Frau Keifflingers Sonntagsruhe

So stellt sich Frau Keifflinger ihre Sonntage vor

Es mag vielleicht an meiner römisch-katholischen Erziehung liegen. Vielleicht aber auch am Bundesland Bayern, das einem kontinuierlich einschärfte, dass der Sonntag heilig ist und man – um Gottes Willen – niemanden geschäftlich anruft.

Denn am 7. Tag sollst du ruhen.

Seltsamerweise ist in Hessen dieses Gesetz gänzlich außer Kraft gesetzt. Hier werden Bewerbungsgespräche, wie es scheint, grundsätzlich nur am Sonntag geführt(sic!). Rückrufe unter der Woche von einem potentiellen Arbeitgeber? Wo denken Sie hin! Das wäre zu banal. Zum guten Tun gehört es hier, den potentiellen Arbeitnehmer an einem Sonntag anzurufen.

Zugegeben: Für mich hörte die Sonntagsregel spätestens mit meinem Schichtdienst auf (und mit Schichtdienst meine ich nicht Signorino, sondern das Flugbegleiterleben). Dennoch rebelliert meine innere Hausfrau etwas, wenn es jemand wagt sonntags geschäftlich anzurufen. Frau Keifflinger, so nennt sich meine innere, bayerische Hausfrau, ist dann äußerst grantig. „Barbaren! Ois Barbaren!“ schimpft sie zeternd und zieht ihre geblümte Kittelschürze zurecht.

Der Römer in diesem Haushalt ist etwas nüchterner. Er guckt nur auf sein Handy, sieht den Anrufer und murmelt ein erstauntes „La domenica?!“ [Sonntags?!] Dann geht er gut gelaunt ans Telefon und redet mit dem Gegenüber so, als wäre es montags oder dienstags.

Man sieht, in Hessen herrschen andere Gesetze. Frau Keifflinger wird sich schon noch integrieren.

Ihnen einen schönen Sonntag ohne Anrufe von potenziellen und realen Arbeitgebern.

Steuererklärung auf römisch

Wie unschön Steuererklärungen sind, wissen Sie sicher. Als mündige, erwachsene Bürger hatten Sie sicher mehr als einmal das Vergnügen aktiv oder passiv in den Steuerdschungel einzutauchen.

Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber seit ich Mutter eines kleinen Signorinos bin, kümmere ich mich sehr gerne um die Steuererklärung. Fast möchte ich soweit gehen und Ihnen leise flüsternd verraten, dass ich mich bereits seit Anfang 2020 auf die 2021 fällige Steuererklärung freue. Nicht etwa, weil ich auf eine Rückzahlung hoffe. Wobei ich einer Rückzahlung generell nie abgeneigt bin. Nein, nein, viel mehr, weil ich ein paar ungestörten Stunden nicht abgeneigt bin. Nur ich, mein Computer, die giftgrüne Mappe mit dem hübschen Wort „tasse“ (Steuern) auf dem Einband und eine schöne Tasse Tee.

Es sind wahre Mußestunden. Doch wie es mit der Ruhe und Entspannung oft so ist, früher oder später kommt jemand, der sie Ihnen streitig machen will.

Am Montag war es, als mir der Römer die Lohnsteuerbescheinigung 2020 auf den Schreibtisch legte. Ich lächelte zufrieden, wusste ich doch, dass nun die Zeit reif war für einen ungestörten Nachmittag in meiner ganz privaten Steueroase. Der Römer indessen hatte die nicht minder wichtige Aufgabe, mir jegliche Störungen, egal wie süß und tapsig sie sind, vom Leibe zu halten. Steuererklärungen erfordern eine größtmögliche Portion an Konzentration, Akkuratesse und Spürsinn. Gegen eine schöne Tasse Tee und ein paar italienische Kekse ist dennoch nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil, sie sind dem Ergebnis sogar zuträglich, möchte ich behaupten.

Während ich die giftgrüne Mappe aufschlug um schon einmal die Rechnungen zu sortieren, nahm das Unglück Fahrt auf. „Scusa amore, mi potresti far vedere come si fa?„[Entschuldige, Schatz, aber könntest du mir zeigen wie man das macht?] durchbrach der Satz des Römers die sich langsam ausbreitende Ruhe. Ich guckte ihn höchst irritiert an, bekam ich es doch mit der Angst zu tun, meine Mußestunden abgeben zu müssen.

Die Steuererklärung?“ fragte ich und kannte doch bereits die Antwort. „Esatto. Mi interessa.“ [Genau. Das interessiert mich.] gab der Römer neugierig zurück und guckte mir über die Schulter. „Puh…das ist einfacher gesagt als getan. Jahre, ach was, Jahrzehnte hat es mich gekostet, überhaupt einen ungefähren Plan zu haben, wie das alles von Statten geht. Turtle zum Beispiel, machte extra eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten, so kompliziert schien es ihr. Und mittlerweile versucht sie sogar Steuerberaterin zu werden, weil sie immer noch nicht recht weiß wie es funktioniert.“ versuchte ich ihm durch massive Abschreckung die Idee auszureden. „C’è lo possiamo provare.“ [Wir probieren es trotzdem.] sprach der Römer überzeugt. Ich nickte nur langsam und starrte auf meinen ungeöffneten Teebeutel. „Oase der Entspannung“ stand auf ihm, doch ich glaubte ihm nicht mehr so recht.

Heute Abend dann? Wenn Signorino schläft? Anders geht’s ja nicht. Einer muss auf ihn aufpassen und normalerweise mache ich die Steuern alleine, während du aufpasst. Einfach wird das eh nicht, aber….“ versuchte ich die Sache komplizierter zu machen als sie ist. Er unterbrach mich mit einem „stasera“ [heute Abend]. Dann drehte er sich um und ging in die Küche um sich dem Bräunungsgrad der Cannelloni im Ofen zu widmen.

