Mam(m)a Mia

Mam(m)a Mia

Zweisprachige Kinder haben’s nicht leicht. Mama sagt so und Papa sagt anders und da soll einer schlau daraus werden?

Aber sehen Sie selbst, wie schwer es Signorino mit uns als Eltern hat.

Ich: Signorino, wie heißt du?

Signorino: Farniente!

Signorino nennt wie immer nur seinen Nachnamen. Seinen Vornamen nennt er grundsätzlich nicht, obwohl wir ihn unzählige Male mit ihm geübt haben. Er bevorzugt dennoch beim ‚Sie‘ zu bleiben. Vermutlich dürfen ihn nur seine engsten Kindergartenfreunde duzen.

Ich: Signorino, und wie heißt die Mama?

Signorino: Mia!

Ich (irritiert): Nein, Schatz, ich heiße nicht Mia. Ich heiße Eva. Wie kommst du denn auf Mia?

Signorino wiederholt stoisch den Namen Mia und lässt sich nicht davon abbringen. Die Tage vergehen. Das Rätsel kann nicht gelöst werden.

Bis…

…dem Römer eine Schüssel in der Küche herunterfällt und in tausend Teile zerspringt. Der Mann ruft aufgebracht: „Mamma mia! Mancava solo questo! [Mamma mia! Nur das fehlte mir noch.]“ Signorino und ich sind im Wohnzimmer. Der kleine Kerl fixiert mich, lacht, ruft „Mamma mia“ und zerrt mich in die Küche.

Ist doch logisch. Wenn Papa „Mamma mia!“ ruft, dann braucht er die Hilfe von „Mama Mia“.

Rom – mit Blick auf das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II oder: Mamma mia! Was für eine Aussicht.

Weihnachten bei den Farnientes

Ich glaube, der weihnachtlichste Moment in diesen Festtagen war, als das Kind darauf bestand mit einer Rentier-Geschenkpapierrolle einzuschlafen. Es war der 23. Dezember und mein Plan war es, die unverpackten Geschenke abends, wenn das Kind schläft, einzupacken.

Den Plan vereitelte Signorino, in dem er die Geschenkpapierrolle fand und fortan als seinen Intimus betrachtete. Den ganzen Abend verbrachten die beiden miteinander. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Freundschaft nur so lange Bestand hielt, weil die Rolle noch in ihrer dünnen Plastikfolie eingewickelt war. Das Zähneputzen fand selbstverständlich mit der Geschenkpapierrolle in der rechten Hand statt. Ein riesen Gekreische schrillte durchs Wohnzimmer als er die Rolle für den Bruchteil einer Sekunde aus der Hand legen musste, weil wir ihn in den Pyjama steckten. Man hätte meinen können, wir würden das Kind abstechen. „Nimm ihm doch jetzt die blöde Rolle weg! Ich brauche die eh gleich, weil ich die Geschenke noch einpacken muss.“, wies ich den Römer an. „Ma che? Non ci dobbiamo stressare. [Ach was! Wir müssen uns nicht stressen.] Wir nehmen sie ihm gleich weg, wenn er schläft.“, antwortete der römische Gatte. Ein guter Plan, der leider am Faktor Kind scheiterte.

Wir brachten Signorino und seine Geschenkpapierrolle ins Bett. Er lag in der Mitte, flankiert vom Römer und mir. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man zwei Elternteile braucht, um ein Kind ins Bett zu bringen, ist das eine überaus berechtigte Frage. Die Antwort ist eine sehr einfache. Es ist (momentan) der schnellste und effizienteste Weg, das Kind ins Bett zu bringen. Fehlt ein Elternteil, wird dieser solange von Signorino gesucht bis er sich schließlich auch ins Bett begibt. Wenn man Signorino nicht aus dem Bett oder gar aus dem Schlafzimmer entlassen will, damit er den abwesenden Elternteil suchen kann, kreischt er ebenfalls solange bis er suchen gehen darf. Deswegen dauert der Einschlafprozess 15 Minuten, wenn wir beide zusammen anwesend sind – oder 2,5 Stunden, wenn nur ein Elternteil Signorino ins Bett bringen darf. Sie können sich denken, für welchen Weg wir uns regelmäßig entscheiden.

Als Signorino langsam ins Reich der Träume glitt, streckte ich im Halbdunkeln meine Hand nach oben, darauf bedacht, den Abkömmling nicht zu wecken, aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Römers zu gewinnen. Der Römer reckte seinen Kopf. Ich flüsterte „Geschenkpapierrolle!!“. Er kuschelte sich an das Kind heran, löste den kindlichen Daumen und wollte dann die restlichen Finger von der Rolle lösen, doch das Kind schrie bereits los. Mist! Der kleine Kerl hatte noch nicht richtig geschlafen. Der Römer ließ von seiner Hand und der Geschenkpapierrolle ab, um ihn dann sofort mit beruhigenden „Sssch’s“ zu besänftigen. Ein paar Mal nuckelte Signorino empört am Schnuller, um dann wieder einzuschlafen. „Nochmal?“, flüsterte ich nach 5 Minuten, in denen der Römer und ich unbeweglich wie zwei Eisblöcke neben dem Kind lagen. „Bloß nicht wecken!“ war die Devise. Der Römer schüttelte den Kopf und zeigte Richtung Tür. Wir schlichen uns aus dem Zimmer. Im Flur besprachen wir die Taktik. „Wenn die Entspannungsphase im Schlaf einsetzt, dann wird Signorino ganz von alleine von der Rolle ablassen und wir können sie mühelos und ohne Geschrei entfernen. Notfalls packst du erst morgen die Geschenke ein.“, erklärte mir der Römer seinen Plan. Ich stimmte zu. Als wir gegen Mitternacht ins Bett gingen, lag unser Sprössling mit seiner Geschenkpapierrolle im Klammergriff tief schlafend im Bett. „Und jetzt?“, flüsterte ich. „Ich schlaf doch nicht neben einer Geschenkpapierrolle?!“ Der Römer musste sich bei diesem Gedanken ein Lachen verkneifen und hielt sich den Mund zu, um das Kind nicht zu wecken. „Dai! Non ti preoccupare. [Komm schon! Mach dir keine Sorgen.] Jetzt kann man ihm die Rolle einfach wegnehmen.“ Sie ahnen es: Man konnte nicht. So schliefen wir also zu viert im Bett: Der Römer, Signorino, die Geschenkpapierrolle und ich. Wann immer sich das Kind drehte, und das tat es oft und viel, hatte man entweder einen kleinen Fuß im Bauch, eine Geschenkpapierrolle im Gesicht oder eine Hand auf dem Kopf. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich quartierte mich aus. „Es wird Zeit, dass das Kind alleine schläft.“, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Am nächsten Tag verbrachten Signorino und die Geschenkpapierrolle den Tag miteinander. Als die junge Freundschaft zur Mittagsschläfchenzeit immer noch nicht vorbei war, beschloss ich, die Geschenke in Geschenkpapier mit der Aufschrift „Happy Birthday!!“ zu verpacken. Anderes Papier hatte ich nicht zur Verfügung. Das Kind kann nicht lesen und in 30 Jahren werden wir bei der PowerPoint-Präsentation (oder was auch immer es dann geben wird) anlässlich seiner Hochzeit alle etwas zu lachen haben, sofern er denn überhaupt heiraten will. Nachdem alle Geschenke eingepackt waren, das Kind wieder wach und fit für die zweite Tageshälfte, verlor er, wie sollte es anders sein, sein Interesse an der Geschenkpapierrolle.

Der 24. Dezember war ansonsten recht unspektakulär. Es gab in unserer Wohnung keinerlei Weihnachtsdeko, was der mangelnden Zeit im Dezember geschuldet war. Das Kind riss seine Geschenke gegen 19 Uhr auf und wollte ansonsten gerne „Bobo Siebenschläfer*“ gucken. Der zweite Weihnachtsfeiertag plätscherte so vor sich hin. Morgens nieselte es, nachmittags schneite es, aber es war auch vollkommen egal, welches Wetter vor unseren Fenstern tobte. Wir hatten eh nicht vor, heute das Haus zu verlassen. Selbst der Knirps wollte nicht raus, trotz mehrmaligem Anbieten eines Spielplatz-Besuches. „No’malBoboJA?! [Nochmal Bobo Siebenschläfer, ja?]“, war seine Antwort. Dabei muss ich hervorheben, dass seine Satzstruktur mich stark an unseren neuen, überaus freundlichen Kebab-Dealer Cetin erinnert. „ZweiMalDönerMitAllesScharf,JA?!“, sagt Cetin, wenn die Schlange vor seinem Laden sich mal wieder um die nächste Straßenecke schlängelt. Da Cetin nicht nur überaus freundlich und schnell ist, sondern, hier lege ich mich fest, einen der besten Döner Frankfurts anbietet, ist seine Satzstruktur aufgrund des hohen Aufkommens an hungrigen Gästen oft auf das Nötigste reduziert. Er kann aber auch ganz normal sprechen, wenn nicht Horden von hungrigen Frankfurtern vor seinem Laden warten. Dennoch weiß ich nicht, ob es für uns als Eltern spricht, dass das Kind nun diese Satzstruktur aufweist. Zu unserer Verteidigung möchte ich trotzdem erwähnen: Wir hatten im Dezember echt viel zu tun und haben nur deswegen so oft bei Cetin bestellt. Immerhin sagt das Kind noch nicht „NächsteBitteHalloMeinFreundWasDarfsSein?“.

Am Abend des 25. Dezembers machten wir etwas total verrücktes: Wir buchten unseren Sommerurlaub. Das taten wir noch nie so früh, was einerseits daran lag, dass wir ein sehr unstetes Leben hatten und nicht länger als zwei Wochen im Voraus planen konnten. Andererseits lag es an der ständigen Ungewissheit, wann wir überhaupt Urlaub nehmen können, ob und wann wir einen Kitaplatz finden, ob und wann wir umziehen, usw.. Doch dieses Jahr haben wir bereits alle Unwägbarkeiten, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt wissen können, abgeklärt. Dazu sind wir dieses Jahr umgezogen, haben eine Kita gefunden und werden unseren Urlaub rechtzeitig beantragen.

