Farbe und Speicherplatz des zukünftigen Telefons. „Hm.“ antwortete ich wieder.

Ich recherchierte. „Ist weinrot keine Option? Es wäre 100 Euro günstiger!“ fragte ich ihn und merkte bereits mit dem Ausformulieren meiner Frage, dass in dieser Situation jede Frage einer Provokation für den Römer darstellte. Bevor er losmotzen konnte, rettete ich die Situation mit einem nüchternen: „Kleiner Scherz!“

„Non scherzare su certe cose. [Man scherzt nicht über sowas] Nicht in dieser Situation.“ kommentierte er düster.

Als mir meine Recherche zu langweilig wurde, da der Römer alles mit einem „No!“ [Nein!] oder „Anche no! [Auch nicht!] quittierte, begab ich mich auf einen virtuellen Spaziergang in den sozialen Netzwerk. Ein neues Statusupdate des Römers leuchtete auf: „Cari amici!“ [Liebe Freunde!], stand da, „Ich möchte euch mitteilen, dass mein Telefon heute leider von mir gegangen ist. Deswegen bin ich bis auf weiteres nur noch per Messenger oder über das Handy meiner Frau: 0******* erreichbar. Ciao.“ stand da – übersetzt in drei Sprachen, so dass es auch wirklich jeder verstehen konnte.

56 Freunde kommentierten es mit einem tränenden Smiley. 32 Likes gab es dafür und 40 Umarmungen mit Herz. Die einzige „Live-Reaktion“ kam von mir: ein hysterisches „BITTE WAS?!“ gefolgt von einem „Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?! Du hast meine Handynummer ins Internet geschrieben?!“

Der Römer wollte gerade antworten, doch wurde von meinem klingelnden Handy unterbrochen. Eine mir unbekannte, italienische Nummer leuchtete auf. Ein Anruf über Whatsapp.

„Ich glaub es nicht!“ erhob ich entsetzt das Wort. Doch der Römer schnappte sich schon mein Telefon und antwortete! „Ah, ciao Nicolà! Sei tu! [Du bist es!] Scusa, [Entschuldige,] ich hab deine Nummer noch nicht im Handy meiner Gattin abgespeichert. Si, si, sto bene. [Ja, ja, mir geht’s gut] Non molto bene, ma bene. [Nicht super gut, aber gut.]“ flötete er ins Telefon und verschwand angeregt plaudernd im Schlafzimmer.

„Der benutzt jetzt nicht ernsthaft mein Handy für seine Angelegenheiten?“ fragte ich mich. Signorino guckte mich mit großen Augen an und lachte bejahend. Ich hob ihn hoch. „Meinst du wirklich?“ erkundigte ich mich bei ihm und er berührte meine Nase unter lautem Lachen. „Ich fürchte, du hast Recht. Dann muss deine Mama jetzt mal ganz schnell ein neues Handy für deinen Papa auftreiben, oder?“ Signorino kniff mir mit seiner kleinen Hand fest in die Backe. „Danke, Schatz. Das ist nett! Genau das hab ich jetzt gebraucht!“ antwortete ich ihm. Er lachte wieder.

Zusammen mit Signorino machte ich mich auf die Suche und bestellte ein Telefon. Auch die Expresslieferung klickte ich an, denn ich wollte die nächsten Tage und Wochen mein Telefon gerne für mich haben.

Doch für heute blieb das nur ein frommer Wunsch. Mein Telefon stand nicht mehr still. Auch nachdem ich den Römer angeraunzt hatte, dass er SOFORT meine Handynummer aus dem sozialen Netzwerk löschen sollte (BIST DU WAHNSINNIG?!?! war mein Originalsatz), kamen immer weitere Nachrichten und Anrufe rein. Freunde und Familie gaben sich untereinander meine Telefonnummer weiter.

Zwei Tage dauerte es bis sein neues Handy ankam. Meins hingegen bekam ich in diesen Tagen nur in sehr knapp bemessenen Zeitfenstern zu Gesicht. Der Haussegen hing nicht nur schief, nein, er stand Kopf.

Am dritten Tag, das Telefon war endlich da, installierte der Römer in Windeseile sein neues Gerät und informierte seine Freunde.