Abends, Signorino schlief bereits seit dreißig Minuten, fanden wir uns dicht an dicht vor dem grellen Bildschirm ein. Weder eine Kanne Tee, noch Kekse waren auf meinem Schreibtisch, denn Gemütlichkeit würde bei diesem Thema heute garantiert nicht einziehen. Der Römer stellte seinen entkoffeinierten Espresso auf den Tisch und verrührte etwas Zucker in der dunkelbraunen Flüssigkeit. Ich kaute stattdessen nervös auf meinem Minzkaugummi herum. Dann griff ich beherzt zur giftgrünen Steuermappe und schlug sie auf. „Fürs Erste würde ich dich bitte, einfach nur unsere persönlichen Daten in dieses Programm einzutippen. Fang gerne mit dir an: Name, Anschrift, Beruf, Steuernummer,…“ zählte ich auf und vertiefte mich demonstrativ in eine Rechnung. „Okay, facile. [Okay, einfach.]“ gab er zurück und tippte los. Ich schielte immer mal wieder zu ihm und guckte, was er tippte. Nachdem er seinen Namen, unsere Straße und schlussendlich den Ort ausgefüllt hatte, guckte er mich fragend an. Mit zusammengekniffenen Augen dachte er angestrengt nach. Dann wandte er sich wieder dem Computer zu und tippte eine 6 ein. Wieder guckte er auf und fixierte mich fragend. „Jaaaaa?“ wollte ich wissen und guckte von meiner Rechnung hoch. „Il CAP è 6….e poi?“ [Die Postleitzahl ist 6….und dann?]“ erkundigte er sich bei mir. „Amore, wir wohnen seit dreieinhalb Jahren hier!“ gab ich beunruhigt zurück. Noch eh ich ihn fragen konnte, wie er seit Jahren Behördengänge und Bestellvorgänge absolvierte, hatte er die Antwort bereits in einer Suchmaschine gefunden. Siegessicher lächelte er mich an. „Man muss nur wissen, wo es steht.“ murmelte der Römer während er sich wieder seiner Aufgabe widmete. Nach einer Weile stand er auf, ging zu seinem Geldbeutel, holte seine Krankenkassenkarte und guckte sie kurz an. Dann tippte er los. Ich fragte mich seit wann das Steuerprogramm nach der Versichertennummer fragte. Aber, zugegeben, allzu vertraut bin ich mit den neuen Gesetzesänderungen nicht.

Ok, manca una ciffra.“ [Ok, es fehlt eine Ziffer.] stellte der Römer nach mehrmaligem Kontrollieren fest. Ich drehte mich zu ihm und guckte, was er eingegeben hat. „Woher hast du denn die Steueridentifikationsnummer? Die steht doch in dem großen Ordner. Oder weißt du sie etwa auswendig?“ hakte ich verwundert nach. „Ma è scontato. C’è sempre scritto sulla tessera sanitaria.“ [Aber das ist selbstverständlich. Schon immer steht diese auf der Krankenkassenkarten.] gab er etwas hochmütig zurück. „Seit wann?“ fragte ich nach während ich die Karte hin- und herdrehte und danach suchte. „Amore! Die Versichertennummer IST die Steuernummer. Die beiden sind identisch.“ erklärte er mir zunehmend genervter. Ich runzelte meine Stirn und zwei dicke Furchen bildeten sich zwischen meinen Augenbrauen. „Das wäre mir neu.“ sprach ich kurz und suchte im Internet mehr Informationen über seine These. Wenn es eine Änderung dieses Kalibers gegeben hätte, hätte doch das Finanzamt oder die Krankenkasse einen Informationsbrief geschickt? Ich wühlte in dem gut gefüllten Ordner mit der Aufschrift „Finanzkram“.

Schließlich fiel mir die Steueridentifikationsnummer in die Hände. Ich verglich sie mit der Versichertennummer der Krankenkasse. Nein, die beiden hatten rein gar nichts gemeinsam. Außer natürlich, dass sie aus wild zusammengewürfelte Ziffern bestanden. Die Krankenkasse nahm sich das Recht heraus, ihre Nummernfolge mit einem neckischen Buchstaben zu versehen. Langsam schüttelte ich meinen Kopf und gab dem Römer den Brief mit der Steueridentifikationsnummer, damit er sich noch einmal vergleichen konnte. „Strano. In Italia c’è scritto ovunque il codice fiscale*.“ [Komisch. In Italien steht überall die Steuernummer.] klärte er mich auf. „Aaaaah!“, jetzt fiel der Groschen auch bei mir, „In Italien!! Sag das doch gleich. Wir haben in Deutschland für alles eine eigene Nummer.“ Desillusioniert und verwirrt guckte mich der Römer mit seinen großen, blauen Augen an. „Germania è un paese molto strano. [Deutschland ist ein sehr seltsames Land.] Wo die Deutschen praktisch denken könnten, tun sie es nicht. Und wo sie es tun, braucht man es nicht.“ Nach diesem Satz tippte er die richtige Steueridentifikationsnummer ein, streckte sich und gähnte. „Mi sembra che dura un botto di tempo. [Es scheint mir, als würde das ewig dauern.]“ gab er nun zu und gähnte noch etwas lauter und übertriebener. „Amore, ich schätze deinen Einsatz sehr. Aber du nimmst mir schon so viel ab – die Steuererklärung musst du mir nicht auch noch abnehmen.“ versuchte ich ihm sein Vorhaben ein letztes Mal auszureden. „Hai raggione. Non posso fare sempre tutto io. Grazie, amore. [Du hast Recht. Ich kann nicht immer alles machen. Danke, Schatz.]“ gab er mir Recht und küsste mich auf die Stirn. Ich lächelte, dann streckte ich mich und gähnte ebenso herzhaft wie der Römer vor wenigen Momenten. „Morgen mach ich das. Heute bin ich schon zu müde.“ verkündete ich und erntete ein verständnisvolles Nicken vom Römer.