Dazu wussten wir: Die Kita schließt in den letzten zwei Augustwochen. Irgendjemand muss das Kind betreuen. Wir arbeiten beide und somit ist es klar, dass wir uns in dieser Zeit frei nehmen werden. Zuerst buchten wir fünf Nächte in Rom in dem Reihenhäuschen, dass wir 2020 kennen und lieben gelernt hatten. Dann dachten wir daran, dass wir danach den Zug nach Bari nehmen könnten und in Polignano a Mare eine Woche bei einem römischen Freund verbringen könnten. Die Züge waren noch nicht buchbar, was wenig verwunderte, denn DB Tickets* kann man auch erst drei Monate vorher buchen. Der Römer und ich redeten etwas über Albanien und über Gjiri i Lalzit, die Lalzit Bucht. etwas oberhalb von Durrës. Hier waren wir das erste und letzte Mal am Meer als ich mit Signorino schwanger war. Furchtbar langweilig, wenn man als Paar dort ist. Mit Kind sieht das aber ganz anders aus: Es gibt einen langen Strand, zwei Restaurants, drei Spielplätze, viele Kinder, ein Café, fertig. Dazu ist die Wohnanlage von langen Wohngebietsstraßen durchzogen, die zu allen heiligen Zeiten von einem Auto befahren werden. Davor und danach gehört die Straße den Kindern mit Laufrädern, Bobby Cars und Fahrrädern. „Ach, ich weiß nicht.“, stöhnte der Römer bei der Vorstellung. „Warum in den Norden schweifen, wenn wir im Süden die besten Strände des Landes haben?“ Ich bat ihn, mir noch ein Mal die Bilder von Orten wie Dhermi, Ksamil, Palasë und Himar zu zeigen. Hübsch sah es dort aus. Wir suchten nach Unterkünften. Der Haupttenor des Römers war bei jeder Unterkunft “Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?] Das würde ich nicht mal an den Mann** meiner Schwester vermieten.“ Irgendwann, durch eine göttliche Fügung, fanden wir eine Unterkunft die dem Römer genehm war. Der Preis im August sprach aber auch für sich. Gleichzeitig glänzten die römischen Augen. „Okay, können wir machen. Dann wird aber Rom storniert. Wir sind doch nicht Graf Koks!“, erklärte ich dem Römer. „Okay, kein Problem.“, sprach der Gatte und stornierte in zwei Klicks den Besuch in Rom. „Dann nehmen wir am besten ein Taxi bis dorthin.“, schlug er vor. „Ne, ne, ne, ne, ne! Sicher nicht. Das kenne ich schon. Vergiss es!“, insistierte ich blitzschnell. „Ma perché no? [Aber warum nicht?]“, wollte der Römer wissen. Ich hatte meine innere Kontra-Liste schon seit 2019 fertig in meiner virtuellen Albanien-Schublade und feuerte ein Argument nach dem anderen ab: „1. Mir ist bis jetzt kein albanischer Taxifahrer begegnet, der nicht die ganze Zeit durchgeredet hat. Natürlich in einem undefinierbaren, albanischen Dialekt. Mit dir. Die Fahrt dauert mindestens vier Stunden. Ne, danke. 2. Entweder Taxis haben keine Klimaanlage und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Oder aber es gibt eine Klimaanlage. Dann ist die Einstellung immer auf „Winter in Jakutsk“. 3. Die Blicke! Jedes Mal, wenn ich den Kindersitz für Signorino installiere, werde ich angeguckt als hätte ich sie nicht alle. Das reicht mir schon, wenn dein Bruder mich so anguckt. 4. Gespräche über Deutschland. J-E-D-E-S einzelne Mal. Es scheint, als wärst du ein Gesandter der albanischen Botschaft in Berlin. Der Fahrer feuert also ein unbestätigtes Gerücht über Deutschland ab und du übertreibst es entweder mit deinen Lobeshymnen oder du machst Deutschland so schlecht, dass man denkt, man wohnt in einem seelenlosen Land voller dysfunktionaler Menschen. 5….“ Der Römer unterbrach mich: „Ist ja schon gut. Was willst du stattdessen machen?“ Ich grinste. Auch hier hatte ich bereits meine Lösung feinsäuberlich vorbereitet: „Ich buche einen Mietwagen. Bei Firma X – am Flughafen. Nicht wieder bei einer Mietwagenplattform, wo ich irgendeine Schrottbrasse in der Stadt abholen darf und wenn ich ankomme, sagt man mir: ‚Oh, da haben Sie aber Glück, dass sie fünf Minuten zu früh dran sind. Denn das ist unser letzter Mietwagen. Na ja, dann hat das Paar nach Ihnen eben Pech.‘ Wenn ich einen Mietwagen vier Monate vorher gebucht und bezahlt habe, brauche ich kein „Glück“. Der Mietwagen steht dort, wie vertraglich vereinbart, und wartet darauf von mir übernommen zu werden. Außerdem will ich die Mietwagenkategorie „Panzer“. Nie wieder fahre ich mit einer halbkaputten Coladose auf den Straßen Albaniens. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wir haben teure Fracht an Bord, unseren Signorino.“ Ich drehte den Bildschirm zum Römer, um ihm zu zeigen, was ich mir genau vorstellte. „So viel Geld? Bist du irre! Sollen wir nicht lieber meinen Schwager Besim fragen, ob wir seinen Hyundai*** in der Zeit haben dürfen?“, wollte der Römer wissen. „Ne, danke. Auch das kenne ich schon. Natürlich sagt er sofort Ja, weil er zum heutigen Zeitpunkt denkt, dass er es schon irgendwie hinbekommt seinen Hyundai*** zu verleihen. Wenn wir dann Mitte August mit Kind und Koffer vor seiner Tür stehen, ist er so überrascht, dass er uns den Kleinstwagen seines Sohnes anbietet, denn der Hyundai*** sei angeblich in der Werkstatt. Zu dritt quetschen wir uns dann in den alten Opel Corsa*** und tuckern nach Dhermi. Ne, ne, mein Lieber! Entweder das – zu meinen Konditionen oder wir fahren an die Nordsee.“, machte ich dem Römer klar. „Gut, dann fahren wir an die Nordsee.“, trotzte er und verschränkte die Arme. Ich zeigte ihm wortlos die Wassertemperaturkurve der Insel Amrum. „Okay, und du meinst, dass ein Taxi vom Flughafen Tirana nach Dhermi wirklich keine Option darstellt?“, wollte der Gatte noch einmal wissen. „NEIN!“, sprach ich. „MamaPapaBoboJa? [Mama, Papa, darf ich Bobo Siebenschläfer gucken?]“, sagte eine leise Stimme. Signorino hatte sich unbemerkt aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen. „Nein, Schatz. Du gehst jetzt wieder ins Bett.“, erklärte ich unserem Ableger. „TschuTschuWaJa? [Das Lied TschuTschuWa wäre auch in Ordnung für mich, Mutter.]“, versuchte es der Nachwuchs weiter. „Nein, auch das nicht. Komm, wir gehen zusammen ins Bett.“, schlug ich ihm vor. Seine kleine, warme Hand nahm meine und ich brachte ihn wieder ins Bett. Diesmal klappte es auch ohne römische Verstärkung. Als ich nochmals aufstand, buchte ich die Mietwagenkategorie „Panzer“ zum Preis einer halben Niere. „Freiheit kostet Geld.“, pflegt mein Vater immer zu sagen. Recht hat er.

Ein Schokotörtchen gab’s auch noch. Die Fenster sind ungeputzt, aber das fällt bei dem Vordergrund und dem schrecklichen Wetter kaum auf. 😉

*Eine Fernsehsendung der Öffentlich-Rechtlichen. Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

**Man akzeptiert ihn, mag ihn aber nicht besonders, weil er so dickköpfig ist

***Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Es ist 03:30 Uhr nachts. Draußen ist es kalt, aber nicht so kalt wie ich dachte, als ich mir vorhin schnell den Mantel überwarf. Signorino brüllt. Eben so wie er das seit 7 Uhr morgens machte. Der einzige Unterschied zu tagsüber ist, dass er jetzt keine Schrei-Pausen mehr macht. Er schreit seit 22 Uhr ununterbrochen. Dabei tastet, oder vielmehr wühlt, er sich stimmlich durch mehrere Oktaven. Wir haben alles versucht. Und mit alles meine ich jede erdenkliche Idee, die uns Eltern in den Sinn kam. Nur der, der schreit, gibt uns keinen Hinweis darauf, wie zum Henker er beruhigt werden möchte. Der Geistesblitz, dass kühle, frische Luft entspannend wirkt, kam mir übrigens gegen 03:15 Uhr, weswegen wir uns hier in der menschenleeren Allee befinden. Nicht einmal ein Auto rollt die Straße entlang. Nur Signorinos Brüllen lässt erahnen, dass hier Menschen wohnen. Und, das Brüllen gibt einen weiteren Hinweis: Mein Plan ging nicht auf. Kühle, frische Luft wirkt in dieser Nacht weder auf das Kind, und, in diesem Zuge auch nicht auf die Eltern, entspannend. Wir flüchten nach Hause, quälen uns hastig durch den Hausflur und laufen zur Wohnungstür. Schnell schließen wir sie hinter uns. Das Kind kreischt noch immer und wir stehen einer Mauer aus Gefühlen gegenüber, die aus Hilflosigkeit, Scham, Wut, Verzweiflung und Mitleid konstruiert wurde. Jeder Schrei Signorinos ist ein neuer Backstein dieser Mauer, die sich minütlich höher und höher schraubt und damit unüberwindbar scheint.

Dazu haben wir uns als Eltern eines Schreikindes zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mal gestritten, aus Verzweiflung angebrüllt, uns gegenseitig die Schuld an Signorinos Schreien gegeben und am Ende mit dem sofortigen Verlassen der Familie gedroht. Nicht, weil irgendwer das tatsächlich vor hätte. Viel mehr, weil wir nicht mehr weiter wissen. Um 03:35 Uhr ist der Römer an dem Punkt, an dem wir schon öfter waren: “Ruf das Jugendamt – oder vielmehr die Polizei! Die sollen uns Signorino wegnehmen. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.” Ich nehme ihm das nasse Bündel heulender und schreiender Mini-Mensch ab. Es brüllt und schlägt um sich. Letzteres ist neu und mit unter schmerzhaft, wenn er die Augenbraue mit dem kleinen Ellbogen trifft.

Um 03:42 Uhr rufe ich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Signorinos Zustand ist nervenaufreibend, aber sicher nicht lebensbedrohlich. Meine Daten werden aufgenommen und an den diensthabenden Arzt weitergeleitet. Er rufe gleich zurück, sagt der nette Herr am Telefon. Man merkt jedoch, dass er hinsichtlich der Problematik des seit Stunden schreienden Kindes auch nicht recht weiß, was man den Eltern raten soll. Ist ein stundenlanges Schreien überhaupt ein medizinisches Problem oder viel mehr ein psychisches? Sind die Eltern nur überfordert oder steckt eine ernste Angelegenheit dahinter? Fast scheint es mir, als belächle der Herr in der Hotline unsere Situation. Und sollte er sie nicht belächeln, so fand er sie vermutlich übertrieben. Dabei muss ich an den Satz “Ein Kind schreit halt mal.” denken. Wie oft habe ich diesen Spruch von meinen Umfeld gehört? Jedem einzelnen dieser Personen wünsche ich eine, nur eine einzelne Nacht mit einem Schreikind.

