Freitagsrapport | KW32

Trennung auf Zeit

Zugegeben, besonders begeistert war ich nicht von der Idee, dass sich der römische Gatte ein entspanntes Wochenende in Tirana macht. Das mag daran liegen, dass ich seine letzte Abwesenheit in bitterer Erinnerung habe. So war ich im Februar 2020 mit einem wenige Wochen alten Signorino daheim. An einem Freitag Nachmittag teilte mir die Hebamme mit, dass Signorino nur 40 Gramm in sieben Tagen zugenommen hatte und das mehr als alarmierend wäre. Deswegen muss ich mir absolute Sorgen machen! Alle Register müssten gezogen werden. Unbedingt musste ich jetzt anfangen Muttermilch abzupumpen. Am besten heute noch. Ihr ist bewusst, dass Freitagnachmittag ist, aber ich muss eine elektrische Milchpumpe auftreiben, koste es was es wolle. Wenn ich nett in der Apotheke fragen würde, würde man mich sicher das Rezept vom Frauenarzt nachreichen lassen. Daraufhin waren wir im nieselregnerischen Frankfurt und klapperten 4(!) Apotheken ab. Die Hälfte verlieh keine Milchpumpe, die andere bestand darauf, dass ich ein Rezept brauche, ansonsten würde an mich keine Milchpumpe verliehen werden. Wir gingen nach Hause und ich fühlte mich hundeelend. Irgendeine Milchpumpe bestellte ich im Internet, die am darauffolgenden Tag geliefert werden würde. Ich muss den Müttern unter Ihnen nicht sagen, dass ein 35 Euro Modell eine reine Tortur ist. Am Abend erreichte uns der Anruf der römischen Familie: Der römische Vater habe einen Herzinfarkt erlitten und werde gerade operiert. Der Römer hatte keine andere Wahl als am nächsten Morgen nach Tirana zu fliegen. Ich war mit Signorino alleine, der zudem gut und gerne vier bis 6 Stunden am Stück durchschrie. Die römische Abwesenheit verbrachte ich damit, mir Vorwürfe zu machen, warum ich nicht in der Lage bin, mein Kind zu stillen, warum es stundenlang durchschrie und warum ich keine Möglichkeit fand, dass er mit dem Schreien aufhört. Mein Milchfluss versiegte vollends und ich war gezwungen, ihm Pulvermilch zu füttern. Bei jeder Flasche (und das sind bei frisch geschlüpften Babys einige) heulte ich mir die Augen aus. Kurzum: Es war schrecklich und ich hatte als Neu-Mutter überhaupt kein Standing, der Hebamme etwas entgegen zu setzen. Vermutlich begründete sich in dieser Szenerie meine Angst, wieder mit Signorino ganz alleine daheim zu sein, während der Römer weit weg in Tirana ist.

Was soll ich sagen? Gestillt wird Signorino schon lange nicht mehr und aus dem Säuglingsalter ist er auch raus. Das Wochenende ist unglaublich entspannt gewesen und ich habe tatsächlich viel Zeit für mich gehabt. Abends guckte ich schnulzige Serien (Emily in Paris ;-)), aß Gummibärchen und Eis und ließ es mir richtig gut gehen. Die Wohnung war ohne den Römer deutlich aufgeräumter (und ich dachte, Signorino wäre für das Chaos verantwortlich) und ich musste nicht noch eben schnell etwas organisieren, das dem Römer siedendheiß und ganz urplötzlich einfiel. Natürlich freute ich mich sehr, als der Gatte wieder zurückkehrte, aber diese räumliche Trennung tat mir wirklich gut. Signorino fragte ab und an nach Papa, aber im Großen und Ganzen war auch er sehr entspannt, was daran liegen mag, dass es am vergangenen Freitagabend Pizza und Schokopudding als Wohlfühlmenü gab. Wenn der Gatte schon nicht daheim ist, dann dürfen es sich die Daheimgebliebenen auch richtig nett gestalten. Und mein Trauma, alleine mit Signorino zu sein, habe ich damit auch überwunden. Ab und an ein Wochenende ohne Papa? Bitte gerne. 😉

Das Fundstück der Woche

Dieser Artikel ist keine leichte Kost, aber eine, die mit viel Herzblut und Mitgefühl geschrieben wurde. In diesem absolut lesenswerten Werk schreibt Tom über die Toten von Srebrenica. Mit seiner feinsinnigen Beobachtungsgabe und seinem ausgeprägten, journalistischen Talent fängt er die Szenerie in Srebrenica so ein, als würde man sich dort mit ihm im Jahr 2008 befinden und neben ihm hertrotten. Er nimmt uns mit in die grausame Vergangenheit Bosniens, beschreibt die bittere Lage in den 90er Jahren und gibt den Opfern dieses humanitären Verbrechens besonders eines zurück: Ihre Würde. Jedes Wort, jeder Satz, ist so ausgefeilt und ehrlich, dass es genau dort trifft, wo es noch lange nachhallt: Mitten im Herzen!

