Wer lang fragt, geht lang irr

Meine Überschrift ist einer dieser Sätze, die ich häufig von meinem Vater hörte. Doch erst jetzt merke ich langsam, dass dieser Satz verbales Platin ist. Eine dieser Weisheiten, die man sich auf das Handgelenk tätowieren lassen sollte , wenn Sie so wollen.

Ich berichtete Ihnen im vergangenen Freitagsrapport, dass ich einen Titel für eine wissenschaftliche Arbeit meines Studiums finden musste. Dabei ist zu erwähnen, dass ich diese Arbeit niemals schreiben muss, jedoch muss ich meine grobe, wissenschaftliche Forschungstaktik beschreiben und eine Einleitung dazu verfassen. Nun fragte ich meinen guten Freund, den Anderen, der zwar Marketing studiert, damit aber nicht ganz Fachfremd zu meinem Bereich Journalismus ist. Tief in meinem Gedächtnis vergraben, meinte ich mich zu erinnern, dass er einmal eine Fallanalyse über eine politische Rede schrieb. So trug ich ihm also mein Konzept vor, erklärte, erörterte und erläuterte eventuelle Fallstricke, meine Taktik und die Einleitung, die ich bereits niedergerschrieben hatte.

Er schüttelte den Kopf. Das konnte ich zwar nicht am Telefon sehen, aber an seinem langgezogenen „Hmmmm!“ konnte ich es deutlich hören. Dann verbrachte er 20 Minuten damit, meine Arbeit so umzumodellieren, dass es nicht mehr meine Arbeit, sondern ein komplett anderes Thema war. Ich fing also damit an, meine Einleitung umzuschreiben, Dinge anzupassen und Taktiken neu zu entwerfen, bis der Groschen auch bei mir fiel: „Moment mal! Das ist doch überhaupt nicht mehr meine Arbeit?“ Einzig und alleine der Protagonist, Dr. Markus Söder, blieb unverändert. Alles andere wurde ausgetauscht und umgedichtet, weil „das so wissenschaftlich überhaupt nicht durchführbar ist“, wie der Andere mir versicherte. „Nein, danke.“, dachte ich bei mir, klickte im Schreibprogramm auf „Alte Versionen anzeigen“ und lud die Version von Donnerstag, 09:33 Uhr. Somit hatte ich durch diesen gut gemeinten Ratschlag einen ganzen Studientag in den Sand gesetzt und wusste jetzt, dass ich nicht mehr lange frage, sondern einfach mache.

Mein Vater hat schon recht: „Wer lang fragt, geht lang irr.“ Ein Glück bin ich nur einen Studientag irr gegangen.

Zoff, wie es auf dieser Hausfassade steht, gab es nicht, aber eine Lektion fürs Leben.

Nachtrag: Mittlerweile hat das Kind mein Laptop Ladekabel kaputt gemacht. Da kein Elektrofachgeschäft eines vorrätig hat und die Lieferung sich bis Freitag zieht, sind mir diese Woche die Hände gebunden, was das Studium angeht. Ich könnte 🤮!

Blickwinkel im InterCityExpress**

Mein Zug hatte letzten Samstag Verspätung. Aus München kommend tauchte scheinbar aus dem Nichts eine Baustelle auf und so sollten wir Frankfurt 40 Minuten später erreichen.

Jetzt können Sie sich sagen: „Ach Mensch, seit 40 Minuten wäre ich schon daheim. Jetzt verpasse ich meine Anschluss S-Bahn und wer weiß, wann ich letztendlich zu Hause ankomme?“

Oder aber, Sie sehen es positiv und sagen: „Ach klasse! Ich habe nur 52€ für drei Stunden Zugfahrt in der ersten Klasse gezahlt und jetzt bekomme ich 40 Minuten kostenlos dazu. Was für ein Glück!“*

Und dann war ich auch noch Lieblingsgast. Wenn das kein Glückstag ist, dann weiß ich auch nicht.

Sie sehen, der Blickwinkel macht den entscheidenden Unterschied.

*Ich reiste alleine. Fragen Sie mich mal, wie ich 40 Extraminuten mit Kleinkind im Zug gefunden hätte!

**Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Freitagsrapport | KW 46

Endlich wieder!

Ich weiß nicht, ob er Ihnen abgegangen ist, aber egal, ob Ihre Antwort „Ja“ oder „Nein“ gelautet hat, hier ist er wieder: Der Farniente’sche Freitagsrapport!

Glückwünsche zur Geburt von Dr. Markus Söder

Momentan sitze ich an einem Uni-Modell, dass sich mit dem wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt. Die absolute Notwendigkeit erkenne ich dabei, aber besonders viel Spaß macht es mir nicht. Es ist mühsam zu lernen wie man richtig zitiert, wie man richtig recherchiert und besonders, welches fiktive Thema ich für eine Bachelorarbeit in meinem Bereich Journalismus wählen würde. Einzig eine Fallanalyse der politischen Krisenkommunikation des bayerischen Ministerpräsidenten kam mir in den Sinn. Dabei ist meine persönliche Motivation, dass ich seine Wortwahl fürchterlich finde. Da ich meine Forschungsmethodik angeben soll, machte ich mich daran, all seine Pressekonferenzen zur Corona Pandemie und Regierungserklärungen zur Pandemielage auszuzählen. 38 Stück (Stand: 13.11.2021) sind es seit der ersten Pressekonferenz 2020. 38 Mal König Markus und seine Schergen, die sagen, dass es ernst, sehr ernst, ist. Aber wissen Sie, welches Zitat mir am besten aus seiner ersten Pressekonferenz am 16.03.2020 gefallen hat? „Generell gilt, kann man nochmal sagen, Freizeit: Nichts mehr! Das ist der Bereich, der nicht unmittelbar notwendig ist.“ (Söder 2020, 42:39) Natürlich dürfen Sie nicht vergessen, dass dieser Satz aus dem Kontext geschnitten wurde. Die Frage eines Journalisten war, wie kleine Geschäfte wissen können, ob sie nun schließen müssen oder nicht. Darauf erklärte er, dass Geschäfte des täglichen Bedarfs offen bleiben, aber Geschäfte, die der Freizeit dienen, schließen müssen. Wenn Sie so wollen – und hier lehne ich mich weit aus dem Fenster – könnte man den Söder’schen Satz in eine schöne Glückwunschkarte zur Geburt an frisch gebackene Eltern verschenken. 😉

Vielleicht ein Motiv für die Babykarte? Wohl eher nicht – aber ein Symbolbild, was die werdenden Eltern erwartet.

Papa und Kind Wochenende

Ein Wochenende war es nicht ganz. Vielmehr waren es etwas mehr als 24 Stunden, die ich im Münchner Umland verbrachte. Schön war das – und angenehm, so ganz ohne Kind und Mann. Stellen Sie sich vor: Ich saß einfach so im Zug. Ganz ruhig. Und hörte Musik, während ich die neu gewonnene Freizeit nutzte, um mich für die Uni zu engagieren. Keiner schrie, keiner brüllte, keiner lief wie irre durch die Gänge oder musste bespaßt werden. Ich konnte mich sogar über die Frau hinter mir aufregen, die im Ruheabteil 10 Minuten telefonierte. Mit Signorino hätte ich davon nie etwas mitbekommen. Aber wir wären vermutlich auch nicht im Ruheabteil gelandet. 😉 Daheim lief es gut, teilte mir der Römer mit. Wir telefonierten zwei Mal. Ein wenig gingen sie mir ab, die beiden Farnientes. Aber um ehrlich zu sein, genoss ich viel mehr die Ruhe, die sich mir nach Monaten bot. Als ich um 23:55 Uhr am Samstagabend in Frankfurt ankam, waren die beiden Männer im Bett. Am nächsten Morgen gestand mir der Römer, dass es schrecklich war. Alle 10 Minuten schrie das Kind, war traurig, wollte nicht so viel spielen, usw.. Ich fand, es war eine gute Übung, denn schließlich ist eine gewisse Selbstverständlichkeit eingekehrt, dass Mama alles macht. Mama ist omnipräsent, hat keinerlei Sozialkontakte mehr, plant ihre Arbeit so, dass Papa ungestört Vollzeit arbeiten kann, ohne dass er Kompromisse machen muss, usw.. Aber dazu gehören immer zwei: Eine, die es mit sich machen lässt und oft keine Kraft mehr für Diskussionen hat und einer, der die Situation als Gottgegeben ansieht. Doch piano, piano ziehen hier andere Seiten auf.

In diesem Sinne: Haben Sie’s fein und genießen Sie das Wochenende!

Voll eingebunden

Wer genau schaut, sieht Chaos im Hintergrund. Aber mir sind die Hände gebunden. Wortwörtlich.

„Hier jagt ein Ereignis das nächste“, werden Sie sich vielleicht gedacht haben bei dem Bild mit dem blauen Verband. Denn „voll eingebunden“ – so ganz wortwörtlich, bedeutet meistens „gestaucht“, „gezerrt“ oder gar „gebrochen“. In meinem Fall bedeutet es aber nur, dass ich kein Möbelstück mehr mit dem neuen Werkzeugkoffer aufbauen sollte. Denn eh ich mich versah, hatte ich zwei blutige Blasen in der Handinnenfläche. Natürlich kam ich auf die Idee, die Wunde zu desinfizieren (ich fluchte wie ein Bierkutscher!) und zu verpflastern. Leider war das Kinderpflaster nur wasserdicht, nicht aber bewegungsresistent. Nach vier Minuten löste es sich bereits ab und wanderte in den Müll.

Ich kontaktierte den Römer in der Arbeit. Selbstredend missbrauchte ich nicht unser Codewort „codice rosso“, sondern fragte ganz leger nach, wie dieses Problem zu lösen wäre. Wenige Minuten später antwortete er. Na klar, es war schließlich kein Ernstfall. Vermutlich deswegen bekam ich sofort eine Antwort auf meine Frage. Man müsse es verbinden, riet mir der Gatte. „Mit einem richtigen Verband?“, wollte ich wissen. Die Antwort des Römers ließ auf die Qualität meiner Frage schließen: „Ne, mit Klopapier.“ Ja gut. Besonders hochtragend war meine Rückfrage nicht. „Spaß beiseite. Ja, mit einem richtigen Verband natürlich.“, fügte er seiner witzelnden Antwort an.

