Die Treuekarte war’s

Hätte ich wachsamer sein sollen? Wäre es dann vermeidbar gewesen? War es vielleicht d o c h mein Kommentar letztens, der den schlussendlichen Impuls gab? Oder habe ich die Zeichen der letzten Monate und Wochen falsch gedeutet oder sogar ignoriert?

Wahrscheinlich letzteres. Jetzt, wo der Römer es mir klipp und klar ins Gesicht gesagt hat, wird mir einiges klar.

Er sprach’s an einem Mittwoch – einfach so am Frühstückstisch – aus. Irgendwo zwischen Marmeladenbrot und caffé , zwischen La Repubblica und balkanweb nuschelte er eine doch so bedeutsame Information in seinen Tablet-Computer: „Ich habe nächste Woche einen Termin beim Einbürgerungsamt. Ich werde Deutscher.“ gefolgt von einem betroffenen „Oh nein, in Tirana ist ein 30jähriger beim Versuch die Straße zu überqueren schwer verletzt worden.“

„Bitte was?!“ fragte ich völlig perplex nach und senkte abrupt die Tasse, aus der ich gerade trinken wollte.

„Ein 30jähriger ist in Tirana zusammengefahren worden und ins Krankenhaus gebracht worden. Poveraccio! [Armer Kerl!]“ wiederholte er abwesend und biss in einen halbmondförmigen Keks.

„Nein! Nicht das. Das ist unwichtig. Also, nicht für ihn. Tragisch – irgendwie. Aber was hast du davor gesagt?“ wollte ich nervös wissen – und meine Sätze ließen keinen logischen Aufbau mehr erkennen.

„Ach so, ich werde Deutscher. Du musst mir nur noch etwas unterschreiben und ich brauch deinen Ausweis nächsten Mittwoch für ein bis zwei Stunden.“ bemerkte er wieder nebenbei, so als ob er das jede Woche machen würde und es keiner weiteren Erklärung bedarf. Dann setzte er fort „Ah, Lazio ha vinto 3-1 contra il Borussia Dortmund. Bravi!“ [Ah, Lazio hat gegen Borussia Dortmund 3 zu 1 gewonnen! Gut gemacht!]

„Maaaaan! Kannst du mal bitte dein Tablet zur Seite legen und ordentlich mit mir reden.“ fauchte ich, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ mich gegen die Rückenlehne des Stuhls sinken.

„Si, amore mio. Dimmi! [Ja, mein Schatz. Sag’s mir!] lächelte er mich an und legte das Tablet demonstrativ zur Seite.

„Du willst also Deutscher werden?“ Meine Stimme überschlug sich fast. „Nachdem du dich mit Händen und Füßen jahrzehntelang gewährt hast Italiener zu werden und jedes Mal etwas von Verrat am Vaterland murmeltest, wirst du jetzt Deutscher? Du hast in keinem Land so viele Jahre – ach was – Jahrzehnte gelebt wie in Italien. Aber klar, die logische Schlussfolgerung ist natürlich, Deutscher zu werden. Und noch dazu erwähnt man das zwischen Toast und Kaffee ganz nebenbei als würde es um den Termin des Heizungsablesers gehen.“ fasste ich zusammen.

„Si, esatto! [Ja, genau] Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ma questa volta non ho una scelta. [Aber dieses Mal habe ich keine Wahl]. È per il bene della mia famiglia. [Es ist zum Wohl meiner Familie]. Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.“ erklärte er ernst und mit fester Stimme. „Aha.“ antwortete ich knapp. „Ma non vuoi sapere perché? [Aber willst du nicht wissen warum?] hakte er nach. „Du wirst es mir schon erzählen, wenn du dich bereit dazu fühlst.“ gab ich betont lässig zurück und platzte fast vor Neugier. Den Gefallen wollte ich ihm nicht tun, dass sich mal wieder seine Annahme „la curiosità è donna“ [Die Neugier ist weiblich] bestätigte. „Allora, ti dico perché.“ [Also, ich sag’ dir warum] fing er hochtragend an. „Signorino und du seid beide Deutsche. Wir leben in Deutschland, zahlen Steuern, arbeiten und überhaupt – mein Sohn ist hier geboren. Da sehe ich es als meine absolute Pflicht auch mitzubestimmen, in welchem Deutschland mein Sohn groß wird. Ich möchte wählen – für die Zukunft meines Sohnes.“

„Oh bitte nicht!“ entfuhr es mir plötzlich. Der Römer blitzte mich an. „Entschuldige, aber jemand, der die AfD wählen wollte, weil er dachte, dass die Partei „AntiFascista Deutschland“ [Antifaschist Deutschland] heißt, sollte besser nicht wählen. Oder, lass es mich anders ausdrücken: Bevor die Wahlen sind, werde ich dir eine Liste von möglichen, NORMALEN Parteien zusammenstellen – inklusive ihrem Wahlprogramm!“ Der politisch sehr interessierte Römer sprang sofort darauf an: „Era UNA VOLTA! UNA VOLTA! [Das war EIN MAL! EIN MAL!] Und ich habe erst seit kurzem in Deutschland gelebt und sprach kein Wort Deutsch. Natürlich wähle ich so eine dämliche Partei nicht! Non sono matto! [Ich bin doch nicht verrückt]“ Er strich sich eine im Affekt wildgewordene, dunkle Locke aus der Stirn, die während seiner Brandrede aufbegehrte. „Außerdem möchte ich nicht allein im Ausland festsitzen, wenn alle Deutschen evakuiert werden, nur weil ihr die richtige „Mitgliedskarte“ habt. Du glaubt doch wohl nicht, dass mich Edi Rama [der Ministerpräsident Albaniens] in Madagaskar rettet.“

„Auf…. auf Madagaskar. Es ist eine Insel.“ gab ich besserwisserisch preis und wusste, dass ich ihn damit jedes Mal wieder auf die Palme brachte. „Aber gut, ich verstehe deinen Gedankengang. Noch eine letzte Frage: Hast du es dir wirklich gut überlegt?“ Er guckte mich mit festem Blick an und sagte nur „Si!“ – mehr nicht.

Später am Nachmittag, ich ging mit Signorino spazieren, fragte ich mich, wann dieser, sein, Gedanke anfing. Jahrzehntelang lebte er in Rom, doch wollte weder mitbestimmen, noch wählen. Es wäre ein leichtes gewesen, Italiener zu werden, doch er fand es nicht lohnenswert. Ich grübelte bei frischer, kalter Luft am Main.

„Die Treuekarte war’s!“ schoss es mir durch den Kopf. „Damit fing alles an. Aber na klar doch! Ich bestand 2016 darauf, dass er diese dämliche Treuekarte überall benutzt. Zwei Jahre dauerte es bis er es verinnerlicht hat. Nun benutzt er Coupons für 6fach Punkte, erinnert mich an der Tankstelle daran, meine Bonuskarte unbedingt abscannen zu lassen und löst die Punkte für rostfreie Kartoffelstampfer und Joggingstirnlampen ein.“ Ich seufzte und Signorino machte sich bemerkbar, dass er gerne etwas trinken würde. An einer Parkbank machten wir Rast und ich gab ihm seine Flasche. Zwei Nordic Walker (nicht Hubsi und Schnupsi) stöckelten vorbei. „Die Kehrtwende wäre vielleicht noch möglich gewesen, als er die Joggingstirnlampe bestellt hatte. Aber ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wer -in ganz Rom, ach was Italien – hat bitte eine Joggingstirnlampe? Da hätte mir doch (im wahrsten Sinne des Wortes) ein Licht aufgehen müssen. Mittlerweile findet er Outdoor Kleidung „praktisch“. Praktisch – das Wort gibt es in Italien überhaupt nicht im Zusammenhang mit Mode und Ästhetik! Letztens hatte er sogar eine Outdoor Jacke in der Hand – mit dem berühmten Tatzenmuster. Früher machte er sich noch lustig darüber….“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

In der Zwischenzeit gab mir Signorino zu verstehen, dass er nicht mehr durstig war. Gleichzeitig verlangte er aber nach einer Maiswaffel. Geduldig gab ich sie ihm in sein Patschehändchen. Er quiekte vor Freude.