Am Ende schreibt er: „Ich habe mich lange davor gedrückt diesen Beitrag zu schreiben. Heute habe ich es getan.“

Danke, Tom, dass du diesen Artikel geschrieben hast. Diese und weiter Artikel finden Sie auf seinem absolut empfehlenswerten Blog www.coffeenewstom.de

Darf ich das Bild „Mona Lisa“ in meinem Blog abbilden?

Gute Frage, oder? Vermutlich haben Sie sich diese Frage noch nie gestellt, weil Sie entweder nicht bloggen oder aber nicht über Kunst (und im Speziellen nicht über die Werke Leonardo Da Vincis) schreiben. Dennoch, im Rahmen meines neuen Moduls der Universität, beschäftige ich mich mit dem Thema Urheberrecht am Bild (im wissenschaftlichen Kontext). Ich gehe davon aus, dass mittlerweile jede textschaffende Person, wie z.B. Blogger, etwas zum Thema Urheberrecht und Recht am eigenen Bild gehört hat. Die meisten Blog-Nachbar*innen halten es wie ich und bedienen sich Bilder, deren Urheber*in sie selbst sind. Andere bedienen sich gemeinfreier, also lizenzfreier, Bilder. Somit sind Sie auf der sicheren Seite. Doch was tun, wenn es unbedingt die Mona Lisa sein muss, die Ihren Artikel schmücken soll? Rollen wir den Fall von vorne auf:

Grundsätzlich sind alle Bilder, Fotografien und Screenshots urheberrechtlich geschützt. Da das Bild von Da Vinci eine weibliche Person abbildet, fällt es damit unter das Urheberrecht. Hinzu kommt, dass der Urheber zwar Herr Da Vinci ist, nicht aber er selbst gezeigt wird, sondern eben Frau Mona Lisa. Somit greift hier das Recht am eigenen Bild der Dame. Es bedarf damit einer Einwilligung ihrerseits, die detaillierte Informationen zu den verwendeten Daten, dem Zweck der Datenverwendung, die Speicherdauer und ob eine Weitergabe an Dritte geplant ist, enthält.

Vorläufiger Status zu unserer Frage: Es bedarf einer Einwilligung von Herrn Da Vinci und Frau Mona Lisa.

Aber Moment, es gibt noch eine andere Möglichkeit: Das Bildzitat.

Kurz gesagt ist das Bildzitat eine gesetzliche Erlaubnis zur Einbindung von Bildern, ohne den Urheber explizit um Erlaubnis zu Fragen. Das geschieht jedoch unter strengen Auflagen. Das Bildzitat wird in wissenschaftlichen Arbeiten (= Wissenschaftliches Großzitat, § 51 Satz 2 Nr. 1 UrhG) verwendet, jedoch dürfen es auch Blogger verwenden (=großes Kleinzitat; § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG). Es gilt, dass ein innerer Bezug zwischen Text und Bild bestehen muss.

Kontrollfragen dazu könnten sein:

1. Ist genau dieses Bild notwendig?

2. Wenn das Bild nicht da wäre, bliebe die These/die Kernaussage meines Artikels dennoch bestehen?

3. Ist auf dem Bild eine Marke (Logo) abgebildet und wenn ja, ist die Abbildung der Marke nur „ein unwesentliches Beiwerk“?

Doch zurück zu unserem Beispiel: Die Abbildung der Mona Lisa auf meinem Blog. Würde ich einen Artikel über das geheimnisvolle Lächeln einer Frau schreiben und zur Illustration das Bild der Mona Lisa nehmen, müsste ich Herrn Da Vinci und Frau Mona Lisa um Einverständnis bitten. Es bestünde bei dieser Absicht kein Grund, genau dieses Bild für meinen Artikel zu benutzen. Würde ich aber über die Geheimnisse der Mona Lisa schreiben, dann wäre ein innerer Bezug gegeben und ich hätte allen Grund, dieses Bild einzufügen. Denn Monets Seerosenbilder würden mich hier nicht weiterbringen.

Ein Ass im Ärmel habe ich aber noch in dieser komplizierten Frage und dieses lautet: Wie soll ich jemanden um Erlaubnis fragen, der seit 500 Jahren tot ist?

Und hier kommen wir zur Beantwortung unserer Frage: Das Urheberrecht erlischt 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers (§ 64 UrhG). Fristbeginn ist der Ablauf des Kalenderjahres, in dem der Urheber gestorben ist. Leonardo Da Vinci ist am 02. Mai 1519 gestorben, somit beginnt die Frist zum Jahr 1520. Seit dem Jahr 1590 haben wir somit Narrenfreiheit.

