4 Meter Unterschied

Heute, da bin ich melancholisch, obwohl die Stimmung nur 4 Meter von mit entfernt vibriert vor lauter Lebensfreude.

Ich sitze hier, allein auf der Couch in unserem Ferienapartment. Signorino schläft im ersten Stock. Der Römer ist mit seinen Freunden essen. Mit Signorino wäre es ein sehr schnelles Essen geworden. So aber, da waren wir uns einig, kann der Römer die Zeit mit seinen Freunden genießen.

Doch wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann kommt die Melancholie. Sie begann heute Nachmittag, als mir mein Papa mitteilte, dass er ins Pflegeheim geht. Mein wunderbarer Papa schrieb im Schlusssatz: “… and they never come back. Alte Schwergewichtsboxerlehre.”

Der Satz verpasste mir eine Kerbe in meinem Herz. Mittig, ganz klein, doch mit jedem Atmezug wird sie größer und schmerzhafter. Ja, es wird seine letzte Station sein. Nein, die Krankheit hält kein Happy End parat. Das Einzige, was sie parat hielt, war eine Trennung. Die letzten Jahre verbringen meine Eltern nun getrennt. Räumlich. Emotional. Körperlich.

Mir obliegt es nicht, über einen Weg zu urteilen, den ich nicht gegangen bin. Meine Mutter wird ihre Beweggründe haben. Auch wenn sie laut über die Möglichkeit einen neuen Partner zu haben, nachdenkt, so ist es ihr Leben. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. (dennoch wäre es gelogen, würde es mir nicht weh tun)

Mein Papa wird immer mein Papa bleiben. Mit Krankheit. Ohne Krankheit.

Wissen Sie, wir denken alle nicht gerne über den Tod nach. Doch am Ende ist es das, was die Zukunft gewiss für uns bereit hält. Wo ein Anfang ist, ist auch ein Ende. Und irgendwann treten wir ab von der Bühne dieser Welt. Was danach geschieht, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Hier sitz ich nun – in meinem kleinen Reihenhäuschen in Trastevere. Und schreibe, weil es mich heilt, weil es mir erlaubt zu atmen und weil es das ist, was ich liebe. Ich schreibe und lese.

Ich lächle, weil mir die Geräuschkulisse klar macht, dass ich lebe. Diese pulsierende Stadt, die Emotionen, die nicht versteckt werden, die Langsamkeit, die mich zur Entschleunigung zwingt. Die Sätze, die dir Fremde schenken, die so wohltuend sind. Signorino, der so zufrieden hier ist und alle Welt anlächelt. Der Römer, der daheim ist, und 10 Jahre jünger ausschaut. Der caffé bei nonna vincenza. Der caffé überhaupt.

Das Leben ist kurz und keiner von uns weiß, was uns erwartet und wie lange. Lassen Sie es uns nutzen! Treten Sie raus in die Welt und machen Sie das, was Sie glücklich macht. Umgeben Sie sich mit Ihren Lieben, sagen Sie Ihnen, dass jeder Moment mit Ihnen kostbar ist. Denn wie oft vergessen wir genau das in der Hektik der Zeit. Legen Sie das Smartphone beiseite. Glück ist nicht bei Instagram und Co zu finden. Das ist eine Illusion. Ich möchte auch behaupten, dass die interessantesten Menschen nicht 148 Story Sequenzen am Tag produzieren, weil sie stattdessen lieber ihr Leben leben. Seien Sie dankbar für das, was Ihr Leben bereit hielt und hält. Oft ist es nur der falsche Blickwinkel (oder Filter – um bei Instagram zu bleiben), mit dem wir unser Leben betrachten.

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontani da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere. Dann die Tram „numero otto“ und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir auf deinen Vater aufpassen, dachte ich… das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]

FTD

“FTD! FTD! FTD! FTD! FTD! FTD!” hämmert es in meinem Kopf. Ich will diese Buchstaben nicht mehr lesen, ich will nicht die Bedeutung kennen und ich will sie nicht ausgesprochen hören.

“Meine Töchter werden mich schon retten.” sagte mein Vater heute zu meinem Bruder. Und wie ich das versuchte – ihn zu retten. Ich fragte ihn, ob wir zu ihm ziehen sollten. 400km in den – von mir so gehassten – Süden. Der Römer war einverstanden. Und mein Papa antwortete: Ja!

