Traummann mit Macken

„Bitte jammern Sie leise!“ möchte ich der jungen, blonden Dame im Bürgeramt (= KVR, Bürgerbüro, Gemeinde; jeder Ort hat einen anderen Namen) zuraunen, doch die Pausen, in denen sie Luft holt, sind rar gesät. Zu allem Überfluss ist meine Reaktionsfähigkeit durch akuten Schlafentzug auch noch stark verlangsamt. Eine ungute Kombination, wenn Sie mich fragen.

Schrecklich sei das alles, sagt sie und seufzt ein bemerkenswert bemitleidenswertes Seufzen. Und überhaupt, sie sei erst 29. Da wären andere schon verheiratet und hätten ein Kind.

„Ja, ich zum Beispiel.“, denke ich und möchte die Hand heben, „Rede weniger, reise mehr und irgendwann bleibt schon einer an dir kleben wie ein Insekt an einem gefräßigen Sonnentau. Er wird dein Klagelied über das Leben, die schreckliche Bowl mit den steinharten Falafel Bällchen und dem arroganten Kellner in der Taunusstraße schon ertragen.“ Ich erschrecke etwas über meinen unangebracht arroganten und zynischen Gedanken – doch schiebe es darauf, dass mein Gehirn im stickigen Bürgeramt mit Maskenpflicht nicht genug Sauerstoff bekommt.

Dennoch räuspere ich mich um ein passiv-aggressives Statement zu setzen. Mehr traue ich mich nicht. Doch sie bemerkt es eh nicht. Besser so, denn in Wahrheit bin ich genervt und fasziniert zugleich von dem, was sie da seit Minuten am Telefon von sich preisgibt.

Sie heißt Sofia und telefoniert mit ihrer Freundin Leonie. Das haben wir neugierigen Beihörer schon in den ersten Minuten ihres Telefonats klären können. Ihre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Sofia sehr viel redet ohne Luft holen zu müssen, Leonie sie im Gegenzug dafür nicht unterbricht und ihr zustimmt… oder mit einem Ohr zuhörend ein Klatschmagazin liest. So genau konnte ich es noch nicht herausfinden.

Ihre Dates, sagt sie, seien überhaupt nicht mehr die selben. Schwierig sei das alles. Sie seufzt erneut und man fühlt sich bei jedem weiteren Seufzer dem Weltuntergang wieder ein Stückchen näher. Wäre sie doch nur bei Markus geblieben. Er war der Richtige: gut aussehend, ein Gentleman, ein paar Jährchen älter (aber nicht so alt, dass die Leute anfangen würden zu tuscheln), geschieden, hatte eine Firma. Schlichtweg ein Traummann!

Leider gab es da diesen Mangel, der ihr das Leben schwer machte.

„Sicher die Exfrau.“ mutmaße ich in meinen Gedanken. „Oder die Kinder, die sie nicht akzeptieren. Männer mit Altlasten – das ist sicher nicht so einfach. Moment! Hatte sie überhaupt etwas über Kinder gesagt? Ach, sicher hat Markus Kinder. Zumal, jemand, der….“

Doch meine Gedanken werden harsch unterbrochen, denn es ging weiter in ihrem Text. „Ja, Leonie. Er tut es immer noch!!! Ich weiß doch auch nicht wie ich es ansprechen soll, dass es mir unangenehm ist. Ich fühle mich einfach unwohl dabei!“ Sie seufzt wieder und ich will bereits mitseufzen, konzentriere mich aber lieber auf meine Wartenummer, die hoffentlich nie bei dieser interessanten Unterhaltung auf dem Bildschirm auftaucht.

Ja, es war nicht mehr zu leugnen: Ich brannte bereits lichterloh – aus Neugier, Faszination und zu langen Wartezeiten im städtischen Amt. Jede Telenovela würde ich in diesem Moment links liegen lassen um zu erfahren, was Markus‘ dunkles Geheimnis ist.

Glücklicherweise lies ihre Antwort nicht lange auf sich warten.

„Weißt du, ich bin ja keine 14 mehr. Natürlich bin ich aufgeklärt. Zumindest würde ich mich als aufgeklärte Person bezeichnen. Meine Eltern haben auch mit mir darüber geredet. Wir haben zwar nicht lang und breit darüber diskutiert, aber zumindest die grundsätzlichen Fragen wurden geklärt.“ erzählt sie weiter und strich sich eine blonde Strähne aus dem mutlosen Gesicht.

„Sicher Sadomaso! Das machen doch jetzt alle.“ denke ich und rolle mit den Augen. „Aber ja doch. Da suchst du nach einem Gentleman, alles scheint perfekt und dann sollst du ihn auspeitschen. Oder noch schlimmer: Er dich! Man kann noch so aufgeklärt sein – ich wäre da auch restlos überfordert. Seit es da diese Bücher und diesen Film im Kino gab, drehen alle durch. Besonders, weil…“

Sie seufzt wieder und ich spitze die Ohren, weiß ich doch bereits, dass jeder neuer Seufzer einen neuen Monolog ihrerseits für das Publikum – mich – bereit hält.

„Du hast Recht. Ich werde ihm sagen, dass ich nicht so eine bin.“ sagt sie halbherzig entschlossen und ich feuere sie in Gedanken an: „Richtig so! Sag, dass dir sowas nicht gefällt! Du findest definitiv einen Besseren. Es gibt auch Markusse, die Sadomaso Praktiken komplett daneben finden.“

„Ich kann das einfach nicht. Natürlich habe ich mich eingelesen, aber wie viel kann man schon aus einem schnellen Onlineartikel für sich herausziehen? Ich bin total überfordert.“ ergänzt sie.

„Klar – wäre ich auch. Zumal ich überhaupt keinen Gefallen an sowas finden würde. Ich versteh dich, Sofia aus dem Bürgeramt.“ spreche ich ihr in Gedanken Mut zu.

„Hm… es gefällt mir definitiv. Das ganze Drumherum, die feinen Leute, die schummrige Beleuchtung. Das imponiert mir sehr. Dennoch weiß ich, dass ich dort nicht hingehöre. Weißt du, mein Papa sagt immer: Ein Esel, der sich wie ein Zebra anmalt, bleibt am Ende immer noch ein Esel.“ [*]

Sie atmet tief aus und wischt sich mit der Handoberfläche über die feuchtgewordenen Augen.

Mittlerweile finde ich sie richtig nett, diese Sofia aus dem Bürgeramt. Und: ich kann sie verstehen. Ein Sadomaso Swingerclub – da kann er noch so fein sein – da wäre ich sowas von raus. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen! Arme Sofia! So bezaubernd kann er gar nicht sein, als dass ich meine Grundwerte verkaufen würde.

In diesem Moment leuchtet meine Wartenummer auf dem großen Bildschirm auf und ich erhebe mich in Zeitlupe, krame nach einem Taschentuch und will es ihr im Vorbeigehen geben.