Wie Sie wissen, bin ich keine Juristin (und habe es auch nicht vor, eine zu werden), somit übernehme ich für meine Einführung in das Urheberrecht keinerlei Haftung und Gewähr. An einigen Stellen habe ich die Gesetzeslage und die dazugehörigen Informationen gekürzt, vereinfacht oder ganz weggelassen. Gerne können Sie sich auf der Seite der Universität Bremen* oder auch bei der Anwaltskanzlei Dr. Schwenke* weitergehend informieren.

Noch eine Sache möchte ich als Nachwort dazu schreiben, da ich immer wieder auf befreundeten Blogs sehe wie Artikel ohne vorherige Rückfrage des Autors rebloggt werden: Es gehört nicht nur zum guten Ton, sondern zu den Grundmanifesten des Urheberrechts, nur dann Artikel seiner Mitblogger zu rebloggen, wenn das Einverständnis des Urhebers vorliegt. Machen Sie sich immer bewusst, dass die Artikel geistiges Eigentum sind und auch wenn die Beiträge (oft) keine wissenschaftliche Arbeit darstellen, so kann man sicher verstehen, dass der Urheber das Recht hat zu wissen, wo und in welcher Form sein geistiges Eigentum auftaucht. Ich persönlich bin ein großer Freund des Verlinkens. So weise ich auf einen interessanten Artikel hin und die interessierten Besucher werden direkt auf den Ursprungsblog geleitet – ohne, dass dabei Urheberrechtsverletzungen stattfanden. Als privater Nutzer kann eine Verlinkung (normalerweise) keine Urheberrechtsverletzung darstellen. Weitere Infos dazu finden Sie auf dieser Internetseite.

*Werbung, unbeauftragt und unbezahlt

In diesem Sinne: Starten Sie gut ins Wochenende, verbringen Sie Ihre Zeit an Monets Seerosenteich und genießen Sie das Leben. Sie haben (vermutlich) nur das eine. 😉

Autofahren mit der „ADESSO!!-Methode“

Ich weiß nicht, ob „ADESSO!“ in den engen Gassen des römischen Stadtviertels Trastevere funktioniert, aber ich weiß, dass „ADESSO!“ definitiv nicht auf den getakteten Straßen Frankfurts funktioniert. „ADESSO!!“ bedeutete nämlich nicht nur „JETZT!!“, sondern auch, dass ich auf der linken Spur der zweispurigen Fahrbahn abbremsen musste und mühsam versuchte, mich mit der Familienkutsche auf die rechte Spur zu hieven. Das alles geschah im dichten Feierabendverkehr Frankfurts, denn die Vorstädter wollten zurück in ihre Vorstädte und Familie Farniente wollte nach Alt-Heddernheim. Dabei brauche ich Ihnen nicht zu erklären, dass die hinter mir fahrenden Autos aufgeregt hupten und die dazugehörigen Fahrer ekstatisch mit den Händen fuchtelten. Das taten sie in etwa so, als wären sie anmutige Flamenco-Tänzer*innen. Allein der grimmige, teils schreiende Gesichtsausdruck passte nicht in das anmutige Bild, das mir beim Begriff Flamenco-Tänzer*in in den Kopf kommt. Auch die Vehikel der rechten Spur, auf die ich übersetzen wollte, zeigten sich wenig angetan von meinem spontanen Einfall, ihre Spur benutzen zu wollen. Da wir zu diesem Zeitpunkt bereits die dritte Ausfahrt mit der „ADESSO!!“-Methode verpasst hatten, musste ich jetzt in den sauren Apfel beißen und mich als miserabler Autofahrer outen. Dabei war es absolut nicht meine Schuld, denn hätte ich einen ordentlichen Lotsen, hätte er mindestens 500 Meter vorher Bescheid gegeben, dass ich mich rechts halten solle. Doch wenn ich mich auf eine Eigenschaft des Römers verlassen konnte, dann war es, dass das Adverb „vorausschauend“ ein ihm gänzlich unbekanntes ist. Dabei bildete seine Tätigkeit als temporärer Straßenlotse keinerlei Ausnahme. Seit jeher navigierte er nach der „ADESSO!“-Methode. Soll die Fahrerin der Farniente’schen Familienkutsche doch gucken, wo sie bleibt. Frei nach dem Motto: „Man lebt im Hier und Jetzt. Also lotst man auch im Hier und Jetzt.“

Glücklicherweise hatte irgendwann einer der anderen Autofahrer Erbarmen (oder aber ihm platzte die Hutschnur bei der Ansicht des von mir kreierten Staus), so dass er mir die Chance gab, mich in die rechte Spur einzufädeln. Der Römer saß währenddessen entspannt und breitbeinig auf dem Beifahrersitz und mampfte zufrieden einen Schokoriegel, der sich in meiner Snack-Schublade der Mittelkonsole befand. Ich schwitzte derweil Blut und Wasser. Mein Herzschlag schlug im Takt schneller Techno-Beats. Hastig bedankte ich mich bei dem zuvorkommenden Autofahrer und fuhr geduckt und beschämt nach Alt-Heddernheim ein. Wer meint, der Ort sei ein verträumtes, hessisches Dorf irgendwo im Taunus, der irrt sich nicht ganz. Es ist durchaus ein alteingesessener Stadtteil Frankfurts, in dem, da lege ich mich fest, ganz sicher hessisch gebabbelt (=gesprochen) wird. Auch die Architektur sieht nicht mehr als maximal drei Familien in einem Haus vor.