Und während wir uns den Kopf zerbrachen wie wir das alles machen sollten, ging der tägliche Videoanruf meiner Geschwister ein.

Was soll ich sagen? Zurückgepfiffen wurden wir. Wie vor einer Woche auf der Autobahn! “Nein! Kurzzeitpflege! Es gibt keine andere Möglichkeit. Aber danke für das tolle Angebot. Dennoch nein! Nein! Nein! Nein!”

Erklären Sie mal einem Ertrinkenden, dass der Rettungsring nur ein “Witz” war! Und ziehen Sie ihn dann weg!

Genau das hab ich getan. Es tut mir so Leid! Wirklich!

Ich darf nun auf dem sicheren Boot stehen und ihm beim Ertrinken zu sehen, während alle um mich rum ständig “FTD! FTD! FTD!” krächzen.

Ich halte mich nun raus. Nicht, weil ich will, sondern weil es das Beste ist – auch für meinen untergehenden Vater, der gerne den ehrlich angebotenen Strohhalm angenommen hätte.

Einige, fröhlichere Texte habe ich in meinen Entwürfen, aber verzeihen Sie mir, dass es sich momentan falsch anfühlt, diese zu publizieren.

Kommen Sie gut durch die Woche! 💛

Wochenende und andere Katastrophen

Ich hoffe, Sie hatten ein traumhaftes Wochenende. Für die muslimische Gemeinde gab es einen hohen Feiertag – das muslimische Opferfest.

Wie wir es verbracht haben? Schwitzend auf der Autobahn mit einem schreienden Baby. Das Kind wickelnd am Rastplatz bei 32 Grad. Im Stau und schließlich zurückgepfiffen hinter Würzburg.

„Mama ist zu labil. Ein Wechsel der Personen (mein Bruder sollte fahren, ich sollte kommen mit Kind – der Römer wäre heim geflogen) würde ihr nicht gut tun.“ sagte Ova. „Ich weiß auch nicht, warum unser Bruder das nicht schon gestern bemerkt hat. Könnt ihr noch umdrehen oder seid ihr schon in der Nähe von München?“

Ich atmete tief ein und tief aus. Wir saßen bei Apfelkuchen und Espresso (Nerven beruhigen!) in einer Raststätte. Der Römer hatte Signorino auf dem Schoß und merkte, dass mein konzentriertes Atmen kein Zufall war.

„Okay, wir drehen um.“ antwortete ich. Ova entschuldigte sich hundert Mal, obwohl niemanden die Schuld traf. „Alles gut. Glück im Unglück, dass wir erst hinter Würzburg sind.“

Danach erklärte ich dem Römer die Lage. Er dachte kurz nach. „Ich war noch nie in Würzburg. Können wir dort eine Nacht verbringen?“ Da ich auch noch nie in Würzburg war, taten wir das. Es war sehr schön, unglaublich freundliche Menschen (vielleicht die Stadt mit den freundlichsten Bewohnern?) und eine sehr entspannte Atmosphäre.

Genießen konnte ich es nur so lala: Ständig trudelten wieder Hiobsbotschaften ein.

Wir wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Psychiatrie (für beide? für einen?), Pflegeheim (für meinen Vater! aber er ist zu fit für eine geschlossene Abteilung – doch beim Stichwort Demenz gibt es nur das als Vorschlag) und Kuraufenthalt.

Mittlerweile kennt uns der psychosoziale Dienst des Landkreises recht gut.

Wir Geschwister arbeiten nun in einem Projektteam. „Die Super Geschwister“ hat uns mein Bruder genannt. Unsere Ideen, Betreuungspläne und Heimadressen werden in der App Trello (Werbung, unbezahlt) organisiert. So bleibt eine gewisse Übersicht bestehen.

Egal in welcher Situation Sie momentan sind, ich möchte Ihnen drei meiner aktuellen Lieblingssätze mitgeben:

  1. This too shall pass. It may pass like a kidney stone, but it will pass.
  2. Don’t try to calm the storm. Calm yourself. The storm will pass.
  3. Manchmal wird es keine gute Lösung geben, sondern nur die am wenigsten schlechte.

Mehr Schein als Sein

Wenn Sie uns heute hätten sehen können, in diesem einen, kleinen Moment am Main, Sie hätten Stein und Bein geschworen, dass wir eine von diesen perfekten Familien sind, die ihr Leben vollkommen im Griff haben. Wir schienen so unangestrengt makellos, dass mir die Illusion, die wir darboten, äußerst unangenehm war.