Am nächsten Vormittag stand eine dampfende Tasse „Oase der Entspannung“ vor mir. Die zweifarbigen Kekse waren griffbereit auf einem Tellerchen angerichtet. Zufrieden klappte ich den Laptop auf, während ich im Hintergrund den Römer hörte wie er mit Signorino schimpfte. Anscheinend hatte er Klopapier in einem unachtsamen Moment geklaut, zerrissen und überall auf dem Weg in die Küche verteilt. Lautstark fluchte und rief der Römer nach dem flüchtenden Kleinkind. Ich seufzte selig. „Na, dann wollen wir mal. Die Steuernummer müsste so stimmen…. Erster Punkt: Beruf!“ Während ich unsere Berufsbezeichnungen eintippe, lächelte ich, denn schließlich hatte ich meine Mußestunden des Jahres zurückgewonnen. Wie es schien, für immer.

*codice fiscale – die italienische Steuernummer – oder wie der Römer sagt: „Senza sei morto in Italia. [Ohne bist du tot in Italien]“ Nichts läuft ohne die Steuernummer. Ein Bankkonto eröffnen? Aber klar doch, wie lautet denn die Steuernummer? Denn ohne italienische Steuernummer gibt es kein Bankkonto, keine (Kranken-)Versicherung, kein nichts. Jeder gute Italiener oder in Italien lebende weiß sie auswendig – und wenn nicht, dann kann er die Nummer mit einem schnellen Blick auf seine Krankenkassenkarte abrufen. Wer keine beantragen möchte, aber einen codice fiscale auf die schnelle braucht, kann sich auf einigen Internetseiten schnell und gratis den codice fiscale berechnen lassen.

Das richtige 24. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

Wissen Sie, was ich Ihnen nach langer Zeit immer noch schulde?

Den 24. Dezember – das letzte Türchen im Adventskalender!

Ursprünglich wollte ich das Türchen am 24.01. nachreichen. Nun ja, das klappte nicht. Der Backenzahndurchbruch des römischen Sohnes (*räusper* Signorino) kam dazwischen. Und deswegen gibt es nun das 24. Türchen am 24. des Februars. Denn Weihnachten ist nun sowas von vorbei – aber eine Bescherung gibt’s trotzdem. Dazu später mehr. 😉

Vorab möchte ich Ihnen allen fürs Mitmachen danken! Ich amüsierte mich die komplette Adventszeit über Ihre wunderbaren Einschätzungen und Anekdoten zu den Fakten. Zugegeben, der Römer war im Dezember etwas traurig, dass wir unsere aktuelle Lieblingsserie nicht weitergucken konnten, weil ich in jeder freien Minuten an meinem Adventskalender schrieb. Deswegen plane ich nächstes Jahr etwas mehr im Voraus. Obwohl… das habe ich als Schülerin auch schon immer vor Schulaufgaben gesagt und geklappt hat das nie.

Und für alle, die noch einmal wahre und unwahre Fakten nachlesen wollen oder gar Inspiration für den kommenden Urlaub suchen, habe ich eine Zusammenfassung ins Leben gerufen. Diese finden Sie hier.

Aber nun zum wichtigen Teil

Der 24.12. ist Tag der Bescherung! Und deswegen soll es auch eine geben.

Ich weiß, ich weiß. Sie haben an meinem Adventskalender mitgemacht ohne überhaupt von einer Bescherung zu wissen. Mea culpa.

Dennoch, die drei fleißigsten Rate-Bienchen waren mit einer ausgeklügelten Exceltabelle schnell gefunden:

Platz 1: Anke von tuttopaletti – mit 12 richtigen Antworten (und 8 falschen)

Platz 2: Miss to Bee von Nur ein weiteres Leben – mit 7 richtigen Antworten (und 8 falschen)

Platz 3: Sonja von Frauen und Islam – mit 4 richtigen Antworten (und 8 falschen)

Ihnen möchte ich gerne ein kleines Überraschungspäckchen als Dank zukommen lassen. Keine Sorge – Sie müssen nicht teilen. Jeder bekommt sein eigenes!

Eine Email ist auf dem Weg zu Ihnen!

Spoiler: Es ist kein Thermomix und auch keine Playstation 5. 😉

Was kalt gewordene Nudeln mit dem Frühling zu tun haben

Der Frühling ist da!

Und wissen Sie, wie ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin? Nicht etwa durch die Schwärme an fröhlich zwitschernden Singvögeln, die sich hier und dort niederlassen. Auch nicht durch die ersten, zarten Maiglöckchen und Krokusse, die sich unbeirrt durchs Dickicht kämpfen.