Nicht mein Auto, aber Ibrahims Vehikel in den Straßen Tiranas.

Wer davon ausgeht, dass die anschließende Fahrt im verträumten Alt-Heddernheim reibungslos ablief, den muss ich leider an dieser Stelle enttäuschen. Mein gewagtes Manöver um nach Heddernheim zu kommen, war anscheinend nur die Pflicht. Die Kür sollte erst noch folgen. Das wusste ich zum damaligen Zeitpunkt zum Glück nicht, sonst hätte ich das Familienauto abgestellt und wäre die acht Kilometer (immer die Eschersheimer Landstraße entlang Richtung Innenstadt) heimgestiefelt. Der Clou in Alt-Heddernheim ist nämlich – verzeihen Sie, liebe Heddernheimer – der kleinstädtische Charakter, der sich in einem Labyrinth aus Sträßchen, Gassen und Winkeln niederschlägt. Zumindest beschrieb der mit der Navigation restlos überforderte Gatte diesen Stadtteil so. Ein Labyrinth – oder mit den Worten des Römers: „‚sto labirinto di merda“ [dieses Sch*iß-Labyrinth]. So trug es sich zu, dass wir spätestens alle 50 Meter abbiegen mussten. Doch wohin? Ja, das wusste der Lotse auch nicht. „Aspetta…[Warte…]“, fing jede Antwort auf meine Aufforderung der dringlichen Wegbeschreibung an. An mir sollte es nicht liegen. Ich konnte warten. Doch die Alt-Heddernheimer Autofahrer, die zu Scharen in den verwinkelten Gassen unterwegs waren und hinter der „blöden Stadttussi mit der Sonnenbrille“ hinterher tuckern mussten, hatten für das stotternde Navigationsvermögen des römischen Gatten keinerlei Verständnis. So begann ich aus der Not heraus meine Weg-Entscheidungen selber zu treffen. Der Gatte zoomte, fluchte und aktualisierte immer wieder die digitale Karte auf seinem Handy. Zu unserem Unglück war nur jede fünfte meiner Entscheidungen richtig getroffen und so irrten wir durch die Wirren Alt-Heddernheims. Irgendwann fuhr ich schweißnass rechts ran, stellte mich an einen Bürgersteig der 1001 Gassen und lehnte meinen dröhnenden Kopf gegen das Lenkrad. Das Kind quakte von der Rücksitzbank, der Römer aktualisierte immer noch die digitale Straßenkarte und ich wäre am liebsten auf die Rücksitzbank gekrochen, was leider nicht ging, denn der Mann verfügt immer noch über keinen, hier anerkannten Führerschein. Doch in diesem Moment meiner absoluten Resignation sprach der Gatte ein: „Eccoci qui! [Hier sind wir!] Wir stehen genau vor der richtigen Tür.

Mühsam hob ich meinen schweren Kopf, blinzelte hinter meiner Sonnenbrille hervor und sah ein Fachwerkhaus.

Ich wollte dem Römer diese Information nicht recht glauben, aber anscheinend waren wir richtig. Wir standen, wie durch eine göttliche Fügung, vor der gewünschten Adresse. Schwerfällig quälte ich mich aus dem Fahrersitz, schnappte mir den Umschlag, den ich abzuliefern hatte und schlich mit zitternden Beinen zum Haus mit der Nummer 10. Dass meine Beine so kraftlos und wabbelig waren, verwunderte nicht. Schließlich habe ich seit 40 Minuten meine komplette Beinmuskulatur krampfhaft angespannt. Auch meine Nackenmuskulatur konnte von diesem K(r)ampf ein Liedchen singen. Ich warf den Umschlag mit unserem neuen Wohnungsschlüssel in den Briefkasten des von der Hausverwaltung beauftragen Baudekorateurs und schlürfte wieder zum Auto. Hätte ich vorher gewusst, wie katastrophal anstrengend eine neun Kilometer Fahrt in Frankfurt werden würde, ich hätte dem Baudekorateur am Telefon gesagt, dass wir uns an die drei großen Löcher in der Wand sicher gewöhnen werden. Mangels Betreuung Signorinos (aufgrund der Kitaferien), schlug ich ihm jedoch vor, ihm „mal eben“ die Schlüssel vorbeizufahren. „Heddernheim? Gar kein Problem. Das ist ein Klacks.“, sprach ich selbstbewusst ins Telefon. Ebenso gut hätte er Kinshasa, die Hauptstadt der demokratischen Republik Kongo, als Wohnort nennen können. Vermutlich wäre die Fahrt dorthin auch nicht anstrengender geworden. Eventuell nur langwieriger.

