SALAT!

Heute Morgen rief der Sohn nach uns, um uns mitzuteilen, dass er soeben erwacht sei. Ich, die bereits vor ihm wach war und meinen Espresso ganz in Ruhe genießen wollte, stürzte den Espresso eilig herunter, als würde es sich um Schnaps handeln und nicht um heißen Espresso. Dann eilte ich zum krakeelenden Kind.

Signorino war sehr erfreut, dass ich in sein Zimmer kam und nicht wie sonst üblich der Mann. Wir kuschelten ausgiebig und ich stellte ihm meine beliebte Frage nach seinem Vornamen*:

„Signorino, wie heißt du?“, wollte ich also von ihm wissen.

Es muss wohl an der selten dämlichen Fragestellung gelegen haben, in der ich bereits seinen Vornamen nannte, dass er mir eine doch sehr kecke Antwort gab.

„SALAT!!!“, antwortete das Kind frech.

Ja, nun. Was frag ich auch so dumm?

Salat mit Geburtstagsdeko

P.S.: Für uns geht es morgen nach Bayern und nach einem einwöchigen Stop ins Land der Adlersöhne. Wünschen Sie mir Glück, gute Nerven und den Mut, über mich selbst zu lachen.

*Tatsächlich befrage ich ihn oft nach seinem Namen, weil ich eine unbegründete Angst habe, wir könnten das Kind irgendwann in einer überfüllten Fußgängerzone verlieren und er würde nicht einmal seinen Namen nennen können. Selbiges ist mir als Kind passiert – irgendwo an der Nordseeküste. Als ich wieder gefunden wurde, kaufte man mir einen rot-weißen Stofftierwattwurm, den ich sehr gerne mochte.

Verwechslung mit Nahverkehrszügen

Am Vorabend

Ich liege neben Signorino im Bett. Wie immer versucht das Kind noch etwas Wach-Zeit herauszupressen. Er fängt also an, all die Kinder aufzuzählen, die mit ihm in der Kita-Gruppe sind.

Signorino: “Ein Henry, eine Camille, eine Emilia, ein Bao, ein S-Bahn….”

Ich: “Die S-Bahn geht aber nicht mit dir in die Kita. Mit der S-Bahn fahren wir zur Kita.”

Das Kind protestiert heftig. Natürlich gehe auch “S-Bahn” mit ihm in die Kita. Ich blicke auf die Uhr an meinem Handgelenk. 22 Uhr. Müde vom Tag knicke ich ein. Ja, aber natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen? Auch S-Bahn gehe in Signorinos Kindergartengruppe.

Signorino wiederholt noch zwei Mal bekräftigend das Wort „S-Bahn“. Nach weiteren zehn Minuten begibt er sich, müde vom Tag, langsam ins Land der Träume.

Auf dem Weg zur Kita – mit der S-Bahn

Am nächsten Tag

Wir sind gerade an der Gruppen-Garderobe der Kita angekommen. Signorino sitzt auf dem niedrigen Bänkchen unter der bunt bemalten Kinder-Garderobe. Ich ziehe ihm die weißen Straßenschuhe aus und tausche sie gegen ein Paar dunkelblaue Hausschuhe.

Aufgeregt ruft das Kind „Da! S-Bahn!” und zeigt zur Eingangstür unserer Kita-Etage.

Ich drehe mich zur Eingangstür um, doch glaube nicht ernsthaft, dort eine S-Bahn zu erspähen. Und genau so ist es: Dort läuft gerade Signorinos Kita-Kollege Jesper samt Mutter ein. Hand in Hand steuern sie auf die Gruppen-Garderobe zu, bei der Signorino gerade die Schuhe von mir gewechselt bekommt. Ich schließe noch schnell den Klettverschluss der Hausschuhe, um Signorino postwendend zu antworten:

Ich: “Nein, Schatz, das ist doch Jesper und seine Mama. [Es rattert in meinem Kopf. Der Groschen fällt. Kann das Missverständnis tatsächlich an einem Aussprache-Fehler gelegen haben? Ich fange an zu lachen] Ach, Jesper meintest du!!! Nicht S-Bahn.”

Signorino, etwas trotzig: “Ja, ‘esban!”

Haarfarbe Gut

Gestern Nachmittag versuchte ich mit Signorino seine Haarfarbe zu üben. Mehrmals wiederholte ich, dass er blond sei. Er vernahm es und sprach fleißig “brond” nach, denn schließlich kann er jetzt den Buchstaben “R” aussprechen und benutzt ihn auch gleich noch als “L”-Ersatz.

Abends, als der Römer nach Hause kam, fragte ich Signorino:

“Signorino, welche Haarfarbe hast du?”

Signorino dachte angestrengt nach. Wie war doch gleich nochmal dieses Wort für seine Haarfarbe? Ich half etwas auf die Sprünge: “B….l….”