„Was kommt als nächstes? Reist er in Trekkinghosen mit abnehmbaren Beinen nach Rom? Hat er dann dazu passende Wander-Sandalen an? Er, der feine Römer! Muss er diese Auflage vielleicht sogar unterschreiben, wenn er den deutschen Pass haben will?“ Ich stellte mir den Römer im hellblauen Maßhemd, beiger Cargohose und Sandalen mit Tennissocken vor und musste dabei laut lachen. Signorino lachte mit. Kichernd reichte ich ihm die nächste Waffel. „Dein Papa wird Deutscher.“ sagte ich und Signorino lachte laut auf. „Ja, ich kann es auch nicht glauben. Aber klar, die Anzeichen waren da. Wie war das noch, im August, als wir in Rom waren und es ihm an der Supermarkt Kasse nicht schnell genug ging? Das sonst so von ihm geschätzte Geplauder zwischen Kassierer und Kunden ging ihm auf die Nerven – obwohl er im Urlaub war. Was sagte er noch gleich? Die sollen nicht soviel plaudern, die sollen arbeiten. Wahrscheinlich wollte ich diese Anzeichen einfach nicht sehen.“ Signorino nieste und ein Stück Waffel flog durch die Luft. Ich hob es auf und mir kam ein neuer Gedanke: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, sagte er letztens. Ich wurde etwas stutzig und fragte nur, wo er das denn aufgeschnappt hat. In der Arbeit, war seine knappe Antwort. Wahrscheinlich war es ein Prozess wie er langsam aber sicher radikalisiert wurde. Dolce Vita gegen Deutsche Vita. Oder wie er sich letztens lautstark an der Kasse des hiesigen Sportgeschäfts beschwerte, weil der junge Mann vor ihm nicht rechtzeitig den Geldbeutel und die Treuekarte bereit hielt. Er wartete bis er dazu aufgefordert wurde und suchte dann in aller Seelenruhe in seinem Portmonee nach beiden Karten, fand aber nur die Bonuskarte und wollte dann wiederum mit Bargeld bezahlen, was dann zu weiteren Verzögerungen führte, weil die Kassiererin den Kauf erst abbrechen musste. Das weiß ich doch vorher, wann ich an der Reihe bin. Wenn noch mindestens zwei Kunden vor mir sind, lege ich mir bereits die gleich benötigten Karten zurecht. Der Typ ist sicher auch jedes Jahr von Weihnachten überrascht, pöbelte er und ich wurde etwas rot, weil er es auf Deutsch sagte.“

Signorino hatte fertig geknuspert und wir setzten unseren Spaziergang fort. „Generell Deutsch. Jedes zweite Wort ist Deutsch. Letzte Woche nach seinen Patienten gefragt, antwortete er, dass er sia einfache Patienten sia schwierige Patienten [sowohl einfache Patienten als auch schwierige Patienten] hatte. Vorgestern bereitete er Signorino mit den Worten „Ab ins Bett!“ vor. Auf Deutsch! Total verrückt. Als wir uns über sein Heimatland Albanien unterhielten beschwerte er sich, dass die Bevölkerung nicht effizient genug sei. Ständig sitzen sie im Café und brauchen drei Stunden für einen Espresso. Die sollen gefälligst arbeiten!“

Als wir 20 Minuten später daheim ankamen, duftete es nach würziger Tomatensoße. Fedez sang irgendeines seiner Lieder im italienischen Radio und der Römer brüllte auf albanisch ins Telefon. Die Küche sah aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Dort hing auch sein frisch gewaschenes, hellblaues Maßhemd auf einem Kleiderbügel am Vorratsschrank. Ein Tomatensoßen Spritzer machte es sich bereits darauf gemütlich. Ich tippte dem Römer auf die Schulter und zeigte ihm das Malheur. Er riss dich Augen weit auf – entschuldigte sich am Telefon und legte hastig auf. „Oh dio mio! No! Non è vero! Madre mia!!!! È un incubo! Porca miseria!“ [Oh mein Gott! Nein! Das ist nicht wahr! Madre mia!!!! Das ist ein Albtraum! Heilige Sch**ße!] Er gestikulierte wild.

Ich machte mich daran unter lauten, panischen Rufen des Römers den Fleck zu bearbeiten. Er war verzweifelt und brachte das so herrlich italienisch auf den Punkt.

Nach 10 Minuten und einem halben Liter Gallseife war der Fleck weg. Und ich atmete erleichtert auf. Nicht etwa, weil der Fleck verschwunden war, sondern weil ER wieder da war: Mein Römer! Die Gefahr ihn bald in Trekkinghosen, Karohemd und Sandalen zu sehen, schätze ich mittlerweile als gering ein. Denn – egal mit welcher Staatsbürgerschaft – manche Dinge ändern sich eben nie.

[Er lässt ausrichten, dass es gar nicht so dramatisch sei, denn schließlich sei Signorino ja Albaner. „Ein Albaner in der Familie reicht um als ordentliche, albanische Familie zu gelten.“ Na dann, shume urime! [herzlichen Glückwunsch!]]

Endlich (oder auch nicht)

Ich bin Ihnen etwas schuldig. Und zwar eine Erklärung!

„Ach, Eva (oder, wenn Sie die förmliche Anrede bevorzugen: Ach, Sig.ra Farniente), Sie sind mir doch nichts schuldig.“ werden Sie lächelnd abwinken.

Doch, doch, darauf bestehe ich.

Letzte Woche, es war ein Montag oder Dienstag, Signorino schlief gerade, lagen der Römer und ich auf der Couch. Er links, ich rechts und wir starrten an die Decke. „Urlaub wäre schön.“ sprach ich in die Stille und der Römer seufzte. „Si, si. Ma abbiamo solo una settimana a settembre. E dobbiamo andare a vedere i miei.“ [Ja, ja. Aber wir haben nur eine Woche im September. Und wir müssen zu meinen Eltern fahren.] antwortete er müde.

Wir seufzten gleichzeitig.

„Wie viel Zeit brauchst du eigentlich für dein neues Ph.D. Projekt?“ fragte ich nun um das Thema zu wechseln. „Tre, quattro mesi.“ [3, 4 Monate] antwortete er und versuchte die Verzweiflung wegzugrinsen.* „Aber ich habe nur 6 Wochen bis Abgabeschluss. Es wird sehr knapp mit dem Projekt.“

Draußen prasselten Regentropfen gegen die Scheibe. Es war trist, es war grau und es war stürmisch.

„Unbezahlter Urlaub wäre schön.“ seufzte ich wieder. „Hm….“ stimmte der Römer in die Monotonie ein.

Plötzlich kam Bewegung in die Szenerie. Der Römer setzte sich ruckartig auf. „Ma perché no?“ [Aber warum nicht?] fragte er nun voller Energie. Ich runzelte die Stirn. „Ist es jetzt nicht viel zu spät um für August nach unbezahltem Urlaub zu fragen?“ erwiderte ich etwas überrannt. „Ma era idea tua! [Aber das war deine Idee!] Und, das muss ich diesmal ausnahmsweise sagen, es war eine fantastische Idee.“ strahlte er.

Ich dachte nach. „Aber es ist alles so kompliziert… und sicher werden sie dir keinen Urlaub geben UND….“ ich wollte gerade noch andere Gründe finden, warum es nicht klappen kann, da unterbrach mich der Römer: „Das Neun hast du doch eh schon, wenn du nicht fragst. Aber es kann ein Ja werden, wenn du den Mut hast zu fragen.“ versuchte er mich zu bekehren. „Den Satz hast du von mir!“ wandte ich ein. „Io lo provo! [Ich versuch’s!] Und wenn sie nein sagen, dann ist’s auch okay.“ verkündete er während er auf seine Armbanduhr guckte. „Oh, mi devo sbrigare. [Oh, ich muss mich beeilen.] Gleich fängt der Spätdienst an.“ sprach’s und packte hastig seine Tasche.

Als er von der Arbeit zurückkehrte, wirkte er sehr niedergeschlagen. Die Antwort auf die Frage nach unbezahltem Urlaub beantworteten seine hängenden Mundwinkel. Ein klares Nein für unseren Urlaub, der einen Monat dauern sollte. „Na ja, wir haben’s versucht.“

Gedanklich legten wir das Thema ad acta.

Bis heute.

„Christel [des Römers Chefin] bat mich nach der Arbeit auf sie zu warten. Sie müsse mir etwas zu meinem Urlaub sagen.“ schrieb der Römer um 13 Uhr.