Ich schritt zur Tat und holte unsere Medizin- und Verbandsbox aus dem Regal. Eine Kompresse, die noch von Signorinos Nabel-Abheilungsprozess als Neugeborener übrig war, drückte ich vorsichtig an die nässende Wunde. Autsch! Ein ziehender Schmerz, ähnlich eines offenen Zahnnervs, durchzog meine Hand. Innerlich verfluchte ich das dämliche Werkzeugset. Dann wickelte ich den Verband um Hand und zugehörigem Handgelenk. Vorsichtig fixierte ich den Verband mit einer Klammer. Mein Befinden war etwas eng und ungelenk in diesem Verband, aber das Brennen der offenen Wunde wurde langsam erträglich. Nur Abspülen konnte ich beim besten Willen nicht. Signorino kritisierte meine Verweigerung aufs Schärfste. Er wollte JETZT die Bratpfanne, egal, ob sie nun ölig sei oder eben nicht. Jede zeitliche Verzögerung wäre eine Kriegserklärung an die Geduld Signorinos. Außerdem sei es meine mütterliche Pflicht, ihm die Pfanne zu überreichen, damit er im Wohnzimmer Legosteine ein- und ausschichten konnte. Wir diskutierten, er weinte, dann schrie er, schließlich stemmte er sich gegen meine Knie, um mich wegzuschieben. Ich bot ihm einen gewaschenen Kochlöffel an. Er schmiss ihn auf den Boden. Schließlich bekam er einen großen Topf und spielte schmollend damit. Die Pfanne versteckte ich im Geschirrspüler.

Versuchen Sie mal mit meiner Konstruktion Geschirr abzuwaschen! Sie kommen gar nicht erst in den Gummihandschuh.

Abends, als der Gatte von seiner Arbeitsstelle heimkam, bat ich ihn, mich ordentlich zu verbinden. Der erste, römische Lacher polterte durch die Wohnung, als er mich fragte, welchen Puder ich für die Wunde benutzte. „Na, den blau-weißen, italienischen im Badschrank.“, war meine Antwort. Der Römer lachte Tränen. „Schaden wird der sicher nicht.“, hapste er nach Luft. „Warum? Was ist denn damit?“, wollte ich wissen. „Der ist gegen Fußpilz.“, prustete er wieder los. Hm… vielleicht hätte ich doch lesen sollen, was auf der Verpackung stand? Aber wer hat schon Puder gegen Fußpilz daheim? „Immerhin brauchen wir uns um eine mögliche Fußpilzinfektion deiner Hand keine Sorgen machen.“, nahm er mich auf den Arm. Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen.

Der Gatte desinfizierte die Wunde gekonnt, legte die Kompresse darauf und verband die Blasen. Ein entscheidender Unterschied zu meinem Verband war sicher, dass er nur ein Viertel des Verbandmaterials benutzte, was die Hand mit einer ganz neuen Beweglichkeit quittierte. „Das wird sicher ein paar Tage dauern bis die offenen Wunden weg sind.“, erklärter er mir. „Das heißt, keine Möbel zusammenbauen, bitte. Und keine unnötige Belastung für die blutigen Blasen.“ Proaktiv ergänzte ich seine Ratschläge: „Und kein Geschirrspülen und Putzen.“ Er guckte mich streng von unten an. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf: „Mit Gummihandschuhen sollte es dir keinerlei Schwierigkeiten bereiten.“ Frech antwortete ich: „Selbst ohne Blase und Gummihandschuhe bereitet es mir Schwierigkeiten. Nicht auszudenken, was wäre, wenn sich die Wunde entzündet und ich keinerlei Fahrdienste, Einkäufe und sonstige Sachen erledigen könnte.“ Der Römer musterte mich ganz genau. Dann räusperte er sich und sprach: „Keine Sorge, so schnell geht das nicht.“ Ich biss in einen Keks und sprach mampfend und zwinkernd: „Lieber nichts riskieren.“

P.S.: Weil ich es gerade ausprobierte: Blasenpflaster, ursprünglich für die Füße, sind auch relativ resistent in der Handinnenfläche. 😉

Von der Frankfurter Polizei eingebuchtet

[Dieser Text ist am letzten Donnerstag entstanden und handelt vom letzten Mittwoch, nur, dass Sie sich nicht wundern, warum wir Signorino am Samstag in die Kita schicken. 😉]

Gestern fing der Tag hervorragend an. Ich kam gut aus dem Bett (das will ja was heißen!), frühstückte Kekse über einem Topf kochenden Haferbreis, den ich nebenher beaufsichtigte, damit die Milch nicht überkochen möge. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das eigentlich das Abbild einer Doppelmoral: Die Mutter isst heimlich Kekse in der Dämmerung, während sie das gesunde Haferflocken-Frühstück für den Sohn kocht, der empört protestieren würde, wüsste er, dass ich nur wenige Augenblicke vor seinem Erwachen, Kekse in rauen Mengen gegessen hatte. „Ich muss schließlich nicht mehr wachsen.“, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. „Außerdem habe ich einen so niedrigen Blutdruck, dass ich ohne ordentlich gesüßte Kekse vielleicht schon in wenigen Augenblicken umkippen würde. Mein Frühstück ist eine lebenserhaltende Maßnahme. Ja, genau, so ist das.“, log ich es mir schlussendlich zurecht und nickte bestätigend. Als der Brei fertig war und auf dem Tellerchen abkühlte, machte ich mich für den arbeitsfreien Tag zurecht. In Italien würde man mein Makeup „acqua e sapone“, Wasser und Seife, nennen. Und genau aus diesen beiden pfiffigen Hilfsmitteln bestand mein ganzes Beautyprogramm. Nachdem ich mich in meine Lieblingskombi aus T-Shirt, Jeans und Cardigan geworfen hatte, weckte ich das Kind. Es frühstückte das schnöde, aber gesunde Porridge. Wir kämpften uns durch die Morgenroutine. Danach verpackte ich Signorino artgerecht im angesagten Zwiebellook und wir fuhren los.

So hätte mein Lieblingsfrühstück ausgesehen, aber wir sind hier schließlich nicht bei „Wünsch dir was!“.

Als ich den Sohn in der Kita abgegeben hatte und wieder im Auto saß, dachte ich an den Einkauf, der dringend zu erledigen wäre. Normalerweise bestreiten wir diesen zu dritt und ohne Auto, aus dem einfachen Grund, dass zwei Erwachsene (und ein Kinderwagen-Unterkorb) mehr schleppen können als ein Erwachsener alleine. Der große Nachteil ist jedoch, dass es ein ständiges Gerenne und Gedrängel durch die engen Supermarktgänge ist. Leider wissen wir nie vorher, ob und wann die „Bombe Signorino“ hochgeht und kreischend mitteilt, dass er keine Lust mehr auf Einkaufen hat. Diese Szene vor Augen, setzte ich den Blinker links und bog ins Gewerbegebiet ab. Beim Discounter angekommen, lag mir die Gemüseabteilung zu Füßen. Ach, was sage ich! Der ganze Supermarkt wartete nur darauf, von mir alleine erobert zu werden. Alles war aufgefüllt, verfügbar und ansprechend präsentiert. Ein paar Handwerker und zwei Mütter, eine mit und eine ohne Kind, schwirrten durch die langen, beigen Gänge. Ganz in Ruhe überlegte ich mir, was wir an Lebensmitteln für diese Woche benötigen würden. Und, ich hatte sogar die Zeit, in den Aktions-Angeboten zu stöbern. In der Regel zieht mich der Römer in dieser Abteilung immer weiter. „Nein, das brauchen wir nicht!“, zischt er dann entnervt. Sehr zu meinem Leidwesen hat er meistens recht. Doch gestern gab es keinen Römer, der mich weiterzerren hätte konnte und so legte ich freudig Plätzchenformen in den Einkaufswagen. Wir hatten nämlich wirklich keine zu Hause. Bei der Auswahl der Ausstecher (es gab verschiedene Sets), hatte ich, so ganz alleine, tatsächlich die Ruhe über geeignete und ungeeignete Plätzchenformen zu sinnieren. Am Ende entschied ich mich für das Set mit den Glocken-, Stern- und Rautenausstechern und bewahrte mich damit vor einem Fehlkauf. Denn mein erster Griff ging zu den Schneeflockenformen. Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken und abzuwägen, ich hätte Ihnen spätestens im Dezember todunglücklich von der Farce einer Schneeflockenform berichtet. All die kleinen Verästelungen, aus denen der Butterplätzchenteig möglichst in einem Stück herauskommen sollte, hätten mich vermutlich in den Wahnsinn getrieben.

An der Kasse ließ ich zwei Handwerker mit ihren gut gefüllten Brotbeuteln vor. Sie bedankten sich überschwänglich. Meinen Wocheneinkauf zu scannen würde schließlich deutlich länger dauern als drei Brötchen in die Kasse einzutippen. Wegen meinem Wocheneinkauf sollte niemand seine wertvolle Pausenzeit opfern und deswegen später nach Hause kommen. Zeit ist schließlich nicht unbegrenzt verfügbar. Außer für mich, in diesem Augenblick im Supermarkt. Denn ich hatte die Ruhe weg.

Im Regen spazierte ich zum Auto und fuhr nach Hause. Dort machte ich mich nach langen Monaten* an mein zweites Studienmodul. Langsam wie eine Schnecke kam ich voran. Es sind sechs Aufgaben zu erledigen, die aus drei bis vier Teilaufgaben bestehen. Gestern schaffte ich in drei Stunden Aufgabe 1a). Es war deprimierend und ziemlich ernüchternd. Aber so ist es jetzt eben. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen – und meine Hausarbeit.

Um 13:55 Uhr dachte ich darüber nach, ob ich die S-Bahn oder das Auto zur Kita nehmen sollte. Da es fürchterlich kalt regnete, entschied ich mich für die bequeme Variante und somit für das Auto. Denn mit einem nassen Kind (und ganz ohne Kinderwagen, da die S-Bahn Stationen nicht barrierefrei sind) S-Bahn zu fahren, versetzte mich in ein Gefühl der Beunruhigung, weil ich daran dachte, dass Signorino sicher sofort wieder krank werden würde und Krankheiten bedeuten bei ihm 7-10 Tage Dauerbetreuung daheim, was durchaus machbar ist, aber jedesmal mit einer langen Diskussion, wer der Erziehungsberechtigten wann wie daheim bleibt, einhergeht. Ich schlängelte mich also im sich aufheizenden Auto die langgezogene Einfahrt herunter, fuhr in den Torbogen ein, bereit, auf die Allee abzubiegen, doch….

