Im Auge des Sturms – das Urlaubstagebuch

Sie haben den ersten Teil verpasst? Lesen Sie gerne hier nach.

Freitag, 19.08.2022

Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Natürlich hält die Ruhe nicht an.

Landeanflug auf Tirana während das Gewitter sich hinter den Bergen staut. Leider war der Anflug ohne uns.

Das Kind fiebert nach einer langen Woche in Bayern. Bereits in der Nacht mache ich mir Gedanken, wie es mit unseren Urlaubsplänen weitergehen soll. Der Mietwagen ist seit Dezember 2021 gebucht, die Unterkunft seit Juni. Alles ist in Stein gemeißelt. Jede Änderung der Mietwagenbuchung gleicht einer Neubuchung und ist unbezahlbar und „auf Anfrage“, wie mehrmals betont wird. Gerade steige ich aus meinem Gedankenkarussell aus und will einschlafen, da weckt mich der Römer mit einem „Ehi! Il bambino sta male. [Hey! Dem Kind geht es schlecht.] Es hat Fieber. Was tun wir jetzt?“. Es war 2 Uhr nachts. Das fiebrige Kind schläft. Was soll es da schon zu tun geben? Schlaf ist schließlich die beste Medizin. Morgen würden wir weitergucken.

Fieberzäpfchen mussten wir noch nicht geben. Zum Glück.

Der Römer rollt sich zusammen und schläft laut schnarchend ein. Ich liege abermals 2 Stunden mit offenen Augen wach und denke darüber nach, wie das werden soll, fernab von daheim, in Bayern mit kranken Kind. Mit Fieber würden wir nicht reisen können – weder nach Hause, noch woanders hin. Irgendwann döse ich ein und schrecke doch wieder mehrmals hoch.

Am Morgen frühstücken wir, dann sondieren wir die Lage. Nach einem ewigen Hin und Her entschließen wir uns, die Flüge auf den nächsten Tag umzubuchen. Vielleicht wird das Fieber bis dahin weg sein? Somit verkürzt sich nur der Verwandtenbesuch in Albanien, da wir Mietwagen und Unterkunft erst für einige Tage später gebucht haben.

Hoffen wir, dass Signorinos Fieber so schnell verschwindet wie es gekommen ist.

Ruhe vor dem Sturm – das Urlaubstagebuch

Es ist schon ein paar Tage her, als Anke anmerkte, dass wir wohl schon zurück aus unserem Urlaub in Rom sind. „Zum Glück.“, antwortete ich. Wie holprig unsere Sommerferien verlaufen sind, möchte ich Ihnen in den nächsten Tagen und Wochen erklären. Unser Urlaub – ein Rückblick!

Geplant war: Eine Woche in Bayern bei der engsten Verwandtschaft, um von dort am Freitag nach Albanien zu fliegen, um schließlich nach einem Wochenende bei der albanischen Familie des Römers den Mietwagen zu übernehmen und die Ferienwohnung am Meer zu beziehen. Aber was sind schon Pläne?

Montag, 15.08.2022

Selten läuft der Urlaubsbeginn bei uns in solch geordneten Bahnen ab wie heute. Das brauche ich denen, die uns schon länger verfolgen, nicht zu erklären, denn Sie wissen, dass es meist ein heilloses Durcheinander bei den Farnientes ist. Schließlich ist das Unvorhersehbare das einzig Vorhersehbare bei unseren Reisen. Doch heute lief die Reisevorbereitung beinahe gespenstisch glatt ab. So glatt, dass wir uns wunderten. Ist es nur die berühmt berüchtigte Ruhe vor dem Sturm oder sind wir mittlerweile so routiniert, dass uns alles leicht von der Hand geht?

Die Abendsonne strahlt durch die Bäume. In etwa so ruhig war es.

Gestern bereits packten wir Signorinos Sachen. Jemand, der noch nicht einmal einen Meter groß ist, sollte, wenn man sich das logisch durchdenkt, auf deutlich weniger Platzbedarf im Koffer kommen als seine deutlich größeren Eltern. Seltsamerweise ist es genau andersherum, was vermutlich an all den „Aber wenn…“-Kleidungsstücken des Kindes liegt. „Aber, wenn wir doch drei Mal am Tag am Meer baden sollten?“ – Zack, schon landeten zwei Handtuchponchos mit lustigen Figuren und zwei Kinder-Badehosen mehr im Koffer. „Aber, wenn es doch einen Kälteeinbruch im August in Albanien gibt? Der Klimawandel ist vermutlich noch unberechenbarer als wir es uns vorstellen können.“ Und schon warf ich drei Kinder-Kapuzenpullis in den Koffer. Als ich dreiviertel des Schrankkoffers mit Kindersachen zugepflastert hatte, entfernte der Römer ein Viertel „Aber wenn“-Klamotten und so blieb für unsere Klamotten immerhin ein halber Überseekoffer übrig. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum wir nur einen einzigen Koffer mit auf Reisen nehmen, vermag ich die Antwort recht leicht zu geben: Wir reisen gerne mit leichtem Gepäck. Das spart Energie, Zeit und Ressourcen, die wir für all die Imponderabilien auf Reisen brauchen. Gerollt, gefaltet und gestopft quetschen der Römer und ich unsere Dinge auf die verbleibende Hälfte und finden auf besagter Hälfte meist noch ein bisschen Platz für eine kleine Packung Windeln. Dann schlossen wir den Koffer mit unserem altbewährten Spruch: „Notfalls kaufen wir das fehlende Zeug eben vor Ort.“

