Reißverschlüsse und Riesenkalmare

Wir stecken mitten im frühmorgendlichen Stress zwischen Frühstück und Kindergarten-Beginn: Bianco schreit und ich schaukle ihn auf dem Arm, während ich gleichzeitig versuche, Signorino zum Anziehen zu bewegen. Der Römer gelt sich die Haare im Badezimmer und summt ein Lied mit. Sein Lebensmotto „con calma“, alles mit der Ruhe, müsste man haben.

Derweil ist es mal wieder kurz vor knapp. Um 09:00 Uhr ist Abgabeschluss im Kindergarten. Danach bekommt man das verspätete Kind-in-die-Kita-bringen mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert. Das muss ja nicht sein. Nicht heute!

Weil’s morgens noch ziemlich frisch, mittags aber schon frühlingswarm ist, soll Signorino eine kurze Hose, ein T-Shirt und – den morgendlichen Temperaturen geschuldet – seine Zip-Jacke mit den Neon-Streifen tragen.

Praktisch, wenn man diese jetzt finden würde. Leider scheitere ich daran und renne hektisch mit dem brüllenden Bianco von Raum zu Raum. Denn der lässt sich nicht ablegen.

Ich: „Signorino, wo ist deine Zip-Jacke?“

Er: „Mamaaaa! Wusstest du, dass Riesenkalmare richtig lange Arme haben?“

Ich: „Ja, aber wo ist deine Pullijacke?“

Er: „Riesenkalmare sind soooo cool! Findest du die auch cool?“

Ich (lege das schreiende Baby einen Moment ab und wühle hektisch durch drei verschiedene Wäscheberge): „Ja, Signorino! Ich rede von deiner Zip-Jacke! Die mit den neon-orangen Streifen!“

Er (immer noch seelenruhig): „Zeigst du mir nachher auf dem Handy einen Riesenkalmar? Biiiitte!“

Ich (leicht gereizt): „Hmpf… Du hörst mir nie zu! Ich rede gerade mit dir über die Zip-Jacke!“

Er (völlig unbeeindruckt): „Wusstest du, dass Riesenkalmare riesige Augen haben, Mama? So groß wie Wasserbälle! Cool, oder?“

Ich suche hektisch weiter, er trottet hinter mir her.

Er: „Riesenkalmare sind echt cool, Mama!“

Ich (hinter jedes Sofakissen guckend): „Mhmm.“

Er (jetzt mit echtem Frust in der Stimme): „Boa, Mama! Nie hörst du mir zu, wenn ich über Riesenkalmare rede! Das ist echt blöd!“

Und da war’s mal wieder so weit: Mein Kind hat recht.

In meiner Welt ist gerade nur eines wichtig: diese verflixte Zip-Jacke. Damit Signorino nicht friert, wir endlich loskommen und vielleicht sogar pünktlich am Kindergarten sind.

In Signorinos Welt? Gibt es Riesenkalmare. Mit langen Armen, riesigen Augen und vermutlich einem aufregenden Leben voller Abenteuer, die so viel spannender sind als die unauffindbare Pulli-Jacke.

Und ich merke: So wie ich von Signorino erwarte, dass er mir zuhört, erwartet er von mir, dass ich ihm ebenfalls zuhöre.

Denn für jeden ist eben etwas anderes wichtig: Für mich die Jacke und für ihn Riesenkalmare.

Aber vielleicht sollte ich anfangen, besser zuzuhören. Wer weiß, was ich alles verpasse!

Oder hätten Sie gewusst, dass Riesenkalmare Augen groß wie Wasserbälle haben?

P.S.: Die Pulli-Jacke haben wir übrigens am Vortag im Kindergarten vergessen wie ich bei der verspäteten Abgabe des Kindes feststellen durfte.

37 Kommentare

  1. Das kenne ich!!!!
    Fixiert auf ein bestimmtes Kleidungsstück, Deckel, Flasche ..,
    Muss doch!!!!
    Nein!!!
    Einfach Alternativen benutzen
    Die spannenden Fragen können niemals vernachlässigt werden😂😂
    Abends die Organisation veranlassen, den kleinen Mann miteinbeziehen…
    Ja, sorry
    ich habe leicht reden
    schönen Tag
    Lg
    Meggie

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    • 😄😄 Das ist der berühmte Tunnelblick, oder? Wie gut, dass man manchmal förmlich herauskatapultiert wird. Ich übe mich in Gelassenheit. Ob dieses Jahr „con calma“ noch mein Motto wird und ich seelenruhig Riesenkalmar-Geschichten lauschen kann, liebe Meggie? 😉
      Ich schätze deine Kommentare sehr, weil du das alles schon durchgemacht hast! Du weißt also, wovon du sprichst. 😃
      Einen guten Start in den Mai und liebe Grüße, Eva

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  2. Jetzt weiß ich endlich, wie man eine Felpa in Deutsch nennt: Pulli- oder Zip-Jacke. Dieser unser Begriff Felpa traf in der Verwandtschaft immer auf Unverständnis. Ich ging davon aus, solche praktischen Kleidungsstücke kennen sie in Deutschland nicht. 😅