…rien ne va plus. Nichts ging mehr! Die Polizei stand vor mir. Wobei hier primär das Polizeiauto gemeint ist, das mich sprichwörtlich einbuchtete. Denn dieses Auto parkte so in der Einfahrt, dass ich nicht die geringste Chance hatte, mit meinem Auto aus der Einfahrt zu fahren. Ich guckte ganz genau ins Polizei-Auto – es war unbemannt und unbefraut. Ein rascher Blick auf die Uhr verriet mir: Für die S-Bahn-Variante war es bereits zu spät, denn bis ich rückwärts unsere Einfahrt-Tatzelwurmstraße hinaufkriechen würde, das Auto wieder auf seinen Platz stellen, zur S-Bahn rennen und darauf bangen würde, dass diese einfährt, wäre es bereits 15 Uhr bis ich schließlich an der Kita angekommen wäre. Die Abholzeit ist leider auf 14:30 Uhr eingegrenzt. In diesem Augenblick wusste ich mir nicht anders zu helfen, als meine erkältete Schwester Turtle** anzurufen. Ich schilderte ihr die Lage. Sie riet mir, mich direkt mit der Polizei in Verbindung zu setzen. „Polizei Frankfurt“ tippte ich in die Suchmaschine und mir wurde die Nummer des Polizeipräsidiums angezeigt. Sofort rief ich an. Ich schilderte der netten Dame am Telefon mein Problem und sie antwortete knapp: „Moment, ich verbinde Sie zur zuständigen Wache.“ Dann tutete es, noch ehe ich mich bei ihr bedanken konnte. Und es tutete, und tutete. In jedem anderen Fall hätte ich nach dem 24 Mal Tuten aufgelegt, doch ich hatte eine dringende Mission, die da lautete, Signorino halbwegs rechtzeitig von der Kita abzuholen. Nach einer Minute Dauer-Getute ging ein junger Mann ans Telefon. Ich schilderte ihm mein Problem. „Ah ja, das sind die Kollegen, die einen Einsatz in der Hausnummer 31 haben.“ , klärte er mich auf. Ich zeigte Verständnis, wies aber nochmals daraufhin, dass ich Signorino nicht unbegrenzt in der Kita lassen konnte. „Sehen Sie das Nummernschild des Polizeiautos? Dann kann ich die Kollegen direkt informieren.“, fragte mich der freundliche Polizist am Telefon. „Äh…Momentchen. Ich steige kurz aus. Ja, da ist es: WI für Wiesbaden und dann die AB 1234.“, antwortete ich und ein dicker Regentropfen tropfte mir in den Nacken. „Ich gucke, was ich tun kann. Tschüss!“, verabschiedete sich der Frankfurter Polizist. Währenddessen rief ich in der Kita an und teilte der Erzieherin mit, dass es mir furchtbar Leid tue, aber ich bin von der Polizei sprichwörtlich festgesetzt worden. Ich komme in jedem Fall so schnell ich kann. Man zeigte Verständnis und lachte etwas über die Situation. Nach fünf Minuten kam ein Polizist in meinem Alter ums Eck. Seine Haare am Oberkopf waren zu einem neckischen Pferdeschwänzchen zusammengefasst worden. Die Seiten waren bis auf wenige Millimeter kahlrasiert. „Was es nicht alles gibt!“, sagte ich verwundert zu mir selbst und meinte diesen doch recht ungewöhnlichen Haarschnitt für einen Polizisten. Vermutlich bin ich etwas antiquiert, wenn es um meine Vorstellung eines typischen Polizisten geht, aber so einen mutigen Haarschnitt hatte ich bei einem Beamten noch nie beobachten können. Er winkte mir kurz zu, um zu signalisieren, dass er da ist und sogleich wegfährt. Ich winkte lächelnd zurück, um zu zeigen, dass ich das gut finde. Sofort fuhr er den blau-grau-neongelben Polizeibus zur Seite. Ich konnte endlich zur Kita. In einigen Streckenabschnitten fuhr ich etwas schneller als gesetzlich vorgegeben, aber da die Polizei mich höchstselbst ausbremste, fand ich das vertretbar. Um 14:35 Uhr, 5 Minuten nach der normalen Abholzeit fuhr ich in den Innenhof der Kita ein, hechtete die Treppen zu den Gruppenräumen hoch, zog mir mit einer Hand die Maske übers Gesicht und später über Mund und Nase und klopfte schweißgebadet an der Gruppen-Tür. „Entschuldigen Sie… die Polizei… hielt mich fest. Also mein Auto… nein, anders: Sie parkten mich ein.„, hechelte ich. „Kein Problem. Sie hatten ja angerufen.“, flötete die Erzieherin. Signorino erkannte mich jetzt erst und lief freudestrahlend auf mich zu. Das Butterbrot, das er in der Hand trug, presste er überschwänglich gegen meinen Mantel. Während ich den kleinen Kerl eilig anzog, erzählte mir seine Erzieherin von seinem Tag. Ich bedankte und verabschiedete mich, trug den Mini-Farniente durch den Novemberregen zum Auto und schnallte ihn an. Erst an der Ampel vorm Städelmuseum, an dem unsere Rückfahrt vorbeiführte, fiel mir auf, dass das Kind noch immer seine Hausschuhe anhatte. Demnach weilten seine Straßenschuhe in der Kita. Nochmal umdrehen? Lieber nicht. Da das Kind nur ein einziges Paar Straßenschuhe in seiner Größe hatte, musste ich unbedingt das Paket bei den Nachbarn abholen: Dort sind – hoffentlich – geeignete Übergangs- bzw. Winterschuhe in seiner Größe enthalten.

Für die S-Bahn war es dann doch schon zu spät.

Der Nachmittag plätscherte so dahin. Um 16 Uhr kam der Römer heim, der sich beklagte, dass er sich noch immer krank und schwach fühlte. „Dann bleib doch bitte morgen zu Hause.„, versuchte ich ihn zu überzeugen. „Nein, nein, es geht schon. *Hust* *Schnief* Außerdem haben die Patienten bereits seit Wochen und Monaten Termine und außerdem sind bereits zwei Kollegen krank.“, rechtfertigte er sich. Ohne den Römer würde die Welt untergehen, dachte er. Nun denn, dann soll er weiter an diese Mär glauben. Während er sich einen Espresso machte, erinnerte ich ihn daran, dass ich heute unbedingt beim Online-Yoga mitmachen wollte und musste.*** Er nickte. Aber das wisse er doch. Um 20:30 Uhr könne ich ganz getrost den Yogakurs zelebrieren. Er würde Signorino ins Bett bringen. Ich blieb unbesorgt und vertraute darauf, dass das hinhauen würde. Ein blöder Fehler!

Gegen 18 Uhr holten wir Pakete beim Kiosk von Herrn Al Bagashi ab. „È un chiacchierone. [Er ist eine Quasseltante.]“, sagte genau der richtige Römer und teilte mir damit seine Meinung über Herrn Al Bagashi mit. „Deswegen gehe ich auch so gerne zu ihm. Das ist nicht nur ‚Päckchen abholen, unterschreiben, raus.‘, sondern das ist gute Unterhaltung.“, erklärte ich dem Römer. Doch er wartete lieber vorm Laden. Signorino wollte hingegen unbedingt mit rein. „Oh! Ein junger Mann! Challo, mein Kleiner.“, grinste Herr Al Bagashi. „Sie können hier lassen als Pfand für Pakete. Ich nehme!“, führte er weiter lachend aus und zeigte auf Signorino. „Er schreit aber recht viel.„, erzählte ich ihm augenzwinkernd. „Kein Problem! Onkel Ali (=Herr Al Bagashi) hat 10 Kinder. Schreien macht mir nichts.“, winkte er gelassen ab, „10 Kinder! Wow!„, antwortete ich mit großen Augen. „Ist ein großer Segen – aber viel Arbeit. Ich habe acht Mädchen und zwei Jungen. Dieser hier [zeigt auf einen jungen Mann] ist meiner. Und der da ist Sohn von Schwester.“, führte er weiter aus. Die beiden Teenager grinsten verlegen und starrten auf den Boden. „Und alle arbeiten bei Ihnen mit?„, fragte ich neugierig. „Ach woher: Nur essen, schlafen, spielen! Ich armer Mann muss den ganzen Tag arbeiten.“, sprach‘s und lachte am Ende laut. „So, jetzt habe ich Frage: Wie alt ist dein Kind?“, wollte er von mir wissen. „Beinahe zwei Jahre alt.„, gab ich zurück. „Aaaah! Kann er Traubenzucker essen?„, hakte Ali Al Bagashi nach. „Er liebt Traubenzucker.„, bestätigte ich. „Chier, Kleiner! Traubenzucker. Kommst du zu Onkel Ali – von mir kriegst du immer Süßes.„, sprach er und Signorinos Patschehand griff sofort zur Verpackung. „Kinder sind ein Segen, oder? Viel Arbeit, viele Nerven, die man verliert, aber auch viel Freude.“, erörterte er mir. Ich nickte. Sein Sohn hielt mir das Display zum Unterschreiben für die Annahme des Paketes entgegen. „Das stimmt, Herr Al Bagashi.“, antwortete ich, als ich mich nicht mehr auf meine Unterschrift konzentrieren musste. „Am Ende ist mit Kindern wie Treueprogramm von Supermarkt. Dauert bisschen bis man Prämie bekommt, aber dann freut man sich umso mehr. Und ganz wichtig: Prämien werden nicht regelmäßig ausgezahlt: Mal kommt später, mal kommt gar nicht und dann kommen alle Prämien der letzten Jahre auf einmal. Ist so mit Kindern. Muss man Geduld haben!“, teilte er seine Erkenntnis mit mir. Ich lächelte. Wer 10 Kinder hat, hat das System vermutlich besser verstanden als ich es jemals verstehen werde. Ich bedankte mich bei ihm – für die Annahme des Paketes und das nette Gespräch. „Sehen wir uns sicher nochmal diese Woche. Kommst du immer zwei Mal die Woche vorbei. Weiß ich jetzt schon.„, verabschiedete er sich und ich war verwundert wie genau er seine Kund*innen bereits nach wenigen Wochen kannte.

