Papa oder Opa?

Nach langem Überreden, erklärt sich Signorino endlich dazu bereit, dem Spielplatz den Rücken zu kehren. Wir gehen durch die Parkanlage Richtung Wohnung. Auf einer Bank sitzt ein Mann. Er ist in seine Zeitung vertieft. Sein hellblaues, kurzärmliges Poloshirt sitzt locker. Aus seinen beigen Bermudashorts ragen bereits sonnengebräunte Beine. Der Mann hat etwas längere Haare, die ihm bis zu den Ohren reichen. Er ist rasiert und wirkt sehr gepflegt. Neben ihm parkt sein rotes Rennrad. Müsste ich ihm einen Stempel geben, ich würde ihn als “junggebliebenen Mitfünfziger in Führungsposition” beschreiben.

Signorino tapst an dem Mann vorbei. Seinen neuen Sandkasten-Bagger trägt er stolz vor seiner Brust. Er bleibt vor dem Herren stehen, mustert ihn neugierig und fragt, vermutlich mehr sich selbst, als uns:

“Papa oder Opa?”

Der etwa 50jährige Mann blickt von seiner Zeitung auf, lächelt unseren Ableger an und vertieft sich wieder in seine Zeitung.

“OPAAA!!!”, ist sich Signorino sicher und äußert seinen Gedanken überaus lautstark. Dann pflückt er mit der rechten Hand eine Puste(blume) und düst mit seinem Bagger und der Pusteblume davon. Ich lächle entschuldigend, gucke in ein verdutztes, sonnengebräuntes Gesicht eines Mitfünfzigers und laufe dankbar dem schnell flüchtenden Kind hinterher.

Ein innerliches Highfive hat sich Signorino sicher für seinen flotten Kommentar gegeben.

WMDEDGT – Mai 2022

Der Monatsfünfte und Frau Brüllen vergisst erstmal fragt mal wieder, mit was man seine Zeit verbringt. WMDEDGT nennt sie das und hier sieht das so aus:

07:20 Uhr Ich darf heute meinen gestrigen, verpassten Arbeitstag nachholen. Da die Kita wie jede Woche (in der kein Feiertag ist) gestreikt hat, freue ich mich darauf, in Präsenz zu arbeiten, da zwei Kolleginnen meine Anwesenheit vor Ort benötigen. Es regnet, ich muss einen 2jährigen zur S-Bahn schleppen, Sie können sich meine Stimmung vorstellen.

07:40 Uhr Kurzer Knatsch zwischen dem Römer und mir, da er sein Vorfahrtsrecht im Bad als gottgegeben betrachtet. Da ich gerade dabei bin Tabula rasa zu machen, sage ich ihm auch gleich, dass er mir donnerstags nie hilft, das Kind kitafein zu machen.

08;00 Uhr Mein Vortrag hat sofort gewirkt. Er weckt das Kind. Das dauert ein bisschen. Mit Blick auf die Uhr übernehme ich schlussendlich. Er fängt vor mir an zu arbeiten. Das Kind steht auf, geht in die Küche, ruft “Kissen! Kissen!”, geht aus der Küche und legt sich schnurstracks wieder zurück ins Bett – auf sein Kissen. So ein Tag ist das also. Ich persönlich finde die Idee genial und würde auch gerne “Kissen! Kissen!” machen, aber irgendjemand muss die verlorenen Stunden durch den Kita-Streik wieder reinarbeiten. Letztendlich schlage ich vor, dass er Peppa Wutz gucken kann, während er frühstückt. Es scheint zu wirken. Da das Kind beschäftigt wirkt, lege ich mein Büro-Make-Up auf. Diesmal sogar mir rotem Lippenstift. Wir haben heute Kundenbesuch und ich möchte nicht, dass sie immer meine Turnschuhe mustern. Deswegen lenke ich den Blick geschickt auf meine tiefroten Lippen. Für diese und weitere geniale Beauty-Tipps zögern Sie nicht, mir zu folgen. 😉

08:40 Uhr Das Kind ist frisch bezogen. Obwohl, so ganz wahr ist das nicht. Es hat noch sein Pyjama-Oberteil an, dass ich raffiniert mit einer Zip-Jacke kombiniert habe. Wir können los. Freude!

09:25 Uhr Die Erzieherinnen von Signorinos Gruppe sind nicht da. D.h. er hat irgendeine Vertretung. Fröhlich geht er ins Gruppenzimmer, nur um zu merken, dass seine Bezugspersonen fehlen. Tränen! Mit schlechtem Gewissen muss ich ihn dennoch dort lassen, da ich arbeiten muss. Das ewige Zermürbnis von Eltern eben. Ich hetze zur Arbeit.

09:40 -14:20 Uhr Ich bin in der Arbeit. Vorbereitung Kundentermin. Mehrere Anrufe. Organsieren, koordinieren, an den Chef delegieren, das Übliche eben. Dazwischen eine zehnminütige Mittagspause mit den Kolleg*innen.

14:20 Uhr Der Laptop ist in meinem Rucksack. Ich wünsche dem Kollegen ein schönes Wochenende. Er guckt irritiert. Ich hetze durchs Treppenhaus nach unten. Im zweiten Stock steht ein Konsulatsmitarbeiter (oder der Konsul himself?!) und übergibt etwas Kleines an einem Herrn im Trainingsanzug. Der Konsul guckt irritiert als er mich sieht. Ich auch, aber nur weil der Herr im Trainingsanzug dem Konsul des Konsulats einen Liter Sonnenblumenöl mitgebracht hat. Anscheinend wird das Öl nun offiziell als Währung in verschiedenen Ländern akzeptiert. Und wir Volltrottel horten nur Olivenöl im großen Stil…. So ist das eben, wenn man auf das falsche Öl setzt. Nach dieser irritierenden Szene geht’s zur Kita und ich sammle das Kind ein. “Heute hat er nicht geschlafen.”, flötet die Erzieherin. Ich grinse unter der Maske, denn das heißt früher Feierabend als Eltern. Am Dienstag hat er zwei Stunden geschlafen und das bedeutete: Um 23 Uhr schlief er endlich ein. Wir gehen zur Straßenbahn.

Hätten wir nur auf das richtige Öl gesetzt.

14:40 Uhr Die Straßenbahn hat eine neue Route. Bumsfallera, wir bekommen die ganz große Frankfurt-Tour über Sachsenhausen. Ein Rentner-Ehepaar steigt ein. Sie foppen sich gegenseitig. Immerhin haben sie sich noch etwas zu sagen. Nach 25 Minuten zahle ich den Preis für Signorinos ausgefallenes Mittagsschläfchen. Er schläft in der Tram ein. Ich trage das schlaffe Kind nach Hause. Mir fällt dabei beinahe der Arm ab. Einige Frankfurter Fußball-Fans kommen mir entgegen. Anscheinend geht es heute um etwas. Ich muss mal den Mann fragen. Der wird das wissen.

18:00 Uhr Der Römer kommt heim, snackt Signorinos Schüssel mit Blaubeeren weg und gibt dann an, Hunger zu haben. Bevor er sich seine kleine Wohlfühl-Platte aus lauwarmen Brot, Tomaten und einer feinen Auswahl an verschiedenen Käsesorten zubereitet, teile ich ihm mit, dass wir nachher “aber schon noch” (O-Ton) essen und dieses Nachher hoffentlich bald ist. Am Ende isst er ein Stück Brot mit einer kleinen Käseauswahl. Signorino schreit aus dem Kinderzimmer nach uns. Ich bleibe wie festgetackert sitzen, da ich heute genau 10 Minuten Mittagspause hatte und nur gerannt bin. Der Mann scrollt seelenruhig durch sein Handy. Ich räuspere mich. Signorino fordert Hilfe beim Lego-Aufzug ein. Der Mann, immer noch tiefentspannt, ignoriert uns. “Maaaaamaaaa! Aufzug!!!”, wird nun eindeutig aus dem Kinderzimmer gebrüllt. “Signorino meint dich.”, säusle ich. Der Mann guckt auf, seufzt, geht ins Kinderzimmer. Bei aller Liebe, aber ab und an darf sich der Gatte auch erheben.

