Audio – Bei Farnientes gibt’s heute Sushi

Liebe Leser,

ich habe meine Audiodatei schon einmal vor einigen Tagen hier gepostet. Es war und ist ein Herzensprojekt Ihnen meine Geschichten selbst vorzulesen.

Allerdings ist mir aufgefallen, dass ich die Komponisten der Eingangsmusik nicht nach Erlaubnis gefragt habe.

Also schrieb ich Oliver Astrologo und der apulischen Gruppe „Sciamaballà“ eine Email. Beide antworteten überaus nett und herzlich. Sie erlaubten mir die Nutzung ihres Stücks als Intro. [Das dazugehörige Video finden Sie hier: klick]

Deswegen, heute, nur für Sie noch einmal meine Lesung von „Bei Farnientes gibt’s heut Sushi“.

Bei Farnientes gibt’s heut Sushi

„Jetzt ist es passiert.“ werden Sie sagen während Sie die Überschrift lesen. „Ab jetzt wird sie uns jeden Tag erzählen, was es zu essen gibt. Irgendwann wird sie Wörter wie Foodie, Foodblog und Foodinspiration benutzen.“

Aber weit gefehlt, meine sehr verehrten Leser*innen! Vielmehr möchte ich Ihnen von einem, nein, von meinem Durchbruch erzählen. Es dauerte Jahre und nur durch mein unglaublich aufopferungsvolles Durchhaltevermögen habe ich es geschafft: Der Römer isst jetzt Sushi.

„Nichts besonderes.“ werden Sie mir mit Ihrem internationalen Gaumen antworten und währenddessen genüsslich ihre vietnamesische Phở schlürfen oder sich äthiopische Injera in den Mund schieben.

Aber ich halte ein „Oh doch!“ dagegen. Dazu muss ich ihnen eine Geschichte erzählen, die sich exakt so vor ein paar Jahren ereignet hat:

Als ich den Römer kennen lernte, war er ein begeisterter Fan der italienischen Küche. Das traf sich gut. Er wohnte schließlich in Rom. Doch wer nun erwartet, dass der Römer eine andere Landesküche außer der italienischen akzeptierte, den muss ich nun leider bitter enttäuschen. Es gab für ihn nur diese eine Küche.

Selbst in Albanien aß er zwar brav und ohne Widerworte das Festmahl, das seine Familie bei jedem Besuch auftischte, doch an Abenden, an denen er alleine Ausgang hatte, verschlug es ihn selbstredend in ein italienisches Restaurant. Wenn man ihn fragte, ob man etwas exotischeres essen könne, nickte er und schlug türkisch vor, denn Mezze und gegrillte Fleischspieße waren gerade noch so akzeptabel.

Die deutsch-österreichische Küche war ihm meist schon zu exotisch. Knödel wurden als „pane bagnato“ [nasses Brot] abgetan. Allerdings wurde ein hauchdünnes Kalbsschnitzel von ihm akzeptiert, da es dieses auch in der italienischen Küche unter dem wohlklingenden Namen „scaloppina milanese“ gab.

Und damit endete sein kulinarischer Horizont auch schon wieder.

Doch ich machte mir über dieses Thema nie viele Gedanken. Wenn wir uns sahen, dann waren wir meist in Rom und weniger in Frankfurt. Ich mag die italienische Küche und fand es vollkommen ausreichend mich von gegrilltem Fisch über Pizza bis hin zu cacio e pepe durch zu schlemmen.

Es war alles in bester Ordnung und wir hätten glücklich und verliebt bis ans Ende unserer Tage leben können, wäre da nicht unser erster, gemeinsamer Urlaub gewesen.

Das Reiseziel, Singapur und Bali, klang vielversprechend. Wir waren beide aufgeregt. Ich, weil ich hohe Erwartungen an diesen, unseren, ersten, gemeinsamen Urlaub hatte. Der Römer, weil er zum damaligen Zeitpunkt noch nie einen Fuß auf einen anderen Kontinent gesetzt hatte.

Im Flugzeug war alles ganz wunderbar. Man bot eine Auswahl an internationalen und asiatischen Gerichten an. Der Römer wählte begeistert die „internationale“ Küche, die aus insalata caprese [Tomate-Mozzarella] als Vorspeise und petto di pollo con purè (Hühnerbrust mit Kartoffelpüree) bestand. Ich hingegen war froh, die asiatische wählen zu können, wollte ich mich doch auf den Urlaub einstimmen.

In Singapur angekommen merkte man noch nicht viel vom römisch-kulinarischen Defizit. Am ersten Abend aßen wir frittiertes, einfaches Huhn und Reis. (pollo fritto con riso)

Generell galt: Alles, was einen italienischen Namen vorweisen konnte, wurde ohne Murren akzeptiert. Der Rest wurde verweigert, auch wenn das bedeutete in den Hungerstreik zu gehen.

Am zweiten Abend gingen wir in einen Foodcourt. Überall lachten uns kleine Buden an und jegliche, asiatische Gerichte wurden feilgeboten. Es war ein wahres Fest. Indisch dort, chinesisch da hinten, malaysisch links, usw., usw..

Ich setzte mich an ein Tischchen und bot dem Römer an, schon einmal zu gucken, was er essen möchte. Ich würde den Platz solange reservieren.

Der Römer stolzierte im Foodcourt umher, guckte sich alles genau an und verzog meist angewidert den Mund, bevor er seine Inspektion beim nächsten Stand fortsetzte.

Nach 20 Minuten, ich wartete mit knurrendem Magen auf meinem Platz, kam er zurück – mit leeren Händen. „Non trovo nulla qui! Fa tutto schifo.“ [Ich finde hier nichts. Es ist alles eklig.] sprach’s und ließ sich auf den Platz neben mir plumpsen. Ich guckte ihn irritiert – und hungrig – an.

„Und dafür hast du 20 Minuten gebraucht?“ fragte ich leicht genervt. „Vabbe, devo oppure vedere che c’è.“ [Ja gut, ich muss doch sehen was es gibt] antwortete er flapsig. Ich, ganz das allgemeine Wohl im Blick, bot ihm an, nochmal mit ihm gemeinsam zu schauen, ob es nicht doch was für ihn geben würde.

Wir gingen von Stand zu Stand und ich versuchte dem Römer das ein oder andere Gericht schmackhaft zu machen. „No.“ war seine andauernde und ernüchternde Antwort. Dazu schüttelte er vehement den Kopf. Ich atmete tief durch, da ich nicht wollte, dass dieser Urlaub gleich am Anfang zu einem Disaster werden würde.

Im Augenwinkel sah ich einen Dumpling Stand. Ich steuerte auf ihn zu. Der Römer trottete missmutig und hungrig hinter mir her. „Ah! Ravioli!“ erhellte sich sein Gesicht. „Buoni! Come sono?“ [Lecker! Wie sind die gemacht?] Der Römer, der damals sehr schlecht Englisch sprach, bat mich die Beschreibung zu übersetzen. „Mit Garnelen, vegetarisch oder mit Schwein!“ zählte ich auf. „Mmmh…buono! [Mmmh…gut] Ich nehme eine Portion mit Garnelen und eine vegetarische Portion.“ Ich bestellte die doppelte Menge für uns und nahm sie nach wenigen Minuten dankend in Empfang.

Angekommen am Platz war er höchst zufrieden mit seiner Wahl. „Veramente squisiti, questi ravioli.“ [Wirklich vorzüglich, diese Ravioli.] stellte er fest. „Sie heißen dumplings.“ erklärte ich ihm kauend. „Ah…dumpings! Fa oppure senso!“ [Ah…Dumpings! Das macht auf alle Fälle Sinn] bestätigte er mir. „Nein, nein, DUMP-L-INGS.“ wiederholte ich. „Ok…va bene. Basta che tu li sai pronunciare giuastamente.“ [Ok…in Ordnung. Es reicht, wenn du sie richtig aussprechen kannst] stimmte er mir zu.

An den darauffolgenden Tagen ernährten wir uns von „Dumpings“ und „Burger“. Weitere, kulinarische Versuche akzeptierte der Römer nicht. „Na, das kann ja was werden.“ dämmerte es mir – doch ich schob den Gedanken beiseite.