Am Abend räumte ich Signorinos Zimmer auf, rollte die Yoga-Matte aus und stellte den Bildschirm so, dass ich ihn stehend und liegend sehen konnte (ein Tipp von Turtle). Dann begann der Kurs – und das Gebrüll. Penelope, die Yoga Lehrerin, sprach davon, dass wir zu Beginn eine Meditation machen werden. Es meditierte sich nur sehr mittelmäßig, denn ich hörte den Römer mit Signorino (und umgekehrt) streiten. Der Kleine war müde, der Große vermutlich auch und das gipfelte in einem Dauergeschrei und -gebrülle. Von Deeskalation hatte der Römer vermutlich noch nie gehört und die Situation eskalierte, während ich in meinen Bauch und dann in meinen Brustkorb einatmen sollte, um dann wieder über den Brustkorb und Bauch auszuatmen. „Nein, das ist dein gutes Recht auch als Mutter Zeit für dich zu haben.“, redete ich mir ein und meditierte angespannt. Bei den Sufi-Kreisen hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog mich eilig hoch, öffnete die Kinderzimmertür, dann die Türe zum Wohnzimmer. „Sagt mal, Leute, seid ihr irre?“, motzte ich die beiden Farnientes an. Verdutzt betrachteten mich beide. Der Kleine war im Gesicht noch rot vom Schreien. „Er will den Pyjama nicht anziehen.„, erklärte mir der Römer. „Dann versuche ihn abzulenken! Freunde, ich habe jetzt Yogakurs. Ein Mal! Ein einziges Mal will ich etwas für mich tun und ihr brüllt hier nur rum.“ Der Kleine nahm diesen Satz zum Anlass, schniefend auf mich zuzulaufen. Hilfesuchend klammerte er sich an mein Bein. „Ach Signorino. Schau mal, wie müde du bist. Du musst jetzt schlafen!„, teilte ich ihm mit, beugte mich zu ihm herunter und umarmte ihn. Er wollte nicht mehr loslassen. Der Römer holte genervt sein Handy hervor und scrollte durch irgendetwas, vollkommen unwichtiges. „So, Mutti würde jetzt gerne zurück zu ihren Sufi-Kreisen.„, sagte ich und setzte dem Römer Signorino auf den Schoß. Dann stolzierte ich zurück. Der Yogakurs befand sich im Vierfüßler-Stand und imitierte abwechselnd eine Katze und dann eine Kuh. Das konnte ich. Während ich vom Katzenbuckel in den Kuhrücken glitt, fing das Geschrei wieder von vorne an. „No, ti ho detto che non si può fare. [Nein, ich habe dir gesagt, dass man das nicht machen kann.]“, motzte der Römer Signorino an. Dann hörte man die Wohnzimmertüre, die sich öffnete und kurz darauf wieder schloss, gefolgt von der Schlafzimmertür. Der Kleine brüllte. „Du musst jetzt ins Bett!“, keifte der Römer und goß mit dieser Information vermutlich nur Öl ins Feuer. Dann hörte man hektisches Umhergetrampel, gefolgt von Gemurmel. „Schnuller?!“, „Flasche?!„, fragte der Römer ins Nichts. Der Kleine weinte noch immer. Dann wurde die Tür hinter mir aufgestoßen. „Scusa, amore, dov’è il ciuccio? [Entschuldige, Schatz, wo ist der Schnuller?], wollte der Römer von mir wissen, während die Yogalehrerin den „herabschauenden Hund“ erklärte. „Keine Ahnung.„, knurrte ich bereits wie ein zum Römer hinaufschauender Hund. „Vabbè, lo troverò. [In Ordnung, ich werde ihn finden.], antwortete der Römer achselzuckend und ich fragte mich, warum er dann in meiner Yogastunde nervt, wenn er ihn „schon finden wird“. Der Kleine pochte jetzt an die Türe. „Nein, die Mama möchte nicht gestört werden.“, erklärte der Große dem Kleinen schnippisch. Ich verdrehte die Augen im herabschauenden Hund. Dann war kurz Ruhe und ich wähnte mich in Sicherheit. Anscheinend wurde der Schnuller gefunden, die Wasserflasche aufgefüllt, es ging ins Bett. Nach fünf Minuten begann das Geschrei wieder von vorne. Die beiden Farnientes stritten sich. Nach 10 Minuten, in der Yogafigur „Das Kind“, heulte der Kleine so schlimm, dass ich wutentbrannt ins Schlafzimmer stürmte. „Sagt mal, Freunde! Was ist denn eigentlich los?“, brüllte ich nun fuchsteufelswild. „Lui ha iniziato. Voleva uscire dal letto. [Er hat angefangen. Er wollte aus dem Bett klettern.]“, versuchte sich der Römer zerknirscht herauszureden. Der Kleine richtete sich auf, kletterte über den Römer, richtete sich wieder auf und stürzte schniefend in meine Arme. „Echt, Leute!!„, presste ich genervt hervor. „So, du [ich zeige auf den Römer] – raus! Und du [ich zeige auf Signorino] gehörst jetzt dringend ins Bett.“, befahl ich. Der Große wollte noch etwas von „Aber dein Yogakurs!“ sagen, doch ich schmiss ihn hochkant aus dem Schlafzimmer. Nach 20 Minuten schlief das Kind. Der Yogakurs war vorbei.

V… wie Versuch’s nochmal! Vielleicht klappt es nächste Woche mit dem Yoga Kurs.

Im Wohnzimmer angekommen, guckte der Römer ziemlich beschämt. „Entschuldige, aber heute war Signorino wirklich schwierig.“, versuchte sich der Römer zu entschuldigen. „Er ist jeden Abend so, wenn man ihn nicht rechtzeitig ins Bett bringt.“, antwortete ich nüchtern. „Aber du hast gesagt, um 21 Uhr geht er ins Bett.“, verteidigte sich der Römer. „Aber das Kind ist doch kein Roboter. Er war anscheinend schon eher müde. Die Anzeichen sieht man doch.“, gab ich resigniert zurück. „Er hat halt viel gebrüllt.„, kommentierte der Römer etwas überfordert. „Ja, das ist ein Anzeichen, dass er ins Bett muss. Sag mal, seit wann lebst du eigentlich bei uns, als dass dir das noch nie aufgefallen ist?„, wollte ich wissen. Der Römer guckte schuldbewusst. „Okay, nächste Woche klappt es ganz bestimmt, dass ich Signorino ins Bett bringe.„, wollte er mich nach einer langen Pause aufmuntern. Ich nickte ernüchternd. Ja, ganz bestimmt.

*In der studentischen Leerlauf-Zeit las ich zwar ab und an ein Skript, aber „studieren“ würde ich es nicht nennen.

**Da half sie mir letzte Woche noch in der Not und anscheinend reichte das bereits aus, sie anzustecken. Sie hat mittlerweile die selbe Erkältung wie wir.

*** Turtle und ich hatten bereits vor 1,5 Jahren den Yogakurs gebucht, der einmal stattfand und dann kam Corona. Wir meldeten uns noch zwei Mal für einen Präsenzkurs an, der dann abgesagt wurde, um schließlich das Online-Format zu nutzen. Beim ersten Termin lag ich flach. Beim zweiten, gestrigen Termin, lag Turtle flach. Aber ich wollte unbedingt teilnehmen.

WMDEDGT – November 21

WMDEDGT – November 21

Es ist der 5., Turtles Geburtstag und Frau Brüllen fragt: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer: WMDEDGT.

7:10 Uhr – Der Wecker klingelt. Fünf Minuten mehr gönne ich mir noch, dann stehe ich auf. Ein schnelles Frühstück, ein noch schnelleres Zurechtmachen und dann wecke ich Signorino. Was sonst eine Farce ist, gestaltet sich erstaunlich einfach. Er war wohl schon davor halb wach. Kaum begrüße ich ihn mit den Worten: „Guten Morgen, Signorino! Dein Potschi (Porridge, Haferbrei) wartet.“, schon steht er auf und läuft in meine Arme. Signorino frühstückt reichlich und gut. Ich ziehe ihn an, kleine Diskussion, ob er wirklich bei 7 Grad Außentemperatur eine Jacke braucht (Antwort: Ja!) und schon sitzen wir im Auto.

09:05 Uhr – Angekommen an der Kita finde ich heute einen Parkplatz an der Straße und nicht im Innenhof. Gestern beschwerte sich eine ansässige Verwaltungsfachangestellte in ihrem dunklen Audi* darüber, dass ich sie nicht einparken dürfe. Meine knappe Antwort darauf lautete: „Ja.“. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich kann das Auto schlecht in die Hosentasche stecken und mit hoch zu den Gruppenräumen der Kita nehmen. Außerdem wäre ich in zügig innerhalb weniger Minuten aus der Kita herausgelaufen, wäre die Windel des Kindes beim Mittagsschläfchen nicht ausgelaufen. So durfte ich ihn im Kita-Badezimmer komplett aus- und um-ziehen, um sein neues Outfit durch eine dicke Schicht Herbst-/Winterklamotten zu ergänzen. Das dauert. Es war höhere Gewalt und deswegen ist mein Einparken, bei absolutem Parkplatzmangel, zu 100% gerechtfertigt.

09:15 Uhr – Doch zurück zum heutigen Tag: Als ich wieder im Auto saß, verriet mir die Tankanzeige, dass es nun an der Zeit wäre, zu tanken. Und Halleluja! Ich lese durchaus ab und an die Zeitung(en). Der Grundtenor war, dass das Tanken teurer geworden ist. Aber puh! Vor einem Jahr zahlte ich für einen ganzen Tank 47 Euro. Heute zahle ich, bei gleichem Auto und gleichen Temperaturen, 87 Euro. Ich zahle zähneknirschend und tuckere mit meiner Tankfüllung aus flüssigem Gold wieder heim. Daheim angekommen höre ich bei Turtle nach wie der Status Quo ihrer Erkältung ist. „Nein, nein, ich stecke euch an. Wir können aber spazieren gehen.“, antwortet sie auf die Frage, ob sie auf einen nachmittäglichen Geburtstagskaffee vorbeikommt. Kurz überlege ich, ob ich ihre Geburtstagsüberraschung enthülle, doch mir bleibt keine andere Wahl: Vor zwei Wochen bestellte ich eine Original Sacher Torte* aus Wien, die diesen Mittwoch verschickt wurde und mir donnerstags bereits per Expresszustellung überreicht wurde. Natürlich hält sich die Torte bis zu 14 Tagen, aber man will nichts riskieren. So legte ich die Karten auf den Tisch, erzählte Turtle von meiner Überraschung und bat sie, bitte doch zum Geburtstagskaffee zu kommen. Schließlich hat Turtle nur ein Mal im Jahr Geburtstag! Und dieser Tag war heute. Und siehe da! Sie ließ sich überzeugen und versprach mir, nachmittags bei uns vorbeizuschneien.