“GUT!!!!”, schrie das Kind freudestrahelnd.

Haarfarbe “Gut” – immerhin ist das Kind mit seiner Haarfarbe zufrieden.

Haarfarbe Gut – darauf ein High-Five!

Ketchup im Zoo

Es ist Samstagnachmittag. Ein kleiner Haufen Kind liegt auf dem Sofa. Er ist in den ersten zehn Minuten seiner Zeichentrickserie eingeschlafen.

Vollkommen erschöpft fielen ihm die Augen zu. Ich kann ihn verstehen, denn es war wirklich aufregend im Zoo. Jetzt, mit 2,5 Jahren interessiert er sich für Gi-affe, Pinnuin und Zeb-a. Zugegeben, einen Kollateralschaden musste eine arme, zufällig vorbei flanierende Ziege verbuchen, was mir wiederum sehr Leid tat.

Als es passiert war, starrten die Ziege und ich uns entsetzt, um Fassung ringend, an. Hätte die Ziege sprechen können, sie hätte mit aufgeregt-zittriger Stimme “Das hat er nicht wirklich getan?!” gefiepst. Aber ja, mein Ableger hat das wirklich getan und der armen, zutraulichen Ziege kräftig in die kalt-feuchte Nase gekniffen. Und ja, das hätten wir beide nicht erwartet und es tat mir furchtbar Leid für die Ziege. Entschuldigend wollte ich sie am Bauch tätscheln, doch sie trabte beleidigt davon. Vermutlich brachte sie sich in Sicherheit vor dem neugierig kneifenden Menschenkind. Wer weiß auf welche Ideen Signorino noch gekommen wäre, wäre die Ziege stehen geblieben?

Zuvor, sonst hätte ich den Sohn gar nicht auf die Ziege losgelassen, tätschelte er eifrig andere Ziegen und machte „Wau!Wau!“. „Nein, nein.“, erklärten wir Eltern geduldig. „Das ist kein Hund. Das ist eine Ziege.“ Der Nachwuchs blieb beim „Wau!Wau!“, um schlussendlich das Tier mit “Ciao Ciao, Ziege!“ zu verabschieden. Irgendetwas blieb also doch hängen. Doch im Albanien-Urlaub vertiefen wir das Ziegen-Wissen noch etwas. Unser Lernziel wäre, dass der Nachwuchs weiß, dass es sehr untypisch für Ziegen ist, “Wau!Wau!” zu machen, sofern sie nicht von Hunden sozialisiert worden sind. Und selbst dann wäre es vermutlich eine erstaunliche Leistung seitens der Ziege.

Sehr gut haben uns übrigens die Seehunde gefallen, die der Römer und ich einstimmig für „foche”, oder auf Deutsch, „Robben“ hielten. Eifrig begann ich daheim den Unterschied zwischen Seehunden und Robben zu recherchieren und hörte bereits beim ersten Satz wieder auf „Alle Seehunde sind Robben, aber nicht alle Robben sind Seehunde.“ Puh! Das wirkte wie der Anfang einer Sachaufgabe. Ich beschloss, dass diese Wissenslücke ruhig ungestopft bleiben könne und tat es mit einem “Man muss auch nicht alles wissen!” ab. Für Signorino gab es nur eine Definition für dieses unter Wasser verkehrende Tier: Fiiiiesch (mit langem I). Auch nach mehrmaligem Erklären bzw. zweisprachig auf ihn einreden (Foche! Robbe! Sono foche, amore mio! Das ist eine Robbe, mein Schatz! Vedi?! Foche!), blieb er dabei: Es war ein Fiiiesch!

Ein Fiiiesch lt. Signorino. Im Video: Signorino erklärt etwas in seiner eigenen Sprache. 😄

Wir guckten noch bei den Okapis vorbei, bei einem Nilpferd, das Signorino als Stein bezeichnete und man ihm recht geben musste, denn das Tier lag mit dem Rücke zu uns vorm Wasserloch und bei aller Liebe: Es sah aus wie ein nasser Stein mit winzigen Stein-Ohren, die sich ab und an bewegten.