Sie sehen es an der bunten Kleidung: Das war ich in den wilden 90ern.

Während wir auf den Anruf des diensthabenden Arztes warten, ziehen wir Signorino wieder um. Er weint und brüllt so viel, dass sein Pyjama-Oberteil nass ist. Vier Mal haben wir ihm in den letzten Stunden das Oberteil gewechselt, weil es ganz durchweicht war. Signorino beruhigt sich noch immer nicht. Ich versuche das Handy zu hypnotisieren, auf dass der Arzt baldmöglichst zurückrufen würde. Doch nichts passiert.

Der Römer legt sich in das Kinderbett. Signorino krabbelt dazu, will aber von niemanden angefasst werden. Alle Versuche schlägt er vehement zurück. Der Römer spielt eines von Signorinos Lieblingsliedern ab, auf dass sich der kleine Kerl beruhigen möge. „Je t’aime.„, haucht die hübsche Südfranzösin durchs Kinderzimmer. Signorino kreischt weiter. Der Trick mit dem Lied war sicher ein Versuch wert. Aber was die letzten sechs Stunden nicht geklappt hat, wird jetzt vermutlich auch nicht klappen.

Das Videoportal schlägt mir Regengeräusche als Meditations- und Einschlafmusik vor. Ich klicke auf den Vorschlag. Was habe ich schon zu verlieren? Es regnet nun klangvoll im Kinderzimmer. Der Römer dreht sich nach rechts. Signorino tut es ihm nach. Es sähe witzig aus wie der sehr kleine Signorino der große Löffel sein will, wenn wir nicht in dieser Situation gefangen wären, aus der vermutlich alle Beteiligten hoffen, schnellstmöglich ausbrechen zu können. Am Telefon tut sich noch immer nichts.

Der kleine Löffel weint und wimmert. Wie gerne würden wir ihm helfen! Mein kleiner Spatz. Der Römer will ihn in den Arm nehmen und dreht sich um. Signorino will immer noch keine Berührung zulassen und rastet nochmals richtig aus. Der Römer dreht sich einfach um und hält sich die Ohren mit einem Kissen zu. Signorino setzt sich auf und starrt mich, die ich gegen das Bett gelehnt bin, mit großen, geschwollenen Augen an. Der Mund ist weit aufgerissen. Meine Hand schlägt er weg.

Nach kurzer Zeit legt er sich wieder hin. Er schreit, wimmert, es wird etwas leiser, dann wieder lauter, dann kann man nur noch ein klägliches Gejammer vernehmen. Langsam, langsam wird es schwächer. Er atmet gleichmäßig. Zwei Mal schreit er noch, dann ist Ruhe.

Nach 6 Stunden Dauerschreiens.

Um 04:02 Uhr ruft der diensthabende Arzt an. Ein älterer Hesse mit Bierbauch und Rauschebart. Die beiden letzten Details kann ich zwar nicht explizit hören, aber mein Kopf konstruiert sie so. “Sie haben wegen Ihres Sohnes angerufen.”, spricht er. Ich schleiche mich aus dem Kinderzimmer und flüstere: “Ehrlich gesagt hat sich das Problem gerade nach Stunden erledigt. Er ist eingeschlafen.” Der Arzt räuspert sich. “Eingeschlafen? So, so. Na dann, auf bald!” Ich hoffe, er meint die letzten Worte seines Satzes nicht ernst.

Ja, ich habe es mir idyllischer vorgestellt, dieses Muttersein. Natürlich nicht mit einem Himmel voll rosa Wolken und einem immer gut gelaunten Baby. Aber mit einem Kind, das nicht stundenlang kreischt. Es ist unheimlich kräftezerrend.

Dennoch: Es ist besser geworden seit er ein Kleinkind ist. Aber ab und an, wenn er zahnt oder es ihm besonders schlecht geht, wird er zu dem Schreibaby, das er war. Es geht mir dermaßen an die Substanz, das ich mir in diesen Situationen wünsche, nie Mutter geworden zu sein. Nur wer in etlichen dieser Situationen war, kann die Ohnmacht und Wut darüber nachvollziehen.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schiele ich durch die Wohnzimmertür. Dort sieht es aus wie nach einem Kampf: Ein angebissenes Brot liegt verteilt auf der Couch. Daneben Wäscheklammern, Papierschnipsel, ein Kinderschal und Mützen. Daneben stapeln sich Winterjacken auf dem Stuhl. Zwei Wasserflaschen stehen auf dem Boden. Kissen liegen überall verteilt herum. Auf dem Tisch steht eine Schüssel Haferbrei, den ich um 01:30 Uhr für Signorino kochte. „Vielleicht hat er nur Hunger?“, dachte ich, denn den ganzen Tag aß er kaum etwas. Doch selbstredend verschmähte er den Brei. Nicht einmal Schokolade wollte er.

Um 04:35 Uhr schreckt Signorino wieder hoch. Er brüllt abermals, schlägt um sich, ist extrem aggressiv. Alles, was er greifen kann, schleudert er durch das Kinderzimmer. Dann steht er auf, geht durch die Wohnung, rastlos, ziellos, planlos. Nichts und niemand kann ihn beruhigen. Der Römer kommentiert, das Kind sei ein Besessener, ein Psychopath. Vielleicht mag Ihnen die Wortwahl extrem hart erscheinen, denn schließlich reden wir hier über einen knapp Zweijährigen. Und in einer normalen bis tolerierbaren Situation haben Sie absolut recht. Doch dies ist eine Ausnahmesituation. Dazu kommt die Müdigkeit aller drei Protagonisten. Und Müdigkeit, so viel sei gesagt, ist ein unbarmherziger Gefährte. Jede trüb erscheinende Situation wird augenblicklich zu einer rabenschwarzen. So auch hier: Ein stockfinsterer, vor Trostlosigkeit tropfender Schleier legt sich auf den gegenwärtigen Moment, der dadurch vollkommen aussichtslos wirkt.

Natürlich geben wir nicht auf und versuchen alles, damit Signorino sich wieder beruhigt. Der Römer verliert seinen kühlen Kopf und redet von der Einweisung in die Psychiatrie. Ob er damit uns oder aber das Kind meint, weiß ich nicht. Wir sind wieder drauf und dran uns anzuziehen, loszufahren und ins Krankenhaus zu eilen. Seltsamerweise kommt mir in den Sinn, dass wir erst eine Suchmaschine befragen sollten, was das sein könnte. Google* ist sich sicher: Ein Nachtschreck. Würde Google sprechen können, wäre es eine dieser Übermütter, die abwechselnd sanft und flötend säuseln. “Streicheln Sie Ihr Kind nicht! Fassen Sie es nicht an, auch wenn es schwer fällt. Reden Sie stattdessen sanft und leise auf ihr Kind ein. Nach 10 bis 15 Minuten ist der Schreck vorbei und ihr Kind schläft wieder ein. In Ausnahmefällen kann es auch 45 Minuten dauern.

Oder in unserem Fall eineinhalb Stunden. Das ist zwei Mal der Ausnahmefall. Aneinandergereiht.

Um 06:15 Uhr schläft Signorino endlich ein. Man soll laut Google* bloß keine Lieder abspielen, Licht anmachen, das Kind wecken (haha – als ob das möglich wäre). Letztendlich habe ich mich der Suchmaschine widersetzt und ein Lied von Ultimo, einem italienischen Sänger, abgespielt. Am Anfang dieses Liedes zählt der Sänger leise und melodisch: “Uno, due, tre. Uno, due, cento. [Eins, zwei, drei. Eins, zwei, hundert.]” Ja, genau so fühlt sich diese Nacht an. Irgendwie verrückt, unlogisch, unerklärbar. Als würde man bis 100 zählen, aber die Ziffern 3 bis 99 dabei weglassen. Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Am nächsten Tag schäme ich mich durch unseren Hausflur zu gehen. Penibelst achte ich darauf, niemanden zu begegnen. Unsere Nachbarn müssen denke, wir misshandeln das Kind oder sind Eltern, die ihr Kind stundenlang schreien lassen.

Wissen Sie, ich würde uns generell als fürsorgliche, manchmal zu lasche, ab und an strenge und in meinem Fall vorsichtige Eltern bezeichnen. Aber auf so ein Verhalten waren wir nicht vorbereitet. Wir stellen in diesen Momenten alles in Frage. Aber besonders fragen wir uns: Was zum Teufel machen wir falsch? Die anderen Eltern kriegen es doch auch hin.

Ich denke, der Römer und ich hätten prinzipiell sehr gerne mehr als ein Kind gehabt. Aber noch eines, das sich als Schreikind entpuppt, hält unsere Ehe nicht aus. Unter anderem deswegen versetzt mir die Frage nach einem zweiten Kind jedes Mal einen Stich: Wir würden gerne. Wir können aber nicht, weil wir es nicht schaffen.

Wann immer wir eine dieser Nächte durchlebt haben, sagen wir uns: “Noch so eine Nacht halte ich nicht aus. Das schaffe ich nicht.” Aber ich verrate Ihnen etwas: Das Schicksal lässt einem keine Wahl. Es fragt nicht, was Sie aushalten können oder wollen. Irgendwie geht es immer. Es muss einfach. Notfalls mit einem italienischen Lied: Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.**

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.

**Das Lied von Ultimo heißt übrigens “Il bambino che contava le stelle.” Das Kind, das die Sterne zählte. Irgendwie passt das.

SauerEI

Und ich sage noch zum römischen Gatten im heimischen Supermarkt: „Du, lass uns lieber zehn Eier (statt sechs) nehmen, die halten länger.“ Das war der erste Fehler einer langen Anreihung an falsch getroffenen Entscheidungen.