10:30 Uhr – Jetzt aber schnell: Ich hatte keine Geburtstagsdekoration, keine Sahne für den Kuchen, keine Salatherzen (dazu später mehr) und keine Kerzen. Ich hechtete zur Drogerie, bekam bis auf die Sahne und die Salatherzen alles, was ich brauchte und hetzte weiter zum Supermarkt, wo ich den Rest bekam. Voll beladen trat ich durch die Wohnungstür und sah das ganze Chaos mit völlig neuen Augen. Mit Gastgeber Augen, wenn Sie so wollen. Es half nichts! So konnte ich keine Gäste empfangen. Unzählige Bauklötzchen, Kaufmannsladen Artikel und haste-nicht-gesehen sammelte ich, verteilte es neu auf die entsprechenden Räume und saugte und wischte alles, was bei drei nicht auf den Bäumen war. Zu meinem großen Erstaunen verbarg sich nach einigem Putzen und Schrubben unter dem Schlachtfeld in Raum 1 eine Küche. Über was diese neue Wohnung nicht alles verfügte. 😉

Und schon war es wieder 13:50 Uhr. Signorino wollte von der Kita abgeholt werden und ich wollte heute die S-Bahn anstatt des Autos benutzen, denn der Freitagnachmittag Verkehr in Frankfurt ist mir zu langwierig. Um 14:09 Uhr nahm ich die S-Bahn und kam zwei Minuten vor Signorinos Abholzeit an der Kindertagesstätte an. Nächstes Mal weiß ich, dass ich früher losfahren muss. Signorino wusste nicht, ob er sich freuen oder doch lieber weiteressen sollte. Er entschied sich dazu, sein Stück Gurke freudestrahlend anzugrinsen, was ich für einen guten Kompromiss hielt. Sehr verwundert war der kleine Kerl, dass keine Familienkutsche vor der Tür stand. Seine Mutter hatte doch tatsächlich die Idee mit der Bahn nach Hause zu fahren. Das fand er sehr spannend.

Die Skyline von der Bahn aus.
Bahnhofsromantik.

15:20 Uhr – Wieder daheim machte er sich über zwei Becher Joghurt (Joki, wie er sagt) her. Ich deckte den Geburtstagstisch für Geburtstagsturtle auf, denn schon in wenigen Minuten sollte sie vor der Tür stehen. Und das tat sie auch! Ein Jahr älter, aber immer noch genauso bezaubernd, wünschte ich ihr alles Gute zum Geburtstag. Da der Römer noch nicht daheim war, fragte ich, ob es für sie in Ordnung wäre, auf den römischen Schwager zu warten. Das war es natürlich.

15:40 Uhr In der Zwischenzeit wies ich sie an, ihr Geschenk zu öffnen. Während ich vor Tagen nach „Schildkröten Deko“ gesucht habe, fand die Suchmaschine zwar keine passende Deko, aber ein Buch, das „Die Schildkröte hat Geburtstag*“ hieß. Ohne lange darüber nachzudenken, bestellte ich es. Kurz zusammengefasst geht es um eine Schildkröte, die sich nur einen Salatkopf wünscht, doch leider, leider, bringen ihr ihre Freunde alles mit – nur keinen Salatkopf. Sie bedankt sich höflich und freut sich über all ihre Geschenke, ist aber am Ende traurig, dass sie ihr Wunschgeschenk nicht bekommt. Dennoch gibt es ein Happy End. Passend zum Thema steckte ich Geburtstagskerzen in Salatherzen und servierte sie. Das war die Idee des Römers und ich fand sie genial.

Salatherzen mit Geburtstagskerzen. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich.

Um 16 Uhr kam der Römer von der Arbeit, sah sehr müde und geschafft aus, freute sich aber über die Sacher Torte. Signorino bekam das erste Stück, dass er zufrieden mampfte. Dann machten wir uns über den Kuchen her. Alle waren seeehr zufrieden. Abends gab es Pizza. Leider nicht von unserer Stammpizzeria, weil ich zu faul und (mittlerweile) nachtblind** bin, um auf die andere Seite der Stadt mit dem Auto zu fahren. Jedoch war die neapolitanische Pizza auch sehr lecker.

Die richtige Torte für Turtle.

Um 20 Uhr brachte ich Turtle zur Bahn, die ausdrücklich nicht gefahren werden wollte. Trotz meiner imaginären Nachtblindheit hätte ich den Weg ins Nachbarviertel ganz sicher gefunden. Sie verließ sich lieber auf die Bahn. 😉

Um 20:30 Uhr ging der Mini mit dem Römer ins Bett. Ich tippte den Tag ab und falle auch gleich ins Bett. Let’s call it a day!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

** Dringend muss ich zum Augenarzt deswegen, da ich den Eindruck habe, nachts nicht mehr zu 100% zu sehen.

Codice rosso

Jetzt ist es dann auch mal wieder gut!„, möchte ich dem Verantwortlichen, der für die Lebensprüfungen zuständig ist, entgegen schmettern. Nachdem Signorino sich einigermaßen erholt hatte, fing es bei mir an. Einen Tag später juckte die Nase. Als langjährige Stammleser*innen wissen Sie sicher, dass ich dann oft und gerne zu Samahan Tee* in rauen Mengen greife. So auch dieses Mal. Dieses ayurvedische Gebräu half mir schon das ein oder andere Mal dabei, eine fiese Erkältung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nun ist es leider so, dass der Tee sehr gut hilft, wenn sich einfach so eine Erkältung einschleichen will. Leider hilft der Tee gar nicht, wenn der Körper gestresst ist und Ihnen „Halt! Stop! So geht es nicht weiter. Ruhe bitte – und zwar sofort.“ entgegen(t)rotzt.** Und so kam es: Am Sonntag entwickelte sich ein stechender Schmerz zwischen rechtem Ohr und Hals, die Nase ging zu, sämtliche Laute nahm ich nur noch dumpf war und das Virus sammelte all seine Kraft, mich vollends flach zu legen. Das wusste ich aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht. Vielmehr ging ich davon aus, dass ich am Montag arbeiten könne. Business as usual, wenn Sie so wollen.

Zudem beschloss die Heizung und die Warmwasserversorgung Sonntagmittag ihren Dienst vollends einzustellen. Ich wunderte mich noch, warum das Wasser nur noch etwas mehr als lauwarm aus der Leitung rauschte, als ich mich mittags duschte. Selbst auf der heißesten Stufe des Wasserhahns blieb dieser stoisch der Meinung, dass „lauwarm“ das äußerste der Gefühle an diesem Tag war. Ich dachte nicht weiter darüber nach und wir rissen vor dem Spaziergang bei bestem Wetter die Fenster auf. Ziemlich dumm, wenn die Heizung ausgefallen ist. Aber das stellten wir erst nach dem Spaziergang fest.

Daheim angekommen, gingen wir davon aus, dass heute großer Familienbadetag ist. Von klein bis groß – alle werden heute gewaschen. Leider verriet uns das mittlerweile eiskalte Wasser sehr genau, dass heute alles möglich ist, aber kein Familienbadetag. Die Heizung war auf höchste Stufe aufgedreht, doch nichts gluckerte, nichts rauschte. Nur das kalte Metall suggerierte uns, dass der Ofen sprichwörtlich aus war.

Der Römer machte sich große Sorgen. Nicht etwa primär um uns, die wir krank waren. Vielmehr war er verzweifelt, da er am morgigen Montag arbeiten musste. „Non posso andare così. Puzzo come un’animale. [Ich kann so nicht gehen. Ich rieche wie ein Tier.]“ Und, gelinde gesagt, hatte er damit recht. Eine beißende Schweißwolke zog an mir vorbei, während er mich später umarmte und küsste. „Entschuldige, so lieb das gemeint ist, aber bitte nimm deine Arme herunter.„, war ein Satz, den ich ihm so noch nie sagen musste.

Also stiefelte er in die Küche, bediente sich der großen Plastikbox vom Möbelschweden, die erstaunlich dicht und erstaunlich temperaturbeständig ist und kochte Wasserkocher um Wasserkocher Heißwasser auf. Als die Box zu drei Vierteln gefüllt war, trug er sie ins Bad, holte sich einen Messbecher aus der Küche und mischte und panschte Heiß- mit Kaltwasser bis es die richtige Temperatur hatte, um sich ordentlich zu waschen. Signorino und ich schielten durch die Badezimmertür. Da saß unser Warmwasser-Alchemist in der leeren Badewanne. Auf dem Badezimmer Boden die enteignete Spielbox von Signorino und wusch sich mit einem hellblauen Baby-Waschlappen. Als er uns bemerkte, motzte er: „Dai, ragazzi. Un po‘ di privacy. [Kommt schon, Leute. Ein bisschen Privatsphäre.]“. Wir ließen sie ihm, diese Privatsphäre. Und was war ich froh, dass ich an diesem Tag bereits geduscht hatte. Signorino brauchte noch keine Dusche, denn er war erstaunlich geruchsneutral. Nur sein blondes Haar war etwas strähnig. Ich kämmte ihm diese zu einem flotten Seitenscheitel und er sah aus als würde er nur darauf warten, auf einem sehr ordentlichen Familienfoto des englischen Adels abgebildet zu werden.

Nachts beschlossen wir, dass bei diesen Temperaturen keiner alleine schlafen kann und sollte. Also quetschten wir uns alle in das 160 Zentimeter kleine Ehebett. Wir kuschelten uns unter die große Decke, die wir uns damals im römischen Viertel Testaccio gekauft hatten***. Der Kleine schlief super. Nur ein einziges Mal wachte er auf, stellte sich auf und holte sich die Wasserflasche selbstständig vom Kopfteil des Bettes. Dann lehnte er die Flasche an mich und schlief wieder ein. Ich hingegen schlief gar nicht. Trotz des Schmerzmittels pochten die Hals- und Ohrenschmerzen ohne Unterlass durch meinen Schädel. Wenn der Kleine die selbe Krankheit hatte wie ich jetzt, sind sechs Stunden Schreien am Stück relativ knapp bemessen. Ich ging nochmals ins Bad, nahm wieder Schmerzmittel, legte mich hin, schlief doch nicht ein, denn meine Nase war komplett dicht. Die Schmerzen blieben von dem Schmerzmittel komplett unbeeindruckt.

Am nächsten Morgen bat ich den Römer, Signorino in der Kita krank zu melden, bevor er zur Arbeit gehe. Vermutlich hätte Signorino an diesem Tag gehen können, denn er war fieberfrei und hustete nur noch ein wenig. Aber ich sah mich außer Stande ihn um 14:30 Uhr abzuholen, da ich mich unglaublich schwach fühlte. Einen Fußweg von 200 Metern hätte ich vielleicht noch hinbekommen, aber auf die andere Seite der Stadt mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, machte mein Körper definitiv nicht mit. Jede Zelle krisch vor Schmerzen und Abgeschlagenheit. Ein Glück schlief das Kind extra lang und auch ich konnte noch etwas Schlaf nachholen.

Gegen 11 Uhr standen wir auf und es war noch immer bitter kalt. Bereits am gestrigen Sonntag schrieb ich der Hausverwaltung eine E-Mail, dass die Heizung und das Warmwasser ausgefallen waren. Draußen hatte es vier Grad. Drinnen hatte es, mit viel Glück, noch eine Temperatur im zweistelligen Bereich. Ich zog uns an, als würden wir zum Skifahren aufbrechen wollen. Mit dicken Jacken und, in Signorinos Fall mit Schneehose, saßen wir am Frühstückstisch. Mir war bitterkalt, was vermutlich auch an meiner Erkältung lag. Egal wie warm ich mich einmummelte, mein innerster Kern heizte nicht mehr richtig. Anscheinend fiel auch hier die Heizung aus.