Nach einigen Tagen setzten wir unsere Reise fort. Es sollte nach Bali, Ubud um genau zu sein, gehen um dann – nach ein paar Tagen Aufenthalt – auf eine kleine Insel namens Gili Trawangan überzusetzen.

In Ubud angekommen machten wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. „Nasi Goreng wird er wohl essen können.“ dachte ich. Weit gefehlt, denn es gab kein italienisches Pendant dazu. Mangels Auswahl bestellte ich es trotzdem für ihn. Als Vorspeise bestellte ich Hühner Satay Spieße.

Die Vorspeise empfing er mit großer Freude. „Mmmh…spedine al pollo.“ [Mmmh…Hühnerspieße.] lobte er und verschlang sie gierig. „Ma questo sugo di noci non centra nulla. Sarebbe stato meglio con un sugo di pomodoro.“ [Aber diese Nusssoße passt überhaupt nicht dazu. Eine Tomatensoße wäre besser gewesen]

Ich lächelte milde und tätschelte sein Knie.

Als die Hauptspeise kam, machte er große Augen. „Ma che cos’è?“ [Aber was ist das denn?] fragte er sichtlich entsetzt. „Nasi Goreng.“ flötete ich und wünschte ihm guten Appetit. Er stocherte lustlos in seinem Gericht herum. Ab und zu probierte er ein, zwei Reiskörner und geriet dabei so ins Schwitzen, dass er fast alle Knöpfe seines weißen Leinenhemds aufmachte. Dann tupfte er sich theatralisch den Schweiß von der Stirn und ächzte: „Troppo picante! No, non lo mangio!!“ [Viel zu scharf! Nein, das esse ich nicht!] Ich atmete tief ein und aus und rechnete in Gedanken nach wie viele Tage wir noch in diesem „Paradies“ verbringen müssten, bevor wir wieder heimfliegen konnten. „14.“ murmelte ich völlig resigniert als ich die Anzahl der restlichen Urlaubstage kalkuliert hatte. „Wie 14?“ fragte der Römer. „Ääähm….entschuldige, 140.000 Rupien kostet ein Gericht, glaub ich.“ versuchte ich mich aus der Situation zu retten. Der Römer trank seinen Softdrink und aß die traurige Grill-Tomate, die resigniert am Rand des Tellers lag.

Am nächsten Tag machte ich mich alleine auf die Suche nach einem internationalen Restaurant während der Römer hungrig im Pool plantschte.

Zum Glück wurde ich fündig. Nur wenige 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt gab es ein vegetarisches Café. Es sollte von nun an unsere Stammlokalität werden. Jeden Tag – zweimal – bestellte der Römer eine Mezze Platte und verschlang sie meist zwischen zwei Atemzügen. Nachmittags gönnte er sich ein Stück Muffin oder tortina, wie er es nannte.

Mir graute es bereits vor Gili Trawangan. Wird man etwas Essbares dort finden? Oder wird er sich nur von Softdrinks, tortina und Toastbrot ernähren?

Ich sollte es noch früh genug herausfinden, denn die Reise ging am nächsten Tag los. Wir setzten mit der Fähre auf die kleine Insel über. Angekommen am Zielort streifte er durch die Speisekarte eines schönen Strandlokals… und… nichts…es gab rein gar nichts für ihn. Neidisch blickte ich zu einem niederländischen Pärchen hinüber… sie aßen ein traditionelles, indonesisches Gericht und wirkten sehr glücklich dabei. Neben mir saß der hungrige, italienische Trauerkloß und guckte böse, weil ihm die heimische Küche fehlte.

Ich bestellte mir „Phad Thai“. Der Römer wollte nur eine Zitronenlimonade und Satay Spieße – ohne Soße. Als das Essen kam, guckte er neidisch auf meinen Teller. „Che cos’è?“ [Was ist das?] fragte er interessiert. „Sembra come tagliatelle con gamberi. Buono!“ [Es scheint wie Bandnudeln mit Garnelen. Lecker!] beantwortete er sich die Frage selbst. „N…jaaaa… Willst du probieren?“ erwiderte ich hoffnungsvoll. „Ma si! Perchè no?“ [Aber ja, warum nicht?] antwortete er begeistert. Er steckte sich die erste Gabel voller Phad Thai in den Mund und ich wartete gespannt auf seine Reaktion. „Buonissimo!“ [Sehr lecker!] fiel sein Urteil aus. Erleichtert atmete ich auf.

Fortan aß er jeden Abend Phad Thai und jeden Mittag Satay Spieße. Andere kulinarische Ausflüge wagte er – wie immer – nicht. Seine kargen Essgewohnheiten zeichneten sich sehr schnell ab. Im Gesicht wurde er sehr hager und auch seine Hosen saßen von Tag zu Tag lockerer. Böse Zunge würden behaupten, er sah wie ein Schiffsbrüchiger aus, der aus unerfindlichen Gründen auf dieser Insel angespült wurde.

Auf dem Rückflug war er heilfroh, dass es eine eurasische Fluglinie war. Er stopfte sich mit Mezze, Hähnchenspießen und Baklava bis oben hin voll. Satt und glücklich schlief er ein und wachte erst in Istanbul wieder auf.

Auf dem Flug nach Rom erzählte er dem interessierten, italienischen Flugbegleiter sein kulinarisches Martyrium. Dieser nickte verständnisvoll und legte ihm mitfühlend eine Hand auf die dürre Schulter. Ich stellte mich indessen schlafend.

„Nie wieder.“ schwor ich mir in Rom. „Nie wieder gehe ich mit ihm auf eine Reise, die europäischen, nein, italienischen Boden verlässt.“

Doch es kam, wie es kommen musste. Er zog nach Deutschland – und fortan begann eine mehrjährige, geschmackliche Gewöhnungsphase für den Römer. Mittlerweile isst er gerne indisch, thailändisch, vietnamesisch und – so gar (aber das dauerte bis letztes Jahr im Dezember) rohen Fisch in Reis – oder Sushi, wie es korrekt heißt.

„Darf ich dich mal was fragen?“ wendete ich mich gestern an ihn während er mit seinen Stäbchen geschickt das Sushi in die Sojasauce tauchte. Er nickte bejahend und kaute zufrieden.

„Warum hast du fast 40 Jahre lang nur italienisch, albanisch und Mezze gegessen?“ erkundigte ich mich bei ihm.

„Es gibt einfach mehr italienische Restaurants in Rom als alles andere. Da hatte ich den Drang nicht, etwas Neues auszuprobieren. Mal aß ich ein Kebab, wenn ich von einer durchtanzten Nacht kam. Aber auch nur, weil alle italienischen Imbisse schon geschlossen hatten.“ antwortete er sehr ehrlich.

„Und jetzt? Wie findest du’s jetzt mit all den Möglichkeiten, die wir haben?“ hakte ich neugierig nach. „Gut. Wirklich! Aber die italienische Küche würde mir zum Überleben reichen.“ gab er grinsend zurück.

„Na dann! Finger weg von meinem Lieblings-Sushi.“ konterte ich. „Ti piacerebbe!“ [Das würde dir so passen!] hielt er dagegen und schob sich genüsslich eine Sushirolle in den Mund.

Warnung!

Kennen Sie das? Sie lesen ein Buch und in ihrem Kopf fügen Sie automatisch Bilder dazu ein. Die Hauptdarstellerin sieht für Sie vielleicht aus wie Grace Kelly und der widerwärtige Nebendarsteller wie ihr unsympathischer Cousin Markus mit den derben Sprüchen?

Doch dann passiert es: Einige Monate danach sehen Sie (zufällig) die verfilmte Version des Buches. Doch die Schauspieler scheinen so gar nichts gemein zu haben mit den Personen, die Sie in Ihrem Kopf in liebevoller Kleinstarbeit zusammengesetzt haben.

Sollte Ihnen das so – oder so ähnlich – schon einmal passiert sein, dann klicken Sie nun auf das kleine [X] oben rechts. Schließen Sie den Beitrag und genießen Sie den restlichen Tag.