Den zweiten Fehler beging ich an der Kasse, als ich dem Römer mit folgendem Satz entlasten wollte: „Amore, gib‘ mir mal lieber die schweren und sperrigen Sachen. Ich lege sie in den Unterkorb des Kinderwagens. Das macht keinen Sinn, dass du alles schleppst.“

Den dritten Fehler machten wir, der Römer und ich, zusammen. Wir waren der Meinung erst die große Einkaufstasche zu entleeren. Danach würden wir in aller Ruhe den Unterkorb ausräumen. Doch Signorino kümmerte sich schon von ganz alleine um den Unterkorb. Erst zog er den 4er Pack Joghurt hervor. Sogleich knüpften wir ihm den Joghurt ab, dachten aber im angeregten Gespräch nicht weiter als bis zum Joghurt-Quartett. Dass im Kinderwagenkörbchen noch andere Artikel auf Signorinos großen Auftritt warteten, kam uns nicht in den Sinn. Daraufhin zog er den Toast hervor und hüpfte damit fröhlich ins Wohnzimmer. Ja, gut. Den würden wir gleich nachher einsammeln, denn bis jetzt weiß er nicht, wie sich der Klippverschluss öffnet.

Somit wären wir bei Fehler Nr. 4 angelangt. Wir vergaßen einerseits, dass im Unterkorb noch Eier lagerten. Andererseits unterhielten wir uns so leidenschaftlich, dass wir – nach Joghurt und Toast – nicht weiter verifizierten, was sich tatsächlich noch im Korb des Kinderwagens befand.

Irgendwann hörte man ein sich in äußerst kurzen Abständen wiederholendes „FLATSCH!“-Geräusch. Ich nahm es nur als Randgeräusch zur Kenntnis, während ich den italienischen Hartkäse einräumte. Der Römer nahm es deutlich bewusster wahr, drehte sich um und schrie: „AAAAH! Figlio mio! Figlio mio! [Mein Sohn! Mein Sohn!]“ Figlio nostro [Unser Sohn] hatte 10 Eier aus ihrem Kartonagen-Zuhause ins Freie katapultiert. Eines überlebte. 9 breiteten sich im Wohnungsflur aus. Der Römer transportierte den jungen Mann, laut schimpfend, ab. Ich wischte derweil die Eierpampe auf. Dazu braucht man übrigens, falls Sie sich die Frage stellen, eine 3/4 Küchenpapierrolle für 9 Eier.

Am Ende war ich dennoch heilfroh, dass der Flurteppich bereits ins neue Heim transportiert wurde. Signorino guckte noch sehr lange sehr betreten. Erst eine Banane lockte ihn wieder aus der Reserve. Schließlich fühlte er sich nach einem halben Vanillepudding später wieder bereit, im Reich der Rabauken zu schalten und walten.

Wie man in Frankfurt einen Kita-Platz findet

Es war Mitte Dezember, 2019. Signorino war wenige Stunden alt und schlief neben mir im Krankenhausbett. Ich registrierte ihn bei diversen Kitas im Umkreis, was in Frankfurt über die Onlineplattform „Kitanet“ geregelt wird. „Ha,“, dachte ich, „wer ist schon so genial und meldet sich am Tag der Geburt des Kindes an?“ Das Schicksal prustete vermutlich los, denn in einigen Städten melden sich Eltern bereits weit vor der Geburt ihres Nachwuchses an. Zum Glück ist das in Frankfurt nicht möglich.

Dann hielt ich ein Jahr die Füßchen still, denn schließlich waren wir online registriert. Zeitgleich begannen die ersten, zarten Stimmen im Bekanntenkreis, die sich im Verlauf des ersten Jahres zu einem stimmgewaltigen (und ziemlich nervigen) Orkan formierten. „Seid ihr verrückt? Ihr müsst bei den Kitas anrufen, Emails mit Ostergrüßen schicken, Kitas besichtigen! So findet ihr nie einen Platz.“ erklärte uns die überragende Mehrheit der Eltern. Nur ein einziger Vater, ein tiefenentspannter Mann um die 40, erklärte uns, dass er sich ebenfalls nur online registriert hatte, ruhig abwartete und kurz vor seinem Wunschtermin von einer Kita kontaktiert wurde. Ohne Ostergrüße, Besichtigungen und einer Zeremonie zu Ehren des Gottes der Kindertagesstätte. Unsere anderen Bekannten zweifelten diese Version stark an. Eine Mutter tat es unter einem lauten Wortschwall als „unwahrscheinlichen Einzelfall“ ab. Somit stand es bei den Elternaussagen 5 zu 1.

Die ersten, zarten Januartage dieses Jahres verbrachte ich damit, zu recherchieren wie man jetzt noch an einen Kita-Platz in Frankfurt kommen könnte. Auf der offiziellen Internetseite stand, dass man „Tage der offenen Tür“ wahrnehmen solle. Ich musste bei diesem Punkt erst einmal laut loslachen. Wir befanden uns mitten in einer Pandemie ungeahnten Ausmaßes. Wenn es momentan etwas in Kitas geben würde, dann waren das „Tage und Wochen der geschlossenen Tür“. Denn schließlich waren die meisten Eltern dazu angehalten, ihr Kind daheim zu betreuen und das bereits seit Monaten.

Ich klickte weiter durch die Internetseite und stolperte über einen anderen Punkt. Er hieß „Vergabe der Kita-Plätze“. Dort las ich, dass es nicht nach Anmeldezeitpunkt, sondern nach Sozialplan ginge. Mist! Meine erste Amtshandlung, nachdem Signorino wenige Stunden alt war, war also für die Katz. Aber natürlich ist diese Regel absolut richtig. Selbstredend sollte ein alleinerziehender Elternteil an erster Stelle bei der Vergabe der Kita-Plätze stehen.

Ich schloss die Seite und gab etwas in eine Suchmaschine ein. Daraufhin fand ich den sehr ambitionierten Blog einer Frankfurter Mutter von drei Kindern. Sie lobpreiste ihre große Erfahrung mit Kitas und der dazugehörigen Anmeldung bereits im Einleitungstext. Weiter im Artikel berichtete sie über einen genauen Schlachtplan und schilderte wie man sich einen Betreuungsplatz in Frankfurt verschaffen könne. Dazu gehörten Kitabesichtigungen im Säuglingsalter, regelmäßige Anrufe bei der Kita-Leitung und Emails mit Fotos des Kindes, um stets präsent zu sein. Damit habe sie bei allen drei Kindern einen herausragenden Erfolg verzeichnen können. Mir drehte sich der Magen um! Nein, das kann ich nicht. Nein, das bin ich nicht. Ich will keine Ostergrüße an Kitas mit Fotos meines Sohnes schicken. Ich klickte auf das kleine X im rechten, oberen Bildschirmrand und klappte den Laptop zu. Aus den Augen, aus dem Sinn.

So verstrichen die Monate bis mich irgendwann erneut die Panik packte. Zugegeben, sie packte mich, weil mich eine automatische Email der Kitaplattform zwölf Wochen vor dem gewünschten Starttermin erreichte. Dort standen erneut Tipps wie „Nutzen Sie unbedingt die Tage der offenen Tür“ oder „Nehmen Sie gerne bereits vorab Kontakt zu den Kitas auf“. Außerdem riet mir diese Email dazu, den Suchradius zu erhöhen und regelmäßig in der Restplatzbörse zu gucken. Als ersten Schritt informierte ich mich in der Restplatzbörse. Puh, alle freien Plätze lagen in den Vororten. Jeden Tag im Auto dreißig Minuten hin- und zurückzufahren im Berufsverkehr? Nein, danke! Dann meldete ich das Kind in anderen Stadtteilen an und schrieb in der Kommentarfunktion einer jeden Kita: „Gerne auch Halbtagesplatz, Mutter arbeitet ab Dezember wieder als Flugbegleiterin“. Am darauffolgenden Tag erzählte ich dem Römer äußerst aufgeregt vom Kita Dilemma. Die irrationale Panik hatte mittlerweile Regie in meinem Kopf übernommen. Mein Gatte war, wie es nicht anders zu erwarten war, sehr gelassen. „Si, si, non ti preoccupare. [Ja, ja, keine Sorge.]“ winkte er ab und lehnte sich mit dem Rücken gemütlich gegen die Stuhllehne, während er interessiert in einem sozialen Netzwerk surfte.

Klasse Tipp, danke auch. Ich war aber besorgt! Sehr sogar. Deswegen bat ich ihn inständig, mir das Kind an zumindest einem Vormittag abzunehmen, damit ich mich durch die Kitas telefonieren konnte. Er willigte ein und es passierte von beiden Seiten – nichts. Die Vormittage verstrichen meist viel zu schnell und mein Telefonvorhaben verschwand irgendwo zwischen der Wäsche, Aufräumen, Putzen, den Keller ausräumen und das Auto zum TÜV bringen. Unter matschigen Marmeladenbrotstückchen, die ich nach unserem sehr späten Frühstück gegen 11 Uhr vom Boden kratzte, geriet meine Telefonaktion vollends in Vergessenheit.

Ein paar Wochen später bäumte sich noch einmal meine Kita-Panik auf. Doch der Römer erstickte sie im Keim: „Amore, versuch‘ doch einfach den Sachen mit Gelassenheit zu begegnen. Es wird sich schon alles finden.“

Was hatte ich schon zu verlieren? Wenn ich keinen Kitaplatz zum Juni finden würde, dann vielleicht im Herbst und wenn es im Herbst nicht klappen sollte, dann vielleicht im Winter. Bis Februar 2022 hatte ich immerhin noch Resturlaub.

Nachdem ich nicht konsequent genug für meine eigene „Stress-Methode“ war und alles, was blieb, nur die ständige Anspannung war, entschied ich mich dazu, die römische Methode auszuprobieren. „Tranquilla. [in etwa: Nur mit der Ruhe.] säuselte der Römer, während wir meist schon im Auge des Stress-Sturms standen. „Andrà tutto bene.“ [Es wird alles gut.] schob er dann noch nach, lächelte und widmete sich wieder einer anderen Aufgabe. Gut, ganz so einfach machte ich es mir nicht. Ich wollte zwar gerne Gebrauch von der römischen Methode machen, brauchte aber, um mich vollends zu entspannen, einen Plan B. So bin ich gestrickt. Das kriege ich nicht aus meiner DNA. Zumindest eine grobe Aussicht wollte ich haben, falls alles in die Binsen ging. Denn „Abwarten und Tee trinken“ ist eine Sache, aber es wirklich so auszuleben wie vom Römer angedacht, ist eine komplett andere. Am zweiten Schritt der römischen Variante, „In letzter Sekunde improvisieren – und das mit größter Gelassenheit zelebrieren“, scheitere ich meistens kolossal. Bei mir brennen alle Sicherungen durch, wenn ich nicht in Ruhe Zeit habe, über die bestmöglichste Variante nachzudenken, so dass ich dann tatsächlich zu dem kopflosen Huhn werde, für das mich der Römer ab und an hält.