Die Erdmännchen verpassten wir diesmal, aber dafür guckten wir noch bei Gi-affe (das Kind kann kein R aussprechen) und Zeb-a (das R-Problem, wie gesagt) vorbei. Danach stärkten wir uns in der prallen Sonne mit den gesunden Klassikern der regionalen Küche: Chicken Nuggets und Pommes. So großzügig der Gatte auch beim Verteilen der Portionen war, so sparsam war er beim Ketchup. Einen Fingerhut voll Ketchup pumpte er aus einem großen Spender auf jede Portion Pommes und balancierte damit zu unserem Tisch. Daran erkennt man sie wohl, die kulturellen Unterschiede. Meine Pommes tragen normalerweise eine ordentliche Portion Ketchup auf dem Pommeshaupt. So viel, dass die direkt darunter verschütteten Pommes gar nicht mehr vor der Ketchup-Lawine zu retten sind und falls doch, nur mit einem Piekser gegessen werden können. Die römische Ketchup-Ration ist ein fingernagelgroßer Klecks, der einen irritiert fragen lässt, ob das Ketchup im Spender leer war. „Ma che! Era pieno! [Ach was! Es war voll!]“, sprach der Gatte und kaute auf einer nackten Pommes herum. Kurz überlegte ich, ob ich nochmal zur Ketchupquelle gehen sollte, aber ich arrangierte mich mit der verschwindend geringen Menge. Sparsam teilte ich sie mir ein, so dass ich fast ein Drittel der Pommes mit leicht benetzter Ketchup-Schicht essen konnte.

Dem Sohn war dieser Umstand schlichtweg egal. So gerne er ungesunde Lebensmittel wie Süßigkeiten und Eis in rauen Mengen isst, so sehr widert ihn Fruchtsaft und Ketchup an. Ein gesunder Ausgleich, wenn Sie so wollen, oder einfach nur sein römisch-albanisches Erbgut, das keinen Bedarf für Ketchup (und Fruchtsäfte) sieht. So aß er viele, nackte Pommes und probierte die Chicken Nuggets, die er „Bäh!“ fand. Obwohl wir neben dem Eisstand saßen, fragte er dennoch kein einziges Mal “…oder Eis?”, was wir durchaus als Erfolg verbuchten.

Satt und glücklich guckten wir noch zum Bären. Neben dem Gehege stand eine lebensgroß nachgebildete Figur aus Plastik, mit der man sich fotografieren lassen konnte. Fälschlicherweise hielt ich diese freundliche Bärenfigur für einen Waschbären und habe nun, auch nach den irritierenden Blicken des Römers, den Beweis dafür, meine Sehstärke nächste Woche überprüfen zu lassen.

Ein echter Bär im Gehege. Und ganz sicher kein Waschbär. 😉

Es war ein sehr schöner Tag mit all dem Frankfurter Getier. Doch das Spannendste war für Signorino die Straßenbahn, die am Zoo vorbeifuhr. Würde das arme Kind nie Straßenbahn fahren dürfen, ich würde es verstehen. Aber wir fahren mindestens drei Mal die Woche Straßenbahn und drei Mal die Woche S-Bahn. Man möchte meinen, irgendwann wäre das Kind gesättigt vor lauter Straßenbahnfahrten. Aber dem war nicht so!

Zum Abschluss fuhren wir noch zwei Stationen mit der Straßenbahn und das war definitiv das Highlight des heutigen Tages für das Kind.

Haben Sie ein tierisch-feines Wochenende mit hoffentlich genug Ketchup zu Ihren Pommes!

Oder Joghurt?!

Signorino verfügt mittlerweile über drei Möglichkeiten, uns mitzuteilen, dass ihm etwas schmeckt oder eben auch nicht.

„Mmh! Lecker.“ wird meist für allerhand Süßkram oder Pizza benutzt. Es bedeutet absolute Zustimmung und 10 von 10 Punkten.

„Bäh!“ benutzt er, Sie ahnen es, für Dinge, die definitiv nicht seinen Geschmack treffen.

„…oder Joghurt?!?“ ist eine höfliche Rückfrage, ob er nicht lieber statt der angebotenen Speise einen Joghurt essen könne. Es widert ihn nicht dermaßen an wie eine „Bäh-Speise“, dennoch würde er bevorzugen, nicht weiter essen zu müssen.

Bakllava und caffé waren „Mmh! Lecker!“

So, morgen schreibe ich die Prüfung (danke für all die gedrückten Daumen!) und dann bin ich gewohnt wieder für Sie da.😉

Papa oder Opa?

Nach langem Überreden, erklärt sich Signorino endlich dazu bereit, dem Spielplatz den Rücken zu kehren. Wir gehen durch die Parkanlage Richtung Wohnung. Auf einer Bank sitzt ein Mann. Er ist in seine Zeitung vertieft. Sein hellblaues, kurzärmliges Poloshirt sitzt locker. Aus seinen beigen Bermudashorts ragen bereits sonnengebräunte Beine. Der Mann hat etwas längere Haare, die ihm bis zu den Ohren reichen. Er ist rasiert und wirkt sehr gepflegt. Neben ihm parkt sein rotes Rennrad. Müsste ich ihm einen Stempel geben, ich würde ihn als “junggebliebenen Mitfünfziger in Führungsposition” beschreiben.

Signorino tapst an dem Mann vorbei. Seinen neuen Sandkasten-Bagger trägt er stolz vor seiner Brust. Er bleibt vor dem Herren stehen, mustert ihn neugierig und fragt, vermutlich mehr sich selbst, als uns:

“Papa oder Opa?”

