Angst um die Direktoren-Kutsch

Angst um die Direktoren-Kutsch

Vor wenigen Augenblicken bin ich in den Innenhof gefahren. Das Einfahrtstor stand offen – wie es tagsüber in unserem Wohnkomplex so Usus ist. Erst in den frühen Abendstunden schließen wir oder die Nachbarn es, verriegeln es und sperren es ab. Ich gehe mit meinem Rucksack Richtung Haustüre und sehe Parkwächter Krause, der auf dem angrenzenden Grundstück Sonnenblumenkerne in ein Vogelhaus einsortiert. Mit einem lauten „Hallo, grüß Sie!“ begrüße ich ihn. Er geht gar nicht erst auf diese Begrüßungsfloskel ein und legt direkt los. Dabei scheint ihm das Thema, das er vermutlich schon etwas länger auf dem Herzen liegen hat, zu beunruhigen.

Parkwächter Krause [PK]: Entschuldige Sie, bitte! Frage!

Ich: Äh…ja, jederzeit. Wie kann ich Ihnen helfen?

PK: Haben Sie die Jugendlichen auch gesehen, die immer in Ihrem Innenhof stehe und rauche?

Ich: Sie meinen die drei, vier Kerle? Ja, habe ich. Sie trinken Kaffee aus Pappbechern und rauchen dort hinten [zeigt auf eine Ecke im Innenhof]. Es ist eine richtige Plage geworden.

PK [die Miene verfinstert sich]: Net nur des! [flüstert sehr laut] Des sind Kleinkriminelle!

Ich [etwas überrascht von dieser Behauptung]: Oh! Das wusste ich nicht.

PK: Aber ich! Ich hab‘ des im Gfühl. Wisse Sie, ich schau ja auch fern, bin informiert und da berichte die öfter amal über solche Jugendliche. Die klauen Ihr Auto, wenn Sie net uffbasse.

Ich [entschließt sich, das Spiel mal mitzuspielen]: Um Gottes Willen!! Was schlagen Sie jetzt vor, was wir machen sollen?

PK: Gnadelos des Einfahrtstor schließe! Es ist a bissle Aufwand, aber des lohnt sich. [Guckt zu meinem Auto, zeigt mit dem Kinn auf selbiges] Ihr Fünf-Meter-Kutsch hat sicher net nur 5 Euro kost.

Ich [scherzend, dabei versucht, die Situation aufzulockern]: Mindestens 10 Euro hat es schon gekostet, ja.

PK: Na, mir mache Sie nix vor. Des Auto kost‘ a Schweinegeld. [zeigt nochmal mit dem Kinn zu meinem Auto] Des is doch so a Direktoren-Kutsch.

Ich [schweigt, etwas verschämt]

PK: Wisse Sie, ich beicht’ Ihne des jetzt grad amal frei raus: Ich war 40 Jahre lang Pförtner beim Hauptfriedhof Frankfurt. Ich hab alles gsehe! Und ich formulier’s amal so: Ich hab a Gspür für solche Leut‘ wie die Youngsters da im Innehof. Mittlerweile bin ich zwar in Rente, aber ich sag immer: Sie kriege zwar die Person aus dem Beruf raus – aber net den Beruf aus der Person. Ich weiß einfach, wann man knallhart uffbasse muss! Bei dene junge Leut’ im Innehof is was faul. Und jetzt sag ich Ihne noch was: Die junge Leute ham letztens in alle Autos, die da bei Ihne im Innehof grasen, reingschaut. Auch in Ihrs!! So, da ham Se den Salat!

Ich [schäme mich etwas, da das Auto voller Pfandflaschen, Riegelverpackungen und Gedöns ist, etwas kleinlaut]: In alle?!

PK: Ganz genau, in alle! Deswegen können wir nur was schlimmeres verhindern, wenn wir des Einfahrtstor gnadelos geschlosse halte! Wisse Sie, ich bin ja sehr aktiv in Funk und Fernsehen.

[Ich gucke etwas irritiert und frage mich, ob er sich als Komparse verdingt. PK registriert meine fragenden Blicke]

PK: Natürlich als Zuschauer, net als Tagesschau-Sprecher [Ich stelle mir das vor und kichere in mich hinein]. Und deswege hab ich letztens einen Bericht gsehe, da stellt’s Ihne die Zehennägel auf. So junge Osteuropäer, die mache sich da a Tagesticket aus der Kaschubei, oder wo die wohne, und fahre nach Frankfurt. Mit dabei ham se so a Kästle, halte des an die Autotür und Ihr graue Luxuskaross springt auf wie nix. Dann setze die sich in Ihr Auto nei, rangiere im Innenhof, und verschwinde mit dem Wagen – auf nimma wiedersehn. Und Sie habe des Nachsehen!

Ich [etwas pikiert, aufgrund des polnischen Vorurteils, räuspert sich]: Ich denke, dass es Autodiebe in jeglicher Colour und Ausführung gibt. Das würde ich jetzt nicht nur auf die Kaschubei beschränken. Wir haben wahrscheinlich auch etliche, alteingesessene Hessen unter uns, die Autos klauen.

PK [etwas nachgiebig]: Kann auch sein. Die müsse ja net zwingend aus der Kaschubei komme. Des hab’ ich jetzt nur so daher gsagt. Entschuldige Sie vielmals, wenn ich Ihne oder Ihre Verwandte damit auf die Füße getreten bin. Ich hab‘ letztens im Ersten einen Bericht gsehe, da war der Kriminelle ein alteingesessener Bürgermeister aus einem Ort – gleich hier ums Eck.

Ich: Genau, es kann jeder sein. Das wollte ich damit sagen. Dennoch zähle ich Bayern, wo ich herkommen, eher zu Deutschland als zu Polen. Doch zurück zum Thema: Ich mache auf alle Fälle das Tor zu.

PK: Von mir aus müsse Sie gar nix. Aber ich will net, dass hinterher des Geheule groß ist. Wisse Sie, ich achte schon drauf, was in Ihrem Innehof passiert. Hab immer ein waches Auge, aber ich muss auch amal auf Toilette, zum Einkaufe oder zum Arzt. Und wenn dann des Tor offe‘ ist… Nicht auszudenke, was dann passiert. [macht Gesten als würde er am Lenkrad sitzen, stülpt Unterlippe um]

Ich: Sie haben vollkommen recht. Danke für den Hinweis – und das Sie so gut auf uns acht geben.

PK: Sicher! Des hab ich einfach so drinne. Ich schau zwar harmlos aus, aber des is mei Vorteil. Immer schon gwese! Auf zack bin ich. Und des danke mir meine Mitmenschen auch.

Ich: Super. Wirklich, vielen Dank!

PK: Da brauche Sie sich jetzt net bedanke. Ich mach des gern! So – jetzt aber. Ich muss weiterschaffe. Tschüss!

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage sind herausfordernd. Das liegt hauptsächlich an einer gewissen kulturellen, oder, wenn Sie es etwas enger fassen wollen, persönlichen Diskrepanz zwischen dem Römer und mir.

Für mich zeichnen sich Sonntage dadurch aus, dass sie langsam anrollen. Ähnlich eines sanften, karibischen Meeresrauschen nähern sich die flachen Wellen und ziehen sich langsam, fast unbemerkt, wieder zurück, bevor sie gemächlich wieder anrollen und versuchen, den feinsandigen Strand empor zu krabbeln. Allein ihnen fehlt die Kraft. So wie mir. Denn nichts muss, alles kann an diesem Ruhetag. Doch können möchte ich an diesem Tag so gut wie nichts. Vermutlich deswegen besteht meine Garderobe an Sonntagen aus weichen, unförmigen, seltsam verwaschenen Stoffbahnen, die meinen trägen Körper sanft umspielen. Eben so wie die Wellen der Karibik den Strand umspülen. Nichts engt ein, nichts wird mit Reißverschlüssen, Haken und Knöpfen an Stellen gehalten, die mein Körper aus eigenem Antrieb gar nicht erreichen könnte. Ganz im Gegenteil! Ein paar elastische Nähte, ein Stoffband, das meine Jogginghose daran hindert von meiner Hüfte zu rutschen und ein Paar beige Kuschelsocken, die dank der 4% Elasthan nicht einschneiden und sich gleichzeitig nicht von alleine abstreifen. Auch mein Haaransatz muss sich an diesem Tag seinem Schicksal fügen. Bevor die frühen Abendstunden anbrechen, muss er eben schauen, wie er mit der nicht weniger werdenden Talgproduktion zurecht kommt. Danach erlöse ich ihn gerne mit einer sanften Dusche, die mich in eine Wolke aus Mandelduft und Vanille einlullt.

Aber ganz im Vertrauen: Meiner Meinung nach, sind Sonntage Tage, die die Bademantel- und Pyjama-Lobby erfunden hat. Da bin ich mir recht sicher! Loungewear-Tage, wenn sie das neue Wort benutzen möchten, das kurz vor der Corona-Pandemie werbeträchtig herausgestampft wurde. Und ja, Loungewear klingt soviel eleganter als „Schlabber- und Gammellook“. Ich loungeweare mich also durch den Morgen, lese etwas, stöbere in Ihren Blogs und meinen Entwürfen. Dann schlappe ich in die Küche, wobei Sie das verwendete Verb schlappen wortwörtlich nehmen dürfen. Meine Kuschelsocken-Füße stecken in furchtbar unansehnlichen Schlappen. Ausgeblichenes Pistaziengrün mit weißen Schneeflocken. Urgemütlich, aber, wie beschrieben, auch verboten hässlich. Dazu liegen im Tiefkühlfach bereits die Aufback-Croissants bereit und warten seit dem Wocheneinkauf auf ihren Einsatz. Ich platziere sie auf einem Backblech und schiebe sie in den Ofen. Danach rühre ich im Topf etwas Milch mit Haferflocken zusammen und erhitze den Brei, so dass sich der Kleinste der Familie gleich über sein „Potschi“ (Porridge) freuen kann. Währenddessen setze ich das Teewasser auf. Der Haferbrei wirft träge Blasen, die ebenso träge wieder verschwinden. Mein Blick schweift aus dem Küchenfenster zum Frankfurter Messeturm, der heute gar nicht erst versucht dem hiesigen Hochnebel zu trotzen. Wozu auch? Es ist Sonntag. Keiner wird ihn heute vermissen.

Geräusche nähern sich. Der Römer quatscht mit Signorino, der wiederum etwas nölig antwortet. Es wirkt fast so als würde er nach mir kommen und sich erst langsam in den Sonntag hineinfühlen wollen. Doch dem Römer scheint das egal zu sein. All die unausgesprochenen Worte, die sich im Schlaf scheinbar angestaut haben, will er jetzt, an diesem Sonntagmorgen mit aufgeregten Erzählungen, Spiel und Spaß loswerden als ginge es um sein Leben. Als das Farniente’sche Duo in der Küche ankommt, interpretiere ich eine gewisse Genervtheit in den Signorino’schen Blick hinein. Die Geste, seine Arme hilfesuchend nach mir ausstreckend, untermauert meine Vermutung. Ich nehme ihn auf den Arm. Müde lehnt er seinen Kopf an meinen Hals und betrachtet den Brei, der immer noch gemächlich Blasen wirft. „Che mangiamo? [Was essen wir?]“, durchbricht der Römer diesen innigen Moment zwischen Signorino, dem Haferbrei und mir. Bevor ich überhaupt eine Antwort zu formulieren vermag, hat er die Croissants im Backofen entdeckt und informiert mich ausgiebig darüber, wie schade es ist, dass wir in Deutschland noch keinen Lieferanten für italienische Brioche gefunden haben. Ich nicke und hoffe, dass dieser Redeschwall sich nicht durch den ganzen Sonntag zieht. Kurz denke ich über Noise-Cancelling-Kopfhörer nach, die vermutlich eigens für Morgenmuffel wie mich erfunden worden sind. Doch dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Der römische Gatte würde es wohl falsch auffassen und beleidigt sein, wenn wir ihm mit Kopfhörern begegnen würden. Aber was versteht schon ein Morgenmensch von den Bedürfnissen zweier Morgenmuffel?