Zu meinem großen Glück setzt sie ihre Geschichte fort: „Ja, du hast Recht, Leonie. Ich sage es ihm einfach. Was bringt es mir, mich zu verbiegen? Markus, werde ich sagen, ich fühle mich unwohl in einem französischen Sternerestaurant. Das Besteck überfordert mich und den Knigge kann ich nicht so schnell lesen um den Ansprüchen dort gerecht zu werden. Meine Eltern haben mir zwar die Grundlagen wie man mit Messer und Gabel umgeht, gezeigt, nicht aber wie das ganze Chichi in einem Restaurant dieser Klasse funktioniert. Dann werde ich eine theatralische Pause machen und ihm klar sagen, was ich von ihm erwarte: Markus, wenn du wieder mit mir liiert sein willst, dann müssen wir auch in ein normales Restaurant gehen können. Dieses leckere, persische Restaurant im Bahnhofsviertel zum Beispiel. Genau so werde ich’s machen.“

„Die Nummer 9345, bitte!!! Letzte Chance für die 9345!!!“ schreit es aus dem Beamtenzimmer. Schnell packe ich das Taschentuch weg und eile an Sofia vorbei.

„Alles okay bei Ihnen?“ fragt mich die nette Verwaltungsfachangestellte kurz darauf. Ich muss auf sie wirken wie das Kaninchen vor der Schlange. „Äääh…ääähm…ja. Irgendwie schon.“ Ich muss lachen und schäme mich zugleich für meine Interpretation Sofias Leben betreffend. „Hier erlebt man noch richtige Geschichten bei Ihnen.“ gebe ich perplex von mir. „Oh ja, da sagen Sie was. Bücher könnte ich über meine Arbeit hier schreiben.“ Ich nicke begeistert. „Das glaube ich Ihnen auf’s Wort.“

[*Der Römer, der die Geschichte bereits vorab lesen durfte, möchte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Zoo das Sprichwort mit dem Esel und dem Zebra wortwörtlich nahm. Hier z.B. können Sie den Artikel lesen: *klick*]

Die Treuekarte war’s

Hätte ich wachsamer sein sollen? Wäre es dann vermeidbar gewesen? War es vielleicht d o c h mein Kommentar letztens, der den schlussendlichen Impuls gab? Oder habe ich die Zeichen der letzten Monate und Wochen falsch gedeutet oder sogar ignoriert?

Wahrscheinlich letzteres. Jetzt, wo der Römer es mir klipp und klar ins Gesicht gesagt hat, wird mir einiges klar.

Er sprach’s an einem Mittwoch – einfach so am Frühstückstisch – aus. Irgendwo zwischen Marmeladenbrot und caffé , zwischen La Repubblica und balkanweb nuschelte er eine doch so bedeutsame Information in seinen Tablet-Computer: „Ich habe nächste Woche einen Termin beim Einbürgerungsamt. Ich werde Deutscher.“ gefolgt von einem betroffenen „Oh nein, in Tirana ist ein 30jähriger beim Versuch die Straße zu überqueren schwer verletzt worden.“

„Bitte was?!“ fragte ich völlig perplex nach und senkte abrupt die Tasse, aus der ich gerade trinken wollte.

„Ein 30jähriger ist in Tirana zusammengefahren worden und ins Krankenhaus gebracht worden. Poveraccio! [Armer Kerl!]“ wiederholte er abwesend und biss in einen halbmondförmigen Keks.

„Nein! Nicht das. Das ist unwichtig. Also, nicht für ihn. Tragisch – irgendwie. Aber was hast du davor gesagt?“ wollte ich nervös wissen – und meine Sätze ließen keinen logischen Aufbau mehr erkennen.

„Ach so, ich werde Deutscher. Du musst mir nur noch etwas unterschreiben und ich brauch deinen Ausweis nächsten Mittwoch für ein bis zwei Stunden.“ bemerkte er wieder nebenbei, so als ob er das jede Woche machen würde und es keiner weiteren Erklärung bedarf. Dann setzte er fort „Ah, Lazio ha vinto 3-1 contra il Borussia Dortmund. Bravi!“ [Ah, Lazio hat gegen Borussia Dortmund 3 zu 1 gewonnen! Gut gemacht!]

„Maaaaan! Kannst du mal bitte dein Tablet zur Seite legen und ordentlich mit mir reden.“ fauchte ich, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ mich gegen die Rückenlehne des Stuhls sinken.

„Si, amore mio. Dimmi! [Ja, mein Schatz. Sag’s mir!] lächelte er mich an und legte das Tablet demonstrativ zur Seite.

„Du willst also Deutscher werden?“ Meine Stimme überschlug sich fast. „Nachdem du dich mit Händen und Füßen jahrzehntelang gewährt hast Italiener zu werden und jedes Mal etwas von Verrat am Vaterland murmeltest, wirst du jetzt Deutscher? Du hast in keinem Land so viele Jahre – ach was – Jahrzehnte gelebt wie in Italien. Aber klar, die logische Schlussfolgerung ist natürlich, Deutscher zu werden. Und noch dazu erwähnt man das zwischen Toast und Kaffee ganz nebenbei als würde es um den Termin des Heizungsablesers gehen.“ fasste ich zusammen.

„Si, esatto! [Ja, genau] Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ma questa volta non ho una scelta. [Aber dieses Mal habe ich keine Wahl]. È per il bene della mia famiglia. [Es ist zum Wohl meiner Familie]. Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.“ erklärte er ernst und mit fester Stimme. „Aha.“ antwortete ich knapp. „Ma non vuoi sapere perché? [Aber willst du nicht wissen warum?] hakte er nach. „Du wirst es mir schon erzählen, wenn du dich bereit dazu fühlst.“ gab ich betont lässig zurück und platzte fast vor Neugier. Den Gefallen wollte ich ihm nicht tun, dass sich mal wieder seine Annahme „la curiosità è donna“ [Die Neugier ist weiblich] bestätigte. „Allora, ti dico perché.“ [Also, ich sag’ dir warum] fing er hochtragend an. „Signorino und du seid beide Deutsche. Wir leben in Deutschland, zahlen Steuern, arbeiten und überhaupt – mein Sohn ist hier geboren. Da sehe ich es als meine absolute Pflicht auch mitzubestimmen, in welchem Deutschland mein Sohn groß wird. Ich möchte wählen – für die Zukunft meines Sohnes.“

„Oh bitte nicht!“ entfuhr es mir plötzlich. Der Römer blitzte mich an. „Entschuldige, aber jemand, der die AfD wählen wollte, weil er dachte, dass die Partei „AntiFascista Deutschland“ [Antifaschist Deutschland] heißt, sollte besser nicht wählen. Oder, lass es mich anders ausdrücken: Bevor die Wahlen sind, werde ich dir eine Liste von möglichen, NORMALEN Parteien zusammenstellen – inklusive ihrem Wahlprogramm!“ Der politisch sehr interessierte Römer sprang sofort darauf an: „Era UNA VOLTA! UNA VOLTA! [Das war EIN MAL! EIN MAL!] Und ich habe erst seit kurzem in Deutschland gelebt und sprach kein Wort Deutsch. Natürlich wähle ich so eine dämliche Partei nicht! Non sono matto! [Ich bin doch nicht verrückt]“ Er strich sich eine im Affekt wildgewordene, dunkle Locke aus der Stirn, die während seiner Brandrede aufbegehrte. „Außerdem möchte ich nicht allein im Ausland festsitzen, wenn alle Deutschen evakuiert werden, nur weil ihr die richtige „Mitgliedskarte“ habt. Du glaubt doch wohl nicht, dass mich Edi Rama [der Ministerpräsident Albaniens] in Madagaskar rettet.“

„Auf…. auf Madagaskar. Es ist eine Insel.“ gab ich besserwisserisch preis und wusste, dass ich ihn damit jedes Mal wieder auf die Palme brachte. „Aber gut, ich verstehe deinen Gedankengang. Noch eine letzte Frage: Hast du es dir wirklich gut überlegt?“ Er guckte mich mit festem Blick an und sagte nur „Si!“ – mehr nicht.