Doch zum Glück kennen Sie uns schon und wissen, dass die Attribute makellos und perfekt definitiv nicht uns zuzuordnen sind.

Wie wir da saßen, heute am frühen Abend, auf einem gemütlichen Bänkchen am Main. Das Blätterdach der Allee wirkte wie ein großes, undichtes Sonnensegel. Der Fluss und alles drumherum wurde in ein zauberhaftes, goldenes Licht getaucht. Von unserer Bank hatten wir einen wunderbaren Ausblick auf den Main, eingerahmt von zwei großen Platanen. Auf dem Wasser war eine Gruppe Stand-Up Paddler, die mal mehr, mal weniger erfolgreich im Wasser herumstocherten und angestrengt versuchten die Balance zu halten, dabei aber gleichzeitig vorankommen wollten. Uns gegenüber thronte die Europäische Zentralbank und der Glasbau reflektierte das beeindruckende Licht.

Im Kinderwagen neben uns schlief Signorino engelsgleich. Ich lehnte meinen Kopf an des Römers Schulter. Toll sah ich aus in meinem schwarzen Etuikleid, den Keilabsatz Schuhen und der großen, dunklen Sonnenbrille.

Der Römer – natürlich ebenso stilecht mit Sonnenbrille, Polohemd und knielangen Shorts ließ seinen Blick über’s Wasser schweifen. Ein Gondoliere (ja, wirklich!) gondelte romantisch an uns vorbei. Ob er direkt aus Venedig kam oder aber hier ansässig ist, konnte ich leider in der Kürze der Zeit nicht herausfinden.

Ein Pärchen mitsamt ihrem brüllenden und um sich tretenden Kleinkind kam an uns vorbei. Beide hundemüde, beide resigniert und bemüht, das Kind zu beruhigen. Neidisch betrachtete uns die Mutter des Kindes.

„Es ist nicht so wie es aussieht.“ wollte ich ihr hinterherrufen. Doch sie waren schon zu weit entfernt. Ein letztes Mal drehte sich die geschaffte Frau um, nun das schreiende Kleinkind auf dem Arm. Der Vater schob ernst den Buggy nebenher.

Und ich? Ich hätte ihr so gerne erklärt wie ihr falscher Eindruck zustande kam.

Denn alles fing heute Nacht an. Signorino und ich hatten eine sehr kurze Nacht. Ich weiß, man sollte die Schuld immer zuerst bei sich selbst suchen. Aber ich möchte trotzdem behaupten, dass wir hauptsächlich eine kurze Nacht wegen Signorino hatten, der alle zwei Stunden aufwachte und darauf bestand, dass ich, da er nun wach war, meinen Schönheitsschlaf ebenso unterbrechen sollte.

Der Römer indessen hatte Glück. Er schlief heute außerhalb des Schlafzimmers – auf unserem Sofa. Nicht etwa, weil wir uns temperamentvolle Beschimpfungen an den Kopf schmissen. Nein, vielmehr, weil um 2 Uhr nachts schon absehbar war, dass diese Nacht keine 8 Stunden Schlaf mehr für uns bereithalten würde. Da er früh zur Arbeit musste, schlug er primär sich selbst und sekundär mir vor, auf der Couch zu nächtigen.

Hundemüde wurden Signorino und ich von der turbulenten Nacht ausgespuckt. Das schlug sich auch deutlich in Signorinos Laune nieder. Wenn er nicht schrie, dann meckerte er. Und wenn er nicht meckerte, dann weinte er.

So kämpften wir uns durch den Tag und es glich einem Schwimmwettkampf, in dem man versuchen musste, gegen die – auf Höchstleistung laufende – Gegenstromanlage anzuschwimmen.

In der einzigen 20 minütigen Schlafpause, die Signorino uns gönnte, duschte ich mich in Windeseile. Ich kam aus der Dusche, trocknete mich ab und zog mir schnell etwas über. Ich packte den Fön aus, fing an den Haaransatz zu trocknen, doch da schrie schon Signorino nach mir. Mit drei großen Klammern steckte ich meine noch nassen Haare zu einer geschickten Banane hoch. „Gar nicht mal so schlecht.“ lobte ich mein Spiegelbild, das mich neugierig beim Verlassen des Bades musterte.