Ich verdrehte die Augen, denn ich hatte Hunger und wollte noch länger auf ihn (und das gemeinsame Mittagessen) warten. „Welcher Urlaub? Den Vorschlag wegen des unbezahlten Urlaubs hat sie bereits abgeschmettert. Da bleibt nur die Woche im September. Sag mir bitte nicht, dass sie dir die Woche auch noch nehmen will?“ tippte ich genervt. Mein Hunger wirkte wie ein zusätzlicher Katalysator meiner – eh schon angespannten – Gefühle.

Doch der Römer antwortete nicht mehr. Frustriert biss ich in einen Schokoriegel und kaute ärgerlich darauf herum.

Nach 45 Minuten sah ich einen beschwingten Römer die Straße entlang spazieren. Fröhlich schwang er seine Milchkaffee braune Arbeitstasche hin und her. Ich wunderte mich.

„Okay! Tutto confermato.“ [Okay! Alles bestätigt.] jauchzte der Römer vor Glück und wirbelte den eben noch auf dem Boden spielenden Signorino im Kreis umher, der dann auch anfing vor Freude zu jauchzen. „Dein Urlaub im September war doch schon bestätigt?!“ hakte ich bei dem unorganisierten Römer nach. „Ja!! 5 Wochen!“ gab er freudestrahlend zurück. Ich war verwirrt. „Ne, ne. Eine Woche war das doch?“ vergewisserte ich mich irritiert. „Ma no! Allora, si! Ma no!“ [Aber nein! Also, ja! Aber nein!] strahlte mich der Römer an.

Ich hob beide Augenbrauen und verstand nichts. Doch diesmal war es definitiv kein sprachliches Missverständnis, das hier vorlag.

Der Römer bemerkte meine verhaltene Reaktion und rollte die Geschichte freundlicherweise noch einmal von vorne aus: „Wir wollten doch unbezahlten Urlaub?“ fing er an. „Dieser wurde uns aber nicht gewährt, weil meine Bitte so kurzfristig kam. Aber weißt du, was Christel heute gesagt hat: „Alles klar,“ sagte sie, „Römer, viel Spaß! Du hast 5 Wochen Urlaub – ab Mitte August! Ich hab nochmal mit Walter [dem anderen Chef] geredet und Walter ist d’accordo. Wir wollen, dass du dein Ph.D. Projekt ordentlich vorbereitest. Also: Ciao Kakao! Viel Spaß im Urlaub.“

Mir stand der Mund offen. „Wirklich?“ fragte ich irritiert. „Maaaa si! Cinque settimane per noi – e il progetto del Ph.D..“ [Aber ja! Fünf Wochen für uns – und das Ph.D. Projekt]

Ich schüttelte nun völlig fassungslos den Kopf. Als ich die Information langsam verstand, fuhr mein Kopf Achterbahn. Soviel war noch zu organisieren! „Ach du liebe Zeit. Wir brauchen einen neuen Kindersitz, eine Hülle, Flüge, Unterkünfte, vielleicht sogar einen Mietwagen?“ plapperte ich hektisch darauf los. „Senti, una volta nella tua vita…lo possiamo fare a modo mio?“ [Hör mal, einmal in deinem Leben… können wir das auf meine Art machen?] fragte er zögerlich an. Doch ich war schon ins Schlafzimmer gerannt und durchforstete Signorinos Kommode. „UV Anzug!“ delegierte ich. „Schreib auch gleich Sonnenschutz 50+ auf – der ist in Albanien** so teuer!“ leitete ich ihn an. „Ma chi dice che andiamo in Albania?***“ [Aber wer sagt, dass wir nach Albanien reisen?] fragte der Römer erheitert. „Wohin denn sonst? Im August sind wir immer in Albanien. Außerdem haben deine Eltern Signorino noch gar nicht kennengelernt. Danach können wir gerne woanders hin. Aber der erste Stop ist Albanien. Dein Ph.D. Projekt lässt sich doch viel erfolgreicher dort vorbereiten.“ quasselte ich fröhlich darauf los. Signorino quieckte erheitert. „Na, wenn selbst Signorino der Meinung ist. Aber sei bitte nicht genervt, wenn wir dort sind.“ bat der Römer.

„Aber natürlich bin ich genervt, wenn wir dort sind. Einfach weil nichts funktioniert, es laut und stickig ist. Dazu ist Pünktlichkeit ein Fremdwort. Absolut nichts läuft in geregelten Bahnen. Doch gleichzeitig bin ich gerne mit deiner verrückten Verwandschaft unterwegs. Ich lasse mich gerne von deiner Mama auf albanisch bequasseln, minütlich umarmen und mich mit „zemra ime“ anschmachten. Mir fehlen die losen Abmachungen, die Zeit und Ort betreffen. Das überrascht wirkende „Es war komischerweise Stau während der Hauptverkehrszeit, deswegen sind wir 40 Minuten zu spät.“ deiner Brüder geht mir ebenso ab, wie das völlig gelassene „s’ka problem“ [kein Problem] bei jedem vollwertigen Weltuntergang. Dazu der Kaffee, die holprigen, nicht geteerten Straßen Kamez‘, die Granatapfelbäume, die gemächlich im Wind wiegen. All das fehlt mir.“ erklärte ich ausschweifend.

„Allora, va bene.“ nickte der Römer zufrieden und hing mit einem Ohr bereits am Telefon um seiner Verwandschaft Bescheid zu geben, dass der lang ersehnte Enkel Signorino im August das gelobte Land betritt. „Endlich.“ werden sie jauchzen und sich seufzend in den Armen liegen.

„Endlich.“ murmelte ich zufrieden und strich beschwingt über meinen vereinsamten Handgepäckskoffer.

*Der Römer arbeitete seit 8 Monaten an seinem Projekt. Leider hat die Universität nach 10 Jahren beschlossen, die ausgeschriebenen Messgeräte durch andere zu ersetzen. Das wiederum stürzt den Römer in eine mittelschwere Krise, da er nun ein neues Thema braucht – und der Bewerbungsschluss Ende August ist.

**So einfach wie gedacht gestaltet sich eine Reise in ein Drittland wie Albanien leider nicht. Die aktuellen Gesetze besagen, dass man nach der Rückkehr aus einem Drittland 14 Tage in Quarantäne muss. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein nachweisbarer, negativer PCR Test, der bei Einreise nicht älter als 48h ist und aus einem anerkannten Land (Liste: klick) kommt. Alternativ kann der Test nach Einreise am Ort des Grenzübertritts (z.B. das Centogene Testcenter am Frankfurter Flughafen) oder am Ort der Unterbringung erfolgen. Das Testergebnis muss – unabhängig davon, ob die Testung vor oder nach Einreise erfolgte – für mindestens 14 Tage nach Einreise aufbewahrt werde. Es muss dem Gesundheitsamt auf Verlangen vorgelegt werden. (Quelle: Auswärtiges Amt)

***Da wir nicht aus touristischen Zwecken reisen, werden wir die Lage selbstverständlich (auch aufgrund der steigenden Covid-19 Zahlen) beobachten und nicht unbedacht nach Albanien reisen. Wir befinden uns bis zum Reisezeitpunkt in der Feinabstimmung mit der Familie, die darauf besteht, dass wir nicht reisen, sollten die Zahlen sich noch weiter erhöhen.

Albanien: Mal was Sinnvolles!

Wie oft geben der Römer und ich 250€ für Quatsch aus (Quatsch, der sich summiert wie Salatschleudern, die verstauben, Wassersprudler, die die Dame des Hauses unbedingt braucht, etc…).

Warum also nicht einmal 250€ für was sinnvolles ausgeben und Menschen in Not helfen? Von 250€ kann eine albanische Familie einen Monat lang mit Lebensmitteln versorgt werden.

Ein bekannter, albanischer Imam, Elvis Naçi, der sich seit jeher für Wohltätigkeitszwecke einsetzt, sammelt hier:

https://www.gofundme.com/f/elvisnaci?utm_source=customer&utm_medium=copy_link&utm_campaign=p_cp+share-sheet

Das Geld versiegt nicht einfach so, sondern kommt da an, wo es gebraucht wird. Im letzten Jahr hat er beispielsweise ein Krankenhaus gebaut.

