Spieglein, Spieglein an der Wand!

Es ist eine der vielen Geschichten, die hinter einer Kleinanzeige stecken können. Aber diese ist mir (bis jetzt) die liebste.

Vor einigen Tagen sah ich einen Spiegel. Oval. Qualitativ hochwertig. Preis: Zu verschenken. Mittlerweile möchte ich mich, ohne mich selbst loben zu wollen, in den Stand des Experten der Kleinanzeigen erheben. Um die Qualität des Spiegels zu bestimmen reicht es nicht alleine, den Vordergrund, also das Objekt per se, zu begutachten. Nein, auch der Hintergrund ist wichtig. Man erkannte schwere, rote Perserteppiche. Der Spiegel war an ein nussbaumfarbenes Klavier mit goldenen Pedalen gelehnt. Ja, hier schlage ich zu, dachte ich mir und schrieb Frau Melchior an. Sehr höflich antwortete sie, dass sich der Spiegel im Besitz ihres Vaters befinde und dort gerne abgeholt werden könne. Ich müsse aber bitte pünktlich sein, weil ihr Vater eine halbe Stunde später abgeholt werden würde. Selbstverständlich bin ich pünktlich, finde ich doch nichts schlimmer, als unpünktliche Abholer/Käufer bei Kleinanzeigen.

[Zeitsprung – zwei Tage nach vorne]

Ich befinde mich irgendwo in einem betuchten Stadtteil Hanaus. Viele Villen, maximal zwei Stockwerke hoch. Ein Stadtteil, in dem es gemächlich zu geht. So gemächlich, dass ein Schwätzchen zwischen zufällig getroffenen Bekannten am Autofenster keine Seltenheit ist. Unbeirrt setzt man das Gespräch fort, auch wenn ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen gerne vorbei möchte. Drei Minuten später scheint zwischen den Plaudernden alles geklärt. Man beauftragt seinen Gesprächspartner noch rasch, der Gattin die besten Wünsche zu überbringen und die Szenerie löst sich auf. Höflich wird sich bei dem Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen per Handgruß bedankt und man huscht rasch weiter in einen der großen Gewerberparks. Es ist schließlich Samstag, was bedeutet, dass die oberste Bürgerpflicht der Einkauf bei Drogerie- und Supermarkt ist.

Ja, hier ist die Luft eine andere und das merke ich auch trotz laufender Klimaanlage und geschlossenen Fenstern. Nicht nur die Luft ist anders, auch die Parkplatzsuche, was daran liegen mag, dass man hier keine Parkplätze sucht, sondern nur findet. Ein Königreich für einen Autofahrer! Das überfordert mich als Frankfurterin dermaßen, dass ich gar nicht weiß, ob ich am Trottoir oder doch in der Einzelgarageneinfahrt parken soll? Ich entscheide mich für die Straßenvariante, denn das Parken in der Garageneinfahrt empfinde ich als etwas übergriffig. Mühsam schäle ich mich aus dem Auto. Hier ist es so ruhig und gemächlich, dass mir jetzt erst auffällt, mit welcher Wucht ich scheinbar immer die Autotür ins Schloss schlage. Beschämt drehe ich mich um. Doch hier ist niemand. Nur große Häuser starren mit leerem Blick auf die Straße. Ich gehe zum dunklen, schweren Gartentor, das hauptsächlich aus unzähligen Metallschnörkeln besteht. „Prof. Dr. Scherer“ steht an der Klingel und ich drücke darauf. Heraus kommt nicht der Professor, sondern der Rauhaardackel Wilma. Ich öffne die Gartentüre vorsichtig und Wilma springt an mir hoch. Ich halte ihr meine Hand hin, sie schnuppert angeregt und ich tätschle sie etwas am Bauch. Das scheint Wilma zu gefallen. Aber der Moment wird von den „Wilma-Rufen“ des Professors unterbrochen. Doch Wilma scheint es recht egal zu sein, was ihr Herrchen von ihr will oder nicht will. Hier ist eine neue Besucherin und diese könnte gleichzeitig eine neue Spielkameradin sein. Tollend gehen Wilma und ich zur Haustüre. Artig bleibe ich vor den gefliesten Treppen stehen. Wilma nicht. Sie hüpft zu dem älteren Mann, Mitte-Ende 80, hoch. „Wilma, jetzt ist aber gut! Haben Sie keine Angst. Wilma will nur spielen.“, begrüßt mich der Professor. Hätten wir nicht selbst einen Hund gehabt, hätte ich vermutlich Angst oder zumindest gehörigen Respekt vor Wilma gehabt, denn kleine Hunde zwicken ganz gemein in die Wade. Aber als erfahrene Hundetante, die ich in meiner Kindheit war, weiß ich, dass Wilma nur spielen, und nicht zwicken, will. Ich lächle und warte, dass der Professor den Spiegel herausreicht.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“, fordert mich stattdessen der Professor in seinem hellblauen Pullunder, unter dem er ein korrekt gebügeltes Hemd trägt, auf. Das Hemd ist blütenweiß – wie seine ordentlich gekämmten Haare. Ich nicke. „Ich ziehe nur eben die Schuhe aus.“, erwidere ich hastig und etwas beschämt, denn schließlich trete ich in ein Haus eines mir unbekannten Menschen ein. Er winkt ab, in etwa so als würde ein müder Löwe seine Tatze nach unten wischen. „Aber, Madame! Bitte, nein. Lassen Sie die Schuhe an und folgen Sie mir. Hier entlang!“, gebietet er mir und schleicht gemächlich voran. Ich folge ihm. Wilma läuft Schwanz wedelnd voraus. Ich habe den Eindruck, dass sie mittlerweile die einzige Dame des Hauses ist. Wir schreiten erst durch das Entrée, weiter durch einen Zwischenraum, in dem man vermutlich den Aperitif eingenommen hat, in den enorm großen, lichtdurchfluteten Salon. „Hier leben sie also, die 70er Jahre.“, denke ich beim Anblick des Interiors. Geschmackvoll, gepflegt und doch so, als wäre die Zeit seit 50 Jahren einfach stehen geblieben. Was müssen hier für rauschende Feste, Diskussionsrunden und Diners stattgefunden haben? Es sieht ein bisschen aus wie in dem alten Koch- und Backbuch, das mein Großvater mir nach der Jahrtausendwende vererbt hatte. Würden gleich Käseigel und Toast Hawaii serviert werden, es würde mich nicht wundern. Doch ein Detail lässt die Szenerie in einem anderen Licht erscheinen. Verstreut stehen immer wieder halb gefüllte Umzugskartons. Der Professor zieht aus. Vermutlich altersbedingt. Das Besitztum eines ganzen Lebens – verschenkt, verstaut, verkauft.

Die Zimmerdecke ist sicher am höchsten Punkt vier Meter hoch, dabei ansteigend und architektonisch wie ein großes Beduinenzelt gestaltet. Sie wurde mit hellen Holzpanelen verkleidet. Tropfenförmige Lampen lassen sich in einer Ecke gebündelt nach unten hängen und schaffen es doch nicht, den schwarzen Couchtisch mit den cognacfarbenen Elementen zu berühren. Der Teppichboden erinnert mich an silbriges Olivenlaub. Dieser ist mit schweren, roten Perserteppichen versehen. Warum der Teppichboden mit weiteren Teppich belegt ist, erschließt sich mir zwar nicht, dennoch finde ich die Idee sehr spannend. Wir gehen zu einer der hinteren Ecken des weitläufigen Wohnzimmers. Dort steht das nussbaumfarbene Klavier, das ich bereits im Hintergrund des Bildes erkannte. Daran gelehnt: mein Objekt der Begierde – der ovale Spiegel. Geschmackvoll, edel, schlicht, aber überaus hochwertig. Ich starre den Spiegel fasziniert an. „Der Spiegel sieht sehr edel aus.“, bringe ich staunend hervor. „Das Edle findet man oft in seiner Schlichtheit.“, antwortet der Professor lächelnd. Wilma schnuffelt an meinen Beinen herum. „Sehr schön!“, sage ich und schäme mich einige Sekunden später für meinen lapidaren Satz. Generell bin ich so überwältigt von dieser Professoren-Villa und von den Eindrücken, dass ich nur sehr begrenzte Kapazitäten habe, mich vernünftig verbal zu äußern. „Passt der?“, fragt mich der Herr Professor, in etwa so als wäre er einer der alteingesessenen Verkäufer bei einem renommierten Traditionskaufhaus. Ein solcher weiß natürlich, bevor es der Kunde selbst weiß, dass dieses Stück perfekt zum Klienten passt. Er erkennt es an den Blicken, an der gesamten Körperhaltung des Kaufenden, an dem kleinen, feinen Lächeln und den glänzenden Augen. Die Frage dient allein dazu, einen angenehmen Abschluss in diesem Verkaufsgespräch zu finden. Wenn dieser Spiegel nicht passen würde, dann würde es vermutlich keiner. „Wollen Sie ihn wirklich verschenken?“, will ich verdattert von dem älteren Herrn wissen. „Aber ja! Nehmen Sie ihn mit. Schenken Sie ihm ein neues Zuhause.“, insistiert er. Ich nicke zustimmend. Seine Aussage bedarf keiner Worte meinerseits. Meine Gestik und die glänzenden Augen reichen vollkommen aus. Verzaubert nehme ich den Spiegel in die Hände. Er ist schwerer als gedacht. Daraufhin blicke ich den Professor fröhlich an. „Vielen Dank – von Herzen!“, gebe ich von mir. „Es ist mir eine Freude, junge Frau.“, gibt dieser zurück. „Wollen wir?“, fragt er nun höflich und zeigt mit einer offenen Geste Richtung Tür. Ich nicke wieder und stolpere ihm nach. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Cord-Hausschuhe die gleiche Farbe wie seine Cord-Hose haben. Geschmackvoll und schlicht, niemals aufdringlich. Wilma springt, wie eben, vor uns her Richtung Haustüre. Er öffnet mir diese und lässt mich hindurchtreten. „Junge Dame, es war mir ein Vergnügen. Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund. Machen Sie’s gut!“, gibt mir der Professor mit auf den Weg. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“, gebe ich zurück. „Und – danke nochmal für den Spiegel. Ich werde ihn in Ehren halten. Auf Wiederschauen!“ Der Professor lächelt und winkt. Wilma läuft mir hinterher bis zum Gartentürchen. „Tschüss, Wilma. Pass gut auf dein Herrchen auf.“, verabschiede ich mich von der Dackeldame. Zurück im Auto brauche ich eine Minute, um mich zu sammeln. Ein wenig fühle ich mich in diesem Moment wie ein Aasgeier, der die letzten Reste des Professorenlebens abwrackt und kostenlos mit nach Hause nimmt. Tief atme ich durch und fahre mit der wertvollen Fracht vorsichtig zu unserer neuen Wohnung. Ich werde bereits erwartet, lese ich auf meinem Handy.

