Sonntags in Frankfurt

Es gäbe viel zu berichten, aber nichts, was ich momentan in Worte gießen kann und möchte. So schweben nur wirre Worthülsen durch meinen Kopf, die keine richtige Form oder gar ein Muster ergeben.

Deswegen müssen Sie heute mit Fotos vom sonntäglichen Frankfurt vorlieb nehmen. Wir fuhren zur Piazza della Repubblica, wie der Platz der Republik in Frankfurt beim römischen Gatten und mir seit jeher heißt. Mit der römischen Piazza della Repubblica hat der Frankfurter Namensvetter allerdings wenig gemein. In Rom stehen vor einem äußerst luxuriösen Hotel wunderbare, glänzende, italienische Luxuskarossen. Es riecht hier eindeutig nach Geld. An der Frankfurt Piazza della Repubblica riecht es trotz angrenzender Sparkasse nicht im geringsten nach Geld. Auch das dort befindliche Hotel hat wenig mit dem römischen Luxuspalast gemein, außer vielleicht den Namen „Hotel“. Es gehört zu einer Billigfluggesellschaft und begrüßt einen mit einer leuchtend orangen Reklame. Das Hotel ist „easy“ und das verspricht bereits der Hotelname. Wenn’s dem internationalen Publikum im römischen Hotel Exedra zu extravagant wird und sie sich nach etwas einfachem sehnen, wäre das vielleicht die richtige Wahl? 😉

Unsere Kleinfamilie entert das Westend, in dem nichts easy gehalten ist. Ein Stadtteil, in dem man keine Ruhestörungen duldet. Stumme Altbau-Paläste blicken mürrisch auf die Straßen, auf denen leise sprechende Spaziergänger zu zweit unterwegs sind. Selbst die Kinder spielen leise und höflich auf dem Spielplatz des Westendplatzes. Signorino flüstert immer wieder “Fiiiesch!” und ich befülle Fischförmchen mit Sand. Der Römer steht mit Sonnenbrille neben uns, eine gelbe Schaufel in der Hand, die er nicht benutzt, und blinzelt in die Sonne. „Mi mancava. [Es fehlte mir.]“, sprach der Gatte und atmete selig ein und aus. „Was denn?“, fragte ich, während ich einen weitern Fisch stürzte. Mittlerweile hatte ich ein ganze Aufzuchtstation für Sandfische entworfen, die Signorino munter zerstörte. „Il sole!! [Die Sonne!!]“, sprach der Mann fast schon empört, weil ich nicht sofort verstand, was dem Mann seit Wochen oder Monaten fehlte. „Ah!“, ging mir ein Licht auf. „Kannst du mir bitte deine Schaufel geben? Meine funktioniert nicht und du spielst ja eh nicht damit.“, hakte ich beim römischen Sonnenanbeter nach. Er überreichte sie mir wortlos, setzte sich auf die Bank und lächelte zufrieden in den Frühlingshimmel.

Bitte nicht stören! Der Westendplatz.

Schließlich bestach ich den Sohn mit zwei Quetschies und wir konnten den Spielplatz verlassen. Das Ziel war gesetzt: die italienische Konditorei, welche sich wenige Minuten vom Spielplatz entfernt befindet.

Blühen erwünscht! Im Westend sind Frühlingsboten erlaubt, solange sie leise ihre Blüten öffnen.

Signorino wurde wie immer herzlichst begrüßt und winkte zaghaft. Der Römer suchte sechs Pasticcini, Törtchen, aus und wir traten den Heimweg an.

An der alten Oper ist mehr los. Ein 8jähriges Kind fuhr dort E-Bike. In Frankfurt. Die einzige Erhebung, die es in Frankfurt gibt, ist die vom Ostpark nach Bornheim. Und selbst die schafft ein Kind auch ohne Elektroantrieb. Zu meiner Zeit hätte es das im Voralpenland nicht gegeben.
Von Kunst und Architektur verstehe ich nicht viel. Brutal sieht der ausgeschlachtete Bau an der Mainzer Landstraße dennoch aus. Aber ist es deswegen schon Brutalismus?
Im Westend kamen wir wie immer bei der Pasticceria Brixia vorbei. Es ist Sonntag, was hätten wir tun sollen? Man kann sich wohl kaum ein römisches Gewächs nach Frankfurt importieren, wenn man nicht bereit ist, ihm zumindest ab und an ein bisschen Dolce Vita vorzugaukeln.

WMDEDGT – Februar 2022

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie immer: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer:WMDEDGT.

Gegen 04:00 Uhr: Ich höre den Römer ins Kinderzimmer eilen. Das Kind ruft. Wie schon seit seinem 2. Geburtstag ist mein müder Körper auf beiden Ohren taub. Das ist nicht vorsätzlich, sondern tatsächlich erwache ich, einmal eingeschlafen, erst, wenn der Römer schon zum Kind unterwegs ist. Ich strecke mich im großen Bett aus und erwarte die Rückkehr des Römers nicht vor dem Morgengrauen.

07:00 Uhr Der Römer packt eifrig die letzten Dinge in seinen Rucksack. Ich schlafe gleich wieder ein.

08:00 Uhr Der Römer verabschiedet sich. Heute geht es nach Albanien. Eigentlich wollte er schon gestern fliegen, aber der Winterflugplan machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Deswegen fliegt er heute und kommt morgen Nachmittag wieder. Er wünscht mir eine schöne Zeit. Ich lächle schlaftrunken. Jaja, wird toll! Ciao Kakao und Arrivederci!

08:30 Uhr Das Kind schreit, weil der Römer seine Kinderzimmertüre zugemacht hat und der kleine Kerl sie schlaftrunken nicht so schnell wie gewohnt aufbekommt. Ich erwache, springe auf und befreie ihn und wir frühstücken. Er will „Sneke“, eine Hefeschnecke also. Nach 36 Stunden ohne Erbrechen beschließe ich, dass Sneke schon klar geht. Das Kind muss ja wieder zu Kräften kommen. Er vertilgt Sneke, ich esse das was von der Schnecke übrig bleibt und trinke Espresso und Schwarztee dazu.

10:00 Uhr Das Kind ist angezogen. Da die meisten Oberteile vollgespuckt waren, leiden wir momentan an einem akuten Mangel an Kleidung. Mutti kommt mit dem Waschen gar nicht mehr hinterher. Er trägt heute eben ein Pyjama Oberteil, dass als ein Normales durchaus durchgehen könnte. Ich beschließe zu duschen, kommuniziere das dem Kind und lasse die Badezimmertür offen. Meine Duschzeit, das sollte ich wohlwollend erwähnen, ist auf alle Fälle länger geworden im Vergleich zu damals als Signorino ein Baby war und man sich unter der Dusche zum Hampelmann machen musste. Signorino kommt mit einem gelben Plastikbecher an und will Wasser. Ich, immer noch duschend, lasse ihm etwas Wasser aus dem Duschschlauch in die Tasse. Er schüttet das Wasser zurück in die Badewanne, in der ich stehend dusche. „No ´mal!“, also nochmal, will er Wasser. Immer wieder. Ich wasche währenddessen die Haare, gieße Wasser nach, spüle meine Haare aus, gieße Wasser nach. Und so weiter und so weiter. Irgendwann ist es dann auch mal genug mit Duschen und ich steige aus der Badewanne aus.

10:30 Uhr Die Stimmung kippt. Signorino will jetzt „Ein Eis!“. Ich sage Nein. Er heult, brüllt und zwickt. Letzteres ist neu. Die Stimmung kriegt sich nicht mehr so richtig ein, er quengelt, motzt, schreit, beschwert sich. Ich beneide den Mann, der seelenruhig in einem Flugzeug sitzt und vermutlich die Aussicht auf Sitzplatz 5A genießt. Dann beschließe ich, dass wir versuchen, ob aus den Granatapfel- und Mandarinenkernen ein Baum entwächst. Ich hole einen Eierkarton, wir geben Erde hinein, setzen die Samen ein, gießen und ich habe die grandiose Idee, auf die Kartonseite zu schreiben, was darin hoffentlich bald wächst und gedeiht. Zusätzlich werfe ich noch ein paar Chillis in die zwei übrig gebliebene Eierkartonboxen. Dank der Heidelberger Verwandtschaft verfügen wir über so viele Chili-Samen, dass wir eine Chili-Farm aufmachen könnten.

Chilli habe ich auch dazu geworfen. Danke an die Heidelberger*innen für diese wunderbaren Samen!

11:30 Uhr Die Haare sind geföhnt, das Kind in 1001 Schichten gegen die Kälte gepackt, das Retourenpaket ist zugeklebt, wir können los. Signorino will den Buggy nehmen, aber auf diesen Trick falle ich nicht mehr herein. In der Vergangenheit sah das so aus: Er sitzt 30 Sekunden im Buggy, dann beschwert er sich und will getragen werden. Also schleppt man das Kind durch die Gegend, während man den Buggy mit einer Hand schiebt. Ne, ne. Da kann ich ihn auch gleich tragen. Er geht 20 Meter, dann, Sie ahnen es bereits, will er getragen werden. Ich schleppe Paket und Kind bis es mir gelingt, ihm den Mittelstreifen der Allee schmackhaft zu machen. Er sammelt Stöcke, ruft Gagai (Staubsauger auf Signorinisch) und wir staubsaugen die Allee bis zur Packstation. Immer, wenn ich aufhöre, Staubsauger-Geräusche zu machen, erinnert mich Signorino streng an meine Pflichten als Mutter, die auch darin bestehen, die richtigen Geräusche zur richtigen Zeit zu machen. An der Packstation angekommen, geben wir das Paket auf. Dann nehmen wir die Rolltreppe zum Bahnsteig, saugen den Bahnsteig mit dem Stock ab, und nehmen die Rolltreppe wieder nach unten. Ein Stück an der großen Straße, dann möchte Signorino gerne getragen werden. Ich schleppe das 13 Kilo Kind Richtung Grundschule. Dort möchte er von meinem Arm, weil er traurig am Zaun stehen und wissen will, wo die “Babys” sind. Die Babys, die in der Realität Schulkinder sind, haben Wochenende. So wie wir. Ich mache das “Ciao Ciao!”-Spiel und tue so, als würde ich schon mal gehen. Signorino lacht und läuft mir hinterher. Dann bleibt er abrupt stehen und will, dass ich wieder vier Schritte vorausgehe und “Ciao Ciao” sage. Irgendwann sind wir dann daheim. Das Kind will “Waffen”. Hört sich gefährlich an, sind aber nur Waffeln. Er kann das L noch nicht aussprechen. Klar würde ich ihm lieber Brokkoli-Quinoa Taler geben, aber machen wir uns nichts vor: Die verschmäht er eh. Da wir nach dem vielen Erbrechen in der Aufpäppel-Phase sind und er eh so dürr ist, kann er ruhig Waffeln essen. Ich hole die Zutaten aus dem Kühlschrank. Er gähnt. Wieder und wieder. Na, dann geht es eben rasch ins Bett. Gute Nacht, Signorino.