Dies ist keine Werbung, kein Betteln um Spenden und keine Aufforderung. Wer möchte, der darf. Und wer nicht möchte, der muss nicht. Ich wollte nur auf ein seriöses Projekt aufmerksam machen, bei dem sich keiner bereichern will.

In diesem Sinne: Fühlt euch alle gedrückt! ❤️

Erdbeben in Albanien

Eigentlich wollte ich heute das gestrige Macho-Gespräch des Römers veröffentlichen. Doch dann kam das heftige Erdbeben in Albanien mit unzähligen Toten und Verletzten.

Und mit dem Erdbeben kam eine Frage bei mir hoch: Warum liest man dazu nichts in unseren deutschen Zeitungen, aber in sämtlichen griechischen, italienischen, englischen und US-amerikanischen Zeitungen kann man davon lesen? Die Krankenhäuser sind voll, ein Großteil der Hafenstadt Durazzo (Durres) ist unbewohnbar.

Wäre die gleiche Sache in Griechenland passiert, hätte es einen riesen Aufschrei gegeben. Hilfe wäre geschickt worden. Aber in Albanien? Nichts. Der deutsche Staat schweigt. Die Zeitungen ebenso.

Italien reagierte sofort und schickte das technische Hilfswerk nach Albanien. Der Kosovo mobilisierte sofort seine Bundeswehr um zu helfen. Auch Griechenland schickte sofort Helfer nach Albanien.

Und hier liest man nicht einmal etwas von diesem Erdbeben. Irgendwie erschreckend.

P.S.: Allen Familienmitgliedern geht es gut. Es gab nur ein paar Risse in den Häusern, aber das Epizentrum war zu weit weg. Die Mutter einer albanischen Freundin, die in Durres wohnt, musste die ganze Nacht draußen schlafen. Es sieht aus wie im Krieg, sagte sie. Ihr Haus blieb dennoch unversehrt. Das kann man von den Häusern der Nachbarn nicht sagen. Die meisten sind zerstört.

Elda in Mailand

[Alle vorherigen Teile sind hier zu finden: Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4]

Für Besnik gab es kein Zurück mehr. Er erlaubte Elda schweren Herzens in Mailand zu studieren. Wäre da nicht vor Jahren dieses blöde Versprechen an sich selbst gewesen, dass er alles tut, damit seine Tochter die bestmögliche Ausbildung bekommt. Manchmal möchte er den jungen, naiven Besnik für diese dämliche Aussage ohrfeigen. Doch jetzt war es zu spät dafür.

Flora, seine Frau, lief schon seit Tagen mit geschwollenen Augen durch das große Haus. Als Elda vor dem Studentenvisumsantrag saß und sie in ihrer mädchenhaften Schrift Druckbuchstabe um Druckbuchstabe einfügte, rissen bei Flora wieder alle Dämme. Schnell huschte sie in die Küche und schnitt Zwiebeln. Wenn sie eh schon weinte, dann sollten wenigstens ihre Kinder denken, es käme von den Zwiebeln. Dass sie dabei herzzerreißend schluchzte blieb ihren Kindern trotzdem nicht verborgen.

Elda wusste, dass ihr neuer Lebensabschnitt nicht nur Freude für die Familie bedeutete. Aber sie redete sich ein, dass es wie mit einem Pflaster ist: Lieber schnell und ruckartig „abziehen“ als langsam und schmerzhaft. Sie musste alles ausblenden um den Schritt in die große, weite Welt zu wagen. Anders ging es nicht.

Am nächsten Tag hatte sie einen Termin beim italienische Konsulat in Tirana. Bevor das Konsulat aufmachte, genoss sie noch eine Tasse Espresso im schräg gegenüberliegenden Sophie Café. Sie ließ sich in die braune, abgewetzte Ledercouch sinken und begutachtete das frühe Treiben Tiranas. „Faleminderit! [Danke]“ bedankte sie sich höflich bei der freundlichen Bedienung, die ungefähr in ihrem Alter war.

Sie dachte nach. Nein, so wollte sie nicht enden. Sie wollte mit ihrem Studium keine Kellnerin oder Barista werden. Und das scheint ohne die nötigen Kontakte oft der einzige Weg in Albanien zu sein. Sie wollte weg von Tirana und internationale Erfahrungen sammeln. Hier würde sie nur das gut behütete Mädchen bleiben, dass von allen unterschätzt wird.

Entschlossen trank sie den letzten Schluck ihres Espressos, kramte in ihrer Tasche und holte eine 100 Lek (0,81 Eur) Münze aus ihrem Portmonnaie. Als sie diese auf den Tisch legte um zu zahlen, fiel ihr die kleine, gerollte Botschaft auf, die zu jedem Getränk bei Sophie Café gereicht wird. Sie glaubte nicht an sowas. Aber was schadete es schon, diese Nachricht zu lesen? „Hapi krahet dhe fluturo zog i vogel! Bota eshte jotja! [Öffne deine Flügel und flieg, Vögelchen! Dir gehört die Welt].“ stand da. Sie lächelte und schob die Nachricht zu den Familienbildern in ihrem Geldbeutel. Kurz darauf überquerte sie die Straße und marschierte auf das italienische Konsulat zu. „Takim? [Termin?]“ fragte der Pförtner forsch. „Ja!“ antwortete sie und reichte ihm ihren Reisepass. „Va bene! Entri, signora! [In Ordnung! Treten Sie ein!]“ sagte der Pförtner.

In der herrschaftlichen Villa im mediterranen Stil ging alles ganz schnell. Unterlagen wurden geprüft, es wurde gestempelt, ihr Pass wurde mit einer Lupe auf die Echtheit überprüft und der Beamte sagte mit seiner tiefen, sonoren Stimme: „Va bene, signorina. Dura un giorno. Ci vediamo domani. Il visto d’ingresso per motivi di studio sará pronto domani mattina. [In Ordnung. Es dauert einen Tag. Wir sehen uns morgen. Das Einreisevisum für Studenten ist morgen Vormittag fertig]“

„Domani mattina…“ hallte es in ihrem Kopf nach. „Morgen Vormittag also. Das heißt, sie kann an der Einführungs- und Orientierungsphase in Mailand teilnehmen und das wiederum heißt…“ Sie musste kurz nachrechnen. „…sie würde wohl Ende der Woche nach Mailand fliegen. Wow!“ Plötzlich war ihr Traum so unglaublich nah. Beschwingt fuhr sie die wenigen Kilometer nach Hause.

Besnik fragte sie, wie es gelaufen sei. „Mire! [Gut!]“ war ihre knappe Antwort und sie grinste. „Shume mire [Sehr gut]!“ Sie erklärte, dass das Visum morgen fertig sei und sie demnach nicht die erste Phase an der Universität verpassen würde, wenn sie Freitag flöge. Besnik schluckte und nickte.

„Wo ist eigentlich Mama?“ fragte Elda. „Sie schneidet Zwiebeln.“ antwortete Besnik und versuchte ein Lächeln anzudeuten, dass ihm nur schwer gelang. „In letzter Zeit gibt es ziemlich viele Gerichte mit Zwiebeln, findest du nicht?“ fragte Elda. „Hm….“ stimmte Besnik gedankenversunken zu.

Am Abend tagte der Familienrat. Es gab – wie sollte es anders sein – französische Zwiebelsuppe. Anwesend waren Toni, Elda, ihre Eltern und Tonis Frau. „Okay, aufgepasst: Elda wird nach Mailand fliegen. Mama und ich können die Geschäfte hier nicht Ruhen lassen. Toni! Du wirst mit Elda mitfliegen und dich um alles kümmern. Dein Italienisch ist sehr gut und ich werde sie vorerst nicht allein in einer fremden Stadt lassen. Ich habe schon mit Afrim, meinem Studienfreund, telefoniert. Dort werdet ihr für’s erste wohnen bis Elda eine eigene Wohnung gefunden hat. Es wird nicht allzu lange dauern.“ erklärte Besnik. Alle nickten. „Die Tickets habe ich schon buchen lassen. Freitag um 14:30 Uhr fliegt ihr.“

Alle nickten. Flora verließ schniefend den Tisch um nach der Suppe zu sehen.