In der Wohnung angekommen treffe ich den Römer und Signorino. Der Große schiebt den Kleinen mit dem Rutschauto durchs leere Wohnzimmer. „Und, Amore? Was hast du angeschleppt?“, grinst mich der Römer süffisant an. „Den Spiegel, von dem ich erzählte.“, antwortete ich und wusste doch, dass der Römer es für absolut überflüssig hielt, 25 Kilometer für einen Spiegel zu fahren. „Ooooh, che bello! [Ooooh, wie schön!] Wow! Was für eine Qualität.“, bemerkt dieser begeistert als er das edle Teil erblickte. „Der war anscheinend echt die Reise wert.“ Ich nicke: „Ja, das alles war die Reise wert.“

Spiegel in der Küche – ruhend.

Die perfekte Antwort auf die Frage nach einem zweiten Kind

Bei der Wohnungsübergabe ist mir ein Coup gelungen und das ganz ohne, dass ich diesen fokussiert hätte. Einer der mir bis dahin vollkommen unbekannten Anwesenden bemerkte, dass die neue Wohnung mit einem Kind perfekt sei, jedoch beim zweiten Kind recht eng werden würde. Dabei grinste er dämlich und zwinkerte den Römer an. Ich antwortete gelassen und ohne viel darüber nachzudenken: „Kein Sorge. Wir können keine Kinder mehr bekommen.“ Wobei dieser Satz keineswegs auf die biologischen Voraussetzungen abzielen sollte. Viel mehr verbarg sich hinter dem Satz unsere geistige Grundhaltung und unser erhöhter Bedarf an Freiheit.

Doch die Reaktion meines Gegenübers war bemerkenswert. Er wurde hochrot und fing an zu stammeln: „Oh. Entschuldigung. Die Aussage war auch irgendwie dumm. Verzeihung! Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht…“ Ich, mir der perfekten Antwort gar nicht bewusst, beschwichtigte: „Ach, das ist doch vollkommen okay. Aber ein zweites Kind wird es einfach nicht geben.“ Dabei lächelte ich aufmunternd. Unser Gegenüber verstummte komplett und starrte den hellen Laminatboden an. Solange, bis sich ein anderer Punkt in der Wohnungsübergabe anbahnte und er in dieser Sache aktiv werden musste.

Zurück im Auto ging mir das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Das lag unter anderem daran, dass ich es in seiner ganzen Dimension gar nicht verstanden hatte. Erst nach und nach dämmerte es mir, dass mein im Affekt ausgespuckter Satz die perfekte Lösung für die Anspielungen oder direkten Fragen nach weiterem Nachwuchs war.

Falls Sie sich an diesem Satz bedienen wollen: Bitte gerne! Ich habe es für Sie getestet und erhebe kein Urheberrecht auf diese Antwortvariante. 😉

Da war Signorino noch klein und der Römer noch jung. 😉

Der Freitagsrapport | KW30

Besonders gefreut

habe ich mich über den netten Nebeneffekt meines Aufrufes letzte Woche. Sehr viele, überaus nette Leser haben mir geschrieben wie denn das Passwort lauten würde. Es freut mich immer über die Maßen, Sie kennenzulernen und von Ihnen zu lesen, da Sie zwar mich kennen, aber ich Sie (ab und an) überhaupt nicht. Sollten Sie ein Anliegen, einen Wunsch oder gerne auch Kritik haben, zögern Sie nicht und schreiben Sie mir gerne. Ich versuche so schnell wie möglich und in ganzen Sätzen zu antworten. Sollte doch einmal ein krüppeliger Halbsatz dabei sein, sehen Sie es mir nach. Vermutlich brauchte Signorino meine Aufmerksamkeit und ich (oder er) drückte bereits auf Senden.

Tag-Wach-Rhythmus

Ja, Sie lesen richtig. Wir haben momentan keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, sondern einen erkältungsbedingten Tag-Wach-Rhythmus, was viele Vorteile hat. Beispielsweise können Sie uns mitten in der Nacht anrufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind wir gerade wieder zum x-ten Mal wach geworden, weil die kleine Schnupfennase brüllte, denn eben dieses Riechorgan macht ihm (und uns) die Nächte zur Hölle. Sollten Sie ernsthaft darüber nachdenken, uns nach 2 Uhr anzurufen, dann beachten Sie bitte, dass sich unsere Laune nicht gerade im witzig-spritzigen Bereich befindet. Aber erreichbar wären wir, ja.

Danke! Ihnen auch eine erholsame Zeit.

Am letzten Freitag holte ich Signorino von der Kita ab, bevor diese für zwei Wochen ihre Tore schloss. Sommerferien! Als wir uns verabschiedeten, wünschte ich den beiden Erzieherinnen eine erholsame Zeit. Die Antwort der beiden Damen darauf war: „Danke, Ihnen auch!“ So gerne ich mein Kind habe, aber erholsam ist es nicht, wenn er von früh bis spät daheim ist, ohne Spielkameraden. Meist steht er schon nach dem Aufstehen im Schlafsack an der Wohnungstür und will raus. Dann lässt er das Frühstück irgendwie über sich ergehen und steht dann im Body schon wieder vor der Wohnungstür. Da die Außentemperaturen zwar warm sind, aber nicht so warm, als dass der Südländer-Germanen-Mix einfach so aus der Türe marschieren könnte, lässt er sich unter lautem Zetern ein T-Shirt und eine Hose anziehen. Die Sandalen holt er dann schon selber, während ich hastig in einen Frühstückskeks beiße. Und wehe, Sie melden an, dass Sie noch ganz kurz auf Toilettchen möchten. Dann geht die Sirene erst richtig los. Nach zwei Stunden, in denen wir meist einkaufen und dann auf den Spielplatz gehen, kehren wir heim. Signorino steigt aus dem Buggy, nur um zwei Minuten später wieder im Buggy zu sitzen und damit zu zeigen, dass dieser Ausflug zwar nett war, aber noch lange nicht genug. Ich koche daraufhin etwas, dass er garantiert nicht mag, dies aber noch vor zwei Tagen begeistert verschlungen hat. Er zerlegt währenddessen das Wohnzimmer oder malt sich mit Wundschutz-Creme (die garantiert unerreichbar war, er sie aber doch irgendwie zu fassen bekam) das T-Shirt voll. Dann esse ich. Angewidert guckt er jeden Löffel an, den ich ihm anbiete. „Danke, aber nein, danke!“, scheint er zu denken. Stattdessen bleibt er lieber bei Wasser und Zwieback, denn das geht immer. Dann läuft er wieder zur Wohnungstür. Raus, raus, immer weiter! Stillstand ist Rückschritt, ist die Devise des jungen Herrn Farniente. Doch ich bestehe auf einen Mittagsschlaf. Nach 20 Minuten schläft er leise schnarchend, aufgrund des Schnupfens, ein und ich habe zwei Stunden, in denen ich einen gewagten Spagat zwischen administrativen Aufgaben, Studium und Blog hinlege, wobei der Blog und das Studium meist das Nachsehen haben. Nach seinem Mittagsschlaf steht Signorino auf und sein erstes Wort ist „Eis!“. Wichtig ist, dass der Buchstabe S immer gelispelt ist. Je nach Temperatur bekommt er tatsächlich ein Eis, aber meist reicht die Temperatur in unseren Breitengraden nicht aus, um daraus eine Regelmäßigkeit zu machen. Sehr zum Leidwesen Signorinos! Dann steht er, Sie ahnen es, schon wieder an der Tür. Ich ziehe ihm die Sandalen an und wir tigern los. Spielplatz – und meist noch ein anderes Ziel wie der Altkleidercontainer, wird angefahren. Nach 1,5 – 2 Stunden geht es wieder heim. 50 Meter vor unserer Wohnung fängt er bereits an, nölig zu werden und sich zu winden wie ein Fisch im Netz. Nein! Er möchte nicht heim. Wenn es nach Signorino gehen würde, würde es vollkommen reichen, die Wohnung stundenweise zu mieten und den Rest der Zeit draußen zu verbringen. Wirtschaftlich gesehen wäre der Vorschlag natürlich grandios.