Als der Koffer gepackt war, nahm ich mir den Kühlschrank vor. Ich guckte, was wir noch verwerten müssen, bevor es auf Reisen geht. Dazu muss ich erwähnen, dass die Einstellung Lebensmittel zu verwerten, bevor man in den Urlaub fährt, beim Römer und bei mir sehr weit auseinander klafft. Der Römer schmeißt alles weg, rigoros und ohne mit der Wimper zu zucken. Ich koche und friere ein, schichte um, und schmeiße nur unter der ernstgemeinten Androhung der Todesstrafe Lebensmittel weg. „Eier, Butter, Milch, das muss noch weg…“, zähle ich halblaut auf. „Das heißt, ich mache nachher Waffeln und friere sie ein.“ „Ma che?! [Aber was?!] Warum machst du dir denn die Arbeit?“, unterbricht der Römer jäh meinen Gedanken. „Weil ich nichts wegschmeiße.“, antworte ich trotzig. „Bratpaprika…gibt es heute noch. Die Tomaten versuche ich an unsere Balkon-Hilfe Turtle abzugeben. Dann wäre da noch das Toastbrot… ab in den Gefrierschrank. Den Feta kannst du zu den Bratpaprika essen und den Joghurt… da frage ich nochmal Turtle. Oder wir nehmen ihn mit nach Bayern? Das sollte eigentlich gar kein Problem darstellen.“, erkläre ich dem Römer meinen weiteren Kühlschrankplan. Der Römer rollt nur mit den Augen und lässt sich einen Espresso aus der Kaffeemaschine. Selbst als ich anfange Waffeln zu backen, schenkt er mir wieder einen von seinen belächelnden Blicken. Signorino, der davon Wind bekam, dass es heute Waffeln geben wird, ist so aufgeregt, dass er begeistert zwischen Küche und Wohnzimmer hin- und herläuft. Dabei jubelt er immer wieder „Waffen!!“, wobei er den Buchstaben „L“ in Waffeln einfach auslässt. Selbstredend bekommt Signorino den ersten Teller voller frisch gebackener und lauwarmer Waffeln, die er unter lauten „Mmhs“ und „Aaahs“ isst. Während ich die restlichen Waffeln ausbacke, guckt mir der Römer neugierig über die Schulter. „Come si mangia? [Wie isst man das?]“, will er von mir wissen. „Mit Puderzucker, Kompott, Apfelmus,…“, zähle ich auf und er greift zum Honig. „Ok, lo mangio con miele. [Ok, ich esse es mit Honig.]“, spricht er und nimmt sich eine Waffel vom Teller. Es war wohl doch keine so blöde Idee, die Lebensmittel zu verwerten, denn am Ende isst Signorino 1,5 Waffeln und der Gatte 3. Den Rest friere ich ein. Als ich fertig bin, schrubbe ich die Küche und mache gleich mit dem Bad weiter. „Che stai facendo? [Was machst du gerade?]“, fragt mich der Römer, während er zwei Gläser Uva-Fragola-Getränk (=alkoholfreier Sekt) in den Händen hält. „Ich putze. Das hatten wir doch abgemacht?!“, gebe ich zurück und säubere den Badspiegel. „Già. [Schon.] Wollen wir einen kleinen Aperitivo auf dem Balkon genießen?“, will der Römer von mir wissen. Ich seufze und entgegne ihm, dass ich noch eben das eine Bad fertig putzen will und wir danach gerne seinen Plan umsetzen können. Fünfzehn Minuten später sitzen wir auf dem Balkon. Das Kind pflückt mit Freude Minzblätter vom Strauch und wirft sie in unsere Getränke . Dabei ruft er ganz laut „FÜR DICH!!!“. Einmal landet auch ein Erdbeerblatt in unserem alkoholfreien Sekt, was dem Geschmack aber keinen Abbruch tut. Danach reinigt der Gatte die Böden und wir sind fertig. Es ist 18:14 Uhr und alles ist erledigt. Sehr zu unserer Verwunderung haben wir sogar die ganze Wohnung auf Vordermann gebracht. „Liegt das jetzt am Alter vom Kind oder warum sind wir plötzlich so stressfrei durchgekommen?“, hake ich etwas verwundert beim Gatten nach. Der zuckt nur mit den Schultern. Auch als wir kein Kind hatten, artete die Urlaubsvorbereitung immer in einem riesen Chaos aus.

Vielleicht sind uns die Sterne einfach wohlgesonnen oder es entwickelt sich nach beinahe einem Jahrzehnt so etwas wie eine „Routine“? Was auch immer es gewesen ist, ich hoffe, es hält an. Drücken Sie uns die Daumen.

WMDEDGT – September 2022

Es ist September. Irgendwie riecht die Luft nach Herbst und heute ist mein erster Arbeitstag nach den großen Ferien. So fragt Frau Brüllen mit was man den ganzen Tag so seine Zeit verbringt. Sie nennt das WMDEDGT. Na, dann wollen wir mal gucken:

03:00 Uhr „Mama? Mama?“ fragt ein leises Stimmchen aus dem Kinderzimmer. Ich setze mich in unserem Bett auf und warte, ob es sich wiederholt. Vielleicht war es nur Teil eines Signorino’schen Traumes? Nach einer halben Minute fragt das Stimmchen wieder „Mama?“. Also stehe ich auf und tapse im Dunkeln in Signorinos Kinderzimmer. Das Kind ist ziemlich schwitzig, aber nicht fiebrig. Ich habe es schlichtweg zu gut gemeint, als ich ihn für die Nacht angezogen habe. Nochmal umziehen im Halbschlaf und damit riskieren, dass die kleine Motte ganz aufwacht oder doch so lassen? Ich entscheide mich für Option 2 und mache den Reissverschluss vom Schlafsack ganz auf. Dann kuschele ich mich zu ihm. Wie immer huschen seine nervösen Hände rastlos über meine. „So kann kein Mensch schlafen.“, denke ich noch und nicke anscheinend kurze Zeit später weg.