Leider war die Adresse des Baudekorateurs nur ein Zwischenstopp und nicht das finale Ziel. Es gab noch eine weitere Etappe auf der Tour de Francfort: Unsere neue Wohnung. Der Kofferraum des Autos war vollgepackt mit Kartons, die wir von unserem aktuellen Keller in den neuen transferieren wollten. Die Kartons wieder in der alten Wohnung abzusetzen, stellte für mich keine Option dar. Munter flötete der Römer ein “Non ti preoccupare! [Keine Sorge!] Ich navigiere dich.” Aber genau diese Drohung seinerseits bereitete mir große Sorgen. „Besser nicht.“, antwortete ich knapp und so höflich wie man eben einen Zweiwortsatz betonen konnte. Trotzig guckte mich der Römer von der Beifahrerseite an, legte sein Mobiltelefon mit der geöffneten Straßenkarten-App auf die Mittelkonsole des Autos und verschränkte gekränkt seine Arme. „Pah! Vedi tu! [Pah! Schau halt du!]“, murmelte er und starrte in die entgegengesetzte Richtung aus dem Beifahrerfenster.

Nichts leichter als das. Ich schnappte mir sein Handy, schaute mir die Stadtkarte an und hatte danach eine ungefähre Vorstellung wie wir zur neuen Wohnung kommen würden. “Sicher verfährst du dich.”, trat der Römer nach und zupfte sich einen Fussel von seinem dunkelblauen Hemd. Ich hob abschätzig meine linke Augenbraue und gab ihm sein Telefon zurück. “Selbst wenn, miserabler als die Hinfahrt kann es nicht werden.”, konterte ich und lachte süffisant auf. Der römische Blick streifte kampfbereit den Meinen. Doch er entschied sich dazu, zu schweigen und in seinem Mobiltelefon sinnlos auf- und abzuscrollen. Konzentriert schlängelte ich mich aus dem Gassengewirr Alt-Heddernheims heraus. Das dauerte einige Zeit, aber immerhin schrie niemand völlig inkorrekte Anweisungen in mein rechtes Ohr. Aha, da sah ich auch schon die große Hauptstraße von der wir kamen. Ich bog ab und hatte das Glück, dass mir ein dottergelbes Straßenschild anbot, mir den Weg zum Frankfurter Palmengarten zu weisen. Der Palmengarten befindet sich immerhin in der ungefähren Ecke der Stadt, in der wir die Kartons abladen wollten. Dankbar nahm ich das Angebot der Frankfurter Straßenverkehrsbehörde an. Als wir unterhalb des Ginnheimer Spargels (= Europaturm) vorbeifuhren, wusste ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Das angenehme an den Straßenschildern, die den Weg säumten, war, dass keines von ihnen völlig aufgeregt „ADESSO!!“ brüllte. Vielmehr kündigten sie – weit bevor ich mich einordnen musste – an, dass ich bei der nächsten Kreuzung abbiegen sollte. Vorbei am Senckenbergmuseum bog ich nach links ab und steuerte auf den Frankfurter Hauptbahnhof zu. Der Römer saß immer noch missmutig auf seinem Lotsensitz und beobachtete aus dem Augenwinkel jede meiner Bewegungen. Signorino quakte einmal kurz und der Römer reichte ihm eine Flasche Wasser nach hinten. Vielleicht war das seine Berufung? Der Kabinenservice klappte in diesem Auto nämlich phänomenal. Angekommen auf der großen Landstraße Richtung Griesheim waren es nur noch wenige hundert Meter bis wir am Ziel waren. Ich wollte in die Hofeinfahrt des neuen Wohnhauses einfahren, doch da sah ich, dass das Tor verschlossen war. Hastig würgte ich den Motor ab, eilte zum Hoftor und versuchte es zu öffnen. Doch es bewegte sich, trotz mehrmaligen Rütteln, keinen Zentimeter. “Der Hausschlüssel muss doch in dieses dumme Tor passen!!”, murmelte ich, doch dem Haustürschlüssel und dem Hoftor war das egal. Sie kooperierten kein bisschen. Mittlerweile streckte der Römer seinen Lockenkopf aus dem Beifahrerfenster. “Ti serve aiuto? [Brauchst du Hilfe?]“, wollte er wissen und ich schüttelte den Kopf. “Danke, geht schon.”, krakelte ich zurück und verzweifelte dabei immer noch an diesem blöden Schloss. Eine Minute später schwang sich der römische Gatte galant aus dem Auto. Die Steinchen unter seinen Lederschuhen knirschten auf dem Gehsteig. “Dai, amore! Ti aiuto. [Komm schon, Schatz! Ich helfe dir.]”, sprach er verständnisvoll. Zähneknirschend überreichte ich ihm den Schlüssel. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde war das Tor offen. “Wie hast du das denn gemacht?”, sprach ich völlig fassungslos. Er grinste keck: “Mit Gefühl und Empathie öffnet sich jedes Tor.” Dann zwinkerte er mir zu. Ich guckte immer noch verdutzt aus der Wäsche. “Fahr schon mal rein, ich schließe das Tor nach dir ab.”, schlug der Gatte mir vor. Und so tat ich wie mir geheißen. Verwundert fuhr ich durch das verwunschene Tor, dass sich unter meiner Hand partout nicht öffnen ließ. “Anfängerglück.”, dachte ich. Doch nach einer viertel Stunde in der neuen Wohnung – die Kartons waren alle verstaut – gelang es dem Römer abermals mühelos das trotzige Tor zu öffnen. Ich bestand darauf, es zumindest schließen zu wollen und scheiterte wieder kläglich. “Sag mal, wie schwer kann es denn sein, so ein dämliches Tor zu schließen?! Irgendetwas ist kaputt.”, moserte ich als ich zurück ins Auto kam und das Tor immer noch sperrangelweit offen stand. Der Römer stieg ruhig aus, schlenderte zum Tor und drehte den Schlüssel in einer flüssigen Bewegung um 360 Grad. Zack. Zu war’s, das Burgtor. “Das ist doch nicht dein Ernst!!”, ächzte ich. “Wenn’s darauf ankommt, weiß ich eben wie’s geht. Wozu brauchst du einen Lotsen, wenn du noch nicht einmal das Tor aufbekommst, um das Auto herauszufahren?„, ärgerte er mich. Diesmal schwieg ich, denn auf diesen Satz fiel mir partout keine Antwort ein.