13:30 Uhr Der Mann ist gut angekommen. Das verrät mir nicht etwa eine liebevolle Nachricht. Ne, meine Kreditkarte hat’s mir gesagt. “Sie haben 5500 Lek am Flughafen Tirana abgehoben.” informiert sie mich. Ja, dann wird das wohl so sein. Wer den Umrechnungskurs nicht kennt, wird vermutlich denken, dass der Mann sich ins Ausland mit meiner Kreditkarte absetzt. Aber es sind nur 45€. Weit kommt er damit nicht.

14:00 Uhr Wir haben seit Wochen (oder Monaten) einen geringfügigen Wasserschaden in der Küche. D.h. in unregelmäßigen Abständen füllt sich eine Fuge mit Wasser und verteilt 100ml klare Flüssigkeit in der Küche. Da es aber so wenig Wasser ist, welches auch nicht regelmäßig austritt, wischen wir es auf, suchten zwei Mal nach dem Problem (und fanden es nicht) und gingen dann dazu über, damit zu leben. Denn, wenn eines hier fehlt, dann ist es Zeit. Heute aber, der Mann ausgeflogen (immerhin nicht abgeschoben), das Kind schlafend, fragte ich mich, was seit Wochen Fehler “OE” auf dem Display der Waschmaschine bedeutet. In der Vergangenheit deutete ich es mit “Wird schon passen. Dann mache ich die Waschmaschine aus und räume sie aus.”. Jetzt stellte sich nach einer kurzen Suchaktion im Interner aber heraus: Es bedeutet “Knick im Abflussschlauch” (unmöglich, haben wir schon überprüft) oder “Säubern Sie das Flusensieb”. Huch! Das habe ich wahrlich noch nie gemacht. “Lassen Sie dazu das Wasser über den Schlauch neben dem Flusensieb ab.”. Haha! Ich ließ also zehn große 0,75 Liter Flaschen Wasser ab. Das sagt dir auch keiner vorher. Gut, die Bedienungsanleitung hätte das getan, aber wer hat Zeit die Bedienungsanleitung zu lesen? Ich zog also das Sieb heraus. Es hakte etwas, was daran lag, dass sich eine riesige, haarige, dunkelblaue Fluse darin verhedderte. Ich säuberte und entfernte alles Flusige und tada: Jetzt sollte es wieder laufen. Danach reinigte ich die Trommel mit dem Waschprogramm, dass den fantasievollen Namen “Trommelreinigung” trägt und hoffe nun, dass der Wasserschaden damit auch behoben ist. Übrigens, hier ein Service Tipp: Beim Auffangen des Wassers wird empfohlen ein Handtuch unter die flache Schüssel (oder eine Flasche) zu positionieren, keine Kinderhose, die in der Nähe liegt und eh zu waschen ist. Und ja, da hat sich jemand was dabei gedacht. 🙈

16:00 Uhr Der Mann ruft an, leider höre ich den Anruf nicht. Ich rufe zurück und werde mit einem “Senti, non ti volevo chiamare. [Hör mal, ich wollte dich gar nicht anrufen.]” Hach, wie charmant. Soll er sich doch mit seinen 5500 Lek in Albanien absetzen. Er sei im Auto des Bruders eines Freundes, schildert er mir. Er rufe nachher zurück, wenn er bei seiner Familie sei.Na dann. Signorino und ich essen Waffeln. Richtig viel Hunger hat der Kleine nicht. Ich biete ihm Banane an. Die will er auch nicht.

17:30 Uhr Albanien ruft an. Ganz witzig, die Szene mit Mann im Telefon zu sehen. Ich fühle mich nicht Videotelefonie tauglich und zeige das Kind. Übrigens ist das ein grandioser Vorteil, wenn man ein Kind hat. Man muss sich der Verwandtschaft nicht stellen. Alle albanischen Familienmitglieder rasten aus vor Freude und kramen ihr verstaubtes Italienisch raus, um mit Signorino zu kommunizieren. Ein Raunen geht durch die Menge als er „Ciao Ciao“ sagt und winkt. Jede*r will Signorinos Aufmerksamkeit. Ihm ist das egal. Er will am liebsten mit seinen Legos spielen. Ich lasse Grüße an alle ausrichten. Wir verabschieden uns! Mirupafshim!

19:00 Uhr Das Kind hat etwas gegessen. Nicht viel, aber immerhin etwas. Ich lese meinen heutigen Text, also diesen, den Sie gerade lesen, und schäme mich. Eine bunte Mischung aus Flüchtigkeitsfehlern und Autokorrektur macht aus meinem Text einen tollen Übungstext für Schüler. Das Motto wäre „Markiere die Fehler und schreibe die falsch geschrieben Worte korrekt“. You‘re welcome. Vielleicht haben Sie noch nicht genug Übungsblätter für den Nachwuchs. Und Ja, das war ein Scherz. 😄 Ich gehe mich dann mal um meine Ofenpommes kümmern. Wenn der Mann außer Haus ist, kann ich auch mal Nicht-Italienisch essen, ohne vorher einen 30 minütigen Vortrag lauschen zu müssen, warum die italienische Küche die beste der Welt ist.

20:55 Uhr Die italienische Hymne ertönt. Es ist der letzte Abend von Sanremo. Man darf gespannt sein.

Spannung nach Mitternacht

Spannung nach Mitternacht

Ein Klopfen kann viel bedeuten: Jemand kündigt sich an, ersucht Einlass oder zeigt seinen Konsens. Nachts um 3:50 Uhr gibt es nicht viel Interpretationsspielraum für ein Klopfen, das abgefeuert wird wie die Salven der nicht verstummen wollenden Kanonen. Es heißt dann in etwa: „Wenn ihr euch nicht sofort leise zofft, komme ich hoch und zünde euch die Fußmatte an.“ Daraufhin verstummte die Mickey Maus Stimme der Nachbarin und ihr Gatte nutzte diese unvorhergesehene Pause, um ihr das zu sagen, was ihm seit langen, quälenden Minuten auf der Seele brannte: „Siehste, Nina, hab‘ ich dir doch gesagt, dass du zu laut bist.“ Die Mickey-Maus-Stimme zischelte daraufhin sehr lange und mit einer ungemeinen Ausdauer. Das Zischen war gut auszuhalten und ließ mich bald in einen tiefen Schlaf sinken.

Erstaunlich fand ich jedoch im Nachhinein, wie kristallklar man seine Gefühle nachts um kurz vor vier spüren konnte. Kein Fünkchen von Vernunft oder Scham versucht einen davon abzuhalten, gegen die Wand zu donnern. Kein Körnchen „Aber wenn man es sich mit diesem Klopfen mit den Nachbarn verscherzt?“ ist zu hören. Nachts spürt man die Wut mit jeder Faser so klar und rein, als würde man nur aus diesem einen Gefühl bestehen.

Zugegeben, nachdem Signorino um halb drei Uhr schrie, ich 30 Minuten neben einem schlafenden, aber zappelnden Kind in einem 90cm Möbelschweden-Kinderbett lag und mich nach besagter Zeit endlich davon stehlen konnte, war der Samen der Wut bereits unwiderruflich ausgesät, denn ich lag wenig später hellwach im Ehebett. Der Römer schnarchte bedeutungsschwer. Ich hätte es ihm gerne gleich getan, aber plötzlich kratzte mein Fußballen, dann meine Kniekehle. Kurz danach war mir zu heiß, um dann festzustellen, dass es mit einem Fuß außerhalb der Bettdecke doch zu kalt war. Dann fing das Nachbarskind von oben an zu schreien. Immerhin war es nicht Signorino, so konnte ich frei nach dem Motto „Nicht mein Affe. Nicht mein Zirkus.“ handeln. Juna/Jonah, so heißt das Nachbarskind, dessen Geschlecht mir noch immer nicht ganz klar ist, denn ich verstand die Mutter des Kindes, Nina , damals am Aufzug nicht richtig, als sie sich und ihren Nachwuchs vorstellte, schrie inbrünstig. Ein Elter trampelte übers Paket. Dann gesellte sich ein zweiter, trampelnder Elter dazu. Juna/Jonah beruhigte sich angesichts der inflationär steigenden Anzahl seiner Erziehungsberechtigten nicht. Vielmehr schrie er noch mehr und noch lauter. So ging das 40 Minuten lang. Schlaflos und dadurch neugierig hörte ich zu, wie Nina und Tobias die Situation lösen würden.

Sie lösten sie wie wir: Das Kind beruhigte sich irgendwann, irgendwie. Die Anspannung und Müdigkeit der letzten, entbehrungsreichen Monate und Jahre forderten ihr Tribut bei den Eltern und so reichte ein Anlass, gleichwohl unbedeutend wie nichtssagend, um die Mickey Maus Stimme von Nina zum Explodieren zu bringen. „Das sind MEINE Hausschuhe, Tobi!“, brüllte Nina. Und Tobias sagte nichts, oder wenn doch, dann in angenehmer Zimmerlautstärke, wie sie in unserer Hausordnung empfohlen wird. „Jedes verdammte Mal nimmst du meine Hausschuhe! Ich kümmere mich eh schon allein um Juni, weil du dauernd arbeitest, aber selbst das ist dir nicht genug. Jetzt nimmst du auch noch meine Hausschuhe.“, schrie sie ihm entgegen. „Interessant.“, dachte ich. „Was man alles als Initialzündung eines Streits benutzen kann. Hausschuhe kurz vor 4 Uhr nachts? Darauf wäre ich nie gekommen.“ Nina quietschte und quiekte ihren Gatten mit schriller Stimme an. Ich hörte gespannt zu. Warum auch nicht? Ich war ja wach.