So dauerte es ein paar Tage bis ich die Zeit fand, mir einen Plan B zu überlegen: Sollte die römische Methode nicht klappen, werde ich 1.) ab November die deutsche Methode versuchen und alle Kitas abklappern/anrufen, 2.) notfalls meine Elternzeit verlängern müssen, um das Kind dann eventuell mit drei Jahren direkt in den Kindergarten zu schicken. Hier rechnete ich mir größere Chancen aus, da man Kinder erst ab 1,5 Jahren für den Kindergarten in Frankfurt registrieren kann. Das wäre immerhin noch nicht zu spät.

Als mein grober Schlachtplan stand, stieg ich in die römische Methode ein, was mir, als rastloser Mensch, recht schwer fiel. Ich wartete ab. Wann immer sich meine gestresste Agathe, die ökologisch-korrekte Nordendmutter mit dem Lastenfahrrad, meldete und mir eindringlich ins Gewissen redete, dass das doch irre sei, sich um überhaupt nichts zu kümmern, beschwichtigte ich sie mit den Worten, dass man das wie eine Meditation behandeln müsse. Dann zitierte ich noch eine Kalenderblattseite „Alles kommt zur Rechten Zeit in dein Leben. Du musst nur Geduld haben!“ Meine innere Agathe tobte. Passiv-aggressiv, versteht sich. Sonst sehr auf die angemessene, friedvolle Kommunikation vertrauend, rastete sie jetzt komplett aus: „Wir sind in FRANKFURT!! Du findest mit dieser Einstellung nie einen Kita-Platz. Bist du von allen guten Geistern verlassen? Als ob, ohne Vorstellung, ohne vorheriges Telefonat, ohne Email-Grüße von Signorino, dich IRGENDWER anrufen wird – außer vielleicht der psychosoziale Notdienst!“ Ich ignorierte sie, schließlich war ich jetzt zu einer fleischgewordenen, weiblichen Version des Römers geworden. Gelassen schlappte ich in die Küche und machte mir einen Espresso. Signorino nahm derweil das Wohnzimmer auseinander. Ich lächelte entspannt und legte mir noch einen Cantuccio auf den Espressountertassenrand. In aller Ruhe setzte ich mich an den Tisch, beobachtete Signorino wie er dreihundert verschiedene Bauklötzchen durch die Gegend warf, und rührte einen halben Löffel voll Zucker in die fast schwarze Flüssigkeit. Es fehlte nur noch, dass ich auf die Erdumdrehung vertraute, die den Zucker schon verrühren würde. Aber das fand selbst ich, die lockere Römerin, affig.

So verstrichen die Tage und Wochen. An einem Donnerstag Ende März waren wir am Flughafen, um nach Albanien zu fliegen. Genau an diesem Donnerstag rief Frau Det an. Das hörte ich allerdings nicht, was daran liegen mag, dass ich mit Signorino unzählige Runden am Flughafen drehte. Das stets laufende Kleinkind betrieb Gatehopping und wir sorgten für sehr gute Unterhaltung zwischen den wartenden Passagieren.

Als ich kurz vor Boarding auf mein Telefon blickte, erspähte ich zwei entgangene Anrufe. Frankfurter Nummern. Ich vermutete, es wäre mein Zahnarzt, der mir mitteilen wolle, dass die nächste, ungeliebte Prophylaxe anstünde. Vorsichtshalber googelte ich die Nummer. Die Suchmaschine teilte mir mit, dass die Telefonnummer einer Frankfurter Kita gehöre. Alles fiel mir aus dem Gesicht: Klappte die römische Variante etwa doch? Ich klickte auf die Kategorie „Anrufbeantworter“ und hörte ihn ab. Die Computerstimme schaltete sich ein: Heute, 9:37 Uhr, dann ging die Ansage über zu einer sympathischen Stimme: „Hallo Frau Farniente, hier ist Frau Det von der Kita. Wir hätten einen Platz für Signorino. Bitte rufen Sie bis 12:00 Uhr zurück, sonst muss ich den Platz anderweitig vergeben.“ Geschockt guckte ich auf die Uhr. Es war bereits 11:30 Uhr. Die Bodenmitarbeiter befanden sich in den letzten Zügen, um zeitig mit dem Boarding zu beginnen. Ich gab dem Römer, der mittlerweile mit dem rennenden Kleinkind beschäftigt war, zu verstehen, dass ich ein dringendes Telefonat führen müsse. Zwei Gates weiter fand ich eine ruhige Ecke. Irgendwo zwischen Herren- und Damentoilette, rief ich Frau Det zurück. Es tutete zweimal, dann hob sie ab. Eindeutig übernahm jetzt die ambitionierte, innere Agathe. Mein Redeschwall ergoss sich über Frau Det. Nachdem ich fertig geredet hatte, fragte sie höflich: „Sind Sie denn interessiert an dem Platz?“ In diesem Moment fragte ich mich, ob irgendein Elternteil jemals nein sagen würde. Überschwänglich bejahte ich und fügte hinzu, dass das einem 6er im Lotto nahekäme. Zumal ich mir weder die große Hafenrundfahrt gegönnt hatte, um Kitas zu besichtigen, noch jemals irgendwo angerufen hatte. Ich hab mich einfach im Online-System eingetragen und gewartet. Aber das wissen Sie ja bereits. Frau Det erklärt mir den Ablauf und sagte, dass ich mir am kommenden Donnerstag die Räumlichkeiten angucken könne. (Ich dachte für mich: Solange auf dem Kita-Hof keine Drogen verkauft oder gedealt würden, wäre jede Kita für mich Recht. Obwohl, wir befanden uns in Frankfurt. Selbst das könnte man in späteren Lebensläufen noch als Berufserfahrung im „Sales Department“ deklarieren. )

Ich bestätige den Termin. Donnerstag! Wunderbar. Im Hintergrund wurde Herr Ramirez lautstark in Deutsch, Englisch und Spanisch zu Gate Z22 gebeten, denn der Flug nach Cancun würde gleich den Boardingprozess beenden. Ich brüllte dagegen an und hoffte, dass mich Frau Det verstünde. Und das tat sie, denn sie fügte noch hinzu: „Kommen Sie mit Kind und medizinischer Maske!“ Klaro, das sollte ich hinkriegen. Notfalls würde ich auch im pinken Einhornkostüm mit Holzclogs kommen, wenn mir das einen Kita-Platz verschaffen würde.

Am darauffolgenden Donnerstag war es dann soweit. Wir besichtigten die Kita. Frau Det, eine überaus freundliche, herzliche Person, zeigte mir die Räumlichkeiten. Die zwei Erzieherinnen seiner zukünftigen Gruppe, waren ebenso anzutreffen. Zwei resolute, aber äußerst angenehme Damen, die aussahen, als würden sie bei keinem Trotzanfall der Welt mehr mit der Wimper zucken. Man zeigte mir außerdem den Balkon, die Außenanlage und die Wickelmöglichkeiten. Dann gingen wir ins Elterngesprächszimmer. Frau Det erklärte mir alles mit sanfter, ruhiger Stimme. Viele Ausflüge würde man in dieser Kita machen. Aber das fiel Corona leider zum Opfer. Man arrangiere sich, so gut es ginge, erklärte sie. Man sah Frau Det an, dass auch sie und ihr Team an dieser Situation deutlich zu knabbern hatten. Am Ende des Gesprächs, sagte Frau Det: „Überlegen Sie es sich gerne in Ruhe. Besprechen Sie es mit Ihrem Partner, ob Sie Ihren Sohn hier in die Kita geben wollen und melden Sie sich gerne morgen.“ Ich nickte und antwortete: „Frau Det? Darf ich auch gleich „Ja“ sagen? Ich habe so einen guten Eindruck, ich bin mir sicher, dass mein Mann damit einverstanden ist.“ Warum sollte er auch nicht einverstanden sein? Er hätte die Kita eh nicht besichtigen können aufgrund der Pandemie und musste auf mein Urteil vertrauen. Frau Det lachte bei meiner prompten Zusage. „Aber natürlich! Wunderbar. Wir freuen uns!“ Ich guckte auf Signorino. „Wir auch!“. Das Händeschütteln ließen wir aus. Corona.

Als Frau Det uns zehn Minuten später verabschiedete, ich Signorino anzog und wir aus dieser Hinterhofoase an die große Straße gespült wurden, musste ich grinsen. Verrückt! Die römische Methode funktionierte – und das ganz ohne Stress und Anstrengung.

Nun stand es bei den Elternaussagen immerhin 5 zu 2.

Wie Eltern Kinderkrankheiten durchstehen

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ sagt man, oder schöner, weil ursprünglicher: „lupus est homo homini.“ Ein Halbsatz, der von einer Komödie von Titus Maccius Plautus übernommen wurde, leitet meist einen sozialkritischen Artikel ein, werden Sie denken. Aber nein, liebe Leser! Vielmehr beschreibt es den Umgang zwischen dem Römer und mir, wenn Signorino krank ist.

Ein Glück passiert das nicht so häufig. Das erste und letzte Mal hatte unser Ableger Fieber als Nebenwirkung einer der zahlreichen Impfungen im ersten Lebensjahr. Wir wussten, woher es kommt. Wir gaben ein schmerzstillendes Zäpfchen. Das Kind beruhigte sich. Die Nacht war holprig. Das Leben plätscherte, unberührt davon, einfach so weiter.

Doch diesmal war es anders: Am Donnerstag, dem Feiertag, fing es an. Das Kind war wärmer als sonst. Als Mutter und lebendes Fieberthermometer erkenne ich die geringste Veränderung der kindlichen Körpertemperatur. Meine Messung erfolgt meist durch einen flüchtigen Kuss auf die Signorino’sche Stirn. Eine andere Messtechnik ist eine klebrige, einen Moment zu lange verweilende, kindliche Patschehand an meiner Wange. So teilte ich dem Römer sofort meine Beobachtung mit, während wir am Rand des Sandkastens saßen. Der Römer starrte seine nackten Zehen in den offenen Schuhen an und fragte sich vermutlich, wie er mit seinem akkurat gebügelten Leinenhemd und den Bermudashorts auf dieser dreckigen Sandkastenbegrenzung Platz nehmen konnte. „Ancora?! [Schon wieder?!] Das sagst du immer.“ , antwortete er und klopfte etwas Sand von seiner beigen Hose. „Er scheint doch ganz fit zu sein.“, schilderte er daraufhin seinen Eindruck. Aufmerksam beäugten wir jeden Tapser des kleinen Farnientes, der eifrig eine grüne Kindergießkanne durch die Sandkiste warf. „Jaaa….aber irgendetwas ist anders.“, äußerte ich meinen mütterlich geleiteten Verdacht. Der Römer bestand darauf, abzuwarten. Klar, was hätten wir auch machen sollen? Es war Feiertag. Und besonders faktenbasiert war meine, vom Instinkt geleitete, Vermutung eben auch nicht. Außerdem war es sommerlich-warm draußen. Dazu sprang das Kind wie ein Perpetuum mobile über den weitläufigen Spielplatz. Am Ende war es vielleicht nur der schwül-warmen Außentemperatur geschuldet, dass ich den Eindruck hatte, er wäre wärmer als sonst.