Leider waren diese deutlich weniger flexibel als gedacht und so landeten 2/3 der Anrufe weiterhin bei mir. Der Römer hing jetzt nicht nur an einem Telefon, nein, er hing jetzt an zweien. Ich bat ihn mehrmals eindringlich, dass er bitte seinen Anrufern mitteilen sollte, dass er auf meiner Nummer nicht mehr erreichbar ist, doch es stieß auf taube Ohren seitens seiner Freunde und Familienangehörigen.

Eine Lösung musste her. Ich ging in mich und grübelte.

„Aaaaaaaah!“ schoß es mir durch den Kopf und grinste.

Als erstes änderte ich mein Profilbild.

Fotoquelle: unbekannt

Dieses hier aus meinem Fotoarchiv wählte ich aus und den angezeigten Namen änderte ich auf „Rosemarie Bründlhuber-Gonzales“. Sobald ein Freund des Römers sowohl den Namen als auch das Foto ignorierte, antwortete ich per Sprachnachricht in tiefstem Bayerisch, dass die Nummer nun Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gehörte und ich keinen Römer kennen würde. „Na, des sagt mir nix! Aber Ihnen noch an schena Tag! Es ist ja so tolles Wetter momentan. Gar nicht so trüb-herbstlich, gell?“ beendete ich meine Sprachnachricht. Darauf kam nichts mehr zurück.

Nach vier Tagen als Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gab es keine unerwünschten Anrufe mehr. Auch Sprach- und Textnachrichten blieben aus.

Am fünften Tag fragte der Römer: „Kennst du eine Rosemarie Bründlhuber-Gonzales? Giuseppe meinte, er hätte mit dieser Dame Sprachnachrichten ausgetauscht? Aber das ist doch deine Nummer?“ Er zeigte mir seinen Bildschirm. „Amore ❤️“ war nun eine Frau im Badeanzug mitsamt ihren adretten Freundinnen.

Ich grinste. „Huch! Da kam wohl mein alter Ego zum Vorschein.“ lachte ich und streichelte über mein Handy. „Scheint funktioniert zu haben.“

„Und wie!“ bekräftigte mich der Römer. „Okay, Rosemarie, kannst du mir mein Ladegerät für’s Handy geben? Mein Akku ist schon wieder leer. Aber ich versteh nicht warum… so oft benutze ich es doch gar nicht?“

Hm.“ gab ich belustigt zurück und reichte ihm sein Ladegerät.

Pizzaphasen!

Pizzaphasen heißen sie, die Phasen, die bei uns kommen und gehen wie Ebbe und Flut. In Pizzaphasen kochen wir nicht. Nicht etwa, weil wir nicht wollen, nein, eher weil wir nicht können. Signorino ist in Pizzaphasen so anstrengend, dass wir ihn zu zweit mit Müh und Not bändigen können. Schlecht gelaunt, weinerlich, absetzen vom Arm ist ein Affront, der einem Weltuntergang gleicht.

In Pizzaphasen essen wir nicht nur Pizza, denn Abwechslung im Speiseplan ist wichtig und gesund. Wir essen auch Döner, Hühnchen, Burger, Thailändisch, Koreanisch, Georgisch, Schnitzel,… was unsere Nachbarschaft eben so hergibt.

Manchmal, wenn wir besonders müde und geschafft sind und nicht einmal mehr zur Dönerbude um die Ecke gehen können, dann tut es auch der mediterrane Mikrowellenreis, der mit mediterran so wenig gemeinsam hat wie der Römer mit einem kühlen Norweger. In Pizzaphasen scheint uns selbst eine pasta in bianco [Pasta mit Öl und Parmesan] unerreichbar wie eine momentane Übernachtung im Wellnesshotel.

Sie werden es schon an meiner detailverliebten Beschreibung erkannt haben: Wir sind wieder in einer Pizzaphase. Denn ein so großes Fachwissen gespickt mit Verzweiflung und Hoffnung auf ein Ende dieses Zeitabschnitts, gibt es nur in Pizzaphasen.

Zugegeben, der Name ist etwas irreführend, suchen wir doch meist nur noch Zuflucht und Zuspruch bei Reza, dem netten Besitzer des Dönerladens.

Er sieht uns schon weitem, wie wir müde mit dem endlich schlafenden Signorino die Straße entlang schlappen. Mein unordentlicher Dutt und des Römers wilde Lockenpracht manifestieren diesen Eindruck, sollten die dunklen Augenringe und der fahle Teint nicht ausreichen. Wir öffnen die große Glastüre und Reza schenkt uns ein Lächeln. „Zähne?“ ist das erste, was er sagt und wir nicken stumm.