Die folgenden Tage war Elda damit beschäftigt, ihr Visum abzuholen, sich von ihren Freundinnen zu verabschieden, ihre Verwandten noch ein letztes Mal zu drücken und ihre Sachen zu packen. „Wie viele Koffer darf ich mitnehmen?“ fragte sie Besnik. Vor ihr waren drei große Koffer geöffnet und bereits gut gefüllt. „Einen.“ antwortete dieser knapp. „Einen?!?!?“ fragte sie schockiert. Ihr Vater nickte belustigt. „Tja, Kind. Im Ausland zu wohnen hat nicht nur Vorteile.“ gab er ihr lachend zurück. „Aber Papa!!“ wollte sie protestieren. „Schatz, da musst du jetzt durch.“ sagte er und verließ den Raum. Irgendwie schaffte sie es einen Koffer zu packen. Was keiner außer Toni wusste: Sein Koffer war nochmal zu 2/3 mit ihren Sachen belegt. Er würde nicht soviel brauchen für die wenigen Tage und wusste wie wichtig all die Kleidungsstücke für seine kleine Schwester waren.

Am Freitag ging die Reise los. Alles war aufregend. Die Tage vergingen wie im Flug und die beiden Geschwister suchten mit Afrims Hilfe händeringend eine kleine Wohnung für Elda. Erfolglos! Es war September und sie waren bei weitem nicht die einzigen, die nun eine bezahlbare Unterkunft suchten.

Nach einer Woche rief der verzweifelte Toni bei seinem Onkel, dem Römer, an. Er klagte von seiner Erfolglosigkeit. Der Römer musste lachen. „Was dachtet ihr denn? Dass ihr innerhalb von zwei Tagen eine Wohnung findet?“ belächelte er die beiden Geschwister. „Das kann Wochen oder Monate dauern.“ Toni räusperte sich. „Aber in Tirana…“ wollte er ansetzen. „Ja, in Tirana ticken die Uhren anders. Das hier ist Mailand.“ erklärte der Römer. „Aber wie gut, dass ihr mich habt. Ich werde mich bei ein paar Freunden erkundigen, ob jemand eine Wohnung für Elda hat.“

Der Römer kramte all seine Kontakte aus. War da nicht die Tante der Dottoressa der alten Praxis, die in Mailand vermietete? Und gab es nicht den Bruder seines Freundes Fabian, der dort seit Jahren wohnte?

Der Römer klapperte alle ab. Innerhalb von wenigen Stunden hatte er zwei heiße Tipps. Nicht ganz günstig, aber was ist schon günstig in Mailand?

Er überbrachte die frohe Botschaft direkt an Elda. Sie freute sich sichtlich. Man machte einen Besichtigungstermin aus und die zwei Geschwister schauten sich die beiden Wohnungen an. Eine lag vier Straßen von der Uni entfernt. Ein süßes, kleines Apartment in einem schönen Palazzo. Da wollte sie hin. Es war die Eigentumswohnung von Fabians Bruder.

Elda berichtete abends dem Römer von den Besichtigungen. „Die Wohnung ist einfach perfekt. Klein, aber dennoch zwei Zimmer, eine kleine Küche, voll ausgestattet. Der Preis – nicht ganz billig. Aber noch am oberen Limit. Nur die Mietbedingungen scheinen mir komisch.“ erzählte sie dem Römer. Dieser fragte nach dem Warum. „Na ja, ich sagte, ich will mindestens zwei Jahre bleiben. Aber in den langen Semesterferien brauche ich die Wohnung nicht. Ich fliege doch heim nach Albanien. Also würde ich die Wohnung bis Anfang Februar mieten und dann wieder ab Ende März bis einschließlich Juni und von Juni bis September bin ich wieder nicht da, das heißt ich brauche die Wohnung wieder ab September. Und so erklärte ich Endrit, dem Bruder von Fabian, das. Er hat mich ausgelacht, aber ich weiß nicht warum. Er sagte nur: Ruf den Römer an und lass dir das alles nochmal erklären.“ führte sie lang und breit aus. Der Römer wusste nicht, ob er lachen oder schimpfen soll. „Ach Elda, Elda, Elda! Du musst noch viel lernen. Eine Wohnung kann man nicht nach Bedarf mieten. Du kannst einen Untermieter suchen, aber du kannst nicht monatsweise mieten. Das macht kein Vermieter mit.“ erklärte er geduldig. „Wenn du meinen Ratschlag willst: Unterschreib den Vertrag! Endrit ist ein guter Kerl und versucht dich nicht übers Ohr zu hauen“ versuchte er ihr zu helfen.

Sie seufzte. „Das ist hier alles viel komplizierter als ich dachte. So allein. Im Ausland. Aufregend – klar. Aber kompliziert.“ gab sie kleinlaut zurück.

„Ja und es werden noch viele, viele Dinge folgen. Hör auf deinen Onkel! Aber dennoch wird es eine wunderbare Zeit. Hab Vertrauen!“ ermutigte der Römer sie.

„Irgendwie kann ich’s kaum erwarten!“ gab sie aufgeregt zurück. „Ich – allein in Mailand. Wow!“

Fine – Fund – Ende

Elda geht nach Mailand

[Teil 1 ist hier zu finden] [Teil 2 ist hier zu finden] [Teil 3 ist hier zu finden]

„Absage, Absage, Absage!!! Maaaan! Sehen die nicht, dass ich eine der besten Studentinnen in ganz Albanien bin?“ wütet Elda. „Sind die denn wirklich alle so doof? Ich habe überall Top-Noten! Nur weil ich nicht aus den USA komme, sondern aus so einem blöden, kleinen, unwichtigen Land wie Albanien.“ ätzte sie weiter. Sie knallte die Unterlagen auf den Tisch, seufzte und lies sich mit verschränkten Armen auf den Stuhl am großen Esstisch plumpsen.

„Aber, aber, aber! Deine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen! Wir sind ein stolzes Volk. Behandel dein Land mit Respekt und sei stolz darauf, was du bist und woher du kommst.“ mahnte sie Besnik. Doch er goß nur noch mehr Öl ins Feier mit seinen Worten.

„Ja, was denn? Nur weil wir Albaner sind, nehmen die mich nicht. Was soll denn sonst der Grund sein?“ fragte Elda aufgebracht und nun den Tränen nahe.

„Ich weiß es nicht. Es gibt viele Bewerber aus vielen Ländern. Und die Top-Unis warten nun mal nicht auf dich, mein Kind. “ setzte Besnik erneut an um sie zu bechwichtigen.

Es half nur wenig. Tagelang lief Elda mit einem unsichtbaren, schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht herum. Ihre Laune war nicht mies, sie war auf einem Punkt, den man nur selten im Leben erreicht. Ihre Stimmung war vergleichbar mit dem Marianengraben -abgrundtief und keiner weiß, was da unten alles lauerte.

Mehrere Tage gingen ins Land. Es hagelte Absagen. Frankfurt sagte ab. Zürich sagte ab. Genf sagte ab. Rom meldete sich gar nicht. Elda war verzweifelt. Sie sah sich auch im nächsten Jahr wieder an der Supermarktkasse – mit ihrem Bachelor-Abschluss. „Dann hätte ich mir auch einfach das Studium sparen können.“ seufzte sie als sie mit dem Römer telefonierte. „Ich ende als Top-Studentin an der Supermarktkasse. Na, danke auch. Dann kann ich doch gleich den Sohn meines Nachbarn heiraten und ihm drei Kinder schenken. Wozu brauche ich Bildung? Wozu bitte?“ Sie klang verzweifelt und ihre Stimme war belegt. Mehrmals schniefte sie.

„Du wirst sehen, irgendwoher kommt ein Lichtblick. Keine Sorge.“ erwiderte der Römer.

Und er sollte Recht behalten.

Zwei Tage später kam ein Lichtblick. Ein Lichtblick aus Italien. Università di Milano – Lehrstuhl für economia [Wirtschaft]. Sie teilten Elda mit, dass sie angenommen wurde an eben dieser Universität. Sie flippte aus vor Freude und rief sofort den Römer an. Er gratulierte ihr herzlich und senkte dann seine Stimme: „Elda, es gibt nur ein Problem: Dein Vater hat dir drei Städte vorgegeben und sein Favorit war Frankfurt. Bitte sag ihm noch nichts. Ich kümmere mich darum. Schaffst du das?“ fragte er. Sie bejahte und quiekte vor Freude.