Der etwa 50jährige Mann blickt von seiner Zeitung auf, lächelt unseren Ableger an und vertieft sich wieder in seine Zeitung.

“OPAAA!!!”, ist sich Signorino sicher und äußert seinen Gedanken überaus lautstark. Dann pflückt er mit der rechten Hand eine Puste(blume) und düst mit seinem Bagger und der Pusteblume davon. Ich lächle entschuldigend, gucke in ein verdutztes, sonnengebräuntes Gesicht eines Mitfünfzigers und laufe dankbar dem schnell flüchtenden Kind hinterher.

Ein innerliches Highfive hat sich Signorino sicher für seinen flotten Kommentar gegeben.

Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉

Killing me softly – Ein Abenteuerbericht

Momentan komme ich nicht wirklich zum Schreiben auf meinem Blog. Zu sehr hinke ich in der Uni nach. Zu sehr belüge ich mich selbst, dass eine Teilzeitstelle, 85% der Kindererziehung und ein Studium „total gut“ unter einen Hut zu bringen sind. Es ist als würde man krampfhaft versuchen, viel zu viele Jonglierkeulen gleichzeitig in der Luft zu halten. Ständig droht eine abzustürzen, man hechtet zu ihr, rettet sie, aber dann kommen zwei andere Jonglierkeulen, die kurz davor sind mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden zu knallen.

Doch darum soll es heute nicht gehen. Viel mehr geht es heute um meine Notizen des Monats Februar. Das Kind brachte uns ein Geschenk in Form einer Magen-Darm-Grippe mit nach Hause. Wie wir das überlebten, schildere ich Ihnen hier. Doch seien Sie gewarnt: Ein Magen-Darm-Infekt ist nichts für eine blühende Fantasie und einen schwachen Magen:

Aufbügel-Bild auf meinem Pulli. Bildlich dargestellt, was ich über diese Magen-Darm-Grippe denke.

Es scheint ein eisernes Naturgesetz zu sein, dass Mütter die Krankheit ihres Kindes einige Tage später durchleben müssen, um beurteilen zu können wie schlimm es wirklich für den Nachwuchs war. Im Verkauf würde man vermutlich sagen „Nur wer das Produkt, oder in unserem Fall die Krankheit, gut kennt, kann es überzeugend verkaufen.“ Der Römer und ich, da bin ich mir sicher, könnten Ihnen die Krankheit perfekt verkaufen, so viel „Produkterfahrung“ konnten wir sammeln. 😉

Am Sonntag um 8 Uhr fing es an. Mir war speiübel. Ich wankte ins Bad, ging auf Toilette, wankte wieder zurück ins Bett und wartete darauf einzuschlafen, aber die Übelkeit hatte dermaßen die Überhand gewonnen, dass es mir unmöglich war, in den wohlverdienten Schlaf zurückzufinden. Um 09:00 Uhr tapste das Kind ins Elternzimmer, wobei es an diesem Wochenende Elter-Zimmer heißen müsste, denn der Römer war in Albanien, um seine Familie zu besuchen. Signorino gebot mir, dass er zu frühstücken wünsche. Ich folgte ihm und wir frühstückten zusammen, wobei er mit großer Begeisterung drei Scheiben Nusskuchen verdrückte und ich an meinem Kamillentee nippte. Der Tee brachte nicht den gewünschten Effekt, denn die Übelkeit wurde schlimmer und schlimmer. Ich legte mich auf die Couch, machte den Fernseher für das Kind an und hoffte, dass die Übelkeit gleich vorbei sein würde und wir normal in den Tag starten könnten.

Signorino interessierte sich überhaupt nicht für den Fernseher. Stattdessen animierte er mich zum Lego spielen. Ich setzte mich schwerfällig auf den Boden, nahm zwei Lego-Steine in die Hand, zog einen roten Plastikeimer zu mir heran und erbrach den kompletten Kamillentee hemmungslos. Das Kind guckte mich mit weit aufgerissenen Augen panisch an und krisch aus voller Lunge, als es mich in seinen roten Sandkasteneimer würgen und erbrechen sah. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aufzublicken, zu lächeln, „Mama geht’s gut, Schatz.“ zu sagen, doch Sie kennen es vielleicht: Ein Kötzerchen bleibt nie alleine. Man hat mehrmals das Vergnügen. Das Kind schrie immer lauter, immer aufgeregter. Ich tat mein Möglichstes ihn zwischen meinem Erbrechen zu beruhigen, doch er war so panisch und ich so beschäftigt, meinen Mageninhalt loszuwerden, dass meine beschwichtigenden Worte im roten Sandkasten-Eimer verhallten. “Hoffentlich war’s das jetzt.”, dachte ich, als mein Magen wirklich alles losgeworden war, was ihm scheinbar auf der Magenschleimhaut brannte. Aber mein Verdauungsorgan hatte anderes im Sinn.