„Vergeht. Schafft ihr.“ versucht er uns zu beruhigen und fängt an unsere Döner vorzubereiten, ohne dass wir auch nur ein Wörtchen sagen müssen wie wir sie gerne hätten. Er kennt uns – und wir ihn. Jemand, der fünf Kinder ganz allein mit seiner Frau groß gezogen hat, ohne jegliche Hilfe und unter schwersten Bedingungen, der kann in drei Wörtern ausdrücken, was andere nicht in breit angelegten Monologen schaffen.

Flink packt Reza uns noch 2 bis 4 Stücke Baklava ein. „Es muss immer eine gerade Zahl sein. In solchen Phasen kann die kleinste Unebenheit zur Explosion führen, wenn Eltern müde sind. Außerdem beruhigt die Süße des Baklavas und die Nüsse geben Kraft. Du kannst alles durchstehen mit genug Baklava – sogar fünf Kinder.“ Dann lacht Reza laut und steckt uns damit an. Signorino öffnet kurz seine Augen, schläft aber wie durch ein Wunder wieder ein.

Der Römer lehnt sich kraftlos an der Theke an. Reza klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und lächelt wieder sein Reza Lächeln. Dann erklärt er: “Erstes Kind ist immer anstrengend. Wäre gut, wenn man mit zweitem Kind starten könnte. Aber beim zweiten Kind hat man das erste noch. Also wieder anstrengend. Aber 5. Kind ist gut. 1. und 2. Kind kann auf 5. Kind aufpassen.” Er grinst nun und packt unsere Döner feinsäuberlich in Alufolie ein. Wir lächeln und malen uns aus, wie es wohl mit fünf Kindern wäre. „Da pazzi! [Verrückt!] rutscht es dem Römer raus. “Soweit wird’s nicht kommen.” seufze ich geschafft und ziehe das Verdeck des Kinderwagens noch etwas weiter zu, damit Signorino ja nicht aufwacht. “Doch, doch. Ist Evolution. Kann man nicht aufhalten. Bist du mit dem Gröbsten durch bei Nummer 1, fehlt dir der Babygeruch, die kleinen Füße und Hände, das Kuscheln, Kiwikleiner Kopf mit Babyhaaren. Also machst du noch eins…und dann wieder eins. Und so weiter, und so weiter.” begründet Reza sehr überzeugend.

Nun lächelt der Römer müde. “Bist du guter Vater. Seh ich! Guckt dich Kind dauernd an, wenn mal wach. Ihr verbringt viel Zeit, oder?” fragt Reza den Römer. Der Römer nickt eifrig und grinst bei diesen schönen Reza-Sätzen wie ein Honigkuchenpferd.

Als wir zahlen wollen, macht uns Reza einen Elternpreis. “Kinder sind teuer und fressen einem alle Haare vom Kopf.“, er zeigt auf seine Halbglatze, „Frag mich!” sagt er zum Römer und schiebt ihm den Schein wieder über den Tresen. “Aber sie machen großen Spaß. Und bald werde ich Opa. Ist wie ElternPlus. Alle Vorteile, keine Nachteile. Freu ich mich schon sehr! Wird eine kleine Prinzessin.” Wir gucken ganz entzückt und der werdende Opa lächelt stolz.

Wir wünschen ihm alles Gute und er uns viele Nerven! „Tschüssi! Bis in zwei Wochen.“ verabschiedet Reza sich von uns und winkt. Er kennt uns. Denn Pizzaphasen kommen nicht selten, auch wenn sie von nun an Dönerphasen heißen sollte.

[Der Römer, der die Bedeutung des Namens Reza gegoogelt hat, ist ganz entzückt. Er bedeutet soviel wie „Zufriedenheit“ – und das passt wirklich sehr gut zu unserem Reza]

Die Treuekarte war’s

Hätte ich wachsamer sein sollen? Wäre es dann vermeidbar gewesen? War es vielleicht d o c h mein Kommentar letztens, der den schlussendlichen Impuls gab? Oder habe ich die Zeichen der letzten Monate und Wochen falsch gedeutet oder sogar ignoriert?