Der Römer recherchierte, telefonierte mit alten Freunden aus Mailand, informierte sich über diverse Möglichkeiten und rief dann kurzerhand Besnik an. Das Gespräch begann wie immer – mit einem harmlosen Geplänkel über die Familie, die Gesundheit, das Wetter und die Arbeit. Irgendwann kamen sie zum Thema Elda. „Ja, sie ist sehr traurig. Sie bekommt nur Absagen. Mein kleines Mädchen so zu sehen, tut mir in der Seele weh.“ erzählte Besnik. „Und wenn es eine Zusage geben würde?“ fragte der Römer unschuldig. „Das wäre toll! Klar, nicht jede Stadt wäre willkommen, aber zum Beispiel Mailand wäre doch ein Kompromiss. Ich habe einen alten Studienfreund dort. Blöd nur, dass ich ihr nur die drei Städte genannt habe. Und die Bewerbungsphase für dieses Jahr ist schon vorbei.“ seufzte Besnik. „Dann ist heute dein Glückstag, lieber Besnik. Ich habe deiner Tochter geraten sich auch bei anderen Universitäten zu bewerben und Mailand hat ihr zugesagt!“ gab der Römer stolz preis. „WAAAAAAAS?“ entfuhr es Besnik – und man wusste nicht, ob nur das reine Erstaunen und die Freude darüber mitschwang oder doch auch ein bisschen Wut.

„Bevor du es nun doch verteufelst, lass es mich erklären: Es gibt 14 Flüge am Tag nach Mailand – von Frankfurt aus. Wir sind in einer Stunde bei ihr, falls was sein sollte. Dein Studienfreund wohnt dort, aber auch einer meiner engsten Freunde. Mailand hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Norditaliener sind ähnlich wie die Deutschen – eher ernst und arbeitsam. Von Albanien gibt es etliche Direktflüge und was noch wichtiger ist: Du würdest deiner Tochter einen Traum erfüllen.“ argumentierte der Römer ausführlich.

Besnik seufzte am anderen Ende der Leitung. „Und wie soll das alles gehen? Sie ist so jung und war noch nie im Ausland. Es lauern überall Gefahren. Bis ich bei ihr bin, vergehen mindestens 3 Stunden. Mein kleines Mädchen… ganz allein in Mailand.“

[Fortsetzung folgt – letzter Teil]

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

[Für Teil 1 und Teil 2 bitte jeweils auf den Link klicken]

„Und die wäre?“ fragten der Römer und Elda unisono.

„Ich habe es mir lange und breit überlegt. Elda darf im Ausland studieren, aber nur dort, wo es Verwandte gibt. Singapur und London wären damit eindeutig vom Tisch. Ich möchte jemanden von meiner Familie in ihrer Nähe wissen.“ erklärte Besnik. „Eine Möglichkeit wäre z.B. Rom…“ setzte er an.

Doch Elda unterbrach ihn sofort: „Rom!?!? Papa! Wo in Rom vermutest du denn die erstklassigen BWL Unis? Da kann ich genauso gut in Tirana studieren.“ Sie schmollte. Der Römer warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu bringen sollte, sich erst einmal alles anzuhören, bevor sie ihre Chancen verspielte. Doch ihr jugendlicher Übermut verhinderte, dass sie den Blick des Römers richtig deutete oder gar wahrnahm.

„Na gut, in den süditalienischen Dörfern gibt es keine Universitäten, die fallen also raus. Dann hätten wir noch Zürich…“ machte Besnik weiter.

Bevor Elda wieder ansetzen konnte, boxte der Römer sie leicht in die Seite, damit sie still ist. „Lass deinen Vater ausreden.“ zischte er.

„Dann natürlich Frankfurt, wo der Römer wohnt.“ zählte Besnik weiter auf. „Ja, Frankfurt hat einen guten Ruf, wenn es um Finanzwesen und um BWL geht. Aber die Spraaaache…“ Elda konnte es nicht lassen. Ihr jugendlicher Leichtsinn zwang sie förmlich dazu, all ihre Gedanken, taktisch unklug, auszusprechen.

„Und sonst würde noch Chicago bleiben. Das ist mir persönlich allerdings zu weit. Ich schicke doch meine Tochter nicht auf einen anderen Kontinent. Wo kämen wir denn dahin? Was würden die Leute sagen?“ führte Besnik weiter aus.

„Danke, Besnik. Ich denke, das sind ziemlich viele Informationen für Elda. Sie muss sicher erst einmal recherchieren und darüber schlafen.“ sagte der Römer, bevor Eldas Mund wieder Sätze los lies, die besser Gedanken geblieben wären.

Besnik und Flora mussten etwas erledigen. So blieben nur wir drei bei ihnen zu Hause. „Ich finde das blöd! Die große, weite Welt steht mir offen und ich soll nach Rom, Zürich oder Frankfurt? Pfff! Ich hab von London, Paris, Brüssel oder gar Singapur geträumt. Meine Freundin Ionnida studiert beispielsweise in New York. Ich sehe all ihre Bilder online und es sieht fantastisch aus.“ maulte Elda.

„Elda, Elda, Elda. Erst einmal: Am Ende des Tages sind es nur Bilder von Ionnida. Wer weiß, wie toll es wirklich ist? Du bist doch ein kluges Mädchen. Du bewirbst dich für Rom, Zürich und Frankfurt wie mit Besnik abgemacht. Dazu nimmst du noch Orte, die in der Nähe liegen. Das wäre beispielsweise Mailand, Genf, Berlin, vielleicht auch Brüssel? Orte, die von den Wohnorten deiner Familie schnell erreichbar sind. Es geht Besnik ja nur darum, dass du als Mädchen nicht allein im Ausland bist. Er hat Angst um dich.“ erklärte der Römer. Elda guckte ihn mit großen Augen an. Anscheinend war der Groschen jetzt gefallen. Ihr Vater hatte Angst um sie.

„Hm…. gar nicht mal so dumm. Wie weit ist London von Frankfurt entfernt?“ fragte Elda mit strahlenden Augen. „Zu weit.“ war die nüchterne Antwort des Römers. „Na gut, aber dein Tipp gefällt mir. Ich schau mir das mal genauer an.“ gab Elda zurück und setzte sich an ihren PC um zu recherchieren. So genau betrachtete sie die Europakarte das letzte mal im Geographie Unterricht in der 7. Klasse.

Wenig später stand fest, dass sie sich offiziell für die drei bekannten Städte bewirbt, inoffiziell noch für Brüssel und Mailand. Sie bereitete den Bewerbungsprozess vor und wartete nun auf Antwort der Unis. Wie auf heißen Kohlen saß sie da. „Und wenn mich alle Unis nehmen?“ fragte sie. „Dann besprechen wir zwei das zuerst und dann schlagen wir es deinem Papa vor.“ antwortete der Römer besonnen.

In diesen Tagen und Wochen des Wartens suchte Besnik das Gespräch mit dem Römer. „Wir müssen über etwas reden. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Wunsch, dass sie in Frankfurt studiert. Seit dich deine Schwester als Alibi benutzte um sich mit mir treffen zu können, bist du wie ein kleiner Bruder für mich. Ich würde mich am wohlsten fühlen, wenn du ein Auge auf Elda hast- Deutschland hat einen grandiosen Ruf in Albanien, es kostet, aber nicht so viel wie Zürich. Ich würde mich einfach besser fühlen, wenn Elda bei euch wäre. Deswegen ist meine Entscheidung schon gefallen. Sie geht nach Frankfurt.“

„Ich verstehe dich. Uns wäre es eine Ehre deine Tochter bei uns zu haben. Frankfurt ist eine größere Stadt, aber keine Großstadt wie Berlin. Man kann alles mit dem Rad oder zu Fuß erreichen. Die Goethe Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wir würden uns um deine Tochter kümmern als wäre es unsere eigene. Aber nun warten wir ab, was die Unis zurückmelden. Denn ich fürchte, es wird nicht leicht.“

[Fortsetzung folgt…]

Elda geht ins Ausland!

[Der erste Teil ist hier zu finden….]

„Und? Was kam raus?“ belagerte Elda den Römer. Ihre Stimme überschlug sich förmlich. „Er überlegt sich’s. Das war das Beste, was ich rausschlagen konnte.“ antwortete der Römer wahrheitsgemäß. Sie legte ihr Köpfchen mit den dunklen Locken schräg. Ihre Augen guckten nach oben. Ihren Mund verzog sie zu einem Schnütchen. Spätestens hier wusste man, warum Besnik wollte, dass seine adrette Tochter nicht ins Ausland geht.