Nein, nein. Es war ein so unverwechselbares Zeichen, dass es keinen Zweifel mehr an der Ankunft des Frühlings gab:

Wir kamen gerade von unserem Spaziergang am frühen Mittag. Just daheim angekommen, packte uns der Hunger. Ich setzte Nudelwasser auf, ließ eine Kinderhand voll Meersalz hineinrieseln und wartete bis sich das Wasser dazu bequemte, den Siedepunkt zu erreichen. Währenddessen guckte der Römer im Kühlschrank, welches Beiwerk der pasta integrale [Vollkorn Pasta] gerecht werden würde. „Mozzarella, basilico, pomodorini,….[Mozzarella, Basilikum, Kirschtomaten,…]“ zählte er nachdenklich auf. Dann drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu mir um: „È arrivata la primavera. [Der Frühling ist da.]“Wie man das mit einem Blick in den Kühlschrank feststellen könne, fragte ich ihn. „Guarda! [Schau!]“ sagte er und zeigte entzückt auf die eben aufgezählten Nahrungsmittel. Ich konnte keinen Frühling in unserem Kühlschrank erkennen – und ich gab mir wirklich größte Mühe. Stattdessen schlug mir eine gähnende Leere und die damit verbundene Dringlichkeit, heute unbedingt noch einkaufen zu gehen, aufs Gemüt. „Ich seh‘ nix. Besonders keinen Frühling.“ antwortete ich trotzig. Ich fühlte mich vom Römer mehr als verspottet. „Als ob der Frühling sich plötzlich in unseren Kühlschrank breit macht. Das ist doch lächerlich.“ keifte ich, während ich die rohen Nudeln ins Wasser kippte.

„Amore! Non lo vedi? [Liebling! Siehst du das nicht?]“ fragte der Römer nun etwas bestimmter. Ehrlich gesagt, hielt ich ihn langsam, aber sicher für verrückt. Ich starrte ihn ausdruckslos an. „Abbiamo tutti gli ingredienti a casa per fare una pasta fredda! Altro non c’è.“[Wir haben alle Zutaten für eine pasta fredda zu Hause! Es gibt nichts anderes.]“ strahlte er mich fröhlich an. „E questo vuol dire che è arrivata la….[Und das bedeutet, dass er angekommen ist, der…]“

PRIMAVERA!!! [Frühling!!!]“ schrie ich auf als endlich der Groschen fiel. Aber natürlich! Wie konnte ich nur so blind sein, wenn der Frühling sich mir doch förmlich ins Gesicht sprang. Die pasta-fredda-Saison (kalte Pasta mit Tomaten und Mozzarella) hat begonnen. Und ich habe es nicht einmal erkannt. Als ob es ein eindeutigeres Zeichen für den Frühling gäbe!

Während die Germanen, wie der Römer uns nennt, die Grills und Smoker aus dem Keller schleppen, sie abdecken, reinigen und in großen Mengen Würstchen und Koteletts kaufen, so ist es in unserem italbanischen Haushalt die Zubereitungsart der Pasta, die sich den Jahreszeiten anpasst.

Die Erklärung dafür ist eine ganz einfache: Stellen Sie sich vor, Sie sind in Italien. Das Thermometer kratzt an der 35 Grad Marke. Die Stadt ist stickig und die Hitze ist drückend. Erst am späten Nachmittag setzt der frische Meereswind ein und bringt etwas Erleichterung. Doch es ist erst Mittag. Denken Sie in dieser Szenerie nun an einen dampfenden Teller Pasta vor sich. Würde Ihnen bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammenlaufen? Wohl eher nicht. Sie würden sich nach einer Abkühlung sehnen. Vielleicht aber auch nach einer Mahlzeit, die über ein paar Scheiben Wassermelone hinausgeht. Und tadaaaa! Hier kommt die pasta fredda ins Spiel. Doch machen Sie niemals den Fehler, die pasta fredda als italienischen Nudelsalat zu bezeichnen. Es sei denn, Sie ersehnen sich nach dem Status des „ospite non grata“*.

Sie sehen, noch eindeutiger als heute könnte sich der Frühling gar nicht nicht zeigen.

*ein nicht erwünschter Gast

Kleinkind – Level 4

Wir spielen gerade das Kleinkind Level 4 durch, in dem man als erwachsene Aufsichtsperson nur kurz aus dem Raum geht, um das Geschirr vom Esstisch abzuräumen und das Kind währenddessen in der Küche randaliert.

Gestern zum Beispiel schmiss das Kind (trotz römischer Aufsichtsperson) die Klobürste um, klaute die halb volle Rolle Klopapier und zerfledderte sie in der Küche. Ein Glück war ich nur schnell telefonieren, so konnte der Römer unter lautem Fluchen die Klopapierschnipsel zusammenkehren, während ich das nasse Kind abduschte und in den Schlafanzug steckte.

Jetzt weiß ich, was Sie mit „Genieß es, solange er noch so klein ist“ meinten.

Ich geh‘ dann mal aufräumen während das Kind ganz sicher einen neuen, genialen Einfall hat.

Starten Sie gut ins Wochenende!

Das Leben meines Großvaters

Ich weiß dein Geburtsdatum auswendig. Doch deinen Todestag weiß ich nicht, obwohl er sich unaufhaltbar jährt. Irgendwann im März ist es geschehen, in einer Klinik in Bad Aibling.

Die Nähe zu den Bergen, das hätte dir sicher gefallen. Die Maschinen, die ihre Arbeit machten, dabei vehement pumpten und piepten, wohl weniger. Mitten in der Nacht bist du von uns gegangen. Daran erinnere ich mich noch, denn morgens rief mein Vater bei mir an.

Der Tag deiner Beerdigung war ein milder Märztag. Selbst der Himmel putzte sich heraus. Geschmückt war er mit ein paar wattigen Wolken, die sich gleichmäßig verteilten.

Die Kiesel der Friedhofsallee knirschten unter unseren feinen Winterschuhen als wir von der Aussegnungshalle zu deinem letzten Ort gingen. Wahrscheinlich war dein Sarg hellbraun. Aber so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Viele Leute waren da. Das hätte dir gefallen. Jeder von uns sollte eine kleine Schaufel Erde auf deinen Sarg werfen. Die schwarz gekleideten Zaungäste um uns herum schauten sich den Vorgang mit ernster Miene an. Der Pfarrer hangelte sich routinemäßig von Gebet zu Gebet. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub.