Später am Nachmittag, ich ging mit Signorino spazieren, fragte ich mich, wann dieser, sein, Gedanke anfing. Jahrzehntelang lebte er in Rom, doch wollte weder mitbestimmen, noch wählen. Es wäre ein leichtes gewesen, Italiener zu werden, doch er fand es nicht lohnenswert. Ich grübelte bei frischer, kalter Luft am Main.

„Die Treuekarte war’s!“ schoss es mir durch den Kopf. „Damit fing alles an. Aber na klar doch! Ich bestand 2016 darauf, dass er diese dämliche Treuekarte überall benutzt. Zwei Jahre dauerte es bis er es verinnerlicht hat. Nun benutzt er Coupons für 6fach Punkte, erinnert mich an der Tankstelle daran, meine Bonuskarte unbedingt abscannen zu lassen und löst die Punkte für rostfreie Kartoffelstampfer und Joggingstirnlampen ein.“ Ich seufzte und Signorino machte sich bemerkbar, dass er gerne etwas trinken würde. An einer Parkbank machten wir Rast und ich gab ihm seine Flasche. Zwei Nordic Walker (nicht Hubsi und Schnupsi) stöckelten vorbei. „Die Kehrtwende wäre vielleicht noch möglich gewesen, als er die Joggingstirnlampe bestellt hatte. Aber ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wer -in ganz Rom, ach was Italien – hat bitte eine Joggingstirnlampe? Da hätte mir doch (im wahrsten Sinne des Wortes) ein Licht aufgehen müssen. Mittlerweile findet er Outdoor Kleidung „praktisch“. Praktisch – das Wort gibt es in Italien überhaupt nicht im Zusammenhang mit Mode und Ästhetik! Letztens hatte er sogar eine Outdoor Jacke in der Hand – mit dem berühmten Tatzenmuster. Früher machte er sich noch lustig darüber….“ Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

In der Zwischenzeit gab mir Signorino zu verstehen, dass er nicht mehr durstig war. Gleichzeitig verlangte er aber nach einer Maiswaffel. Geduldig gab ich sie ihm in sein Patschehändchen. Er quiekte vor Freude.

„Was kommt als nächstes? Reist er in Trekkinghosen mit abnehmbaren Beinen nach Rom? Hat er dann dazu passende Wander-Sandalen an? Er, der feine Römer! Muss er diese Auflage vielleicht sogar unterschreiben, wenn er den deutschen Pass haben will?“ Ich stellte mir den Römer im hellblauen Maßhemd, beiger Cargohose und Sandalen mit Tennissocken vor und musste dabei laut lachen. Signorino lachte mit. Kichernd reichte ich ihm die nächste Waffel. „Dein Papa wird Deutscher.“ sagte ich und Signorino lachte laut auf. „Ja, ich kann es auch nicht glauben. Aber klar, die Anzeichen waren da. Wie war das noch, im August, als wir in Rom waren und es ihm an der Supermarkt Kasse nicht schnell genug ging? Das sonst so von ihm geschätzte Geplauder zwischen Kassierer und Kunden ging ihm auf die Nerven – obwohl er im Urlaub war. Was sagte er noch gleich? Die sollen nicht soviel plaudern, die sollen arbeiten. Wahrscheinlich wollte ich diese Anzeichen einfach nicht sehen.“ Signorino nieste und ein Stück Waffel flog durch die Luft. Ich hob es auf und mir kam ein neuer Gedanke: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, sagte er letztens. Ich wurde etwas stutzig und fragte nur, wo er das denn aufgeschnappt hat. In der Arbeit, war seine knappe Antwort. Wahrscheinlich war es ein Prozess wie er langsam aber sicher radikalisiert wurde. Dolce Vita gegen Deutsche Vita. Oder wie er sich letztens lautstark an der Kasse des hiesigen Sportgeschäfts beschwerte, weil der junge Mann vor ihm nicht rechtzeitig den Geldbeutel und die Treuekarte bereit hielt. Er wartete bis er dazu aufgefordert wurde und suchte dann in aller Seelenruhe in seinem Portmonee nach beiden Karten, fand aber nur die Bonuskarte und wollte dann wiederum mit Bargeld bezahlen, was dann zu weiteren Verzögerungen führte, weil die Kassiererin den Kauf erst abbrechen musste. Das weiß ich doch vorher, wann ich an der Reihe bin. Wenn noch mindestens zwei Kunden vor mir sind, lege ich mir bereits die gleich benötigten Karten zurecht. Der Typ ist sicher auch jedes Jahr von Weihnachten überrascht, pöbelte er und ich wurde etwas rot, weil er es auf Deutsch sagte.“

Signorino hatte fertig geknuspert und wir setzten unseren Spaziergang fort. „Generell Deutsch. Jedes zweite Wort ist Deutsch. Letzte Woche nach seinen Patienten gefragt, antwortete er, dass er sia einfache Patienten sia schwierige Patienten [sowohl einfache Patienten als auch schwierige Patienten] hatte. Vorgestern bereitete er Signorino mit den Worten „Ab ins Bett!“ vor. Auf Deutsch! Total verrückt. Als wir uns über sein Heimatland Albanien unterhielten beschwerte er sich, dass die Bevölkerung nicht effizient genug sei. Ständig sitzen sie im Café und brauchen drei Stunden für einen Espresso. Die sollen gefälligst arbeiten!“

Als wir 20 Minuten später daheim ankamen, duftete es nach würziger Tomatensoße. Fedez sang irgendeines seiner Lieder im italienischen Radio und der Römer brüllte auf albanisch ins Telefon. Die Küche sah aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Dort hing auch sein frisch gewaschenes, hellblaues Maßhemd auf einem Kleiderbügel am Vorratsschrank. Ein Tomatensoßen Spritzer machte es sich bereits darauf gemütlich. Ich tippte dem Römer auf die Schulter und zeigte ihm das Malheur. Er riss dich Augen weit auf – entschuldigte sich am Telefon und legte hastig auf. „Oh dio mio! No! Non è vero! Madre mia!!!! È un incubo! Porca miseria!“ [Oh mein Gott! Nein! Das ist nicht wahr! Madre mia!!!! Das ist ein Albtraum! Heilige Sch**ße!] Er gestikulierte wild.