„Na ja, aber er hat nicht jo [nein] gesagt.“ bemerkte sie. „Auch nicht po [ja], aber eben auch nicht jo [nein]!“

Der Römer musste lachen. „Wenn er etwas absolut nicht will, dann sagt er sofort nein. Du kennst ihn! Und dann ist auch nichts daran zu rütteln. Aber er sagte, er überlegt sich’s. Das ist ein gutes Zeichen. Ich werde warten bis er bereit ist. Du bist Besniks einzige Tochter. Er braucht Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen.“ erklärte der Römer ruhig.

Drei quälend lange Tage für Elda gingen ins Land. Sie versuchte sich abzulenken, aber man merkte ganz genau: Sie war nicht bei der Sache. Ihre Mutter vermutete, dass sie verliebt sei. In gewisser Weise stimmte das auch: Sie war verliebt in den Gedanken ins Ausland zu gehen. Womöglich nach Übersee? Singapur? Oder gar London? Sie wischte den Gedanken weg. „Bloß keine Hoffnungen machen!“ befahl sie sich. Nicht, dass sie wieder im öden Tirana fest saß. Das monotone „biep“ der Kasse, immer wenn sie einen Artikel über den Scanner zog, machte sie in diesen Tagen besonders aggressiv. Klar, es ist der Supermarkt ihres Vaters, wo sie aushalf, wann immer es ging. Aber das konnte doch wohl kaum ihr Leben sein? Sie hatte Wirtschaft studiert. Sie hatte einen Bachelor. Sie wollte raus! Raus aus Albanien. So wie die meisten ihrer Verwandten: Die Zogus haben’s gut, die sind damals nach Amerika. Die Muratis in die Schweiz. Die Xhiajs, Lilas und Kastratis sind alle gesammelt nach Italien. Nur sie, sie war gefangen in Albanien.

Nach drei Tagen klingelte das Telefon des Römers. Besnik stand in großen Lettern auf dem Display. „Alo?“ unterbrach die Stimme des Römers das Klingeln des Telefons. „Po…. Po…Po… Ciao. [Ja….Ja…Ja… Tschüss]“

„Amore mio, was hältst du davon, wenn wir heute bei Besnik essen?“ fragte er mich – pro forma. Dass das Abendessen schon längst beschlossen war, war selbst mir klar. „Kein Problem.“ gab ich grinsend zurück. „Es geht ja schließlich um Elda und ihre Zukunft.“ Der Römer musste lachen: „Esatto!“ [Genau] sagte er.

Um 20 Uhr traten wir in Besniks neugebautem Haus ein. Wir kannten es noch nicht und er führte uns stolz herum. „Hier ist die Etage von Toni [seinem Sohn] und seiner Frau.“ zeigte er uns. Wunderschön war diese. Die Innenarchitekten hatten ganze Arbeit geleistet. „Das hier ist unsere Etage. Flora [die Schwester des Römers und die Frau von Besnik] hat sich etwas florales gewünscht.“ erklärte er uns. Eine geschmackvolle Blümchentapete zierte die große Wand hinter dem gemeinsamen Ehebett. Überall waren florale Elemente eingearbeitet. Es sah bezaubernd aus. Verspielt, aber nicht zu kitschig. Wir nahmen den Lift um noch eine Etage höher zu gelangen. „Und hier ist…“ er stockte. „Eldas Zimmer…also ihre Etage…also falls sie uns mal besuchen kommt.“ Man sah ihm an, dass ihn sein eigener Satz mitten ins Herz traf. Der Römer und ich guckten verwirrt. „…Falls sie uns mal besuchen kommt.“ hallte es in unseren Köpfen nach.

„Wie? Falls?“ nutzte der Römer die Gunst der Stunde um gleich zu fragen was Sache ist. „Ich habe darüber nachgedacht. Als Vater habe ich eine gewisse Verpflichtung meiner Tochter gegenüber. Bei ihrer Geburt habe ich mir geschworen, dass sie die allerbeste Ausbildung genießen soll, die es gibt. Also ist es wohl an der Zeit, meine eigenen Interessen hinten anzustellen. Sie soll im Ausland studieren.“ erklärte er mit traurigem Blick.

„Das ist ja ganz fantastisch!“ gab der Römer zurück. „Du wirst sehen, dass es absolut die richtige Entscheidung war.“

„Wer studiert im Ausland?“ hörte man eine Stimme aus dem Off. Elda!

„Du!“ antwortete der Römer noch vor Besnik. Sie flippte aus vor Freude. Stürmisch umarmte sie ihren Vater Besnik, ihre Mutter Flora, den Römer und mich. „Ich kann es gar nicht glauben!! Papa!!! Danke!!!“ Ihre Augen schäumten über vor Freude. Flora freute sich für ihre Tochter, doch gleichzeitig liefen ihr dicke Tränen über die Wange. Ihr kleines Mädchen… ins Ausland? Wann war sie denn so schnell groß geworden?

Besnik erhob das Wort: „Es gibt jedoch eine Bedingung!“

[Für die Fortsetzung hier klicken]

Elda geht ins Ausland?

Des Römers liebste Nichte, Elda, beschloss, dass es nun an der Zeit ist, die erste, in Albanien groß gewordene Frau in der Familie zu sein, die allein im Ausland studierte. Ihren Bachelorabschluss hatte sie schon in der Tasche – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, den Master zu machen.

Sie brachte die Idee zuerst beim Römer hervor. Ihren Onkel zu überzeugen, war nicht gerade schwer. Aufgewachsen in Rom, war er Feuer und Flamme, dass seine „kleine“ 22jährige Nichte im Ausland studieren sollte. Am Ende des Gesprächs presste sie ihre Lippen aufeinander und sagte: „Sag mal, dajë (Onkel – mütterlicherseits), könntest du es meinem Vater sagen?“ Sie guckte ihn mit großen, Adria blauen Augen an. Er lachte. „Ja, ich kann’s versuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dein Vater seine einzige Tochter ins Ausland gehen lässt zum studieren…also… puh…die ist gering.“ antwortete er wahrheitsgemäß.

Am nächsten Tag traf er sich mit Besnik, Eldas Vater. Bei einem Espresso saß man in Besniks Bar und unterhielt sich. Ganz vorsichtig schnitt der Römer das Thema an. „Sag mal, Besnik, Elda sollte ihren Master machen. Ein Bachelor allein bringt ihr ja nun nichts.“ Besnik nickte. Ihm war die erstklassige Ausbildung seiner Tochter sehr wichtig. „Aber an der Universität von Tirana… du weißt ja wie es ist! Man bekommt nur die besten Posten, wenn man zufällig die Tochter des Dekans ist. Für die anderen bleiben auch nach einem Masterstudiengang wenig Perspektiven übrig.“ Besnik runzelte die Stirn, musste aber zustimmen. „Im Ausland wäre das anders. Dort hätte man mehr Möglichkeiten. Gerade wenn es um ihren Studiengang, Wirtschaft, geht. Und guck mal, wie sich das in einem Lebenslauf macht, wenn deine Tochter im Ausland studiert hat. Das wäre eine ganz andere Qualifikation. Du legst doch immer soviel Wert auf eine angemessene Ausbildung. Das wäre ihre Chance!“

Besnik starrte dem Römer lange in die Augen. Ich, als stiller Beisitzer, dachte nur: „Entweder er wirft jetzt den Tisch um und zieht wutentbrannt ab oder er fängt an zu weinen. Da sich letzteres als albanischer Mann nicht schickt, wird es wohl ersteres werden.“

Es kam nur ein Laut aus Besniks Mund: „Hm!“ Ja, man kann „Hm!“ mit einem empörten Ausrufezeichen am Ende intonieren. Es war auch kein grübelndes „Hmmm…“, vielmehr ein „Hm!“ das diesen abstrusen Gedanken wegzuwischen versuchte. Seine einzige Tochter! Im Ausland! Womöglich noch allein! Und überhaupt: Was sollen die Leute denken? Er schickt doch seine Tochter nicht ins Ausland. Nein, nein! Das kommt nicht in Frage! Das alles lag in seinem „Hm!“. Und seinem Blick. Durchdringende, braune Augen, die gar nicht mehr so warm lächelten wie sie es sonst immer tun.