20:00 Uhr Das Kind liegt im Bett. Hallelujah! Wie immer durfte ich ihn bringen, weil er mit mir in wenigen Minuten einschläft. Mit seinem Vater will er lieber „T(r)eppen“ aus Lego bauen. Der Mann ist so fertig vom „Nicht-ins-Bett-bringen“, dass er erstmal ein Eis braucht. Ich setze mich hin und fange an, meine Karteikarten fürs Studium zu lernen.

Let‘s call it a day!

Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉

Killing me softly – Ein Abenteuerbericht

Momentan komme ich nicht wirklich zum Schreiben auf meinem Blog. Zu sehr hinke ich in der Uni nach. Zu sehr belüge ich mich selbst, dass eine Teilzeitstelle, 85% der Kindererziehung und ein Studium „total gut“ unter einen Hut zu bringen sind. Es ist als würde man krampfhaft versuchen, viel zu viele Jonglierkeulen gleichzeitig in der Luft zu halten. Ständig droht eine abzustürzen, man hechtet zu ihr, rettet sie, aber dann kommen zwei andere Jonglierkeulen, die kurz davor sind mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden zu knallen.

Doch darum soll es heute nicht gehen. Viel mehr geht es heute um meine Notizen des Monats Februar. Das Kind brachte uns ein Geschenk in Form einer Magen-Darm-Grippe mit nach Hause. Wie wir das überlebten, schildere ich Ihnen hier. Doch seien Sie gewarnt: Ein Magen-Darm-Infekt ist nichts für eine blühende Fantasie und einen schwachen Magen:

Aufbügel-Bild auf meinem Pulli. Bildlich dargestellt, was ich über diese Magen-Darm-Grippe denke.

Es scheint ein eisernes Naturgesetz zu sein, dass Mütter die Krankheit ihres Kindes einige Tage später durchleben müssen, um beurteilen zu können wie schlimm es wirklich für den Nachwuchs war. Im Verkauf würde man vermutlich sagen „Nur wer das Produkt, oder in unserem Fall die Krankheit, gut kennt, kann es überzeugend verkaufen.“ Der Römer und ich, da bin ich mir sicher, könnten Ihnen die Krankheit perfekt verkaufen, so viel „Produkterfahrung“ konnten wir sammeln. 😉

Am Sonntag um 8 Uhr fing es an. Mir war speiübel. Ich wankte ins Bad, ging auf Toilette, wankte wieder zurück ins Bett und wartete darauf einzuschlafen, aber die Übelkeit hatte dermaßen die Überhand gewonnen, dass es mir unmöglich war, in den wohlverdienten Schlaf zurückzufinden. Um 09:00 Uhr tapste das Kind ins Elternzimmer, wobei es an diesem Wochenende Elter-Zimmer heißen müsste, denn der Römer war in Albanien, um seine Familie zu besuchen. Signorino gebot mir, dass er zu frühstücken wünsche. Ich folgte ihm und wir frühstückten zusammen, wobei er mit großer Begeisterung drei Scheiben Nusskuchen verdrückte und ich an meinem Kamillentee nippte. Der Tee brachte nicht den gewünschten Effekt, denn die Übelkeit wurde schlimmer und schlimmer. Ich legte mich auf die Couch, machte den Fernseher für das Kind an und hoffte, dass die Übelkeit gleich vorbei sein würde und wir normal in den Tag starten könnten.

Signorino interessierte sich überhaupt nicht für den Fernseher. Stattdessen animierte er mich zum Lego spielen. Ich setzte mich schwerfällig auf den Boden, nahm zwei Lego-Steine in die Hand, zog einen roten Plastikeimer zu mir heran und erbrach den kompletten Kamillentee hemmungslos. Das Kind guckte mich mit weit aufgerissenen Augen panisch an und krisch aus voller Lunge, als es mich in seinen roten Sandkasteneimer würgen und erbrechen sah. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aufzublicken, zu lächeln, „Mama geht’s gut, Schatz.“ zu sagen, doch Sie kennen es vielleicht: Ein Kötzerchen bleibt nie alleine. Man hat mehrmals das Vergnügen. Das Kind schrie immer lauter, immer aufgeregter. Ich tat mein Möglichstes ihn zwischen meinem Erbrechen zu beruhigen, doch er war so panisch und ich so beschäftigt, meinen Mageninhalt loszuwerden, dass meine beschwichtigenden Worte im roten Sandkasten-Eimer verhallten. “Hoffentlich war’s das jetzt.”, dachte ich, als mein Magen wirklich alles losgeworden war, was ihm scheinbar auf der Magenschleimhaut brannte. Aber mein Verdauungsorgan hatte anderes im Sinn.

Es war 10 Uhr Vormittags. Um 16:20 Uhr sollte der Flug des Mannes in Frankfurt landen. Mit einer flotten Einreise würde er nicht vor 17 Uhr daheim sein. Noch sieben Stunden. Mein eh schon flauer Magen wurde noch flauer. Uff! Durchatmen. Wir schaffen das.

Ich informierte den Mann via Messenger-Dienst über meinen Zustand. Er las die Nachricht und antwortete nicht. Jetzt war mir nicht nur schlecht, ich war wütend und wusste nicht wie ich den Tag überleben sollte. Ausruhen und halb tot vor dem Fernseher liegen war dank Signorino keine Option. “Danke für deine lieben Nachrichten!!!!”, schrieb ich dem Mann 30 Minuten später. Jedes einzelne Ausrufezeichen hinter dem Text gab dem Mann einen Hinweis darauf, in welcher Eskalationsstufe meiner Wut ich mich gerade befand. Diesmal war es Stufe 4 von 5. Postwendend antwortete der Römer. “Scusa, amore [Entschuldige, Liebling!]! Uns wäre fast ein LKW aufs Auto geknallt, aber Ibrahim reagierte blitzschnell. Zum Glück ist nichts passiert. Aber das geschah genau zu dem Zeitpunkt, als ich deine Nachricht las. Danach war ich so geschockt, dass ich alles vergaß.” Mich wunderte das gar nicht. Also, dass ein LKW ungebremst auf Ibrahims Kutsche knallen wollte. Wer den Verkehr in Albanien kennt, der wundert sich allenfalls um die niedrige Unfallquote. “Mir geht’s wirklich dreckig.”, schrieb ich dem Mann. Er versprach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, könne aber den Flugplan der Airline auch nicht beeinflussen. Ich schickte ihm einen grünen Übelkeitssmiley als Antwort. Die Situation war zum Kotzen. Das empfand auch mein Magen so.

Ich legte das Handy beiseite und erbrach wieder. Mehrmals. Das Kind weinte und schrie, wollte mir den Eimer entreißen und schlug mit der flachen Hand fest auf meinen Rücken. Oh Mann! Was für eine erbärmliche Situation. Ich beruhigte den vor Panik schreienden Signorino, nahm ihn in den Arm und erklärte ihm, dass es Mama nicht so gut gehe, aber die Situation unter Kontrolle sei. Letzteres war gelogen. Nichts war unter Kontrolle. Wir guckten seit zwei Stunden Peppa Wutz und ich spuckte mir die Seele aus dem Leib.