Signorino war fit und guter Laune. Fröhlich sprang er durch die Wohnung und war das mir bereits bekannte Energiebündel. Ich saß auf der Couch, konnte nichts essen und trinken, da mein Magen rebellierte und wurde stündlich schwächer. Um 13 Uhr schrieb ich dem Römer: „Amore, mir geht es sehr schlecht. Wenn du irgendeine Möglichkeit hast, vor 20 Uhr heimzukommen, so nutze sie.“ Der Römer schrieb um 13:30 Uhr: „Ich rufe dich gleich an.“. Doch dieses „gleich“, dass ich als „maximal in einer halben Stunde“ interpretierte, war ein italienisches „gleich“, dass bedeutet „wenn ich Zeit und Muße habe“. Signorino machte immer mehr Quatsch, ich konnte mich aber kaum mehr bewegen. Er kletterte auf Stühle, stellte sich auf diese und wackelte an der Lehne. „Signorino, nein! Du fällst runter! Geh sofort runter da!!“, versuchte ich ihn anzuweisen, doch Signorino wollte in diesem Augenblick kein Deutsch verstehen. Er lachte mich nur an (oder aus). Ich quälte mich hoch, hob ihn runter, nur, dass er Minuten später wieder auf dem selben Stuhl stand.

Während ich ihn vom Stuhl hob, schien mir, als würde die Heizung, die dahinterlag, lauwarm sein. Ich fasste sie an. Tatsächlich! Sie funktionierte wieder. Was für ein Glück! Ich zog Signorino die Daunenjacke und Schneehose aus. Im Nacken war er bereits etwas verschwitzt und seine Haare kringelten sich voller Elan. Ich hingegen fror. Sehr. Trotz steigender Temperaturen fühlte sich alles eiskalt an. Ich ließ alles an und holte mir noch eine Decke. Brrr!

Nochmals schrieb ich dem Römer, dass ich echt am Ende bin. Er solle bitte sofort heimkommen, da ich für die Sicherheit des Kindes nicht mehr garantieren könne. Doch das Telefon blieb stumm. So schrieb ich meiner Schwester Turtle. Und hier nahm die Geschichte Fahrt auf. Sofort erklärte sie sich bereit dazu, vorbeizukommen. Sie kaufte ein, mixte einen frischen Saft für mich und stand in wenigen Augenblicken vor der Tür, bepackt mit einem Lazarett an Dingen, die mir helfen sollten, wieder fit zu werden. Mir war immer noch schlecht und ich konnte nichts in meinen Magen befördern. Sie befahl mir, zumindest den Saft zu trinken. Zwei Gläser schaffte ich dank ihrer Anweisung. Während ich wie überfahren auf der Couch lag, spielte sie mit Signorino bis dieser müde wurde. Um 16:45 Uhr brachte ich ihn ins Bett und schlief fast selbst dabei ein. Ich raffte mich schließlich auf, ging ins Wohnzimmer und fragte Turtle, ob es für sie okay wäre, wenn ich mich auch hinlegen würde. Sie müsse natürlich nicht hier warten. Sie stimmte zu, packte ihre Turtle-Versorgungsstation ein und ich legte mich hin. Alle 20 Minuten hustete das Kind übers Babyphone und ich war wieder wach. Noch einmal schrieb ich dem Römer, dass er bitte dringend heimkommen solle, denn ich war am Ende. Nichts tat sich.

Gegen 18 Uhr stand ich auf. Der Römer rief an. Ich schilderte ihm meine missliche Lage, doch er nahm mich nicht ernst. Zwischen zwei Patiententerminen eingeschoben, schwafelte er etwas von „Dai! Forza! [Komm schon! Vorwärts!] Es sind nur noch zwei Stunden, dann bin ich daheim.„, sprachs und legte auf. Hätte ich die Kraft gehabt, mir in diesem Moment eine/n Fachanwält*in für Familienrecht zu suchen, glauben Sie mir, ich hätte es getan.

Letzter Exit für die Ehe?

Ich war dermaßen kraftlos, dass ich drei Versuche brauchte, um aus dem Bett aufzustehen, nur dass dein mein Kreislauf „Adieu! Bis später!“ jauchzte und dermaßen absackte, dass ich in den Sessel daneben plumpste. Signorino wachte zeitgleich auf. Krabbelnd (der Kreislauf!) bewegte ich mich ins Kinderzimmer. Ein fröhlicher, beinahe Zweijähriger guckte mich strahlend an. Fast schien es als würde er sagen „Und? Was machen wir jetzt?„. Natürlich wollte das Kind ins Wohnzimmer getragen werden. Ich versuchte ihm verständlich zu machen, dass ich so sehr schwankte wie eine Optimisten-Jolle auf hoher See. Er fing an zu weinen. Wir schwankten also ins Wohnzimmer zusammen. Er auf meinem Arm, lächelnd. Mein rechter Oberschenkel nahm auf schmerzhafte Art und Weise den Türrahmen mit. Mir war kotzübel und ich ließ mich mit Signorino auf das Sofa sinken. Sofort erwachten alle Lebensgeister in ihm. Er lief zum Tisch mit den Fressalien, die Turtle uns vorhin mitgebracht hatte. Er knabberte die Lebkuchen-Pappschachtel an, riss sie auseinander, versuchte sie zu öffnen und ließ sie letztendlich in der Ecke liegen. Dann sah er die Domino-Steine, probierte einen, mochte aber das Gelee und den Marzipan darin nicht und ließ zwei oder drei Steine auf dem Boden liegen. Die offene Tüte mit Taralli gefiel ihm besonders. Taralli um Taralli ließ er von der Kinderrutsche gleiten. Er hatte vermutlich den Spaß seines Lebens. Immer wieder, wann immer ein My an Kraft zurückkam, flüsterte ich mit schwacher Stimme „Signorino! Nein!„, doch es war ihm egal. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann es mir jemals so schlecht ging, aber mein Gehirn war komplett im Eimer. Ein sausendes Geräusch belustigte in der Zwischenzeit meine Ohren. Ich schielte mit halb offenen Augen zu Signorino. Er räumte mit großer Freude den Bücherschrank aus. Buch um Buch legte er auf den Boden. Eines seines Urgroßvaters studierte er ein wenig und legte es geöffnet ab, so als wolle er sich die Stelle für später merken. Dann erinnerte er sich noch einmal daran, dass „auf den Stuhl klettern“ vorhin ein riesen Spaß war. Er kletterte also wieder hoch. Wäre er gefallen, dann hätte er sich den Kopf an der geriffelten 70er Jahre Heizung aufgeschlagen. Wild wippte er auf dem Sitzmöbel hoch und runter. Meine letzte Mutti-Kraftreserve aktivierte sich, hob mich hoch, ließ mich den kleinen Knirps greifen und absetzen, die Stühle wurden auf den Boden gelegt und ich sank wieder aufs Sofa. Das Ohrensausen wurde noch lauter, ich sah nur noch schwarze Punkte, alles drehte sich. Noch eine Stunde bis der Römer heimkam und ich wusste nicht, wie wir diese überstehen würden. Reden war kaum möglich, weil mein Mund sich trocken anfühlte und jegliche Muskeln im Tiefschlaf schienen. Meine Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung und Wut. Signorino guckte mich besorgt an. Ich konnte dem Kind noch nicht einmal was zu essen machen, aber für sein Catering sorgte er schon selber. Er sah die offene Packung Schokoladenlebkuchen, griff hinein und biss fröhlich in das handtellergroße Süßgebäck. Schokoladenverschmiert grinste er mich an. Ich dachte nur daran, dass wir das irgendwie überleben müssen. Egal wie. Und wenn das bedeutet, dass er Schokolebkuchen isst bis ihm schlecht wird, ist das ein verhältnismäßig geringer Preis. Besser als einen Schädelbruch an der Heizung. Der kleine Kerl kam zu mir herüber und wollte mich mit einem Stück Lebkuchen füttern. Allein der Gedanke ließ meinen Magen rebellieren, was mitunter daran lag, dass ich morgens nur eine Spatzenportion Kekse aß. Ich presste meine Lippen aufeinander. Er drückte mir den Lebkuchen gegen die Lippen und Zähne. Ich schüttelte angewidert den Kopf. Er insistierte. So muss es sich für Signorino also anfühlen, wenn man ihm Hustensaft geben will, dachte ich. Langsam begann ich ihn zu verstehen. Ich guckte auf mein Handy. Der Römer hatte geschrieben: „Ich komme sofort nach Hause, amore mio (mein Schatz). Come state? [Wie geht’s euch?]“, traute er sich doch tatsächlich zu fragen. In meinem Kopf rasten alle erdenklichen Gemeinheiten, die ich ihm an den Kopf werfen wollte, wie auf einer Autobahn entlang. Dieser Kerl erdreißtet sich doch tatsächlich mich zu fragen, wie es uns geht? Lies doch einfach meine 445 Nachrichten davor, dann wüsstest du wie’s uns geht! Ich schrieb nichts, aber blockierte ihn trotzig. Warum ich das machte, erschloss sich mir im Nachhinein nicht. Wir wohnen zusammen, haben ein Kind zusammen, ein gemeinsames Konto und sind verheiratet. Was sollte es mir bringen, ihn bei einem Messenger-Dienst zu blockieren? Aber in meinem Zustand handelte ich nicht mehr logisch. Eine kleine Welle der Genugtuung schwappte durch meinen kranken Körper. „Nimm das, du blöder Römer. Ich habe dich blockiert!“

20 Minuten später klingelte es an der Wohnungstüre. Der Schlüssel steckte von innen, das heißt, er konnte nicht gleichzeitig aufsperren, sondern ihm musste geöffnet werden. Ich reagierte nicht, konnte nicht reagieren. Signorino guckte mich aufgeregt an. Er liebt Besuch. Es klingelte wieder an der Wohnungstüre. Gebeugt vor Schmerzen oberhalb des Steißbeines setzte ich vorsichtig Schritt um Schritt und stützte mich an der Wand ab. Signorino lief aufgeregt zur Türe, um mich herum und wieder zum Eingang. Ich öffnete, lehnte mich an die Wand, sah den Römer, hob abwertend eine Braue und quälte mich zurück auf die Couch. Er trat ein. Seine dunkelbraunen Lederschuhe klackerten auf dem Parkett. „Come state? [Wie geht’s euch?]“, wollte er nochmals wissen. Ich kochte innerlich, es brodelte richtig. So schlecht es mir ging, aber meine Wut bahnte sich ihren Weg, erbarmungslos wie glühend heiße Lava. Anscheinend hält der menschliche Körper noch eine extra Kraftreserve für im Stich gelassene Parteien in einer Beziehung bereit. Ich warf ihm, heiser, aber deutlich, alles an den Kopf, was sich in meinem Matschkopf noch finden ließ. Dann weinte ich vor Erschöpfung.