Doch der Römer wäre nicht der Römer, wenn er hier aufgeben würde. „Erinnerst du dich noch als ich klein war und du meine Schwester getroffen hast? Ihr habt mich als Alibi benutzt, dass ihr euch heimlich sehen könnt. All die Jahre habe ich dieses Geheimnis für mich behalten. 35 lange, lange Jahre…. Niemand weiß davon. Vielleicht solltest du dir das mit Elda nochmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“ Oha. Der Römer griff zu einer richtigen Granate. Der Kampf ist eröffnet, dachte ich nur.

Besnik starrte ihn an. Schockiert. Klar, er war seit 30 Jahren mit der Schwester der Römers verheiratet, sie hatten zwei Kinder, doch wäre es unschön, wenn seine hochgeschätzten Schwiegereltern das nun herausfinden würden. Was würden sie von ihm denken? Von ihrer Tochter?

„Ich überleg’s mir….“ sagte er. „Sprich mich in zwei, drei Tagen nochmal darauf an. Aber währenddessen behältst du Stillschweigen. Über alles! Besonders über deine verrückte Idee und diese Geschichte von damals!“

[Für die Fortsetzung bitte hier entlang]

Andere Zeiten, andere Sitten. Andere Länder, andere Sitten.

„Jeder Jeck ist anders.“ sagt man so schön in Köln. Aber nicht nur jeder Jeck, auch ganze Kulturen sind anders.

Es geht mal wieder um das beliebte Thema Schwangerschaft. Sie sehen es mir nach, liebe Leser, aber mein Kosmos ist klein geworden. Seit sechs Monaten bin ich von der Arbeit befreit und außer dem beliebten Babythema und ab und an Themen des Römers, die ich an mich reiße, passiert hier nicht mehr viel.

In einem Kommentar hierzu erzählte ich, dass meine Mutter damals, nach jeder der vier Geburten, ein schönes Glas Sekt angeboten bekommen hat und natürlich, wie es damals Usus war, dankend angenommen hat. „Das erklärt einiges.“ sagte Turtle und knuffte mich in die Seite. „Ja, bei dir!!“ konterte ich zurück und knuffte sie zurück. Wir mussten kichern und sie streckte ihre Zunge raus. „Kinder, Kinder! Ich erklär euch auch warum: 1. Fällt man in ein hormonelles Tief nach der Geburt. Man hat es als Prävention zur Postnatalen Depression benutzt. 2. Es ist sehr nett, nach der harten Abend ein wohlverdientes Gläschen Sekt zu trinken. Auch zum Anstoßen mit eurem Papa war das nett. 3. Sekt steigert die Milchproduktion. So hat es uns die Hebamme gesagt. Sie wies uns sogar an, dass wir daheim öfter einmal ein Sektchen aufmachen. Denn letztens: Sekt beruhigt Nerven und Geist.“ Turtle musste lachen: „Na, wenn das so ist. Nun mal her mit dem guten Tropfen. Wir stoßen an.“ Unsere Mutter guckte empört: „Bist du wahnsinnig! Heute ist das nicht mehr denkbar.“

Doch kommen wir zu einem anderen Land und seinen Sitten – Italien. Meine Schwägerin, die Schwester der Römers, ist eine gertenschlanke Erscheinung. Hochgewachsen, dunkelblond und sportlich. Als sie ihrem Frauenarzt erzählte, dass sie plant schwanger zu werden, wies dieser sie an, dass sie jetzt nochmal im Fitnessstudio eine Schippe drauf legen soll. Sie sollte aktiv ihre Muskeln trainieren, damit sich der Körper (oder vielmehr sie) nach der Schwangerschaft an ihre alte Form erinnert. Als wir sie besuchten, als sie dann schwanger war, konnte ich beobachten wie sie ungefähr 3-4 Tassen Espresso am Tag trank. Ich fragte den Römer abends, ob das normal sei. „Klar, Espresso ist kein Problem. Du kannst soviel trinken wie du möchtest.“ Ich guckte irritiert und erklärte ihm wie es in Deutschland gehandhabt wird. „Aber bei uns trinken doch schon 3-jährige Cappuccino.“ Das stimmt! Ich erinnerte mich an die Zeit als Au Pair als der kleine Ricchi mit seinen 3 Jahren am Frühstückstisch saß und nach einem Cappuccino verlangte. Ich prustete damals los und schüttelte den Kopf. Er guckte mich empört an und ging zu seinem Vater – petzen. Der machte ihm – ganz selbstverständlich – einen Cappuccino. Ich guckte ihn entgeistert an. „Meno caffé, ma più latte per i bambini.“ [Weniger Espresso, aber mehr Milch für die Kinder] Ja, ja. Das hatte ich schon verstanden. Aber in meinem Kopf machte es immer noch keinen Sinn. Das sah er mir auch an. „Non fa nulla! I bambini si abituano piano piano. Con 6 anni può bere un cappuccino normale.“ [Das macht gar nichts! Die Kinder gewöhnen sich langsam daran. Mit 6 Jahren kann er einen richtigen Cappuccino trinken] Na, das beruhigte mich jetzt aber ungemein. Und es erklärt die ganze Kultur in einem Getränk.

Doch zurück zu meiner Schwägerin: Ich sah sie jeden Tag Salat essen. Auch Brot verbot sie sich. Etwas irritiert fragte ich den Römer auch hier nach. „Du wirst bei jeder Untersuchung gewogen. Und die Obergrenze sind 12 kg – je nach Größe. Sollte die Gewichtskurve zu einer höheren Zahl tendieren, dann werden die Mütter auf Diät gesetzt. Und bei meiner Schwester ist das wohl so.“ erklärte er. „Auf Diät? Na klar sollte man nicht 25 kg zunehmen, das verstehe ich. Aber 12 kg als Obergrenze?! Das kommt doch auch darauf an, was dein Ausgangsgewicht war. Sie wog ja vorher schon kaum was, da würden ihr ein paar Pfunde extra doch ganz gut tun.“ wendete ich ein. „Offiziell heißt es: Wegen der Gesundheit von Mutter und Kind. Aber wenn man sich einmal in das Thema einliest, dann geht es darum, dass die Frau auch nach der Geburt noch attraktiv wie zuvor sein soll. Und eben kein camion [LKW].“ gab er zu. Mein Unverständnis stand mir ins Gesicht geschrieben.

Doch nun zu einem anderen Land: Albanien. Hier gibt es nicht viel zu erzählen. Die meisten der römischen Geschwister wurden per Hausgeburt auf die Welt gebracht. Ultraschall gab es nicht und Vorsorgeuntersuchungen auch nicht. „Es wird schon gut gehen.“ und das traf bei meiner Schwiegermutter in sieben von sieben Fällen zu. Sie hatte Glück – und Gottvertrauen. Als wir ihr die Ultraschallbilder zeigten, war sie ganz entzückt. Von ihren Töchtern und Schwiegertöchtern war ich die einzige, die eine ganze Kollektion hatte. Sie streichelte die Bilder und murmelte: „So ein schöner Junge.“ Zugegeben, mehr als seine Silhouette konnte man nicht erkennen, aber sie war blitzverliebt.

Als ich wenig später Wasser mit Kohlensäure bestellte, hefteten sich drei irritierte Augenpaare an mich. Meine Schwiegereltern und der Kellner guckten als hätte ich sie mit dem Tod bedroht. „Aber sie sind doch schwanger.“ stammelte der Kellner. „Ähm ja…“ ich guckte den Römer hilfesuchend an. Vielleicht war meine Aussprache doch nicht so gut wie ich dachte und ich hatte versehentlich etwas alkoholisches bestellt. Aber dem war nicht so. Der Römer bestellte mir stilles Wasser um diese unangenehme Situation zu beenden. Er flüsterte mir ins Ohr: „Erklär ich dir später.“ Na, auf die Erklärung war ich gespannt! Nach dem Essen erzählte er, dass schwangere Frauen in Albanien kein Wasser mit Kohlensäure trinken sollten. Das könnte zu Fehlbildungen, Abgängen oder einer schwierigen Geburt führen. Aha. Aber es ist doch nur Wasser. „Ich bestell dir nächstes Mal einfach heimlich Wasser mit Kohlensäure.“ sagte er und zwinkerte mir zu. „Ich kann’s kaum erwarten.“ gab ich zurück und musste lachen.