Wenn Sie dennoch weiterlesen, dann nur auf eigene Gefahr:

Ich – in meiner damaligen, letzten Schwangerschaftswoche, gebe Ihnen nun die Möglichkeit diesen Beitrag zu schließen

Nun gut, Sie wollten es so:

Ich habe mein Personenregister (Haupt- und Nebendarsteller) überarbeitet. Schon lange war es mir ein Dorn im Auge, denn es war ein einziger Haufen hastig hingeworfener Darstellernamen. Ordnung musste endlich her!

Gesagt – getan. Und wo ich gerade dabei war, dachte ich, dass ich auch gleich das ein oder andere Bildmaterial einfüge. So kam es also, dass ich, Eva Farniente, nun gar nicht mehr so anonym durch’s Internet rausche. Auch den Römer, den Einen und den Anderen kann man erahnen.

Dennoch: Signorino, Turtle und Ova bleiben ein Phänomen. Der Erstgenannte, weil er noch so klein ist und mit 18 Jahren ganz allein entscheiden darf, welche Bilder von ihm ins Internet katapultiert werden und die beiden Letzteren, weil ich weiß, dass sie sehr verschwiegene Personen sind.

Nun denn, viel Spaß! Und kommen Sie mir hinterher nicht mit: Ich hätte Sie nicht eindringlich gewarnt!

P.S.: Da ich aber keine Influencer-Mutti bin, ist und bleibt das Fotomaterial bis auf weiteres das einzige. Es gibt keine liebevollen Insta-Stories, wo ich Ihnen Tee, Haarspülungen und Gesichtscremes aufschwatzen will (mit Rabattcode 40% günstiger!!) und es wird keine 10 Min HIT Workouts (das würde ich auch nicht durchhalten!) geben. Ich hoffe, Sie verkraften das und begnügen sich weiterhin mit den Geschichten auf meinem Blog!

Si, si, certo!

Keine Sorge, wir sind schon mit einem überfordert. Ein Zweites würde uns in den Ruin stürzen! 😄

Je höher man fliegt, desto härter ist der Boden der Tatsachen, auf dem man früher oder später unsanft landet.

Und was sind wir hoch geflogen als wir vom Kinderkriegen geträumt haben! Sicher über 30.000 Fuß, denn das würde unsere fantasievollen Ideen unter offensichtlich akutem Sauerstoffmangel erklären.

Hatten wir während meiner Schwangerschaft noch den festen Wunsch mit einem 6 Wochen alten Baby nach Florenz zu fliegen (Stichwort: saldi oder Winterschlussverkauf), so knallten wir mit voller Wucht in das, was Alltag mit Baby bedeutete.

Vor ein paar Wochen war eine Freundin samt Mann zu Besuch. Sie kamen von außerhalb, deswegen buchten sie sich für ein paar Tage in einem Wellnesshotel unserer Stadt ein.

Wir trafen uns in diesen Tagen oft und plauderten über die wenigen Themen, die uns nach Jahren des losen Kontakts noch übrig geblieben waren.

Sie, die gerade mit dem ersten Kind schwanger ist, erzählte uns von den aberwitzigsten Plänen. Ihr Mann nickte stets bekräftigend. Am Anfang ließen wir sie gewähren, verkniffen uns das Lachen und das Berichten über die Realität. Wir nickten und lächelten. Platzierten begeisterte „Wows“, „Aahs“ und „Ohs“.

Als wir erzählten, dass Signorino durchschläft, aber nur, wenn er zwischen uns liegt und jeder ihm sein Händchen hält (und das bitteschön die ganze Nacht), lachten sie laut. „Wie soll man denn da schlafen können, wenn du die ganze Nacht sein Händchen halten musst? Ich könnte das gar nicht!“ sagte sie und er lachte.

Der Römer wollte gerade ansetzen und von Nächten erzählen, in denen man gar nicht schläft – oder jede Stunde aufgeweckt wird. Er wollte ihnen erzählen, dass wir wahre Glückspilze sind, dass wir die meisten Nächte durchschlafen – auch wenn Signorino spät ins Bett geht. Doch ich gab ihm einen Knuff in die Seite. Ich lächelte ihn an und flüsterte „Sie werden es schon noch früh genug herausfinden.“ als sie davon erzählte, welchen Stillsessel sie gekauft haben und dass sie „windelfrei“ unbedingt ausprobieren wollen.

Sie berichtete von ihrer geplanten Reise nach Nordafrika zu einer arabischen Hochzeit einer Freundin. Ich rechnete nach. „Das Baby wäre dann 4 Monate alt?“ fragte ich interessiert. Sie lächelte und streichelte über ihren Bauch. Der Römer biss sich währenddessen auf die Lippe. Sie fuhr fort und schmückte den Ablauf in den schönsten Farben aus. Das Baby soll für die fünf Tage der Hochzeitsfeierlichkeiten bei Oma bleiben oder aber – noch besser – mitkommen. Es würde zufrieden im Hotelzimmer schlafen, während Mama und Papa (mit Babyphone) im großen Saal zu lauter, arabischer Musik mit 300 anderen Gästen tanzen würden.

Ich sah wie die Augenbrauen des Römers hochschoßen. Gerade wollte ich ihn wieder knuffen, doch es brach schon aus ihm heraus. „Si, si, certo!“ sprach er sehr sarkastisch und übersetzte es auch gleich für unsere Gäste – nur für den Fall, dass sie es nicht eh schon verstanden hätten: „Ja, ja, sicher!“

Ich wollte ihm einen bösen Blick zuwerfen, doch ich musste so lachen, dass es mir nicht gelang. „Nur weil IHR ein anstrengendes Baby habt, heißt das nicht, dass unser Plan nicht klappen wird.“ erklärte die eingeschnappte, werdende Mutter und ihr Mann tat das, was er am besten kann: er nickte eifrig.

Ich lächelte sanft, streichelte ihr über die Schulter und sagte: „Da hast du Recht. Es muss nicht so sein wie bei uns.“ Es beruhigte sie.

Doch der temperamentvolle Römer, müde von dem ganzen, zusammen verbrachten Wochenende, an dem man nur von ihren Vorstellungen als zukünftiges Elternpaar sprach, trat nach: „Mbè…vedrai tu come sarà facile. [Du wirst sehen wie leicht es ist]“ sprach er und übersetzte es diesmal nicht.

Sie guckte mich fragend an. „Er sagt, es wird sicher einfacher als bei uns.“ interpretierte ich sehr großzügig.

„Ah ja! Das glaube ich nämlich auch.“ antwortete sie beruhigt und schob sich ein Stück Erdbeerkuchen in den Mund.

Als das Wochenende vorbei war, saßen der Römer und ich für eine kurze Verschnaufpause am Küchentisch. Endlich machte Signorino ein Mittagsschläfchen. Caffé und pasta alle mandorle (sizilianische Mandelkekse) standen vor uns: „Ich bin froh, dass sie heute abgereist sind. Non lo facevo piú! [Ich hielt es nicht mehr aus] Diese Traumtänzer! Er kauft das halbe, überteuerte Babygeschäft auf. Sachen, die das Kind nie anfassen wird, bevor es nicht mindestens 2 Jahre alt ist. Dazu diese völlig falschen Annahmen. Und dann immer diese Kommentare, dass sich deine Freundin am allerbesten auskennt, weil sie damals als 8-jährige, ihren neu geborenen Bruder zweimal gewickelt hat. È troppo stupida, amica tua! [Deine Freundin ist ganz schön doof]“

Ich rührte gemächlich in meinem Espresso, biss in einen butterweichen Mandelkeks und sprach: „Ach, weißt du, sie wird merken, dass ihre Erfahrung als 8-jährige sie nicht zu einer vollwertigen Mutter gemacht hat und dass sie noch genug lernen muss. Aber warum sollte ich ihr den Augenblick kaputt machen? Sie soll die Schwangerschaft genießen. Die ersten Tage und Wochen mit Baby wird sie ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen holen.“

Der Römer guckte sehr nachdenklich. Irgendetwas brannte ihm noch auf der Seele. „Dimmi!“ [Spuck’s aus!] sagte ich.