„Ma che cos‘é? [Aber was ist das denn?]“, meldete sich der Mann schlaftrunken neben mir. „Questa sta proprio fuori! [Die ist komplett außer Rand und Band!]“ Ich fand das Resümee sehr treffend. Zusammen lauschten wir dem Streit und starrten nebeneinander der Zimmerdecke entgegen. „Mutig!“, sagte ich zum Römer. „Nachtschlaf einfach so verstreichen zu lassen, um sich zu streiten. Man merkt, die haben zu viel davon.“ Der Römer nickte ins Halbdunkel. „Die werden ihre Lektion schon noch lernen. Das Kind ist nicht mal ein Jahr alt.“, gähnte der Römer und drehte sich um. Ich lauschte weiter. Dann schlich sich eine unverhoffte Müdigkeit heran und zwang mich, jetzt sofort einzuschlafen. Das gelang mir aber nicht, denn Nina wurde immer lauter. „Ma questa può stare zitta? [Kann die mal still sein?]“, fragte der Römer wieder ins Halbdunkel, sichtlich genervt.

Die Nacht lag in Trümmern, wie der Sperrmüll im Frankfurter Ostend.

Ich hob die Hand – und setzte an. Klopf, klopf, kloooopf. Jetzt tat mir der Handrücken weh, was ich wehleidig äußerte. Der Römer nahm sich meiner Hand an und streichelte sie. Tobias sprach den oben erwähnten Satz und Nina zischelte den Römer und mich in den Schlaf.

Was für eine Nacht!

Stöcke sammeln und Präsenzarbeit

Stöcke sammeln und Präsenzarbeit

Vier Tage Präsenzarbeit im Büro. Mehr braucht man über diese Woche nicht zu wissen. Doch, vielleicht noch eine Sache: Das Büro liegt in einem Altbau. Es ist eiskalt. Aber der Ausblick ist sehr schön. Immerhin.

Ansonsten wird das Kind von irgendetwas geplagt. Signorino wacht nachts schreiend auf (ca. 4-5 Mal) und morgens ist es eine Katastrophe ihn zur Kita zu bringen. Nicht wegen der Kita. Die mag er sehr. Vielmehr, weil er in Ruhe Stöcke sammeln will, wenn wir schon auf dem Weg zur S-Bahn sind. Leider hat Mutti einen Arbeitsvertrag unterschrieben, bei dem ich wöchentlich X Stunden zu leisten habe. Deswegen ist „in Ruhe Stöcke sammeln“ keine Option. Und so schreit das Kind, wird selbst zum Stock und ich bin an der S-Bahn durchgeschwitzt und den Tränen nahe, weil es so furchtbar anstrengend ist (Nein, ich kann ihn nicht Stöcke sammeln lassen, sonst arbeite ich bis 3 Uhr nachts nach und stehe um 6 Uhr wieder auf).

Dennoch vermuten wir, das Kind bekommt die letzten, noch ausstehenden Zähne. Krank ist er – toi toi toi – nicht.

Im Februar wird‘s sicher besser. Obwohl, wenn ich an die „angepassten“ Kita-Öffnungszeiten aufgrund der Seuche denke, vielleicht auch nicht.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund!

Angst um die Direktoren-Kutsch

Angst um die Direktoren-Kutsch

Vor wenigen Augenblicken bin ich in den Innenhof gefahren. Das Einfahrtstor stand offen – wie es tagsüber in unserem Wohnkomplex so Usus ist. Erst in den frühen Abendstunden schließen wir oder die Nachbarn es, verriegeln es und sperren es ab. Ich gehe mit meinem Rucksack Richtung Haustüre und sehe Parkwächter Krause, der auf dem angrenzenden Grundstück Sonnenblumenkerne in ein Vogelhaus einsortiert. Mit einem lauten „Hallo, grüß Sie!“ begrüße ich ihn. Er geht gar nicht erst auf diese Begrüßungsfloskel ein und legt direkt los. Dabei scheint ihm das Thema, das er vermutlich schon etwas länger auf dem Herzen liegen hat, zu beunruhigen.

Parkwächter Krause [PK]: Entschuldige Sie, bitte! Frage!

Ich: Äh…ja, jederzeit. Wie kann ich Ihnen helfen?

PK: Haben Sie die Jugendlichen auch gesehen, die immer in Ihrem Innenhof stehe und rauche?

Ich: Sie meinen die drei, vier Kerle? Ja, habe ich. Sie trinken Kaffee aus Pappbechern und rauchen dort hinten [zeigt auf eine Ecke im Innenhof]. Es ist eine richtige Plage geworden.

PK [die Miene verfinstert sich]: Net nur des! [flüstert sehr laut] Des sind Kleinkriminelle!

Ich [etwas überrascht von dieser Behauptung]: Oh! Das wusste ich nicht.

PK: Aber ich! Ich hab‘ des im Gfühl. Wisse Sie, ich schau ja auch fern, bin informiert und da berichte die öfter amal über solche Jugendliche. Die klauen Ihr Auto, wenn Sie net uffbasse.

Ich [entschließt sich, das Spiel mal mitzuspielen]: Um Gottes Willen!! Was schlagen Sie jetzt vor, was wir machen sollen?

PK: Gnadelos des Einfahrtstor schließe! Es ist a bissle Aufwand, aber des lohnt sich. [Guckt zu meinem Auto, zeigt mit dem Kinn auf selbiges] Ihr Fünf-Meter-Kutsch hat sicher net nur 5 Euro kost.

Ich [scherzend, dabei versucht, die Situation aufzulockern]: Mindestens 10 Euro hat es schon gekostet, ja.

PK: Na, mir mache Sie nix vor. Des Auto kost‘ a Schweinegeld. [zeigt nochmal mit dem Kinn zu meinem Auto] Des is doch so a Direktoren-Kutsch.

Ich [schweigt, etwas verschämt]

PK: Wisse Sie, ich beicht’ Ihne des jetzt grad amal frei raus: Ich war 40 Jahre lang Pförtner beim Hauptfriedhof Frankfurt. Ich hab alles gsehe! Und ich formulier’s amal so: Ich hab a Gspür für solche Leut‘ wie die Youngsters da im Innehof. Mittlerweile bin ich zwar in Rente, aber ich sag immer: Sie kriege zwar die Person aus dem Beruf raus – aber net den Beruf aus der Person. Ich weiß einfach, wann man knallhart uffbasse muss! Bei dene junge Leut’ im Innehof is was faul. Und jetzt sag ich Ihne noch was: Die junge Leute ham letztens in alle Autos, die da bei Ihne im Innehof grasen, reingschaut. Auch in Ihrs!! So, da ham Se den Salat!

Ich [schäme mich etwas, da das Auto voller Pfandflaschen, Riegelverpackungen und Gedöns ist, etwas kleinlaut]: In alle?!

PK: Ganz genau, in alle! Deswegen können wir nur was schlimmeres verhindern, wenn wir des Einfahrtstor gnadelos geschlosse halte! Wisse Sie, ich bin ja sehr aktiv in Funk und Fernsehen.

[Ich gucke etwas irritiert und frage mich, ob er sich als Komparse verdingt. PK registriert meine fragenden Blicke]

PK: Natürlich als Zuschauer, net als Tagesschau-Sprecher [Ich stelle mir das vor und kichere in mich hinein]. Und deswege hab ich letztens einen Bericht gsehe, da stellt’s Ihne die Zehennägel auf. So junge Osteuropäer, die mache sich da a Tagesticket aus der Kaschubei, oder wo die wohne, und fahre nach Frankfurt. Mit dabei ham se so a Kästle, halte des an die Autotür und Ihr graue Luxuskaross springt auf wie nix. Dann setze die sich in Ihr Auto nei, rangiere im Innenhof, und verschwinde mit dem Wagen – auf nimma wiedersehn. Und Sie habe des Nachsehen!

Ich [etwas pikiert, aufgrund des polnischen Vorurteils, räuspert sich]: Ich denke, dass es Autodiebe in jeglicher Colour und Ausführung gibt. Das würde ich jetzt nicht nur auf die Kaschubei beschränken. Wir haben wahrscheinlich auch etliche, alteingesessene Hessen unter uns, die Autos klauen.

PK [etwas nachgiebig]: Kann auch sein. Die müsse ja net zwingend aus der Kaschubei komme. Des hab’ ich jetzt nur so daher gsagt. Entschuldige Sie vielmals, wenn ich Ihne oder Ihre Verwandte damit auf die Füße getreten bin. Ich hab‘ letztens im Ersten einen Bericht gsehe, da war der Kriminelle ein alteingesessener Bürgermeister aus einem Ort – gleich hier ums Eck.

Ich: Genau, es kann jeder sein. Das wollte ich damit sagen. Dennoch zähle ich Bayern, wo ich herkommen, eher zu Deutschland als zu Polen. Doch zurück zum Thema: Ich mache auf alle Fälle das Tor zu.

PK: Von mir aus müsse Sie gar nix. Aber ich will net, dass hinterher des Geheule groß ist. Wisse Sie, ich achte schon drauf, was in Ihrem Innehof passiert. Hab immer ein waches Auge, aber ich muss auch amal auf Toilette, zum Einkaufe oder zum Arzt. Und wenn dann des Tor offe‘ ist… Nicht auszudenke, was dann passiert. [macht Gesten als würde er am Lenkrad sitzen, stülpt Unterlippe um]

Ich: Sie haben vollkommen recht. Danke für den Hinweis – und das Sie so gut auf uns acht geben.

PK: Sicher! Des hab ich einfach so drinne. Ich schau zwar harmlos aus, aber des is mei Vorteil. Immer schon gwese! Auf zack bin ich. Und des danke mir meine Mitmenschen auch.