Betroffen guckte mich der Römer an und sprach schuldbewusst: „Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Natürlich wäre ich sofort nach Hause gekommen, hätte ich das gewusst.“

Verständnislos starrte ich ihn an. Was hätte ich denn tun sollen, außer stündlich bzw. halbstündlich von meiner kraftlosen Lage zu berichten? Soll ich einen Zeppelin anheuern, der vor seiner Arbeit auf und ab schwebt und auf dessen Außenhaut steht: „Deiner Frau geht’s miserabel. Komm nach Hause! Und zwar sofort!“? Vielleicht sollte ich nächstes Mal einen Festumzug aus indischen Elefanten und bengalischen Tigern organisieren, die ihm die Botschaft persönlich überbringen würden?

Ich antwortete nicht darauf, denn meine Kraft ließ nach. Stattdessen schloss ich die Augen. Ich hörte wie der Römer irgendetwas in einem Glas verrührte. Als ich die Augen aufschlug, stand er vor mir und gab mir das Gebräu. „Hier, bitteschön. Das musst du jetzt bitte trinken.“, wies er mich höflich an. Ich schüttelte den Kopf und verwies auf meine Übelkeit. „Komm schon, nur so wird es dir besser gehen.„, erklärte er mir. Schlückchenweise, aber trotzig, trank ich das Gebräu. Mein Magen rebellierte anfangs, riss sich aber dann zusammen. Schon stand der Römer wieder neben mir, nahm mir das Glas ab und maß Fieber. Das Fieberthermometer piepste lange und laut. Ohne daraufzuschauen, wusste ich, dass es uns mitteilen wollte, dass ich Fieber hatte. Und genau so war es. „Stai vermamente male. Non pensavo. [Dir geht’s wirklich schlecht. Das hätte ich nicht gedacht.]“, kommentierte der Römer die Anzeige des Fieberthermometers. Derweil hoffte ich, dass meine Kraft baldmöglichst zurückkam, um ihn an die Wand zu klatschen. Er begleitete mich ins Bett. Als mein Kopf das Kissen berührte, blinzelte ich noch zwei Mal und war dann weg. Im Land der Träume oder ohnmächtig. So genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren (😉). Eine Stunde später hörte ich Signorino, der an der Schlafzimmertüre kratzte und nölte. Immer wieder erklang ein glockenhelles „Mama!Mama!“ durch den Flur. Der Römer erklärte unserem Sohn, dass Mama schlafen muss, um bald wieder fit zu sein. Signorino war das egal. Er wollte nur zu Mama. Er weinte und quengelte solange bis der Römer ihn eintreten ließ. Sofort nahm der Kleine meine Hand und drückte sie gegen seine Wange. „Signorino! Pscht! La mamma sta male. [Signorino! Pscht! Der Mama geht es schlecht.]“ Ich blinzelte dem Sohn entgegen. Etwas benommen war ich noch, aber ich hatte keine Schmerzen mehr im unteren Rücken. Mein Ohr rauschte zwar noch leide wie sanfte Meerwellen, aber ich fühlte mich nicht mehr kurz vor der Ohnmacht. Krank fühlte ich mich, ja. Aber nicht so wie davor. Langsam setzte ich mich auf, atmete zwei, drei Mal tief durch und streichelte Signorino über den Kopf. „Come stai? [Wie geht’s dir?]“, fragte der Römer wieder. „Viel besser.“, antwortete ich. „Möchtest du aufstehen?“, wollte der Römer von mir wissen. Ich nickte. Er half mir hoch, doch ich benötigte nur noch wenig Hilfe, um ins Wohnzimmer zu gelangen. „Du musst etwas essen und, noch wichtiger, etwas trinken.„, wies der Römer mich an. Ich teilte ihm mit, dass ich keinen Hunger habe. Er insistierte. Also aß ich eine halbe Banane und trank zwei Gläser Wasser. Die Übelkeit war verflogen. Ein Glück!

Ich legte mich auf das Sofa. Der Römer setzte sich neben mich. „Okay, Frage!„, fing ich an. „Was zum Henker hätte ich denn sagen sollen, dass du deine Arbeit unterbrichst und heimkommst? Ich habe dich auf jede erdenkliche Art und Weise gebeten, angefleht, heimzukommen.„, erklärte ich ihm. „Aber in der Arbeit habe ich überhaupt keine Zeit, all deine Nachrichten zu lesen. Ich habe sie nur ab und an überflogen.“, erörterte er mir. Am liebsten hätte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen, aber das war zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine gute Idee. „Okay, was soll ich nächstes Mal in so einer Situation tun, damit du heimkommst?“, wollte ich nun von ihm wissen. „Schreib doch einfach ‚codice rosso‘ [Alarmstufe Rot] und ich weiß Bescheid! Wenn wir dieses Codewort ausmachen, dann komme ich sofort nach Hause.„, schlug der Römer vor.

Ob dieses Bild einer leuchtend roten Anzeige mit Glühbirne darauf genügen würde, dass der Römer heimkommt?

Aha. So einfach wäre es gewesen. Wir hätten auch mal früher darüber reden können. Aber wem kommt das schon in den Sinn?

Gut, dass du mich hast. Dank mir geht’s dir wieder besser. Alleine könntest du vermutlich überhaupt nicht für dich sorgen.“, witzelte der Römer etwas unbeholfen. „Alleine hätte ich geschlafen und mich auskuriert. Das Problem war nicht ich, sondern unser aktiver Zweijähriger Sohn mit den vielen, kreativen Ideen. Ich kann leider nicht zu Signorino sagen: ‚Schatz, heute kuriert sich Mutti im Bett aus. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid.‘ Stattdessen probierte Signorino alles aus. Alles! Es war einfach unglaublich gefährlich. Für ihn und für mich.„, klärte ich den Römer auf. Er guckte betreten auf den Boden. „Gut, dass wir jetzt das Codewort haben. Codice rosso! Non ti dimenticare! [Alarmstufe Rot! Vergiss es nicht!]“.

Nachwort: Signorino, den ich bereits in den letzten Zügen seiner Erkältung sah, erkrankte daraufhin nochmals. Also stellten wir uns wieder beim Kinderarzt vor, der uns einen detaillierten Plan mit auf den Weg gab, was zu tun sei. Ich erholte mich langsam, mit kleinen Rückschlägen, aber vielen Fortschritten. Der Kinderarzt wies uns an, Corona Schnelltests zu machen. Immerhin waren diese allesamt negativ. Dennoch war dieses Virus echt gemein! Nachdem Signorino und ich in den letzten Zügen dieser Krankheit waren, fing der Römer an. Samstag lag er wie eine platte Flunder im Bett und hatte die selben Schmerzen wie ich sie hatte. Folgerichtig hätte ich mir alleine in der Stadt einen schönen Tag machen sollen, während er minütlich geschrieben hätte wie schlecht es ihm ging. Aber ich bin kein Unmensch. Stattdessen hegte und pflegte ich meinen Ehemann mit Sanftpfoten. Nur kurz war ich vormittags unterwegs, um das Auto in Offenbach abzuholen. Nach 3 Wochen ohne unser Vehikel ist dieses Kapitel nun endlich auch abgeschlossen! 😃

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

** dies ist nicht bestätigt, sondern nur eine Theorie meinerseits.

*** Der Römer zog all sein Hab und Gut im Flugzeug um, als er damals nach Deutschland übersiedelte. Das heißt, jedes Wochenende flog er nach Frankfurt mit zwei großen Koffern. Meist waren Bücher oder Kleidung darin. Da die Wohnungen in Rom gerne möbliert vermietet werden, konnte er all das, was er nicht mehr brauchte, einfach in der Wohnung lassen. Die Ehedecke transportierte ich allerdings selbst, auch wenn sie den Großteil eines Koffers einnahm.

Geschlossen

Den „Exit“, der auf diesem Foto abgebildet ist, suchen wir gerade schniefend und schnäuzend.

Geschlossen wegen Krankheit. Wir liegen alle flach (nicht wortwörtlich, würden wir Großen aber gerne).

Montags ging es bei mir richtig rund. Seit gestern beim Römer. Der Kleine, der geheilt schien, ist seit Dienstag wieder krank.

Bleiben Sie gesund! 🤒🤧

Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Es ist 03:30 Uhr nachts. Draußen ist es kalt, aber nicht so kalt wie ich dachte, als ich mir vorhin schnell den Mantel überwarf. Signorino brüllt. Eben so wie er das seit 7 Uhr morgens machte. Der einzige Unterschied zu tagsüber ist, dass er jetzt keine Schrei-Pausen mehr macht. Er schreit seit 22 Uhr ununterbrochen. Dabei tastet, oder vielmehr wühlt, er sich stimmlich durch mehrere Oktaven. Wir haben alles versucht. Und mit alles meine ich jede erdenkliche Idee, die uns Eltern in den Sinn kam. Nur der, der schreit, gibt uns keinen Hinweis darauf, wie zum Henker er beruhigt werden möchte. Der Geistesblitz, dass kühle, frische Luft entspannend wirkt, kam mir übrigens gegen 03:15 Uhr, weswegen wir uns hier in der menschenleeren Allee befinden. Nicht einmal ein Auto rollt die Straße entlang. Nur Signorinos Brüllen lässt erahnen, dass hier Menschen wohnen. Und, das Brüllen gibt einen weiteren Hinweis: Mein Plan ging nicht auf. Kühle, frische Luft wirkt in dieser Nacht weder auf das Kind, und, in diesem Zuge auch nicht auf die Eltern, entspannend. Wir flüchten nach Hause, quälen uns hastig durch den Hausflur und laufen zur Wohnungstür. Schnell schließen wir sie hinter uns. Das Kind kreischt noch immer und wir stehen einer Mauer aus Gefühlen gegenüber, die aus Hilflosigkeit, Scham, Wut, Verzweiflung und Mitleid konstruiert wurde. Jeder Schrei Signorinos ist ein neuer Backstein dieser Mauer, die sich minütlich höher und höher schraubt und damit unüberwindbar scheint.

Dazu haben wir uns als Eltern eines Schreikindes zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mal gestritten, aus Verzweiflung angebrüllt, uns gegenseitig die Schuld an Signorinos Schreien gegeben und am Ende mit dem sofortigen Verlassen der Familie gedroht. Nicht, weil irgendwer das tatsächlich vor hätte. Viel mehr, weil wir nicht mehr weiter wissen. Um 03:35 Uhr ist der Römer an dem Punkt, an dem wir schon öfter waren: “Ruf das Jugendamt – oder vielmehr die Polizei! Die sollen uns Signorino wegnehmen. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.” Ich nehme ihm das nasse Bündel heulender und schreiender Mini-Mensch ab. Es brüllt und schlägt um sich. Letzteres ist neu und mit unter schmerzhaft, wenn er die Augenbraue mit dem kleinen Ellbogen trifft.