„Non lo trovo giusto di non dire niente a loro. [Es ist nicht richtig, ihnen nichts zu sagen] Man kann sie doch wenigstens warnen, dass sie nicht blindlings ins Verderben laufen – come noi. [so wie wir.]“ erklärte er mir.

Ich musste grinsen, weil ich an uns als werdende Eltern dachte.

„Kannst du dich noch an unseren Rom Urlaub erinnern? Wolltest du vom müden und geschafften Marco die Wahrheit hören? Er stand mit uns am Tresen des Baylon Cafès, seine leere Espressotasse lag schlaff in der Hand, und murmelte völlig resigniert „terribilmente difficile“ [schrecklich schwer]. Ich weiß noch, wie wir durch die vicoli [Gässchen] von Trastevere spaziert sind und kichernd sagten: „Ja, vielleicht für ihn. Unser Kind wird ganz anders.“ Wir wollten es nicht wahrhaben. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte niemand Kinder.“ fasste ich diese Begegnung für ihn zusammen.

Ah mi ricordo. Già. Marco aveva raggione! [Ah, ich erinnere mich. Stimmt schon. Marco hatte Recht] Ich sollte ihm schreiben, dass er untertrieben hat.“ stimmte der Römer mir zu.

„Siehst du! Und deswegen lächeln wir und sagen nichts über die Schwierigkeiten zu werdenden Eltern. Sie werden es schon noch früh genug herausfinden.“ ergänzte ich meine Geschichte.

„Va bene. [In Ordnung] Ich lächle, winke und wünsche ihnen viel Erfolg.“ lachte der Römer.

Da schrie auch schon Signorino. Er ist erwacht – nach 20 Minuten Mittagsschlaf. Seine Zähnchen kommen.

„Tocca te! [Du bist dran!]“ sagte der Römer. „Ich hatte ihn vorhin schon 3 Stunden schuckelnd auf dem Arm, weil er sich nicht ablegen lässt.“

Ich seufzte. „Showtime!“ Dann gab ich dem Römer einen Kuss und widmete mich Signorino.

„Es ist nur eine Phase!“ rief er mir aufmunternd hinterher.

Si, si, certo!“ antwortete ich.

Heute koche ich!

Was für Sie klingen mag wie ein einprägsamer Titel eines gelungen Kochblogs (keine Sorge, ich ändere meinen Blognamen nicht schon wieder!), ist in Wahrheit eine Drohung – wenn man dem Römer Glauben schenken darf.

Würde er diesen harmlos scheinenden Satz heute noch einmal hören, er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: „Mamma mia, sempre questa donna!“ [Mamma mia, immer diese Frau!]

Trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis Ihnen die ganze Geschichte von vorne zu erzählen, denn Sie verstehen mich. Da bin ich mir sicher!

Etwas Grundlegendes über mich sollten wir zuerst klären: Ich bin kulinarisch gesehen sehr kreativ. Täglich finden mich neue Kochideen und möchten in die Tat umgesetzt werden. Nur gibt es da ein Problem: Ich bin in der Küche vollkommen talentfrei oder um es mit anderen Worten zu sagen: Mein größter Erfolg ist und bleibt eine pasta fredda – ein italienischer Nudelsalat.

Heute war es wieder soweit: Eine neue Idee fand mich. Wie ich gedankenverloren durch einen italienischen Kochblog stöberte, sah ich es: Mein Rezept! Es trug den melodisch klingenden Namen polpette di melanzane al sugo [Auberginen Frikadellen in Tomatensoße]

Ein kurzer Blick in den Kühlschrank genügte. Es war alles vorhanden. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch. Denn wäre mein kurzer Blick ein langer Blick gewesen, wäre mir sogleich aufgefallen, dass zwei Zutaten fehlten: Eier und Parmesan. Fundamentale Geschmacks- und Konsistenzsäulen in diesem Rezept.

Aber hätte mich diese Lappalie davon abgehalten das Rezept postwendend umzusetzen? Wohl nicht! Denn „Improvisation“ ist mein zweiter Vorname.

So machte ich mich also an die Arbeit.

Schritt 1: Tomatensugo kochen. Dazu benötigt man passierte Tomaten , Zwiebeln, Zucker (ja, das kam mir auch spanisch vor), Salz, Pfeffer und Basilikum.

Hm…die sofortige Zubereitung des Sugos erschien mir nicht sinnvoll. Er würde doch nur herumstehen und damit Platz rauben, der in der eh schon kleinen Küche bereits Mangelware war.

Ich vertagte Schritt 1 auf später.

Dass Gerichte an Geschmack gewinnen, je länger sie köcheln, wusste ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht. So ging ich sehr von mir selbst überzeugt zu Schritt Nummer 2 über.

Schritt 2: Würfeln Sie die Auberginen und geben Sie sie in ein Sieb. Bestreuen Sie sie großzügig mit Salz, damit sie an Flüssigkeit verlieren.

Das erschien mir sinnvoll. Während ich die Auberginen würfelte, tauchte der Römer hinter mir auf. „Madre mia!!! Le dita!!“ [Meine Güte! Die Finger!!] rief er. Ich beobachtete das Messer wie es nur wenige Millimeter neben meinen Fingerkuppen entlang schnitt. „Kein Grund zur Sorge“, sagte ich sehr cool, „ich mache das immer so!“ Der Römer nahm mir das Messer aus der Hand. „Wenn du es immer so machst, dann machst du auch immer etwas falsch. È un miracolo che non è mai successo qualcosa!“ [Es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist] Als er die Auberginen fertig gewürfelt hatte, nahm ich ihm das Messer aus der Hand. „Danke, aber ich komme nun allein zurecht.“ sagte ich sehr schnippisch. Ich platzierte die Würfel in einem Küchensieb und fing an sie mit Salz zu bestreuen. Und während ich so bestreute und meinen Gedanken nachging, hörte ich den Römer schon wieder: „Ma che stai facendo? [Was machst du denn da?] Soviel Salz vertragen die Auberginen doch gar nicht! Und warum das grobe Meersalz?!“ Ich guckte auf die Auberginenwürfel. In meiner Tagträumerei versalzte ich die Auberginen sprichwörtlich. „Viel hilft viel!“ erklärte ich ihm sehr selbstbewusst, doch er wusch bereits die Auberginen um sie von meinem Salzgestöber zu befreien. Er trocknete sie kurz auf einem Küchentuch und streute mit einer geschickten Handbewegung feinkörniges Meersalz auf die Würfel. Gerade soviel, dass sie ins Schwitzen kamen.

Schritt 3: Drücken Sie nun das Wasser leicht aus den Auberginen. Anschließend erhitzen Sie das Öl in einem Topf. Danach frittieren Sie die Auberginenwürfel bis sie goldgelb sind.

Nachdem die Auberginenwürfel ein Teil ihres Wassers ausgeschwitzt hatten und ich sie danach ausdrückte (Sie glauben gar nicht wie viel Wasser in so einem Gemüse ist!) stand die Königsdisziplin an: Das Frittieren.

Während ich das Sonnenblumenöl großzügig in den Topf goß, stand der römische Paul Bocuse schon wieder neben mir. „STOOOP!!“ schrie er plötzlich als der Topf erst halbvoll war. „Jahaaaa“ antwortete ich genervt. „Basta così. [Das reicht so!] Das ist mehr als genug Öl!“ unterwies er mich fachmännisch.

Nach einer Pause fragte er sichtlich erheitert: „Du willst also wirklich frittieren?“ „Ja, so steht’s im Rezept.“ antwortete ich nüchtern und konzentriert. „Ma sei scema? [Bist du verrückt?] Du kannst doch kaum ein Toastbrot unfallfrei zubereiten und jetzt willst du frittieren?“ machte er sich über mich lustig. Ich atmete tief ein. „Arroganter Hamel!“ dachte ich und sagte es auch. Er guckte mich fragend an. Das Wort Hamel fehlte ihm wohl im Wortschatz. „Nichts, nichts.“ säuselte ich. „Weißt du, nur weil DU dich noch nicht an das Thema Frittieren getraut hast, heißt das nicht, dass ich es nicht versuchen kann.“

Der Römer grinste, wünschte mir in bocca al lupo [Viel Glück] und täuschte an zu gehen. Doch er war zu neugierig wie das Experiment enden würde. Deswegen schaffte er es nur bis zum Türrahmen und lehnte nun lässig dagegen.