Wahrscheinlich letzteres. Jetzt, wo der Römer es mir klipp und klar ins Gesicht gesagt hat, wird mir einiges klar.

Er sprach’s an einem Mittwoch – einfach so am Frühstückstisch – aus. Irgendwo zwischen Marmeladenbrot und caffé , zwischen La Repubblica und balkanweb nuschelte er eine doch so bedeutsame Information in seinen Tablet-Computer: „Ich habe nächste Woche einen Termin beim Einbürgerungsamt. Ich werde Deutscher.“ gefolgt von einem betroffenen „Oh nein, in Tirana ist ein 30jähriger beim Versuch die Straße zu überqueren schwer verletzt worden.“

„Bitte was?!“ fragte ich völlig perplex nach und senkte abrupt die Tasse, aus der ich gerade trinken wollte.

„Ein 30jähriger ist in Tirana zusammengefahren worden und ins Krankenhaus gebracht worden. Poveraccio! [Armer Kerl!]“ wiederholte er abwesend und biss in einen halbmondförmigen Keks.

„Nein! Nicht das. Das ist unwichtig. Also, nicht für ihn. Tragisch – irgendwie. Aber was hast du davor gesagt?“ wollte ich nervös wissen – und meine Sätze ließen keinen logischen Aufbau mehr erkennen.

„Ach so, ich werde Deutscher. Du musst mir nur noch etwas unterschreiben und ich brauch deinen Ausweis nächsten Mittwoch für ein bis zwei Stunden.“ bemerkte er wieder nebenbei, so als ob er das jede Woche machen würde und es keiner weiteren Erklärung bedarf. Dann setzte er fort „Ah, Lazio ha vinto 3-1 contra il Borussia Dortmund. Bravi!“ [Ah, Lazio hat gegen Borussia Dortmund 3 zu 1 gewonnen! Gut gemacht!]

„Maaaaan! Kannst du mal bitte dein Tablet zur Seite legen und ordentlich mit mir reden.“ fauchte ich, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ mich gegen die Rückenlehne des Stuhls sinken.

„Si, amore mio. Dimmi! [Ja, mein Schatz. Sag’s mir!] lächelte er mich an und legte das Tablet demonstrativ zur Seite.

„Du willst also Deutscher werden?“ Meine Stimme überschlug sich fast. „Nachdem du dich mit Händen und Füßen jahrzehntelang gewährt hast Italiener zu werden und jedes Mal etwas von Verrat am Vaterland murmeltest, wirst du jetzt Deutscher? Du hast in keinem Land so viele Jahre – ach was – Jahrzehnte gelebt wie in Italien. Aber klar, die logische Schlussfolgerung ist natürlich, Deutscher zu werden. Und noch dazu erwähnt man das zwischen Toast und Kaffee ganz nebenbei als würde es um den Termin des Heizungsablesers gehen.“ fasste ich zusammen.

„Si, esatto! [Ja, genau] Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ma questa volta non ho una scelta. [Aber dieses Mal habe ich keine Wahl]. È per il bene della mia famiglia. [Es ist zum Wohl meiner Familie]. Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.“ erklärte er ernst und mit fester Stimme. „Aha.“ antwortete ich knapp. „Ma non vuoi sapere perché? [Aber willst du nicht wissen warum?] hakte er nach. „Du wirst es mir schon erzählen, wenn du dich bereit dazu fühlst.“ gab ich betont lässig zurück und platzte fast vor Neugier. Den Gefallen wollte ich ihm nicht tun, dass sich mal wieder seine Annahme „la curiosità è donna“ [Die Neugier ist weiblich] bestätigte. „Allora, ti dico perché.“ [Also, ich sag’ dir warum] fing er hochtragend an. „Signorino und du seid beide Deutsche. Wir leben in Deutschland, zahlen Steuern, arbeiten und überhaupt – mein Sohn ist hier geboren. Da sehe ich es als meine absolute Pflicht auch mitzubestimmen, in welchem Deutschland mein Sohn groß wird. Ich möchte wählen – für die Zukunft meines Sohnes.“