04:30 Uhr Signorino schläft tief und fest neben mir. Ich taste mich wieder zurück ins Schlafzimmer. Der Römer okkupiert das ganze Bett und ich verweise ihn mit leichten Schüben auf seine Seite. Im Schlaf seufzend dreht er sich nach links und macht Platz.

07:00 Uhr Guten Morgen ohne Sorgen. Aufstehzeit! Ich will liegen bleiben, aber damit kann ich am Ende des Monats leider nicht meine Rechnungen bezahlen. So stehe ich auf, Kaffee, Kekse, Anziehen, den Römer aus dem großen Bad scheuchen und los geht‘s mit der S-Bahn.

08:40 Uhr Ich komme in der Arbeit an und beginne damit, mein E-Mail Postfach aufzuräumen. Erst lösche ich die Quatsch-E-Mails, dann markiere ich die wichtigen E-Mails bis mir mein Chef schreibt, ob ich noch etwas für den heutigen, extrem wichtigen Termin benötigen würde. Ich werde stutzig. Bis eben bin ich davon ausgegangen, dass er den Termin leitet und mir, falls nicht, nicht in allerletzter Minute am ersten Tag nach meinem Urlaub Bescheid gibt. Ich frage nach. Kurzes Telefonat, dann löse ich das Problem mit einigen, weiteren Telefonaten und informiere alle Beteiligten. Was für ein Start nach den Ferien. Der restliche Tag verläuft gut. Ich buche eine Geschäftsreise in die Zentrale. Nennen Sie mich überheblich, aber ich bin berufsbedingt so oft gereist, ich möchte nirgends mehr hin.

12:30 Uhr Mittagspause. Ich kläre die Kollegen (alle männlich) über mein geballtes Wissen über Pasta auf, welches ich im Taxi zum Flughafen Rom-Fiumicino erwarb. Erstaunte Ahs und Ohs. Ein Kollege schreibt mit. Das ist kein Witz,

14:30 Uhr Ab zur Kita. Blöderweise entschied ich mich heute für die neuen Turnschuhe. Glück im Unglück habe ich noch Blasenpflaster in den Rucksack geworfen, bevor ich heute morgen das Haus verließ. Meine Fersen brauchen alle beide. Autsch!

14:45 Uhr Es gibt einen neuen Erzieher in Signorinos Kita. Er wirkt sehr nett. Ansonsten das Übliche. Wir gehen nach Hause und ich merke, wie toll Signorino schon sprechen kann. „Andiamo S-Bahn.“, sagt er zu mir und er hat recht. Wir gehen tatsächlich zur S-Bahn.

15:30 Uhr Endlich daheim. Ich tische den Nachmittagssnack auf. Dann rufe ich Turtle an. Während wir telefonieren, rollen auf der gegenüberliegenden Allee 4(!) große Feuerwehrautos und ein Krankenwagen an. In Windeseile werden Schläuche ausgerollt, die Liege des Krankenwages steht bereit, 5 Feuerwehrmänner stehen mit Rauchschutzhauben und vollständiger Montur bereit, die anderen wuseln durch die Gegend und rufen Kommandos. Ich drücke mir die Nase an der Fensterscheibe platt. Mein Gott, manchmal bin ich echt so ein Gaffer. Nach fünf Minuten werden die Schläuche wieder eingerollt, die Transportliege zum Krankenwagen zurückgeschoben. Die Feuerwehrmänner schälen sich aus ihrer Montur. Ein Glück war es vermutlich nur ein Fehlalarm.

18:00 Uhr In einer Stunde kommt der Mann heim. Ich überlege, was das Kind essen möchte. Es gestaltet sich schwierig, weil alles (außer Süßkram) NEIN! Ist.

19:00 Uhr Mann ist da. Die Kartoffeln habe ich bereits in den Ofen geschoben. Der Römer kocht Kabeljau dazu. Das Kind hat in der Zwischenzeit drei Butterbrote verdrückt. Während wir essen, will Signorino kneten und animiert uns mit immer neuen Knetvorschlägen dazu, mitzukneten. „Jetzt Schildkröte! Jetzt Elefant! Jetzt Schuhe! Jetzt S-Bahn!“. Der Römer knetet nach dem Abendessen alles, was Signorino angibt. Sagen wir so: Das Kind ist mit jeglichen Gebilden zufrieden, Hauptsache der Titel stimmt.

Kneten – ein Riesenspaß für Signorino

20:00 Uhr Heute ist der 32. Geburtstag meines besten Freundes. Ich rufe ihn in Schweden an, wo er beruflich ist. Wir tauschen uns aus und Signorino quakt immer wieder ins Telefon. Es gestaltet sich schwierig. Am Ende muss der Römer den Nachwuchs abtransportieren. Als ich auflege, höre ich Tigergeräusche vom Römer aus dem Wohnzimmer. Dazu lautes Kichern von Signorino.

22 Uhr Das Kind kämpft noch immer mit dem Schlaf und will und will nicht einschlafen. Dank des Mittagsschlafes in der Kita kommt das Kind hier oft nicht vor 23 Uhr zur Ruhe. Juhu! Der Römer ist bei ihm und übernimmt den letzten Teil der Einschlafbegleitung, bei der die Hände des Kindes rastlos durch die Gegend flattern, während es versucht, den Kampf gegen den Schlaf zu gewinnen.