Ich lasse ihn bereits im Innenhof frei und jage ihn durch selbigen. Er kichert und kriegt sich gar nicht mehr ein. Schließlich gehen wir ins Haus. Signorino brüllt. Ich versuche ruhig zu bleiben. Unter Protest ziehe ich ihm die Schuhe aus. Dann schlägt er vor, dass ein „Eis!“ vielleicht eine gute Idee wäre. „Du kannst ein Brot haben!“, antworte ich darauf, doch mein Vorschlag ist doof. Auch Banane, Joghurt und ein richtiges Abendessen findet er ebenso beleidigend für seine Gaumen. Wir warten beide sehnsüchtig darauf, dass Papa heimkommt. Erschwerend kommt hinzu, dass man in der Wohnung jedes Haustür-Öffnen hört und alle, in den Hausflur eintretenden Personen „Papa!!“ sein könnten. Leider sind sie es nicht. Stattdessen sind es gewöhnliche Nachbarn, die in den oberen Etagen wohnen und sich mühsam schnaufend die Treppe hochquälen. Sobald der Groschen fällt, dass es auch diesmal nicht Papa war, der ins Mehrfamilienhaus eintrat: Großes Gebrüll! Hämmern gegen die Haustüre. Alles blöd. Ich atme viel und lange aus. Wir gucken Bücher an. Über Seite drei kommen wir meist nicht hinaus, weil er dann schon wieder ein neues Buch bringt. Dann spielen wir mit Bausteinen, wobei meine Aufgabe ist, zu konstruieren und seine Aufgabe, alles kaputt zu machen. Immerhin macht er das mit großer Freude und lacht laut, besonders, wenn ich ein theatralisch dramatisches „OH NEIN!“ ausrufe. Irgendwann kommt Papa heim und ich denke an den Satz „Danke! Ihnen auch eine erholsame Zeit.“ der Erzieherin, die für mich eine wahre Heldin ist.

Diese Szene an der Playa Rincon würde ich als „Erholung“ bezeichnen. Aber die Meinungen gehen eben auseinander.

Es grassiert momentan in Frankfurt

…sagte die nette Apothekerin, die mich eingehend beraten hat, was Signorino an Erkältungsmittelchen nehmen sollte. Das etwas umgeht, also zusätzlich zum Dauerbrenner Corona, behauptete auch eine Freundin des Römers. In der Kita ihrer Tochter waren die meisten Kinder erkältet. Seit Mittwochnachmittag schlage ich mich mit Halsschmerzen herum, die ich mit meinen Hausmittel, Schmerzmittel und Samahan Tee in rauen Mengen, versuche einzudämmen. Am Freitag soll ich geimpft werden. Ob das was wird?

Eine schöne Szene ereignete sich außerdem in der Apotheke. Natürlich stand ich mit ausreichend Abstand zum Nebenmann. Doch ohne meine Ohren spitzen zu müssen, hatte ich das Glück an diesem Gespräch teilhaben zu dürfen.

Ein Mann, Mitte 30, betritt die Kasse neben mir. Müsste ich ihn genauer beschreiben, würde ich ihm den Titel „der ewige Student“ geben. Er trägt sein Anliegen der gut geföhnten Apothekerin, um die 50, mit katzenaugenförmiger Brille vor:

Mann [etwas stammelnd]: Guten Tag, ich brauche bitte eine Salbe. Irgendetwas gegen juckenden Hautausschlag. [kurze Pause, kratzt sich am Kopf] Für meine Freundin.

Apothekerin [nachdenklich murmelnd und dabei bereits im PC klickend]: Okay….für eine Erwachsene also…

Mann [insistiert]: Nein, nein, für meine Freundin.

Apothekerin [blickt streng über den Rand ihrer extravaganten Brille auf, mustert den Mann von oben bis unten]: Ihre Freundin wird doch schon erwachsen sein, oder?

Mann [wird knallrot]: Öhm ja.

In diesem Sinne, starten Sie gut ins Wochenende – und das hoffentlich ohne Erkältung, Hautausschlag und anderweitigen gesundheitlichen Einschränkungen.

Der Freitagsrapport | KW 29

Nie darf ich was mit Freunden machen!

Nein, er dürfe abends nie ausgehen und generell, nie würde er seine eh schon wenigen Freunde zu sehen bekommen. Was sich anhört wie ein nöliger Teenager, war in Wirklichkeit der offensichtlich benachteiligte Römer. Dann sprach er sein Hauptargument aus: „Und überhaupt, das letzte Mal war ich im Oktober 2020 beim Essen mit Freunden.“ Ich kannte die Corona-Amnesie bereits von anderen Personengruppen in meinem Umfeld und erinnerte den Gatten höflich daran, dass das kein Wunder sei, schließlich war jegliche Art der Gastronomie in den Wintermonaten bis zum Sommer geschlossen. Er war derjenige, der im März fröstelnd herausposaunte, dass er sich mit niemanden mehr außerhalb der warmen Wohnung treffen wollen würde, denn es wäre alles nur zum Mitnehmen und diese Art des Treffens würde nun mal gegen seine südländische Natur gehen. Doch ein Happy End fand sich noch für den armen Römer: Er nutzte die Innengastronomie und traf sich mit zwei Freunden, während ich das Kind eine halbe Stunde eher ins Bett schickte und mich entspannte. Win win auf allen Seiten.

Mezze gab es beim Römer zwar nicht, sondern er war in einer französischen Käse-Bar (was es nicht alles gibt!?). Immerhin hat er seine Freunde gesehen.

Dieser Weg wird kein leichter sein…

dachte ich mir diese Woche, als ich den Römer dazu nötigte mit mir die beiden Bücherschränke im Wohnzimmer auszusortieren. Relativ einfach konnte ich mich von etlichen Büchern trennen. Das lag unter anderem daran, dass ich dazu überging, mir den Namen und eine Kurzzusammenfassung des Inhalts der Bücher zu notieren und auf einer Liste abzuspeichern. Natürlich durfte der Großteil der Bücher bleiben, aber ein Drittel habe ich stolz (und etwas wehmütig) aussortiert und verkauft. Der Römer hatte den gleichen Auftrag. Der Verkauf von italienischen Büchern stellt sich zwar generell als schwierig heraus, doch bis zum Verkauf kam er gar nicht. Jegliche Bücher waren ihm von Nutzen. Meist fingen seine Sätze mit „Aber wenn ich dann mein Doktorat mache, dann werde ich das sicher brauchen, weil…“ an. Dieses Doktorat, das er gerne machen würde, scheint mir bei der Anzahl der dafür benötigten Bücher dermaßen komplex und interdisziplinär zu sein, dass es vermutlich einige Jahrzehnte benötigt, um erfolgreich umgesetzt zu werden. Das Ende vom Lied war, dass der Römer schnell bei der Hand war, MEINE Bücher auszusortieren, solange seine davon unberührt blieben. Somit ist der vorläufige Verkaufsstand des Bücherregals: 30% meiner Bücher und etwa 1% der Bücher des Römers, wobei das eine Prozent aus vier Deutschgrammatik Büchern, Stufe B2 – C1, besteht. Wenn wir so weitermachen, passt mein Hab und Gut in zwei Umzugskartons. Die Umzugskisten des Römers werden jedoch das gesamte Wohnzimmer ausfüllen. Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass jeder seine eigenen Kisten transportieren muss?

Wie sich mein Leben momentan anfühlt

Umzug, neuer Job, Studium und natürlich Kind und Mann. Alle zerren an einem wie diese Hunde an ihrem Herrchen. Doch beschweren möchte ich mich absolut nicht. So viel wie in diesem Jahr schaffte ich in den letzten fünf Jahren nicht.

Die Empfehlung der Woche

Ich hörte gestern einen Podcast der Zeit-Serie „Verbrechen“. Dort stellen Sabine Rückert und Andreas Sentker jede Woche einen anderen Kriminalfall vor und beleuchten ihn von allen Seiten. Gestern stolperte ich über die Folge „Der Fluch des letzten Willens“. Es geht um eine ältere Dame, deren Mutter vor Jahrzehnten an Demenz erkrankte. Sie fand diesen Zustand der Mutter und die „Aufbewahrung“ im Heim (wir stellen uns ein Pflegeheim in den 80er Jahren vor) so bedrückend und niederschmetternd, dass sie verfügte, sollte sie jemals an Demenz erkranken, man möge ihr bitte Sterbehilfe leisten. Dann erkrankte sie tatsächlich. Und sie wurde getötet – obwohl sie ihre Meinung inzwischen geändert hatte.