Um 12:30 Uhr verdonnerte ich das Kind zum Mittagschlaf. Eine andere Lösung, um die Zeit bis zur Ankunft des Römers zu überbrücken, sah ich nicht. Zum Glück schlief Signorino schnell ein. Ich auch, so erschöpft war ich. Doch nach zwanzig Minuten erwachte ich wieder, da über uns, wie jeden Sonntagmittag (!), eine Singparty unter Freunden stattfand. Unsere grandiosen Nachbarn Nina und Tobi (mit Baby) hielten und halten „Singen mit Freunden an einem Sonntag“ für ein Grundrecht. Sollen die Nachbarn sich doch einfach an ihren schiefen Lagerfeuertönen erfreuen. Das Kind schlief, toi, toi, toi, weiter. Ich ging in unser Schlafzimmer, spuckte auf dem Weg dorthin wieder, steckte das Babyphone ein und legte mich hin. Sofort schlief ich ein. Dann hämmerten Nina und Tobi. Sie hämmerten einen Nagel in die Wand. Oder mehrere. Auf alle Fälle war ich zu kraftlos gegen die Wand zu schlagen. Ich ertrug es. Und nahm mir vor, sobald ich wieder fit sei, ihnen klar zu machen, dass ich sonntags keinen Mucks hören will, der über Zimmerlautstärke hinausgeht, sonst schalte ich die Hausverwaltung ein. Vermutlich würde ich es netter ausdrücken, aber in dem Moment, gefangen in meinem Elend, spürte ich genau das.

Das Kind erwachte nach zwei Stunden Mittagschlaf. Normalerweise weckte ich Signorino früher, denn abends geht er sonst nicht ins Bett, aber ich war um jede freie Minute dankbar. Ich hob ihn aus dem Bett. Eine Seite seiner Hose war bräunlich. Vermutlich das geschmolzene Schokoladen-Eis, das ich ihm vorhin gab, um ihn zu beruhigen und zu beschäftigten. Nun ja. Wie sich nur einige Augenblicke später herausstellte hatte das Kind Durchfall. “Oh Mann! Oh Mann!”, würde das Kind jetzt sagen. Und „Oh Mann! Oh Mann!“ war die Situation tatsächlich. Unter Würgen wechselte ich die Windel, den braun-feuchten Body, wusch das Kind mit einem Waschlappen, zog es an und erbrach mich abermals. Das Kind krisch, Sie ahnen es, ich bemühte mich, es zu beruhigen, aber es beruhigte sich erst wieder, als ich mir den Mund ausspülte und auf allen Vieren auf das Sofa kroch.

Zwanzig Minuten später hörte ich ein Geräusch als würde jemand eine halbvolle Ketchup-Tube ausdrücken. Es war Signorino. Er guckte verwundert und grinste dann. „Oh Nein! Bitte nicht schon wieder.“, dachte ich an unsere Windelwechsel-Aktion von eben zurück. In meiner geistigen Umnachtung machte ich den Fehler, ihn hinzulegen und so verteilte sich die Masse bis zum Hals. Wortwörtlich. Ich fluchte, würgte, wechselte, wischte und rieb das Kind mit einem frischen Waschlappen ab. Dann bezog ich das Kind neu. Neuer Body, neues Oberteil, neue Hose, neue Socken. Alles neu! Am liebsten hätte ich seine alten Klamotten verbrannt, doch ich warf sie bei 95 Grad in die Waschmaschine.

Turtle, die an diesem Tag zu den Spät-Aufstehern gehörte, bot sich an, vorbeizukommen. Allerdings musste sie erst einen Corona-Test machen, denn, so waren die Regeln im Februar, sonst dürfe sie nicht Bahn fahren . Ich war besorgt, dass sie unseren Magen-Darm-Infekt als Gastgeschenk mitnahm, sollte sie uns besuchen.

Ich guckte auf die Uhr: Es war 12:30 Uhr. Das Flugzeug Richtung Albanien hatte bereits in Frankfurt abgehoben, um den Römer in einigen Stunden einsammeln zu können. Ich bedankte mich bei Turtle für Ihre Hilfe und erklärte ihr, dass ich Angst hätte, dass sie ebenfalls das Magen-Darm-Virus bekäme. Sie wollte sich nicht abbringen lassen von ihrem Besuch. Ich insistierte. Nach einiger Zeit willigte sie ein, dass sie daheim bleiben würde.

Ich wankte ins Bad. Leider musste ich auf dem Klo thronend abermals würgen. Ein Glück ist die Toilette so klein, dass man bequem ins Waschbecken spucken konnte, während man auf dem Lokus sitzt. Genau zu dieser Zeit tapste Signorino vorbei, erblickte seine würgende, auf der Toilette sitzende Mutter mit heruntergelassener Hose und schrie wie am Spieß. Wer kann es ihm verdenken? Das sind vermutlich Bilder, die man nur schwerlich vergisst. Er wollte mich sofort von der Toilette wegziehen, was wahrlich keine schlaue Idee war. Ich klammerte mich mit einer Hand an der Kloschüssel fest, mit der anderen Hand versuchte ich den panischen Signorino auf Abstand zu halten und dazwischen ging ich meinem Bedürfnis zu Erbrechen nach. Das Kind wurde immer panischer, je länger der Vorgang dauerte. Er war vollkommen durch den Wind. Nach jedem Schwall beruhigte ich den kleinen Mann. „Alles gut, Liebling. Mama geht’s nur nicht so gut heute. Keine Sorge.“ Meine Sätze beruhigten weder ihn, noch mich. Erst als ich mich nassgeschwitzt und wacklig – Erbrechen ist echt anstrengend – vom WC erhob, beruhigte sich Signorino langsam, zitterte aber dennoch wie Espenlaub. Er schniefte noch eine ganze Weile und hielt meine Hand fest umklammert, so als ob ich jeden Moment zu Staub zerfallen würde. Mir tat das alles furchtbar Leid. Mit aller Kraft versuchte ich fortan meinen Brechreiz zu unterdrücken, damit das Kind beruhigt sein würde. Wie ein zertretener Kaugummi lag ich auf dem Sofa, während das Kind fernschaute. Schamerfüllt muss ich zugeben, dass es das an diesem Tag seit Stunden tat. Ich fühlte mich unglaublich mies. Innerlich wie äußerlich. Ich war ein Wrack.

Die Zeit verging irgendwie. Ich weiß bis heute nicht, wie dieses „irgendwie“ aussah, denn alles lag in einem dichten Nebel.

„Was soll man machen?“, fragte ich mich nicht nur ein Mal…

Um 17:02 Uhr hörte ich Schritte im Hausflur. Sie eilten zu unserer Wohnungstür. Ich betete, dass es mein ausgeflogener, und eben wieder eingeflogener Gatte war und ja, immerhin diesmal wurden meine Gebete erhört. Der Römer marschierte im Stechschritt in die Wohnung. Signorino flippte aus vor Freude und warf sich in die römischen Arme. Alles, was für mich zählte, war nur noch der Überlebenswille, so dass jeglicher Kontrollzwang in weiter Ferne war. Unter normalen Umständen hätte ich gerufen: „Bitte wasch dir erst die Hände nach so einer Reise. Wer weiß, was du alles angefasst hast!“. Doch so jammerte ich nur ein „Endlich bist du da! Ich dachte, die Zeit vergeht nie!!“. Ich schlürfte an Vater und Sohn vorbei, den roten Kindereimer unter meinen Arm geklemmt, und legte mich ins Bett. Sofort nickte ich ein. Signorino wollte das so aber nicht gelten lassen und kam ins Schlafzimmer. Er stand neben meinem Kopf, legte seinen Kopf nur wenige Millimeter neben meinem Kopf ab und erzählte etwas. Ich streichelte seinen Blondschopf, empfahl ihm, ins Bett zu krabbeln und lächelte ihn müde an. Schnell wie der Blitz kletterte er über den Sessel ins Bett und setzte sich neben meinen Kopf. Dann begann er zu singen. Erst „Zum Geburtstag viel Glück“, dann seine ganz eigene Version des „ABCs“, um dann die richtigen Gassenhauer wie „Tschu Tschu Wa“ und „Certe Notti“ rauszuhauen. Mein Kopf dröhnte, mir war übel, aber es war ein schöner Gedanke seinerseits, mein Elend musikalisch auflockern zu wollen. „Signorino, vieni qua![Signorino, komm her!]“, rief der Römer und erklärte dem Sohn, dass ich schlafen müsse. Das war der Sigorino’schen One-Man-Coverband aber ganz egal. Er blieb sitzen und sang aus voller Brust weiter. Mittlerweile ging er zu den langsameren Nummern wie „La Le Lu“ und „Nina Na Na Nina Nu“ über, denn er merkte, dass ich die fetzigeren Lieder nicht so wertschätzen konnte wie das ein guter Sänger von seinem Publikum erwarten würde. Nach einiger Zeit gelang es dem Römer, Signorino aus dem Schlafzimmer zu locken. Vermutlich hat er dem kleinen Kerl mindestens einen „Igel“ [Schoko-Riegel] versprechen müssen, damit er seine angestammte Position auf der Bühne, neben meinem Kopf, verließ.