„Oh bitte nicht!“ entfuhr es mir plötzlich. Der Römer blitzte mich an. „Entschuldige, aber jemand, der die AfD wählen wollte, weil er dachte, dass die Partei „AntiFascista Deutschland“ [Antifaschist Deutschland] heißt, sollte besser nicht wählen. Oder, lass es mich anders ausdrücken: Bevor die Wahlen sind, werde ich dir eine Liste von möglichen, NORMALEN Parteien zusammenstellen – inklusive ihrem Wahlprogramm!“ Der politisch sehr interessierte Römer sprang sofort darauf an: „Era UNA VOLTA! UNA VOLTA! [Das war EIN MAL! EIN MAL!] Und ich habe erst seit kurzem in Deutschland gelebt und sprach kein Wort Deutsch. Natürlich wähle ich so eine dämliche Partei nicht! Non sono matto! [Ich bin doch nicht verrückt]“ Er strich sich eine im Affekt wildgewordene, dunkle Locke aus der Stirn, die während seiner Brandrede aufbegehrte. „Außerdem möchte ich nicht allein im Ausland festsitzen, wenn alle Deutschen evakuiert werden, nur weil ihr die richtige „Mitgliedskarte“ habt. Du glaubt doch wohl nicht, dass mich Edi Rama [der Ministerpräsident Albaniens] in Madagaskar rettet.“

„Auf…. auf Madagaskar. Es ist eine Insel.“ gab ich besserwisserisch preis und wusste, dass ich ihn damit jedes Mal wieder auf die Palme brachte. „Aber gut, ich verstehe deinen Gedankengang. Noch eine letzte Frage: Hast du es dir wirklich gut überlegt?“ Er guckte mich mit festem Blick an und sagte nur „Si!“ – mehr nicht.

Später am Nachmittag, ich ging mit Signorino spazieren, fragte ich mich, wann dieser, sein, Gedanke anfing. Jahrzehntelang lebte er in Rom, doch wollte weder mitbestimmen, noch wählen. Es wäre ein leichtes gewesen, Italiener zu werden, doch er fand es nicht lohnenswert. Ich grübelte bei frischer, kalter Luft am Main.

„Die Treuekarte war’s!“ schoss es mir durch den Kopf. „Damit fing alles an. Aber na klar doch! Ich bestand 2016 darauf, dass er diese dämliche Treuekarte überall benutzt. Zwei Jahre dauerte es bis er es verinnerlicht hat. Nun benutzt er Coupons für 6fach Punkte, erinnert mich an der Tankstelle daran, meine Bonuskarte unbedingt abscannen zu lassen und löst die Punkte für rostfreie Kartoffelstampfer und Joggingstirnlampen ein.“ Ich seufzte und Signorino machte sich bemerkbar, dass er gerne etwas trinken würde. An einer Parkbank machten wir Rast und ich gab ihm seine Flasche. Zwei Nordic Walker (nicht Hubsi und Schnupsi) stöckelten vorbei. „Die Kehrtwende wäre vielleicht noch möglich gewesen, als er die Joggingstirnlampe bestellt hatte. Aber ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wer -in ganz Rom, ach was Italien – hat bitte eine Joggingstirnlampe? Da hätte mir doch (im wahrsten Sinne des Wortes) ein Licht aufgehen müssen. Mittlerweile findet er Outdoor Kleidung „praktisch“. Praktisch – das Wort gibt es in Italien überhaupt nicht im Zusammenhang mit Mode und Ästhetik! Letztens hatte er sogar eine Outdoor Jacke in der Hand – mit dem berühmten Tatzenmuster. Früher machte er sich noch lustig darüber….“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

In der Zwischenzeit gab mir Signorino zu verstehen, dass er nicht mehr durstig war. Gleichzeitig verlangte er aber nach einer Maiswaffel. Geduldig gab ich sie ihm in sein Patschehändchen. Er quiekte vor Freude.