Was mich an dieser Podcast Folge so nachdenklich stimmte, ist, dass wir Menschen unser Sein über unseren Intellekt definieren. Die Dame verfügte, dass sie im dementen Zustand nicht mehr leben wolle, da dieser Zustand ihr nicht mehr lebenswert erschien. Gleichwohl war sie aber im stark dementen Zustand nicht unzufrieden mit ihrem Status. Und sie war immer noch ein Mensch mit Gefühlen. Obgleich sie vermutlich nichts mehr mit einer Tageszeitung anfangen konnte, so empfand sie dennoch Freude an einer warme Tasse Kakao. Allein der Anspruch verschob sich. Man muss allerdings dazu sagen, dass sie den Zeitpunkt überschritten hatte, in dem sie sich bewusst war, in welchem Zustand sie sich befand.

Diese Folge sei all jenen empfohlen, die sich aus dem Schwarz-Weiß-Denken der Demenz lösen möchten und bereit sind, sich auf einen anderen Blickwinkel einzulassen. [Hier geht’s zum Podcast]

In eigener Sache

Diese Woche veröffentlichte ich einen passwortgeschützten Artikel. „Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?“, schrieb mir Lore einmal dazu. Recht hat sie natürlich! Liebe Leser, haben Sie keine Scheu nach dem Passwort zu fragen. Manche Themen veröffentliche ich lieber unter einem Passwort, da man nie weiß, wer über den eigenen Blog stolpert und ich ungern durch mein heiß geliebtes Hobby einschneidende Nachteile davon tragen möchte. Eine Email an info@zwischentiberundtaunus.com reicht vollkommen aus.

Ein passwortgeschützter Artikel – bildlich dargestellt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende, starten Sie gut in diese letzte Juli-Woche 2021 und bleiben Sie gesund und munter.

Soziale Medien anstatt sozialer Werte

Ellen steht hinter mir an der Supermarktkasse. Neben ihr steht ihre namenlose Freundin. Woher ich weiß, dass Ellen so heißt, wie sie eben heißt, liegt daran, dass die Namenlose den Vornamen ihrer Freundin bei jedem erneuten Gesprächseinfall fast herauskreischt. Derer gibt es viele, meist aber relativ seichte, wie mir scheint. Vielleicht liegt mein vernichtendes Urteil des Gesprächsniveaus der beiden, jungen Frauen auch daran, dass ich zu einer Zeit aufgewachsen bin, in der man noch ein Festnetz Telefon mit Wählscheibe hatte. Erst 1996 hatte mein Vater ein oberschenkelknochengroßes Mobiltelefon mit einer ellenlangen Antenne. Aber ich schweife ab….Zurück zu Ellen und der Namenlosen. Letztere stellt meist ein „Boa“ vor den Vornamen Ellen, bevor sie ihrer Freundin wieder einen weiteren, wenig geistreichen Einfall mitteilen muss. Derweil schlängelt sich eine recht lange Kundenschlange vor Kasse 1 bis zu den Tiefkühltruhen, in denen der Blattspinat cool vor sich hin meditiert. Kasse 2 ist auch auf, aber auch dort akkumuliert sich eine Menschentraube samstagnachmittäglichen Ausmaßes. Mehr Besetzung des Kassenpersonals wurde für diesen Tag um 16:06 Uhr anscheinend nicht eingeplant. Wobei ich nicht unerwähnt lassen will, dass Kasse 3 bei unserem Betreten des Supermarktes hastig schließen musste. Ein probiotischer Anschlag hatte sich anscheinend vor dem Joghurtregal ereignet, weswegen der rothaarige Auszubildende, der sich bis dahin als flotter und höflicher Akteur an Kasse 3 bewiesen hatte, zum Tatortreinigen verdonnert wurde. Solche Notfälle sind in Dienstplänen vermutlich nur schwerlich einzuplanen und deswegen stehen wir hier vor der Supermarktkasse, als würden wir auf den einfahrenden Regionalzug nach Niederwalluf warten.

Mein römischer Gatte befindet sich derweil noch in der Tiefkühlabteilung, um zu verifizieren, ob unser Lieblingseis immer noch ausverkauft ist oder ob bereits ein „Restock“, wie man so schön auf frankfurterisch englisch sagt, stattgefunden hat.

Boa, Ellen!”, quietscht die Namenlose schon wieder, “Weißt du noch wie wir mal bei Insta* Werbung für dieses mega ätzende Getränk gemacht haben? Irgendwas mit Vitamin C? Boa, voll die Verarsche für die Follower, die das gekauft haben.” Die Namenlose kichert unangenehm schrill und wirft ihr langes, blondes Haar nach hinten. Ellen prustet ebenso los und klopft anerkennend auf die Schulter der Namenlosen. Ich drehe mich kurz um, um die Instagram Schönheiten zu begutachten. Hübsche Mädchen in Sport-BHs und engen Leggings mit Camouflage-Aufdruck. Ich muss zugeben, dass der Tarn-Aufdruck in der Großstadt auch absolut Sinn macht. Besonders, wenn sie so einen Quatsch bewerben und dafür Geld kassieren. Vermutlich müssen sich die beiden Schönheiten öfter vor ihren Frankfurter Followern in die Büsche flüchten, um von ihnen nicht gelyncht zu werden.

Ich rücke in der Schlangenchoreographie einen Schritt nach vorne und lege meine Ware auf das Kassenband. Signorino versucht währenddessen im Kinderwagen alle Papiertüten unter der Kasse hervorzuziehen. Er scheint ziemlich beschäftigt, als ich den Kinderwagen hektisch in die Gegenrichtung lenke und gleichzeitig mit der rechten Hand den Basilikum und drei glitschige Tüten Mozzarella aufs Band werfe. Mein Manöver gelingt. Die Papiertüten bleiben heil und an ihrem angestammten Platz unter dem Kassenband. Nur Signorino scheint mit der Situation unzufrieden zu sein und protestiert laut. Unbeirrt lade ich weitere Artikel aufs Band und beruhige Signorino.

Hinter mir rollt eine ältere Frau mit Rollator an. Sie will zwischen Ellen, der Namenlosen und mir einscheren. Der Korb des Rollators ist knallvoll. Schlaffes Möhrengrün hängt heraus. Ellen dreht ihr Sportwässerchen in der schmalen Hand und zupft sich einen Fussel von den olivgrün gemusterten Sport Leggings. “Boa, ne! Ich will nicht, dass die Alte sich hier vordrängelt. Haaaallo?! Die soll sich hinten anstellen, so wie wir!“, regt sich Ellen auf. Die Namenlose nickt eifrig. Ihre großen, goldenen Kreolen klimpern zustimmend. Dann steigt sie in das nölige Gezeter mit ein. Die beiden Instagram-Schönheiten drängen sich dicht hinter mir, damit die ältere Dame keine Chance hat, einzuscheren.

Ich stolziere zum Anfang meiner Einkäufe auf dem Band und schiebe sie mit dem Warentrenner auf einen Rutsch nach hinten, so dass nun eine große Lücke zwischen den Einkäufen des Vordermanns und meinen Einkäufen entstanden ist.

“Entschuldigung, die Dame?! Kommen Sie bitte vor mich. Ich habe Ihnen etwas Platz auf dem Kassenband gemacht.”, spreche ich in Richtung der älteren Dame. Dann schere ich mit dem Kinderwagen nach hinten aus und flöte ein “Sorry, ich muss mal eben die Dame vor mich lassen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was es heutzutage für seltsame Leute gibt, die gar keine Rücksicht mehr auf die ältere Generation nimmt!” Ich lächle zuckersüß unter meiner Maske und streichle Signorino über den blonden Kopf. “Was hat die gerade gesagt? Boa, Ellen?! Echt jetzt?!”, zischt die Namenlose.

Der Römer kommt angetrabt – vollbeladen mit Eis. Gefühlt verdoppelt sich unsere Einkaufsmenge gerade. “Permesso! [Entschuldigung!]”, tönt er und drängt sich an der Schlange vorbei. Dann klatscht er seine Eisladung auf das Kassenband. “Amore, das war alles im Angebot. Deswegen habe ich jetzt ein bisschen mehr genommen. Wer weiß, wann hier wieder aufgefüllt wird.“ , erklärt er mir.

Vielleicht ein guter Ratschlag für Ellen?

Ellen und die Namenlose bekommen tennisballgroße, vor Unverständnis schäumende Augen. Gleichzeitig fällt den beiden jegliche Mimik aus dem gebräunten Gesicht. Dabei wollten sie doch nur ihr Sportwässerchen bezahlen.

Hätten die beiden mal lieber auf soziale Werte als auf social media gesetzt, dann hätte ich sie selbstredend vorgelassen. 😉

*Instagram (absolut keine Werbung für diesen Verein)

Der Freitagsrapport | KW 27 + 28

Alles auf „hold“

Heute ist der erste „freie“ Tag seit zwei Wochen. Wobei frei bedeutet, dass der Tag frei von Vormittags-Terminen ist. Zwei Jahre passiert nichts und dann passiert alles in einem Monat. Und wie das dann oft so ist: Rumort es im Hier und Jetzt, ebbt der virtuelle Austausch ab. Das wiederum finde ich überaus schade, las und lese ich doch Ihre Blogs unglaublich gerne. Aber irgendwann wird hier wieder mehr Ruhe einkehren und ich kann mich meinem liebsten Hobby widmen: dem Bloggen!