Irgendetwas sucht der Gatte jetzt. Dazu raschelt und klirrt er in einer Tour. Bei seinen Monologen, die er voller Energie in diesen frühen Sonntagmorgen spricht, gleitet er mühelos von dem Thema Frühstückscroissants zu dem französischen Präsidenten Macron, bis hin zu dem neu eröffneten französischen Café ums Eck, das seiner Meinung nach ausgezeichnete Macarons haben muss, um schließlich darüber zu referieren, dass jetzt die hässlichste Phase des Winters gekommen ist, denn schließlich sind die warmweißen Weihnachtslichter in den Fenstern und in der Stadt bereits verschwunden. Geblieben ist nur noch eine matschbraune Pampe, durch die wir morgens zur S-Bahn stiefeln, Streusplitt und seelenlose Fenster, die stumm auf unsere Allee starren.

Mein Gehirn, das wahrlich noch nicht aufnahmebereit ist, kreiert einen ebenso matschbraunen Sprachbrei aus all seinen Worten, Annahmen und Informationen. Am Ende wundere ich mich, dass der französische Präsident in unserer Nähe ein Café aufgemacht hat und dort matschbraune Macarons und Streusplitt aus seelenlosen Fenstern verkauft. Es wirkt wie ein Albtraum, aus dem man schnell erwachen möchte. „Mein Italienisch ist wohl doch nicht so gut wie ich dachte.“, rede ich mir ein. Signorino haut sich indessen mit der flachen Hand gegen den Kopf und sagt „Au!Au!“. Ja, dieser Wortschwall macht auch in meinem Kopf „Au!Au!“. Leise flüstere ich „Signorino, nicht schlagen! Das tut doch weh.“. Er grinst und fragt nach „Potschi ?[Porridge?]“. Ich fülle es behutsam auf einen Teller und verteile es mit dem Kinderlöffel so, dass es schnell abkühlt und sich der Nachwuchs nicht daran verbrennt. Der Römer ist derweil schon wieder irgendwo in der Wohnung unterwegs, räumt etwas um oder auf, redet dabei mit sich oder mit uns (so genau kann ich das nicht deuten) und verkörpert das Image eines laut plappernden, temperamentvollen und fröhlichen Italieners am Hafen von Ostia. Jede deutsche Marketingagentur würde sich einen solchen Werbeträger für eine italienische Dolce-Vita-Kampagne sehnlichst wünschen. Nur leider sind Signorino und ich keine Marketingagentur und wenn, dann würden wir heute Früh nur gemächliche Ayurveda-Reisen bewerben.

Langsam schlürfe ich zum Esstisch und stelle den Haferbrei ab. Signorino klettert auf seinen Stuhl. Dann setzt er sich plumpsend. Während ich pustend etwas nachhelfe, dass der Haferbrei erkaltet, schlägt unvermittelt die römische Sonntagsfrage in unser Szenario ein. „Quando usciamo? [Wann gehen wir raus?]“, will der Römer wissen und betrachtet uns erwartungsvoll, ähnlich eines sibirischen Huskys, der endlich, endlich vor die Tür will. Ich seufze leise in mich hinein. Signorino spuckt das Porridge aus. Jeden Sonntag die gleiche Frage im Hause Farniente. Es verwundert, dass ihm noch keine Husky’sche Sichelrute gewachsen ist, die er freudig wedelnd hin- und herwerfen kann. Ja, so ein Römer braucht eben Action, Lebensfreude und Bewegung. Aber das sagt einem auch keiner vorher. Das schlimmste daran ist aber, dass wir ihm all das nicht bieten können. Es ist Sonntagmorgen. Wir sind Stubenhocker und leben dies exzessiv an diesem Wochentag aus. Meine Gedanken schweifen ab – in die Vergangenheit. Ich erinnere mich an unsere ersten, gemeinsamen Sonntage vor Jahren in Rom. „Mein Gott, war ich belastbar.“, denke ich noch und sehe die Szenen in vollem Umfang vor meinem geistigen Auge:

Rom, 2015. Es ist 09:45 Uhr an einem Sonntag. Der Römer treibt zur Eile, schließlich sei das enge, römische Zeitfenster kurz davor sich zu schließen. Denn nur in diesem besagten Zeitfenster hätte man in den römischen Bars [Cafés] noch die volle Auswahl an duftenden Croissants mit verschiedenen Füllungen. Wer danach komme, den beißen die Hunde. Denn dann wären nur noch cornetti con crema pasticcera, Croissants mit einer Art Vanillecreme, vorrätig. Und wer würde diese schon freiwillig essen wollen? Nichts anderes als Ladenhüter sein diese, erklärt mir der Römer. Ich murmele ein leises „Ich mag Vanillecreme“ auf seine rhetorische Frage und will mich noch einmal im Bett umdrehen. Doch zu spät. Der Römer steht bereits mit weißem T-Shirt, dunkler Lederjacke, dunkler Sonnenbrille und perfekt gestyltem Haar vor mir. Er scheint es ernst zu meinen. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe mir meinen Leo-Pulli über, binde die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz und springe in die verwaschene Jeans. Nein, Botticellis Venus bin ich heute wahrlich nicht. Vielmehr habe ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Charlize Theron im Film Monster*. Nur muss ich nicht betonen, wie Charlize Theron damals in einem ihrer Presse-Interviews, dass ich für diesen abgekämpften Look stundenlang in der Maske saß. Bei mir reicht es vollkommen aus, wenn man mich unsanft aus dem Bett sprengt und beim Zähneputzen ungeduldig zur Eile antreibt. Dabei brauche ich Ihnen vermutlich nicht zu erklären, wie ich mich zwischen all diesen top gestylten, römischen Diven im Café fühlte. Immerhin, ich hatte ein cornetto integrale al miele [Vollkorncroissant mit Honig-Füllung] vor mir stehen und blinzelte in die Vormittagssonne. Doch, unter uns, ein schnelles Vanille-Croissant um 11:30 Uhr wäre für mich vollkommen ausreichend gewesen.

Die Jahre vergingen, der Römer zog nach Deutschland und so manch liebgewonnene Sitte veränderte sich. Außer die eben beschriebene. Jeden Sonntag mutierte der Römer wieder und wieder zum hechelnden Husky, der sofort und unbedingt an die frische Luft musste, um noch rechtzeitig vor 10:15 Uhr seinen ersten Cappuccino in einem Café zu trinken. Irgendwann ging ich genervt dazu über, dass ich sonntags grundsätzlich nicht daheim war. Dank meines Arbeitgebers konnte ich die Flüge so legen, dass ich – leider, leider- immer an diesem Tag arbeiten musste. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Dann kam Signorino und danach das Coronavirus. Auch hier waren meinem römischen Husky die Pfoten gebunden. Langsam schlich sich sogar eine gewisse Sonntagslethargie bei ihm ein. Es war ein angenehmes, sonntägliches Miteinander. Doch dann, der Umzug im Herbst 2021 war gerade durchgestanden, knisterte und kribbelte es wieder in den römischen Synapsen. Der Husky in meinem Mann erwachte, was vermutlich auch daran lag, dass wir plötzlich unzählige Cafés in nächster Nähe zum neuen Wohnort hatten, die bereits in den frühen Morgenstunden geöffnet hatten. Noch dazu ist das italienische Lieblingscafé nun mit einem straffen 30 Minuten Marsch zu erreichen.

Signorino und ich müssen da jetzt irgendwie durch. Letzte Woche beispielsweise wurde Signorino vom Römer aus seinem Schlafsack gesprengt wie ich damals aus dem römischen Bett im Stadtteil Testaccio. Der kleine Mann nörgelte und maulte, aber es half nichts. Ich hingegen wollte noch in Ruhe ein Paar Winterstiefel für den Sohnemann kaufen. Gelassen suchte ich im Internet nach einem Rabattcode, bemerkte dann, dass ich meine Treuepunkte eintauschen konnte und konvertierte diese Punkte vollkonzentriert in einen Gutschein. Das ging dem Römer nicht schnell genug. „Quanto ti dura? [Wie lange dauert es noch?]“, wollte der Gatte wissen. „Gleich!“, antwortete ich wie ein genervter Teenager. „Sag mir doch eine Zeitangabe an.“, fuhr der Römer unruhig fort und zog dem motzenden Signorino die abgenutzten Winterschuhe an. „Keine Ahnung….15 Minuten.“, murmelte ich und gab den Gutscheincode ein. „Okay…also um 11:20 Uhr bist du fertig, kann man sagen?“, nagelte mich der Römer mit meinem flapsig dahingesagten Satz fest. „Öhm…ja…vielleicht eher 11:25 Uhr oder 11:30 Uhr?“, versuchte ich sein strenges Zeitplan-Korsette zu lockern. „Deciditi! [Entscheide dich!)“, knurrte der Römer genervt und streifte dem wehrlosen Signorino den Schlauchschal mit den roten Dinos über. „Ja… 20 Minuten so in etwa.“, antwortete ich genervt. Wenigstens an Sonntagen wollte ich mich keinem straffen Zeitplan unterwerfen. An allen anderen Tagen hatte ich keine Wahl, schließlich waren sie bestimmt von Arbeitszeiten, Kitabring- und -abholzeiten, Terminen und Fahrplänen. „Okay. Alle 11:25 [Um 11:25]. Dir bleiben noch 17 Minuten.“, erklärte mir der Römer ungeduldig und Signorino hatte bereits seine Mütze auf. Mit großen, traurigen Augen guckte mich mein Sonntagskind an. Nein, auch er hatte keine Lust. Viel lieber würde er Bausteine in einem Spielzeugtopf kochen. Ganz in Ruhe. Eben ohne, dass ihn jemand zur Eile antrieb.