Ich ließ mich nicht irritieren. Mutig erhitzte ich das Öl, fuhr nochmal mit den Händen durch die Auberginenwürfel und schüttete sie dann alle gleichzeitig in den kleinen Topf. Sie glauben gar nicht wie das spritzt und schäumt!

Aaah!! Porca puttana! [Das übersetzte ich Ihnen besser nicht]“ schrie der Römer.

Mein Gott, kann dieser Mann denn nicht einmal zufrieden sein?

„Schnell, schnell, du brauchst einen Schaumlöffel! Küchenrolle! Einen Teller! Das verbrennt dir doch sofort auf Stufe 9!“ Während ich mich noch suchend nach den gewünschten Utensilien umblickte, hatte er bereits alles im Bruchteil einer Sekunde zusammengesucht, den Temperaturregler auf kleine Flamme gestellt und seihte bereits die goldgelben Auberginenwürfel ab. „Puh! Das war knapp!“ reagierte er sehr gestresst. Ich guckte ihn verdutzt an. „Ging doch nochmal alles gut!“ lächelte ich während ich die goldgelb glänzenden Würfel betrachtete. Der Römer tupfte sich indessen den Schweiß von der Stirn.

Schritt 4: Vermengen Sie die frittierten Auberginenwürfel mit dem geriebenen Parmesan, den Semmelbrösel, dem Ei, den passierten Tomaten und dem Basilikum.

Nichts leichter als das. Während ich versuchte alles zu mischen, fiel es mir auf: Der Römer hatte das letzte Ei heute Mittag gegessen. „Mortacci tua!“ fluchte ich.

Aber ich wäre nicht ich, würde ich nicht exzellent improvisieren können. „Ein bisschen mehr Tomatensoße und es sollte klappen.“ redete ich mir ein. Also ertränkte ich die Auberginenwürfel in eben dieser. Streute eine Packung Semmelbrösel auf die Maße, die nun arg flüssig geworden war und wollte gerade den Basilikum hinzufügen, als ich aus dem Off schon wieder die Stumme des Römers vernehmen konnte: „Ma che cos’è? Stai facendo un insalata?“[Aber was ist das denn? Machst du gerade einen Salat?] fragte er grinsend. Ich räusperte mich, denn soviel Unverschämtheit lässt selbst mich nicht kalt.

Voller Selbstbeherrschung antwortete ich dann: „Nein, amore mio. Diese Pflanze nennt man Basilikum und sie ist Bestandteil der polpette.“ Kaum hatte ich meinen Satz ausgesprochen, drängte er mich bereits zur Seite, entfernte die Basilikumblätter vom Stängel und schnitt sie hauchdünn. „Du kannst doch keinen ganzen Baum in den Teig mischen. Basilikum muss man kleinschneiden, damit es sein Aroma versprüht. Er soll dich am Gaumen kitzeln! Es frischer machen! Luftiger! Es wird doch kein sorbetto al basilico [Basilikum Sorbet]“ erklärte er mir sehr fachmännisch.

„Das wäre ja auch kalt.“ glänzte ich zynisch mit meinem Wissen.

Er überließ mir den Teig. Die ganze aufgestaute Wut auf diesen Besserwisser machte es zu einem regelrechten Kinderspiel diesen Teig zusammenzukneten. Und wie ich knetete! „So ein Klugschei*er! Arroganter Hamel!“ murmelte ich vor mich hin.

Als ich den geriebenen Parmesan hinzufügen wollte, merkte ich, dass er in unserem Kühlschrank nicht zugegen war. Ich verwechselte ihn bei meiner vorherigen Zutatenvisite schlichtweg mit dem Pecorino.

Mehr als ein Schulterzucken rief auch dieses Problem nicht in mir hervor. Ich rieb ihn sehr fein und wollte ihn gerade untermischen, als ich zum wiederholten Male eine Stimme vernahm.

Der Römer – wie sollte es auch anders sein: „Ma è scritto parmeggiano, non pecorino!“ [Aber hier steht Parmesan, nicht Pecorino!] merkte der Römer an, während er auf die Stelle im Rezept deutete. „Ja, ich weiß. Aber ich dachte, ich improvisiere!“ erklärte ich ihm. Einen Teufel werde ich tun und ihm mitteilen, dass ich nicht genau geschaut habe als ich die Zutaten im Kühlschrank kontrolliert habe.

„Improvisieren? Du? Dazu braucht man Erfahrung! Fantasie! Passione [Leidenschaft]!“ neckte er mich. „Hab ich alles und jetzt rutsch zur Seite. Dieses Rezept verlangt nach Pecorino!“ motzte ich und schob ihn aus der Küche.

Schritt 5: Formen Sie Bällchen und platzieren Sie im Inneren einen kleinen Würfel Mozzarella. Danach panieren Sie die Bällchen mit Semmelbrösel.

Das krieg ich hin! Kein Problem. Ich versuchte Bällchen zu formen, doch der Teig klebte zäh zwischen meinen Handflächen. Der Römer kam wieder vorbei, angeblich um ein Fläschchen für Signorino zuzubereiten, und guckte mich belustigt an. „Aqua. Tiepida.“ [Wasser. Lauwarm.] merkte er süffisant im Vorbeigehen an. „Ja, kannst du dir nehmen. Gläser sind im oberen Küchenschrank.“ teilte ich ihm kühl mit. „No! Du sollst deine Hände mit lauwarmen Wasser befeuchten. Dann kannst du die Bällchen besser formen.“ ergänzte er mit seiner arroganten Küchenchef-Art. „Hmpf…“ hmpfte ich. „Geht schon.“

Als er die Küche verlassen hatte, versuchte ich seinen Trick und siehe da: Es klappte wunderbar. Doch gar nicht so doof, dieser Römer.

Schritt 6: Frittieren Sie nun die Bällchen bis sie goldgelb sind.

Das ist einfach. Das habe ich gerade eben schon gemacht.

Doch ich lernte aus meinem Fehler: Ich stellte eine niedrigere Temperatur als vorhin ein! Erst warf ich ein Bällchen in den Topf, dann nochmal 2, dann kam mir ein Gedanke und ich suchte etwas im Küchenschrank. Danach warf ich nochmal 3 Bällchen rein.

Der Römer – diesmal mit einem satten Signorino auf seinem Arm – stand in der Tür. „Was wird das denn wieder?“ fragte er in seinem Besserwisser Ton. „Nichts. Ich werfe Bällchen ins heiße Öl.“ erklärte ich schnippisch. „Si, lo vedo. [Ja, das sehe ich] Aber warum sind manche fast schwarz und andere fast roh?“ fragt er entsetzt. „Ääähm…“ brachte ich hervor.

Ich guckte in den Topf. „Oh!“ entfuhr es mir.

Da hatte ich schon Signorino auf dem Arm und wir wurden gebeten, das Spektakel von weitem zu betrachten. „Per la sicurezza di tutti!“ [Für die Sicherheit aller] hörte ich noch.

Der Römer seihte wieder ab, warf die besonders schwarzen polpette in den Müll und ließ dann die übrigen, noch zu frittierenden Bällchen in das heiße Öl gleiten. „Ist das das Rezept?“ fragte der Römer sehr höflich. „Ja!“ antwortete ich schuldbewusst. Der Römer lächelte mich aufmunternd an und rettete, was noch zu retten war. Signorino hielt mir seine Spielzeug-Raupe vor die Augen und guckte mich erwartungsvoll an. Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich legte Signorino auf seiner Krabbeldecke ab und deckte den Tisch.

Nach 20 Minuten konnten wir essen. Traumhafte, wolkenähnliche polpette alle melanzane dampften auf den Tellern. Es roch himmlisch! Der würzige Sugo unterstrich den vollmundigen Geschmack des Käses.