Am späten Nachmittag bekam der junge Herr Farniente seinen Nachmittagsbrei. Als wir – bis auf eine paar wenige, kleine Spritzer – die Breifütterung beinahe überstanden hatten, geschah es: Signorino nieste. Mit dem vollen Breilöffel in seinem Mund. Ich weiß nicht, ob Sie sich das Ausmaß dieser tief roten Brei-Explosion vorstellen können, aber es sei Ihnen gesagt, dass mein weißes T-Shirt aussah als hätte ich ein Massaker begangen. Signorinos ebenso weißer Strampler verriet, dass er offensichtlich mein 7 Monate alter Mittäter war. Rund um den Esstisch machte ich ein spontanes Praktikum als Tatortreinigerin und befreite den hellen Boden von Blut Breispritzern.

Als ich uns beide umziehen wollte, bemerkte ich, dass Signorinos ach-so-kluge Mutter in den letzten Tagen wenig Zeit fand, eine dringend fällige Waschmaschine anzustellen. Das hatte wiederum zur Folge, dass wir keine alltagstauglichen Klamotten mehr vorweisen konnten.

Doch von dieser Lappalie ließ ich mich nicht beirren.

Signorino bekam – unter lautem Gezeter seinerseits – kurzerhand ein furchtbar elitäres Polohemd übergezogen. Dazu eine stocksteife, aber schrecklich elegante, kurze Hose. Er sah aus wie ein sehr klein geratener Eliteschüler eines englischen Internats. Aus Jux kämmte ich seine weizenblonden Haare noch ordentlich zur Seite, was er mit noch lauterem Geschrei quittierte.

Ich hingegen stand verzweifelt vor meinem Kleiderschrank. Nicht ein einziges T-Shirt befand sich darin. Alle Hosen waren in der Wäsche. Ich machte die Schranktür zur längst vergessenen Kleider-Sektion auf. Da hingen sie: Kleider,für deutsche Hochzeiten (etwas legerer, große Blumenapplikationen), für albanische (viel Glitzer, viele, knallige Farben) und italienische Hochzeiten (sehr elegant, sehr teuer, sehr unpraktisch). Bevor ich mit dem Gedanken spielte, mich für ein bodenlanges Festkleid zu entscheiden, fiel mein Blick glücklicherweise auf die kurzen Kleider.

„Strand…Strand…zu elegant…zu eng…zu eng…zu eng…“ murmelte ich. Die Auswahl war, auch durch ein paar Schwangerschaftspfunde mehr, gelinde gesagt, stark begrenzt. Übrig blieb ein nachtschwarzes Etuikleid mit hohem Stretchanteil. Ich seufzte und sprach mir Mut zu: „Immerhin besser als ein Pailletten besticktes, albanisches Abendkleid in meerjungfrauen-grün.“

Dann hielt ich die Luft vorsorglich an, quetschte mich in dieses Etuikleid und bemerkte, dass sich mehrere, große und kleine Schwangerschaftsringe abzeichneten. Ich pellte mich wieder aus dem Kleid, quälte mich in ein Bauch-weg-und-Po-hoch-Höschen und streifte das Etuikleid wieder darüber. Ich atmete nur noch sehr flach, aber ich atmete. Das allein zählte.

Als der Römer wenig später von der Arbeit nach Hause kam, pfiff er begeistert. „Scusa, ma oggi è il nostro anniversario? [Entschuldige, aber ist heute unsere Jahrestag?] War das nicht immer im Herbst?“ fragte er sehr verblüfft. „Er ist immer noch im Herbst, keine Sorge. Ich finde einfach nichts mehr zum Anziehen.“ antwortete ich wahrheitsgemäß und erwähnte nicht, dass es an meiner fehlenden Muße die Waschmaschine anzustellen lag. „Wow, du solltest öfter einmal einen Mangel an Klamotten haben.“ gab er angetan zurück und strich mir über meine neue Taille, die das Bauch-weg-Höschen vortäuschte. Ich lächelte müde, freute mich aber über sein Kompliment.

„Gehen wir gleich mit Signorino spazieren?“ fragte der Römer. Ich bejahte.

Als ich gerade in meine sehr gemütlichen, aber sehr verlebten Sandalen steigen wollte, fiel es mir wieder ein: Der Riemen des linken Schuhs ist gestern beim Müll wegbringen gerissen.

Ich atmete tief durch. Gestern wollte ich noch neue Schuhe bestellen, doch ich habe es schlichtweg vergessen. Da es mein einziges Paar Sommersandalen war, durchforstete ich – auf eine adäquate Alternative hoffend – den Schuhschrank.