Let‘s call it a day.

Ein Abenteuer in Stichworten

Bayern. Fiebriges Kind vor Reiseantritt. Reisestorno. Kind wieder gesund. Kurzfristige Alternativen am Meer unbezahlbar. Brainstorming. Wohin im August? Immerhin: Ein Ort in Italien hat Nebensaison. 😉

Falls Sie die Tonspur hören: Das Kind sagt „Bolli! Bolli! Bolli!“. Ansonsten filme ich das Nachbargebäude. Die Schönheit der Fassade erschließt sich einem von der Straße aus gar nicht.

P.S. Bei den Kommentaren hinke ich sehr hinterher. Das ändert sich spätestens nach dem Urlaub. Versprochen!

Hausarrest für Heinz

Sonntag, 23:30 Uhr. Einer meiner Lieblingsnachbarn, Heinz, kommt gerade von der Trinkhalle heimgetorkelt. Er ist ein flotter Mitsechziger, graues, lockiges, etwas längeres Haar, schlank mit aufgesetztem Bierbauch und dabei top in Schuss. Sein Mountainbike fährt er in Frankfurt am liebsten mit passendem Fahrradtrikot und Helm aus und das meist jeden Tag.

Es ist heiß in Frankfurt, so dass wir abends die Fenster geöffnet haben, um ein paar Grad kühlere Luft ins Innere zu lassen. Ich liege auf der Couch und höre Heinz und einen Freund unten an der Straße palavern. Sie scheinen ziemlich einen Sitzen zu haben, was bedeutet, dass die Trinkhalle (frankfurterisch für Kiosk) heute wohl wortwörtlich genommen wurde. Heinz und sein Freund haben nur noch eingeschränkte Kontrolle über ihr Sprachzentrum.

Nachbarsfreund, leicht lallelnd: „Bidde schön, mein Freund. Du bisch zu Hause.“

Nachbar Heinz, ebenfalls stark lallend: „Ah ja…. [kurze Pause, aufgeregt] Ah nein, nein! Des isch des Einfahrtstor. Aber wenn ma scho mal da sind [rüttelt am Tor]… des isch zu.“

Nachbarsfreund, hickst: „Ah Heinz, du bisch ei gudde Seele! Einfach eine gudde Seele, gell? Der Robin Hood der Nachbarn mit Auto bisch du.“

Nachbar Heinz: „Na, bin ich net. Da isch mei E-Bike drin. Net, dass des wegkommt!“

Nachbarsfreund: „Auch gut, Heinz. Die nächste Ausfahrt bisch du….“

Die beiden gehen singend zur Haustüre, die fünf Meter vom Tor entfernt liegt.

Nachbarsfreund: „So, jetzt aber! Kriegsch den Schlüssel überhaupt nei?“

Nachbar Heinz: „Ja, ja, notfalls klingel ich die Helga wach.“

Nachbarsfreund, aufgeregt: Na, na, Heinz! Des machst du net. Wenn dei Frau aufwacht, kriegst wieder 4 Wochen Hausarrest, so wie beim letzten Mal. Des könn ma net riskieren!“

Nachbar Heinz: „Au ja! Kannsch du mir schnell mal mit dem Schlüssel helfe, Willi? Des Ding will und will net ins Schloss neigehe.“

Es scheint, als würden sie es mit vereinten Kräften versuchen. Irgendwann quietscht die ungeölte Eingangstür. Sie haben es geschafft.

Nachbarsfreund Willi: „Gud’ Nacht, Heinz! Hoffentlich kriegst du die Wohnungstür auf. Wenn net, schließ ich dich in mein Nachtgebet ein. Mach‘s gut, Heinzi!“

Nachbar Heinz, scheinbar noch in der Eingangstür stehend: „Willi? Du musch gradaus gehen. Net nach links! Net, dass du dich noch verläufst. Komm gut heim!“

Nachbarsfreund Willi, zurückschreiend: „Des klappt scho!“

Das wäre Heinz‘ Aussicht, falls er doch Hausarrest von Helga bekommt.

SALAT!

Heute Morgen rief der Sohn nach uns, um uns mitzuteilen, dass er soeben erwacht sei. Ich, die bereits vor ihm wach war und meinen Espresso ganz in Ruhe genießen wollte, stürzte den Espresso eilig herunter, als würde es sich um Schnaps handeln und nicht um heißen Espresso. Dann eilte ich zum krakeelenden Kind.

Signorino war sehr erfreut, dass ich in sein Zimmer kam und nicht wie sonst üblich der Mann. Wir kuschelten ausgiebig und ich stellte ihm meine beliebte Frage nach seinem Vornamen*:

„Signorino, wie heißt du?“, wollte ich also von ihm wissen.

Es muss wohl an der selten dämlichen Fragestellung gelegen haben, in der ich bereits seinen Vornamen nannte, dass er mir eine doch sehr kecke Antwort gab.

„SALAT!!!“, antwortete das Kind frech.

Ja, nun. Was frag ich auch so dumm?

Salat mit Geburtstagsdeko

P.S.: Für uns geht es morgen nach Bayern und nach einem einwöchigen Stop ins Land der Adlersöhne. Wünschen Sie mir Glück, gute Nerven und den Mut, über mich selbst zu lachen.

*Tatsächlich befrage ich ihn oft nach seinem Namen, weil ich eine unbegründete Angst habe, wir könnten das Kind irgendwann in einer überfüllten Fußgängerzone verlieren und er würde nicht einmal seinen Namen nennen können. Selbiges ist mir als Kind passiert – irgendwo an der Nordseeküste. Als ich wieder gefunden wurde, kaufte man mir einen rot-weißen Stofftierwattwurm, den ich sehr gerne mochte.