Ich: Super. Wirklich, vielen Dank!

PK: Da brauche Sie sich jetzt net bedanke. Ich mach des gern! So – jetzt aber. Ich muss weiterschaffe. Tschüss!

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage mit römischem Husky

Sonntage sind herausfordernd. Das liegt hauptsächlich an einer gewissen kulturellen, oder, wenn Sie es etwas enger fassen wollen, persönlichen Diskrepanz zwischen dem Römer und mir.

Für mich zeichnen sich Sonntage dadurch aus, dass sie langsam anrollen. Ähnlich eines sanften, karibischen Meeresrauschen nähern sich die flachen Wellen und ziehen sich langsam, fast unbemerkt, wieder zurück, bevor sie gemächlich wieder anrollen und versuchen, den feinsandigen Strand empor zu krabbeln. Allein ihnen fehlt die Kraft. So wie mir. Denn nichts muss, alles kann an diesem Ruhetag. Doch können möchte ich an diesem Tag so gut wie nichts. Vermutlich deswegen besteht meine Garderobe an Sonntagen aus weichen, unförmigen, seltsam verwaschenen Stoffbahnen, die meinen trägen Körper sanft umspielen. Eben so wie die Wellen der Karibik den Strand umspülen. Nichts engt ein, nichts wird mit Reißverschlüssen, Haken und Knöpfen an Stellen gehalten, die mein Körper aus eigenem Antrieb gar nicht erreichen könnte. Ganz im Gegenteil! Ein paar elastische Nähte, ein Stoffband, das meine Jogginghose daran hindert von meiner Hüfte zu rutschen und ein Paar beige Kuschelsocken, die dank der 4% Elasthan nicht einschneiden und sich gleichzeitig nicht von alleine abstreifen. Auch mein Haaransatz muss sich an diesem Tag seinem Schicksal fügen. Bevor die frühen Abendstunden anbrechen, muss er eben schauen, wie er mit der nicht weniger werdenden Talgproduktion zurecht kommt. Danach erlöse ich ihn gerne mit einer sanften Dusche, die mich in eine Wolke aus Mandelduft und Vanille einlullt.

Aber ganz im Vertrauen: Meiner Meinung nach, sind Sonntage Tage, die die Bademantel- und Pyjama-Lobby erfunden hat. Da bin ich mir recht sicher! Loungewear-Tage, wenn sie das neue Wort benutzen möchten, das kurz vor der Corona-Pandemie werbeträchtig herausgestampft wurde. Und ja, Loungewear klingt soviel eleganter als „Schlabber- und Gammellook“. Ich loungeweare mich also durch den Morgen, lese etwas, stöbere in Ihren Blogs und meinen Entwürfen. Dann schlappe ich in die Küche, wobei Sie das verwendete Verb schlappen wortwörtlich nehmen dürfen. Meine Kuschelsocken-Füße stecken in furchtbar unansehnlichen Schlappen. Ausgeblichenes Pistaziengrün mit weißen Schneeflocken. Urgemütlich, aber, wie beschrieben, auch verboten hässlich. Dazu liegen im Tiefkühlfach bereits die Aufback-Croissants bereit und warten seit dem Wocheneinkauf auf ihren Einsatz. Ich platziere sie auf einem Backblech und schiebe sie in den Ofen. Danach rühre ich im Topf etwas Milch mit Haferflocken zusammen und erhitze den Brei, so dass sich der Kleinste der Familie gleich über sein „Potschi“ (Porridge) freuen kann. Währenddessen setze ich das Teewasser auf. Der Haferbrei wirft träge Blasen, die ebenso träge wieder verschwinden. Mein Blick schweift aus dem Küchenfenster zum Frankfurter Messeturm, der heute gar nicht erst versucht dem hiesigen Hochnebel zu trotzen. Wozu auch? Es ist Sonntag. Keiner wird ihn heute vermissen.

Geräusche nähern sich. Der Römer quatscht mit Signorino, der wiederum etwas nölig antwortet. Es wirkt fast so als würde er nach mir kommen und sich erst langsam in den Sonntag hineinfühlen wollen. Doch dem Römer scheint das egal zu sein. All die unausgesprochenen Worte, die sich im Schlaf scheinbar angestaut haben, will er jetzt, an diesem Sonntagmorgen mit aufgeregten Erzählungen, Spiel und Spaß loswerden als ginge es um sein Leben. Als das Farniente’sche Duo in der Küche ankommt, interpretiere ich eine gewisse Genervtheit in den Signorino’schen Blick hinein. Die Geste, seine Arme hilfesuchend nach mir ausstreckend, untermauert meine Vermutung. Ich nehme ihn auf den Arm. Müde lehnt er seinen Kopf an meinen Hals und betrachtet den Brei, der immer noch gemächlich Blasen wirft. „Che mangiamo? [Was essen wir?]“, durchbricht der Römer diesen innigen Moment zwischen Signorino, dem Haferbrei und mir. Bevor ich überhaupt eine Antwort zu formulieren vermag, hat er die Croissants im Backofen entdeckt und informiert mich ausgiebig darüber, wie schade es ist, dass wir in Deutschland noch keinen Lieferanten für italienische Brioche gefunden haben. Ich nicke und hoffe, dass dieser Redeschwall sich nicht durch den ganzen Sonntag zieht. Kurz denke ich über Noise-Cancelling-Kopfhörer nach, die vermutlich eigens für Morgenmuffel wie mich erfunden worden sind. Doch dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Der römische Gatte würde es wohl falsch auffassen und beleidigt sein, wenn wir ihm mit Kopfhörern begegnen würden. Aber was versteht schon ein Morgenmensch von den Bedürfnissen zweier Morgenmuffel?

Irgendetwas sucht der Gatte jetzt. Dazu raschelt und klirrt er in einer Tour. Bei seinen Monologen, die er voller Energie in diesen frühen Sonntagmorgen spricht, gleitet er mühelos von dem Thema Frühstückscroissants zu dem französischen Präsidenten Macron, bis hin zu dem neu eröffneten französischen Café ums Eck, das seiner Meinung nach ausgezeichnete Macarons haben muss, um schließlich darüber zu referieren, dass jetzt die hässlichste Phase des Winters gekommen ist, denn schließlich sind die warmweißen Weihnachtslichter in den Fenstern und in der Stadt bereits verschwunden. Geblieben ist nur noch eine matschbraune Pampe, durch die wir morgens zur S-Bahn stiefeln, Streusplitt und seelenlose Fenster, die stumm auf unsere Allee starren.

Mein Gehirn, das wahrlich noch nicht aufnahmebereit ist, kreiert einen ebenso matschbraunen Sprachbrei aus all seinen Worten, Annahmen und Informationen. Am Ende wundere ich mich, dass der französische Präsident in unserer Nähe ein Café aufgemacht hat und dort matschbraune Macarons und Streusplitt aus seelenlosen Fenstern verkauft. Es wirkt wie ein Albtraum, aus dem man schnell erwachen möchte. „Mein Italienisch ist wohl doch nicht so gut wie ich dachte.“, rede ich mir ein. Signorino haut sich indessen mit der flachen Hand gegen den Kopf und sagt „Au!Au!“. Ja, dieser Wortschwall macht auch in meinem Kopf „Au!Au!“. Leise flüstere ich „Signorino, nicht schlagen! Das tut doch weh.“. Er grinst und fragt nach „Potschi ?[Porridge?]“. Ich fülle es behutsam auf einen Teller und verteile es mit dem Kinderlöffel so, dass es schnell abkühlt und sich der Nachwuchs nicht daran verbrennt. Der Römer ist derweil schon wieder irgendwo in der Wohnung unterwegs, räumt etwas um oder auf, redet dabei mit sich oder mit uns (so genau kann ich das nicht deuten) und verkörpert das Image eines laut plappernden, temperamentvollen und fröhlichen Italieners am Hafen von Ostia. Jede deutsche Marketingagentur würde sich einen solchen Werbeträger für eine italienische Dolce-Vita-Kampagne sehnlichst wünschen. Nur leider sind Signorino und ich keine Marketingagentur und wenn, dann würden wir heute Früh nur gemächliche Ayurveda-Reisen bewerben.

Langsam schlürfe ich zum Esstisch und stelle den Haferbrei ab. Signorino klettert auf seinen Stuhl. Dann setzt er sich plumpsend. Während ich pustend etwas nachhelfe, dass der Haferbrei erkaltet, schlägt unvermittelt die römische Sonntagsfrage in unser Szenario ein. „Quando usciamo? [Wann gehen wir raus?]“, will der Römer wissen und betrachtet uns erwartungsvoll, ähnlich eines sibirischen Huskys, der endlich, endlich vor die Tür will. Ich seufze leise in mich hinein. Signorino spuckt das Porridge aus. Jeden Sonntag die gleiche Frage im Hause Farniente. Es verwundert, dass ihm noch keine Husky’sche Sichelrute gewachsen ist, die er freudig wedelnd hin- und herwerfen kann. Ja, so ein Römer braucht eben Action, Lebensfreude und Bewegung. Aber das sagt einem auch keiner vorher. Das schlimmste daran ist aber, dass wir ihm all das nicht bieten können. Es ist Sonntagmorgen. Wir sind Stubenhocker und leben dies exzessiv an diesem Wochentag aus. Meine Gedanken schweifen ab – in die Vergangenheit. Ich erinnere mich an unsere ersten, gemeinsamen Sonntage vor Jahren in Rom. „Mein Gott, war ich belastbar.“, denke ich noch und sehe die Szenen in vollem Umfang vor meinem geistigen Auge:

Rom, 2015. Es ist 09:45 Uhr an einem Sonntag. Der Römer treibt zur Eile, schließlich sei das enge, römische Zeitfenster kurz davor sich zu schließen. Denn nur in diesem besagten Zeitfenster hätte man in den römischen Bars [Cafés] noch die volle Auswahl an duftenden Croissants mit verschiedenen Füllungen. Wer danach komme, den beißen die Hunde. Denn dann wären nur noch cornetti con crema pasticcera, Croissants mit einer Art Vanillecreme, vorrätig. Und wer würde diese schon freiwillig essen wollen? Nichts anderes als Ladenhüter sein diese, erklärt mir der Römer. Ich murmele ein leises „Ich mag Vanillecreme“ auf seine rhetorische Frage und will mich noch einmal im Bett umdrehen. Doch zu spät. Der Römer steht bereits mit weißem T-Shirt, dunkler Lederjacke, dunkler Sonnenbrille und perfekt gestyltem Haar vor mir. Er scheint es ernst zu meinen. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe mir meinen Leo-Pulli über, binde die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz und springe in die verwaschene Jeans. Nein, Botticellis Venus bin ich heute wahrlich nicht. Vielmehr habe ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Charlize Theron im Film Monster*. Nur muss ich nicht betonen, wie Charlize Theron damals in einem ihrer Presse-Interviews, dass ich für diesen abgekämpften Look stundenlang in der Maske saß. Bei mir reicht es vollkommen aus, wenn man mich unsanft aus dem Bett sprengt und beim Zähneputzen ungeduldig zur Eile antreibt. Dabei brauche ich Ihnen vermutlich nicht zu erklären, wie ich mich zwischen all diesen top gestylten, römischen Diven im Café fühlte. Immerhin, ich hatte ein cornetto integrale al miele [Vollkorncroissant mit Honig-Füllung] vor mir stehen und blinzelte in die Vormittagssonne. Doch, unter uns, ein schnelles Vanille-Croissant um 11:30 Uhr wäre für mich vollkommen ausreichend gewesen.