Nach einiger Zeit sammelten wir das überall verteilte Sandspielzeug ein und trotteten zur römischen Pizzeria des Vertrauens. Dort angekommen schnackten wir eine Runde mit Daniele, dem Pizzabäcker und gerieten bei der Rückkehr nach Hause in den ersten, sommerlichen Platzregen des Jahres. Dabei lagen zuerst die Pizzen im Kinderwagen und Signorino weilte auf dem Arm des Vaters, da er seinen Buggy als momentan unzumutbar beurteilte. Dann ächzte die Armmuskulatur des Römers nach einem Kilometer unter dem Gewicht des Kindes. Er bestand darauf, dass das Kind in den Kinderwagen gehörte. Die drei, deutlich leichteren Pizzen sollten stattdessen auf dem römischen Arm weilen. Dieser Gedanke wurde mit großem Unverständnis seitens Signorinos aufgenommen. Doch der Römer gewann. Im feucht-warmen Gewitter flüchteten wir nach Hause. Signorino war bei diesem Spurt lediglich von ein paar, wenigen Tropfen getroffen worden. Dies war in allererster Linie seiner wasserdichten Plastikhülle über dem Buggy zu verdanken. Wir Erwachsenen trieften vor Regenwasser als wir daheim angekommen waren. Rasch assistierten wir dem lautstark zeternden Signorino beim Kleiderwechsel. Auch wenn die Anziehsachen des Kindes kaum nass waren, so bestand ich dennoch darauf, den Ableger vorsichtshalber in den hellblauen Schlafanzug zu verfrachten. Als wir ihn umzogen, bemerkte der Römer das vorhin von mir geäußerte Phänomen: „Non lo so, ma… [Ich weiß nicht, aber…] das Kind ist irgendwie wärmer als sonst.“ Ich ersparte uns allen mein obligatorisches „Hab‘ ich dir doch gesagt.“ und nickte nur sehr besorgt. Ja, irgendwie schien die Körpertemperatur des Kindes etwas höher als sonst zu sein. Nach dem Essen brachten wir Signorino planmäßig ins Bett. Recht schnell schlief er ein.

Der Römer und ich widmeten uns unserer Feierabendbeschäftigung, die daraus bestand, dass ich die chaotische Ablage aller angesammelten Briefe der letzten sechs Monate sortierte und er in einem Fachbuch las. Doch ich konnte kaum die ersten Briefe von Ende Mai 2021 abheften, als das Kind lautstark krisch. Routiniert ging ich ins Schlafzimmer, bewaffnet mit einer Flasche Wasser, und war noch so naiv zu glauben, dass er gleich wieder einschlafen würde. Vermutlich war das auch mein Glück! Denn hätte ich gewusst wie die Nacht verlaufen würde, wäre ich als Nichtraucher wohl mit quietschenden Reifen „Zigaretten holen“ gefahren. Ich versorgte den jungen Mann mit Wasser, gab sicherheitshalber noch etwas Zahn-Gel auf den Schnuller und begann das Kind in den Schlaf zu singen. Sogleich fielen die müden Äuglein zu, nur um Sekunden später wieder aufzuleuchten. Ähnlich wie zwei große Stadionscheinwerfer funkelten sie im Halbdunkeln. Dies wurde von einem sirenenhaften Schreien untermalt. Als nicht mehr ganz neue Mutter stürzte ich mich ins „Troubleshooting“ und begann meine eigens konzipierte Liste abzuarbeiten. Nichts half! Kein schnulziges Musikvideos wie sonst, kein Schnuller, kein Kuscheln, keine akrobatische Nummer, in der ich singend mit einem Elefanten und einem rosa Einhorn jonglierte. Stattdessen schrie das Kind aus vollem Halse. Es wurde auch nicht müde. Ganz im Gegenteil! Immer mehr brüllte es sich in Rage. Nach dreißig Minuten erfolgloser Fehlerbehebung und einem leichten Surren auf meinem rechten Ohr, wusste ich nicht mehr weiter. Zeitgleich wurde der Römer durch eine göttliche Fügung (oder Signorinos ohrenbetäubendes Geschrei) ins Schlafzimmer geleitet. In die Hand hatten ihm die Götter ein Fieberthermometer und ein dazugehöriges Zäpfchen gedrückt, wie es schien. „Ja…ja… mach mal!“ brüllte ich gegen das kindliche Geschrei an. Der Römer desinfizierte das Fieberthermometer und unter lautem Gekreische maßen wir Fieber bei dem kleinen, kreischenden und knallroten Bündel. 37.9 °C zeigte das Thermometer an. Erhöhte Temperatur. Aber das Kind schien Schmerzen zu haben, also schickten wir das Zäpfchen auf seine Reise, was mit einem sich windenden Kind wahrlich nicht einfach war. Nach einer viertel Stunde beruhigte sich der kleine Kerl und das Kreischen verwandelte sich in ein herzzerreißendes Wimmern.

Mein römischer Gatte und ich waren nervlich und körperlich stark angeschlagen. Durchgeschwitzt bis auf das Unterhemd saßen wir auf dem Sofa. Der gequält wirkende Minimensch drückte sich gegen meinen Oberkörper und hielt mit beiden Händen meine rechte Hand ganz fest. Er schniefte und jammerte dabei. Es war mittlerweile Mitternacht.

Nach einer Weile legten wir ihn erneut schlafen, was uns, vermutlich durch das Fieberzäpfchen, recht rasch gelang. Erschöpft schliefen wir, den kleinen Mann wie zwei Klammern flankierend, ein. Nach zwanzig Minuten weckte uns ein ohrenbetäubender Lärm. Die Signorino’sche Sirene war wieder aktiviert worden und er schrie und schrie. Wieder gingen wir zum Troubleshooting über, versuchten alles vom fehlenden Schnuller bis zum Öffnen des Schlafsackes. Kekse wurden gebracht, dann Wasser, kurz darauf lauwarmer Kamillentee, doch er ließ sich nicht beruhigen. Es wurde geschukelt, gesungen, selbst das blinkende, laute Spielzeugauto wurde ausgepackt. Doch es war zwecklos! Nach einer Stunde durchgehendem, körperlich schmerzendem Plärren, fingen wir Eltern an, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Wir warfen uns spitze Kommentare vor die Füße, die nur zum Zweck hatten, von unserer absoluten Hilflosigkeit abzusehen. „Jetzt guck doch mal bei Google* nach, was das sein könnte!“, motzte ich den Römer an. Das Kind bebte und heulte unverändert weiter. Der Römer folgte meinem dämlichen Kommentar, nachdem er merkte, dass eine Diskussion mit einer aufgebrachten Mutterfurie zwecklos erschien. Er gab irgendetwas mit „febbre“ [Fieber] „bambino“ [Kind] und „non smette di strillare“ [hört nicht auf zu schreien] ein. Dann wischte er wenig überzeugt einige Minuten durch die Suchergebnisse und legte schlussendlich das Handy weg. „Das ist doch alles Quatsch!! Als ob Dr. Google eine ordentliche Diagnose stellen könnte!!“ schmetterte er mir entgegen. Ich, immer noch absolut ohnmächtig in der Situation mit dem kreischenden Signorino, der sich partout nicht beruhigte, verfing mich in einem gepfefferten Wortschwall, der nur zeigte, wie überfordert und wenig rational ich in einer Ausnahmesituation war. Denn natürlich hatte der Römer vollkommen Recht! Dr. Googles Diagnosen sind zwar gut gemeint, nicht aber gut gemacht.

In meinem Tunnel aus Erschöpfung und Verzweiflung ließ ich mir das Handy geben. Das Kind, das immer noch aus voller Lunge brüllend versuchte, in mich zu kriechen, erschien mir noch etwas wärmer als vorhin. Ich nahm die Sache selbst in die Hand und suchte im Internet nach Diagnosen. Der Römer stand einfach nur neben uns. Was hätte er auch tun sollen? Es gab nichts zu tun außer das Geschrei Signorinos auszuhalten. Während ich panisch und aufgebracht nach jedem Strohhalm, den mir die Suchmaschine ausspuckte, griff, riss sich der Römer los und desinfizierte erneut das Fieberthermometer. „Hirnhautentzündung?!“, sprach ich erschrocken in die Nacht. Na klar, die Symptome passten alle! „Das ist doch vollkommen unwahrscheinlich! Signorino ist einfach nur müde und hat Fieber.“, antwortete der Römer ernst. Er nahm mir den nach Luft schnappenden und immer noch plärrenden Signorino ab, der daraufhin komplett ausrastete. Keiner durfte ihn von seiner Mutter trennen. „Was machen wir jetzt? Fahren wir ins Krankenhaus?“, wollte ich vom Römer wissen. Mittlerweile schrie das Kind seit zweieinhalb Stunden durch, ohne dass es auch nur einen Hauch seiner Stimmgewalt einbüßte. Bereits als Säugling war das seine große Stärke, aber ich war mir sicher, dass wir diese Phase bereits hinter uns gelassen hatten. „Wir ziehen uns mal an und setzen uns ins Auto. Nimm sicherheitshalber die Krankenkassenkarte von Signorino mit!„, übernahm der Römer das Ruder. Ich lief immer noch wie ein kopfloses, panisches Huhn durch die Wohnung. Ein brüllender Säugling ist eben ein ganz anderer Katalysator in einer fiebrigen Situation als ein ruhig vor sich hin fieberndes Kind. Ich streifte mir irgendein Oberteil über, das vermutlich dem Römer gehörte. Aber in dieser Situation, um zwei Uhr nachts, waren meine modischen Ansprüche absolut nichtig. Dazu hüpfte ich in eine Hose, deren alleiniger Besitz schon mehr als zweifelhaft war. Angezogen wirkte sie noch etwas lächerlicher als in meiner Hand. Aber auch das war mir vollkommen egal! Ich wollte nur, dass unser Ableger endlich, endlich aufhörte zu schreien. Denn ich verstand meine eigenen Gedanken nicht mehr.