Ich hastete ins Bad, band meine strähnigen Haare zu einem Dutt, schlüpfte in meinen Leo-Pulli, stolperte fast wieder rückwärts aus der Jeans, weil ich das Gleichgewicht in all der Eile verlor, deodorierte mich und streifte mir die Kuschelsocken ab, da ich damit unmöglich in meine Winterstiefel passte. „Tschüss! Vielleicht sehen wir uns nachher.“, flüsterte ich meinen wollenen Sonntagsfreunden hoffnungsvoll zu. „Solo per non perdere l’obiettivo: Ti rimangono 5 minuti. [Nur, um das Wesentliche nicht zu vergessen: Die hast noch 5 Minuten.]“, rief mir der Römer zwischendurch zu. Ich kaschierte meine Augenschatten mithilfe eines Abdeckstiftes. Als ich Richtung Flur ging, das Kind war bereits in seine Daunenjacke gepresst, hielt mir der Römer eine weiße Maske entgegen. „Hier! Nicht, dass du die Maske vergisst.“, sicherte sich der Gatte auch gegen diese Imponderabilie ab. Ich steckte sie widerwillig in meine Manteltasche. Das Kind wurde in den Buggy gehievt und versuchte, als letzten Protest, seine Mütze vom Kopf zu ziehen. Es gelang halbwegs. Dann schritt der Römer ein. Wir nahmen den Aufzug und standen um 11:32 Uhr auf der Straße. „Puh! Ganz schön kalt.“, stellte der Römer fest. Für einen Tag Anfang Januar empfand ich die Temperaturen als durchaus erträglich. Wir gingen Richtung italienisches Lieblingscafé. Ich zog die Wintermütze etwas weiter in die Stirn. Nach etwas mehr als 500 Metern bemerkte der Römer wieder, dass es „echt kalt“ sei. Ich nickte. „Sollen wir nicht lieber umdrehen?“, fragte die römische Frostbeule. Es war 11:39 Uhr. „Nein!“, maulte ich. „Aber es ist sooo kalt!“, bettelte der Römer. „Du wolltest raus und hast uns alle aus unseren gemütlichen Sonntagsuniformen herausgesprengt. Jetzt laufen wir eben zu deiner Lieblingsbar. Los!“, herrschte ich ihn genervt an. „Aber vielleicht biegen wir hier links ab und statten dem neuen, französischen Café einen Besuch ab? Das Brixia* [die römische Lieblingsbar] ist echt weit weg. 30 minuti a piedi! [30 Minuten zu Fuß!]“, schlug der Römer vor. „Oooookay.“, erbarmte ich mich und witterte meine Chance: „Aber nächsten Sonntag bleiben Signorino und ich daheim. Allerhöchstens können wir einen Nachmittagsspaziergang machen – wenn das Wetter mitspielt.“ Der Römer nickte und bibberte in seinem schwarzen Kaschmirmantel. Den dunkelgrauen Schal zog er noch ein bisschen fester um den Hals, die Mütze noch ein bisschen tiefer.

Zu unserem Glück änderten wir den Plan und gingen zum französischen Café, das fantastische Schokotörtchen vorweisen konnte. Denn wären wir zur römischen Lieblingsbar gegangen, hätte uns das Schild „Chiuso per ferie – Geschlossen wegen Urlaub“ erwartet. So ging nochmal alles gut!

In diesem Sinne: Haben Sie einen wundervollen, ruhigen Restsonntag!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

WMDEDGT- Januar 2022

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie immer: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer:WMDEDGT.

07:00 Uhr – Aufstehen. Der Römer hat sich schon unbemerkt aus dem Haus geschlichen. Ich esse zwei Kekse, trinke einen Espresso und vier Schluck Tee und begebe mich in die Maske. Für mehr als UV-Creme, Tagescreme und aufgepinselten Lidschatten, den ich als Kajal missbrauche, reicht es trotzdem nicht. Stichwort: Es reicht für die Videokonferenzen, aber live braucht mich auch keiner treffen. Da Homeoffice Pflicht ist, gehe ich davon aus, niemanden im Büro anzutreffen, so wie an den letzten beiden Tagen.

08:00 Uhr – Ich wecke Signorino. Er schläft tief und fest. Die Idee in die Kita zu gehen, findet er zwar nicht berauschend, aber immerhin brüllt er nicht. Er frühstückt extrem langsam. Nach 20 Minuten ziehe ich ihn an während er an seinem Haferkeks nuckelt. Ich biete ihm, damit er überhaupt etwas im Magen hat, Marmeladen gefüllte Schokoherzen an. “Signorino, willst du sowas?”, sage ich und er wiederholt “Sowas.”.Er nimmt das Herz in Empfang, probiert, macht “JamJamJam” (Wirklich!) und schreit dann begeistert “Sowas”. Ich kläre ihn auf, dass “Sowas” nicht der Name der Schokoherzen ist und nenne die korrekte Bezeichnung, doch der Zug ist abgefahren. Nach “Sette” gibt es nun eben “Sowas”.

08:30 Uhr – Es hat 3 Grad Außentemperatur, aber zum Glück nicht Innentemperatur. Blöderweise müssen wir hinaus und können nicht drinnen bleiben. Wir gehen zur S-Bahn, Signorino fragt, ob wir Zug fahren und ich bestätige. Dann geht er erstaunlich lang selbst, bevor er getragen werden will. Ich liefere ihn in der Kita ab, er weint kurz, ich tröste, dann rennt er zum Spielen. Mein Tschüss bekommt er schon gar nicht mehr mit.

09:15 Uhr – Ich nehme meine obligatorische Arbeitssprachnachricht für den Anderen auf. Immer im Grüngürtel beginnend und im Grüngürtel endend, erzähle ich ihm von meinem bevorstehenden Tag und wünsche ihm einen guten Morgen, wenn er um 12 Uhr aufsteht. Er war gerade in L.A., das Jetlag ist noch recht frisch.

09:25 Uhr – Das Licht brennt im Büro, die Tür ist unverschlossen. Ich treffe auf zwei Kollegen und mir wird eine dritte Kollegin angekündigt. Full-House, Wahnsinn! Hätte ich mal lieber heute Morgen das Gala-Makeup aufgetragen. Naja! Chance vertan. Wir treffen uns in der Kaffeeküche wie in alten Zeiten, nur dass ich diesmal ganz beiläufig anfrage, ob sie sich brav getestet haben, denn das müsse ich in meiner Liste vermerken. Mit einem Test in der linken und dem Espresso in der rechten Hand verziehe ich mich in meinen Raum, trinke den Espresso und mache danach den Test. Immerhin hätte ich bei einem positiven Ergebnis einen guten Espresso vorher gehabt. Doch ich bin negativ und darf mich der Entrümpelung der Kammer des Schreckens widmen. Nomen est omen. Es ist schrecklich. Ich versuche alles bei Kleinanzeigen zu verschachern, aber es ist sehr mühselig. Dazwischen bestelle ich Getränke, kümmere mich um Blickschutzbildschirmfolien und kommuniziere das den Kollegen auf Englisch. Falls Sie sich, wie ich heute Vormittag, fragen, was Blickschutzbildschirmfolie auf Englisch heißt: Privacy screen protector. You’re welcome!

10:00 Uhr – Ich telefoniere über die Bundeslandgrenze nach Bayern in die Zentrale. Und siehe da: Die haben morgen schon wieder Feiertag! Heilig Drei König. Ständig gibt es was zu feiern in Bayern. Ich beschwere mich etwas bei meiner Kollegin. Sie zeigt Verständnis und bestellt als Wiedergutmachung vier Bildschirme für das Frankfurter Büro. Immerhin hat jemand Mitleid mit den armen Hessen.

12:15 Uhr – Die Kollegen gehen zum Mittagessen. Ich dürfte natürlich auch mit, aber leider komme ich sonst nicht auf meine Stunden. Also bestelle ich mir eine Bowl, wie man auf hessisch sagt. Leider ohne Reis, stattdessen mit Salat. Das sehe ich aber erst als ich auf den Salat starre. Ja gut! Dann halt “low carb”. Zum Ausgleich gönne ich mir drei Schokoriegel und einen Espresso, damit mein Körper nicht in Aufruhr gerät und streikt. Man weiß ja nie.

14:05 Uhr – Ich packe den Laptop ein, briefe die Kollegen, dass sie dem Kleinanzeigen Kunden bitte aufmachen mögrn und verschwinde in das Grau in Grau Frankfurts. Ein Stück den Grüngürtel entlang, der im Winter auch problemlos Braungürtel heißen könnte, und schon bin ich an der Kita. Kurzes Briefing der Erzieherin, Signorino will nochmal Brot und wir gehen zur S-Bahn.

15:05 Uhr – Wir sind daheim und essen Joghurt und Banane. Dann kuscheln wir uns auf die Couch und gucken Bobo Siebenschläfer*. Jedesmal, wenn Bobo mit Mama Siebenschläfer im Garten ist, und Mama “So, Bobo, jetzt graben wir ein Loch.” sagt, bricht das Kind vor lauter Gelächter vollkommen zusammen.

16:05 Uhr – Der römische Gatte ist daheim. Heute ist Mittwoch und Einkaufstag. Überraschung: Er fühlt sich wie jeden Mittwoch miserabel. Als ich ihm ankündige, dass ich nochmal 2 Stunden arbeiten müsse und wir nicht einkaufen gehen, fühlt er sich immer noch nicht besser. Ich arbeite, Signorino ist sauer auf mich, weil ich keine Zeit für ihn habe, der Römer liegt mit seinem Handy auf der Couch. Ich erinnere den Mann daran, dass Homeoffice nicht bedeutet, dass ich trotzdem für alle ansprechbar bin, während ich auf der Tastatur herumklimpere. “Ma che devo fare?” [Aber was soll ich denn tun?] fragt der Gatte.

18:00 Uhr – Ich habe fertig, wie mancher sagen würde (Wenn Sie den Satz nicht kennen, sind Sie vermutlich noch recht jung. Herzlichen Glückwunsch!). Dann verziehe ich mich in die Badewanne. Manchmal braucht Mutti auch eine Pause. Das Kind brüllt. Ich schreie aus der Badewanne: “Er hat Hunger!!!” Der Römer bestreitet das, denn es sei doch erst 18:30 Uhr. Ich schreie wieder: “Er hat Hunger!!!” Nach dem vierten Mal gibt der Römer entnervt auf und siehe da – Signorino hatte Hunger.

20:00 Uhr – Der Gatte sagt, es gefriert heute Nacht nicht. Ich traue ihm nicht und muss wohl in die Kälte, um die Folie auf die Frontscheibe zu schnallen. Ich gräme mich noch etwas, schließlich ist es kalt und ich bereits im Schlafanzug.

Notfalls fahren wir Zug wie hier in Japan.

21:30 Uhr – Das Kind schläft endlich. Der Mann ist sich sicher, dass es nachts nicht gefriert und deswegen gehe ich heute nicht mehr aus dem Haus und decke das Auto ab. Soll es doch gefrieren! Dann kratze ich die Scheibe halt ab, während Signorino ums Auto herumläuft. 🤷🏻‍♀️

21:45 Uhr – Der sonst so beratungsresistente Mann fragt ausgerechnet mich nach Ratschlägen zu Zitationsstilen und Uni-Kram. Entweder er kennt niemand anderen oder er vertraut tatsächlich meiner Expertise? 🧐 Ich erkläre ihm etwas und er hört aufmerksam zu. Wenn Sie wüssten, wie das damals bei unseren internen Deutschunterricht ablief, wo er jedes Satzteil meinerseits anzweifelte, dann würden Sie sich jetzt ebenso wundern wie ich.

Ich beschließe zu lesen und dann ins Bett zu gehen. Let’s call it a day!

Jahresresümee 2021

Wie jedes Jahr beginne ich den letzten Tag des Jahres mit meinem Lieblingszitat für die Jahreswende:

For last year’s words belong to last year’s language. And next year’s words await another voice. And to make an end is to make a beginning. [T.S. Eliot]

Gute Ausblicke für 2022.