Die Jahre vergingen, der Römer zog nach Deutschland und so manch liebgewonnene Sitte veränderte sich. Außer die eben beschriebene. Jeden Sonntag mutierte der Römer wieder und wieder zum hechelnden Husky, der sofort und unbedingt an die frische Luft musste, um noch rechtzeitig vor 10:15 Uhr seinen ersten Cappuccino in einem Café zu trinken. Irgendwann ging ich genervt dazu über, dass ich sonntags grundsätzlich nicht daheim war. Dank meines Arbeitgebers konnte ich die Flüge so legen, dass ich – leider, leider- immer an diesem Tag arbeiten musste. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Dann kam Signorino und danach das Coronavirus. Auch hier waren meinem römischen Husky die Pfoten gebunden. Langsam schlich sich sogar eine gewisse Sonntagslethargie bei ihm ein. Es war ein angenehmes, sonntägliches Miteinander. Doch dann, der Umzug im Herbst 2021 war gerade durchgestanden, knisterte und kribbelte es wieder in den römischen Synapsen. Der Husky in meinem Mann erwachte, was vermutlich auch daran lag, dass wir plötzlich unzählige Cafés in nächster Nähe zum neuen Wohnort hatten, die bereits in den frühen Morgenstunden geöffnet hatten. Noch dazu ist das italienische Lieblingscafé nun mit einem straffen 30 Minuten Marsch zu erreichen.

Signorino und ich müssen da jetzt irgendwie durch. Letzte Woche beispielsweise wurde Signorino vom Römer aus seinem Schlafsack gesprengt wie ich damals aus dem römischen Bett im Stadtteil Testaccio. Der kleine Mann nörgelte und maulte, aber es half nichts. Ich hingegen wollte noch in Ruhe ein Paar Winterstiefel für den Sohnemann kaufen. Gelassen suchte ich im Internet nach einem Rabattcode, bemerkte dann, dass ich meine Treuepunkte eintauschen konnte und konvertierte diese Punkte vollkonzentriert in einen Gutschein. Das ging dem Römer nicht schnell genug. „Quanto ti dura? [Wie lange dauert es noch?]“, wollte der Gatte wissen. „Gleich!“, antwortete ich wie ein genervter Teenager. „Sag mir doch eine Zeitangabe an.“, fuhr der Römer unruhig fort und zog dem motzenden Signorino die abgenutzten Winterschuhe an. „Keine Ahnung….15 Minuten.“, murmelte ich und gab den Gutscheincode ein. „Okay…also um 11:20 Uhr bist du fertig, kann man sagen?“, nagelte mich der Römer mit meinem flapsig dahingesagten Satz fest. „Öhm…ja…vielleicht eher 11:25 Uhr oder 11:30 Uhr?“, versuchte ich sein strenges Zeitplan-Korsette zu lockern. „Deciditi! [Entscheide dich!)“, knurrte der Römer genervt und streifte dem wehrlosen Signorino den Schlauchschal mit den roten Dinos über. „Ja… 20 Minuten so in etwa.“, antwortete ich genervt. Wenigstens an Sonntagen wollte ich mich keinem straffen Zeitplan unterwerfen. An allen anderen Tagen hatte ich keine Wahl, schließlich waren sie bestimmt von Arbeitszeiten, Kitabring- und -abholzeiten, Terminen und Fahrplänen. „Okay. Alle 11:25 [Um 11:25]. Dir bleiben noch 17 Minuten.“, erklärte mir der Römer ungeduldig und Signorino hatte bereits seine Mütze auf. Mit großen, traurigen Augen guckte mich mein Sonntagskind an. Nein, auch er hatte keine Lust. Viel lieber würde er Bausteine in einem Spielzeugtopf kochen. Ganz in Ruhe. Eben ohne, dass ihn jemand zur Eile antrieb.

Ich hastete ins Bad, band meine strähnigen Haare zu einem Dutt, schlüpfte in meinen Leo-Pulli, stolperte fast wieder rückwärts aus der Jeans, weil ich das Gleichgewicht in all der Eile verlor, deodorierte mich und streifte mir die Kuschelsocken ab, da ich damit unmöglich in meine Winterstiefel passte. „Tschüss! Vielleicht sehen wir uns nachher.“, flüsterte ich meinen wollenen Sonntagsfreunden hoffnungsvoll zu. „Solo per non perdere l’obiettivo: Ti rimangono 5 minuti. [Nur, um das Wesentliche nicht zu vergessen: Die hast noch 5 Minuten.]“, rief mir der Römer zwischendurch zu. Ich kaschierte meine Augenschatten mithilfe eines Abdeckstiftes. Als ich Richtung Flur ging, das Kind war bereits in seine Daunenjacke gepresst, hielt mir der Römer eine weiße Maske entgegen. „Hier! Nicht, dass du die Maske vergisst.“, sicherte sich der Gatte auch gegen diese Imponderabilie ab. Ich steckte sie widerwillig in meine Manteltasche. Das Kind wurde in den Buggy gehievt und versuchte, als letzten Protest, seine Mütze vom Kopf zu ziehen. Es gelang halbwegs. Dann schritt der Römer ein. Wir nahmen den Aufzug und standen um 11:32 Uhr auf der Straße. „Puh! Ganz schön kalt.“, stellte der Römer fest. Für einen Tag Anfang Januar empfand ich die Temperaturen als durchaus erträglich. Wir gingen Richtung italienisches Lieblingscafé. Ich zog die Wintermütze etwas weiter in die Stirn. Nach etwas mehr als 500 Metern bemerkte der Römer wieder, dass es „echt kalt“ sei. Ich nickte. „Sollen wir nicht lieber umdrehen?“, fragte die römische Frostbeule. Es war 11:39 Uhr. „Nein!“, maulte ich. „Aber es ist sooo kalt!“, bettelte der Römer. „Du wolltest raus und hast uns alle aus unseren gemütlichen Sonntagsuniformen herausgesprengt. Jetzt laufen wir eben zu deiner Lieblingsbar. Los!“, herrschte ich ihn genervt an. „Aber vielleicht biegen wir hier links ab und statten dem neuen, französischen Café einen Besuch ab? Das Brixia* [die römische Lieblingsbar] ist echt weit weg. 30 minuti a piedi! [30 Minuten zu Fuß!]“, schlug der Römer vor. „Oooookay.“, erbarmte ich mich und witterte meine Chance: „Aber nächsten Sonntag bleiben Signorino und ich daheim. Allerhöchstens können wir einen Nachmittagsspaziergang machen – wenn das Wetter mitspielt.“ Der Römer nickte und bibberte in seinem schwarzen Kaschmirmantel. Den dunkelgrauen Schal zog er noch ein bisschen fester um den Hals, die Mütze noch ein bisschen tiefer.

Zu unserem Glück änderten wir den Plan und gingen zum französischen Café, das fantastische Schokotörtchen vorweisen konnte. Denn wären wir zur römischen Lieblingsbar gegangen, hätte uns das Schild „Chiuso per ferie – Geschlossen wegen Urlaub“ erwartet. So ging nochmal alles gut!

In diesem Sinne: Haben Sie einen wundervollen, ruhigen Restsonntag!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

WMDEDGT- Januar 2022

Es ist der 5. und Frau Brüllen fragt wie immer: “Was machst du eigentlich den ganzen Tag?” oder, etwas kürzer:WMDEDGT.

07:00 Uhr – Aufstehen. Der Römer hat sich schon unbemerkt aus dem Haus geschlichen. Ich esse zwei Kekse, trinke einen Espresso und vier Schluck Tee und begebe mich in die Maske. Für mehr als UV-Creme, Tagescreme und aufgepinselten Lidschatten, den ich als Kajal missbrauche, reicht es trotzdem nicht. Stichwort: Es reicht für die Videokonferenzen, aber live braucht mich auch keiner treffen. Da Homeoffice Pflicht ist, gehe ich davon aus, niemanden im Büro anzutreffen, so wie an den letzten beiden Tagen.

08:00 Uhr – Ich wecke Signorino. Er schläft tief und fest. Die Idee in die Kita zu gehen, findet er zwar nicht berauschend, aber immerhin brüllt er nicht. Er frühstückt extrem langsam. Nach 20 Minuten ziehe ich ihn an während er an seinem Haferkeks nuckelt. Ich biete ihm, damit er überhaupt etwas im Magen hat, Marmeladen gefüllte Schokoherzen an. “Signorino, willst du sowas?”, sage ich und er wiederholt “Sowas.”.Er nimmt das Herz in Empfang, probiert, macht “JamJamJam” (Wirklich!) und schreit dann begeistert “Sowas”. Ich kläre ihn auf, dass “Sowas” nicht der Name der Schokoherzen ist und nenne die korrekte Bezeichnung, doch der Zug ist abgefahren. Nach “Sette” gibt es nun eben “Sowas”.