WMDEDGT – August 22

Der Monatsfünfte und Frau Brüllen fragt mal wieder, mit was man seine Zeit verbringt. WMDEDGT nennt sie das und hier sieht das so aus:

03:00 Uhr „Oh Gott, meine neue Leinenbluse!“, schrecke ich aus meinem Halbschlaf aus Fresskoma und Erschöpfung hoch. Es stürmt in Frankfurt und in Gedanken sehe ich meine neue Oberbekleidung schon zusammengekrümmt als nasses, trauriges Etwas in irgendeiner Straßenecke liegen. Ich tapse im Dunkeln durch den Gang, durchquere das Wohnzimmer und finde sie am Balkonstuhl hängend. Rasch pflücke ich sie vom Stuhl, lege sie auf die Couch und trinke ein Glas Wasser, um dann wieder ins Bett zu huschen. Der Römer fragt im Dunkeln, was los sei. „Ich habe gerade meine Bluse…“, doch da schnarcht er schon wieder.

07:30 Uhr Ich stehe auf und bin vom gestrigen Geburtstagsessen noch so voll gefressen, dass ich nur Tee und Kaffee trinke. Dann dusche ich mich fix ab, wecke das Kind, bügle meine heute Nacht vom Balkon gepflückte Leinenbluse, wecke das Kind wieder, befülle die Wasserflasche mit frischem Wasser, tische das Frühstück auf und wecke das Kind nochmal. Irgendwann steht er auf. Er isst und trinkt sehr müde, ich mache mich fertig. Danach ziehe ich Signorino an. Er will nicht in die Kita. Ich schlage ihm vor, dass er das rote Zoo-Auto mitnehmen dsrf. Der Vorschlag kommt an! Leider finde ich das Auto nicht. So brüllt das Kind und ich suche panisch und wenig konstruktiv, während die Zeit uns gleichzeitig hämisch im Nacken sitzt. Irgendwann finde ich es – in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Teppich. Wir können los. Auf dem Weg zum Auto umgehen wir viele Pfützen bis Signorino doch noch einen Moment findet, in dem er reinspringen kann. Ich habe eine blütenweiße Hose an und versuche diese mit Feuchttüchern im Auto zu reinigen. Für mehr ist keine Zeit. Es tröpfelt. Wir fahren los. Kaum aus der Ausfahrt raus, schüttet es in Strömen. Fußgänger:innen und Rad:fahrer halten sich schützend Jacken, Zeitschriften und Ordner über den Kopf. An einen Regenschirm denkt in diesem saharaheißen Sommer offensichtlich niemand.

09:15 Uhr Angekommen an der Kita, ruft das Kind herzzerreißend und Rotz und Wasser heulend „Mama! Mama!“. Es will auf meinen Arm. Seine Erzieherin steht auf und wir lösen ihn von meinem Bein. Ich fühle mich (mal wieder) wie die schlechteste Mutter der Welt. Im Auto angekommen, atme ich zwei, drei Mal durch und fahre nach Hause.

10:50 Uhr Ich gehe zur S-Bahn. Irgendetwas Oberleitungsmäßiges müsse zwar repariert werden, verrät mir die App, aber ich versuche mein Glück. Es beginnt zu tröpfeln. Folgerichtig habe ich natürlich keinen Schirm mitgenommen. Anscheinend bin ich ein Typus Mensch, der aus vorher getätigten Beobachtungen zwar urteilt („Jetzt haben die alle keinen Schirm dabei, obwohl die Wetter-App doch sagte, dass es regnen wird!“) , aber keine logischen Schlüsse für sich daraus zieht („Heute sollte ich auf alle Fälle einen Schirm mitnehmen.“). Nun denn, wie gut, dass ich eine weiße Hose anhabe. Das macht die Geschichte gleich doppelt spannend. Vielleicht verzichtet der Hausarzt, zu dem ich gleich will, darauf, dass ich mich ausziehen muss. Durch die durchsichtig gewordene Hose sieht er eh gleich alles.

11:50 Uhr Wenn Sie mit einem dringenden Anliegen zum Hautarzt wollen, müssen Sie früh aufstehen. Vor 9 Uhr werden die unangemeldeten Fälle abgearbeitet. Auch wenn Sie „ja eigentlich gar net komme wollde“ und dann doch noch um 11:50 Uhr auftauchen. Man schiebt Sie „ausnahmsweise“ ein, aber auch nur, weil bald Wochenende ist. Sie sehen, im halb offenen Wartebereich erfährt man so einiges Nützliches.

12:40 Uhr Beim Arzt war alles in Ordnung. Ich buche gleich noch den Termin für‘s Hautkrebsscreening (im Februar dann…) und gehe in den japanischen Laden nebenan. Signorino und ich schmissen jeweils einen Creme-Pumpspender herunter und nun verweigern die Spender ihre Pumpleistung. Also habe ich zwei neue, leere Pumpspender gekauft und pumpe nun um.