Ich machte mich daran unter lauten, panischen Rufen des Römers den Fleck zu bearbeiten. Er war verzweifelt und brachte das so herrlich italienisch auf den Punkt.

Nach 10 Minuten und einem halben Liter Gallseife war der Fleck weg. Und ich atmete erleichtert auf. Nicht etwa, weil der Fleck verschwunden war, sondern weil ER wieder da war: Mein Römer! Die Gefahr ihn bald in Trekkinghosen, Karohemd und Sandalen zu sehen, schätze ich mittlerweile als gering ein. Denn – egal mit welcher Staatsbürgerschaft – manche Dinge ändern sich eben nie.

[Er lässt ausrichten, dass es gar nicht so dramatisch sei, denn schließlich sei Signorino ja Albaner. „Ein Albaner in der Familie reicht um als ordentliche, albanische Familie zu gelten.“ Na dann, shume urime! [herzlichen Glückwunsch!]]

Ultimo Ratio: Badewanne!

Es ist Sonntag. Die Nacht war kurz – oder lassen Sie es mich präzisieren: für eine Minderheit der Familie war sie gar nicht erst existent.

Wenn Signorino schlief, schnarchte der Römer in einer unerhörten Lautstärke. Wenn der Römer leise schlummerte, wandelte Signorino halb wach im Bett umher, wollte meine Hand mal im Gesicht, dann wieder auf seiner Brust, dann gar nicht mehr. Er rollte sich, begab sich in die beliebte Position „der Seestern“ mit seinen Füßchen in meinem Gesicht oder lies sich schlafend auf mich plumpsen. Es war zum verrückt werden.

Indessen wartete der Römer selig schlafend auf seinen Einsatz um seinen Lautstärkeregler wieder hochzufahren. Die perfekte Bühne für seinen brummenden Auftritt bot sich natürlich nur, wenn das Kind endlich in die Schlafparalyse geglitten war.

Müde schlürfte ich am nächsten Morgen ins Bad. Signorino befand sich in Obhut des Römers. Mein Blick fiel auf die Badewanne. „Ob es jemand merken würde, wenn ich mir einfach ein Bett in der Badewanne bauen würde? Zwei Handtücher dienen als Kissen, der Bademantel als Decke und ich könnte eine weitere halbe Stunde unbemerkt schlummern. Zur Tarnung würde ich den Duschvorhang zuziehen. Der Römer würde beim Anblick des geschlossenen Vorhangs nur wieder denken, dass ich einen neuen Ordnungsfimmel habe und dann….“ Noch ehe ich mich den weiteren Details hingeben konnte, kratzte es leise an der Tür. Mangels Haustier konnte es nur bedeuten, dass Signorino dem Römer entwischt ist. Sein pädagogisch wertvolles Betreuungskonzept besteht unter anderem auch aus „Zeitung lesen“ oder „am Handy scrollen“. Ich seufzte und öffnete die Tür. Ein fröhlicher Signorino guckte mich grinsend an. Ich hob ihn hoch und brachte ihn zurück zum Römer.

„Dein Kind ist abgehauen.“ sagte ich und er blickte nur kurz von seinem Handy auf. „Ma lui giocava!! [Aber er spielte!!]“ gab er empört zurück, so als ob das zehn Monate alte Kind durch eine ausgeklügelte List ausgebüchst wäre. Ich nickte kurz und schlich in die Küche. Während ich darauf wartete, dass die Kaffeemaschine endlich aufheizen würde, fiel mein Blick auf die zwei großen Wäscheberge. „90 Grad – weiß“ und „40 Grad – bunt“ türmten sich in schwindelerregenden Höhen vor dem großen Haushaltsschrank. Wenn man die beiden zusammen schieben würde, dann würde das ein wunderbar kuscheliges Bett ergeben. Ob man mich hier suchen würde? Wahrscheinlich nicht. Wer vermutete schon eine erwachsene, nüchterne Frau eingekuschelt auf zwei Wäschebergen? „Ob ich es versuchen sollte?“ fragte ich mich, doch im selben Augenblick hörte ich den Römer aus dem Wohnzimmer schreien: „AAAAAMORE! Un po‘ di giaccio ed un caffé, per favore!“ [Schatz! Ein bissschen Eis und einen Espresso, bitte!]

Bei dem Blick aufs Thermometer erübrigte sich die Frage, ob er nur sehr umständlich einen Caffè Shakerato bei mir bestellen wollte. Ich brachte ihm eine kalte Kompresse aus dem Kühlschrank – eingewickelt in ein Küchenhandtuch und nahm den schluchzenden Signorino in Empfang. „Non lo so come ha fatto lui. [Ich weiß nicht wie er das gemacht hat.] Auf einmal dotzte er mit dem Kopf gegen die Couch und als ich dachte, dass er nun nicht weiter fallen könnte, dotzte er weiter mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden. Ich habe nur einen Moment weggeschaut, da war es schon passiert.“ erklärte mir der Römer wild gestikulierend. Sein Handy, dass in seiner rechten Hand aufleuchtete und sein dazugehöriger, ellenlanger Kommentar auf einer sozialen Plattform lies mich das das Gegenteil vermuten. „Ma il caffé?!“ [Aber der Espresso?!] hakte der Römer nach. Meine Vergesslichkeit gegenüber seiner Espressobestellung schockierte ihn mehr als der Sturz seines Sohnes. Ich guckte ihn genervt an. „Prioritäten.“ murmelte ich und hielt die Kompresse vorsichtig an Signorinos Stirn. „Alles muss man hier selber machen.“ motzte der Römer und stiefelte theatralisch in die Küche.

Wenig später kam er mit zwei caffé zurück. „Entschuldige, es gab nur noch deca…[entkoffeinierten Espresso] – ma non fa nulla. [aber das macht ja nichts] Am Montag kaufe ich neuen Kaffee.“ säuselte er fröhlich. „….ma non fa nulla.“ [Aber das macht nichts.] wiederholte ich in meinen Gedanken und beschloss, dass es auch nichts machen würde, wenn ich heute alleine auf der Couch schlafen würde. Sollen sie doch gucken, wo sie bleiben.

Ich bereitete das restliche Frühstück zu und brachte es an den Tisch. Signorino zappelte aufgeregt in seinem Hochstuhl hin und her. Das erste Stück Marmeladenbrot erreichte ihn und er stieß ein erleichtertes „Mjam“ aus. Während ich ihn fütterte, mampfte der Römer angeregt seine italienischen Kekse und trank seinen Espresso mit allergrößter Muße. Als er damit fertig war, streckte und reckte er sich, guckte zu uns hinüber und stellte fest: „Visto che ci dura ancora un bel po‘, io mi ristraio ancora. [Da es bei euch anscheinend noch ein bisschen dauert, lege ich mich nochmals hin.] Ich hab heute Nacht so unruhig geschlafen.“ Noch eh ich empört antworten konnte, war er schon abgerauscht. Einzig seine Kekskrümel und seine leere Espressotasse zeugten von seinem Gastspiel am Frühstückstisch.