Es war 10 Uhr Vormittags. Um 16:20 Uhr sollte der Flug des Mannes in Frankfurt landen. Mit einer flotten Einreise würde er nicht vor 17 Uhr daheim sein. Noch sieben Stunden. Mein eh schon flauer Magen wurde noch flauer. Uff! Durchatmen. Wir schaffen das.

Ich informierte den Mann via Messenger-Dienst über meinen Zustand. Er las die Nachricht und antwortete nicht. Jetzt war mir nicht nur schlecht, ich war wütend und wusste nicht wie ich den Tag überleben sollte. Ausruhen und halb tot vor dem Fernseher liegen war dank Signorino keine Option. “Danke für deine lieben Nachrichten!!!!”, schrieb ich dem Mann 30 Minuten später. Jedes einzelne Ausrufezeichen hinter dem Text gab dem Mann einen Hinweis darauf, in welcher Eskalationsstufe meiner Wut ich mich gerade befand. Diesmal war es Stufe 4 von 5. Postwendend antwortete der Römer. “Scusa, amore [Entschuldige, Liebling!]! Uns wäre fast ein LKW aufs Auto geknallt, aber Ibrahim reagierte blitzschnell. Zum Glück ist nichts passiert. Aber das geschah genau zu dem Zeitpunkt, als ich deine Nachricht las. Danach war ich so geschockt, dass ich alles vergaß.” Mich wunderte das gar nicht. Also, dass ein LKW ungebremst auf Ibrahims Kutsche knallen wollte. Wer den Verkehr in Albanien kennt, der wundert sich allenfalls um die niedrige Unfallquote. “Mir geht’s wirklich dreckig.”, schrieb ich dem Mann. Er versprach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, könne aber den Flugplan der Airline auch nicht beeinflussen. Ich schickte ihm einen grünen Übelkeitssmiley als Antwort. Die Situation war zum Kotzen. Das empfand auch mein Magen so.

Ich legte das Handy beiseite und erbrach wieder. Mehrmals. Das Kind weinte und schrie, wollte mir den Eimer entreißen und schlug mit der flachen Hand fest auf meinen Rücken. Oh Mann! Was für eine erbärmliche Situation. Ich beruhigte den vor Panik schreienden Signorino, nahm ihn in den Arm und erklärte ihm, dass es Mama nicht so gut gehe, aber die Situation unter Kontrolle sei. Letzteres war gelogen. Nichts war unter Kontrolle. Wir guckten seit zwei Stunden Peppa Wutz und ich spuckte mir die Seele aus dem Leib.

Um 12:30 Uhr verdonnerte ich das Kind zum Mittagschlaf. Eine andere Lösung, um die Zeit bis zur Ankunft des Römers zu überbrücken, sah ich nicht. Zum Glück schlief Signorino schnell ein. Ich auch, so erschöpft war ich. Doch nach zwanzig Minuten erwachte ich wieder, da über uns, wie jeden Sonntagmittag (!), eine Singparty unter Freunden stattfand. Unsere grandiosen Nachbarn Nina und Tobi (mit Baby) hielten und halten „Singen mit Freunden an einem Sonntag“ für ein Grundrecht. Sollen die Nachbarn sich doch einfach an ihren schiefen Lagerfeuertönen erfreuen. Das Kind schlief, toi, toi, toi, weiter. Ich ging in unser Schlafzimmer, spuckte auf dem Weg dorthin wieder, steckte das Babyphone ein und legte mich hin. Sofort schlief ich ein. Dann hämmerten Nina und Tobi. Sie hämmerten einen Nagel in die Wand. Oder mehrere. Auf alle Fälle war ich zu kraftlos gegen die Wand zu schlagen. Ich ertrug es. Und nahm mir vor, sobald ich wieder fit sei, ihnen klar zu machen, dass ich sonntags keinen Mucks hören will, der über Zimmerlautstärke hinausgeht, sonst schalte ich die Hausverwaltung ein. Vermutlich würde ich es netter ausdrücken, aber in dem Moment, gefangen in meinem Elend, spürte ich genau das.

Das Kind erwachte nach zwei Stunden Mittagschlaf. Normalerweise weckte ich Signorino früher, denn abends geht er sonst nicht ins Bett, aber ich war um jede freie Minute dankbar. Ich hob ihn aus dem Bett. Eine Seite seiner Hose war bräunlich. Vermutlich das geschmolzene Schokoladen-Eis, das ich ihm vorhin gab, um ihn zu beruhigen und zu beschäftigten. Nun ja. Wie sich nur einige Augenblicke später herausstellte hatte das Kind Durchfall. “Oh Mann! Oh Mann!”, würde das Kind jetzt sagen. Und „Oh Mann! Oh Mann!“ war die Situation tatsächlich. Unter Würgen wechselte ich die Windel, den braun-feuchten Body, wusch das Kind mit einem Waschlappen, zog es an und erbrach mich abermals. Das Kind krisch, Sie ahnen es, ich bemühte mich, es zu beruhigen, aber es beruhigte sich erst wieder, als ich mir den Mund ausspülte und auf allen Vieren auf das Sofa kroch.