13:00-14:40 Uhr Wieder daheim. Ich gönne mir Zeit für mich und lese Blogs. Dann rufe ich den Einen an und wir quatschen über den gestrigen, zusammen verbrachten Abend. Zeitgleich ruft der Römer an. Er würde mich gerne an der Kita treffen. Ich willige ein. Erst im Auto frage ich mich, warum er das Kind nicht alleine abholen kann. Aber nun sitze ich schon im Gefährt. Der Römer winkt mir zu, wir gehen in die Kita und holen das verwirrte Kind ab: „Mamaaa! Papaaaa! Maaapa!“

15:00 Uhr Wieder zu Hause. Der Mann hat eingekauft. Bucatini („Conosci bucatini?“ Kennst du Bucatini?), italienische Kekse, Bresaola (ähnlich Bündnerfleisch), noch mehr italienische Kekse, irgendwelche italienischen Cracker. Ich habe den leisen Eindruck, ihm fehlt Italien? 🤔

16:00 Uhr Die Gallensteine des Mannes sind zurückgekehrt. Er jammert so vor sich hin, will aber nicht zum Arzt, dann doch, dann ist er zu müde für einen zweiten Bluttest, heute ist’s wieder extra schlimm. Ins Krankenhaus will er dann doch nicht und am besten soll das Problem sich in Luft auflösen. Aber wie damals bei der Gallenblase, löst sie sich leider nicht auf, sondern musste heraus operiert werden. Er baut erstmal Zug mit dem Kind und jammert, und fühlt sich schlapp und hat Krämpfe…. Wie kann man nur so stur sein? Die einzige Lösung liegt doch auf der Hand 🏥? Lieber jetzt als im Urlaub, fernab der Zivilisation und damit fernab von Krankenhäusern .

17 Uhr Nächster Halt: Drogeriemarkt. Der Mann deckt sich mit Gallenstein-Hausmitteln ein: Apfelessig, Kurkuma, Löwenzahntee, usw.. Das Kind macht gut mit beim Einkaufen. Daheim kriegt er dennoch einen Anfall, dass er zum Spielplatz wollte und will. Also gehen wir zum Spielplatz. Ich bestelle noch rasch Pizza vor, denn unsere Lieblingspizzeria machte eine dreiwöchige (!) Pause und heute ist sie wieder da.

Sieht nach (zugegeben sehr dreckigem) Strand aus. Ist aber ein Spielplatz. Aber meine weiße Hose ist noch weiß. Das ist doch auch etwas.

18:40 Uhr Vom Spielplatz zurück warten wir auf die Pizza. Das Kind kann nicht mehr warten und isst ein Marmeladenbrötchen als Vorspeise.

19:30 Uhr Die Nachbarn von oben bohren. Das Kind hat neuerdings Angst vor Bohrgeräuschen und so hängt ein ängstliches Kind auf mir wie ein Koala an einem Ast. Ich frage mich, wann deren Bohrprojekt beendet ist. Seit Tagen geht das schon so. Aber vielleicht bauen sie ab… und nicht auf. Das wäre mir sehr lieb.

20:45 Uhr Meine Schwiegermutter wünscht mit ihrem Enkelkind zu reden. Da weder Enkelkind, noch Schwiegermutter über ein Handy verfügen, ruft der Römer seinen Bruder an, der das Videotelefonat an seine Mutter weiterreicht. Nur Signorino guckt lieber „Tan“. Dann bequemt sich das Kind, drei Sekunden ins Telefon zu starren, nur um dann wieder „Tan“ zu gucken.

23:00 Uhr Das Kind schläft endlich. Let‘s call it a day!

Gleich geht’s weiter

Ein Gedicht von unseren Nachbarn

Es hämmert über uns. Die Nachbarn, die den ganzen Tag einen Ausflug machten, wollen doch noch ihr Tagwerk schaffen und klopfen und nageln fröhlich an ihrem Heimwerkerprojekt, das seit Mitte dieser Woche tatkräftig bearbeitet wird.

Und so fragte ich mich, wie wohl ein Gedicht von der anderen Seite aussehen würde? Welches Gedicht würden unsere Nachbarn aus ihrer Sicht zu Papier bringen. Lesen Sie hier einen meiner kläglichen, lyrischen Versuche nach:

Hämmern am Samstagabend

Samstagabend einundzwanzig Uhr dreißig

Auf die Nachbarn sch**ß ich

Ich hämmer hier und auch noch da

Ach, wie ist das Leben wunderbar

Klopf klopf Den Nagel rein

und schnell nach Schatz gerufen

Wer wird denn da schon böse sein 

und scharren mit den Hufen 

Die Nachbarn von unten 

drehen nervös ihre Runden

Das Nachbarskinde schlummert

Unser Hammer wummert

Hobbies sind wichtig

Besonders nach neun

Die Nachbarn oben, unten, links, ach die werd'n sich freuen

Ganztags mussten wir einen Ausflug machen

Schließlich waren wir mit unseren Ausflugssachen

am Badesee beim Sonne tanken

wo sich Erholung und Spaße ranken

deswegen nageln wir so spät

auch wenn unser Nachbar beinahe fleht

dass das Kinde ruht in seinem Bette

Lang schläft's so eh nicht 

Jede Wette!

22 Uhr - Das Werk ist vollbracht

Signorino von unten ist gerade erwacht

Ach wie schön kann Handwerk sein

Spätabends hauen wir den Nagel rein. 

Wir klopfen, hämmern, pochen, schlagen

Soll das Gewissen etwa an uns nagen?

Die Antwort lautet natürlich "Nein"

Gewissen - was soll das sein?

It’s not easy, but we make it look easy.

New York, Flughafen John F. Kennedy, irgendwann im Jahr 2017. Abflug 21:50 Uhr Ortszeit. In Deutschland ist es 03:50 Uhr morgens.