Ich schüttelte den Kopf – trank meinen italienischen Kaffee Hag und begann mit der Grundreinigung des Tisches, Signorinos, des Hochstuhls und der Glasvitrine hinter Signorino. Danach saugte ich Marmeladenbrot-Stücke ein und legte mich erschöpft auf den Teppichboden. Von links hörte ich ein heiteres „Da da“ und spürte eine winzige Hand, die sich auf meinem Brustkorb abstützte. Noch eh ich aufblicken konnte, versank eine andere Hand forsch in meiner Magengrube. „Signorino. Au! Nein!“ presste ich hervor, da spürte ich schon ein Knie in einer meiner Rippen. „Nein. Nein. Nein.“ wiederholte das Kind. „Ich bin ein lebendes Klettergerüst. Na toll!“ dachte ich und verfluchte den Römer, der sicher schon schlummernd im warmen Bett lag.

Nach weiteren 40 Minuten erschien der feine Herr Farniente gut gelaunt mit einem „Ci voleva“ [Das habe ich jetzt gebraucht] auf den Lippen. „Alles gut bei dir?“ fragte er, als er mich auf dem Rücken liegend mit dem auf mir herumturnenden Signorino sah.

„Ich bin müde, habe heute Nacht nicht geschlafen. Meine Augen fallen zu und Signorino klettert seit 40 Minuten auf mir herum. Gleichzeitig habe ich keinerlei Kraft mich zu bewegen. Jede Zelle meines Körpers ächzt nach Schlaf und du legst dich hin und döst! Ich will keinen entkoffeinierten Kaffee, keine Wäscheberge, keinen Kompressendienst am Kind. Ich will einfach nur in der Badewanne schlafen ohne das jemand an der Tür kratzt. Ist das denn zu viel verlangt?“ ergoß sich mein Jammerschwall auf den verstrubelten Römer. „Amore, dann sag doch was! Ma sto io col bambino [Aber ich kann doch beim Kind sein]. Leg dich hin – solange du willst.“ redete der Römer beruhigend auf mich ein und half mir hoch. „Brauchst du noch ein zweites Kissen? Ohrenstöpsel? Eine Wärmflasche?“ sorgte er sich um mich – oder wohl eher um mein geistiges Wohlbefinden. „Nein, danke.“ antwortete ich weinerlich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Bett.

Nach wunderbaren drei Stunden Schlaf kehrte ich erholt und mental geordnet zurück. „Das war zauberhaft.“ schwärmte ich und lächelte sanft. „Nein. Nein. Nein.“ begrüßte mich Signorino lachend. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich war wirklich besorgt als du gesagt hast, dass du in der Badewanne schlafen willst. Da wusste ich: adesso basta! [Jetzt reicht’s] Lei deve dormire. [Sie muss schlafen] Aber…sag mal, hattest du das wirklich ernst gemeint mit der Badewanne?“ wollte er neugierig wissen.

„Ach nein, nein. Das wäre ja verrückt!“, entkräftete ich meine vorherige Aussage, „Ich war wohl sehr müde.“

Dem Römer genügte diese Antwort und er erklärte mir irgendetwas Zusammenhangloses über die Autobahnbezifferung in Deutschland.*

Einen Teufel werde ich tun und ihm meine „ultimo ratio“ im Kampf gegen den Schlaf verraten. Sollen sie mich doch überall suchen – friedlich in der Badewanne schlummernd vermuten sie mich garantiert nicht.

[*Der Römer meint, es könnte Sie auch interessieren, deswegen hier für Sie vom Römer: Eine ungerade Nummer tragen alle Autobahnen in Deutschland, die in Nord-Süd-Richtung führen (beispielsweise die A1); gerade Nummern bekommen alle, die in West-Ost-Richtung verlaufen (etwa die A 4).]

Signora Motzikova

*

Tun Sie es oder tun Sie es nicht?

Keine Sorge, Sie müssen mir diese Frage nicht beantworten. Bei uns ist es wie in einer guten Beziehung. Auch Geheimnisse muss man voreinander haben dürfen.

Aber um über den Römer und mich zu sprechen: Wir tun es. Nicht öffentlich, da genieren wir uns zu sehr. Obwohl, ab und zu ist es auch in der Öffentlichkeit passiert. Dann stieß ich den Römer meist unsanft mit dem Ellbogen in die Rippen und sssch-te ihn an.

Doch von vorne: Alles fing mit den Nachbarn oben an. Nette, kurz angebundene Herren, für die ich manchmal ein Päckchen annehme. Ich sollte den Nachnamen allein schon deswegen kennen, doch zu präsent ist ihr Eigenname, den sie von uns bekommen haben: Die TIRs, die sich wiederum in den kleinen und den großen TIR aufteilen.

Den Namen bekamen sie, weil sie uns sehr stark an eben diese erinnern.

So klebt doch das Schild mit der Aufschrift TIR an vielen italienischen LKW-Transporten: Transports Internationaux Routiers «trasporti internazionali su strada» [Internationaler Straßen Transport]

Und eins haben sie alle gemeinsam: Es sind sehr große, sehr schwere LKWs. Bevor sie jetzt mit „fat shaming“ kommen, möchte ich mich hiermit offiziell davon distanzieren. Denn der Römer war’s und hat ihnen den Namen gegeben. Beschwerden leite ich aber gerne weiter.

Zurück zu den TIRs: den großen TIR sieht man meist nur auf dem Balkon. Einmal in 3 Jahren hat er die Wohnung verlassen – mithilfe der Feuerwehr über den Balkon. Er musste ins Krankenhaus – und – nun ja – passte nicht durch’s Treppenhaus. Der kleine TIR ist dagegen eher im exekutiven Bereich tätig, kauft ein, macht Botengänge und kümmert sich auch sonst um alles.

Mit unseren seidenpapierstarken Wänden sahen wir uns gezwungen, ihnen Spitznamen zu geben. Sagen wir, um ihre Privatsphäre zu wahren.

Und genau das ist unsere dunkle, abgründige Seite: Wir geben unseren Nachbarn heimlich Spitznamen.

So auch geschehen vor 1,5 Jahren. Die Labradoodles sind ins Hinterhaus eingezogen. Herzige, übertrieben freundliche Menschen. Doch geistige Tiefe lässt sich bei Ihnen nicht erahnen. Eben ähnlich eines Labradoodles. Es mögen freundliche Tiere sein, wahrscheinlich auch intelligent (verzeihen Sie hier mein mangelndes Fachwissen über diese Hunderasse), ABER sie wirken so heiter und gleichzeitig nichtsahnend wie unsere Nachbarn. Sie, die Labradoodle Frau, könnte getrost ein „Influencer“ sein und er, der Labradoodle Rüde, macht „irgendwas mit Medien in einem Start-Up“.