Dreißig Minuten später kam das Kind wieder bei mir im Schlafzimmer vorbei. An Schlafen war somit nicht zu denken. Ich schleppte mich gebeugt ins Wohnzimmer, platzierte mich wie der sterbende Schwan auf der Couch, bat den Römer um eine Schüssel (für Notfälle) und lag dort, als würde ich den Tod, bereits hinter dem Vorhang stehend, erahnen können. Alles war mir zu laut, zu hell und zu viel. Der Römer bot mir an, Pasta in Bianco zu kochen. Eine furchtbar liebe Geste, aber Nudeln in Öl und Parmesan ertränkt, waren das letzte, was mein Magen aufnehmen wollte. Denn generell wollte mein Magen gar nichts aufnehmen. Weder Wasser, noch Zwieback, noch Salzstangen. Er wollte sich primär erst einmal beruhigen. Das erklärte ich dem Römer, der meinte, ich solle einfach in kleinen Schlucken trinken und in kleinen Bissen essen. Ich würgte bei dem Gedanken, musste aber nicht spucken. Dennoch: Ich blieb bei der Null-Diät.

Als Signorino ins Bett ging, zwang der Römer mich wenigstens ein Nanogramm eines Zwiebacks zu essen. Ich knabberte daran wie ein traumatisiertes Kaninchen. Nach 1,5 Stunden hatte ich ein Viertel des Zwiebacks weggeknabbert und legte ihn zur Seite. Kraftlos schleppte ich mich ins Bett. Es wird schon werden, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Um 01:30 Uhr wachte ich auf. Ich ging ins Wohnzimmer. Mein Gang war immer noch gebeugt, aber etwas agiler als noch vor einigen Stunden. Mein Magen knurrte. „Komm mir jetzt bloß nicht so.“, feixte ich mein labiles Verdauungsorgan an. Ich knabberte an einem Zwieback. Draußen tobte ein Sturm. Dann trank ich in kleinen Schlucken Wasser. Er blieb drin. Nach einer Stunde ging ich zurück ins Bett. Mein Körper tat mir vom Kopf bis zum Rücken immer noch sehr weg.

Um 07:30 Uhr meldete sich der römische Wecker. Ich machte Tee, Kaffee für den Römer und bereitete ein Marmeladenbrot für Signorino vor. Dann weckten wir das Kind. Wie immer war Signorino „not amused“. Er frühstückte, wir zogen ihn an, die männlichen Farnientes verließen das Haus und dann geschah etwas, dass mir seit zwei Jahren nicht mehr passiert ist. Ich legte mich ins Bett und schlief einfach so ein. An einem Montagvormittag. Es ist nicht so, als hätte ich nie die Gelegenheit gehabt, dies auszuprobieren. Doch normalerweise lag ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett und konnte doch nicht wieder einschlafen, aber diesmal nickte ich einfach weg.

Um 12:30 Uhr erwachte ich wieder. Es fühlte sich surreal an, so spät aufzustehen. Ich war fit. Nicht topfit, aber fit. Der Römer brachte gegen 16:00 Uhr den Nachwuchs nach Hause und ich aß eine Haferflockensuppe.

Natürlich war ich noch auf Schonkost. Man will ja nicht gleich übertreiben. Abends bot mir der Römer ein Stück Seelachsfilet zu meinen trockenen Reis an. Ich winkte unter größter, akut auftretender Übelkeit ab. Aber ein Fischfilet sei doch etwas exquisites, versuchte er mir den ollen Fisch schmackhaft zu machen. Es muss wohl in der Familie liegen, dass man Personen, die gerade eine Magendarm-Grippe überstehen, gerne einen Fisch vorsetzt. Zuletzt tat das nämlich der römische Schwager am Ohrid-See, als sich mein Mageninhalt in den weiten der albanischen Steppe ergoss und er ein vorzügliches Fischrestaurant im Hinterland anfuhr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Römer unterbrach meine Gedanken an das Fischrestaurant am Ohrid-See. „Ich bin nur froh, dass ich diesmal verschont geblieben bin von eurer Magen-Darm-Grippe.“, stellte er, seinen Fisch kauend, fest. Er sollte sich arg täuschen….

[Fortsetzung folgt]

“Hallo zusammen!”

Dienstagmorgen an der S-Bahn Station. Signorino und ich warten darauf, ins Zentrum der Stadt transportiert zu werden. Es regnet und ist ungemütlich kalt. Das Kind erzählt ohne Unterlass. Ich verstehe nur Wortfetzen wie “Seilbahn” (er meint die S-Bahn) und “nass” (er meint den Regen).

Der rote Zug unseres Verkehrsbundes fährt ein. Darin sitzen überwiegend Menschen mit schwarzen Jacken und grauen Gesichtern. Man merkt deutlich, dass einige Arbeitgeber beschlossen haben, dass Homeoffice nicht nur keine Pflicht mehr darstellt, sondern auch keine Option mehr ist. Die Laune ist dementsprechend.

Signorino und ich steigen in die S-Bahn ein. Unser kleiner, blonder Zweijähriger mit blauer Winterjacke und grauer Trainingshose, blickt sich um und spricht inbrünstig mit fester Stimme, laut und deutlich:

“Hallo zusammen!”

Die Leute blicken sich nach dem Besitzer der hellen Kinderstimme um, lachen und lächeln, das Grau verschwindet von ihren Gesichtern.

Was ein einfacher Gruß an einem grauen Dienstag ausmachen kann. Probieren Sie’s doch mal aus und folgen Sie Signorinos Beispiel! 😉

So sähe ein deutlich entspannterer Morgen aus. Lauwarme Marzipancroissants beim Frühstück mit meinem besten Freund, dem Einen.

Eine Brieffreundschaft zwischen Anwohner und Parksünder

Es ist schade, dass wir heutzutage so wenig Briefe schreiben. In einer Zeit, in der wir „mal eben schnell“ eine Nachricht über den Messengerdienst verschicken oder noch flink die E-Mail für den Chef fertig tippen, gehen die mühevoll von Hand geschriebenen Texte, bei denen man jedes Wort sorgsam auswählt, vollkommen unter.

Diese Woche, angetrieben von meiner unbändigen Wut, änderte sich das für mich.

Ich fädelte mein Auto also mühsam in unsere Hofeinfahrt ein (Stichwort: Kamel und Nadelöhr), rangierte, setzte zurück, fluchte, rangierte wieder, quetschte mich nur wenige Zentimeter an dem Objekt meiner Wut vorbei und sah mich vor meinem inneren Auge schon hektisch mit Polizei und Versicherung telefonieren , weil ich schließlich doch an dem unverschämt geparkten Auto mit meinem Gefährt hingen bleiben würde. Letztendlich presste ich mich durch die Einfahrt, fuhr die langgezogene Auffahrt schweißgebadet und etwas zittrig hoch und parkte auf meinem Parkplatz ein. Erleichtert atmete ich zwei, drei Momente tief durch. Die Aufregung war vorbei. Jetzt war genug Platz für meine Wut über diesen Kartoffelkopf über, der seinen Wagen halb in unserer Einfahrt abgestellt hatte. Ich holte einen blassgelben Klebezettel und einen Stift aus der Mittelkonsole des Autos heraus und versuchte dreimal das B von Bitte zu schreiben, doch der Kugelschreiber versagte, während ich beinahe verzagte. Aber Aufgeben war keine Option! Ich hatte eine Mission zu erfüllen.