Ein gut gelaunter Stationsleiter kommt vom Upper Deck einer Boeing 747-8 ins Maindeck nach unten, scherzt mit uns und flötet „Problem solved. Der Gast auf 82 C ist jetzt auf 83 C. War ein double seating. Kann passieren.“ Er lächelt sein strahlend weißes Lächeln. Wir lächeln zurück. „It’s not easy.“, antworte ich und gähne in meine Armbeuge. Dann begrüßen wir die letzten beiden Gäste, die müde, mit einem Nackenhörnchen um den Hals ins Flugzeug schlurfen. „Darling, it’s not easy. But we make it look easy.“, antwortet Sam, der Stationsleiter. Dabei täuscht er eine Pirouette an und vorbeugt sich. Wir grinsen, obwohl wir gerade alle lieber schlafen oder bei unseren Lieben auf der heimischen Couch sitzen würden. „So, hier kommt der Abschluss. 7 Passagiere vorne in der First, 80 in der Business und 276 hinten in der Economy. Full house. Good luck, guys! Ihr könnt die Türe schließen.“ Meine Kollegin schließt die Türe 2L. Die Kabinenchefin gibt übers Cabin Interphone ihr Kommando „Cabin crew, all doors in flight.“ Wir stellen unsere Türen um. Let’s go!

An den Satz „It’s not easy, but we make it look easy.“ musste ich denken, als Ver.di zum Streik der Bodenmitarbeiter einer deutschen Fluglinie aufrief. Als ich den einseitigen Meinungsbeitrag von Alexander Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung las, musste ich schon sehr schlucken. Verständnisheuchelnd beginnt er seinen Artikel, um dann die ganz große Keule herauszuholen. So fragt er „Ist es wirklich nötig, Urlaubern am Mittwoch diesen zusätzlichen Chaostag zu bescheren?“

Lieber Herr Hagelüken, die so kurze wie einfache Antwort lautet: Ja, ist es.

Sie sind Journalist. Werden Sie regelmäßig mit Polizeischutz in den Feierabend begleitet, weil die Nerven mancher Passagiere Leser:innen so dermaßen blank liegen, dass sie handgreiflich werden? So handgreiflich, dass sie den Kopf eines Bodenmitarbeiters nehmen und ihn mit voller Wucht gegen einen Check-In-Automaten schleudern, so dass der Bodenmitarbeiter daraufhin seinen Feierabend im Krankenhaus beim Platzwunden-Nähen verbringt? Rät Ihnen Ihr Arbeitgeber, besser Turnschuhe zur Uniform zu tragen, damit Sie notfalls schnell davon laufen können? Werden Sie tagtäglich angeschrien, obwohl Sie für die Flug-Ops absolut nichts können? Machen Sie trotzdem Ihren Job mit einer Engelsgeduld, behalten Sie Ihre Nerven, atmen lieber zwei, drei Mal tief durch und gehen dann trotzdem tagtäglich zum Dienst? Ziehen Sie sich erst an Ihrer Arbeitsstelle Ihre Uniform an, weil Sie Angst haben, auf dem Weg zur Arbeit nicht nur verbal angegangen zu werden, wenn die hiesigen Sommergewitter mal wieder dafür sorgen, dass eben keine Maschine mehr aus Frankfurt herausfliegen dürfen?

Lieber Herr Hagelüken, die Gedanken sind frei. Meinungen sind es auch. Aber bitte informieren Sie sich doch vorab, wie es wirklich hinter den Kulissen ausschaut. Dafür brauchen Sie weder Interviews mit Bodenmitarbeiter:innen führen, noch die Presseabteilung der Fluggesellschaft bemühen. Setzen Sie sich einen Tag an den Flughafen, gerne an den Flughafen Frankfurt Rhein-Main-Airport, beobachten Sie, hören Sie einfach nur zu. Mehr braucht es nicht, um sich ein Bild der katastrophalen Situation und der unglaublichen Leistung der Bodenmitarbeiter:innen zu machen. Und dann, lieber Herr Hagelüken, wäre Ihre Meinung vermutlich eine andere.

Lassen Sie sich dabei vom schönen Schein des Bodenpersonals nicht täuschen, aber zeigen Sie zumindest Verständnis dafür, dass die Bodenmitarbeiter:innen schlichtweg nicht mehr können. Die Geschäftsleitung hört Ihnen nicht zu, denn das Problem besteht nicht erst seit gestern, sondern seit Monaten. Als ich noch regelmäßig in Frankfurt flog, waren die anstrengendsten Tage, die der Sommergewitter oder des Wintereinfalls. In diesem Jahr ist jeden Tag Sommergewitter und Wintereinfall zugleich. Wie sollen sich die Bodenmitarbeiter:innen denn Gehör verschaffen, wenn Sie nicht da treffen, wo es weh tut und wo die Presse gezwungen ist, darüber zu berichten?

Der Stationsleiter in New York hatte damals sehr recht als er sagte „It’s not easy. But we make it look easy.“ Doch wenn man es nicht einmal mehr einfach erscheinen lassen kann, dann muss gehandelt werden, denn so sind die Zustände untragbar.

Zusammengestöpseltes – Samstag

[Zusammengestöpseltes vom gestrigen Samstag]

Zum vierzigsten Mal an diesem Vormittag singt Anna Caterina Antonacci im Royal Opera House „Habanera – L‘amour est un oiseau rebelle“. Natürlich tut sie dies nur in unserem Fernseher im heimischen Wohnzimmer, denn sonst wäre die Oper Carmen furchtbar langweilig, wenn sich die immer gleiche Szene wieder und wieder genau so abspielen würde.