Zwanzig Minuten später hörte ich ein Geräusch als würde jemand eine halbvolle Ketchup-Tube ausdrücken. Es war Signorino. Er guckte verwundert und grinste dann. „Oh Nein! Bitte nicht schon wieder.“, dachte ich an unsere Windelwechsel-Aktion von eben zurück. In meiner geistigen Umnachtung machte ich den Fehler, ihn hinzulegen und so verteilte sich die Masse bis zum Hals. Wortwörtlich. Ich fluchte, würgte, wechselte, wischte und rieb das Kind mit einem frischen Waschlappen ab. Dann bezog ich das Kind neu. Neuer Body, neues Oberteil, neue Hose, neue Socken. Alles neu! Am liebsten hätte ich seine alten Klamotten verbrannt, doch ich warf sie bei 95 Grad in die Waschmaschine.

Turtle, die an diesem Tag zu den Spät-Aufstehern gehörte, bot sich an, vorbeizukommen. Allerdings musste sie erst einen Corona-Test machen, denn, so waren die Regeln im Februar, sonst dürfe sie nicht Bahn fahren . Ich war besorgt, dass sie unseren Magen-Darm-Infekt als Gastgeschenk mitnahm, sollte sie uns besuchen.

Ich guckte auf die Uhr: Es war 12:30 Uhr. Das Flugzeug Richtung Albanien hatte bereits in Frankfurt abgehoben, um den Römer in einigen Stunden einsammeln zu können. Ich bedankte mich bei Turtle für Ihre Hilfe und erklärte ihr, dass ich Angst hätte, dass sie ebenfalls das Magen-Darm-Virus bekäme. Sie wollte sich nicht abbringen lassen von ihrem Besuch. Ich insistierte. Nach einiger Zeit willigte sie ein, dass sie daheim bleiben würde.

Ich wankte ins Bad. Leider musste ich auf dem Klo thronend abermals würgen. Ein Glück ist die Toilette so klein, dass man bequem ins Waschbecken spucken konnte, während man auf dem Lokus sitzt. Genau zu dieser Zeit tapste Signorino vorbei, erblickte seine würgende, auf der Toilette sitzende Mutter mit heruntergelassener Hose und schrie wie am Spieß. Wer kann es ihm verdenken? Das sind vermutlich Bilder, die man nur schwerlich vergisst. Er wollte mich sofort von der Toilette wegziehen, was wahrlich keine schlaue Idee war. Ich klammerte mich mit einer Hand an der Kloschüssel fest, mit der anderen Hand versuchte ich den panischen Signorino auf Abstand zu halten und dazwischen ging ich meinem Bedürfnis zu Erbrechen nach. Das Kind wurde immer panischer, je länger der Vorgang dauerte. Er war vollkommen durch den Wind. Nach jedem Schwall beruhigte ich den kleinen Mann. „Alles gut, Liebling. Mama geht’s nur nicht so gut heute. Keine Sorge.“ Meine Sätze beruhigten weder ihn, noch mich. Erst als ich mich nassgeschwitzt und wacklig – Erbrechen ist echt anstrengend – vom WC erhob, beruhigte sich Signorino langsam, zitterte aber dennoch wie Espenlaub. Er schniefte noch eine ganze Weile und hielt meine Hand fest umklammert, so als ob ich jeden Moment zu Staub zerfallen würde. Mir tat das alles furchtbar Leid. Mit aller Kraft versuchte ich fortan meinen Brechreiz zu unterdrücken, damit das Kind beruhigt sein würde. Wie ein zertretener Kaugummi lag ich auf dem Sofa, während das Kind fernschaute. Schamerfüllt muss ich zugeben, dass es das an diesem Tag seit Stunden tat. Ich fühlte mich unglaublich mies. Innerlich wie äußerlich. Ich war ein Wrack.

Die Zeit verging irgendwie. Ich weiß bis heute nicht, wie dieses „irgendwie“ aussah, denn alles lag in einem dichten Nebel.