Rasch kramte ich einen zweiten und kurz danach einen dritten Stift aus meinem Rucksack. Der erste Zettel genügte nun meinen ästhetischen Ansprüchen an eine emotionsgeladene Haftnotiz nicht mehr. Bei aller Wut über den SUV-Fahrer, der so schamlos vor unserer Einfahrt parkte, dass ich nur durch mühsames, zentimetergenaues Rangieren und lautes Fluchen durch unsere Einfahrt passte: Soviel Respekt hatte ich dennoch für diesen unangenehmen Mitmenschen übrig, dass ich darauf bedacht war, meine Briefe ordentlich zu verfassen. Außerdem wollte ich mir nicht die Blöße geben, dass er vielleicht noch erkennen würde, dass ich anfangs noch nicht einmal einen funktionierenden Kugelschreiber bei mir hatte, um diesen Brief an ihn verfassen zu können.

Der dritte Stift und das zweite Post-It später ließ ich meiner Wut freien Lauf. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits einen Krampf in der rechten Hand, was auch daran liegen konnte, dass sich mein Schulterbereich, mein Arm und meine Hand vor lauter wütendem Rangieren ganz versteift hatte und ich den Stift nun führte wie andere ein Skalpell.

Schließlich machte ich den letzten Punkt unter das gespiegelte S, so dass es sich als ein Fragezeichen zu erkennen gab. Fertig! Ich grinste. Nimm das, du unverschämter Volvo*-Fahrer! Ich stieg aus, schlug die Autotüre zu, setzte mir den Rucksack auf die immer noch verspannten Schultern, stiefelte durchs Einfahrtstor, guckte mich hektisch um, eilte zum schwarzen Auto, klebte den Zettel auf die Windschutzscheibe des Düsseldorfer Gefährts (In Frankfurt! Na, hören Sie mal, der kann doch Bahn fahren, dann hätten wir dieses Problem gar nicht erst gehabt!) und schlich mich zufrieden durch den Vordereingang wieder ins Haus.

Am Abend, der Düsseldorfer parkte immer noch behäbig vor unserem Tor, unterrichtete ich den Römer über meine Wut und wie es mir gelang, diese zu kanalisieren, damit ich nun mit dieser Situation zufrieden bis zum Rest meines Lebens leben konnte.

Den Teil, dass ich untertags beinahe pathologisch am Fenster klebte, um zu verifizieren, ob der Klebezettel bei mittelstarkem Wind auch wirklich auf der Scheibe haften würde (wäre ja schade darum!) oder aber dieser Parksünder bereits sein Ungetüm wegbewegt hatte, unterschlage ich hier besser.

Durch den Sahara-Sand wurde die Szenerie mit einem beeindruckenden Himmel belohnt. Nicht auf dem Bild: Der Volvo des Grauens.

Der Römer grinste. „Va bene. [In Ordnung.]“, kommentierte er meine Aktion und ließ sich das Auto meines Gegenspielers von mir zeigen. Dabei starrten wir wie die Eulen aus dem Küchenfenster auf die dunkle Straße. „Ah, die schwarze Volvo.“, sagte der Römer.

Dass es „der Volvo/BMW/xy*“ heißt, versuche ich ihm übrigens seit 2016 zu erklären. Aber im Italienischen heißt es nunmal „la Volvo/BMW/xy“. Und im Zuge meines aufkeimenden Feminismus fand ich, dass es viel mehr weibliche Nomen geben sollte. Gerade Automarken, die gerne als Sinnbild der Männlichkeit vermarktet werden, verdienen doch wirklich einen weiblichen Artikel.

Wenig später kochte der Römer für uns. Aus der Küche rufend, informierte mich mein Gatte, dass mein Brieffreund dabei war, von Dannen zu ziehen. „Er ist eingestiegen. Aber er fährt nicht los.“, hielt mich der Römer auf dem Laufenden. Beide glotzten wir wieder herunter zu der schwarzen Riesenkarosse. Einen Fahrer konnte man nicht erkennen. Dafür war es zu dunkel. Nur die Scheinwerfer leuchteten im Dunkeln stumm vor sich hin. Bei gekipptem Küchenfenster konnte man bereits den Motor laufen.

„Der ärgert sich sicherlich über meine Nachricht.“, grinste ich selig nach unten. Der Römer schüttelte beinahe unmerklich den Kopf und legte seinen Arm um meine Schultern. Nach quälend langen fünf Minuten fuhr der Parksünder weg. Er musste wohl erst den ersten Gang seines fahrbaren Monstrums finden. Doch ich hatte meinen Standpunkt klargemacht. Die Geschichte war für mich abgeschlossen.

Am nächsten Tag, ich fuhr unseren Nachwuchs in die Kita und kam nach 30 Minuten wieder zurück, sah ich bei der Einfahrt durchs Tor, dass dort der gelbe Zettel klebte. Mein gelber Zettel! „Den hätte er wenigstens entsorgen können. Pff!“, dachte ich, stellte das Auto ab und ging zurück Richtung Tor. Doch eine ältere Dame mit fröhlich gemustertem Einkaufstrolley, der nun stramm neben ihr stand, las neugierig den Zettel. Natürlich wollte ich mich nicht als Autorin dieses literarischen Meisterwerkes outen und so tat ich so, als würde ich nur eben den vorderen Eingang benutzen wollen.

Ich kontrollierte zur Tarnung unseren Briefkasten und sah wie die Dame leise in sich hineinlachend und kopfschüttelnd an unserem Haus vorbeischlürfte. Pfeilschnell wie ein Gepard eilte ich wieder aus dem Haus, bog nach links ab, rupfte den Zettel vom Tor und ließ ihn unauffällig in meiner Manteltasche verschwinden. Dann schlenderte ich betont lässig durch den Hintereingang ins Wohnhaus, nahm den Aufzug und sperrte wenige Augenblicke später die Wohnungstür auf.

Ich zog den Zettel aus der Tasche, bereit ihn zu entsorgen, doch da sah ich, dass mein Düsseldorfer Brieffreund mir geantwortet hatte. Das war also der Grund gewesen, weswegen er nicht sofort wegfuhr!

Auf meinen wunderbaren Ratschlag:

„Bitte lassen Sie dringend Ihre Sehkraft überprüfen! Dies ist eine Ausfahrt, kein Parkplatz! Oder könnten Sie Ihre Karre durchs Nadelöhr fädeln?“

Antwortete mein Brieffreund:

„-> Hier kommt ein LKW durch!“

Und dadurch, dass er den Zettel an die Hofeinfahrt hing, konnten viele, neugierige Passanten an unserem informativen Briefwechsel teilnehmen.

Well played, Düsseldorf! Well played!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.

Vom Frühling, Albanien und meinem kalten Espresso

[Zusammenhanglose, wenig geistreiche Gedanken, abgetippt. Nehmen Sie’s nicht auf die Goldwaage!]