Eine Reise, die ist lustig. Eine Reise, die ist schön.

Der Aufenthalt im Münchner Umland (per se) war das auch. Die Autofahrt war hingegen eine vollkommene Katastrophe. Völlig übermüdet sind wir um 17:30 Uhr in Frankfurt losgefahren. Ich wollte die Reise deutlich früher antreten, aber der Römer, der um 16 Uhr von der Arbeit heimkehrte, fand meinen Vorschlag, ihm unterwegs etwas zu essen zu kaufen, skandalös. Nein, so könne er niemals in Ruhe essen als Beifahrer. Ich verdrehte die Augen und beschloss, nichts dazu zu sagen, auch wenn ich ihm am liebsten seinen spuntino [Imbiss] um die Ohren gehauen hätte. Prompt standen wir dann natürlich bis hinter Aschaffenburg im Stau. Der Gatte bestand darauf, dass er vorne mitfahren wolle und vorerst nicht bei Signorino sitzen würde. Sie ahnen es: ein 1,5jähriger fand diesen Vorschlag zum Brüllen. Wortwörtlich.

Kilometer um Kilometer quälten wir uns voran. Hinter Würzburg war meine Blase bis auf den letzten Millimeter gefüllt und ich fuhr raus. Das Kind schlief (endlich) seit fünf Minuten und wachte dann auf, als ich den Motor abstellte. Schnell huschte ich zum Rasthof und durfte feststellen, dass in Bayern FFP2 Maskenpflicht herrscht. Ich tippelte also wieder zurück, nahm mit verkniffenen Blick die gewünschte Maske in Empfang und schwebte vorsichtig wieder zu den Sanitäranlagen in der Raststätte – mit FFP2 Maske. Deutlich erleichtert fuhren wir weiter.

Gegen 23 Uhr waren wir im Münchner Osten und hatten Hunger. Der Römer, der weder fahren darf, noch kann, ist zudem auch noch ein miserabler Landkarten-App-Deuter. Er leitete mich zur Münchner Messe, anstatt mir zu beschreiben, wo der Kirchheimer Fastfood Riese war. Hungrig, müde und gereizt von der Fahrt, wurde ich sehr ausfallend, als ich mir nach drei Hinweisen meinerseits, dass mir dieser Streckenabschnitt seltsam vorkommt, schlussendlich sicher war, dass das nicht Kirchheim, sondern das weitläufige Messegelände München Riem war. Das italienische Navi sprach währenddessen ständig von einer rotonda, einem Kreisverkehr, den es dort vermutlich gab, als dieser Stadtteil noch einen Flughafen sein Eigen nannte. Ich war so sauer, dass ich dem Römer sagte, ich wisse schon selber, wie ich nach Kirchheim kommen würde. Das wusste ich dann auch und parkte vor dem goldenen M. Ich sprang rein, bestellte uns etwas zu essen und huschte vollbepackt wieder raus.

Um 23:30 Uhr waren wir schlussendlich mit einem völlig übermüdeten und schreienden Kleinkind am Zielort. Nie wieder!

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die Rückfahrt sollte sich nicht nur weitaus länger ziehen (sieben Stunden von München nach Frankfurt), sondern auch noch um einiges anstrengender werden. Anscheinend hatte ich auch nichts aus der Hinfahrt gelernt, denn der Römer war wieder der Navigator und führte uns nach Stuttgart. Bei Pforzheim hatte sich das bis dahin sehr brave Kind eingebrüllt. Der Römer wurde hektisch, wie er es immer wird, wenn das Kind brüllt und ich schrie nach hinten, dass er bitte irgendetwas machen solle, damit Signorino sich beruhigen würde. „Du fahr einfach!“, war seine trotzige Antwort darauf. Ich sah rot und fuhr an der nächsten Raststätte raus. Dort stellte ich das Auto ab und motzte ein „Fahr doch du, wenn es so einfach ist.“ in die hintere Fahrgastzelle. Signorino hatte mittlerweile aufgehört zu schreien. Ich schnappte mir meinen Geldbeutel und stiefelte in die Raststätte. Dort gönnte ich mir alleine einen Kaffee und 15 Minuten Ruhe auf der Außenterrasse. Als ich zurück zum Auto ging, war es leer. Der Gatte war mit Signorino auf dem angrenzenden Spielplatz. „Tutto bene?“ [Alles gut?], fragte der römische Gatte mitfühlend. Ich nickte knapp. Dann hielt er mir ein gepflücktes Gänseblümchen unter die Nase. „Für dich!“, grinste er. „Das ist ja wohl das Mindeste!“, näselte ich. Nach weiteren 20 Minuten auf dem Spielplatz gaben wir Signorino zu verstehen, dass es Zeit wäre für ein Mittagessen. Dreißig Minuten später saßen wir wieder im Auto (respektive Stau). Nur noch einmal brüllte das Kind und das war kurz vor Frankfurt. Man konnte bereits den Messeturm sehen, doch das wusste das Kind nicht. Wir fuhren raus, ich trug das Kind zwanzig Minuten lang über den Rastplatz, es beruhigte sich, wollte nicht mehr in den Kindersitz, schimpfte sehr, ließ es sich dann aber doch gefallen und die beiden Herren im Fond bespaßten sich gegenseitig.

Daheim schrieb ich nach München: „Wir kommen gerne wieder. Aber nicht mehr mit dem Auto!“

Gewitter?

Oh ja. Die ersten Tage im Süden Deutschlands waren geprägt von Regen und Gewittern. Hier ein paar Impressionen.

Im botanischen Garten – München Ost

Die Münchner und München-Kenner werden die Stirn runzeln bei dieser Überschrift. Aber es gibt doch überhaupt keinen botanischen Garten im Münchner Osten? Da haben Sie absolut recht.

Jedoch kann man den Garten meiner Eltern durchaus als botanischen Garten bezeichnen, so viel gibt es zu entdecken. Ein Glück bin ich nur Besucher und nicht der Gärtner, aber auch das soll, laut meiner Mutter, sehr bereichernd sein. Übrigens: Der Eintritt war kostenlos. 😉

Ein weiterer Pluspunkt war, dass Signorino mit Gießkannen, Eimern und Wäschekörben voller Wasser nach Herzenslust planschen konnte, was vermutlich in nur wenigen botanischen Garten weltweit erlaubt wäre.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen ein staufreies und angenehmes Wochenende!

Alle Wege führen nach Rom

Es war ein Monat voller Auf und Abs, voller italienischer Flüche und Beschimpfungen (seitens des Römers) und dämlichen Kommentaren (meinerseits). Doch am letzten Sonntag gab es ein Happy End, das mehr als nötig und – zugegeben – das Mindeste nach diesen entbehrungsreichen und emotionsgeladenen Wochen war.

So cool wie dieses Kissen in Saudi Arabien war der Römer nicht immer während der EM.

Alles begann am 11.06.. Gli Azzuri (ital. Nationalmannschaft) eröffneten die Fußball-Europameisterschaft im Spiel gegen die Türkei. Das geschah in keiner geringeren Stadt als Rom. Natürlich musste der Römer diesem Event, wenn schon nicht live vor Ort, dann immerhin vor dem Frankfurter Fernseher, beiwohnen. Andrea Bocelli schmetterte ein beeindruckendes „Nessun dorma“ [Niemand schläft] und Signorino, der vermutlich sein größter Fan ist, nahm diese Anweisung sehr ernst. An schlafen war nicht zu denken. Nach dem Anstoß feuerte der Römer mit all seinem Herzblut die italienische Nationalmannschaft an als ginge es um sein Leben. Doch das Verhältnis zwischen den azzuri und dem Römer war von Anfang an sehr ambivalent. In einem Moment schaute er ihnen verzückt zu. Ähnlich einer Mutter, die ihr Kleinkind bei den ersten Gehversuchen anhimmelte. Doch schon im nächsten Moment fluchte und beschimpfte er den Spieler Insigne als „Coglione„. Immobile wurde kurz darauf mit den Worten „Muoviti!!!“ [Beweg dich!] angeschrien. Ich, absolut uninteressiert an sämtlichen Fußballspielen, egal ob EM oder WM, konnte mir den nüchternen Witz „Ich glaube, das wird nichts. Schließlich heißt er Immobile (unbeweglich).“ nicht verkneifen. Für diesen Kommentar erntete ich einen bitterbösen Blick. Am Ende wurde aus Immobile doch noch Mobile [beweglich] und er schoss ein Tor. Als ich in die Küche ging und in die weite Leere des Kühlschranks starrte, dachte ich so bei mir: „Noch vier Wochen halte ich das nicht aus! Hoffentlich erledigt sich das schnell mit Italien, Deutschland und ja, auch mit Nordmazedonien.“

„Nordmazedonien?“, werden Sie sich fragen und die Frage ist durchaus berechtigt, denn auch ich war etwas verwundert. Ja, Nordmazedonien wurde kurzerhand vom Römer als dritte, präferierte Mannschaft adoptiert, da dort einige, albanischstämmige Spieler verkehrten. Familie verpflichtet eben.