„Autoschlüssel, Hausschlüssel, Krankenkassenkarte, Wasser für Signorino?“, fragte der Römer stakkatoartig. Ich nickte wie in Trance. Ja, ja. Alles da. Hastig rissen wir die Wohnungstür auf. Das Kind schniefte einen Moment und guckte sich im dunklen Hausflur um. Dann eilten wir zur Haustüre und waren im Freien. Signorino drehte seinen Kopf neugierig in alle Richtungen, musterte den weißen Sportwagen der Labradoodle-Nachbarn und den silbrig glänzenden Grill der Nachbarn. Er war so mit Gucken beschäftigt, dass er vermutlich komplett vergaß, dass er seit mehreren Stunden durchschrie wie am Spieß. Irritiert gingen wir zum Auto. Das Kleinkind ließ sich genügsam anschnallen und gluckste, als ich den Motor des Autos startete. Der Römer saß bei ihm im Fond und hielt seine warme Hand. Es war zwei Uhr dreißig morgens. Außer ein paar jugendliche E-Roller Fahrer und wenige Autos, die ungehindert durch die Innenstadt glitten, schlief Frankfurt den Schlaf der Gerechten. „Und jetzt? Ins Krankenhaus ist doch auch irgendwie doof jetzt, oder?“, interessierte mich die Meinung des Römers. „Secondo me, basta di fare un giro. [Ich glaube, es reicht eine Runde im Auto zu drehen.]“, sprach der Römer. Wir fuhren von Ost nach West. Von West nach Nord und dann in den Süden Frankfurts. So lernte ich, dass es momentan eine Baustelle auf der Bockenheimer Landstraße gab. Außerdem wurde das furchtbar hässliche Gebäude am Opernplatz 2, schräg gegenüber der Alten Oper, abgerissen. Staunend fuhr ich uns durch eine Stadt, die mir vollkommen unbekannt schien. Vermutlich ist es wahr, dass man mit einem Kleinkind nur im eigenen Stadtviertel umher zirkelt.

Als ich beinahe einen rot-weißen Leitkegel auf der Straße übersah, beschloss ich, dass es jetzt an der Zeit wäre, heimzukehren. Innerlich betete ich, dass der Parkplatz vor der Tür noch frei wäre. Ansonsten müsste ich das Auto um diese Zeit in die 700 Meter entfernte Tiefgarage bringen und dazu hatte ich am frühen Morgen wirklich überhaupt keine Lust. Langsam rollte ich unsere Wohnstraße entlang und sah, dass mein vorheriger Stellplatz direkt unter unserem Wohnzimmerfenster immer noch unbesetzt war. Juhu! Wenn jetzt noch das Kind schlafen würde, wäre das eine wirklich erfolgreiche Fahrt gewesen. Aber nein! Das Kind war noch wach. Immerhin war es gefestigt genug, als dass es wieder ab und an gluckste und nicht mehr ohrenbetäubend krisch. Der Römer nahm den kleinen Menschen aus seinem Autositz und trug ihn ins Haus. Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, lehnte meinen schwergewordenen Kopf gegen das Lenkrad und atmete tief durch. Ob ich einfach hier schlafen könnte? Wahrscheinlich war der römische Ehemann dagegen und auch das Kind würde sich wieder die Seele aus dem Leib brüllen.

Ich nahm meine Tasche, sperrte das Auto ab und ging ins Haus. Ein kleiner, rotbackiger Signorino begrüßte mich und gähnte herzhaft. Es war beinahe vier Uhr. Wir schliefen ein, wurden aber im weiteren Verlauf der Nacht alle vierzig Minuten von einem schrillen Signorino-Schrei geweckt, der bald darauf wieder einschlief.

Um acht Uhr war die Nacht vorbei und wir am Ende. Ich rief die Kita an und teilte mit, dass Signorino heute definitiv nicht eingewöhnt werden würde. Am Ende des Gesprächs wünschte ich ein geruhsames Wochenende. Dann rief ich den Kinderarzt an und mir fiel beinahe das Telefon aus der Hand, als die freundliche Anrufbeantworterstimme flötete, dass das Praxisteam den Brückentag zum Anlass nahm, erst am Montag wieder die Praxistüren zu öffnen. „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und hoffen, Sie haben ein angenehmes Wochenende.“ , zwitscherte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich legte auf und fragte mich, ob der letzte Satz pure Bosheit oder kristallklare Ignoranz war? Wenn jemand an einem Freitagmorgen beim Kinderarzt anrief, dann würde er das wohl nicht tun, weil er über seine geruhsamen Wochenend-Pläne plaudern will. Sicherlich mochte es auch hier einige, wenige Ausnahmen geben. Aber ich hier hatte ein fieberndes Kind! Außerdem bin ich eine unerfahrene und deswegen panische Mutter eines Einzelkindes!

Ich informierte mich, ob es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gäbe. „Male.“ [Schlecht.]“ murmelt der Römer, während er über meine Schulter guckte und das leidende Kind schaukelte und schuckelte. Ja, wirklich male. Der Bereitschaftsdienst würde sich zu seiner Bereitschaft erst ab 16 Uhr bekennen. Ich atmete lange aus. Dann griff ich nach einem letzten Strohhalm. Wer vier Kinder groß gezogen hatte, der würde sicher auch einen Tipp für den fiebernden Enkel und die panische Tochter haben. Ich rief meine Mutter an. Und siehe da: Wie nicht anders zu erwarten war, hatte sie nicht nur einen Tipp, sondern einen bunten Strauß voller Lösungen parat. Wir befolgten ihren Crashkurs zum Thema „krankes, fieberndes Kind“ und hielten uns strikt an ihre Vorgaben. Bereits am Nachmittag ging es Signorino besser. Er trank wieder etwas regelmäßiger, außerdem aß er ein wenig Brot und, das war noch viel wichtiger, das Fieber ging langsam zurück.

Die darauffolgende Nacht war, dank eines intensiven Nachtschrecks, noch einmal herausfordernd. Diesmal half auch keine frische Luft mehr. Letztendlich hielt ich das Signorino’sche Geschrei neben mir einfach aus, während er wütend die Wasserflasche und seinen Gladiatioren-Bär durchs Schlafzimmer warf. Aus lauter Verzweiflung versuchte ich mit ruhiger Stimme ein Kinderbuch vorzulesen. Ob es dabei mir mehr half oder ihm, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir uns beide beruhigten. Ich etwas schneller als er. Nach etwa einer Stunde und vierzig Minuten Dauergeschrei aus voller Lunge entspannte sich der Ableger und schluchzte nur noch ab und an. Er wachte zwar im 30 Minutentakt jammernd auf, aber kuscheln reichte ihm vollkommen. Nur der körperliche Kontakt zu mir durfte bloß nicht abreißen, sonst ging die Sirene wieder los. Am nächsten Morgen war das Fieber weg und die erhöhte Temperatur ebenfalls.

Der Römer und ich lagen uns am Morgen erschöpft und geschafft in den Armen. „Wie andere Leute mehr als ein Kind haben können, bleibt mir ein Rätsel.“ flüsterte mir der Römer ins Ohr. „Für mich ist das Thema eh durch. Ich schaffe pro Leben nur ein Kind.“ Dann umarmten wir uns nochmal ganz fest. Der Römer gab mir einen Kuss auf die Wange. Doch sogleich schob sich eine kleine Hand zwischen das römische und mein Knie und zwei grün-blaue Augen blitzten uns schelmisch an. „MamaPapa!“ maunzte Signorino, ließ sich auf den Boden plumpsen und klopfte mit einem Holzkochlöffel auf den Teppich. MamaPapa machten sich einen dritten Kaffee und gähnten sehr lange und intensiv.

Leider reichen meine Lateinkenntnisse für meine, aus dieser Krankheit gewonnene Weisheit nicht aus, aber der Satz geht in etwa so: Der Elter ist dem Elter ein Wolf, insbesondere, wenn das Kind seit Stunden wie am Spieß schreit.

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Erstaunliche Szenen aus dem Zoo

Wir waren gestern im Zoo und haben gelernt, dass wir es erst wieder in einem halben Jahr mit Signorino im Zoo versuchen werden. Die Tiere haben ihn überhaupt nicht interessiert. Nicht ein My! Nur mit seinem Holzhammer wollte er auf dem Sandpistenweg hämmern. Danach hämmerte er noch am Gehege der Ziegen. Dabei war das Holz des Zauns deutlich interessanter als die Ziegen, die neugierig ihren Kopf durch die dunklen Holzlatten streckten. Selbst der struppige Paarhufer verstand nicht, warum Signorino nicht auf ihn abfuhr, so wie er es von den restlichen Kinder gewohnt war. Aus lauter Mitleid tätschelte der Römer den Ziegenkopf. Dankbar streckte die Ziege ihm ihre komplette Flanke entgegen, damit sie noch mehr gestreichelt werden konnte.

Dann lief Signorino davon und eine wirklich schöne Szene spielte sich daraufhin ab. Dazu muss ich Ihnen vorab mitteilen, dass ich diese Eigenart habe, Signorino diverse, immer wechselnde Spitznamen zu geben. Es ist wohl ein väterlicherseits vererbter Tick, denn von eben diesem habe ich diese seltsam anmutende Marotte. Sein gestriger Spitzname war Mörpls. Fragen Sie mich bitte nicht nach dem versteckten Sinn oder gar der Bedeutung, denn auf diese Fragen kann ich Ihnen beim besten Willen nicht antworten.

So brüllte ich also dem flüchtenden Signorino seinen tagesaktuellen Namen hinterher.

MÖÖÖÖRPLS! MÖÖÖÖRPLS! MÖÖÖRPLS!! SIGNORINO!! Kannst du bitte mal einen Moment stehen bleiben?!“ schallte meine Stimme vorbei am Ziegengelände.

Ein älteres Ehepaar, vermutlich begleitende Großeltern, standen unweit von mir entfernt. Er im hellblauen Karohemd, hellbeige Weste, beige Stoffhose. Sie trug eine Capri-Jeans und eine lachsfarbene Leinenbluse. Darüber einen über die Schulter gelegten und vor der Brust verknoteten, cremefarbenen Pullover. Beide guckten sich irritiert an, als sie den vermeintlichen Namen des Kindes von mir laut rufend hörten.