Was ist das für eine seltsame Zeit? Die Mehrheit der Grünflächen sind immer noch braun-grau dominiert. Aber doch, ein paar mutige Krokusse, ein paar Osterglocken und ein paar von diesen Weißen, die immer den Kopf hängen lassen und deren Name ich immer vergesse, kämpfen sich mit stoischem Starrsinn durch das Braun-Grau und recken und strecken ihre Köpfe Richtung Sonne, als ob sie das Weltgeschehen gar nichts anginge. Und genau so ist es: Die Bäume schlagen aus, erste, feine Knospen wachen langsam auf. Selbst mein Garten, den ich momentan auf der Fensterbank züchte, wacht langsam auf. Die Sonne scheint zumindest den Granatapfelsamen und eine Chilli-Pflanze davon überzeugt zu haben, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, zu erwachen und zu erwachsen. Von der divenhaften Zitrone schreibe ich lieber nicht, denn diese hat sich dazu entschlossen, dass sie wohl nicht in diesen unsteten Zeiten aufwachen möchte. Alles hat seine Zeit im Leben. Die Zeit der Zitrone ist anscheinend (noch) nicht gekommen.

Der Frühling pirscht sich an. Ein Neuanfang der Natur. Der ewige Kreislauf. Ob die Natur ihren Neuanfang selber wählen kann? Vermutlich nicht. Sie hat keine Wahl. Und damit schließt sich der Kreis zu den großen Kriegsverbrechen dieser Welt. Als ob hier jemand die Wahl gehabt hätte. Mitnichten. Und doch, es geht immer weiter. Irgendwie wird’s schon werden.

Der Römer erzählte mir gestern von seiner Großmama. Eine kluge, starke Frau, die viele Töchter und nur einen Sohn gebar, der sich auch noch in den Kopf setzte, eine von den Muratis zu heiraten. Die Muratis hatten nicht das beste Ansehen im kleinen, albanischen Bergdorf im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Wenn überhaupt arbeiteten die Männer als Kopfgeldjäger. Doch meist machten sie nicht einmal das. Nur die Frauen, die schufteten. Fleißige Damen jeglichen Alters. Deswegen willigte man schließlich doch ein, dass der Sohn eine Murati heiraten dürfe. Sie würde schon wissen, was harte Arbeit bedeutete, musste man doch die männlichen Verwandten durchfüttern. Aber Sie sehen, ich schweife ab in eine Erzählung, die an Karl Mays Romane erinnert, aber doch der Wahrheit entspricht.

Wie dem auch sei, die römisch-albanische Großmutter erzählte, dass die österreichisch-ungarischen Besatzer überaus freundliche Leute waren. Als sie am kleinen Bergdorf vorbeikamen, das den schnellsten Weg nach Tirana bot (damals, jetzt ist dort ein künstlicher Stausee), winkten sie freundlich und marschierten Richtung Hauptstadt. „Mein Gott!“, dachte ich noch, „Was muss die Frau alt gewesen sein, wenn sie angibt österreichisch-ungarischen Truppen begegnet zu sein.“ Dann tat ich das, was ich in solchen Fällen immer tue. Ich tippte flink ein paar Suchbegriffe in eine Suchmaschine ein und fand heraus, dass die Truppen im 1. Weltkrieg tatsächlich präsent in Albanien waren. Lesen Sie sich das ruhig einmal durch. [Klick] Die Albaner*innen empfanden die Besatzung sogar als überwiegend positiv, eben so wie die römisch-albanische Großmutter. Jetzt werden die Österreicher*innen unter Ihnen mich vermutlich bei dieser Aussage kreuzigen, aber die Österreicher*innen sind nun mal die entspannteren Deutschen Alpenbewohner.

Im Hintergrund sehen Sie die Sophienkathedrale Kiews. Dieses Foto entstand während des ESC 2017 als die ganze Stadt feierte, wir mittendrin.

Dazu fällt mir gleich noch einmal etwas ein. Am 28. November ist Albanischer Unabhängigkeitstag. Nach über 500 Jahren Unterdrückung durch das osmanische Reich rief man am 28. November 1912 die Unabhängigkeit Albaniens aus. Nur der Römer schreibt jedes Jahr an diesem Tag in den sozialen Netzwerken den immer gleichen Beitrag: „Unabhängigkeitstag in Albanien. Nur ich leide noch unter der deutschen Besatzung.“ Jedes Jahr ein Kracher bei seinen Freunden. Bei mir befindet sich der Witzfaktor eher im gemäßigten Bereich.

So, jetzt mache ich mich mal wieder daran und studiere etwas. Medienprozesse: Medienrecherche und -konzeption. Ich kann mich nicht einmal über das Thema beschweren, da ich es sehr interessant finde. Oder hätten Sie gewusst, für was der Begriff ARD steht? Ich löse schnell auf, denn mein Espresso wird kalt und, wie geschrieben, ich muss lernen, um ein weiteres Examen zu absolvieren: Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschlands. „Pah!“, werden Sie sich denken. „Ein Glück hat der liebe Gott Abkürzungen erfunden.“ Oder können Sie sich vorstellen, Ihrem/Ihrer Partner*in zu sagen: „Schatz, die Tagesschau kommt gleich. Schalte bitte die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland ein?“ Sehen Sie! Am Ende findet man für alles eine Lösung. Irgendwie. Aber bitte möglichst flott.

WMDEDGT – März 2022

Es ist der 5. und die arme Frau Brüllen, die einen Skiunfall hatte (Gute Besserung!!), fragt wie immer: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer:WMDEDGT.

gegen 02 Uhr: Signorino schreit. Ich höre ihn und stelle mich tot. Der Römer wacht wenige Augenblicke nach mir auf und sprintet zu Signorino. Wie eine schnurrige Katze strecke ich mich in unserem Bett aus und döse wieder ein.

08:30 Uhr Der Römer kam nicht wieder. Signorino ist wach und kommt in mein (höhö! so fühlte es sich an) Schlafzimmer. Wir kuscheln, dann will er „Schokoku(chen)“. Leider haben wir keinen. Dafür Schnecken (Huhu! Valentin! 😄 Da musste ich an dich denken). Signorino hüpft aus dem Bett. Er isst wenig Apfel-Schnecke, will dann Joghurt, dann lieber doch nicht, dann will er Brot mit Marmelade. Dann doch nicht mehr. Dadurch, dass das Kind aber momentan so wenig isst, sind wir froh, wenn er irgendetwas isst. Am Ende verspeist er das Franzbrötchen des Römers und der Römer isst den Rest vom Joghurt, den Rest der Schnecke und den Rest des Marmeladenbrötchens. Ich esse nur Schnecke.

09:30 Uhr Wir ziehen uns an. Der Römer beschwert sich, dass ich immer seine Pullis anziehe. Meine sind alle in der Wäsche, außerdem hat er mir seinen grauen Pulli geschenkt. Ich erinnere ihn daran, dass ich sogar eine Katze darauf genäht habe, weil er so unansehnlich war. Ruhig erkläre ich, dass er de facto oftmals meinen Pulli trägt und nicht andersherum. Er gibt auf.

Fröhlicher Katzenaufnäher auf dem Pulli.

10:30 Uhr Endlich ist alles für den Waldspaziergang gepackt. Man möchte meinen, wir fahren in den Urlaub. Heute fühle ich mich danach, etwas neues auszuprobieren. Also fahren wir zur Oberschweinstiege. Dort liegen Baumstämme herum, die das Kind beklettern will. Der Römer hilft. Aber sehen Sie selbst in der Galerie! Das Kind geht heute sehr viel und will partout nicht getragen werden (Juhu!). Am Ende helfen noch zwei Bestechungsquetschies um am Auto anzukommen. Der Römer ist etwas genervt, weil das Kind am Ende im großen Stil ausflippt und er gleichzeitig hungrig ist, was der Gatte aber nicht einsehen möchte. Ich biete dem römischen Ehemann einen Schokoriegel aus meinem Süßigkeitenfach in der Mittelkonsole an und fahre uns nach Hause. Mit zunehmendem Blutzuckerspiegel hört der Gatte auf zu schmollen.