Am nächsten Tag betrachteten wir die Blumenkränze an deinem Grab. Man sah, dass du in vielen Vereinen warst. Dein liebster war der Spielhahnjäger Verein, Gebirgsjäger. Deine Division als du mit 19 Jahren nach der Lehre einrücken musstest. Dein bester Freund fiel ein Jahr später durch eine Granate. Du standest nur wenige Meter von ihm entfernt. Ein Granatsplitter grub sich in deine rechte Hand und verkapselte sich. Bis zu deinem Tod hast du den Splitter unter deiner Haut getragen. Gut sichtbar, gut spürbar. Loswerden wolltest du ihn nie. Es war deine Geschichte.

Bis ins hohe Alter wachtest du nachts oft schreiend auf. Außer deinen vier Kriegsgeschichten, die du uns Enkeln ab und an zum Besten gabst, wolltest du nie über diese Zeit sprechen. Diese vier mussten reichen, denn alle anderen Erinnerungen aus dem Krieg waren unaussprechlich.

Konditor wärst du gerne geworden, verrietst du mir als ich ein Schulpraktikum machen musste. Stattdessen wurdest du Lehrling in der Bank. Ein Glücksfall für einen Burschen, der in einer Baracke neben der Glaserei geboren wurde.

Zwei Tage nach deiner Rückkehr aus dem Gefangenenlager standest du wieder in der Bankfiliale. Froh warst du um dieses kleine Stück Normalität. Die damaligen Kunden haben dich erst gar nicht erkannt, so ausgemergelt warst du. Mehrere Jahre in Gefangenschaft hinterlassen ihre Spuren.

Doch ein Schlitzohr warst du schon immer. Als du in Gefangenschaft so schwach warst, dass dir alles egal war, hast du alles auf eine Karte gesetzt. „Malaria“, antwortetest du dem russischen Arzt auf die Frage was dir fehle. Ob es Mitleid war, dass er deine Freilassung abstempelte? Noch Jahrzehnte später rätseltest du.

Lieber Opa, ich möchte deinen Todestag gar nicht auswendig wissen, weil du für mich durch diese Erinnerungen nicht lebendiger sein könntest.

Zuerst erschienen auf story.one.

Februar Weisheit.

Alles im Leben hat einen Sinn. Außer, dass der Paketbote meine dringend benötigte Kontaktlinsen Bestellung ausgerechnet bei der Nachbarin abgegeben hat, die grundsätzlich nie daheim ist. Das war absolut sinnlos.

Eva Farniente, zum fünften Mal in drei Tagen vor der verschlossenen Nachbarstür stehend, kurzsichtig, aber langatmig.

Wochenendgruß

Es gäbe viel zu berichten, aber nichts davon würde mich ohne eine Höllenwut berichten lassen. Belassen wir es bei dem Satz „Eine Ungleichbehandlung bleibt eine Ungleichbehandlung – auch unter dem Deckmäntelchen von Covid-19.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein inspirierendes Wochenende. Schauen Sie nicht so oft in die Zeitung – das macht nur schlechte Laune.

Und wenn Sie etwas mehr Unterhaltung wünschen, von Urlauben, Meeresrauschen und Abenteuern träumen, dann schauen Sie sich gerne meine Adventskalender Kategorie an. Gebündelte Unterhaltung mit kecken Reisetipps – zum Mitnehmen (man möchte ja die Corona-Regeln beachten), umweltfreundlich verpackt und täglich frisch für Sie zubereitet!

[Hier entlang, bitte!]

WMDEDGT – Februar 21

Schon ist es wieder soweit: Ein Monat ist um und wir sind angelangt beim zweiten Beitrag zu WMDEDGT (Was machst du eigentlich den ganzen Tag). Ich muss sagen, ohne mich selbst loben zu wollen, der Vorsatz an jedem 5. daran teilzunehmen, läuft optimal. Gut, es ist erst das zweite Mal – aber soweit bin ich bei manchen Sportvorhaben nicht einmal ansatzweise gekommen.

[Wie immer kann man alle Tage von allen Teilnehmern bei Frau Brüllen nach lesen]

In diesem Sinne – los geht’s:

1 Uhr – Der Römer und ich taumeln ins Bett nachdem wir zwei Folgen unserer Serie angeguckt haben. Hoffentlich wird es eine ruhige Nacht. Signorinos Rumgezappel lässt dies aber nicht vermuten.

7:30 Uhr Das Kind arbeitet sich seit zwei Stunden durchs Bett. Es steht auf, sitzt, trinkt ab und an einen Schluck Wasser, krabbelt, dann steht es wieder auf, klammert sich am Kopfteil des Bettes fest, hangelt sich daran entlang…. Zeitgleich hört man die Kaffeemaschine in der Küche hören. Der Römer ist wach. Auch ich beschließe aufzustehen. Meine Laune ist aufgrund der turbulenten Nacht deutlich angeschlagen. Die männlichen Bewohner unserer Wohnung sind jedoch beide gut drauf. Na dann!

8:40 Uhr Das Kind will Haferbrei – dann doch nicht mehr – dann wieder – dann verlangt es nach Nana (Banane) – schließlich doch wieder Haferbrei – und eine halbe Banane. Mir scheint als würde das heute ein sehr, sehr langer Marathon-Tag werden – in den winterlichen Weiten Kamtschatkas und nur mit einem leichten, atmungsaktiven T-Shirt und einer Short bekleidet. Ja, genau so fühlt es sich zum jetzigen Zeitpunkt an.