Am 13.06. beschimpfte der österreichische Nationalspieler Arnautovic den albanischstämmigen Spieler Ezgjan Alioski. Wobei beschimpfen ein zu hoch gegriffenes Wort wäre. Er verkündete viel mehr die albanische Mutter des jungen Herrn Alioski physisch beim Beischlaf begleiten zu wollen. Ganz unschuldig war Alioski dabei nicht, provozierte er doch gerne und oft. Man möchte dazu verleitet sein, zu behaupten, dass Provozieren eine durchaus albanische Eigenschaft sei, aber das empfände ich als unangebrachtes Klischee. Vielmehr wird es ein reiner Zufall sein, dass auch mein römischer Gatte albanischer Abstammung gerne und oft provoziert und dies eine Familientradition zwischen den mannigfachen Brüdern zu sein scheint.

Übrigens: Ob die Mutter des jungen Herrn Alioski das Angebot des Herrn Arnautovic angenommen hat, darüber ist bis heute nichts bekannt. Einzig die Tatsache, dass Nordmazedonien in diesem Spiel gegen Österreich verlor, wurde recht schnell publik.

Am 15.06. spielte Deutschland gegen Frankreich. Ich feierte überschwänglich, dass Deutschland nach nur zwanzig Minuten ein Tor schoss und das auch noch von Mats Hummels, einem der wenigen Spieler, die ich noch kannte. Vorab las ich in der Boulevardpresse, dass sich seine Gattin ein Tor zum Hochzeitstag von ihrem Mats gewünscht hatte. Was waren wir in diesem Moment glücklich, die Hummel’sche Gattin und ich. Leider klärte der Römer mich mit düsterer Miene auf, dass Herr Hummels ein Eigentor erzielte. Was das über die Ehe der Hummels aussagte, darüber lässt sich wohl nur mutmaßen.

Unsere Ehe blieb von diesem Eigentor unberührt. Jedoch war die Hummel’sche Aktion eine einzige Katastrophe für den Römer, war er doch gerade erst dieses Jahr zum Deutschland-Fan mutiert. Und das gezwungenermaßen, da er einen deutschen Sohn hat. Dessen alleinige Existenz verlangte vom Römer, dass er die tedeschi [Deutschen] anfeuern musste. Familie verpflichtet eben. Auch wenn die Landsmänner der Familie miserabel spielten und das einzige Tor ein Eigentor bleiben sollte.

Am 16.06. gewann Italien -bumsfallera- gegen die Schweiz, was bei uns – mal wieder – zu einem kulturellen und seelischen Konflikt führte. Dazu muss ich etwas ausholen: Der Römer fühlt sich zum Großteil als Römer. Um es mit einem Prozentsatz auszudrücken, würde ich hier einen Richtwert von 75% angeben. Somit verbleiben 25% Albanertum, die aber deutlich schwerer aufwiegen (und deutlich dominanter sind), als das Italienertum. So kam es, dass (gefühlt) die halbe Schweizer Mannschaft aus Albanern bestand. Gegen die eigene Familie wettern geht nun eben auch nicht! Also saß er mit Bauchkrämpfen da und wusste nicht so recht, ob er sich bei den drei Toren der Italiener freuen sollte oder lieber nicht. Er war förmlich zerrissen zwischen seinem Vaterland und seiner Heimat, dass es eine einzige Tortur war, ihm nur dabei zuzusehen. Am Ende gewann Italien. Der Sieg war bittersüß und wurde wortwörtlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge gefeiert.

Am 17.06. bemerkte der Römer beim Spiel Nordmazedonien gegen die Ukraine wie anstrengend es war, drei Teams anfeuern zu müssen und guckte sich das Spiel weitestgehend emotionslos an. Fortan machte er mit sich selbst aus, dass zwei Herzen in der Brust, das deutsche und das italienische, schon mehr als genug wären. Bei drei Herzen würde am Ende nur sein Kreislauf versagen. Damit wäre schließlich auch keiner Mannschaft geholfen. Der Gatte schaltete schweren Herzens ab, als Ezgjan Alioski ein Tor erzielte. Vermutlich lag es auch daran, dass ich aus dem Schlafzimmer laut brüllte, einen Windelunfall zu haben, was bei uns Alarmstufe Rot glich. Wie auch immer, ab diesem Spiel hatte er nur noch zwei Herzen. Doch auch das sollte sich bald ändern.

Am 20.06. gewann Italien gegen Wales. Pessina schoss ein Tor. Der Tag war gerettet. Als ich das Spiel sah und laut überlegte, ob Chiesa mit seiner hellen Haut wohl ein Wintertyp sei, denn das kräftige azurblau stand ihm ganz ausgezeichnet, wurde ich mit einem römischen Blick abgestraft. Eine satte, gelbe Karte gab es für meinen Kommentar, wenn man den römischen Blicken trauen durfte. Doch unter uns: Nach etlichen anderen Spielen, die ich gelangweilt mitverfolgte, war ich mir beinahe zu 100% sicher, dass Chiesa der klassische Wintertyp sei, was bedeutete, dass ihm ebenso ein kühles Rosa exzellent zu Gesicht stehen würde. Oder mit anderen Worten: Er dürfte sich in meinem kompletten Kleiderschrank austoben, denn auch ich zähle zu den kräftigen Wintertypen. Aber bei seinem Gehalt hat er vermutlich keine Stippvisite in meinem Kleiderschrank nötig.

Am 23.06. spielte Deutschland gegen Ungarn und ich fragte mich, ob András Schäfer, der in der 68. Minute ein Tor schoss, deutsche Wurzeln hatte. Vermutlich! Herausgefunden habe ich es bis heute nicht, aber was ich herausfand, war, dass er 1999 geboren wurde. Folglich ist er, laut meiner Zeitrechnung, in etwa so alt wie ein 14jähriger Lehrbub. Auf alle Fälle ist er sehr, sehr jung, um professionell Fußball zu spielen. Der Römer winkte bei meinen Ausführungen ab und beschimpfte Hummels als – Sie ahnen es – coglione. Hummels kümmerte das wenig und er stümperte unbeirrt weiter. Anscheinend war er die Gallionsfigur der deutschen Nationalmannschaft, denn der Rest, außer Goretzka, tat es ihm nach.

Am 26.06. gewannen die azzuri gegen Österreich und Chiesa, mit seinem winterlichen Hauttyp, machte ein Tor. Die Stimmung bei uns daheim war ausgelassen. Ein wenig färbten meine unqualifizierten Kommentare wohl auf den Römer ab, denn in der 88. Minute sagte er: „Donnarumma? Ma che cognome è? [Donnarumma? Aber was ist das denn für ein Nachname?]“, dann lachte er laut und schallend. Ich guckte ihn streng an, denn anscheinend hatten wir die Rollen getauscht und ich wollte ihn, als fußballbegeisterte Römerin, nicht enttäuschen.

Am 29.06. verlor Deutschland gegen England und der Römer war außer sich. Nicht etwa, weil die Engländer gewannen, denn sie spielten wirklich sehr gut. Nein, viel mehr, weil seine Deutschen genau in diesem Jahr, wo er zum Deutschland Fan mutieren musste, so bescheiden spielten. „Meglio di non giocare invece di giocare così. [Es ist besser, nicht zu spielen, als SO zu spielen.]„, brüllte er seinen Ärger den Deutschen hinterher. Er war bitter enttäuscht und schüttelte immer wieder grimmig den Kopf. Doch immerhin, seine azzuri waren noch im Spiel. Wie sich später herausstellen sollte, rächten sie sich bei England für das, was sie den Deutschen angetan hatten. Doch ein Gutes hatte das Ausscheiden der Deutschen: Dem Römer wurde deutlich leichter ums Herz. Er konnte sich voll und ganz auf eine einzige Mannschaft konzentrieren. Ich malte mir aus, was passieren würde, wenn die Italiener nicht den Europa-Pokal mit nach Hause nehmen würden und mir wurde ganz blümerant. Nein, einen traurigen Römer konnte ich einen Tag, vielleicht einen zweiten, aber garantiert keinen dritten Tag oder gar eine Woche ertragen. Ich sah mich gezwungen, nun Partei für die Italiener zu ergreifen – meinem Mann zu Liebe. Wie gesagt, Familie verpflichtet.

Am 02.07. feuerte ich die azzuri an, als ginge es um mein Leben. Mein Gott, gewinnt dieses blöde Spiel und wenn möglich auch gleich den dazugehörigen Pokal, damit der Römer zufrieden ist und nicht wie ein angeschossener Trauerkloß tagelang durch die Wohnung schleicht. Gleichzeitig wunderte sich der Römer etwas über meine plötzlich entflammte Leidenschaft für das Fußballspiel, aber wenn es helfen sollte, dass sie den Pokal nach Rom fliegen würden, war mir jedes Mittel Recht. Ein Glück gewannen sie gegen Belgien. Puh! Ein leichtes Aufatmen ging durch das Hause Farniente.