08:30 Uhr – Es hat 3 Grad Außentemperatur, aber zum Glück nicht Innentemperatur. Blöderweise müssen wir hinaus und können nicht drinnen bleiben. Wir gehen zur S-Bahn, Signorino fragt, ob wir Zug fahren und ich bestätige. Dann geht er erstaunlich lang selbst, bevor er getragen werden will. Ich liefere ihn in der Kita ab, er weint kurz, ich tröste, dann rennt er zum Spielen. Mein Tschüss bekommt er schon gar nicht mehr mit.

09:15 Uhr – Ich nehme meine obligatorische Arbeitssprachnachricht für den Anderen auf. Immer im Grüngürtel beginnend und im Grüngürtel endend, erzähle ich ihm von meinem bevorstehenden Tag und wünsche ihm einen guten Morgen, wenn er um 12 Uhr aufsteht. Er war gerade in L.A., das Jetlag ist noch recht frisch.

09:25 Uhr – Das Licht brennt im Büro, die Tür ist unverschlossen. Ich treffe auf zwei Kollegen und mir wird eine dritte Kollegin angekündigt. Full-House, Wahnsinn! Hätte ich mal lieber heute Morgen das Gala-Makeup aufgetragen. Naja! Chance vertan. Wir treffen uns in der Kaffeeküche wie in alten Zeiten, nur dass ich diesmal ganz beiläufig anfrage, ob sie sich brav getestet haben, denn das müsse ich in meiner Liste vermerken. Mit einem Test in der linken und dem Espresso in der rechten Hand verziehe ich mich in meinen Raum, trinke den Espresso und mache danach den Test. Immerhin hätte ich bei einem positiven Ergebnis einen guten Espresso vorher gehabt. Doch ich bin negativ und darf mich der Entrümpelung der Kammer des Schreckens widmen. Nomen est omen. Es ist schrecklich. Ich versuche alles bei Kleinanzeigen zu verschachern, aber es ist sehr mühselig. Dazwischen bestelle ich Getränke, kümmere mich um Blickschutzbildschirmfolien und kommuniziere das den Kollegen auf Englisch. Falls Sie sich, wie ich heute Vormittag, fragen, was Blickschutzbildschirmfolie auf Englisch heißt: Privacy screen protector. You’re welcome!

10:00 Uhr – Ich telefoniere über die Bundeslandgrenze nach Bayern in die Zentrale. Und siehe da: Die haben morgen schon wieder Feiertag! Heilig Drei König. Ständig gibt es was zu feiern in Bayern. Ich beschwere mich etwas bei meiner Kollegin. Sie zeigt Verständnis und bestellt als Wiedergutmachung vier Bildschirme für das Frankfurter Büro. Immerhin hat jemand Mitleid mit den armen Hessen.

12:15 Uhr – Die Kollegen gehen zum Mittagessen. Ich dürfte natürlich auch mit, aber leider komme ich sonst nicht auf meine Stunden. Also bestelle ich mir eine Bowl, wie man auf hessisch sagt. Leider ohne Reis, stattdessen mit Salat. Das sehe ich aber erst als ich auf den Salat starre. Ja gut! Dann halt “low carb”. Zum Ausgleich gönne ich mir drei Schokoriegel und einen Espresso, damit mein Körper nicht in Aufruhr gerät und streikt. Man weiß ja nie.

14:05 Uhr – Ich packe den Laptop ein, briefe die Kollegen, dass sie dem Kleinanzeigen Kunden bitte aufmachen mögrn und verschwinde in das Grau in Grau Frankfurts. Ein Stück den Grüngürtel entlang, der im Winter auch problemlos Braungürtel heißen könnte, und schon bin ich an der Kita. Kurzes Briefing der Erzieherin, Signorino will nochmal Brot und wir gehen zur S-Bahn.

15:05 Uhr – Wir sind daheim und essen Joghurt und Banane. Dann kuscheln wir uns auf die Couch und gucken Bobo Siebenschläfer*. Jedesmal, wenn Bobo mit Mama Siebenschläfer im Garten ist, und Mama “So, Bobo, jetzt graben wir ein Loch.” sagt, bricht das Kind vor lauter Gelächter vollkommen zusammen.

16:05 Uhr – Der römische Gatte ist daheim. Heute ist Mittwoch und Einkaufstag. Überraschung: Er fühlt sich wie jeden Mittwoch miserabel. Als ich ihm ankündige, dass ich nochmal 2 Stunden arbeiten müsse und wir nicht einkaufen gehen, fühlt er sich immer noch nicht besser. Ich arbeite, Signorino ist sauer auf mich, weil ich keine Zeit für ihn habe, der Römer liegt mit seinem Handy auf der Couch. Ich erinnere den Mann daran, dass Homeoffice nicht bedeutet, dass ich trotzdem für alle ansprechbar bin, während ich auf der Tastatur herumklimpere. “Ma che devo fare?” [Aber was soll ich denn tun?] fragt der Gatte.

18:00 Uhr – Ich habe fertig, wie mancher sagen würde (Wenn Sie den Satz nicht kennen, sind Sie vermutlich noch recht jung. Herzlichen Glückwunsch!). Dann verziehe ich mich in die Badewanne. Manchmal braucht Mutti auch eine Pause. Das Kind brüllt. Ich schreie aus der Badewanne: “Er hat Hunger!!!” Der Römer bestreitet das, denn es sei doch erst 18:30 Uhr. Ich schreie wieder: “Er hat Hunger!!!” Nach dem vierten Mal gibt der Römer entnervt auf und siehe da – Signorino hatte Hunger.

20:00 Uhr – Der Gatte sagt, es gefriert heute Nacht nicht. Ich traue ihm nicht und muss wohl in die Kälte, um die Folie auf die Frontscheibe zu schnallen. Ich gräme mich noch etwas, schließlich ist es kalt und ich bereits im Schlafanzug.

Notfalls fahren wir Zug wie hier in Japan.

21:30 Uhr – Das Kind schläft endlich. Der Mann ist sich sicher, dass es nachts nicht gefriert und deswegen gehe ich heute nicht mehr aus dem Haus und decke das Auto ab. Soll es doch gefrieren! Dann kratze ich die Scheibe halt ab, während Signorino ums Auto herumläuft. 🤷🏻‍♀️

21:45 Uhr – Der sonst so beratungsresistente Mann fragt ausgerechnet mich nach Ratschlägen zu Zitationsstilen und Uni-Kram. Entweder er kennt niemand anderen oder er vertraut tatsächlich meiner Expertise? 🧐 Ich erkläre ihm etwas und er hört aufmerksam zu. Wenn Sie wüssten, wie das damals bei unseren internen Deutschunterricht ablief, wo er jedes Satzteil meinerseits anzweifelte, dann würden Sie sich jetzt ebenso wundern wie ich.

Ich beschließe zu lesen und dann ins Bett zu gehen. Let’s call it a day!

Jahresresümee 2021

Wie jedes Jahr beginne ich den letzten Tag des Jahres mit meinem Lieblingszitat für die Jahreswende:

For last year’s words belong to last year’s language. And next year’s words await another voice. And to make an end is to make a beginning. [T.S. Eliot]

Gute Ausblicke für 2022.

Und hier kommt der Jahresrückblick 2021

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr? Eine 5. Wobei ich momentan sagen kann: Etwas graust es mir schon vor dem neuen Jahr. Und das liegt nicht an dem allseits beliebten Thema Corona.


2. Zugenommen oder abgenommen? Ich wiege mich seit diesem Sommer nicht mehr, da die Batterien der Waage leer sind und ich seit Monaten vergesse, neue zu kaufen. Laut der Jeans, die ich aktuell trage, würde ich sagen gleichbleibend (+ 2 Weihnachtsflugkilos).

3. Haare länger oder kürzer? Länger – dank Corona und allen möglichen Veränderungen, stört es mich nicht besonders, wieder recht lange Haare zu haben. Ich trage meist einen Pferdeschwanz und damit fahre ich gut.

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleichbleibend schlecht. Eventuell ein wenig schlechter auf dem rechten Auge. Das müsste ich 2022 überprüfen lassen.


5. Mehr Kohle oder weniger? Erst deutlich weniger, gegen Mitte des Jahres deutlich mehr.

6. Besseren Job oder schlechteren? Zum Teil einen anderen Job, wenn der Ausgangspunkt ist, dass Signorino letztes Jahr mein einziger Job war. Ich bin mittlerweile froh, wieder einige Stunden arbeiten zu können.


7. Mehr ausgegeben oder weniger? Vermutlich mehr. Siehe Punkt 14.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Einen Kita-Platz. Zwei neue Arbeitgeber (1xRömer, 1xIch). Die Erkenntnis, dass Wochenend-Reisen mit einem knapp 2-jährigen total anstrengend sind. Die Erkenntnis, dass es deutlich entspannter als jeder Wochenend-Trip ist, wenn der Römer und ich zeitgleich frei haben, aber das Kind in die Kita geht. Ich war selten so erholt wie in diesen drei Tagen Anfang Dezember.


9. Mehr bewegt oder weniger? Mit einem Kleinkind rennt man recht viel. Deswegen vermutlich mehr. Jetzt, wo er nicht mehr ganz so wild ist, eher weniger. Aber die Laufrad-Saison fängt bald an. Und hier läuft nicht nur das Kind, sondern auch die besorgten Eltern, vermute ich.


10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr? Eine heftige (siehe Codice Rossoc Punkt 11). Dazwischen ein paar Mal Schnupfen.

11. Davon war für Dich die Schlimmste? Meine Codice Rosso Erkrankung. Bei Signorino war es diese hier.


12. Der hirnrissigste Plan? Die letzte Nacht in Albanien nicht im Hotel zu verbringen.

13. Die gefährlichste Unternehmung? Mir fällt keine ein.

14. Die teuerste Anschaffung? Keine Anschaffung im eigentlichen Sinn, aber vermutlich der Umzug mit all seinen Kosten (Neuanschaffungen, Umzugskosten, Renovierungakosten, etc.). Wobei die Autoreparatur ebenso eine Stange Geld gekostet hat. Als dann beides zusammenkam, sah unser Sparkonto etwas mager aus.