Er beugte sich zu seiner Frau und bemerkte viel zu laut, während ich vorbeihaste: „Mörpls-Signorino? Ingrid, hast du das gehört? Die Kinder von heute bekommen auch immer idiotischere Namen.“ Ingrid drehte sich zu Signorino und mir um, denn mittlerweile hatte ich den kleinen Kerl eingeholt. Wir standen immer noch in Hörweite, aber das schien Ingrid nicht zu bemerken.„Mörpls-Signorino!“, spuckte sie entrüstet aus und musterte mich dabei ganz genau. „Und wir dachten, der Name Alea-Estelle wäre schon eigenwillig. Walter, da sind wir richtig gut weggekommen mit unserem Enkelkind. Denk mal an die armen Großeltern von Mörpls!“

Ich zog den protestierenden Signorino am Arm Richtung Kinderwagen. „Komm, Mörpls-Signorino, wir gehen zu deinem Vater!“, sprach ich ernst und kicherte erst, als ich aus Ingrids und Walters Sichtfeld verschwunden war.

Opa!

Dieser Pfingstsonntag war ein holpriger. Und er hatte so gar nichts mit meinem eigentlichen Plan zu tun. Ja, ich erdreiste mir, als Elternteil eines Kleinkindes immer noch Pläne zu machen. Wie dämlich das ist, kann sich vermutlich jeder ausmalen.

Angefangen hat es mit einer sehr unangenehmen Nacht. Nun bin ich ein Mensch, der zwar durchaus in der Lage ist, ein Doppelbett mit einem anderen Menschen teilen zu können, der aber im Verlauf der Nachtruhe nicht berührt werden möchte. Gelebtes, nächtliches Social Distancing ist das, wenn Sie so wollen. Es liegt hauptsächlich daran, dass ich bei jeder Berührung aufschrecke. Dazu brauche ich ein Minimum an Platz, Abstand und Ruhe, wenn ich schlafe. Heute Nacht empfand es Signorino aber als dringend notwendig, die ganze Nacht über physischen Kontakt zu seiner Mutter zu haben. Und sobald dieser Kontakt abbrach, schrie er empört auf. Es war, als wären wir nach 17 Monaten wieder über eine Nabelschnur verbunden. Besonders wichtig für das Kind schien es dabei zu sein, nicht etwa ruhig vor sich hinzuschlafen. Wo denken Sie hin! Viel mehr wollte er, der da schlief, konstant meine Hand patschen, streicheln, zuppeln, zupfen und mal im Gesicht, mal auf der Brust, mal an den Beinen spüren. Nur, um dann die Hand wieder zum Gesicht zu delegieren. Dabei möchte ich behaupten, dass eine Mutter gar nicht so müde sein kann, als dass Sie dabei einschlafen könne. Vorausgesetzt, Sie ticken so wie ich – und es handelt sich nicht um ein neugeborenes Baby. Den Römer schien diese Problematik wenig zu beeindrucken. Schließlich hat dieser die wunderbare Gabe, auch während eines Gesprächs wegzunicken. Er fängt dann an, mit offenen Augen zu schnarchen. Blöderweise verlangte unser Kind nur nach seiner Mutter und auch nur diese durfte das Bett mit ihm teilen.

Als diese Nacht endlich vorbei war, und das war heute um 9:00 Uhr der Fall, fing Signorino an, sein neues Lieblingswort zu schreien. Richtig! Zu schreien! Ein einfaches Flüstern wäre deutlich sanfter und schonender für meine Nerven gewesen. Aber ein kleiner Germano-Italbaner, der immer wieder „opa!“ durch die Gegend brüllte, war auch sehr unterhaltsam. Dabei meinte er nicht den Großvater. Viel mehr benutzte er das Wort im griechischen Sinn. Woher er es aufgeschnappt hatte oder ob es ein kindlich ausgesprochenes „Hoppla!“ war, wissen wir nicht. Auf alle Fälle war es hauptsächlich laut und wurde von kreiselnden Bewegungen im Bett unterstrichen.

Wir frühstückten. Die Herren Brot mit Butter und Marmelade. Ich machte mich über die restlichen und gestrigen Zimtschnecken her, die Turtle uns mitgebracht hatte. Durch den hohen Zuckergehalt bäumte sich so etwas wie meine letzte Lebenskraft auf und ich war bereit, das Kind zu bespielen. Ein bisschen Bausteine, ein bisschen Bücher, ein bisschen Wasserflaschen aufeinander bauen waren bei diesem gewittrig-wolkigen Wetter ein schönes Unterhaltungsprogramm.

Als Signorino die Legosteine nur noch durch die Gegend warf, beschlossen wir, dass die Spielstunde jetzt vorbei ist. Doch das wollte Signorino nicht gelten lassen. Stattdessen besuchte er seinen Vater im Badezimmer, der gerade eine Gesichtscreme auf der anspruchsvollen Männerhaut verteilte. Signorino, bewaffnet mit zwei Legosteinen, rot und gelb, stiefelte am Römer vorbei und steuerte auf die Toilette zu, deren Deckel offenstand. Mit voller Wucht versenkte er seine zwei Bausteine und rief sein griechisches „OPA!“. Der Römer antwortete mit einem „Ma che cavolo stai facendo? [Was zum Teufel machst du da?]“ und starrte in das weiße Keramik-WC. Da lagen sie: Zwei Legosteine. Am Grund der Schüssel wie ein sehr farbiges, versunkenes Schiff. „Amore!!! [Liebling!!!]“ schrie er ins Wohnzimmer, wo ich entspannt einen Fingerhut voll ungezuckerten Espresso trank. Ich überlegte, ob ich seinen Ruf noch ignorieren könnte, doch er setzte ein weiteres, deutlich lauteres „Amoooore!!“ nach. „Jaaahaaaa!“ tönte es aus mir. „Wie viele Legosteine hatte Signorino in der Hand?“ brüllte der Römer fragend ins Wohnzimmer. Sie wissen, ich bin durchaus eine (über)besorgte und stets um das Wohl des Kindes bemühte Mutter, aber mein Helikopter-Eltern-Dasein hört auf, wenn es darum geht, ob das Kind nun zwei oder drei Legosteine in der Hand hatte, als es den Raum verließ und Richtung Badezimmer steuerte. Ich stand auf, stellte meine leere Espressotasse auf dem Esstisch ab und schlenderte zum Badezimmer. Dort angekommen, lehnte ich mich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. „Keine Ahnung. Zwei vielleicht?“ antwortete ich dem Römer. Signorino stand neben der Badewanne und beobachtete die Szene aufgeregt. Der Römer zog sich die gelben Gummihandschuhe an und tauchte damit ins WC ein. „Che schifo! [Wie eklig!] „, stöhnte er, gefolgt von einem „Ich spüre nur zwei Steine.“ Da der Römer sich meistens vehement wehrt, das Badezimmer zu putzen, sah ich durch Signorinos klugen Schachzug meine Chance gekommen. Er fischte die Legosteine aus der Kloschüssel und beförderte sie nach draußen. Ich stand mittlerweile mit einem Lappen und WC-Gel neben dem Römer. „Wenn du schon dabei bist, dann mach das WC doch gleich richtig sauber. So sparen wir uns einen Arbeitsschritt.“ flötete ich und der Römer funkelte mich an. „Ma mi prendete tutti in giro o…? [Wollt ihr mich alle verarschen oder….?]“ patzte er zurück. „Aber nein! Wir wollen nur keine Synergien ungenutzt lassen.“ erwiderte ich grinsend, schnappte mir Signorino und steuerte aus dem Bad. „Opa?“ fragte mich unser Sprössling. „Ja, aber nächstes Mal lieber mit einem Blatt Klopapier als mit zwei Legosteinen.“ gab ich zurück.

Nach fünfzehn Minuten kam der Römer aus dem Badezimmer. „È tutto pulito. [Es ist alles sauber.]“ erklärter er mir. Ich nickte fröhlich. Dann schnappte ich mir Signorino und trottete mit ihm ins Schlafzimmer. Leider leidet das Kind heute unter einem „müder Geist, wacher Körper“-Syndrom. Dreißig Minuten tollte er im Bett umher, fiel dabei beinahe dreimal von Selbigem und kommentierte es – mal wieder – mit seinem Universalwort „opa!“. Dann brach ich das Experiment, ihn zu einem Mittagsschläfchen zu bewegen, ab.

Da wir nicht wussten, ob ein Spaziergang mit müdem Kleinkind Sinn machte oder nicht, blieben wir daheim. Nach einer Stunde hatte der Römer genug und versuchte abermals den Ableger ins Bett zu bringen. Vermutlich war der Versuch schon zum Scheitern verurteilt, als er ihm Kinderlieder-Videos auf dem Handy vorspielte. Selbst ich würde bei einem gut gemachten „La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“ eher mitsingen und -klatschen, als an einen Mittagsschlaf zu denken. Und genau so kam es auch. Daraufhin stritten sich die beiden Herren, weil der Große wollte, dass der Kleine endlich schläft. Der Kleine aber wollte Kinderlieder-Videos sehen. Warum auch nicht? Der Große hatte schließlich damit angefangen. Am Ende motzte der eine auf Italienisch und der andere schmetterte ihm ein zu tiefst verärgertes „OPAAAAAA!!!“ entgegen.

Ich eilte ins Schlafzimmer und trennte die beiden Dickköpfe voneinander, als der Einjährige dem Einundvierzigjährigen gerade mit seiner Patschehand auf die Erwachsenen Hand schlagen wollte. Rasch griff ich mir den kleinen Querulanten, der nun in meinen Armen versuchte, dem Großen nachzutreten. „Niemand sagt dir, dass das mit einem Kind so kompliziert ist.“ seufzte der Römer. Dann packte ich den Satz aus, an den sich alle Eltern tröstend klammern: „Es ist nur eine Phase, Schatz!“ Er schüttelte resigniert den Kopf. „Und wie lange dauert diese Phase?“ wollte er von mir wissen. Ich prustete los und gab augenzwinkernd zurück: „18 Jahre mindestens.“ Der Römer stöhnte, griff sich an den Kopf und sprach geschafft: „Spero di no. [Ich hoffe nicht!]“

„Opa!“ unterbrach der kleine Pseudo-Grieche Signorino unser Gespräch und riss fröhlich die Arme nach oben. Dann lachte er laut. Wir stimmten müde mit ein.

P.S.: Weiterhin hoffen wir, dass es tatsächlich nur zwei Legosteine waren, die Signorino versenkt hat. Aber das werden wir ganz sicher herausfinden. Zum Beispiel, wenn uns morgen das WC überläuft und wir den Klempner rufen müssen.

P.P.S.: Falls Sie sich fragen, wie mein Plan für heute gelautet hätte: Die kurze, so wie hoffentlich wohlschmeckende Antwort hätte „Profiteroles“ geheißen. Nun denn, vielleicht morgen? Vielleicht nächste Woche? Vielleicht zu Signorinos 30. Geburtstag? Wer weiß das schon. Ich lasse mich auf alle Fälle überraschen.