Frankfurter Impressionen #4

Ein schnell aufgenommener Schnappschuss. Der Römer hatte schon sein Päckchen „canna“ (zucchero di canna = Rohrzucker) in seinen Cappuccino geleert. Und doch ist dieses Bild so viel mehr:

Angefangen hat es mit einem glücklichen Zufall. Die Sekretärin informierte den Römer heute früh darüber, dass die ersten zwei Patienten abgesagt hatten. Somit brauche er nicht vor 11:30 Uhr in die Praxis kommen. Signorino war zu diesem Zeitpunkt schon fertig angezogen und ignorierte gekonnt sein Frühstück. „Bringst du ihn jetzt trotzdem in die Kita?„, fragte ich hoffnungsvoll. Schließlich befand ich mich noch im Nachtgewand und ein „Nein“ des Römers hätte zu erheblichem Stress meinerseits geführt. „Aber klar doch! Und danach gehen wir einen Kaffee trinken.“, schlug der Römer vor. „Nur wir beide?„, wollte ich ungläubig wissen, denn das kommt in etwa so häufig vor, als würde Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Der Römer lachte. Ja, nur wir beide.

30 Minuten später war er wieder daheim, hatte das gut gelaunte Kind abgeliefert und war etwas traurig, dass Signorino ihn zum Schluss nicht umarmt hat. Der kleine Kerl war einfach zu beschäftigt.

Wir fuhren in die Innenstadt und der Römer zeigte mir sein neues Stammcafé. „Questo è amico mio. [Das ist mein Freund.]„, sprach er und zeigte auf einen Herren mit schneeweißen Haaren und schneeweißer Uniform. Seine haselnussbraune Haut bildete einen schönen Kontrast zu all den weißen Akzenten. „Buongiorno Signori! [Guten Morgen, die Herrschaften!]“, begrüßte er uns mit einem spitzbübischen Lächeln. Man merkte schnell: Hier wohnte ein junger, schelmischer Geist in einem nicht mehr ganz taufrischen Körper. Ohne Zweifel, er ist die Seele des MONZA Caffè & Bar in der Fressgasse. Charmant, höflich, nie aufdringlich, dabei immer einen wohl dosierten Schalk im Nacken.

Wir verbrachten hier eine knappe Stunde mit Blick auf die Fressgasse. Die Zeit verflog wie der Wind. Das Angenehmste daran war, dass wir nach Monaten (oder Jahren?) für einen Moment einfach nur ein Pärchen waren und nicht Mama und Papa. Das war bitter nötig, denn seit geraumer Zeit leben wir nebeneinander her. Ohne Großeltern oder anderweitige Betreuungspersonen mit einem Kind, dass vor 22 Uhr nicht ins Bett geht, bleibt keine Zeit als Pärchen. Man funktioniert neben der Arbeit, dem Studium, Haushalt, Kind und Umzug einfach nur.

Aber diese eine Stunde für uns wog viele „Nur Mama und Papa“-Monate auf.