„Was soll man machen?“, fragte ich mich nicht nur ein Mal…

Um 17:02 Uhr hörte ich Schritte im Hausflur. Sie eilten zu unserer Wohnungstür. Ich betete, dass es mein ausgeflogener, und eben wieder eingeflogener Gatte war und ja, immerhin diesmal wurden meine Gebete erhört. Der Römer marschierte im Stechschritt in die Wohnung. Signorino flippte aus vor Freude und warf sich in die römischen Arme. Alles, was für mich zählte, war nur noch der Überlebenswille, so dass jeglicher Kontrollzwang in weiter Ferne war. Unter normalen Umständen hätte ich gerufen: „Bitte wasch dir erst die Hände nach so einer Reise. Wer weiß, was du alles angefasst hast!“. Doch so jammerte ich nur ein „Endlich bist du da! Ich dachte, die Zeit vergeht nie!!“. Ich schlürfte an Vater und Sohn vorbei, den roten Kindereimer unter meinen Arm geklemmt, und legte mich ins Bett. Sofort nickte ich ein. Signorino wollte das so aber nicht gelten lassen und kam ins Schlafzimmer. Er stand neben meinem Kopf, legte seinen Kopf nur wenige Millimeter neben meinem Kopf ab und erzählte etwas. Ich streichelte seinen Blondschopf, empfahl ihm, ins Bett zu krabbeln und lächelte ihn müde an. Schnell wie der Blitz kletterte er über den Sessel ins Bett und setzte sich neben meinen Kopf. Dann begann er zu singen. Erst „Zum Geburtstag viel Glück“, dann seine ganz eigene Version des „ABCs“, um dann die richtigen Gassenhauer wie „Tschu Tschu Wa“ und „Certe Notti“ rauszuhauen. Mein Kopf dröhnte, mir war übel, aber es war ein schöner Gedanke seinerseits, mein Elend musikalisch auflockern zu wollen. „Signorino, vieni qua![Signorino, komm her!]“, rief der Römer und erklärte dem Sohn, dass ich schlafen müsse. Das war der Sigorino’schen One-Man-Coverband aber ganz egal. Er blieb sitzen und sang aus voller Brust weiter. Mittlerweile ging er zu den langsameren Nummern wie „La Le Lu“ und „Nina Na Na Nina Nu“ über, denn er merkte, dass ich die fetzigeren Lieder nicht so wertschätzen konnte wie das ein guter Sänger von seinem Publikum erwarten würde. Nach einiger Zeit gelang es dem Römer, Signorino aus dem Schlafzimmer zu locken. Vermutlich hat er dem kleinen Kerl mindestens einen „Igel“ [Schoko-Riegel] versprechen müssen, damit er seine angestammte Position auf der Bühne, neben meinem Kopf, verließ.

Dreißig Minuten später kam das Kind wieder bei mir im Schlafzimmer vorbei. An Schlafen war somit nicht zu denken. Ich schleppte mich gebeugt ins Wohnzimmer, platzierte mich wie der sterbende Schwan auf der Couch, bat den Römer um eine Schüssel (für Notfälle) und lag dort, als würde ich den Tod, bereits hinter dem Vorhang stehend, erahnen können. Alles war mir zu laut, zu hell und zu viel. Der Römer bot mir an, Pasta in Bianco zu kochen. Eine furchtbar liebe Geste, aber Nudeln in Öl und Parmesan ertränkt, waren das letzte, was mein Magen aufnehmen wollte. Denn generell wollte mein Magen gar nichts aufnehmen. Weder Wasser, noch Zwieback, noch Salzstangen. Er wollte sich primär erst einmal beruhigen. Das erklärte ich dem Römer, der meinte, ich solle einfach in kleinen Schlucken trinken und in kleinen Bissen essen. Ich würgte bei dem Gedanken, musste aber nicht spucken. Dennoch: Ich blieb bei der Null-Diät.

Als Signorino ins Bett ging, zwang der Römer mich wenigstens ein Nanogramm eines Zwiebacks zu essen. Ich knabberte daran wie ein traumatisiertes Kaninchen. Nach 1,5 Stunden hatte ich ein Viertel des Zwiebacks weggeknabbert und legte ihn zur Seite. Kraftlos schleppte ich mich ins Bett. Es wird schon werden, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Um 01:30 Uhr wachte ich auf. Ich ging ins Wohnzimmer. Mein Gang war immer noch gebeugt, aber etwas agiler als noch vor einigen Stunden. Mein Magen knurrte. „Komm mir jetzt bloß nicht so.“, feixte ich mein labiles Verdauungsorgan an. Ich knabberte an einem Zwieback. Draußen tobte ein Sturm. Dann trank ich in kleinen Schlucken Wasser. Er blieb drin. Nach einer Stunde ging ich zurück ins Bett. Mein Körper tat mir vom Kopf bis zum Rücken immer noch sehr weg.

Um 07:30 Uhr meldete sich der römische Wecker. Ich machte Tee, Kaffee für den Römer und bereitete ein Marmeladenbrot für Signorino vor. Dann weckten wir das Kind. Wie immer war Signorino „not amused“. Er frühstückte, wir zogen ihn an, die männlichen Farnientes verließen das Haus und dann geschah etwas, dass mir seit zwei Jahren nicht mehr passiert ist. Ich legte mich ins Bett und schlief einfach so ein. An einem Montagvormittag. Es ist nicht so, als hätte ich nie die Gelegenheit gehabt, dies auszuprobieren. Doch normalerweise lag ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett und konnte doch nicht wieder einschlafen, aber diesmal nickte ich einfach weg.