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    • Das freut mich sehr, liebe Anke. 😄 Deine Verwandten werden staunen, wenn du demnächst von Pulli- und Zip-Jacken redest oder haben sie sich gar adaptiert und sagen auch Felpa? 😄
      Mich bringt die Oberteil-Frage auf Italienisch jedesmal ins Schludern: Golf, Golfino, Maglia, Maglione – seitdem sag ich nur noch „cosa“ weil ich regelmäßig daneben liege. 😄

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  3. Naja, dann hast du es zumindest in diesem Chaos geschafft, korrekte Sucharbeit zu leisten. Und weißt du was, liebe Eva? Wenn Bianco eh schreit, dann leg ihn doch einfach weg, solange du so große Suchen durchführst. Könnte mir vorstellen, dass du dich dann auch besser auf die Fragen deines Großen einlassen kannst, wenn das Geschrei von weiter weg, und nicht gefühlt aus dem eigenen Hals zu schallen scheint. 🙂
    Viele Grüße an euch 👨‍👩‍👧‍👧 Bea

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  4. Es ist schwierig, einen Riesenkalmar anzuziehen. Und außerdem ist es auch noch recht kalt da, wo er wohnt. Aber sie haben die größten Augen im Tierreich, das ist wahr!
    Es sollte aber trotzdem wichtig sein, sich über das, was wichtig ist, zu verständigen. Das ist ein Problem. Überall, nicht nur zwischen Jacke und Tintenschnecke. Wenn Letztere nicht aufpaßt, wo der nächste Pottwal rumschwimmt, fehlt sie ganz rasch. Es gibt also wichtige Dinge. Und vielleicht auch noch eine zweite Jacke?

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    • Das Problem des Riesenkalmars ufnd der Zip-Jacke ist, dass der Kalmar so viele, verflixt wendige Arme hat. Ähnlich eines Ein- oder
      Zweijährigen, wobei die nur zwei Arme haben, die wir 10 Arme wirken. Es musste genau die Zip-Jacke sein, weil alle anderen am Bauchnabel enden. Da ist wieder das Beschaffungsproblem: Bei aller Problem-Löserei, irgendetwas vergisst man immer. 😅

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      • Glaub nur nicht, dass ich die so parat hatte (bis auf den Giganten, der allgemeines Interesse erweckt). Aber zur Not schlage ich halt auch im Internet (mit erheblichem Mißtrauen) oder im guten alten Grizimek – Tierlexikon, dem ebensolchen Smolik (rororo, z.T. sehr schöne Zeichnungen), gar dem Brehm oder was sonst noch im Regal steht nach. Lateinische Begriffe habe ich fast nur für ein paar Säugetiere im Kopf. Außer solchen wie Bufo bufo, Erdkröte, Naja naja, indische Kobra (na gut, auch Naja kaouthi, die mit der herzförmigen Zeichnung), Perdix perdix, Rebhuhn… die sind doch praktsich zum merken!

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      • Mein Bruder meinte mal über mich: „Kennt alle Tiere!“ Aber das stimmt nicht. Niemand kennt alle. Selbst der Grizimek wußte sie nicht sämtlich beim Vornamen zu nennen. Willy Wühlmaus und Hannibal Hase und… Ja, schon gut. Kindergeschichten sind Dein Metier! –
        Das hat sich halt so ausgeprägt, da ich meine Familie ein paarmal überraschte. Durch mein gesteigertes Interesse (auch am Erwerb und der Haltung exotischer Hausgenossen…). In einer Berghütte hatte der Wirt einen schönen weißen Hund. Ich sagte zu meiner Mutter. „Schau mal, den schönen Samojeden!“ (Ich war ca. 8). Sie nur: „Ja, ja. Samojede. Ein Spitz halt!“ Stimmt ja. Ist ein Spitz. Ein Nordlandspitz. Sie fragte den Hüttenwirt nach seinem Hund. „Der Samojede?“ –
        Ein andermal kaufte mein Bruder seiner Frau einen Mantel mit Pelzbesatz. Ich war so ca. Beginn Pubertät. Der Besatz war Opossum. „Was ist das eigentlich?“ Nun, meine Antwort kam vorschnell und wie aus der Pistole geschossen: „Virginische Beutelratte!“ – Der Mantel mußte umgetauscht werden. –
        Ich war echt gut! Später wurde ich wieder bescheidener. Aber nicht bescheiden, oh nein!

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      • Ich dachte damals nur, was hat denn mein Bruder da angeschleppt, kennt nicht mal ein Opossum! Aber vielleicht war ich da schon etwas sehr speziell. In seinen letzten Jahren schrieb mein Bruder – ja, der auch – noch einige sehr nette Indianergeschichten. Aber die Fehler! Zum Glück durfte ich korrigieren. Nein, nein, keine Rechtschreibfehler oder so was. Aber in Amerika tummelte sich ein Reh! Und ein Birkhuhn! „Das müßte schon ein Weißwedelhirsch sein. Und das andere ein Präriehuhn. Eventuell ein Beifußhuhn, da muß ich auch mal nachschlagen, was in der Gegen um die großen Seen vorkommen könnte…“

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