9:10 Uhr Mutti ist müde, Mutti will ihren Kaffee in Ruhe trinken. Also kuscheln wir uns in den großen Sessel und gucken Kinderlieder-Videos an. Da ich die Deutschen mit der überdrehten Blondine nicht mehr hören kann, schwenke ich auf die Italienischen um.

Stefano zaubert mir bei der dritten Wiederholung ein kleines Lächeln auf die Lippen. Signorino gefällt es auch, glaube ich. 😉

Ich fühle mich nun stabil genug dem Tag zu begegnen.

9:50 Uhr Ich habe die Küche aufgeräumt. Währenddessen hat sich Signorino dem Wohnzimmer angenommen.

10-12 Uhr Wäsche ab- und aufgehängt(aber nicht die selbe – so müde bin ich dann doch nicht!). Kind bespaßt. Spülmaschine aus- und eingeräumt.

12 Uhr Schnelles Mittagessen für Signorino. Noch schnelleres Mittagessen für mich. Als ich die Pizza im Kühlschrank entdeckt habe, hätte ich den Römer knutschen können. Gestern hat er nicht zwei, sondern drei mitgenommen, weil er wusste, dass freitags die Zeit zum Kochen fehlt. Was würde ich nur ohne den Römer machen? (Vermutlich Tütensuppe essen…)

13 Uhr Krisensitzung mit meiner Mutter. Die Bank bietet kein mobiles Tan-Verfahren mehr an. Die Optionen, die sie hat, findet sie doof. Wir telefonieren, sie meckert über die Bank. Wir drehen uns im Kreis – dann klingelt bei ihr der Postbote und das Thema ist vorerst beendet.

13:30 Uhr Ich lese in einem sozialen Netzwerk einen Beitrag in einer rein weiblichen Gruppe, die über Finanzen spricht. Eine Alleinerziehende beschwert sich, warum in Deutschland so wenig Teilzeitstellen ausgeschrieben sind. Auch Vollzeit würde sie in Betracht ziehen, aber die Betreuungsangebote fehlen und sind deswegen schwer mit einem Vollzeit-Job zu vereinbaren. Unzählige, unsinnige Kommentare von (kinderlosen) Frauen, die Sätze im Konjunktiv 2 ausspucken (Hättest du dir nicht vorher überlegen können wie Job und Familie vereinbart werden können?! Dann mach doch kein Kind!). Ich rolle mit den Augen und erinnere mich an den Grundsatz meiner Erziehung: „Wenn man nichts konstruktives dazu beitragen kann, tut man gut daran zu schweigen.“ Ich ziehe vor allen Alleinerziehenden den Hut. Unweigerlich muss ich bei den bissigen Kommentaren der knallharten Karrierefrauen an den gestrigen Beitrag von Lore denken [hier nachzulesen].

14:00 Uhr Signorino schläft nun endlich. Er war schon weit drüber. Schlussendlich nickte er innerhalb von drei Minuten ein. Ich lege mich dazu und frage mich, warum Nachbarn so laut sein müssen und wie Signorino es hinkriegt bei dem ständigen Gehämmer, Auto Geräuschen, Türen schlagen, vom Tag erzählen und was nicht alles, seelenruhig zu schlafen.

15:45 Uhr Wir machen merenda [Nachmittagsbrotzeit]. Mangojoghurt, gepuffte Mais-Löwen und Banane für Signorino. Für mich einen Schokoriegel, der mir geneidet wird. Daraufhin will Signorino nichts mehr essen, es sei denn es wäre ein Schokoriegel. Ich gebe ihm ein perlengroßes Stück ab. Warum esse ich es denn auch vor Signorino und nicht wie sonst, heimlich in der Küche? 🙄 Manchmal wundere ich mich schon sehr über meine Ideen.

17:30 Uhr Der Römer kommt gut gelaunt von der Arbeit heim. Ich erzähle ihm, was tagsüber passiert ist (nicht viel). Er isst die Reste des Signorino‘schen Mittagessens. Signorino hat nun auch wieder Hunger und will auch Reste essen. Sie teilen.

18:15 Uhr Wir gehen zum Drogeriemarkt, weil wir noch eine Kleinigkeit brauchen. Aus einer Kleinigkeit wird eine große Tasche. Alles wie immer also! Dann setzen wir die Runde fort und schlendern an der Zentralbank vorbei Richtung Main. Der Fluss hat immer noch gut Wasser. Der Römer erzählt mir von seinem Arbeitstag. Wir kommen am Burgerladen vorbei und sofort kommt die Lust nach einem Cheeseburger auf. Doch wir entschließen uns schließlich dazu, daheim zu kochen. Auch deswegen, weil unser wöchentliches, selbst auferlegtes Kontingent an Bestellungen auswärts gestern aufgebraucht wurde.

19:30 Uhr Der Römer ist so lieb und kocht. Nudeln mit Tomatensoße und Mozzarella. Ich stelle noch eine schnelle Waschmaschine an. Der Ableger beginnt aufzudrehen und abzudrehen. Abendstunde eben. Er isst zwei Nudeln, findet sie dann doof. Daraufhin isst er ein Stück Banane. Auch doof. Am Ende begnügt er sich mit Joghurt. Hauptsache er wacht nachts nicht hungrig auf.

20:30 Uhr Wir warten darauf, dass die Waschmaschine fertig ist. Signorino übt derweil mit einer Fernbedienung zu gehen. Er lässt sie partout nicht los und stolpert vor uns auf und ab. Der Römer lehnt sich an mich und nickt etwas weg. Nach wenigen Minuten wird er unsanft mit einer apportierten Fernbedienung und einem Signorino, der unbedingt über seine Beine klettern muss, geweckt. Er nimmt’s gelassen.