Und hier kommt der Jahresrückblick 2021

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr? Eine 5. Wobei ich momentan sagen kann: Etwas graust es mir schon vor dem neuen Jahr. Und das liegt nicht an dem allseits beliebten Thema Corona.


2. Zugenommen oder abgenommen? Ich wiege mich seit diesem Sommer nicht mehr, da die Batterien der Waage leer sind und ich seit Monaten vergesse, neue zu kaufen. Laut der Jeans, die ich aktuell trage, würde ich sagen gleichbleibend (+ 2 Weihnachtsflugkilos).

3. Haare länger oder kürzer? Länger – dank Corona und allen möglichen Veränderungen, stört es mich nicht besonders, wieder recht lange Haare zu haben. Ich trage meist einen Pferdeschwanz und damit fahre ich gut.

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleichbleibend schlecht. Eventuell ein wenig schlechter auf dem rechten Auge. Das müsste ich 2022 überprüfen lassen.


5. Mehr Kohle oder weniger? Erst deutlich weniger, gegen Mitte des Jahres deutlich mehr.

6. Besseren Job oder schlechteren? Zum Teil einen anderen Job, wenn der Ausgangspunkt ist, dass Signorino letztes Jahr mein einziger Job war. Ich bin mittlerweile froh, wieder einige Stunden arbeiten zu können.


7. Mehr ausgegeben oder weniger? Vermutlich mehr. Siehe Punkt 14.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Einen Kita-Platz. Zwei neue Arbeitgeber (1xRömer, 1xIch). Die Erkenntnis, dass Wochenend-Reisen mit einem knapp 2-jährigen total anstrengend sind. Die Erkenntnis, dass es deutlich entspannter als jeder Wochenend-Trip ist, wenn der Römer und ich zeitgleich frei haben, aber das Kind in die Kita geht. Ich war selten so erholt wie in diesen drei Tagen Anfang Dezember.


9. Mehr bewegt oder weniger? Mit einem Kleinkind rennt man recht viel. Deswegen vermutlich mehr. Jetzt, wo er nicht mehr ganz so wild ist, eher weniger. Aber die Laufrad-Saison fängt bald an. Und hier läuft nicht nur das Kind, sondern auch die besorgten Eltern, vermute ich.


10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr? Eine heftige (siehe Codice Rossoc Punkt 11). Dazwischen ein paar Mal Schnupfen.

11. Davon war für Dich die Schlimmste? Meine Codice Rosso Erkrankung. Bei Signorino war es diese hier.


12. Der hirnrissigste Plan? Die letzte Nacht in Albanien nicht im Hotel zu verbringen.

13. Die gefährlichste Unternehmung? Mir fällt keine ein.

14. Die teuerste Anschaffung? Keine Anschaffung im eigentlichen Sinn, aber vermutlich der Umzug mit all seinen Kosten (Neuanschaffungen, Umzugskosten, Renovierungakosten, etc.). Wobei die Autoreparatur ebenso eine Stange Geld gekostet hat. Als dann beides zusammenkam, sah unser Sparkonto etwas mager aus.


15. Das leckerste Essen? Vom Römer selbstgekocht. Wobei ich letztens im Seefeld* war. Das war auch klasse und der Service ist top!

16. Das beeindruckendste Buch? Robert Seethaler: Der Traffikant*. Wenn Fische fliegen lernen von der lieben Lore*. Ich fieberte jede Sekunde mit. Und vielleicht: Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky*. Aber generell kam ich nicht wirklich zum Lesen.

17. Der ergreifendste Film? Keinen. Signorino ging wie immer so spät ins Bett, dass für Filme keine Zeit blieb.

18. Der beste Song? Wir hören hauptsächlich Signorinos Liederauswahl. Sehr schön und durch ihn entdeckt, finde ich die Gruppe Haevn*. Und Andrea Bocelli, der mit seinem Sohn „Fall on me“* singt.


19. Das schönste Konzert? Okay, den Punkt sparen wir uns – wie immer.

20. Die meiste Zeit verbracht mit? Signorino, dem Römer, vermutlich Turtle.


21. Die schönste Zeit verbracht mit? Signorino, der Römer, Turtle.

22. Zum ersten Mal getan? Kita Eingewöhnung. Neue Reifen gekauft (ging ganz einfach).

23. Nach langer Zeit wieder getan? In einem Büro gearbeitet. Ein Studium aufgenommen. Prüfungen geschrieben.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Viel Privates.


25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Das Leben ist lebenswert. Egal wie.

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Puh, da müsste man diesen „jemand“ fragen.

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vermutlich die Wohnung, in der wir nun wohnen, die Turtle uns sehr unkompliziert verschafft hat.

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Das Kind schläft. 😉 Oder einfach der Ausruf “Mama!”.


29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? Keine Ahnung, da müsste man wohl die anderen Personen fragen.


30. Dein Wort des Jahres? Neue Wohnung.

31. Dein Unwort des Jahres? Unverändert: Corona Virus. Werkstattkosten. Nembutal.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, liebe Leser, und rutschen Sie entspannt ins neue Jahr 2022. 🥂💛

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Mam(m)a Mia

Mam(m)a Mia

Zweisprachige Kinder haben’s nicht leicht. Mama sagt so und Papa sagt anders und da soll einer schlau daraus werden?

Aber sehen Sie selbst, wie schwer es Signorino mit uns als Eltern hat.

Ich: Signorino, wie heißt du?

Signorino: Farniente!

Signorino nennt wie immer nur seinen Nachnamen. Seinen Vornamen nennt er grundsätzlich nicht, obwohl wir ihn unzählige Male mit ihm geübt haben. Er bevorzugt dennoch beim ‚Sie‘ zu bleiben. Vermutlich dürfen ihn nur seine engsten Kindergartenfreunde duzen.

Ich: Signorino, und wie heißt die Mama?

Signorino: Mia!

Ich (irritiert): Nein, Schatz, ich heiße nicht Mia. Ich heiße Eva. Wie kommst du denn auf Mia?

Signorino wiederholt stoisch den Namen Mia und lässt sich nicht davon abbringen. Die Tage vergehen. Das Rätsel kann nicht gelöst werden.

Bis…

…dem Römer eine Schüssel in der Küche herunterfällt und in tausend Teile zerspringt. Der Mann ruft aufgebracht: „Mamma mia! Mancava solo questo! [Mamma mia! Nur das fehlte mir noch.]“ Signorino und ich sind im Wohnzimmer. Der kleine Kerl fixiert mich, lacht, ruft „Mamma mia“ und zerrt mich in die Küche.

Ist doch logisch. Wenn Papa „Mamma mia!“ ruft, dann braucht er die Hilfe von „Mama Mia“.

Rom – mit Blick auf das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II oder: Mamma mia! Was für eine Aussicht.

Weihnachten bei den Farnientes

Ich glaube, der weihnachtlichste Moment in diesen Festtagen war, als das Kind darauf bestand mit einer Rentier-Geschenkpapierrolle einzuschlafen. Es war der 23. Dezember und mein Plan war es, die unverpackten Geschenke abends, wenn das Kind schläft, einzupacken.

Den Plan vereitelte Signorino, in dem er die Geschenkpapierrolle fand und fortan als seinen Intimus betrachtete. Den ganzen Abend verbrachten die beiden miteinander. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Freundschaft nur so lange Bestand hielt, weil die Rolle noch in ihrer dünnen Plastikfolie eingewickelt war. Das Zähneputzen fand selbstverständlich mit der Geschenkpapierrolle in der rechten Hand statt. Ein riesen Gekreische schrillte durchs Wohnzimmer als er die Rolle für den Bruchteil einer Sekunde aus der Hand legen musste, weil wir ihn in den Pyjama steckten. Man hätte meinen können, wir würden das Kind abstechen. „Nimm ihm doch jetzt die blöde Rolle weg! Ich brauche die eh gleich, weil ich die Geschenke noch einpacken muss.“, wies ich den Römer an. „Ma che? Non ci dobbiamo stressare. [Ach was! Wir müssen uns nicht stressen.] Wir nehmen sie ihm gleich weg, wenn er schläft.“, antwortete der römische Gatte. Ein guter Plan, der leider am Faktor Kind scheiterte.

Wir brachten Signorino und seine Geschenkpapierrolle ins Bett. Er lag in der Mitte, flankiert vom Römer und mir. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man zwei Elternteile braucht, um ein Kind ins Bett zu bringen, ist das eine überaus berechtigte Frage. Die Antwort ist eine sehr einfache. Es ist (momentan) der schnellste und effizienteste Weg, das Kind ins Bett zu bringen. Fehlt ein Elternteil, wird dieser solange von Signorino gesucht bis er sich schließlich auch ins Bett begibt. Wenn man Signorino nicht aus dem Bett oder gar aus dem Schlafzimmer entlassen will, damit er den abwesenden Elternteil suchen kann, kreischt er ebenfalls solange bis er suchen gehen darf. Deswegen dauert der Einschlafprozess 15 Minuten, wenn wir beide zusammen anwesend sind – oder 2,5 Stunden, wenn nur ein Elternteil Signorino ins Bett bringen darf. Sie können sich denken, für welchen Weg wir uns regelmäßig entscheiden.

Als Signorino langsam ins Reich der Träume glitt, streckte ich im Halbdunkeln meine Hand nach oben, darauf bedacht, den Abkömmling nicht zu wecken, aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Römers zu gewinnen. Der Römer reckte seinen Kopf. Ich flüsterte „Geschenkpapierrolle!!“. Er kuschelte sich an das Kind heran, löste den kindlichen Daumen und wollte dann die restlichen Finger von der Rolle lösen, doch das Kind schrie bereits los. Mist! Der kleine Kerl hatte noch nicht richtig geschlafen. Der Römer ließ von seiner Hand und der Geschenkpapierrolle ab, um ihn dann sofort mit beruhigenden „Sssch’s“ zu besänftigen. Ein paar Mal nuckelte Signorino empört am Schnuller, um dann wieder einzuschlafen. „Nochmal?“, flüsterte ich nach 5 Minuten, in denen der Römer und ich unbeweglich wie zwei Eisblöcke neben dem Kind lagen. „Bloß nicht wecken!“ war die Devise. Der Römer schüttelte den Kopf und zeigte Richtung Tür. Wir schlichen uns aus dem Zimmer. Im Flur besprachen wir die Taktik. „Wenn die Entspannungsphase im Schlaf einsetzt, dann wird Signorino ganz von alleine von der Rolle ablassen und wir können sie mühelos und ohne Geschrei entfernen. Notfalls packst du erst morgen die Geschenke ein.“, erklärte mir der Römer seinen Plan. Ich stimmte zu. Als wir gegen Mitternacht ins Bett gingen, lag unser Sprössling mit seiner Geschenkpapierrolle im Klammergriff tief schlafend im Bett. „Und jetzt?“, flüsterte ich. „Ich schlaf doch nicht neben einer Geschenkpapierrolle?!“ Der Römer musste sich bei diesem Gedanken ein Lachen verkneifen und hielt sich den Mund zu, um das Kind nicht zu wecken. „Dai! Non ti preoccupare. [Komm schon! Mach dir keine Sorgen.] Jetzt kann man ihm die Rolle einfach wegnehmen.“ Sie ahnen es: Man konnte nicht. So schliefen wir also zu viert im Bett: Der Römer, Signorino, die Geschenkpapierrolle und ich. Wann immer sich das Kind drehte, und das tat es oft und viel, hatte man entweder einen kleinen Fuß im Bauch, eine Geschenkpapierrolle im Gesicht oder eine Hand auf dem Kopf. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich quartierte mich aus. „Es wird Zeit, dass das Kind alleine schläft.“, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Am nächsten Tag verbrachten Signorino und die Geschenkpapierrolle den Tag miteinander. Als die junge Freundschaft zur Mittagsschläfchenzeit immer noch nicht vorbei war, beschloss ich, die Geschenke in Geschenkpapier mit der Aufschrift „Happy Birthday!!“ zu verpacken. Anderes Papier hatte ich nicht zur Verfügung. Das Kind kann nicht lesen und in 30 Jahren werden wir bei der PowerPoint-Präsentation (oder was auch immer es dann geben wird) anlässlich seiner Hochzeit alle etwas zu lachen haben, sofern er denn überhaupt heiraten will. Nachdem alle Geschenke eingepackt waren, das Kind wieder wach und fit für die zweite Tageshälfte, verlor er, wie sollte es anders sein, sein Interesse an der Geschenkpapierrolle.