Jedesmal wenn wir die Labradoodles sehen, begrüßt der Römer sie freundlich mit einem „Haaaaallo! Buongiorno!“ und haucht mir ein „Prendi la pallaporta la palla – molla la palla“ [Fang den Ball – bring den Ball – lass den Ball aus“] ins Ohr. Ich lächle dann verlegen und die Labradoodle Frau quietscht jedes mal vergnügt: „Iiiiich liebe Italienisch! Das ist so eine schöne Sprache!“ Der Römer lacht dann und nickt eifrig, während ich denke: „Na, wenn die wüsste!“

Letztens lies sich auch Turtle dazu hinreißen jemanden der Nachbarn zu taufen – incognito versteht sich. Ich erzählte ihr davon, dass ich ein Paket bei Torben abgeholt habe. „Wer ist das denn?“ fragte sie, eine ihrer selbstgemachten Zimtschnecken mampfend. „Mmh…der von dem Marketing Büro unten.“ versuchte ich es ihr zu erklären. „Aaaach! Der Rotfuchs von der Kifferbude!“ klarte sich ihr Gesicht auf. Der Römer prustete los: „Si! Il roscio! Grande, Turtle!“ [Ja, der Rotfuchs! Großartig, Turtle!] High Five! Beide schlugen ein und Torben hatte seinen Namen weg. „Il roscio“ ist er seitdem. Der Rothaarige von der Kifferbude.

Doch glauben Sie mir: Auch unsere Nachbarn haben es faustdick hinter den Ohren. Zum Beispiel Hubsi und Schnupsi, das flotte Mitvierziger Paar, das erst seit ein paar Wochen hier wohnt. Durch die stets gleichen, hochpreisigen Outdoor Jacken, die sie bei ihrer morgendlichen Nordic Walking Runde am Main tragen, erinnern sie mich eher an Vorort Idylle als an Großstadt. Und eben dieses Pärchen ist keinen Deut besser. Wann immer wir ihnen begegnen, höre ich ein leise gehauchtes „König Leonidas“ und „Svetlana Motzikova“. Am Anfang dachte ich, es sei ein Zufall, aber nein – mittlerweile kann man nicht mehr von Zufällen reden.

„Wie findest du es eigentlich, dass Hubsi und Schnupsi uns Namen gegeben haben?“ frage ich den Römer – mit dem nötigen Maß Empörtheit. „Die haben uns Namen gegeben? Quali sarebbero? [Welche wären das?]“ geht er neugierig darauf ein. „Also…du heißt „König Leonidas“ – und damit bist du echt gut weggekommen.“ fange ich an. „E tu? Come ti chiamano? [Und du? Wie nennen sie dich?]“ fragt er nun grinsend. Ich seufze und verdrehe die Augen. „Svetlana Motzikova!“

Der Römer kreischt los vor lachen. Sein Gepruste hallt durch die ganze Wohnung. „Svetlana Motzikova! È troppo forte! Geniale!“ [Svetlana Motzikova! Das ist zu gut! Genial!] Er lacht mittlerweile Tränen und muss sich abstützen. „Ja, ja, stütz dich nur ab….pfff!“ motze ich, halb eingeschnappt.

„Scusa, amore! Ich hätte nur nicht gedacht, dass Hubsi und Schnupsi so viel Fantasie und Humor haben. Fa troppo ridere [Das ist extrem lustig]. Ma una domanda: Perché ti chiamano Motzikova? [Aber eine Frage: Warum nennen sie dich Motzikova?]“ fühlt er mir auf den Zahn.

„Aaaach…eigentlich gibt es dafür keinerlei Grund. Ich habe Hubsi nur sanft (aber bestimmt) darauf hingewiesen, dass er nicht im Innenhof auf meinem Parkplatz parken darf. Es geht hier streng nach Seniorität. Darauf lege ich allergrößten Wert!“ erkläre ich ihm. „Aha….?!“, stellt der Römer fest, „…und weiter?“

Er kennt mich einfach zu gut und weiß, dass das nicht unsere einzige Begegnung war. „Außerdem habe ich Schnupsi erklärt, dass wir eine sehr ruhige Hausgemeinschaft sind und niemand um 13:30 Uhr bohren sollte. Auch nicht am Umzugstag. Das ist Signorinos Schlafenszeit und ich berufe mich auf die Hausordnung.“ ergänze ich spitz. Der Römer prustet wieder los. „Hast du es so erklärt? Proprio alla tedesca? [Genau so deutsch?]“ lacht er. „Ja.“ antworte ich knapp. „Dann hast du deinen Namen auch wirklich verdient, Signora Motzikova.“

Am nächsten Tag, Hubsi und Schnupsi kommen gerade von ihrer Nordic Walking Runde heim, halte ich ihnen mit einer großen Mülltüte bewaffnet die Tür auf, wünsche ihnen einen wunderschönen, guten Morgen und verwickle sie in einen heiteren Smalltalk über Nordic Walking. Der Römer, der die Szene mit Signorino beobachtet, fühlt sich sofort dazu berufen, diese Situation zu beurteilen. „Das war richtig nett, dass du ihnen zufällig die Tür aufgehalten hast. Sie müssen ja nicht wissen, dass du 10 Minuten am Türspion gewartet hast um sie abzupassen. Aber bevor du dir jetzt noch Nordic Walking Stöcke kaufst und mit ihnen eine Runde witzelnd durch den Park stöckelst, will ich dir sagen: mach dir keine Hoffnungen – den Namen behältst du auf alle Fälle, Svetlana Motzikova.“

Ich fühle mich ertappt, doch gebe schnippisch zurück: „Danke, ich trage es dennoch mit Fassung!“

„Non è che tu hai una scelta.“ [Es ist nicht so, als ob du eine Wahl hast] grinst der Römer.

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Si – am Arsc*

Bitte tun Sie mir den Gefallen und verurteilen Sie mich nicht auch noch. Ich fühle mich schon von ganz allein vom Schicksal betrogen. Wie ich nur ein Jahr später auf dem Boden herumkrieche und mit einem Tischstaubsauger glutenfreie Bio Maisstangen und Demeter zertifizierte Reiswaffeln mit Apfel-Mango Pulver einsauge, schäme ich mich über meine oft gehässigen Kommentare über die weit verbreitete Helikopter-Elternstaffel.

Wissen Sie, man macht sich so lange über Eltern lustig bis man selbst Kinder hat. Dann lacht sich das Schicksal ins Fäustchen und guckt mit einer großen Tüte Popcorn zu wie man so wird wie „die anderen“.

Plötzlich unterhält man sich über die Farbe und Beschaffenheit des Baby Stuhlgangs – während man isst. Man backt zuckerfreie Waffeln auf Bananenbasis (gar nicht mal so schlecht!) und jedes mal, wenn man in seinem chemie- und schadstofffreien Universum hockt und selbst gekochte Gemüsebällchen vom TÜV zertifizierten Babyhochstuhl schrubbt, steht der Römer hinter einem und sagt Schokolade kauend: „Als ob deine und meine Eltern so viel Aufwand betrieben hätten wie du! Bei all den Kindern wäre das auch gar nicht gegangen. Abgesehen davon hätte meine Mutter auch gar keine Zeit gehabt für solche Spielereien. Abbiamo mangiato la pappa – e basta. [Wir haben Brei gegessen – und das war’s] Wer den nicht wollte, der hat Pech gehabt. Irgendwann isst das Kind schon, wenn es Hunger hat.“

Ich blicke vom Boden auf, nachdem ich die Jagd nach dem letzten Krümel beendet habe und lasse den Staubsauger aufheulen. Das sollte Antwort genug sein. Doch der Römer verstand meine Drohung nicht.