21:00 Uhr Der Römer übertrifft sich heute selbst und bringt den Ableger ins Bett. Ich räume das Wohnzimmer auf und hänge die fertig geschleuderte Wäsche auf. Vom Nebenzimmer höre ich Signorinos Unwilligkeit schlafen zu gehen.

21:20 Uhr Der Römer kehrt erfolgreich zurück. Das Kind schläft (und wacht hoffentlich erst morgen um 9 Uhr auf – man wird ja noch träumen dürfen). Wir gucken uns an, welche Wohnung Freunde von uns kaufen wollen und finden 800.000 Euro für eine 75qm Dreizimmer Wohnung verrückt. (Die Münchner unter ihnen lachen bei diesem Schnäppchen wahrscheinlich laut auf!)

22:20 Uhr Der Erfolg hält nur kurz. Signorino meldet sich übers Babyphone. Als ich ins Zimmer komme, steht er freudig hüpfend im Babybett, so als ob er gerade eben einen doppelten Espresso hatte.

23:55 Uhr Wir versuchen ihn seit seinem Erwachen wieder ins Bett zu katapultieren. Es ist erfolglos. Schuckeln, Tragen, Trinken – alles hilft nichts. Wir stellen uns auf eine lange Nacht ein.

It is how it is, nä?

It is how it is, nä?

„Alt sind wir geworden.“ stellt der Eine fest, während wir uns beide in einem mannshohen, rahmenlosen Spiegel im Flur seiner Wohnung betrachten. Zwei fahle Gesichter starren uns neugierig an. Nase und Mund sind bereits mit einer FFP2 Maske bedeckt, die wie ein seltsam anmutender Kaffeefilter in unserem Gesicht thront.

Meine (in Eigenregie) viel zu dunkel gefärbten Haare habe ich mühsam in der hellgrauen Mütze verstaut. Ein paar unbeugsame Strähnen gucken dennoch heraus. Der Rest meiner Haarpracht ist heute früh eilig zu einem Dutt festgezurrt worden. Vor ein paar Jahren war es noch ein eleganter, andalusischer Dutt, der tief im Nacken saß. Heute sieht man, dass die elegante Südspanierin Mutter geworden ist. Alleinerziehende Mama von Vierlingen, wenn man ihrer Frisur Glauben schenken darf.

Auch die Haare meines besten Freundes stellen den Lockdown recht gut dar: Man verwahrlost langsam – aber stetig. Seine Haarpracht ist eindeutig zu lang. Ein Schnitt lässt sich kaum mehr erahnen und um das zu kaschieren benutzte er vermutlich zwei Hände voll Gel, welches nun traurig und schwerfällig in seinen Spitzen hängt und auch nicht so recht weiß, was es da soll.

„Schau mal! Diese Polster unter meinen Augen. Wahnsinn!“ jammere ich und schlinge mir zeitgleich den Schal um den Hals. Dann trete ich noch einen Schritt näher an den Spiegel heran um auch wirklich jedes Detail meines müden Gesichts zu erkennen.

„Lieber ein Polster als diese fiesen, dunklen Augenringe. Guck dir das mal an! Ist das noch kaffeebraun oder schon rabenschwarz? Nicht mal nach dem Neuseeland-Flug sah ich so aus.“ Sein Gesicht ist nun direkt neben meinem, nur wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt.

„It is how it is, nää?!“ äffe ich unsere alte Englischlehrerin, Frau Schlesewitz, nach. Wir lachen beide lauthals, weil wir uns daran erinnern wie wir mit 19 Jahren in der Berufsschule in der Luisenstraße saßen. Er war der Neue in der Klasse. Dazu gehörte selbstredend, dass er sich in der ersten Stunde artig bei seinen neuen Mitschülern vorstellen musste. Danach durfte er sich in die Mittelbank der ersten Reihe setzen. Und dort hatte er nichts besseres zu tun als eine ganze Tafel Schokolade genüsslich zu frühstücken. Nicht etwa hastig, beschämt oder gar heimlich. Nein, nein. Mit großer Leidenschaft und aller Zeit der Welt schob er sich voller Muße Stück um Stück in den Mund. Der Vorgang dauerte zwei Schulstunden, was mich damals wie heute noch in Staunen versetzt. Wie kann ein Mensch nur so langsam eine Tafel Schokolade essen? Und wie kommt ein Schüler damit bei seinen strengen Berufsschullehrern Tag für Tag durch – ohne auch nur einen schiefen Blick zu ernten?

Zur Mittagspause an seinem ersten Tag kamen wir ins Gespräch. Daraus entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Welche Wahl hätte man auch gehabt, wenn jemand einem nach zwei Monaten im Fastfood Restaurant gesteht, dass das Wochenende bei seiner Mutter „nicht so toll war“? Und mit „nicht so toll“ meinte er, dass seine Mutter ihm am Samstag gestanden hat, dass sie noch sechs Monate zu leben hätte. Krebs. Unheilbar. Er hat schon überall gestreut. Sie hat zu lang gewartet.

Mit 19 Jahren, noch grün hinter den Ohren, was antwortet man da schon? Nichts. Man sitzt da, schweigt und legt ihm eine Hand auf die Schulter, die Fingerkuppen noch teilweise vom krümeligen Salz der Pommes bedeckt . Nach einer Weile guckte er mich an und zitierte Frau Schlesewitz: „It is how it is, näää?“ Wir lachten, weil wir nicht wussten wie wir sonst dem Schmerz begegnen sollten.