„Was kommt als nächstes? Reist er in Trekkinghosen mit abnehmbaren Beinen nach Rom? Hat er dann dazu passende Wander-Sandalen an? Er, der feine Römer! Muss er diese Auflage vielleicht sogar unterschreiben, wenn er den deutschen Pass haben will?“ Ich stellte mir den Römer im hellblauen Maßhemd, beiger Cargohose und Sandalen mit Tennissocken vor und musste dabei laut lachen. Signorino lachte mit. Kichernd reichte ich ihm die nächste Waffel. „Dein Papa wird Deutscher.“ sagte ich und Signorino lachte laut auf. „Ja, ich kann es auch nicht glauben. Aber klar, die Anzeichen waren da. Wie war das noch, im August, als wir in Rom waren und es ihm an der Supermarkt Kasse nicht schnell genug ging? Das sonst so von ihm geschätzte Geplauder zwischen Kassierer und Kunden ging ihm auf die Nerven – obwohl er im Urlaub war. Was sagte er noch gleich? Die sollen nicht soviel plaudern, die sollen arbeiten. Wahrscheinlich wollte ich diese Anzeichen einfach nicht sehen.“ Signorino nieste und ein Stück Waffel flog durch die Luft. Ich hob es auf und mir kam ein neuer Gedanke: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, sagte er letztens. Ich wurde etwas stutzig und fragte nur, wo er das denn aufgeschnappt hat. In der Arbeit, war seine knappe Antwort. Wahrscheinlich war es ein Prozess wie er langsam aber sicher radikalisiert wurde. Dolce Vita gegen Deutsche Vita. Oder wie er sich letztens lautstark an der Kasse des hiesigen Sportgeschäfts beschwerte, weil der junge Mann vor ihm nicht rechtzeitig den Geldbeutel und die Treuekarte bereit hielt. Er wartete bis er dazu aufgefordert wurde und suchte dann in aller Seelenruhe in seinem Portmonee nach beiden Karten, fand aber nur die Bonuskarte und wollte dann wiederum mit Bargeld bezahlen, was dann zu weiteren Verzögerungen führte, weil die Kassiererin den Kauf erst abbrechen musste. Das weiß ich doch vorher, wann ich an der Reihe bin. Wenn noch mindestens zwei Kunden vor mir sind, lege ich mir bereits die gleich benötigten Karten zurecht. Der Typ ist sicher auch jedes Jahr von Weihnachten überrascht, pöbelte er und ich wurde etwas rot, weil er es auf Deutsch sagte.“

Signorino hatte fertig geknuspert und wir setzten unseren Spaziergang fort. „Generell Deutsch. Jedes zweite Wort ist Deutsch. Letzte Woche nach seinen Patienten gefragt, antwortete er, dass er sia einfache Patienten sia schwierige Patienten [sowohl einfache Patienten als auch schwierige Patienten] hatte. Vorgestern bereitete er Signorino mit den Worten „Ab ins Bett!“ vor. Auf Deutsch! Total verrückt. Als wir uns über sein Heimatland Albanien unterhielten beschwerte er sich, dass die Bevölkerung nicht effizient genug sei. Ständig sitzen sie im Café und brauchen drei Stunden für einen Espresso. Die sollen gefälligst arbeiten!“

Als wir 20 Minuten später daheim ankamen, duftete es nach würziger Tomatensoße. Fedez sang irgendeines seiner Lieder im italienischen Radio und der Römer brüllte auf albanisch ins Telefon. Die Küche sah aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Dort hing auch sein frisch gewaschenes, hellblaues Maßhemd auf einem Kleiderbügel am Vorratsschrank. Ein Tomatensoßen Spritzer machte es sich bereits darauf gemütlich. Ich tippte dem Römer auf die Schulter und zeigte ihm das Malheur. Er riss dich Augen weit auf – entschuldigte sich am Telefon und legte hastig auf. „Oh dio mio! No! Non è vero! Madre mia!!!! È un incubo! Porca miseria!“ [Oh mein Gott! Nein! Das ist nicht wahr! Madre mia!!!! Das ist ein Albtraum! Heilige Sch**ße!] Er gestikulierte wild.

Ich machte mich daran unter lauten, panischen Rufen des Römers den Fleck zu bearbeiten. Er war verzweifelt und brachte das so herrlich italienisch auf den Punkt.

Nach 10 Minuten und einem halben Liter Gallseife war der Fleck weg. Und ich atmete erleichtert auf. Nicht etwa, weil der Fleck verschwunden war, sondern weil ER wieder da war: Mein Römer! Die Gefahr ihn bald in Trekkinghosen, Karohemd und Sandalen zu sehen, schätze ich mittlerweile als gering ein. Denn – egal mit welcher Staatsbürgerschaft – manche Dinge ändern sich eben nie.

[Er lässt ausrichten, dass es gar nicht so dramatisch sei, denn schließlich sei Signorino ja Albaner. „Ein Albaner in der Familie reicht um als ordentliche, albanische Familie zu gelten.“ Na dann, shume urime! [herzlichen Glückwunsch!]]