15. Das leckerste Essen? Vom Römer selbstgekocht. Wobei ich letztens im Seefeld* war. Das war auch klasse und der Service ist top!

16. Das beeindruckendste Buch? Robert Seethaler: Der Traffikant*. Wenn Fische fliegen lernen von der lieben Lore*. Ich fieberte jede Sekunde mit. Und vielleicht: Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky*. Aber generell kam ich nicht wirklich zum Lesen.

17. Der ergreifendste Film? Keinen. Signorino ging wie immer so spät ins Bett, dass für Filme keine Zeit blieb.

18. Der beste Song? Wir hören hauptsächlich Signorinos Liederauswahl. Sehr schön und durch ihn entdeckt, finde ich die Gruppe Haevn*. Und Andrea Bocelli, der mit seinem Sohn „Fall on me“* singt.


19. Das schönste Konzert? Okay, den Punkt sparen wir uns – wie immer.

20. Die meiste Zeit verbracht mit? Signorino, dem Römer, vermutlich Turtle.


21. Die schönste Zeit verbracht mit? Signorino, der Römer, Turtle.

22. Zum ersten Mal getan? Kita Eingewöhnung. Neue Reifen gekauft (ging ganz einfach).

23. Nach langer Zeit wieder getan? In einem Büro gearbeitet. Ein Studium aufgenommen. Prüfungen geschrieben.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Viel Privates.


25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Das Leben ist lebenswert. Egal wie.

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Puh, da müsste man diesen „jemand“ fragen.

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vermutlich die Wohnung, in der wir nun wohnen, die Turtle uns sehr unkompliziert verschafft hat.

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Das Kind schläft. 😉 Oder einfach der Ausruf “Mama!”.


29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? Keine Ahnung, da müsste man wohl die anderen Personen fragen.


30. Dein Wort des Jahres? Neue Wohnung.

31. Dein Unwort des Jahres? Unverändert: Corona Virus. Werkstattkosten. Nembutal.

In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund, liebe Leser, und rutschen Sie entspannt ins neue Jahr 2022. 🥂💛

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Mam(m)a Mia

Mam(m)a Mia

Zweisprachige Kinder haben’s nicht leicht. Mama sagt so und Papa sagt anders und da soll einer schlau daraus werden?

Aber sehen Sie selbst, wie schwer es Signorino mit uns als Eltern hat.

Ich: Signorino, wie heißt du?

Signorino: Farniente!

Signorino nennt wie immer nur seinen Nachnamen. Seinen Vornamen nennt er grundsätzlich nicht, obwohl wir ihn unzählige Male mit ihm geübt haben. Er bevorzugt dennoch beim ‚Sie‘ zu bleiben. Vermutlich dürfen ihn nur seine engsten Kindergartenfreunde duzen.

Ich: Signorino, und wie heißt die Mama?

Signorino: Mia!

Ich (irritiert): Nein, Schatz, ich heiße nicht Mia. Ich heiße Eva. Wie kommst du denn auf Mia?

Signorino wiederholt stoisch den Namen Mia und lässt sich nicht davon abbringen. Die Tage vergehen. Das Rätsel kann nicht gelöst werden.

Bis…

…dem Römer eine Schüssel in der Küche herunterfällt und in tausend Teile zerspringt. Der Mann ruft aufgebracht: „Mamma mia! Mancava solo questo! [Mamma mia! Nur das fehlte mir noch.]“ Signorino und ich sind im Wohnzimmer. Der kleine Kerl fixiert mich, lacht, ruft „Mamma mia“ und zerrt mich in die Küche.

Ist doch logisch. Wenn Papa „Mamma mia!“ ruft, dann braucht er die Hilfe von „Mama Mia“.

Rom – mit Blick auf das Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II oder: Mamma mia! Was für eine Aussicht.

Weihnachten bei den Farnientes

Ich glaube, der weihnachtlichste Moment in diesen Festtagen war, als das Kind darauf bestand mit einer Rentier-Geschenkpapierrolle einzuschlafen. Es war der 23. Dezember und mein Plan war es, die unverpackten Geschenke abends, wenn das Kind schläft, einzupacken.

Den Plan vereitelte Signorino, in dem er die Geschenkpapierrolle fand und fortan als seinen Intimus betrachtete. Den ganzen Abend verbrachten die beiden miteinander. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Freundschaft nur so lange Bestand hielt, weil die Rolle noch in ihrer dünnen Plastikfolie eingewickelt war. Das Zähneputzen fand selbstverständlich mit der Geschenkpapierrolle in der rechten Hand statt. Ein riesen Gekreische schrillte durchs Wohnzimmer als er die Rolle für den Bruchteil einer Sekunde aus der Hand legen musste, weil wir ihn in den Pyjama steckten. Man hätte meinen können, wir würden das Kind abstechen. „Nimm ihm doch jetzt die blöde Rolle weg! Ich brauche die eh gleich, weil ich die Geschenke noch einpacken muss.“, wies ich den Römer an. „Ma che? Non ci dobbiamo stressare. [Ach was! Wir müssen uns nicht stressen.] Wir nehmen sie ihm gleich weg, wenn er schläft.“, antwortete der römische Gatte. Ein guter Plan, der leider am Faktor Kind scheiterte.

Wir brachten Signorino und seine Geschenkpapierrolle ins Bett. Er lag in der Mitte, flankiert vom Römer und mir. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man zwei Elternteile braucht, um ein Kind ins Bett zu bringen, ist das eine überaus berechtigte Frage. Die Antwort ist eine sehr einfache. Es ist (momentan) der schnellste und effizienteste Weg, das Kind ins Bett zu bringen. Fehlt ein Elternteil, wird dieser solange von Signorino gesucht bis er sich schließlich auch ins Bett begibt. Wenn man Signorino nicht aus dem Bett oder gar aus dem Schlafzimmer entlassen will, damit er den abwesenden Elternteil suchen kann, kreischt er ebenfalls solange bis er suchen gehen darf. Deswegen dauert der Einschlafprozess 15 Minuten, wenn wir beide zusammen anwesend sind – oder 2,5 Stunden, wenn nur ein Elternteil Signorino ins Bett bringen darf. Sie können sich denken, für welchen Weg wir uns regelmäßig entscheiden.

Als Signorino langsam ins Reich der Träume glitt, streckte ich im Halbdunkeln meine Hand nach oben, darauf bedacht, den Abkömmling nicht zu wecken, aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Römers zu gewinnen. Der Römer reckte seinen Kopf. Ich flüsterte „Geschenkpapierrolle!!“. Er kuschelte sich an das Kind heran, löste den kindlichen Daumen und wollte dann die restlichen Finger von der Rolle lösen, doch das Kind schrie bereits los. Mist! Der kleine Kerl hatte noch nicht richtig geschlafen. Der Römer ließ von seiner Hand und der Geschenkpapierrolle ab, um ihn dann sofort mit beruhigenden „Sssch’s“ zu besänftigen. Ein paar Mal nuckelte Signorino empört am Schnuller, um dann wieder einzuschlafen. „Nochmal?“, flüsterte ich nach 5 Minuten, in denen der Römer und ich unbeweglich wie zwei Eisblöcke neben dem Kind lagen. „Bloß nicht wecken!“ war die Devise. Der Römer schüttelte den Kopf und zeigte Richtung Tür. Wir schlichen uns aus dem Zimmer. Im Flur besprachen wir die Taktik. „Wenn die Entspannungsphase im Schlaf einsetzt, dann wird Signorino ganz von alleine von der Rolle ablassen und wir können sie mühelos und ohne Geschrei entfernen. Notfalls packst du erst morgen die Geschenke ein.“, erklärte mir der Römer seinen Plan. Ich stimmte zu. Als wir gegen Mitternacht ins Bett gingen, lag unser Sprössling mit seiner Geschenkpapierrolle im Klammergriff tief schlafend im Bett. „Und jetzt?“, flüsterte ich. „Ich schlaf doch nicht neben einer Geschenkpapierrolle?!“ Der Römer musste sich bei diesem Gedanken ein Lachen verkneifen und hielt sich den Mund zu, um das Kind nicht zu wecken. „Dai! Non ti preoccupare. [Komm schon! Mach dir keine Sorgen.] Jetzt kann man ihm die Rolle einfach wegnehmen.“ Sie ahnen es: Man konnte nicht. So schliefen wir also zu viert im Bett: Der Römer, Signorino, die Geschenkpapierrolle und ich. Wann immer sich das Kind drehte, und das tat es oft und viel, hatte man entweder einen kleinen Fuß im Bauch, eine Geschenkpapierrolle im Gesicht oder eine Hand auf dem Kopf. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich quartierte mich aus. „Es wird Zeit, dass das Kind alleine schläft.“, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

Am nächsten Tag verbrachten Signorino und die Geschenkpapierrolle den Tag miteinander. Als die junge Freundschaft zur Mittagsschläfchenzeit immer noch nicht vorbei war, beschloss ich, die Geschenke in Geschenkpapier mit der Aufschrift „Happy Birthday!!“ zu verpacken. Anderes Papier hatte ich nicht zur Verfügung. Das Kind kann nicht lesen und in 30 Jahren werden wir bei der PowerPoint-Präsentation (oder was auch immer es dann geben wird) anlässlich seiner Hochzeit alle etwas zu lachen haben, sofern er denn überhaupt heiraten will. Nachdem alle Geschenke eingepackt waren, das Kind wieder wach und fit für die zweite Tageshälfte, verlor er, wie sollte es anders sein, sein Interesse an der Geschenkpapierrolle.