Der 24. Dezember war ansonsten recht unspektakulär. Es gab in unserer Wohnung keinerlei Weihnachtsdeko, was der mangelnden Zeit im Dezember geschuldet war. Das Kind riss seine Geschenke gegen 19 Uhr auf und wollte ansonsten gerne „Bobo Siebenschläfer*“ gucken. Der zweite Weihnachtsfeiertag plätscherte so vor sich hin. Morgens nieselte es, nachmittags schneite es, aber es war auch vollkommen egal, welches Wetter vor unseren Fenstern tobte. Wir hatten eh nicht vor, heute das Haus zu verlassen. Selbst der Knirps wollte nicht raus, trotz mehrmaligem Anbieten eines Spielplatz-Besuches. „No’malBoboJA?! [Nochmal Bobo Siebenschläfer, ja?]“, war seine Antwort. Dabei muss ich hervorheben, dass seine Satzstruktur mich stark an unseren neuen, überaus freundlichen Kebab-Dealer Cetin erinnert. „ZweiMalDönerMitAllesScharf,JA?!“, sagt Cetin, wenn die Schlange vor seinem Laden sich mal wieder um die nächste Straßenecke schlängelt. Da Cetin nicht nur überaus freundlich und schnell ist, sondern, hier lege ich mich fest, einen der besten Döner Frankfurts anbietet, ist seine Satzstruktur aufgrund des hohen Aufkommens an hungrigen Gästen oft auf das Nötigste reduziert. Er kann aber auch ganz normal sprechen, wenn nicht Horden von hungrigen Frankfurtern vor seinem Laden warten. Dennoch weiß ich nicht, ob es für uns als Eltern spricht, dass das Kind nun diese Satzstruktur aufweist. Zu unserer Verteidigung möchte ich trotzdem erwähnen: Wir hatten im Dezember echt viel zu tun und haben nur deswegen so oft bei Cetin bestellt. Immerhin sagt das Kind noch nicht „NächsteBitteHalloMeinFreundWasDarfsSein?“.

Am Abend des 25. Dezembers machten wir etwas total verrücktes: Wir buchten unseren Sommerurlaub. Das taten wir noch nie so früh, was einerseits daran lag, dass wir ein sehr unstetes Leben hatten und nicht länger als zwei Wochen im Voraus planen konnten. Andererseits lag es an der ständigen Ungewissheit, wann wir überhaupt Urlaub nehmen können, ob und wann wir einen Kitaplatz finden, ob und wann wir umziehen, usw.. Doch dieses Jahr haben wir bereits alle Unwägbarkeiten, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt wissen können, abgeklärt. Dazu sind wir dieses Jahr umgezogen, haben eine Kita gefunden und werden unseren Urlaub rechtzeitig beantragen.

Dazu wussten wir: Die Kita schließt in den letzten zwei Augustwochen. Irgendjemand muss das Kind betreuen. Wir arbeiten beide und somit ist es klar, dass wir uns in dieser Zeit frei nehmen werden. Zuerst buchten wir fünf Nächte in Rom in dem Reihenhäuschen, dass wir 2020 kennen und lieben gelernt hatten. Dann dachten wir daran, dass wir danach den Zug nach Bari nehmen könnten und in Polignano a Mare eine Woche bei einem römischen Freund verbringen könnten. Die Züge waren noch nicht buchbar, was wenig verwunderte, denn DB Tickets* kann man auch erst drei Monate vorher buchen. Der Römer und ich redeten etwas über Albanien und über Gjiri i Lalzit, die Lalzit Bucht. etwas oberhalb von Durrës. Hier waren wir das erste und letzte Mal am Meer als ich mit Signorino schwanger war. Furchtbar langweilig, wenn man als Paar dort ist. Mit Kind sieht das aber ganz anders aus: Es gibt einen langen Strand, zwei Restaurants, drei Spielplätze, viele Kinder, ein Café, fertig. Dazu ist die Wohnanlage von langen Wohngebietsstraßen durchzogen, die zu allen heiligen Zeiten von einem Auto befahren werden. Davor und danach gehört die Straße den Kindern mit Laufrädern, Bobby Cars und Fahrrädern. „Ach, ich weiß nicht.“, stöhnte der Römer bei der Vorstellung. „Warum in den Norden schweifen, wenn wir im Süden die besten Strände des Landes haben?“ Ich bat ihn, mir noch ein Mal die Bilder von Orten wie Dhermi, Ksamil, Palasë und Himar zu zeigen. Hübsch sah es dort aus. Wir suchten nach Unterkünften. Der Haupttenor des Römers war bei jeder Unterkunft “Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?] Das würde ich nicht mal an den Mann** meiner Schwester vermieten.“ Irgendwann, durch eine göttliche Fügung, fanden wir eine Unterkunft die dem Römer genehm war. Der Preis im August sprach aber auch für sich. Gleichzeitig glänzten die römischen Augen. „Okay, können wir machen. Dann wird aber Rom storniert. Wir sind doch nicht Graf Koks!“, erklärte ich dem Römer. „Okay, kein Problem.“, sprach der Gatte und stornierte in zwei Klicks den Besuch in Rom. „Dann nehmen wir am besten ein Taxi bis dorthin.“, schlug er vor. „Ne, ne, ne, ne, ne! Sicher nicht. Das kenne ich schon. Vergiss es!“, insistierte ich blitzschnell. „Ma perché no? [Aber warum nicht?]“, wollte der Römer wissen. Ich hatte meine innere Kontra-Liste schon seit 2019 fertig in meiner virtuellen Albanien-Schublade und feuerte ein Argument nach dem anderen ab: „1. Mir ist bis jetzt kein albanischer Taxifahrer begegnet, der nicht die ganze Zeit durchgeredet hat. Natürlich in einem undefinierbaren, albanischen Dialekt. Mit dir. Die Fahrt dauert mindestens vier Stunden. Ne, danke. 2. Entweder Taxis haben keine Klimaanlage und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Oder aber es gibt eine Klimaanlage. Dann ist die Einstellung immer auf „Winter in Jakutsk“. 3. Die Blicke! Jedes Mal, wenn ich den Kindersitz für Signorino installiere, werde ich angeguckt als hätte ich sie nicht alle. Das reicht mir schon, wenn dein Bruder mich so anguckt. 4. Gespräche über Deutschland. J-E-D-E-S einzelne Mal. Es scheint, als wärst du ein Gesandter der albanischen Botschaft in Berlin. Der Fahrer feuert also ein unbestätigtes Gerücht über Deutschland ab und du übertreibst es entweder mit deinen Lobeshymnen oder du machst Deutschland so schlecht, dass man denkt, man wohnt in einem seelenlosen Land voller dysfunktionaler Menschen. 5….“ Der Römer unterbrach mich: „Ist ja schon gut. Was willst du stattdessen machen?“ Ich grinste. Auch hier hatte ich bereits meine Lösung feinsäuberlich vorbereitet: „Ich buche einen Mietwagen. Bei Firma X – am Flughafen. Nicht wieder bei einer Mietwagenplattform, wo ich irgendeine Schrottbrasse in der Stadt abholen darf und wenn ich ankomme, sagt man mir: ‚Oh, da haben Sie aber Glück, dass sie fünf Minuten zu früh dran sind. Denn das ist unser letzter Mietwagen. Na ja, dann hat das Paar nach Ihnen eben Pech.‘ Wenn ich einen Mietwagen vier Monate vorher gebucht und bezahlt habe, brauche ich kein „Glück“. Der Mietwagen steht dort, wie vertraglich vereinbart, und wartet darauf von mir übernommen zu werden. Außerdem will ich die Mietwagenkategorie „Panzer“. Nie wieder fahre ich mit einer halbkaputten Coladose auf den Straßen Albaniens. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wir haben teure Fracht an Bord, unseren Signorino.“ Ich drehte den Bildschirm zum Römer, um ihm zu zeigen, was ich mir genau vorstellte. „So viel Geld? Bist du irre! Sollen wir nicht lieber meinen Schwager Besim fragen, ob wir seinen Hyundai*** in der Zeit haben dürfen?“, wollte der Römer wissen. „Ne, danke. Auch das kenne ich schon. Natürlich sagt er sofort Ja, weil er zum heutigen Zeitpunkt denkt, dass er es schon irgendwie hinbekommt seinen Hyundai*** zu verleihen. Wenn wir dann Mitte August mit Kind und Koffer vor seiner Tür stehen, ist er so überrascht, dass er uns den Kleinstwagen seines Sohnes anbietet, denn der Hyundai*** sei angeblich in der Werkstatt. Zu dritt quetschen wir uns dann in den alten Opel Corsa*** und tuckern nach Dhermi. Ne, ne, mein Lieber! Entweder das – zu meinen Konditionen oder wir fahren an die Nordsee.“, machte ich dem Römer klar. „Gut, dann fahren wir an die Nordsee.“, trotzte er und verschränkte die Arme. Ich zeigte ihm wortlos die Wassertemperaturkurve der Insel Amrum. „Okay, und du meinst, dass ein Taxi vom Flughafen Tirana nach Dhermi wirklich keine Option darstellt?“, wollte der Gatte noch einmal wissen. „NEIN!“, sprach ich. „MamaPapaBoboJa? [Mama, Papa, darf ich Bobo Siebenschläfer gucken?]“, sagte eine leise Stimme. Signorino hatte sich unbemerkt aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen. „Nein, Schatz. Du gehst jetzt wieder ins Bett.“, erklärte ich unserem Ableger. „TschuTschuWaJa? [Das Lied TschuTschuWa wäre auch in Ordnung für mich, Mutter.]“, versuchte es der Nachwuchs weiter. „Nein, auch das nicht. Komm, wir gehen zusammen ins Bett.“, schlug ich ihm vor. Seine kleine, warme Hand nahm meine und ich brachte ihn wieder ins Bett. Diesmal klappte es auch ohne römische Verstärkung. Als ich nochmals aufstand, buchte ich die Mietwagenkategorie „Panzer“ zum Preis einer halben Niere. „Freiheit kostet Geld.“, pflegt mein Vater immer zu sagen. Recht hat er.