„Ti piace?“ erkundigte sich der Römer. „Ja! Sehr gut. Ausgezeichnet.“ erklärte ich zufrieden zwischen zwei Bissen. „Hai fatto bene, amore mio. [Das hast du gut gemacht, mein Schatz] Der Pecorino war eine super Idee.“ lobte der Römer mich. Ich errötete, wusste ich doch, dass er die meiste Zeit meine Fehler ausgebügelt hatte und wir nur deswegen diese traumhaften Frikadellen genießen konnte. „Ma la prossima volta, che dici, proviamo una ricetta insieme?“ [Aber nächstes Mal, was meinst du, probieren wir ein Rezept zusammenzukochen?] wendete er sich ganz scheinheilig an mich. „Okay.“ knickte ich ein. „Aber ich suche es aus!“

Er lächelte und küsste mich auf die Backe. „D’accordo. Ma niente fritto!“ [Einverstanden! Aber nichts Frittiertes!]

Wie der Römer und ich uns kennen lernten (Teil 2)

Tadaaaa! Da ist er: Der überarbeitete Teil 2 unserer Kennenlern-Geschichte.

Sie haben den großen Vorteil, dass Sie nicht Jahre mitfiebern müssen (sowie der David Hasselhoff des Nordens: christophrox), was denn nun zwischen uns ist. Sie können das Endergebnis bewundern: Ich heiratete am Römer den Römer und wir haben letzten Dezember einen Signorino bekommen.

Genießen Sie Teil 2: [klick]

Wünsche ohne Barrieren

Da prangt sie also an unserem Kühlschrank – die 5-Zimmer Wohnung in der Via Dandolo in Rom. Wer sich durch die engen Gassen Trasteveres als Tourist durchgeschlagen hat, kommt selten in diese Ecke des Viertels. Große, mediterran eingefärbte Hausfassaden hinter hohen Mauern, keine touristische Attraktion weit und breit und doch: Für den Römer und mich ist es eine der schönsten Straßen Roms.

Sie werden sich fragen, was die Annonce dieser Wohnung an unserem Kühlschrank zu suchen hat.

Das möchte ich Ihnen gerne erklären: Die liebe Jeanette (ein großes Danke an dieser Stelle!) hat mich auf den -für mich- richtigen Podcast gestoßen, der mich inspiriert und meine Gedanken in klareren Bahnen fließen lässt.

Ganz am Anfang des Podcasts, in einer der ersten Folgen, geht es unter anderem um die Frage: „Wo siehst du dich in 3 Jahren, wenn es keine gedanklichen Barrieren gibt?“ Meine Antwort war schnell gefunden: „Die ganze Familie Farniente wohnt in Rom – und ich schreibe über die ewige Stadt und ihre Bewohner.“ Das wäre mein Wunsch – aus tiefstem Herzen.

Später an diesem Tag fragte ich den Römer eben diese Frage, die ich mir selbst gestellt habe: „Wo siehst du dich in 3 Jahren ohne gedankliche Barrieren? Das Unmögliche bleibt außen vor!“

Er stammelte etwas herum, wand sich und wollte sich in seinen „Unmöglichkeiten“ verfangen wie ein zappelnder Fisch am Hafen von Anzio. „Keine Barrieren!“ betonte ich noch einmal. Er atmete tief durch, schloss die Augen, hielt einen Moment inne und sagte: „Va bene! Telo dico?“ [Gut! Soll ich’s dir sagen?] Ungeduldig wie ich bin, erwiderte ich nur ein „sarebbe ora“. [Es wäre an der Zeit!]

„Oooookay…“ begann der Römer erneut. „Allora….“

Ich platzte fast vor Ungeduld und spielte nervös an meinem Ehering herum, bereit ihn in den tiefen der Espressotasse zu entsorgen, wenn er nicht bald seine Version des perfekten Lebens vor mir ausbreitete.

„Ich…also wir…wohnen in Rom. Testaccio, Trastevere, Centro Storico, das wäre mir egal. Riguardo al lavoro [Hinsichtlich der Arbeit]….hm…telo dico veramente?“ [Soll ich’s dir wirklich sagen?]

Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn! Jede buddhistische Weisheit ist hinfällig mit ihm und seinem Spannungsaufbau! Ich versuchte mich an das „Ertragen des Leidens“ zu erinnern und ertrug dieses Leid mit tiefen, fast schon Wehen veratmenden Atemzügen voller Ungeduld. Einatmen….3…4…5…Ausatmen…6…7…8. Spätestens in diesem Augenblick beglückwünschte ich mich zu dem damaligen Geburtsvorbereitungskurs.

„Bitte, ja.“ antwortete ich – ganz konzentriert auf meine Atmung.

„Okaaaaay… allora…“ [Okaaaaay…also….] fing er wieder an.

„NUN SPUCK’S ENDLICH AUS!“ schoss es aus mir heraus. „Huch! Woher kam das denn?“ fragte ich mich in Gedanken und lächelte den Römer entschuldigend an. Gleichzeitig machte sich ein Gefühl der Befreiung in mir breit. Dennoch: Ich habe wohl noch einen sehr langen, buddhistischen Weg vor mir.

„Scusa, allora, io vorrei lavorare come professore a una delle università di Roma. [Entschuldige, also, ich würde gerne als Professor an einer der römischen Universitäten arbeiten.]“ fing er an. „Teilzeit wäre super. Gleichzeitig habe ich meine eigene Praxis in Rom. Aber es ist unwahrscheinlich, dass ich jemals in Rom als Professor arbeiten kann. Ich bin kein richtiger Italiener und ich….“ versuchte er sich schon wieder zu limitieren. „Na, na, na! Es geht nur darum zu definieren, wo du hin willst. Der Rest kommt dann nach und nach.“ unterbrach ich ihn.

Nach einer kurzen Pause, setzte ich wieder an. „Wie schön, dass wir zur gleichen Destination wollen.“ Ich grinste. „Und noch schöner, dass wir darüber offen reden konnten.“

„Wie meinst du das?“ fragte der Römer irritiert. „Na ja, du willst nach Rom, ich will nach Rom. Das kann kein Zufall sein.“ begründete ich meine Aussage.

Wenig später fand man uns vor dem Computer, nach Traumhäusern suchen. Spontan verliebten wir uns beide in das Anwesen in der Via Dandolo. Ich druckte es aus, strich den utopischen Preis mit einem dicken Filzstift durch und hing es an den Kühlschrank. Dem überraschten Römer erklärte ich: „Man muss seine Ziele fest im Blick haben. So auch unser Haus. Vielleicht klappt es nicht in drei Jahren, vielleicht auch nicht in fünf, aber früher oder später wird alles so, wie wir es uns ausgemalt haben. Energie fließt in die Richtung, in die deine Gedanken gehen.“ kommentierte ich meine Idee. „Inshallah.“ antwortet er und grinst. „Genau, inshallah!“ antwortete ich und umarmte ihn.

Römische Verjüngungskur

Der Römer steht kurz vor dem kompletten Verfall. Zumindest möchte man das meinen, wenn man ihn in letzter Zeit beobachtet.

„Es ist 5 vor 12 Uhr!!“ merkt er nervös an und huscht an mir vorbei ins Badezimmer. Ich gucke auf die Uhr. 19:07 Uhr – die Uhrzeit kann er schon mal nicht meinen. „Wie meinst du das?“ frage ich durch die geschlossene Badezimmer Tür. Er öffnet mit nassem Gesicht. Der milde Reinigungsschaum schmückt seine rechte Hand.