In etwa so würde der Römer durchs Haus schleichen, sollten alle Stricke reißen.

Am 06.07. wurde die Partie zwischen Spanien und Italien ausgespielt. Der winterliche Chiesa schoss ein Tor und ich hätte ihm am liebsten einen schwarzen Rollkragenpulli geschickt (und notfalls eigenhändig gestrickt), denn das würde seine zarte Haut besonders schön zur Geltung bringen. Der Mann fand diesen Vorschlag mehr als daneben. Würde ich auch, wenn schwarz nicht meine Farbe wäre. Am Ende gewann Italien und stand somit gegen England im Finale. Ich wurde ganz kribbelig und die Tage zogen sich wie Kaugummi.

Am 11.07. war es dann soweit. Die Engländer waren im „Bring it home“-Modus, aber sie rechneten nicht mit dem Satz: „Alle Wege führen nach Rom.“ So auch dieser. Die Italiener wurden beim Singen der Hymne ausgebuht, was ich mehr als unsportlich fand. Doch mit voller Inbrunst sangen sie die, wie ich finde, schönste Nationalhymne der EM. In Minute zwei wurde der Himmel über Rom vermutlich zappenduster, denn Shaw erdreistete sich doch tatsächlich, ein Tor zu schießen. Ich hakte den EM Titel für Italien ab und sah den Römer bereits mit hängenden Schultern und Mundwinkeln die Woche bestreiten. Zu meiner Verwunderung grinste der Römer jedoch. Nein, nein, denn spätestens JETZT wäre der Jagdinstinkt der Italiener erst richtig geweckt worden, erklärte er mir. Zudem sei Londra, nein Londinium, nichts anderes als eine römische Siedlung gewesen. Damit hatten die Briten zwar von den ganz Großen gelernt, könnten diese aber bei weitem nicht übertrumpfen. Ich war mir da nicht so sicher. Der Römer setzte fort, dass er sein neues Paar butterweicher Edeltreter darauf wetten würde, dass die azzuri den Pokal heimbringen würden. Darauf hätte ich persönlich nicht gewettet, ganz besonders nicht, wenn Sie, so wie ich, den horrenden Preis dieser sündhaft teuren Lederschuhe kennen würden. Doch Bonucci, vermutlich auch ein Luxusschuh-Liebhaber, lochte in der 67. Minute ein. Der Römer schrie vor Glück, wurde dann aber umgehend von mir gemaßregelt, denn das Kind schlief bereits tief und fest. Er nickte verständnisvoll grinsend. Italien anzufeuern sei die eine Sache, das Kind aufzuwecken eine ganz andere. Etwa zwanzig Minuten vor Schluss, feuerte ich meinen letzten, doofen Witz dieser Europa-Meisterschaft 2021 ab. „Amore, secondo te [deiner Meinung nach], wer gewinnt die EM?„, fragte ich den römischen Gatten. „Italia!!!“, behauptet der Römer mit voller Inbrunst. Nach einer kurzen Pause, wollte er schließlich von mir wissen, wen ich als Gewinner sähe. Ich grinste belustigt: „Verratt-i dir nicht.“ Dann lachte ich schallend. Der Römer rollte genervt mit den Augen bei meiner plumpen Anspielung auf den italienischen Spieler Marco Verratti.

Nach diesem aufregenden Spiel und dem Elfmeterschießen stand es dann fest: „It’s coming Rome!“ Italien gewann die Fußball Europameisterschaft 2021.

Der Himmel hing voller Geigen. Die Ehre der deutschen Mannschaft haben die Italiener wieder hergestellt.

Was am 11.06.2021 im Stadio Olimpico in Rom begann, endete mit einer Reihe jubelnder und grinsender Nationalspieler, die den Europapokal am 12.07.2021 in den strahlenden Morgenhimmel Roms streckten, als sie mit dem Alitalia Flug AZ9001 am römischen Flughafen Leonardo da Vinci wie Könige empfangen wurden. Die beiden Schauplätze, das Stadium und der Flughafen Rom, trennen geografisch nur 23,3 Kilometer. Zeitlich lag nur ein Monat zwischen dem ersten und dem letzten Spiel der Europameisterschaft. Und doch liegen zwischen Siegern und Besiegten oft Welten.

Ich finde die irgendwie komisch

Komisch, oder? Ein Schnappschuss im Flugzeug. 😉

Vorwort: Dieser Text entstand vor ungefähr zwei Wochen, als ich hüfttief in den Vorbereitungen meiner ersten Prüfung „Einführung in die Kommunikations- und Medienwissenschaften“ hing.

Diesen Satz in der Überschrift habe ich in meinen 30 Jahren ziemlich oft gehört. Mal leise geraunt, mal etwas lauter herausposaunt. Und jedes Mal traf er mich. Egal, ob ich ein Teenager war oder bereits Mutter eines Signorinos. Mal um Mal bedeutete er für mich: Du bist anders. Du bist seltsam. Du gehörst nicht dazu.

Und wer möchte schon als seltsam angesehen werden? Ich wollte das nie.

Erst gestern hörte ich den Satz wieder. Auf dem Weg zur Kita wird eine Hausfassade erneuert. Zu der Uhrzeit, an der ich Signorino entweder zur Kita bringe oder von der Kita heimgehe, parkt meist schon der LKW vor der Türe dieses Hauses und lässig daran gelehnt sind vier Handwerker. Aufgrund der heißen Temperaturen sind sie gerne und oft oberkörperfrei anzutreffen. An einem Tag machte sich einer dieser Handwerker einen Spaß daraus, mich zu grüßen. Mit einem lauten „Morgen!“ eröffnete er das Spiel und seine Handwerkerkollegen grinsten schelmisch. Ich ging an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen. So ging dieses neue Ritual eine Woche lang. Er grüßte, ich ging wortlos vorbei. Als er auch nach einer Woche nicht aufhörte, beschloss ich knapp zurück zu grüßen. Noch vor Jahren wäre ich weiterhin geduckt davon geeilt und hätte nicht zurück gegrüßt, weil mir als schüchterne, zurückhaltende Person die große Bühnenbeleuchtung in aller Öffentlichkeit stets unangenehm war. Doch die Zeiten sind vorbei. Mit einem lauten, kühlen „MORGEN!“ erwiderte ich seinen Gruß und nickte ernst in die Runde, während ich mit Signorino gemächlich Richtung Kita schlürfte. Die Handwerker grinsten. Ganz besonders der Älteste von Ihnen, der mich gegrüßt hatte.

So vergingen die Tage. Mal waren die vier Herren dieses Fassadenunternehmens da, mal nicht. Gestern war einer dieser Tage, an denen sie da waren. Ich hatte Signorino gerade in die Kita gebracht und befand mich auf dem Heimweg. Noch bevor das Handwerkeroberhaupt grüßen konnte, kam ich den Herren mit einem knappen „Morgen!“ zuvor. Der Älteste grüßte grinsend zurück. Die anderen drei Herren unterschiedlichen Alters guckten sich die Szene an. Dann sagte einer der drei ganz ungeniert: „Ich find‘ die irgendwie komisch.“ Der Älteste antwortete im tiefsten Mannheimerisch: „Näääh! Des is meine.“ Anstatt darüber nachzudenken, wie ich dem Römer jetzt beibringen könnte, dass mich ein gelegentlicher Morgengruß zu einem Objekt machte, das man besitzen könne und dass dieses Privileg der Objektifizierung nicht dem Römer, in der Funktion meines Gatten, sondern einem Mannheimer Handwerker zuteilwürde, grübelte ich über den anderen Satz nach. Ich zermarterte mir den Kopf, warum ich „irgendwie komisch“ war und was nicht mit mir stimmen würde. Den ganzen Heimweg philosophierte ich über diesen einen Satz. Auch während ich die Spülmaschine befüllte, gingen die Gedanken ohne Unterlass weiter.

Richtigerweise werden Sie, liebe Leser, anführen, dass ich mir über so einen lapidar daher geredeten Satz keine Gedanken machen müsse. „Da rein, da raus.“ würden Sie vielleicht noch ergänzen. Damit haben Sie natürlich absolut recht. Aber so unkompliziert funktioniert mein Kopf leider nicht. Ich muss alles haarklein zerpflücken bis ich dem Problem auf den Zahn gefühlt habe. So auch diesmal.

Glücklicherweise spielt mir hier mein aktuelles Lernmaterial in die Karten, welches ich die letzten Wochen durchgepaukt hatte.

Ich beschloss mich um das erste meiner Probleme zu kümmern. Warum würde ich gerne unsichtbar durch die Straßen schleichen und damit gar nicht erst in eine solche Szenerie geraten, in der man lapidare Gedanken über mich äußern kann? Und: Wäre diese Unsichtbarkeit (im Rahmen meiner Möglichkeiten, schließlich kann ich mich nicht wegzaubern) überhaupt möglich?

Was ist überhaupt Interaktion?