Ein Schokotörtchen gab’s auch noch. Die Fenster sind ungeputzt, aber das fällt bei dem Vordergrund und dem schrecklichen Wetter kaum auf. 😉

*Eine Fernsehsendung der Öffentlich-Rechtlichen. Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

**Man akzeptiert ihn, mag ihn aber nicht besonders, weil er so dickköpfig ist

***Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Weihnachtseinkäufe – oder: Blagomir regelt’s schon

Sie, ich habe heute mittag etwas von Ottolenghi² gekocht. So entspannt bin ich heute! Und so wenig halse ich mir auf. So kam es, dass ich um 12 Uhr am Herd stand und nicht wie üblich eine halbe Packung Pasta in das gesalzene Nudelwasser kippte oder die schnelle Tüte Ravioli anbriet*. Stattdessen schnitt ich Zwiebeln in hauchdünne Ringe, zerdrückte Knoblauch, nahm Piment in die Hand, mischte, rührte, ergänzte und briet, um dann die Tomaten mit dem Kartoffelstampfer zu malträtieren, dass es nur so spritzte und zischte in der Küche (Tipp fürs nächste Mal: Tomaten vorher halbieren). Dann kochte ich auf, drehte den Herd wieder zurück, ließ die Ottolenghi-Komposition köcheln und rührte gewissenhaft Bulgur ein, den ich heute extra im Supermarkt gekauft hatte. Daraufhin bedeckte ich das ganze mit einem Pfannendeckel, wartete, drehte den Herd auf kleinste Stufe, wartete wieder, machte mir einen Kaffee, denn die Maschine steht genau gegenüber des Herdes, wartete nochmal und beschloss, dass ich ebenso gut den Kaffee auf der Couch trinken konnte. Schließlich hatte ich frei.

Dann stellte ich mir einen Wecker, schaltete den Herd nach 10 Minuten ab und wartete wieder. Ich glaube, dieser Ottolenghi ist im Hauptberuf Achtsamkeits-Trainer und nur im Nebengewerbe Koch. So viel wie ich wartete, konnte ich meine Gedanken dabei beobachten wie sie immer ruhiger wurden. Das lag auch an dem Teil meines Gehirns, der bei jeder mir in den Sinn kommenden Tätigkeit, um die lange Wartezeit auszufüllen, „NEIN!!! DU HAST JETZT FERIEN!!“ schrie. Strikt ist er ja, der faule Teil meines Kopfes. Oder nur erholungssuchend. So ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen.

Und Erholung brauchte nicht nur der faule Teil meines Kopfes, schließlich habe ich heute bereits den Weihnachtseinkauf im Supermarkt erledigt. Es war angenehmer als gedacht, aber im Vergleich zu einem normalen Einkauf Mitte Januar immer noch sehr unangenehm. So unangenehm, dass ich schweißnass den vollen Einkaufswagen durch die weiten Gänge schob. Auf dem Weg in die Käseabteilung begegnete mir ein Italiener, Mitte 40, der seine Kinder im Grundschulalter die Gänge entlang scheuchte. Er verteilte Aufgaben an den Nachwuchs, der daraufhin im Supermarkt ausschwärmte, während er sich höchst selbst um die Weinauswahl kümmerte. Lange ging er vor den weitläufigen Weinregalen auf und ab und nahm immer wieder einen scheinbar guten Tropfen heraus, um sich das Etikett genauer anzusehen. Wäre der Römer dabei gewesen, er hätte mir wahrscheinlich zugeraunt, dass der Italiener vor dem Weinregal kein echter sei. Vielmehr hätte mein Gatte die Hypothese aufgestellt, dass er ein eingedeutschter oder zumindest mit einer Deutschen verheirateter Italiener wäre. Welcher italienische Landsmann würde schon in einem gewöhnlichen Supermarkt vor einem Weinregal einen guten Tropfen für Weihnachten aussuchen? Warum hat er keinen eigenen, vertrauenswürdigen Weinhändler? Oder zumindest einen weinkundigen Bekannten, Blutsverwandten oder Verschwägerten, der ihn am Vorabend des 24. Dezembers anruft, um ihm auszurichten, dass der Karton voller Wein von dem kleinen, italienischen Weingut seines/ihres Schwagers eingetroffen sei? Und überhaupt, warum kauft er nicht im italienischen Supermarkt im Frankfurter Osten ein? Ich glaube, ich hätte dem Römer geantwortet, dass auch er im gewöhnlichen Supermarkt einkauft. Doch seine Antwort darauf konnte ich mir schon denken: „Ich bin Italbaner! Für mich gelten andere Regeln.“ Der Mann macht sich die Welt eben wie sie ihm gefällt.

Zum Glück war der Mann nicht dabei und so mussten wir diese Konversation nicht führen. Als ich mich von meinen Gedanken losreißen konnte, wollte ich griechischen Joghurt kaufen. Vor mit stand ein junger Mann, Ende 20. Er war im Urlaub. Ferien von einem Job, der entweder in einer Bank oder in einer Unternehmensberatung stattfand. Kaum Zeit für Privatleben, jobbedingt. Da lege ich mich fest. Ich weiß das nicht etwa, weil er es mir verraten hat. Vielmehr verriet es seine Art wie er die Reihe mit den griechischen Joghurts betrachtete. Die Welt stand still. Und ich, die einfach nur irgendeinen griechischen Joghurt in den Einkaufswagen packen wollte, stand hinter ihm. Ebenfalls still. Darum bemüht, jegliche Konversation mit mir fremden Personen zu vermeiden, schwänzelte ich penetrant um den Parmesan herum, aber davon hatte ich bereits drei Stück im Einkaufswagen. Dann tat ich so als würde ich den Schmand begutachten, der nur wenige Meter neben dem griechischen Joghurt stand. Leider brauchte ich diesen gar nicht. Ich lauerte, nach links schielend, darauf, dass der Mann sich vom griechischen Joghurt entfernen würde. Doch er tat es nicht.

Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich stellte mich, in die selbe Richtung wie er starrend, neben ihn. Immer noch stand ich mir im Weg, denn ich hätte ihn nur darauf aufmerksam machen müssen, dass ich ebenfalls Bedarf am griechischen Joghurt hatte. Doch heute war mein nonverbaler Tag – mit der Betonung auf „non“. Alles in mir sträubte sich, meinen Mund aufzumachen. Normalerweise sind nonverbale Tage überhaupt kein Problem für meine Umwelt, schließlich sind die meisten Menschen überaus aufmerksam, was nonverbale Signale angeht. Doch heute, an diesem 23. Dezember, geriet ich an ein Exemplar, dass überhaupt keinen Blick für seine Mitmenschen hatte. Wie auch? Er verglich seit Minuten die griechischen Joghurtsorten und fühlte sich von meiner Anwesenheit überhaupt nicht gestört. Vielmehr drehte er den großen, dunkelblauen Joghurtbecher in seiner rechten Hand noch etwas langsamer, nur um dann zu einer anderen Sorte zu greifen, wobei er die erste Sorte noch immer in der Hand behielt. Dann vertiefte er sich wieder in das Joghurtetikett als wäre er auf der Jagd nach einem spannenden Krimi für Weihnachten und nicht in der Joghurtabteilung des Supermarktes. Meine rechte Augenbraue sprang ruckartig nach oben. Das tut sie immer, wenn ich meinen nonverbalen Tag habe und mein Gegenüber von meinen gut choreographierten, nonverbalen Signalen partout keine Notiz nehmen will. Ich beschloss, das ein kurzes Räuspern noch in meiner nonverbalen Komfortzone lag und räusperte kurz und eindringlich. Dann rückte ich dem Joghurtmann noch vier Zentimeter näher auf die Pelle. Auch das schien ihn keineswegs zu beeindrucken oder gar zu stören. Mich jedoch schon. Deswegen rückte ich wieder ab. Der Mann stand immer noch wie in Beton gegossen vor dem Kühlregal. “Mein Gott, es ist griechischer Joghurt und nicht die Versuchsanordnung für eine nobelpreisträchtige Forschung. Nimm halt einfach irgendeinen!”, dachte ich und klammerte mich an den vierten Parmesan, den ich vorhin als Übersprunghandlung mitnahm, als ich auf das Joghurtregal schielte. Mittlerweile übernahm die Vernunft die Kontrolle und erklärte meinen nonverbalen Tag für beendet. Ein sehr leises, sehr klägliches “Entschuldigung…” kam heraus. Blöderweise blieb es mir im Hals stecken, weswegen meine Stimmbänder nur einen undefinierbaren Laut hervorquetschten. Der Joghurtmann reagierte nicht, was mich wenig verwunderte. Also setzte ich nochmals an. Diesmal mit einem Räuspern beginnend: “Entschuldigung! Ich müsste mal eben zum griechischen Joghurt!!” Der Joghurtmann drehte sich mit zwei Bechern Joghurt in den Händen zu mir. “Äh ja. Ich brauch hier nur noch… Moment. Ähm…”, murmelte er, immer noch in seine Joghurtproblematik vertieft. Dabei versperrte er immer noch den Weg. Doch mein unbedingter Wille, das Joghurtregal schnellstmöglich hinter mir zu lassen, ließ meinen Arm sich gekonnt an ihm vorbei schlängeln und blitzschnell einen Joghurt greifen. “Danke, hab’s schon.”, murmelte ich und ließ den verwunderten Joghurtmann stehen. Am Einkaufswagen angekommen entdeckte ich, dass der Joghurt laktosefrei war. Mist! Ich drehte also noch einmal eine Runde in der Waschmittelabteilung (mit Blick auf die Joghurtsektion) und wartete sieben Minuten ab (ich hab’ auf die Uhr geschaut, denn Waschmittel hatten wir auch genug zu Hause), bis der Joghurtmann schließlich mit einem hellblau-weißen Joghurt davonschlenderte. Schnell wie ein Wiesel lief ich zum Joghurtregal und nahm den gleichen Joghurt heraus wie er. Wer sich so lange in die Materie „griechischer Supermarkt-Joghurt“ einlas und vor dem Kühlregal kampierte, der müsse schließlich wissen, welcher Joghurt der beste sei.

Ich ging zur Kasse 7. An Kasse 3 sah ich meinen speziellen Joghurtfreund stehen. Er zahlte und ging. Ich hoffte, ihn und diesen Supermarkt bis zum nächsten Jahr nicht wieder sehen zu müssen. Als ich auf Höhe der Rolltreppe zum Parkhaus war, fiel mir ein, dass ich mein Parkticket nicht abgestempelt hatte. Also eilte ich mit vollbepacktem Einkaufswagen wieder nach oben zum Supermarkt und ließ das Ticket von einer freundlichen Kassiererin abstempeln.

Als ich zurückkam sah ich, dass der Joghurtmann genau gegenüber von mir geparkt hatte. Er lud seine letzte Einkaufstasche in den schnittigen Sportwagen und rauschte davon. Bei mir dauerte es etwas länger bis ich alles im Kofferraum verstaut hatte. Aber ich hatte es nicht eilig. Ich hatte ja frei.