Veramente, amore! [Wirklich, Schatz!] Wir sind so übervorsichtig. È assurdo! [Das ist absurd] Wir sollten uns einfach mal entspannen. Ganz besonders du, elicottera. [Helikopterfrau]“ setzt er seinen unerwünschten Monolog fort.

„Ok. Danke.“ antworte ich knapp und überprüfe nochmal, ob das Babyphone auch wirklich an ist.

„Zum Beispiel auch mit diesem Babyphone in unserer kleinen Wohnung. Sowas gab es bei uns gar nicht. Irgendeiner hat mich dann schon gehört, wenn ich laut genug geschrien habe. Wir versklaven uns für Signorino. O in altre parole: è troppo! [Oder mit anderen Worten: Es ist zu viel!]“ erklärt er – immer noch Schokolade kauend.

„Hm…“ gebe ich zurück. Durch das ständige Hinterherrennen und Verbote aussprechen an Signorino habe ich keine Energie mehr mich zu langen und breiten Diskussionen hinreißen zu lassen.

„Nein….Nein…Nein…Nein…Nein….Da…Da.“ tönt es aus dem Babyphone. Signorino ist wach. „Ah siehst du! Un’altra cosa! [Eine andere Sache!] Das erste Wort unseres Kindes ist nein, weil es das den ganzen Tag von dir hört. Vielleicht solltest du deine Sätze etwas positiver formulieren.“ kommentiert der Römer weiter und isst schlussendlich das letzte Stück Schokolade der Packung. Er knüllt das bunte Papier zusammen und versucht es in den Mülleimer zu werfen. Es gelingt ihm und er ruft laut jubelnd: „Siiiiiii!“

„Si am Arsch.“ murmle ich und gehe – genervt von seinen Ratschlägen – zu Signorino um ihn aus dem Bettchen zu befreien.

„Scusa? [Entschuldige?]“ fragt der Römer, doch ich war bereits im Schlafzimmer und auf meinem Erziehungsratgeber Ohr taub.

Später, am Nachmittag, gehen wir einkaufen, nachdem wir den Spaziergang mit Signorino beendet haben. Angekommen im großen Supermarkt begutachte ich das Gemüse. Ich greife nach einer Avocado und der Römer fragt mich, ob diese für Signorino sei. „Ja, ist im Angebot.“ gebe ich in den Einkauf vertieft zurück.

„BIST DU VERRÜCKT?!?!“ überschlägt sich seine Stimme. Ich gucke ihn irritiert an. „Die ist doch gar nicht BIO?!?!“ spricht’s, nimmt sie mir aus der Hand und legt sie zurück. „Damit kann gerne eine andere Mutter ihr Kind vergiften, aber nicht du. Du bringst den kleinen Kerl noch um.“ sagt er und fährt mit Signorino im Buggy schnurstracks in die Bio Abteilung. Dort zieht er sein selbst mitgebrachtes Obstnetz aus Bio-Baumwolle aus der Jackentasche und füllt unter allergrößtem Argwohn gegenüber den anderen Gemüsesorten eine Avocado ein. „Seit wann hast du ein eigenes Obstnetz?“ frage ich entgeistert. „Ach das….“ sagt er und denkt, ich würde nicht weiter nachhaken. Aber nicht mit mir, mein Freund! Nach einigen Sekunden des sinnfreien Herumstotterns, platzt es aus ihm heraus: „Ich bin einfach kein Fan davon, wenn das Gemüse meines Sohnes mit Plastik in Berührung kommt. È troppo pericoloso.[Das ist viel zu gefährlich] Da habe ich kein gutes Gefühl dabei. Wenn wir schon nicht regional kaufen, dann wenigstens bio!“

Ich grinse nur und sage: „Also mit diesem Obstnetz für unseren Sohn… Das hätte es früher bei uns nicht gegeben. Deine Mutter hätte das sicher nicht mitgemacht bei euch Kindern und -bei aller Liebe- wir sind so übervorsichtig, das ist doch ABSURD! Assurdo!! Wo wäre sie denn da hingekommen, wenn jeder ein eigenes Obstnetz gehabt hätte? Und BIO!!! Also nein, wir versklaven uns doch für unseren Sohn. Du solltest dich mal entspannen. Einfach mal alles ein bisschen sportlicher sehen. Und vielleicht solltest du auch einmal positiver auf andere Gemüsesorten und Anbauweisen herangehen. Du bist in letzter Zeit so negativ.“

Er funkelt mich an und setzt seinen Einkauf fort. Wir sprechen kein Wort, nur Signorino tönt „Nein, nein, nein, da, da, da.“ durch die Gänge.

„Zahlst du oder zahl ich, elicottero?“ frage ich ihn provozierend an der Kasse. Er rümpft nur seine Nase und holt seinen Geldbeutel heraus. „Und die Treuekarte nicht vergessen! Diese Woche gibt es achtfach Punkte.“ flöte ich. Er verdreht genervt die Augen und verstaut eine Packung Bio Maiswaffeln – demeter zertifiziert.

Daheim angekommen ruft er in Albanien an. Erstaunlich oft hört man das Wort „bio“ aus seinem Mund und dem Mund seiner Mutter. Als er auflegt, kommt er triumphierend auf mich zu: „Ha! Vedi! [Siehst du!] Alles war bio!“ Fragend blicke ich von Signorinos angekauten Bauklötzchen auf. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert und alles war bio. Nur Obst und Gemüse aus eigenem Anbau bekam ich damals. Alles war frisch geerntet aus Omas Garten.“ erklärt er. „Aha. Na dann.“ gebe ich wenig interessiert zurück. „Ich wollte es dir nur sagen, weil du mich elicottero genannt hast. Und das bin ich nicht.“ weist er mich auf mein „Vergehen“ hin.

Ich lege einen Holzwürfel zur Seite, hole tief Luft und erkläre dann: „Schatz, nun sind wir doch mal ehrlich: Wir sind beide elicotteri – aus dem einfachen Grund, weil Signorino unser erstes und einziges Kind ist. Wir haben keinerlei Erfahrung und wollen alles perfekt machen. Hätten wir hier noch zwei andere Kinder herumhüpfen, wäre die Zeit auch deutlicher knapper um sich über solche Details Gedanken zu machen. Einigen wir uns einfach darauf, dass jeder von uns – auf unterschiedliche Art und Weise – ein elicottero ist.“

Va bene! [In Ordnung] Aber du etwas mehr.“ merkt er an. Wir müssen beide lachen. „Wenn du dich damit besser fühlst: sehr gerne!“ stimme ich zu.