Dazu schlug ich Kapitel 1 auf, denn dort wurde der Begriff Interaktion definiert. Dort steht also: „Der Begriff Interaktion bezieht sich auf Wechselwirkungen, denen wechselseitiges Wahrnehmen und daraus resultierende Reaktionen zugrunde liegen. [….] .“ Ich interagiere also mit mir fremden Leuten, sobald ich aus der Wohnungstüre trete. Das heißt, ich kann gar nicht unsichtbar werden, wie ich es mir wünschen würde. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er urteilt. Und das geschieht entweder laut, dementsprechend für mich hörbar, oder leise, also in Gedanken des Gegenübers. Etwas weiter in meinem Studienskript, Kapitel 3, werden die fünf Axiome von Paul Watzlawick beschrieben. Watzlawick entwickelte die fünf Axiome* im Rahmen seiner Arbeit mit Schizophrenie Patienten. Laut Watzlawick genüge es, diese Axiome zu befolgen, so dass eine erfolgreiche, zwischenmenschliche Beziehung ermöglicht würde. So wurde das erste Axiom als „Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren.“ beschrieben. So heißt es: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten[,] und genauso, wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“

Das möchte ich Ihnen gerne in einem Beispiel verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Wartezimmer. Ihnen gegenüber sitzt ein Mann, der den Kopf hängen lässt und auf den Boden startt. Seine Hände sind im Schoß gefaltet. Er vermeidet jeglichen Augenkontakt. Sie nehmen ihn wahr und schließen aus seinem Verhalten, dass er keinerlei Kontakt möchte oder aber traurig/besorgt ist. Er interagiert also allein durch seine physische Anwesenheit im Wartezimmer.

Nachdem wir diese Frage beleuchtet haben und feststellen mussten, dass es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren und dementsprechend zu interagieren, kommen wir zur eigentlichen Nachricht des Handwerkers, die er an mich, der Rezipientin, verbal schickte. Dazu möchte ich den Satz mit dem Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun beleuchten. Vorerst müssen wir aber die Begrifflichkeiten klären.

Erklärung der Wortarten und ihre jeweilige Bedeutung

Ich finde die irgendwie komisch.

Ich finde […] ist ein Personalpronomen und ein Verb. Es bedeutet, dass der Handwerker (der hier in der 1. Person Singular von sich redet) seine Meinung und sein Empfinden ausdrückt. Im Kontext der Szenerie bedeutet das, dass er seinen Arbeitskollegen seinen Eindruck schildern will.

Die ist ein Demonstrativpronomen. Natürlich hätte der Handwerker auch das Personalpronomen sie benutzen können. Das Demonstrativpronomen die ist hier überflüssig und stilistisch unrund. Wenn wir ein Demonstrativpronomen benutzen, dann zeigen wir auf etwas und schaffen damit räumliche Distanz zwischen dem Zeiger und dem Angezeigten.

Irgendwie ist ein Adverb und bedeutet in diesem Kontext in irgendeiner Hinsicht oder, besser noch, im Rahmen seiner Überlegungen.

Komisch ist ein Adjektiv. Da es hier das Schlüsselwort ist, blicken wir zuerst auf die Wortherkunft: Französisch comique < lateinisch comicus < griechisch kōmikós = zur Komödie gehörend; lächerlich, zu: kõmos, Komödie. Würden wir die Überlegungen bei der reinen Herkunft des Wortes belassen, dann würde das entweder bedeuten, dass ich einer Komödie angehöre, was mir bei der Beziehung zwischen dem Römer und mir im Rahmen des Möglichen erscheint, oder aber, ich bin lächerlich. Den ersten Punkt schließe ich aus, da der Handwerker nur meine Person kennt, nicht aber den Römer. Es sei denn, er liest hier mit, dann sei er lieb gegrüßt. Die andere Möglichkeit wäre lächerlich. Doch schauen wir weiter zur Bedeutung des Wortes.

Ich mache mich daran, nach der Definition des Wortes zu suchen. Hier haben wir zwei Möglichkeiten:

1. durch eigenartige Wesenszüge belustigend in seiner Wirkung, zum Lachen reizend

Beispiel: Ein komisches Aussehen, ein komisches Gesicht

Hier wären wir wieder beim Punkt lächerlich.

2. sonderbar, seltsam; mit jemandes Vorstellungen, Erwartungen nicht in Einklang zu bringen

Sie sehen, wir kommen der Deutung des Satzes schon näher.

Das Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun

Betrachten wir kurz sein berühmtes Modell:

Knapp erläutert sehen Sie einen Kommunikator in Form des Handwerkers und einen Rezipienten, einen Empfänger, also mich. Wir haben die Nachricht, die er übermittelt und wir haben die vier Ohren, wie eine Nachricht gedeutet und interpretiert werden kann.

  • Das Beziehungsohr

Hier stehen die Fragen „Wie redet der Handwerker mit mir? Wen glaubt er vor sich zu haben?“ im Mittelpunkt. Diese Fragen sind einfach zu beantworten: Er redet gar nicht mit mir, sondern über mich. Er weiß nicht genau, wen er vor sich hat. Das suggeriert das Adjektiv komisch [oder: seine Erwartungen nicht in Einklang bringend].

  • Appellebene

Die Schlüsselfrage „Was soll ich aufgrund seiner Mittelung tun?“ steht hier im Raum. Meine Antwort wäre: Vermutlich nichts. Ich kann für ihn vermutlich nicht unkomischer werden. Was ich versuchen könnte, wäre, mich seinem Weltbild einer 30jährigen Frau mit Kind, die gerne T-Shirt und Jeans trägt, anzupassen. Somit könnte er mich mühelos in eine, ihm bekannte Schublade stecken.

  • Sachebene

Diese Ebene beschäftigt sich mit der Frage „Wie ist der Sachverhalt zu verstehen?“. Den Satz haben wir bereits Wort für Wort aufgeschlüsselt. Der Sachverhalt suggeriert mir, dass meine Erscheinung nicht seinen, ihm bekannten Vorstellungen entspricht.

  • Selbstkundgabe

Diese Ebene dient der Frage „Was sagt dieser Satz über den Handwerker aus? Wie fühlt er sich dabei?“. Vermutlich ist er genervt von seinem gierenden, 50jährigen Kollegen, der mich jeden Morgen penetrant grüßt. Um das Phänomen abzuschwächen, bezeichnet er mich als komisch. Vielleicht passe ich auch schlichtweg nicht in sein Frauenbild und er müsste erst mühsam eine Schublade für mich konstruieren. Das spart er sich, in dem er mich in die Schublade der komischen Gestalten steckt. Ein kluger Schachzug!

Fazit

Der Satz spiegelt allein sein Empfinden und seine Meinung wieder, der ich mich laut Watzlawick auch nicht entziehen könnte. Das Wort komisch ist gleichbedeutend mit Erwartungen nicht in Einklang bringen. Ich passe dementsprechend nicht in das Weltbild des ca. 35jährigen Handwerkers. Da ich keinerlei zwischenmenschliche Beziehung mit ihm plane, ist das für mich total okay. Statt dem Wort komisch, könnte er beispielsweise auch “schwer einschätzbar” oder “sich abhebend” benutzen. Auch “einzigartig” oder “besonders” wären treffende Worte. 😉

Alles in allem lässt sich feststellen, dass ich in meiner Familie und meinem Freundeskreis nicht als komisch gehandelt werde. Das mag daran liegen, dass wir uns bereits näher kennen oder aber, dass wir ab dem ersten Moment kompatibler zueinander waren als der Handwerker und ich. Egal wie, ich habe gelernt, dass dieser Satz das reine Empfinden meines Gegenübers wieder spiegelt, nicht aber meines. Und damit kann ich sehr gut leben! Nebenbei habe ich prüfungsrelevanten Stoff mit Ihnen zusammen durchgenommen und ich hoffe, es war für Sie so interessant wie für mich. Am 03.07. steht meine erste Klausur an, falls Sie Ihre Daumen drücken möchten.

Dazu fällt mir ein italienisches Lied und den dazugehörigen Witz ein.

Orietta Berti singt hier: „…Hai risolto un bel problema, e va bene così | Ma poi me ne restano mille | Poi me ne restano mille…“

„…Du hast ein großes Problem gelöst und das ist so in Ordnung | Aber dann bleiben mir immer noch tausende [Probleme] übrig | Aber dann bleiben mir immer noch tausende [Probleme] übrig…“

Der dazugehörige Witz geht so:

Ich: “Perfekt, ich habe schon 15 Seiten für die Klausur gelernt.”

Orietta Berti: „…aber dann bleiben immer noch tausende….tausende…“

Auf Italienisch sähe das dann so aus:

Io: „Perfetto, ho già studiato 15 pagine per gli esami.“

Orietta Berti: „Ma poi te ne restano mille…“

Nachwort: Während Sie den Text lasen, befinde und befand ich mich vermutlich fluchend auf dem Weg nach München. Wünschen Sie mir Glück, dass der Stau sich in Grenzen hält. 😉

Quelle: Watzlawick/Beavin/Jackson 2011, S. 57ff, Duden, Das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun,

*Wichtig ist bei Watzlawicks Axiomen zu erwähnen, dass seine Erkenntnisse ausschließlich im psychologischen Kontext gewonnen wurden und sich insbesondere auf die Kommunikation zwischen psychisch kranken Patienten bzw. die Arzt-Patienten-Kommunikation bezieht)

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