Um 12:30 Uhr erwachte ich wieder. Es fühlte sich surreal an, so spät aufzustehen. Ich war fit. Nicht topfit, aber fit. Der Römer brachte gegen 16:00 Uhr den Nachwuchs nach Hause und ich aß eine Haferflockensuppe.

Natürlich war ich noch auf Schonkost. Man will ja nicht gleich übertreiben. Abends bot mir der Römer ein Stück Seelachsfilet zu meinen trockenen Reis an. Ich winkte unter größter, akut auftretender Übelkeit ab. Aber ein Fischfilet sei doch etwas exquisites, versuchte er mir den ollen Fisch schmackhaft zu machen. Es muss wohl in der Familie liegen, dass man Personen, die gerade eine Magendarm-Grippe überstehen, gerne einen Fisch vorsetzt. Zuletzt tat das nämlich der römische Schwager am Ohrid-See, als sich mein Mageninhalt in den weiten der albanischen Steppe ergoss und er ein vorzügliches Fischrestaurant im Hinterland anfuhr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Römer unterbrach meine Gedanken an das Fischrestaurant am Ohrid-See. „Ich bin nur froh, dass ich diesmal verschont geblieben bin von eurer Magen-Darm-Grippe.“, stellte er, seinen Fisch kauend, fest. Er sollte sich arg täuschen….

[Fortsetzung folgt]

“Hallo zusammen!”

Dienstagmorgen an der S-Bahn Station. Signorino und ich warten darauf, ins Zentrum der Stadt transportiert zu werden. Es regnet und ist ungemütlich kalt. Das Kind erzählt ohne Unterlass. Ich verstehe nur Wortfetzen wie “Seilbahn” (er meint die S-Bahn) und “nass” (er meint den Regen).

Der rote Zug unseres Verkehrsbundes fährt ein. Darin sitzen überwiegend Menschen mit schwarzen Jacken und grauen Gesichtern. Man merkt deutlich, dass einige Arbeitgeber beschlossen haben, dass Homeoffice nicht nur keine Pflicht mehr darstellt, sondern auch keine Option mehr ist. Die Laune ist dementsprechend.

Signorino und ich steigen in die S-Bahn ein. Unser kleiner, blonder Zweijähriger mit blauer Winterjacke und grauer Trainingshose, blickt sich um und spricht inbrünstig mit fester Stimme, laut und deutlich:

“Hallo zusammen!”

Die Leute blicken sich nach dem Besitzer der hellen Kinderstimme um, lachen und lächeln, das Grau verschwindet von ihren Gesichtern.

Was ein einfacher Gruß an einem grauen Dienstag ausmachen kann. Probieren Sie’s doch mal aus und folgen Sie Signorinos Beispiel! 😉

So sähe ein deutlich entspannterer Morgen aus. Lauwarme Marzipancroissants beim Frühstück mit meinem besten Freund, dem Einen.

Mam(m)a Mia

Mam(m)a Mia

Zweisprachige Kinder haben’s nicht leicht. Mama sagt so und Papa sagt anders und da soll einer schlau daraus werden?

Aber sehen Sie selbst, wie schwer es Signorino mit uns als Eltern hat.

Ich: Signorino, wie heißt du?

Signorino: Farniente!

Signorino nennt wie immer nur seinen Nachnamen. Seinen Vornamen nennt er grundsätzlich nicht, obwohl wir ihn unzählige Male mit ihm geübt haben. Er bevorzugt dennoch beim ‚Sie‘ zu bleiben. Vermutlich dürfen ihn nur seine engsten Kindergartenfreunde duzen.

Ich: Signorino, und wie heißt die Mama?

Signorino: Mia!

Ich (irritiert): Nein, Schatz, ich heiße nicht Mia. Ich heiße Eva. Wie kommst du denn auf Mia?

Signorino wiederholt stoisch den Namen Mia und lässt sich nicht davon abbringen. Die Tage vergehen. Das Rätsel kann nicht gelöst werden.

Bis…

…dem Römer eine Schüssel in der Küche herunterfällt und in tausend Teile zerspringt. Der Mann ruft aufgebracht: „Mamma mia! Mancava solo questo! [Mamma mia! Nur das fehlte mir noch.]“ Signorino und ich sind im Wohnzimmer. Der kleine Kerl fixiert mich, lacht, ruft „Mamma mia“ und zerrt mich in die Küche.

Ist doch logisch. Wenn Papa „Mamma mia!“ ruft, dann braucht er die Hilfe von „Mama Mia“.

Rom – mit Blick auf das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II oder: Mamma mia! Was für eine Aussicht.