Um 03:42 Uhr rufe ich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Signorinos Zustand ist nervenaufreibend, aber sicher nicht lebensbedrohlich. Meine Daten werden aufgenommen und an den diensthabenden Arzt weitergeleitet. Er rufe gleich zurück, sagt der nette Herr am Telefon. Man merkt jedoch, dass er hinsichtlich der Problematik des seit Stunden schreienden Kindes auch nicht recht weiß, was man den Eltern raten soll. Ist ein stundenlanges Schreien überhaupt ein medizinisches Problem oder viel mehr ein psychisches? Sind die Eltern nur überfordert oder steckt eine ernste Angelegenheit dahinter? Fast scheint es mir, als belächle der Herr in der Hotline unsere Situation. Und sollte er sie nicht belächeln, so fand er sie vermutlich übertrieben. Dabei muss ich an den Satz “Ein Kind schreit halt mal.” denken. Wie oft habe ich diesen Spruch von meinen Umfeld gehört? Jedem einzelnen dieser Personen wünsche ich eine, nur eine einzelne Nacht mit einem Schreikind.

Sie sehen es an der bunten Kleidung: Das war ich in den wilden 90ern.

Während wir auf den Anruf des diensthabenden Arztes warten, ziehen wir Signorino wieder um. Er weint und brüllt so viel, dass sein Pyjama-Oberteil nass ist. Vier Mal haben wir ihm in den letzten Stunden das Oberteil gewechselt, weil es ganz durchweicht war. Signorino beruhigt sich noch immer nicht. Ich versuche das Handy zu hypnotisieren, auf dass der Arzt baldmöglichst zurückrufen würde. Doch nichts passiert.

Der Römer legt sich in das Kinderbett. Signorino krabbelt dazu, will aber von niemanden angefasst werden. Alle Versuche schlägt er vehement zurück. Der Römer spielt eines von Signorinos Lieblingsliedern ab, auf dass sich der kleine Kerl beruhigen möge. „Je t’aime.„, haucht die hübsche Südfranzösin durchs Kinderzimmer. Signorino kreischt weiter. Der Trick mit dem Lied war sicher ein Versuch wert. Aber was die letzten sechs Stunden nicht geklappt hat, wird jetzt vermutlich auch nicht klappen.

Das Videoportal schlägt mir Regengeräusche als Meditations- und Einschlafmusik vor. Ich klicke auf den Vorschlag. Was habe ich schon zu verlieren? Es regnet nun klangvoll im Kinderzimmer. Der Römer dreht sich nach rechts. Signorino tut es ihm nach. Es sähe witzig aus wie der sehr kleine Signorino der große Löffel sein will, wenn wir nicht in dieser Situation gefangen wären, aus der vermutlich alle Beteiligten hoffen, schnellstmöglich ausbrechen zu können. Am Telefon tut sich noch immer nichts.

Der kleine Löffel weint und wimmert. Wie gerne würden wir ihm helfen! Mein kleiner Spatz. Der Römer will ihn in den Arm nehmen und dreht sich um. Signorino will immer noch keine Berührung zulassen und rastet nochmals richtig aus. Der Römer dreht sich einfach um und hält sich die Ohren mit einem Kissen zu. Signorino setzt sich auf und starrt mich, die ich gegen das Bett gelehnt bin, mit großen, geschwollenen Augen an. Der Mund ist weit aufgerissen. Meine Hand schlägt er weg.

Nach kurzer Zeit legt er sich wieder hin. Er schreit, wimmert, es wird etwas leiser, dann wieder lauter, dann kann man nur noch ein klägliches Gejammer vernehmen. Langsam, langsam wird es schwächer. Er atmet gleichmäßig. Zwei Mal schreit er noch, dann ist Ruhe.

Nach 6 Stunden Dauerschreiens.

Um 04:02 Uhr ruft der diensthabende Arzt an. Ein älterer Hesse mit Bierbauch und Rauschebart. Die beiden letzten Details kann ich zwar nicht explizit hören, aber mein Kopf konstruiert sie so. “Sie haben wegen Ihres Sohnes angerufen.”, spricht er. Ich schleiche mich aus dem Kinderzimmer und flüstere: “Ehrlich gesagt hat sich das Problem gerade nach Stunden erledigt. Er ist eingeschlafen.” Der Arzt räuspert sich. “Eingeschlafen? So, so. Na dann, auf bald!” Ich hoffe, er meint die letzten Worte seines Satzes nicht ernst.

Ja, ich habe es mir idyllischer vorgestellt, dieses Muttersein. Natürlich nicht mit einem Himmel voll rosa Wolken und einem immer gut gelaunten Baby. Aber mit einem Kind, das nicht stundenlang kreischt. Es ist unheimlich kräftezerrend.

Dennoch: Es ist besser geworden seit er ein Kleinkind ist. Aber ab und an, wenn er zahnt oder es ihm besonders schlecht geht, wird er zu dem Schreibaby, das er war. Es geht mir dermaßen an die Substanz, das ich mir in diesen Situationen wünsche, nie Mutter geworden zu sein. Nur wer in etlichen dieser Situationen war, kann die Ohnmacht und Wut darüber nachvollziehen.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schiele ich durch die Wohnzimmertür. Dort sieht es aus wie nach einem Kampf: Ein angebissenes Brot liegt verteilt auf der Couch. Daneben Wäscheklammern, Papierschnipsel, ein Kinderschal und Mützen. Daneben stapeln sich Winterjacken auf dem Stuhl. Zwei Wasserflaschen stehen auf dem Boden. Kissen liegen überall verteilt herum. Auf dem Tisch steht eine Schüssel Haferbrei, den ich um 01:30 Uhr für Signorino kochte. „Vielleicht hat er nur Hunger?“, dachte ich, denn den ganzen Tag aß er kaum etwas. Doch selbstredend verschmähte er den Brei. Nicht einmal Schokolade wollte er.

Um 04:35 Uhr schreckt Signorino wieder hoch. Er brüllt abermals, schlägt um sich, ist extrem aggressiv. Alles, was er greifen kann, schleudert er durch das Kinderzimmer. Dann steht er auf, geht durch die Wohnung, rastlos, ziellos, planlos. Nichts und niemand kann ihn beruhigen. Der Römer kommentiert, das Kind sei ein Besessener, ein Psychopath. Vielleicht mag Ihnen die Wortwahl extrem hart erscheinen, denn schließlich reden wir hier über einen knapp Zweijährigen. Und in einer normalen bis tolerierbaren Situation haben Sie absolut recht. Doch dies ist eine Ausnahmesituation. Dazu kommt die Müdigkeit aller drei Protagonisten. Und Müdigkeit, so viel sei gesagt, ist ein unbarmherziger Gefährte. Jede trüb erscheinende Situation wird augenblicklich zu einer rabenschwarzen. So auch hier: Ein stockfinsterer, vor Trostlosigkeit tropfender Schleier legt sich auf den gegenwärtigen Moment, der dadurch vollkommen aussichtslos wirkt.

Natürlich geben wir nicht auf und versuchen alles, damit Signorino sich wieder beruhigt. Der Römer verliert seinen kühlen Kopf und redet von der Einweisung in die Psychiatrie. Ob er damit uns oder aber das Kind meint, weiß ich nicht. Wir sind wieder drauf und dran uns anzuziehen, loszufahren und ins Krankenhaus zu eilen. Seltsamerweise kommt mir in den Sinn, dass wir erst eine Suchmaschine befragen sollten, was das sein könnte. Google* ist sich sicher: Ein Nachtschreck. Würde Google sprechen können, wäre es eine dieser Übermütter, die abwechselnd sanft und flötend säuseln. “Streicheln Sie Ihr Kind nicht! Fassen Sie es nicht an, auch wenn es schwer fällt. Reden Sie stattdessen sanft und leise auf ihr Kind ein. Nach 10 bis 15 Minuten ist der Schreck vorbei und ihr Kind schläft wieder ein. In Ausnahmefällen kann es auch 45 Minuten dauern.

Oder in unserem Fall eineinhalb Stunden. Das ist zwei Mal der Ausnahmefall. Aneinandergereiht.

Um 06:15 Uhr schläft Signorino endlich ein. Man soll laut Google* bloß keine Lieder abspielen, Licht anmachen, das Kind wecken (haha – als ob das möglich wäre). Letztendlich habe ich mich der Suchmaschine widersetzt und ein Lied von Ultimo, einem italienischen Sänger, abgespielt. Am Anfang dieses Liedes zählt der Sänger leise und melodisch: “Uno, due, tre. Uno, due, cento. [Eins, zwei, drei. Eins, zwei, hundert.]” Ja, genau so fühlt sich diese Nacht an. Irgendwie verrückt, unlogisch, unerklärbar. Als würde man bis 100 zählen, aber die Ziffern 3 bis 99 dabei weglassen. Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Am nächsten Tag schäme ich mich durch unseren Hausflur zu gehen. Penibelst achte ich darauf, niemanden zu begegnen. Unsere Nachbarn müssen denke, wir misshandeln das Kind oder sind Eltern, die ihr Kind stundenlang schreien lassen.

Wissen Sie, ich würde uns generell als fürsorgliche, manchmal zu lasche, ab und an strenge und in meinem Fall vorsichtige Eltern bezeichnen. Aber auf so ein Verhalten waren wir nicht vorbereitet. Wir stellen in diesen Momenten alles in Frage. Aber besonders fragen wir uns: Was zum Teufel machen wir falsch? Die anderen Eltern kriegen es doch auch hin.

Ich denke, der Römer und ich hätten prinzipiell sehr gerne mehr als ein Kind gehabt. Aber noch eines, das sich als Schreikind entpuppt, hält unsere Ehe nicht aus. Unter anderem deswegen versetzt mir die Frage nach einem zweiten Kind jedes Mal einen Stich: Wir würden gerne. Wir können aber nicht, weil wir es nicht schaffen.

Wann immer wir eine dieser Nächte durchlebt haben, sagen wir uns: “Noch so eine Nacht halte ich nicht aus. Das schaffe ich nicht.” Aber ich verrate Ihnen etwas: Das Schicksal lässt einem keine Wahl. Es fragt nicht, was Sie aushalten können oder wollen. Irgendwie geht es immer. Es muss einfach. Notfalls mit einem italienischen Lied: Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.**

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.

**Das Lied von Ultimo heißt übrigens “Il bambino che contava le stelle.” Das Kind, das die Sterne zählte. Irgendwie passt das.