„Ich muss mich um mein Gesicht kümmern. Jahrelang, eigentlich seit jeher, habe ich es vernachlässigt. Ma ultimamente al lavoro [Aber letztens in der Arbeit], hat mich jemand auf 40 Jahre geschätzt. 40 anni!!! [40 Jahre!!!]“ erzählt er mir empört während er den Schaum in kreisenden Bewegungen auf seinem Gesicht verteilt. „Ähm…amore? Du BIST 40.“ gebe ich zögerlich zurück und bereue die Feststellung im selben Augenblick. Er atmet tief aus, was sich ziemlich lustig anhört, weil er gerade den Reinigungsschaum von seinem Gesicht wäscht. Nachdem er mit dem Prozedere fertig ist, holt er tief Luft und sagt: „Laut Geburtsurkunde, ja. Ma devo sembrare come un quarantenne?[Aber muss ich so aussehen wie ein 40jähriger?]“

Er tupft sein Gesicht vorsichtig mit einem kleinen Handtuch trocken. „Amore?“ frage ich wieder. „Dimmi!“ [Sprich!] sagt er nun schon etwas genervter. „Warum tupfst du dein Gesicht ab?“ hake ich sichtlich irritiert nach. „Ma non lo sai?“ [Aber weißt du das nicht?] gibt er erstaunt zurück. Das Gesichtswasser hat er bereits in der rechten Hand. „Wer sein Gesicht abrubbelt, der produziert automatisch noch mehr Falten. Rughe!! Capisci! [Falten! Verstehst du!] Sanft abtupfen ist die einzige Möglichkeit um dich davor zu bewahren.“ erklärt er mir mit ernster Stimme. Ich grinse, nicke und denke mir den Rest.

Als er nach weiteren 25 Minuten fertig ist, spreche ich ihn auf eine seltsame Zahlung an, die ich auf der Kreditkartenabrechnung bemerkt habe. „Amore, hast du etwas für 200 Euro gekauft? Dr.Ti? Was soll das denn sein?“ befrage ich ihn interessiert. „Aaaaach das! Ein Gesichtsserum. Retinol! DAS Zaubermittel. Es lässt dich um Jahre jünger erscheinen. Dazu der Dermaroller – sarà una revoluzione! [Das wird eine Revolution]“ offenbart er mir. „Okay…aber 200 Euro?“ antworte ich nun schon etwas harscher. „Ma cheeee! [Aber was!!] Wie oft gibst du 200 Euro aus? Ich werde doch wohl 200 Euro in mich investieren dürfen. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich mich gehen lassen würde? Ti piacerebbe? [Würde dir das gefallen?] Non credo! [Ich glaube nicht!] Allora![Also!]“ redet er sich in Rage. „Aber warum benutzt du denn keine koreanischen Produkte? Die sind viel günstiger und der koreanische Markt ist um Jahrzehnte weiter als der europäische!“ informiere ich ihn. „Davvero?“ [Wirklich?] Der Römer ist ganz Ohr. „Ja, ja… die Koreaner..“ will ich fortfahren – da war er schon abgerauscht.

Den restlichen Abend verbrachte er, recherchierend, am Laptop. Er machte sich Notizen und war ganz in die Materie vertieft. Ich vermutete, dass er sich um ein Projekt für die Universität kümmert – doch weit gefehlt. „Okay! Ich bin nun top informiert. Mehrmals habe ich nun Zollgebühren und Mehrwertsteuer Sätze berechnet. Ich würde auch nur auf 240 Euro kommen, was günstig ist, wenn man bedenkt, dass ich ein 9-in-1 Serum, Gesichtswasser, eine Haferkleie Maske, eine Tonerde Maske, einen Sonnenschutz 50+ fürs Gesicht, eine lebensverändernde Essenz, eine revolutionäre Tagescreme, eine aufpolsternde Augencreme, ein Straffungsfluid und einen Porenverkleinerungsbalsam bekomme. ABER – und hier kommt das große ABER: In diesen schrecklichen Zeiten braucht die Post vier bis 6 Wochen bis sie das Paket aus Korea liefert. Fra quattro e sei settimane!! [Zwischen vier bis 6 Wochen] Weißt du wie alt ich bis dahin ausschauen werde? Die Leute werden von mir denken, dass ich schon 41 Jahre alt bin. Per favore, chiedo il tuo aiuto! E‘ urgente! [Bitte, ich brauche deine Hilfe! Es ist dringend!]“ redet er sehr schnell und sehr aufgeregt auf mich ein. Die Lage scheint ernst zu sein – für ihn – und für unser Sparkonto.

„Mo-mo-mo-mo-ment! 240 Euro?“ gebe ich zurück. „Si, si, ma questo non e‘ il problema. Il problema e‘ il tempo.“ [Ja, ja, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Zeit.] führt er schnell aus. „Fliegt einer deiner Kollegen in nächster Zeit nach Korea? Es ist ein Notfall!“

„Ja, der Andere. Aber er hat sicher keine Zeit, für mehrere hundert Euro Anti-Aging Produkte zu kaufen. Ich glaube, dir brennt das Hütchen, amore mio!“ mache ich ihm nun sehr eindeutig klar.

„E‘ tanto?“ fragt er verdutzt und scheint anscheinend langsam zur Besinnung zu kommen. „Das fragst du noch? Aber ja!!! Das ist extrem viel.“ herrsche ich ihn an. Er guckt mich niedergeschlagen an. „So komme ich nicht weiter.“ denke ich und versuche es über einen anderen Weg: „Doch glaub mir, amore mio, allein durch dein Retinol Serum siehst du aus wie Anfang 30. Du hast die koreanischen Produkte doch gar nicht nötig! Und wenn es ganz schlimm werden sollte, dann verspreche ich dir, dass ich jemanden finde, der dir all diese Dinge mitbringt.“ Sein Blick erhellt sich. „Hm… hast du den Eindruck, dass das Serum schon wirkt?“ fragt er aufgeregt nach. „Aber ja!!!! Hundertprozentig. Du siehst sicher fünf Jahre jünger aus.“ lobe ich überschwänglich. „Wenn ich dein Alter nicht kennen würde, ich würde dich auf junge 35 Jahre schätzen.“

„Grazie! Ho pensato oppure io ma non ero sicuro!“ [Danke! Ich habe das auch gedacht, aber ich war mir nicht sicher] bedankt er sich überglücklich. „Und du bist dir sicher, dass ich nicht einmal das 9-in-1 Serum testen sollte?“ hakt er noch einmal nach. „Also, wenn du unbedingt möchtest, frage ich gerne den Anderen, ob er dir das mitbringt. Aber du hast es definitiv nicht nötig!“ erwidere ich. Er denkt kurz nach, scheint mir aber nicht vollkommen zu vertrauen und sagt: „Dennoch…könntest du den Anderen fragen? Außerdem dachte ich noch an die Haferkleie Maske und die Essenz….“ versucht er es weiter. „AMORE!!!“ gebe ich scharf zurück. Er guckt mich kleinlaut an. „Okay….also nur das Serum. Ich hab’s verstanden…“ knickt er ein. „Ich mach mir noch eine schnelle Reiskleie Maske und dann geh ich ins Bett.“ erwähnt er, schon halb aus der Tür. „Na dann…buona notte!“ [Gute Nacht] gebe ich lachend zurück.

Mit dem Römer wird es einem nie langweilig. Ganz sicher nicht.

Stillen – wie ich es mir vorstellte und wie es wirklich für mich war

Heute habe ich gemalt für Sie. Okay, nicht heute, sondern schon vor Monaten. Aber ich habe dennoch gemalt für Sie. Vielleicht auch nicht speziell für Sie, sondern eher für mich und das aus rein auto-therapeutischen Gründen. Na gut, ich revidiere den ersten Satz. Einigen wir uns auf: Ich habe gemalt. Was, das sehen sie ganz am Ende des Textes.

Doch um meine Gemälde zu erklären, muss ich etwas ausholen:

Ich wollte schon viel eher über das Thema Stillen schreiben, aber immer, wenn ich soweit war, kam etwas dazwischen. Und das war gut so, denn ich brauchte meine Zeit und den nötigen, zeitlichen Abstand der Geschehnisse um offen darüber schreiben zu können.

Wissen Sie, ich dachte es ist ganz einfach: Man hält das Baby an die Brust und es trinkt. Fertig!

Doch sei einfach war es leider nicht: Im Krankenhaus – Signorino war gerade geschlüpft – fing es damit an, dass mir am Anfang keiner richtig zeigte wie das Stillen funktionierte. Ich versuchte es immer wieder, hatte aber nicht den Eindruck, dass es effektiv war. Als ich abends um 22 Uhr allein im Stillzimmer war und an dem Stillkissen zippelte und zuppelte kam eine wunderbare Kinderkrankenschwester rein, die eigentlich nur einen Schluck Wasser – ganz in Ruhe – trinken wollte. Sie war die erste, die mir an Tag 2 zeigte wie es geht. Und Signorino trank. Ich heulte vor Glück – und Hormonen.