Das einzige, halbwegs akzeptable Paar Schuhe war ein elegantes, schwarz funkelndes Ensemble mit Keilabsatz. Ich seufzte wieder und zog es an. Der Römer pfiff nochmal begeistert. „Wow! Che bella che sei! Proprio una donna di classe. [Wow! Wie hübsch du bist! Eine Frau mit Klasse.]“ sagte er. „Hm… donna di classe.“ wiederholte ich schmunzelnd, während ich mich fragte, ob es nicht doch eine Alternative zum Etuikleid gab. Ich dachte an die dringend auszumusternde Radlhose mit dem fröhlichen Bananen- und Ananas-Print (ein Fehlkauf aus Miami! Lassen Sie uns nicht darüber sprechen!) und fand, dass meine getroffene Wahl doch gar nicht so schlecht war.

Als wir mit unserem kleinen Eliteschüler von zu Hause losgingen, fühlte ich mich wie eine sehr abstrus aussehende Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Allein das Perlencollier fehlte. Und die Kleidergröße 34.

Unterwegs fing Signorino wieder an zu schreien. Er war frisch bewindelt, hatte eben Milchbrei gegessen und alles sollte in bester Ordnung sein. Aber das war es nicht. Der Römer erklärte sich bereit Signorino zu tragen, der sehr vehement im Kinderwagen randalierte. Auf des Römers Arm schniefte Signorino nur noch traurig, weinte und schrie aber nicht mehr. Ich zog meine übergroße Sonnenbrille ins Gesicht, damit ich meine Augenringe kaschieren konnte.

So gingen wir also, mit einem schniefenden Signorino, der nur auf dem Arm tragend zu beruhigen war, die Mainpromenade entlang. Als wir die erste freie Parkbank sahen, Signorino war schon äußerst schlaftrunken, steuerten wir freudig darauf zu.

Wir legten den nun dösenden Signorino in den Kinderwagen. Ich setzte mich auf die Bank und sobald der Römer, der sich nebenbei gesagt immer sehr elegant kleidet, neben mir saß, legte ich meinen Kopf müde auf seiner Schulter ab.

Da saßen wir also: Resigniert, müde und geschafft. Unsere Augenringe wurden von der Sonnenbrille abgedeckt. Unser fahler Teint wurde durch das goldene Sonnenlicht zum Strahlen gebracht. Selbst meine Mozzarella weißen Beine wirkten so, als hätte ich die letzten 14 Tage auf einer Yacht im Mittelmeer verbracht.

Und in eben diesem Augenblick kam die Familie mit dem schreienden Kleinkind vorbei und erblickte uns.

Es muss ganz fantastisch ausgesehen haben wie wir geschmackvoll einen Moment der Zweisamkeit genossen, während das Kind selig schlief.

Aber, liebe vorbeikommende Mutter: Wir sitzen alle im selben Boot! Es war nur eine sehr harmonisch wirkende Momentaufnahme.

Denn 10 Minuten später wachte Signorino wieder schreiend auf. Diesmal trug ich ihn. Und während ich ihn hin- und her schuckelte um ihn zu beruhigen, kam sein Milchbrei wieder hoch und ergoß sich auf meinem Kleid. Natürlich hatte Audrey Hepburn keine Wechselklamotten dabei (woher und wozu auch?) und humpelte, aufgrund von akuten Blasen an den Füßen (diese dummen Keilabsatzschuhe!) nach Hause.

Liebe andere Mutter, es war kein glorreicher Moment meines Lebens, aber ich hoffe, du hast mich auch in dieser Situation gesehen.

Denn die perfekte Illusion ist nur ein Zusammenspiel aus ungewaschener Wäsche, gutem Licht und akuter Müdigkeit.

Zauberhaft

Sie alle sind eine ganz zauberhafte “Gemeinde”. Ich danke Ihnen für all die lieben Worte und Umarmungen. Jede einzelne hat mich berührt (aber das wissen Sie sicher)!

Jetzt wird der Rock gerafft und morgen wird wieder ein flotterer Text veröffentlicht.

Mein Vollbad, mit den Badezusätzen “Trauer”, “Schmerz” und “Überforderung”, ist auf alle Fälle unangenehm kühl geworden, deswegen steig ich aus, trockne mich ab, kuschle mich in Ihre Worte und dann geht es hier wieder wortreich weiter.

Bis dahin, Sie sind die Besten!