Doch zurück zum Heute: Mühsam bücke ich mich um meine Schuhe zu binden. Dabei ächze ich wie der alte Golf seiner Mutter, den er meist nur im sechsten Gang fuhr. Fragen Sie mich nicht warum, denn das konnte selbst er mir nicht beantworten. „Jetzt stöööhnst du wieder wie ’ne alte Frau.“, zieht er mich auf, „Soll ich dir in den Mantel helfen oder schaffst du’s allein?“ Ich funkle ihn an. „Du brauchst gerade reden, mein Lieber. Mit deinen grauen Haaren wäre JETZT die Zeit zu „Indian Black Henna“ zu greifen. Nicht damals in der Berufsschule als du „südländischer“ aussehen wolltest. Stattdessen sahst du aus wie ein viel zu braver Buchhalter, der mit allen Mitteln versuchte, in einem Bollywood Film mitspielen zu können.“ Nun funkelt er mich an, denn diese Episode ist ihm heute noch unangenehm.

„Komm, Mutti, wir gehen zum Jaffna Basar* um dir dein Garam Masala zu kaufen.“ keift er und ich hake mich bei ihm ein.

Wir gehen hinaus ins kalte Frankfurt. Bahnhofsviertel. Sein Viertel. Nie wollte er woanders wohnen. Seit einem Jahr ist er stolzer Besitzer seiner Bahnhofsviertel-Schlappen und einer dazu passenden Eigentumswohnung.

Zusammen schlürfen wir die kalte, nasse Straße entlang. Als die Bordelle noch offen hatten, leuchtete hier eine Reklame nach der anderen. Deutlich mehr Leute waren unterwegs. Jetzt kauern nur ein paar, wenige Junkies in den Hauseingängen und versuchen sich vor dem kalten Schneeregen zu schützen. Nach ein paar wenigen, hundert Metern kommen wir an. Wir treten ein: links die Kochbananen, rechts die Schokoriegel.

„Bist du dir sicher, dass wir HIER richtig sind?“ frage ich ihn, denn nach einem Ort, wo ich Garam Masala kaufen kann, sieht es hier nicht aus. „Aber klar doch, wir müssen in den ersten Stock.“ antwortet er mir und schiebt mich vor sich her. „Bist du verrückt! Das ist doch das Lager da oben!“ versuche ich ihn von diesem irren Plan abzuhalten. Doch er schiebt mich weiter Richtung Treppe. Zwei Kassierer sagen etwas auf Hindi. „Guck, selbst die beiden Herren sagen, dass nur das Personal nach oben darf.“ versuche ich einen letzten Versuch. „Mäuschen, das war Hindi, was die beiden geredet haben. Das verstehst du doch gar nicht.“ verspottet er mich und wir kichern wie damals als wir kaum volljährig waren, uns aber schon so erwachsen gefühlt haben.

Oben angekommen eröffnet sich eine neue Welt: Säcke voller Reis jeglichen Typus, Gewürze, Kekse, Tee – eben alles, was man in einem großen, indischen Supermarkt erwarten würde, findet man hier. „Siehste!“ lobt sich der Eine und ich klopfe ihm anerkennend auf den Rücken.

Während ich nach meinem Gewürz suche, liest er alle 845.000 anderen Gewürze vor: „Indian Butter Chicken Masala“, „Biryana Gewürz“, „Biryana Gewürz mit Hühnchen“, „Tandoori Gewürz“, „“Dhaba Curry Gewürz“,…. „Ah, dieses hier ist für Aloo Matar.“ Er seufzt und guckt einen Moment sehr traurig. „Ab und zu, auch nach 10 Jahren, vermiss ich meine Mutter. Sie fehlt hier – und sie fehlt mir.“ gesteht er mir. Ich gucke ihn mitfühlend an und lege einen Arm um seine Schulter. Er atmet tief ein und aus. Dann guckt er mich an, wie sie oft mit seinem unvergleichlichen, spitzbübischen Gesichtsausdruck und lächelt unter seiner Maske: „It is how it is, näää! Hier ist dein Garam Masala. Und ein 25 Kilo Reissack. Das wird nur zusammen verkauft, steht hier. auf Hindi“ erklärt er mir bierernst. „Du hast doch wieder was im Tee gehabt, heute früh. Mindestens Cremelikör, wenn nicht etwas stärkeres. Deine Fahne rieche ich doch sogar durch die Maske durch.“ ziehe ich ihn auf. „Man muss sich das Leben auch schön trinken dürfen in diesen düsteren Zeiten.“ ironisiert er.

Nach dem wir gezahlt haben, begleitet er mich noch zum Bahnhof. „Nicht, dass du verloren gehst.“ sagt er und ich weiß, dass er sich meist mehr Sorgen um mich macht als meine eigene Mutter.

Meine S-Bahn fährt gerade ein als ich ihm noch schnell seine Packung Garam Masala in die Hand drücke, die ich in meiner Reise-Handtasche für ihn transportiert habe. „Das sieht auch aus als würden wir hier unten dealen.“ bemerkt er, während ich unauffällig versuche ihm das Gewürz in die Jackentasche zu schieben. Wir kichern hysterisch. „Vielleicht sind wir älter geworden, aber wir sind immer noch genau so dämlich wie damals in der Schule.“ stelle ich fest. Er grinst und drückt mich zum Abschied.

Der Eine. Seit mehr als einem Jahrzehnt teilen wir uns geschwisterlich den von ihm selbst gebackenen „Kriegsapfelkuchen“ nach dem Rezept seiner Urgroßmutter – und all die Freude, das Leid, die Schicksalsschläge und Lebensereignisse.

Keine Sekunde möchte ich ihn in meinem Leben missen.

*Werbung, unbezahlt