13:30 Uhr Wir sind daheim. Ich beschließe, dass heute Sandwich-Tag ist und grille Auberginen und Paprika im Ofen. Dann vermische ich diese Kreation mit Schafskäse und toaste Bauernbrot. Tada! Essen ist fertig. Das Kind will nur „Bot mit Butti“, Brot mit Butter. Danach vertilgt er eine Banane. Wir beschließen, dass das Kind heute auch ohne Mittagsschlaf durchhalten kann. Nach einer Stunde legt sich der Römer geschafft in Signorinos Bett. Es kann wohl nicht jedes Familienmitglied ohne Mittagsschlaf durchhalten. 😉

15:30 Uhr Wir reden über unseren Urlaub Ende März. Der Römer möchte nach Albanien. Ich gebe ehrlich zu, dass ich momentan so ausgebrannt bin, dass ich mir das nur ungern antun würde. Erholung ist das keineswegs. Ganz im Gegenteil! Wir haben schon eine Beschwerdeliste von Verwandten, die das Kind IMMER NOCH NICHT gesehen haben. Und er ist schließlich schon 2 Jahre alt!!! Dass dazwischen Corona war und wir nicht vier Mal im Jahr nach Albanien reisen konnten, fehlt anscheinend in der Erinnerung der Verwandtschaft. Ich schlage dem Römer vor, dass ich ihm ein Formular ausstelle und beglaubigen lasse, dass er alleine mit Signorino ins EU-Ausland reisen darf. Er winkt ab. So dringend sei es nicht, dass er nach Albanien müsse. Außerdem sei es abends ganz furchtbar kalt. Nicht, dass das Kind sich erkältet. 😄 Ob wir denn stattdessen nach Dubai könnten? „Klar!“, sage ich und frage nach dem Reisebudget. Der Römer überlegt kurz. „800 Euro.“, gibt er schließlich sein Budget preis. „Vielleicht eher Dietzenbach statt Dubai? Aber auch nur, wenn wir daheim schlafen?“, ziehe ich ihn auf. Er versucht‘s mit Südspanien. Wir gucken mal, ob und wenn ja, wohin wir fahren.

17:00 Uhr Nachdem der Römer seit Wochen erwähnt, dass er heute aber ganz unbedingt das Auto innen putzen will, erinnere ich ihn daran, dass er auch heute ganz unbedingt das Auto innen putzen wollte. Er murmelt unverständliches. Ich bringe ihm den Staubsauger. Wir gehen in den Keller, um den neuen Kindersitz zu holen. Dort finden wir auch ein Laufrad, leider unaufgepumpt. Die Ballpumpe hilft auch nicht weiter. Wir nehmen den Auto-Aufzug und ich bekommen nur ein ganz klein bisschen Panik als er laut kracht. Dennoch: Wir kommen oben heil an. Dann putzen wir das Auto, während Signorino auf dem Parkplatz hin- und herläuft. Das Auto ist in einem desaströsen Zustand. 30 Minuten später, Signorinos neuer Kindersitz wurde gerade installiert, ist das Auto sauber. Das Kind, das zu Testzwecken in den neuen Kindersitz gesetzt wurde, weigert sich vehement auszusteigen. Also bringt der Römer den Kindersitz in den Keller und ich warte mit Signorino im Auto. Der Gatte kommt zurück, wir fahren los. Bei den Spritpreisen ist eine Spritztour in der Stadt ziemlich dämlich. Wir düsen ins Westend, dann wieder zurück. Ein Transporter steht in unserer Einfahrt, also fahren wir noch eine kleine Runde. Unglücklicherweise schläft das Kind ein. Nach 15 Minuten sind wir wieder daheim. Das Kind betrachtet es als Affront, ihn aus dem Schlaf gerissen zu haben. Die Laune ist katastrophal, aber noch katastrophaler wäre es, das Kind nicht zu wecken und bis weit nach Mitternacht zu bespaßen. So ist er hoffentlich nur bis 22 Uhr wach.

19:00 Uhr Der Mann macht Pesto. Da das Kind momentan ein schwieriger Esser ist, hoffen wir, damit punkten zu können. Es klappt. Gnocchi mit Pesto werden vom kleinsten Farniente verschlungen. Ich habe heute den festen Plan, dass das Kind vom Mann ins Bett gebracht wird, nachdem ich das seit Wochen und Monaten mache. „Volentieri. [Gerne.]“, sagt der Mann und wir wissen beide, dass das auch heute wieder nichts wird.

21:30 Uhr Das Kind scheint ausreichend müde zu sein. Ich verstecke mich im Bad. Der Mann putzt mit dem Nachwuchs Zähne. Dann legen sie sich ins Bett. Und natürlich flippt der Kleine komplett aus. Komplett. Ich wiederhole im Geiste, dass er auch ohne mich auskommt, zumindest ein „Ins-Bett-bringen“ in drei Monaten. Er lässt sich nicht beruhigen. Ich gehe genervt in sein Zimmer und bringe ihn ins Bett.

Let‘s call it a day!

Raus jetzt mit uns!

Raus jetzt mit uns!

„Ich muss mal raus aus der Stadt.“, sage ich zum Römer als Antwort auf den morgendlichen, ukrainischen Militärbericht. Er hätte sich eine andere Antwort gewünscht, das sehe ich anhand seines erstaunten Blickes. Seit Beginn des Krieges unterrichten wir uns, beinahe ohne Unterlass, über neue, grausige, schaurige, traurige Ereignisse, die wir der Presse entnehmen. Wir zeigen uns Bilder und leiden mit all den Familien, die ihre (erwachsenen) Kinder an den Krieg verloren haben oder zu verlieren drohen.

Der Römer klappt die Hülle des Tablets zu und unterbreitet mir den Vorschlag, mal wieder am Lungofiume, wie er das Frankfurter Mainufer seit jeher nennt, ein Ründchen zu drehen. „Ich ertrage heute keine Menschenmassen. Tut mir Leid! Ich brauche Bäume.“, wehre ich seinen Vorschlag ab. Zur Schweinheimer Düne, wie die Schwanheimer Düne für den Gatten heißt, möchte er nicht. „Wir streiten uns nur wieder bei der Autofahrt.“, erklärt er mir sein Schwanheimer Veto. „Dann fahren wir eben in den Stadtwald!“, schlage ich vor und setze nach, dass ich versuche bei seiner abenteuerlichen Navigation nicht dem Jähzorn zu verfallen. Vorsichtig nickt der Römer. Er sieht aus wie jemand, der einen Pakt mit dem Teufel schließt.

Natürlich verfahren wir uns auf dem Weg zum Neu-Isenburger Park&Ride Parkplatz. Doch diesmal bleibe ich ruhig. Wir haben keinen Termin. Notfalls landen wir eben woanders. Schlussendlich finden wir den Parkplatz und stapfen los. Weit kommen wir nicht, denn das Stadtkind ist ganz aus dem Häuschen bei dieser Vielfalt an Stöcken, klein und groß, und bei all den unzähligen, frei herumliegenden Blättern. Voller Freude lässt er sich am Wegesrand in die Blätter plumpsen und wühlt genüsslich mit beiden Händen durch das Blättermeer. Dann entdeckt er, dass es hier auch noch Steine gibt. Steine!! Er ist definitiv im Paradies angekommen. Soviel steht fest. Stein um Stein sammelt er, drückt sie mir in die Hände, wirft sich wieder ins Unterholz, stellt schockiert fest, dass Himbeerranken pieksen, weint aber nicht, sondern streichelt zur Beruhigung über grünes Moos. In 40 Minuten kommen wir etwa 70 Meter weit. Als ich versuche, das Kind weiterzuziehen, radeln Vorstädter an uns vorbei. „Ach lasse Se doch den kleine Bub! In der Stadt ham Se doch soviel Natur sicher ned.“, spricht ein grauer Panther, der nebst Gattin mühelos auf seinem E-Bike vorbeigleitet. Ich lächle.