Sobald ich alles im Auto verladen hatte, drehte ich den Schlüssel im Zündschloss nach rechts und rollte zur Parkschranke. Vor mir standen drei Autos, wobei die Rückfahrlichter der beiden Autos vor mir bereits aufleuchteten. Das Auto an der Schranke hatte wohl vergessen, sein Ticket an der Kasse abstempeln zu lassen. Ich ließ eine Kombilänge zwischen mir und dem vorherigen Auto frei und wartete geduldig darauf, dass die Autos zurücksetzten, doch es geschah nichts. Immer wieder steckte ein Männerarm die Parkkarte in den Schlitz des Automaten, der die Schranke öffnen sollte. Aber die Schranke blieb zu, während sich gleichzeitig immer mehr Autos hinter dem stoischen Mann an der Ausfahrt sammelten. Die Leute hupten und manch eine*r stieg aus. Die Fahrerin des Kleinwagens direkt hinter dem Problemauto schwang sich heraus und redete auf den Fahrer ein. Aber er war vollkommen beratungsresistent. Nach vier Minuten stieg ich aus, um zu sehen, was das für ein Idiot war, der immer wieder das Ticket in den Schlitz schob. Ich brauchte mich nicht einmal vom Auto zu entfernen, da sah ich es schon: Es war mein Freund, der Joghurtmann. Na viel Spaß! Das wird dauern. Genau so stoisch wie ich ihn vor dem Kühlregal kennenlernen durfte, genau so stoisch war er jetzt. Das ging so lange gut bis Blagomir ausstieg. So nannte ich den jungen Mann Mitte 20, mit den rabenschwarzen, streng zurückgegelten Haaren und den ausdrucksstarken Augenbrauen. Hochgewachsen war er – und muskulös. Letzteres sah man selbst unter seiner dunklen Bomberjacke. Darunter trug er ein schwarzes Hemd, die ersten 3 Knöpfe offen – trotz Minustemperaturen. Die Kiesel knirschten unter seinen spitzen, schwarzen Lederschuhen mit der polierten Silberschnalle über dem Mittelfuß. Blagomir sah zwar nicht aus als hätte er sechs Semester internationale Diplomatie studiert, aber er sah aus als wüsste er wie er mit dem Joghurtmann zu reden hatte. „Boa! Was ist sein Problem, Alter!?“, motzte er lautstark als er mit seinen 1,90 Metern kampfbereit an allen wartenden Autos vorbeistapfte. Er hatte einen Stiernacken. Ob das nun ein Kompliment für Blagomir oder den Stier war, darüber lässt sich streiten. Beinahe am Ziel, der Sportwagen des Joghurtmannes war nur noch wenige Meter entfernt, wurde er schneller, die Schritte wütender. Leider war ich das dritte Auto hinter dem Joghurt-Mobil, so dass ich, trotz geöffnetem Fenster, Mühe hatte, den Wortlaut zu verstehen. Ich würgte den Motor ab, um noch ein paar Wortsilben zu erhaschen, doch es gelang mir nicht. Einzig sehen konnte ich: Blagomir gestikulierte wild und aufgebracht. Dann drehte er den Kopf zu uns, dem wartenden und begeisterten Publikum, und zeigte auf die lange Reihe an Vehikeln, die aufgrund des Joghurtmannes still standen. Der Joghurtmann blieb vorerst stoisch bei seiner Taktik und schob das Parkticket noch einmal in den Schlitz des Automaten. Wieder spuckte dieser das Ticket aus. Die Schranke blieb unten wie all die Male zuvor. Jetzt wurde Blagomir richtig böse. Sein Gesicht nahm die Farbe einer dunkelroten Tomate an. Die Stimmung des Publikums war zum Zerreißen gespannt. Blagomir wurde impulsiv. „Man, fahr halt jetzt zurück, Brudi!!! Wo ist dein sch*iß Problem?“, sprach er so laut, dass ich es auf Warteposition 3 verstand. Ein paar Sekunden verstrichen, dann leuchteten schlussendlich die Rückfahrlichter des sportlichen Joghurt-Mobils auf. Der Joghurtmann hatte aufgegeben. Hallelujah! Ein Weihnachtswunder! „Geht doch, Brudi!“, gab Blagomir dem Joghurtmann sehr laut mit auf den Weg, als sich dieser in eine freie Parklücke rollen ließ. Dann drehte sich unser Befreier Blagomir um und stapfte an der langen Schlange wartender Autos vorbei. Dabei guckte er nach unten und schüttelte ungläubig den Kopf. Ich bin sicher, hätte er nur aufgeblickt, er hätte in viele grinsende, sehr glückliche Autofahrer-Gesichter gesehen. Etwa auf meiner Höhe murmelte er: „Boa, ey, wie kann man nur so stur sein?“ Ich verstand ihn. Und wäre er es gewesen, der vorhin am griechischen Joghurtregal mit den Hufen scharte, weil der Joghurtmann nicht einen Zentimeter zur Seite weichen wollte, dann wäre der Joghurtmann nicht mit einem verbalen, sondern mit einem nonverbalen, blauen Auge davon gekommen. So aber war die Welt wieder in Ordnung. Dank Blagomir!

Dieses Auto hatte ich letztens als schnittigen Mietwagen. Der ging sehr gut!

*Sagen sie das nicht dem Römer! Wenn der rausfindet, dass ich Ravioli anbrate, dann rollen hier Gourmettränen.

² Werbung – unbezahlt und unbeauftragt

Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

Freitagsrapport | KW50

Freitagsrapport | KW50

Auffallend anders

Sie als Leser*innen sind auf zack. Das bemerke ich immer wieder. Man kann Ihnen nichts vormachen. Auch nicht, dass der Freitagsrapport heute und auch letzte Woche nicht an einem Freitag, sondern an einem anderen Wochenendtag erschien. Ich glaube, allein diese Tatsache erklärt mein momentanes Arbeitspensum schon recht präzise. Ansonsten sehen Sie es vermutlich auch daran, dass ich momentan kaum Artikel lesen, liken oder kommentieren kann. Immerhin – der Freitagsrapport erscheint (bis jetzt) noch in der korrekten Kalenderwoche. 😉 Dennoch, wie ich Sie kennenlernen durfte, sind sie überaus tolerante und weltoffene Leser*innen, die sich von dieser Lappalie nicht beirren lassen. Deswegen bleibt mir nur zu sagen: Hier ist er – der Freitagsrapport der KW50.

Noi a Milano [Wir in Mailand…]

Wie es ist, einen weiblichen Teenager daheim zu haben, durfte ich dieses Wochenende erfahren. Hallelujah! Elda, die römische Nichte, die in Mailand studiert, war zu Besuch. Faktisch gehört sie mit ihren 24 Jahren vermutlich nicht mehr zu der Gruppe der Teenager. Doch Ihr Verhalten ließ ab und an anderes vermuten.

Sie wollte uns für ein Wochenende in Frankfurt besuchen, was wir sehr schön fanden. Die Theorie dazu war: Sie kam Freitagabend und flog Sonntagfrüh. Die Praxis war… nun ja. Schauen Sie selbst:

Am Freitagabend hatte ihr Flug zwei Stunden Verspätung. Was ich nicht wusste: Das war ein großes Glück, sonst hätte sie diesen verpasst. Woran das lag, lernte ich im Verlauf des Samstagvormittags. Wir frühstückten, ich fragte, was sie gerne essen möchte und sie gab nur „Espresso, bitte.“ an. Ob sie denn gar nichts essen wolle, wollte ich als besorgte Mutter und engagierte Tante wissen. „Nein, nein. Guarda… noi a Milano non facciamo colazione. [Schau…. wir in Mailand frühstücken nicht.].“ Ach ja, ich vergaß, dass sie seit etwa zwei Jahren in Mailand wohnte und sich gerne als geborene Mailänderin sieht. „So gar nicht?“, wollte ich wissen. „Guarda, zia…. [Schau, Tante….]“, fing sie wieder etwas belehrend an, „Ich schaffe es meistens nicht so früh aus den Federn. Und sobald ich wach bin, brauche ich 45 Minuten im Bad, um ausgehtauglich zu sein. Dann bleibt meist nur Zeit für einen Espresso und ich muss schon zur Trambahn rennen.“ Ich nickte. 45 Minuten im Bad habe ich das letzte Mal 2019 gebraucht. Ich schminkte mich überseetauglich, auf dass das Makeup einen langen Nachtflug (und in meinem Fall auch eine Notwasserung im Atlantik) überstehen könnte. Dann presste ich mich in meine Flugbegleiterinnnen-Uniform, wobei in den 45 Minuten noch das Bügeln und Falten von vier Arbeitsblusen inkludiert war. Aber gut, in Mailand wird das wohl anders sein.

Samstagvormittag ging sie, nach besagten 45 Minuten im Bad, mit ihrem Onkel, dem Römer, etwas durch die Stadt, um instagramtaugliche* Bilder für ihren Account zu schießen. Als ich an ihrem Zimmer alias dem Kinderzimmer vorbeischwänzelte (zu diesem Zeitpunkt war sie schon mehr als eine Stunde außer Haus), bemerkte ich, dass Licht brannte. Seufzend schaltete ich die Lampe aus.

Dazu muss ich Sie auf einen kleinen Exkurs mitnehmen: Es kostete mich 3 (!) Jahre, dem Römer beizubringen, dass das Licht ausgeschaltet werden kann soll, sobald man den Raum verlässt. Ein Glück haben wir Elektrizität, so dass uns dies die Chance gibt, einfach und mühelos den Lichtschalter zu betätigen. Die Zeit der Petroleumlampen sei vorüber, betonte ich dann meist am Ende meines Monologes, und legte demonstrativ den Lichtschalter ein paar Mal um, damit man sieht wie unkompliziert die Bedienung ist.

Wenig später, Signorino und ich waren komplett angezogen und ausgehbereit, rief ich den Römer an und fragte, ob wir uns alle zusammen im Stadtzentrum treffen wollen. Aber ja, das wollten sie. Wir fuhren mit der S-Bahn zur Hauptwache und trafen den etwas genervt wirkenden Onkel und seine auf dem Handy tippende Instagram*-Nichte. Sie blickte kurz auf und begrüßte uns. Dann tippte sie weiter. Als sie fertig getippt hatte, schlenderten wir die Einkaufsmeile „Zeil“ entlang, wobei schlendern das falsche Wort an einem Samstag kurz vor Weihnachten ist.