Buon rientro al caos

„Guten Tag.“ schreibe ich – und lösche es gleich wieder.

Ein so lapidarer Gruß nach all diesen Wochen und (ich wage es kaum zu schreiben) Monaten? Nein. Das spiegelt unser Verhältnis nicht wieder. Sie, und ich, wir sind uns näher. Zusammen standen wir bereits in der Küche und wurden vom Römer unsanft zur Seite geschoben, während er versuchte, dass die Küche nicht vollends abfackelte.

Sie saßen gefühlt neben mir als ich mit dem stundenlang weinenden Signorino auf dem Bett saß und ihn kraftlos schuckelte.

Sie munterten mich auf, lachten mit mir Tränen und rückten mir den Kopf zurecht.

Wie falsch wäre es da, Sie mit einem einfachen „Guten Tag“ zu begrüßen? Gut ist der Tag natürlich. Das merken Sie allein schon daran, dass ich schreibe. Denn an schlechten Tagen – und davon gab es einige zwischen Juni und September – blieben mir die Worte im Herzen stecken und bohrten sich immer tiefer und tiefer um noch mehr weh zu tun als nötig.

Doch jetzt, im Oktober, verblassen die Worte und Taten. Sie fallen wie Herbstblätter zu Boden und werden vom Matschwetter weggespült.

Jetzt im Herbst und Winter bin ich wieder ganz für Sie da. [Und Sie für mich!]

Zumindest hoffe ich das, denn wussten Sie, dass Babys verflucht schnell sind, wenn sie krabbeln? Und wussten Sie, dass wenn sie erst einmal krabbeln, recht schnell dazu übergehen, sich überall wagemutig hochzuziehen? Haben Sie auch gewusst, dass sie dann oft rückwärts umkippen – wie ein Brett – wenn man mal einen Moment nicht aufpasst? Und wenn sie kopfnickend diese Fragen beantworten, dann werden Sie einsehen, dass ich Sie brauche. Das hätte dem armen Kind, Signorino, die ein oder andere Beule erspart.

Der Römer sieht das anders. Aber der nennt mich seit Wochen nur „elicottera“ [angelehnt an das Wort elicottero – Helikopter]. Seit ich herausgefunden habe, dass Kinder zwar waghalsig sind, aber dennoch sehr weinerlich, wenn sie umkippen (was sie ständig tun), bin ich meist sehr achtsam und sehr nah an Signorino. Seitdem haben wir keinen Unfall mehr zu verzeichnen. Dafür muss ich das ständige, schelmische Grinsen des Römers ertragen. „Ma lui deve fare le sue esperienze.“[Aber er muss seine eigenen Erfahrungen machen] sagt er dann und fügt „Sonst lernt er es nie.“ an den Satz an. „Ja, ja.“ sage ich dann. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, was ein „Ja, ja“ bedeutet.

Doch wir einigten uns auf einen Kompromiss. Der Römer ist der Teil unserer Elternkombo, der „das Kind mal machen lässt“ und es tröstet, wenn es das hundertste Mal hinfällt. Ich, in meiner Funktion als elicottera, fange das Kind auf, halte es, wenn es steht und bin am Abend platt, weil ich ständig hinterher laufe.

Sie sehen, es gibt nur eine einzige Begrüßung, die ich für uns gelten lasse: „Buon rientro al caos!“ [Willkommen zurück im Chaos] Alles andere wäre Untertreibung!

4 Meter Unterschied

Heute, da bin ich melancholisch, obwohl die Stimmung nur 4 Meter von mit entfernt vibriert vor lauter Lebensfreude.

Ich sitze hier, allein auf der Couch in unserem Ferienapartment. Signorino schläft im ersten Stock. Der Römer ist mit seinen Freunden essen. Mit Signorino wäre es ein sehr schnelles Essen geworden. So aber, da waren wir uns einig, kann der Römer die Zeit mit seinen Freunden genießen.

Doch wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann kommt die Melancholie. Sie begann heute Nachmittag, als mir mein Papa mitteilte, dass er ins Pflegeheim geht. Mein wunderbarer Papa schrieb im Schlusssatz: “… and they never come back. Alte Schwergewichtsboxerlehre.”

Der Satz verpasste mir eine Kerbe in meinem Herz. Mittig, ganz klein, doch mit jedem Atmezug wird sie größer und schmerzhafter. Ja, es wird seine letzte Station sein. Nein, die Krankheit hält kein Happy End parat. Das Einzige, was sie parat hielt, war eine Trennung. Die letzten Jahre verbringen meine Eltern nun getrennt. Räumlich. Emotional. Körperlich.

Mir obliegt es nicht, über einen Weg zu urteilen, den ich nicht gegangen bin. Meine Mutter wird ihre Beweggründe haben. Auch wenn sie laut über die Möglichkeit einen neuen Partner zu haben, nachdenkt, so ist es ihr Leben. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. (dennoch wäre es gelogen, würde es mir nicht weh tun)

Mein Papa wird immer mein Papa bleiben. Mit Krankheit. Ohne Krankheit.

Wissen Sie, wir denken alle nicht gerne über den Tod nach. Doch am Ende ist es das, was die Zukunft gewiss für uns bereit hält. Wo ein Anfang ist, ist auch ein Ende. Und irgendwann treten wir ab von der Bühne dieser Welt. Was danach geschieht, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Hier sitz ich nun – in meinem kleinen Reihenhäuschen in Trastevere. Und schreibe, weil es mich heilt, weil es mir erlaubt zu atmen und weil es das ist, was ich liebe. Ich schreibe und lese.

Ich lächle, weil mir die Geräuschkulisse klar macht, dass ich lebe. Diese pulsierende Stadt, die Emotionen, die nicht versteckt werden, die Langsamkeit, die mich zur Entschleunigung zwingt. Die Sätze, die dir Fremde schenken, die so wohltuend sind. Signorino, der so zufrieden hier ist und alle Welt anlächelt. Der Römer, der daheim ist, und 10 Jahre jünger ausschaut. Der caffé bei nonna vincenza. Der caffé überhaupt.

Das Leben ist kurz und keiner von uns weiß, was uns erwartet und wie lange. Lassen Sie es uns nutzen! Treten Sie raus in die Welt und machen Sie das, was Sie glücklich macht. Umgeben Sie sich mit Ihren Lieben, sagen Sie Ihnen, dass jeder Moment mit Ihnen kostbar ist. Denn wie oft vergessen wir genau das in der Hektik der Zeit. Legen Sie das Smartphone beiseite. Glück ist nicht bei Instagram und Co zu finden. Das ist eine Illusion. Ich möchte auch behaupten, dass die interessantesten Menschen nicht 148 Story Sequenzen am Tag produzieren, weil sie stattdessen lieber ihr Leben leben. Seien Sie dankbar für das, was Ihr Leben bereit hielt und hält. Oft ist es nur der falsche Blickwinkel (oder Filter – um bei Instagram zu bleiben), mit dem wir unser Leben betrachten.

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontani da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere. Dann die Tram „numero otto“ und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir auf deinen Vater aufpassen, dachte ich… das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]