Doch würde es nach mir gehen, wäre auch eine gewisse Variation der Lieder wünschenswert. Aber es geht nicht nach mir. Das Kind bestimmt die Musikauswahl und darf es das nicht, heult es so lange und intensiv, dass sie von der elterlichen Musikauswahl eh nichts mitbekommen würden. Nachdem wir seit Monaten die Kinderliederklassiker der Blondgelockten und ihres Mannes hören, versuche ich vereinzelt ein paar andere Musikeinflüsse in die Kinderlieder-Monotonie zu streuen. Heute gelang es und so hören wir eben zum zigsten Mal, wie die Antonacci den rebellischen Vogel namens Liebe die Sprunghaftigkeit in die Schuhe schieben will.

Aber beschweren möchte ich mich nicht. Am gestrigen Freitag hörten wir in Endlosschleife „Bella Ciao“. Auch das Kind kann schon mitsingen, nennt den armen Partisanen aber immer „parmigiano“, Parmesan. Und wenn der Parmesan sich von seiner Schönen verabschiedet, um ihr mit auf dem Weg zu geben, ihn doch bitte auf dem Berg unter dem Schatten einer Blume zu beerdigen, und dabei unser Nachwuchs auf- und abhüpft, erscheint mir die Szene doch etwas abstrus. Es ist sicher nicht Signorinos Schuld, dass die Bedeutung des Liedtextes von der feierwütigen Gesellschaft in den Hintergrund gedrängt wurde. Aber es ist seltsam mitanzusehen, wie die Privilegierteren dieser Welt diese Melodie in den Diskotheken, Bars und Clubs mitsummen.

Dann lieber Signora Antonacci, die die Flüchtigkeit der Liebe besingt.

Wie flüchtig der Liebste sein kann, möchte ich Ihnen hier erklären: Mein Mann weilt alleine (hoffentlich!) im klimatisierten Hotel in Tirana. Wie das kam? Er fantasierte mir vor einigen Wochen zusammen, dass er so gerne verreisen würde. Wie zu unseren besten Zeiten als Paar ohne Kind, nur mit Handgepäck, in ein Flugzeug einsteigen und ab nach Rom. Natürlich nur ein Wochenende. Dort würde er dann am Samstag nach Ostia fahren und abends Freunde treffen und essen gehen, dazu noch dies und das, bis er dann Sonntagnachmittag gut erholt in Frankfurt einschweben würde und gewappnet wäre für den weiteren Verlauf dieses Jahres 2022. Als fürsorgliche Ehefrau bot ich ihm an, seine Idee in die Tat umzusetzen und dies als Geburtstagsgeschenk seines Vierzigsten zu verbuchen. Nun ist dieser Vierzigste zwar einige Jahre her, aber durch Kind und Corona waren ihm die Hände gebunden.

Der Römer ist außer Haus!

Als der Plan konkreter wurde, schwenkte er doch auf Tirana um. So stand er gestern zwei Stunden am Frankfurter Flughafen bei der Sicherheitskontrolle B und wartete darauf, abgetastet und kontrolliert zu werden. Der Flug hob mit einer Stunde Verspätung ab, was momentan durchaus als pünktlich zu werten ist. Und was er dann nicht alles vor Ort erlebt hat. Als er mir abends noch ein Video schickte, wie er(!) das neue Vehikel seines Bruders durch die staubigen Gassen Kamez steuerte, dachte ich wieder daran, wie viel Gottvertrauen diese Albaner haben. Da lässt man jemanden ans Steuer seines neuen SUVs Stuttgarter Herkunft und dies geschieht selbstverständlich im Dämmerlicht der steinigen und staubigen Straßen, die noch dazu kaum bis gar nicht beleuchtet sind. Natürlich besitzt dieser Jemand, der Römer, einen albanischen Führerschein, den er vor 24 Jahren erwarb (fragen Sie nicht wie!), seitdem aber auch nur drei Mal fuhr. Ja, richtig gelesen, drei Mal. Anscheinend passierte nichts bei dieser flotten Fahrstunde in Kamez und Automatik sei „ganz einfach“ zu fahren, tönte der Römer, aber mir wurde ganz anders.

Generell bleibt noch zu sagen, dass die Zeit mit Signorino alleine sehr gut machbar war. Sogar so gut, dass ich regelrecht entspannt bin. Ich ließ aber auch Fünfe gerade sein. Beispielsweise stellte sich das Kind als Mittagessen Salzstangen und danach ein „blaue Eis“ (er meinte die Verpackung) vor. Wir diskutierten. Dazu muss ich sagen, dass Signorino generell ein sehr schwieriger Esser ist. Ich versuchte ihn also davon zu überzeugen, dass mein eben gekochter Couscous-Matsch mit Gemüse nichts anderes sei, als ein sehr kleiner Reis, aber er antwortete mir mit „Bäh“. Partout wich er nicht von eben dieser Meinung ab. Wir klapperten die üblichen Verdächtigen der Signorino’schen Nahrungskette ab: Joghurt – Bäh. Blaubeeren – Bäh. Butterbrot – Bäh. Wassermelone – ok. Hatten wir aber nicht daheim. Am Ende fragte ich mich, wozu ich mich überhaupt stressen soll. Wenn das jetzt gerade der dringende, kindliche Wunsch ist und die Ernährung am Ende des Tages ungefähr passt, dann bitte: „Lass dir deine Salzstangen und dein Schokoeis schmecken, lieber Signorino.“ Ich gab mein Okay und sah das Kind selten sooo glücklich beim Essen. Abends ließ er sich wieder auf meine normale Küche ein. Oder, um es mit den Worten der Habanera, dargeboten von Signora Antonacci zu sagen: Das Essverhalten des Kindes ist eben auch ein rebellischer Vogel.