Daheim angekommen, Tag 3, versuchte ich es wieder. Ich versuchte es in allen möglichen und unmöglichen Positionen, die Sie sich vorstellen können. Es wollte nicht klappen.

Am nächsten Tag kam meine Hebamme. Sie gab mir den Tipp mit Stillhütchen zu stillen und es klappte wunderbar. Alles war in Butter – ich wusch und sterilisierte die Stillhütchen täglich und Signorino trank.

In Woche 5 kam meine Hebamme auf die Idee, dass es nun Zeit wäre, die Stillhütchen aufzugeben. Signorino sollte es alleine probieren. Außerdem habe er nicht zugenommen – seit 7 Tagen. Das geht so nicht.

Und ab da begann die Farce. Ich sollte abpumpen und Bockshornkleekapseln nehmen, dazu Stilltee, Mineralsalze und ein Stillsaft wäre auch nicht schlecht – zusätzlich zum Stillen. Es war Freitag Nachmittag als sie mir das sagte. „Ich brauch‘ doch ein Rezept, damit die Apotheke mir eine Milchpumpe leiht.“ wandte ich ein. „Theoretisch schon, aber frag halt ganz lieb.“ war ihre Antwort. Der Römer, Signorino und ich klapperten vier Apotheken ab. Drei davon hatten keine Milchpumpen vorrätig. Die Vierte durfte mir keine Milchpumpe ohne Rezept geben. „Aber hier, bitteschön, die Bockshornkleekapseln, 14,80 Euro. Tschüss!“ waren die Worte der Apothekerin.Wir gingen aus der Apotheke ins nasskalte, graue Winterwetter hinaus. Es war Ende Januar und ich war am Ende.

„Eine Mutter, die nicht stillen kann? Signorino braucht doch Muttermilch. Er kann kein Milchpulver trinken. Das geht doch nicht!“ machte ich mir selbst zum Vorwurf. In der Schwangerschaft versprach ich mir, wenn es mit dem Stillen nicht klappen sollte, dass er dann natürlich – und ganz ohne Probleme – Milchpulver bekommt. Von Hormonen gebeutelt, noch dazu als Neumama, zerfleischte ich mich selbst mit spitzen Kommentaren und Vorwürfen.

Daheim angekommen bestellte ich online eine Milchpumpe, die am nächsten Tag per Express geliefert werden sollte, denn ich sollte schnellstmöglich anfangen abzupumpen. In der Zwischenzeit kaufte der Römer Fläschchen und PRE Milchpulver. Vorsorglich. Denn er sah wie sehr ich mich quälte und – was noch viel wichtiger war – wie sehr sich Signorino quälte.

Die Pumpe war günstig – und von bescheidener Qualität. Das wiederum erklärte den Preis. Es tat schrecklich weh und durch den ganzen Stress versiegte mein Milchfluss komplett. Gleichzeitig stand es ziemlich ernst um des Römers Vater. Herzinfarkt. Kurzerhand musste er nach Albanien fliegen. Und ich? War allein mit dem Säugling und dem Stillproblem. Dazu kamen noch „aufmunternde“ SMS von meiner Hebamme wie’s denn so läuft (im wahrsten Sinne des Wortes). Sie meinte es nur gut, aber mich setzte es furchtbar unter Druck. Kurzerhand – und unter Tränen – bekam Signorino die Flasche und war sehr, sehr glücklich damit. Zufrieden und müde schlief er nach dem ersten Fläschchen ein.

Während er seelig in seiner Wiege schlief, las ich mir die Milchpulververpackung durch: Stillen ist das Beste für Ihr Baby, denn Muttermilch versorgt das Baby mit allen wichtigen Nährstoffen. Darüber hinaus fördert Stillen die Mutter-Kind-Beziehung. Die Entscheidung, nicht zu stillen, kann nur schwer rückgängig gemacht werden und das Zufüttern von Säuglingsanfangsnahrung kann den Stillerfolg beeinträchtigen.“

Puh. Das saß. Auf der Packung stand, dass ich ein Versager bin. Zumindest interpretierte ich es so. Dass die Produzenten gesetzlich dazu verpflichtet sind dies zu schreiben, sagte mir meine Hebamme erst Wochen später.

Zwei Tage später ersteigerte ich eine bessere Milchpumpe und pumpte jede freie Minute, wenn Signorino schlief, ab. Folglich gab es keine freien Minuten mehr. Signorino schrie wie am Spieß, wenn er an die Brust sollte. Er wollte nur noch aus dem Fläschchen trinken. Ich wollte es auch, aber ich konnte meine Vorstellung der perfekten, stillenden Mutter nicht loslassen.

Zur gleichen Zeit versuchte meine Mutter, meine Schwester und der Römer mich davon zu überzeugen, dass ich auf mich hören soll. Doch all das half nichts und es machte die Situation noch schlimmer. Überall suchte ich Rat – und je mehr Ratschläge ich hörte, desto verwirrter war ich.

Ein paar turbulente Wochen gingen ins Land, immer zwischen Abpumpen, sterilisieren, Fläschchen, wiegen, Zunahme, Stagnation der Zunahme, etc. etc.

In Signorinos zehnter Lebenswoche sprach mich Dieter* an, der mich müde und traurig durch das Treppenhaus schleichen sah. „Medschen! Wat is passiert?“ fragte er mitfühlend. Ich versuchte zu lächeln. Es gelang mir nicht. „Hm….bist du nachmittags mit Signorino unterwegs?“ fühlte er nach. Ich schüttelte den Kopf. „Onkel Dieter kommt vorbei! Ich back nu eben schnell meinen Käsekuchen „Dieter Spezial“.“ sagte er und tätschelte meine Schulter. Ich nickte und schlich ins Haus.

Nachmittags klingelte Dieter mit einem herrlich duftenden Käsekuchen. Er kochte seinen berühmten Kakao. Nach dem ersten Bissen Kuchen und dem ersten Schluck Kakao, brachen bei mir alle Dämme. Ich erzählte ihm von all meinen Ängste, Sorgen, meiner Verzweiflung und meiner Überforderung der letzten Wochen. Er hörte sich alles ganz ruhig an und unterbrach mich kein einziges Mal.

Am Ende dachte er lange nach und sagte: „Hör ma! Die Estefania (Dieters Enkelin) haben wa auch mit dem Fläschchen gestillt. Und dat ist nu aber n‘ Medschen – auf zack is die! N‘ richtiger Wildfang. Und wat ham wir erst für ’ne Bindung!! Die kriegste gar nicht mehr los – so fest ist die Bindung seitdem ich auf sie aufgepasst habe während Carmen (Dieters Tochter) arbeiten war. Mach dat, wat DU für richtig hältst. Signorino hat seine Wahl schon getroffen – und wie ich das raushöre – du auch. Also los! Du weißt am besten wat ihr braucht! Denn du bist seine Mutter.“ erklärte Dieter mit seiner tiefen Brummbär Stimme.

Und komischerweise machte es bei Kakao und Kuchen – mit Dieters Satz in den Ohren – plötzlich klick.

Ich stillte ab. Wir fütterten Pre Milch und tun das noch heute. Signorino ist ein zufriedenes, speckiges Baby, das sowohl vom Römer gern gefüttert wird, als auch von mir.

Aber es brauchte eben seine Zeit bis der Knoten geplatzt war. Dennoch habe ich meine Lektion gelernt: In der Theorie ist es immer einfach zu sagen, dass man auf seine Intuition hört. In der Praxis ist man oft im Kampf mit sich selber, dass es seine Zeit dauert bis man sich vollends selbst vertraut. Aber es zahlt sich aus!

*Ich kann leider nur kölsch wiedergeben – berlinerisch übersteigt meine Fähigkeiten. Deswegen redet Dieter in meinen Texten nun kölsch

Stillen – wie ich es mir vorstellte
Stillen – wie es (für mich) wirklich ist