„Wie hat der jetzt erkannt, dass ich Städter bin?“, frage ich den Römer. Er zuckt mit den Schultern. Fortan mustere ich die wenigen uns entgegenkommenden oder überholenden Radfahrer und die flotten Spaziergänger. Am Ende des Spaziergangs werfe ich nur ein Wort in die Stille des Waldes: „Gore-Tex!“ Der Römer guckt mich vollkommen entgeistert an und weiß nichts mit diesem Wort anzufangen. Wie auch? Es bahnte sich den Weg vollkommen ohne Zusammenhang. „Die Lösung ist Gore-Tex! Wir tragen keine Funktionskleidung und deswegen sind wir sofort als Städter auszumachen. Wer trägt schon Daunenjacken und Parker im Wald? Wer trägt Lederstiefel und Turnschuhe? Eben! Niemand. Nur Leute aus der Stadt.“, erkläre ich dem römischen Gatten. Dieser wundert sich schon längt nicht mehr über meine Gedankengänge. „Deswegen bist du immer so verspannt! Weil du dir viel zu viele Gedanken machst. Du zerdenkst selbst den Waldspaziergang.“, stellt dieser belustigt fest. Ich ignoriere diesen Satz großzügig, weiß ich doch, dass er absolut recht hat mit seiner Aussage. „UND….“, ergänze ich hochtragend. „Wir haben keinen Fahrradanhänger als Kindewagen für Signorino. Auch das outet uns als Städter. Wir fahren…“, ich dämpfe meine Stimme. „Buggy!!“ Der Römer übergeht meine Erkenntnis und bietet dem Sohn einen Quetschie an. Nach einer Weile, er stellt sich gerade die Sitzheizung des Beifahrersitzes kuschelig warm auf die Maximal-Stufe ein, lässt er sich zu einer Aussage hinreißen: „Wir sind doch auch Städter, die im Stadtwald spazieren gehen. Ich sehe daran nichts Verwerfliches. Nächste Woche möchte ich wieder kommen. Hier ist’s echt schön.“ Ich nicke, während ich rückwärts ausparke und unser Auto bereits anfängt, nervös zu piepen, während das Auto hinter mir noch meilenweit entfernt steht. „Vielleicht sollten wir doch mal über Gore-Tex Uniformen nachdenken?“, frage ich lachend. „Anche no! [Nie im Leben!] Du wirst mich zu Lebzeiten weder in Funktionskleidung, noch in albanischer Tracht* sehen.“, bemerkt der Gatte sehr ernst. „Bei der letzten Option wäre ich mir nicht so sicher.“, grinse ich und fahre unsere Direktorenkutsche auf die Bundesstraße Richtung Stadtzentrum.

*Besonders bei albanischen Hochzeiten gibt es einen Programmpunkt, in dem die römische Familie es sehr genießt, sich in albanischer Tracht zu zeigen. Es ist der Moment, in dem der Bräutigam die Braut in ihrem Elternhaus abholt. Nur der Römer weigert sich vehement, sich in diese Tracht zu werfen. Meist sind auf Fotos dieses Ereignisses sehr viele albanische Verwandte in der typischen Tracht zu sehen und am Rand ein Herr mit Sonnenbrille und italienischem Maßanzug. Das ist mein Mann.

Unsortierte Bestandsaufnahme

Unsortierte Bestandsaufnahme

Heute ist der erste Tag seit Abgabe meiner Hausarbeit im Dezember, an dem ich vormittags alleine zu Hause bin. Keiner ist krank (toi, toi, toi!), das Kind ging in die Kita und ich muss heute nicht in die Arbeit.

Holprig läuft es dennoch. Wir haben einen Ganztagesplatz für Signorino seit Februar, so dass ich fälschlicherweise davon ausging, dass das Kind schon irgendwie mitmacht. Es würde sich um 1,5 Stunden mehr handeln, die er nun in der Kita verbringen würde. „Würde“ deswegen, weil er nicht will. Er ist komplett aus dem Häuschen, weint viel, braucht wieder seinen Schnuller und will nur noch zu Hause bleiben. Nach Absprache mit den Erzieherinnen paddelten wir zurück, was bedeutet, dass wir für einen Vollzeitplatz zahlen, aber ihn abholen wie zuvor. Solange, bis er wieder „angekommen“ ist.

Generell ist momentan der Wurm drin, denn das Kind schläft nicht mehr. Das bedeutet, dass ich jede Nacht von 1 bis 5 Uhr bei ihm wache, mit der Betonung auf wachen. Er schläft, irgendwie, sich viel bewegend, neben mir. Zusammen sind wir wie die Sardinen in ein 90-Zentimeter-Bett gequetscht, während der römische Gatte alleine im Ehebett schlafen darf. Dabei ist es nicht so, als würde sich der Römer absichtlich rar machen. Vielmehr ist er der erste, der am Schauplatz des Geschehens, Signorinos Kinderzimmer, ankommt, sobald der Sprössling schreit und nach uns ruft. Doch Signorino lässt sich nicht vom Römer einlullen. Nur Mama wird im Kinderbett akzeptiert.

Und Mama? Ist meistens müde, verteilt 16 Stunden Arbeit auf 3-4 Bürotage aufgrund der Signorino’schen Kitaverweigerung und schmiert sich aktuell ihr Studium in die Haare. Man sagt Privatuniversitäten gerne nach, dass einem der Abschluss hinterher geworfen wird. Dem ist leider nicht so. Man muss sich tatsächlich hinsetzen und dafür lernen. War mir auch neu. 😉

Immerhin, in größter Müdigkeit, Signorino hatte ich kurz vorher in die Kita kutschiert, durfte ich feststellen, dass meine Söder’sche Hausarbeit korrigiert wurde. 9,77 von 10 Punkten darf sich durchaus sehen lassen. Am Ende der Arbeit stand ein Kommentar des Professors: „Herzlichen Glückwunsch zu dieser fulminanten Arbeit! Machen Sie weiter so. Alles Gute! Prof. XY“. Immerhin hat sich mein Aufwand gelohnt, auch wenn mein Professor den Vermerk „PR“ am Anfang neben meine Arbeit geschrieben hat. Nun ja, PR ist Journalismus definitiv nicht. Zumindest sollte es nicht so sein, aber bei 9,77 von 10 Punkten (ich erwähne es gerne nochmal!) will ich mal nicht so streng sein.

Vor lauter Freude war ich dementsprechend nicht mehr in der Lage, mich vormittags auszuruhen. Da ich aber über ein komplettes Matschgehirn verfüge, kümmerte ich mich als Übersprungshandlung um die Steuererklärung. Ein Datensatz fehlt mir noch, dann wäre dieses Thema auch erledigt.

Übrigens, weil ich gerade so am konzeptlosen Schreiben bin: Auditive Nachrichten lassen sich im Zustand mütterlicher Müdigkeit von meinem Gehirn nur schwerlich dekodieren, aber Autofahren klappt immer noch 1a. Heute verhinderte ich zwei Unfälle, bei denen ein Busfahrer und ein Offenbacher Luxusschlitten doch tatsächlich auf die Fahrbahn rollen wollten, ohne vorher zu gucken, dass meine Wenigkeit bereits am Anrollen war. Außerdem bremste ich geistesgegenwertig als eine Dame mit flottem Kurzhaarschnitt in der Farbe von Eichhörnchenfell die Fahrertür aufriss. Zack! Hatte ich gebremst und wir waren beide froh, dass ich das rechtzeitig tat. Das Eichhörnchen winkte entschuldigend, ich lächelte in meinen verwaschenen Kapuzenpullover. Wieder ein Menschenleben gerettet! Es kann so einfach sein. 😉

In diesem Sinne: Lassen Sie sich bitte nicht vom Winde verwehen. Seien Sie vernünftig und bleiben Sie im Haus, wenn Kleinwagen und Gartenstühle an Ihrem Fenster vorbeifliegen wie Blätter eines Werbeprospekts.

Und für all diejenigen, die ähnlich der Eichhörnchen-Frau gedankenverloren die Autotür aufreißen. Ich habe da etwas für Sie: Klick!