Wir Damen plauderten etwas, während der Römer sich aufopfernd um seinen Sohn kümmerte. „Und was machst du meistens so am Wochenende?“, fragte mich Elda. Ich verstand die Frage nicht. Vermutlich lag das daran, dass es das Wochenende im klassischen Sinne nicht mehr für mich gab. „Ich kümmere mich um Signorino.“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Sie fixierte mich etwas irritiert, so als ob ich die Frage nicht richtig verstanden hätte. „Ja, ja, aber hast du irgendwelche Hobbies?“, wollte sie wissen. Ich lachte in mich hinein. Welche Hobbies hat man schon mit einem aktiven 2-jährigen? Und wie sollte ich Signorino verkaufen, dass Mama jetzt ihrem Hobby nachgeht? „Signorino, Mama geht jetzt mal zwei Stunden malen. Wenn was ist, klopf einfach an.“ Die Vorstellung ließ mich innerlich zerbersten vor lachen. „Ähm… ich habe nicht so wirklich Zeit dafür. Und du?“, spielte ich ihr den Ball zurück. „Allora, noi a Milano [Also, wir in Mailand…] lieben es, uns am Wochenende auf einen Aperitif zu treffen. Ich kenne mittlerweile alle guten Bars (würde man das bei Instagram als #Leberzirrhose verbuchen?) und brauche üüüberhaupt keinen Stadtplan mehr. Dann war ich letztens in der Pinakothek im Viertel Brera. Fantastisch! Freunde einer Freundin studieren Kunst und wir verbrachten 5 Stunden in diesem Museum. Klar, wenn dir Kunststudenten die Werke erklären, entdeckst du plötzlich Details, die dir als Laie überhaupt nicht auffallen. Außerdem lieben wir Mailänder es, am Wochenende wegzufahren. Ein Wochenende in Rom, vielleicht auch in Paris. Mit den Lowcost Airlines können wir Mailänder uns das einfach super leisten.“, erklärte sie mir die Welt. „Diese Mailänder müssen ein echt aufregendes Leben haben.“, resümierte ich gedanklich für mich. Doch meine Gedanken wurden jäh von einer Frage Eldas unterbrochen: „Und? Wo fahrt ihr am Wochenende hin, wenn ihr einen Weekend-Trip organisiert?“. Der Römer guckte mich an. Ein aufflammendes Lachen zuckte über sein Gesicht. Ich wusste in diesem Moment, dass sich der gleiche Film in unserem Kopf abspielte: Ein Wochenendtrip mit Signorino? Mittwochs unzählige Taschen voller Kinderkram packen (mit Packliste), donnerstags Proviant in rauen Mengen und unterschiedlichen Konsistenzen (Quetschie, Riegel, Brezeln,… der falsche Proviant lässt Krokodilstränen freien Lauf) einkaufen, freitags gestresst und abgehetzt an der Sicherheitskontrolle mit Kind stehen. Die Windel ist zum Zerbersten gefüllt. Das Kind ist nölig. Übermüdet in der Unterkunft ankommen. Samstags irgendwie den Tag bestreiten. Kulturprogramm? Klar, wenn man will, dass das Kind wie irre durch die Uffizien rennt und Sachen umwirft. Ganz zu schweigen von der Kunst, die man eh nicht mitbekommt. Samstagabend wieder alles einpacken. Sonntag gestresst zum Flughafen hetzen. Flug mit aktivem Kleinkind, dass nicht ruhig sitzen will. Stinkewindel im Flieger wechseln (eine Erfahrung für sich – auf 10000 Metern Höhe). Einreise. Kind heult in der S-Bahn, weil müde. Endlich alle daheim – wir bräuchten dann mal eine Woche Urlaub. Der Römer sagte nur: „Momentan ist keiner geplant…“ und wollte das Thema wechseln. Doch Elda ließ sich nicht abschütteln. „Paris.“, antwortete der Römer schließlich knapp auf eine mögliche Destination. Einer 24jährigen, kinderlosen Studentin zu erklären, dass ein Wochenendtrip unmöglich ist, würde den Rahmen und vermutlich auch ihre Vorstellungskraft sprengen. „Ah, schön! Wir in Mailand finden Paris ganz wunderbar. Natürlich ist die Stadt nicht so reich an Kultur wie beispielsweise Rom oder Mailand, aber faszinierend ist die Stadt allemal.“, erläuterte uns unsere welterfahrene Nichte Elda. „Was macht ihr dann an einem Wochenendtrip typischerweise?“, hakte sie nach. „Schlafen.“, antwortete der Römer. Elda war verwirrt. „Ähm…aber schaut ihr euch dann nicht die Stadt an, geht in Museen, vielleicht sogar ins Kino?“, wollte sie von uns wissen. „Nein.“, antwortete der Römer. „Wir sind Eltern. Wir wollen nur schlafen.“ So ganz schien uns Elda diese Story nicht abzunehmen, aber sie hakte auch nicht mehr nach. Dem Onkel widerspricht man nicht. Den Abend verbrachten wir mit Pizza und einem Film, bei dem sich Signorino lautstark langweilte, auf dem Sofa. Gegen 22 Uhr brachten wir das müde Kind ins Bett.

Vielleicht ein Zeichen der Moderne, wie es hier steht?

Am nächsten Morgen, der Abflug Eldas sollte planmäßig um 10:50 Uhr starten, unterrichtete sie den Römer zwei Stunden vor besagtem Abflug, dass sie vermutlich einen PCR- oder Antigen-Test brauche um in Italien einreisen zu dürfen. Dem Römer, der damit kalkulierte, dass es vollkommen reichen würde, 60 Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein, fiel alles aus dem Gesicht. „Wie? Einen Test? Jetzt? Es ist 08:45 Uhr. Du fliegst in zwei Stunden ab.“, hinterfragte er aufgebracht ihre Angaben. „So ganz genau verstehe ich die Webseite nicht. Ich glaube, ich kann auch einfach in Quarantäne oder so? Dann sag‘ ich halt bei meinem Praktikum Bescheid, dass ich in Quarantäne musste.“, versuchte sie sich herauszuwinden. „Du kannst doch nicht dein Praktikum in Gefahr bringen? Was ist denn das für eine Arbeitsmoral? Zeig mir mal die Webseite!“, forderte sie der Römer auf. „Du kannst nur in Quarantäne, wenn du nicht geimpft oder genesen bist. Aber einen Test brauchst du trotzdem. Elda, der Flug ist in zwei Stunden!!!“, herrschte er sie an. „Ja… schaffen wir schon.“, murmelte sie. Der Römer zog sich in flott an, stülpte eine Mütze über seine verwuschelten Haare und drängte zum Aufbruch. „Aber ich war noch gar nicht fertig im Bad. Nur die linke Seite meiner Haare ist gelockt. Wie sieht das denn aus? So kann ich nicht fliegen!“, wollte Elda insistieren. „Sag mal?!“, motzte der Römer. Er wechselte ins Albanische und sein Blick verfinsterte sich. Elda zog sich missmutig die stylischen Winterstiefeln in weinrot an, warf sich ihren Mantel über und klemmte sich die türkisfarbene Marken-Luxustasche unter den Arm. „Ciao zia! [Tschüss, Tante!]“, sprach sie und umarmte mich zum Abschied. „Ci vediamo… [Wir sehen uns] Vielleicht für ein Wochenende in Mailand?“ Ich nickte. Ja, vielleicht. 😉 Der Römer drängte zum Aufbruch. Ein Taxi wollte er nicht nehmen, denn er gab an, dass die S-Bahn genauso schnell wäre. Ich aktivierte meine flugbegleitenden Freunde. Der Andere stand mir mit Rat und Tat zur Seite. Er informierte mich über die Teststation am Fernbahnhof in Frankfurt, sagte, ich solle unbedingt einen Termin vorab buchen, recherchierte nach Alternativflügen am selben Tag und zu Orten, die in der Nähe von Mailand liegen würden. Zu dritt (Der Andere, der Römer und ich) schafften wir es, dass Elda rechtzeitig einen Antigentest in der Hand hatte und pünktlich durch die Sicherheitskontrolle schritt. Am Ende schrieb sie ihrem Onkel vom Gate aus: „Grazie, zio. [Danke, Onkel] Normalerweise verpasse ich immer 80% meiner gebuchten Flüge, aber heute hat es nochmal geklappt. P.S.: Ich habe nochmals nachgelesen. Ich hätte gar keinen Test gebraucht, da meine Abwesenheit weniger als 48 Stunden betrug. Aber sicher ist sicher.“ Der Römer rief mich aufgebracht an. Die Nerven lagen blank – schließlich war er ungeduscht, ungestylt und ohne Espresso aus dem Haus. Ich hörte mir geduldig seinen Emotionsausbruch an. Als er daheim war, ließ ich einen Espresso aus der Maschine, die ofenfrischen Croissants lagen bereits auf dem Tisch und Signorino schmiss nur die Hälfte seines Schokokuchens auf den Boden. Die Welt hing wieder voller Geigen. So schön der Besuch war, ich bin froh, wieder in trauter Dreisamkeit daheim zu sein. Wir in Frankfurt sind eben für so viel Action nicht gemacht. Mag sein, dass das in Mailand anders ist. 😉

Il 7 [Der Siebte]

Es ist nicht einfach, zweisprachig aufzuwachsen. Und so kam es, dass Signorino nun denkt, dass die kleinen Schokolädchen aus dem Adventskalender „sette“ [sieben] heißen. Woran das lag? Am siebten Dezember ging der Römer am Adventskalender vorbei und seufzte wollig „Ah, è il sette. [Ah, es ist der siebte.]“ um dann das Türchen Nummer sieben zu öffnen und ein Minischokoladen-Ei herauszuziehen. Signorino, der hinter ihm stand, wollte nun auch ein „sette“ und wiederholte aufgeregt das Wort. Erst als er einen kleinen Schokostern bekam, verstummte er zufrieden. Seitdem müssen wir jeden Tag gemeinsam „sette“ öffnen. Auch der Hinweis, dass der Kalender Adventskalender heißt, schien ihn nicht davon abzubringen, ihn weiterhin „sette“ zu nennen.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

In diesem Sinne: Haben Sie ein entspanntes Restwochenende, ganz viel Schokolade aus „sette“ und bis zum nächsten Mal!

Vollkommen inop*

Heute ist so ein Tag, an dem ich der Erzieherin ein schönes Wochenende wünschte. Am Dienstagnachmittag. Resultat: Irritierte Blicke auf beiden Seiten. Nervöses Lachen. Ich brauche Ihnen nicht erzählen, dass ich das Kind mit hochrotem Kopf in Schallgeschwindigkeit anzog und mit gesenktem Kopf, aber strammen Schrittes aus der Kita eilte.

Daheim angekommen ließ ich den Autoschlüssel im Zündschloss stecken und stieg aus. Dann schnallte ich Signorino ab (immerhin habe ich ihn(!) nicht im Auto vergessen) und hob ihn aus dem Auto. Mit ungeduldigem Kind an der Hand suchte ich fieberhaft den Schlüssel. Der war aber noch im Zündschloss. Das fiel mir schließlich auf nachdem ich 10 Minuten das nölende Kind vorm Weglaufen bewahrte und nervös jede Hosen- und Manteltasche durchkramte. Am Ende fand ich den Autoschlüssel. Ich wollte schon den Zweitschlüssel von oben holen.

Abends verkokelte ich dann nur die Hälfte der Ofenpommes. Blöderweise meine Hälfte, die etwas feiner geschnitten war. Der Römer bevorzugte die dicken Pommes. Kartoffelspalten würde man diese wohl nennen. Da ich grundsätzlich zu viel oder zu wenig koche, war heute glücklicherweise der “zu viel”-Tag an der Reihe und ich konnte ein paar römische Kartoffelspalten stibitzen.

Jetzt liege ich in der Badewanne und hoffe, dass dieser Tag von einem neuen, möglichst besseren Tag abgelöst wird.

Heute suche ich den Notausgang aus diesem Tag.

*Inop steht gerne und oft in Flugzeugmängellisten. Beispielsweise könnte dort stehen “lavatory 2 inop”, was so viel bedeutet wie “Waschraum Nummer 2 ist funktionsuntüchtig”. Somit dürfen die netten Damen und Herren von der Technikabteilung an Bord kommen und den Waschraum wieder in einen betriebsbereiten Zustand versetzen. Inop steht im Flugverkehr für inoperative, außer Betrieb.