Oh, und das Monza ist wirklich empfehlenswert. Es gibt zwei Dependancen:

MONZA Caffè & Bar*

Große Bockenheimer Straße 43 | Innenstadt | Frankfurt am Main

oder

Schweizer Straße 73 | Sachsenhausen | Frankfurt am Main

*Werbung, aus reiner Überzeugung, unbezahlt und unbeauftragt

Der Freitagsrapport | KW31

Schockierend

Haben Sie jemals von der Tuskegee-Studie gehört? Ich muss zugeben, ich las diese Woche das erste Mal davon. Am Abend fragte ich den Römer, den ich als durchaus gebildet und informiert bezeichnen würde, ob er jemals davon gehört hatte und als er verneinte, erklärte ich ihm, um was es dabei genau ging. Auch er war äußerst schockiert, dass diese vor Rassismus triefende Studie an einer bestimmten PoC-Bevölkerungsgruppe von höchster, amerikanischer Stelle bis 1972 durchgeführt wurde.

Wen es interessiert wie ein Teil der armen, afroamerikanischen Landarbeiter „im Dienste der Wissenschaft“ hinters Licht geführt wurde und schlussendlich – im guten Glauben an eine Heilung – starb, der findet die Geschichte beispielsweise in diesem Artikel des Spiegels*. In diesem Bericht der Süddeutschen Zeitung* aus dem Jahr 2010 werden die weitreichenden Folgen, die auch im Hier und Jetzt spürbar sind, beschrieben.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

ZweiPunktNull

Diese Woche erreichte mich eine Email der Universität, die besagte, dass meine Note für die erste Klausur eingetragen wurde. Vermutlich ahnen Sie, dass ich bis zum Erhalt dieser Email jeden Tag ungeduldig in das Notensystem meiner Universität blickte, um mich zu vergewissern, dass der Bearbeitungsstatus immer noch „in Bearbeitung“ anzeigte. Nach der Email, loggte ich mich aufgeregt in das universitätsinterne System ein und klickte auf die Notenübersicht. Ich war mir zwar sicher, dass ich bestanden hatte. Vermutlich aber nur mit Ach und Krach. „Oh.“, sagte ich als ich das Ergebnis erblickte. „Wie ist das denn passiert?„, fragte ich den Römer zweifelnd und zeigte auf die Note. „2.0 non è male, vero? [2,0 ist nicht schlecht, oder?]“, wollte der Römer von mir wissen, da er mit dem deutschen Notensystem immer noch nichts anfangen kann. „Das ist gut. Fantastisch. Wow! Und das habe ich in vier Wochen trotz Kind und Kegel geschafft? 85,55% von 100%. Cool!„, antwortete ich dem Römer, der sich mit mir freute. Ja, ohne den Römer und seine tatkräftige Vater-Sohn-Brunch-Unterstützung hätte ich das nicht geschafft. Und das Ergebnis ist genau die Motivation, die ich brauche, um nächste Woche im neuen Modul richtig durchzustarten.

Gut, das bin ich nicht ich, sondern der Römer beim damaligen Deutsch lernen. Aber irgendwie fand ich das Bild passend.

Dann flieg‘ halt nach Tirana

Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Aber dennoch fliegt der Römer heute Abend ins gelobte Land. Alleine, versteht sich. Einerseits, weil er mir lang und breit erklärte, dass er mit uns (gemeint sind Signorino und ich) überhaupt keine qualitativ hochwertigen Gespräche mit seinen Eltern führen könne. Wenn Sie sich an den einen oder anderen Teil der Albanienchroniken erinnern, werden Sie vermutlich die Stirn runzeln, aber Wahrnehmung ist eben variabel und hängt vom Betrachter ab. Außerdem sei ihm die Verweildauer der einzelnen Familienbesuche deutlich zu kurz. Ständig wollen wir weiter. Deswegen sei die einzig sinnvolle Variante, dass er alleine fliegt. Aber unter uns, liebe Leser: Unzufrieden bin ich mit der Situation definitiv nicht. Am Freitagabend mit einem völlig überbuchten Flug mit Kleinkind irgendwann kurz vor Mitternacht im sommerlich heißen Tirana zu landen, von Ibrahim abgeholt zu werden, den Samstag mit lauter Familienbesuche zu überstehen und am Sonntag Mittag wieder heimzufliegen… Ich kann mir schöneres vorstellen. Beispielsweise mit Signorino im angenehm temperierten Frankfurt zu sitzen und auf Spielplätze zu gehen.

Neue Email-Adresse

Nicht wundern, es gibt eine neue Email-Adresse zu diesem Blog. Diese lautet: zwischentiberundtaunus@gmail.com. Ich dachte, ich schreibe es mal darnieder, dass auch Sie Bescheid wissen.

In diesem Sinne: Starten Sie gut ins Wochenende, genießen Sie dieses erste Augustwochenende und halten Sie die Ohren steif!

WMDEDGT – August 21

Es ist mal wieder soweit: Wie jeden 5. des Monats will Frau Brüllen wissen: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ oder, etwas knapper, WMDEDGT?

09:05 Uhr – Nach einer grausamen Nacht, in der halbstündlich Signorino entweder seinen Schnuller verlor, kuscheln wollte, dann doch wieder nicht, dann Durst hatte, daraufhin Papa erst zu weit weg war und dann zu nah dran, klingelt mein Wecker. Der Kleine schläft selig. Der Große ist schon weg. Kaffee, Tee und Cantuccini für mich – und das in Ruhe.