Der 24. Dezember war ansonsten recht unspektakulär. Es gab in unserer Wohnung keinerlei Weihnachtsdeko, was der mangelnden Zeit im Dezember geschuldet war. Das Kind riss seine Geschenke gegen 19 Uhr auf und wollte ansonsten gerne „Bobo Siebenschläfer*“ gucken. Der zweite Weihnachtsfeiertag plätscherte so vor sich hin. Morgens nieselte es, nachmittags schneite es, aber es war auch vollkommen egal, welches Wetter vor unseren Fenstern tobte. Wir hatten eh nicht vor, heute das Haus zu verlassen. Selbst der Knirps wollte nicht raus, trotz mehrmaligem Anbieten eines Spielplatz-Besuches. „No’malBoboJA?! [Nochmal Bobo Siebenschläfer, ja?]“, war seine Antwort. Dabei muss ich hervorheben, dass seine Satzstruktur mich stark an unseren neuen, überaus freundlichen Kebab-Dealer Cetin erinnert. „ZweiMalDönerMitAllesScharf,JA?!“, sagt Cetin, wenn die Schlange vor seinem Laden sich mal wieder um die nächste Straßenecke schlängelt. Da Cetin nicht nur überaus freundlich und schnell ist, sondern, hier lege ich mich fest, einen der besten Döner Frankfurts anbietet, ist seine Satzstruktur aufgrund des hohen Aufkommens an hungrigen Gästen oft auf das Nötigste reduziert. Er kann aber auch ganz normal sprechen, wenn nicht Horden von hungrigen Frankfurtern vor seinem Laden warten. Dennoch weiß ich nicht, ob es für uns als Eltern spricht, dass das Kind nun diese Satzstruktur aufweist. Zu unserer Verteidigung möchte ich trotzdem erwähnen: Wir hatten im Dezember echt viel zu tun und haben nur deswegen so oft bei Cetin bestellt. Immerhin sagt das Kind noch nicht „NächsteBitteHalloMeinFreundWasDarfsSein?“.

Am Abend des 25. Dezembers machten wir etwas total verrücktes: Wir buchten unseren Sommerurlaub. Das taten wir noch nie so früh, was einerseits daran lag, dass wir ein sehr unstetes Leben hatten und nicht länger als zwei Wochen im Voraus planen konnten. Andererseits lag es an der ständigen Ungewissheit, wann wir überhaupt Urlaub nehmen können, ob und wann wir einen Kitaplatz finden, ob und wann wir umziehen, usw.. Doch dieses Jahr haben wir bereits alle Unwägbarkeiten, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt wissen können, abgeklärt. Dazu sind wir dieses Jahr umgezogen, haben eine Kita gefunden und werden unseren Urlaub rechtzeitig beantragen.

Dazu wussten wir: Die Kita schließt in den letzten zwei Augustwochen. Irgendjemand muss das Kind betreuen. Wir arbeiten beide und somit ist es klar, dass wir uns in dieser Zeit frei nehmen werden. Zuerst buchten wir fünf Nächte in Rom in dem Reihenhäuschen, dass wir 2020 kennen und lieben gelernt hatten. Dann dachten wir daran, dass wir danach den Zug nach Bari nehmen könnten und in Polignano a Mare eine Woche bei einem römischen Freund verbringen könnten. Die Züge waren noch nicht buchbar, was wenig verwunderte, denn DB Tickets* kann man auch erst drei Monate vorher buchen. Der Römer und ich redeten etwas über Albanien und über Gjiri i Lalzit, die Lalzit Bucht. etwas oberhalb von Durrës. Hier waren wir das erste und letzte Mal am Meer als ich mit Signorino schwanger war. Furchtbar langweilig, wenn man als Paar dort ist. Mit Kind sieht das aber ganz anders aus: Es gibt einen langen Strand, zwei Restaurants, drei Spielplätze, viele Kinder, ein Café, fertig. Dazu ist die Wohnanlage von langen Wohngebietsstraßen durchzogen, die zu allen heiligen Zeiten von einem Auto befahren werden. Davor und danach gehört die Straße den Kindern mit Laufrädern, Bobby Cars und Fahrrädern. „Ach, ich weiß nicht.“, stöhnte der Römer bei der Vorstellung. „Warum in den Norden schweifen, wenn wir im Süden die besten Strände des Landes haben?“ Ich bat ihn, mir noch ein Mal die Bilder von Orten wie Dhermi, Ksamil, Palasë und Himar zu zeigen. Hübsch sah es dort aus. Wir suchten nach Unterkünften. Der Haupttenor des Römers war bei jeder Unterkunft “Ma che cos’è? [Aber was ist das denn?] Das würde ich nicht mal an den Mann** meiner Schwester vermieten.“ Irgendwann, durch eine göttliche Fügung, fanden wir eine Unterkunft die dem Römer genehm war. Der Preis im August sprach aber auch für sich. Gleichzeitig glänzten die römischen Augen. „Okay, können wir machen. Dann wird aber Rom storniert. Wir sind doch nicht Graf Koks!“, erklärte ich dem Römer. „Okay, kein Problem.“, sprach der Gatte und stornierte in zwei Klicks den Besuch in Rom. „Dann nehmen wir am besten ein Taxi bis dorthin.“, schlug er vor. „Ne, ne, ne, ne, ne! Sicher nicht. Das kenne ich schon. Vergiss es!“, insistierte ich blitzschnell. „Ma perché no? [Aber warum nicht?]“, wollte der Römer wissen. Ich hatte meine innere Kontra-Liste schon seit 2019 fertig in meiner virtuellen Albanien-Schublade und feuerte ein Argument nach dem anderen ab: „1. Mir ist bis jetzt kein albanischer Taxifahrer begegnet, der nicht die ganze Zeit durchgeredet hat. Natürlich in einem undefinierbaren, albanischen Dialekt. Mit dir. Die Fahrt dauert mindestens vier Stunden. Ne, danke. 2. Entweder Taxis haben keine Klimaanlage und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Oder aber es gibt eine Klimaanlage. Dann ist die Einstellung immer auf „Winter in Jakutsk“. 3. Die Blicke! Jedes Mal, wenn ich den Kindersitz für Signorino installiere, werde ich angeguckt als hätte ich sie nicht alle. Das reicht mir schon, wenn dein Bruder mich so anguckt. 4. Gespräche über Deutschland. J-E-D-E-S einzelne Mal. Es scheint, als wärst du ein Gesandter der albanischen Botschaft in Berlin. Der Fahrer feuert also ein unbestätigtes Gerücht über Deutschland ab und du übertreibst es entweder mit deinen Lobeshymnen oder du machst Deutschland so schlecht, dass man denkt, man wohnt in einem seelenlosen Land voller dysfunktionaler Menschen. 5….“ Der Römer unterbrach mich: „Ist ja schon gut. Was willst du stattdessen machen?“ Ich grinste. Auch hier hatte ich bereits meine Lösung feinsäuberlich vorbereitet: „Ich buche einen Mietwagen. Bei Firma X – am Flughafen. Nicht wieder bei einer Mietwagenplattform, wo ich irgendeine Schrottbrasse in der Stadt abholen darf und wenn ich ankomme, sagt man mir: ‚Oh, da haben Sie aber Glück, dass sie fünf Minuten zu früh dran sind. Denn das ist unser letzter Mietwagen. Na ja, dann hat das Paar nach Ihnen eben Pech.‘ Wenn ich einen Mietwagen vier Monate vorher gebucht und bezahlt habe, brauche ich kein „Glück“. Der Mietwagen steht dort, wie vertraglich vereinbart, und wartet darauf von mir übernommen zu werden. Außerdem will ich die Mietwagenkategorie „Panzer“. Nie wieder fahre ich mit einer halbkaputten Coladose auf den Straßen Albaniens. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wir haben teure Fracht an Bord, unseren Signorino.“ Ich drehte den Bildschirm zum Römer, um ihm zu zeigen, was ich mir genau vorstellte. „So viel Geld? Bist du irre! Sollen wir nicht lieber meinen Schwager Besim fragen, ob wir seinen Hyundai*** in der Zeit haben dürfen?“, wollte der Römer wissen. „Ne, danke. Auch das kenne ich schon. Natürlich sagt er sofort Ja, weil er zum heutigen Zeitpunkt denkt, dass er es schon irgendwie hinbekommt seinen Hyundai*** zu verleihen. Wenn wir dann Mitte August mit Kind und Koffer vor seiner Tür stehen, ist er so überrascht, dass er uns den Kleinstwagen seines Sohnes anbietet, denn der Hyundai*** sei angeblich in der Werkstatt. Zu dritt quetschen wir uns dann in den alten Opel Corsa*** und tuckern nach Dhermi. Ne, ne, mein Lieber! Entweder das – zu meinen Konditionen oder wir fahren an die Nordsee.“, machte ich dem Römer klar. „Gut, dann fahren wir an die Nordsee.“, trotzte er und verschränkte die Arme. Ich zeigte ihm wortlos die Wassertemperaturkurve der Insel Amrum. „Okay, und du meinst, dass ein Taxi vom Flughafen Tirana nach Dhermi wirklich keine Option darstellt?“, wollte der Gatte noch einmal wissen. „NEIN!“, sprach ich. „MamaPapaBoboJa? [Mama, Papa, darf ich Bobo Siebenschläfer gucken?]“, sagte eine leise Stimme. Signorino hatte sich unbemerkt aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen. „Nein, Schatz. Du gehst jetzt wieder ins Bett.“, erklärte ich unserem Ableger. „TschuTschuWaJa? [Das Lied TschuTschuWa wäre auch in Ordnung für mich, Mutter.]“, versuchte es der Nachwuchs weiter. „Nein, auch das nicht. Komm, wir gehen zusammen ins Bett.“, schlug ich ihm vor. Seine kleine, warme Hand nahm meine und ich brachte ihn wieder ins Bett. Diesmal klappte es auch ohne römische Verstärkung. Als ich nochmals aufstand, buchte ich die Mietwagenkategorie „Panzer“ zum Preis einer halben Niere. „Freiheit kostet Geld.“, pflegt mein Vater immer zu sagen. Recht hat er.

Ein Schokotörtchen gab’s auch noch. Die Fenster sind ungeputzt, aber das fällt bei dem Vordergrund und dem schrecklichen Wetter kaum auf. 😉

*Eine Fernsehsendung der Öffentlich-Rechtlichen. Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

**Man akzeptiert ihn, mag ihn aber nicht besonders, weil er so dickköpfig ist

***Werbung, unbezahlt und unbeauftragt