10:20 Uhr – Meine Frühstückscantuccini sind versteckt, um mir das erste morgendliche Drama (Warum isst Mama Kekse und ich darf nicht?) zu ersparen. Jetzt kann ich das Kind wecken. Natürlich schläft er jetzt wie ein Stein. Das war schon so, als er noch in seiner Fruchtblase schwamm. Nachts war Party – und ab 8 Uhr hat er dann bis nachmittags geschlafen. Trotzdem bestehe ich darauf, dass er aufsteht. Wir haben schließlich um 11:45 Uhr einen wichtigen Termin. Schnelles Frühstück für Signorino. Noch schnelleres Anziehen und dann los!

11:17 Uhr Das wird eng. Wir marschieren los über die Flößerbrücke nach Dribbdebach (Sachsenhausen). Erst auf der anderen Seite fällt mir ein, dass die Überquerung der Ignatz-Bubis-Brücke einen Hauch schlauer gewesen wäre. Egal – dann laufe ich halt am anderen Ufer entlang bis zum Bürgeramt Sachsenhausen. Und laufen ist das richtige Stichwort, denn genau das ist meine Geschwindigkeit. Schließlich komme ich um 11:40 Uhr an – fünf Minuten vor Termin. Der Herr an der Rezeption des Bürgeramtes, der mir meinen Online-Termin freischaltet, weißt mich sogleich darauf hin, dass es heute etwas dauert. „15 bis 20 Minuten müssen Sie schon rechnen.“ Ich nicke. Am Ende werden es 35 Minuten Wartezeit. Ein Klacks mit einem aktiven Kleinkind. 30 Minuten verbrachten wir damit, pausenlos aus dem Bürgeramt rauszulaufen, die minimale Anhöhe herunter, um sie sogleich wieder hochzulaufen, nur um dann wieder in den Wartebereich des Bürgeramtes einzulaufen, die Arme hochzureißen, vorbei am Fotoautomat, hinein, zurück (weil Mutti schimpft) und wieder raus aus dem Wartebereich. Wir waren eine Attraktion, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Schlussendlich erscheint unsere Wartenummer auf dem Display und wir rollen zu Tisch Nummer Vier. Alles wird umgeschrieben, überklebt und abgestempelt. Das ist mein viertes Stadtviertel in Frankfurt – in sechs Jahren. Ich beschließe, dass ich es damit bewenden lassen kann. Jedoch habe ich/haben wir noch nie in Dribbdebach, sondern immer nur in Hibbdebach gewohnt. Falls Ihnen das alles zu viel hibbde (hüben) und dribbde (drüben) ist und Sie am Ende nur Bahnhof verstehen: Hier wird das sehr schön erklärt.

12:40 Uhr Holdrio! Es ist vollbracht. Wir kehren, diesmal deutlich gemächlicher, nach Hause zurück und ich mache ein paar Fotos.

13:00 Uhr Ich beschließe, dass Kochen für mich jetzt gerade keine Option darstellt, also bemühe ich den hiesigen Supermarkt-Lieferdienst, der neuerdings Bowls anbietet. Einen 10 Euro Gutschein finde ich auch noch im Internet und so landen zusätzlich noch eine Packung Joghurt, Milch, zwei Franzbrötchen und eine Käsestange im Warenkorb. 14 Minuten später steht ein sehr freundlicher Jungspund vor meiner Tür und überreicht mir die Einkäufe. Ich überreiche ihm das Trinkgeld. Alle sind glücklich. Signorino isst etwas Käsestange und beginnt dann, sie zu zerfleddern, was zunächst unbemerkt bleibt, da ich meine Bowl genieße. Sie ist tatsächlich sehr lecker, was mich wiederum sehr freut.

14:45 Uhr Das Kind schläft endlich – nach einer Stunde voller Bemühungen. Der Römer ruft an und will wissen, wie es beim Bürgeramt lief. Lange haben wir nicht Zeit zu plaudern, denn seine Arbeit ruft, sowie mein Studium. Wenigstens das zweite Kapitel des wissenschaftlichen Arbeitens will ich fertig machen, bevor es mich fertig macht.

16:30 Uhr Ob ich im neuen Stadtviertel auch so viele Gelegenheiten haben werde, mein Hessisch zu perfektionieren, wie im hiesigen Quartier? Gerade stritten sich zwei Baudekorateure vor meinem Fenster und das im feinsten Hessisch. Es war eine sprachliche Fundgrube für mich. Für einen Moment musste ich mein Studienskript zur Seite legen und ein paar, besonders schöne Wörter (Hinnäääzimmä = Hinterzimmer) nachsprechen. Dann kam noch der nüchterne Sohn* von Frau Becker, der 89jährigen Dame in unserem Haus, angefahren und schrie bereits von der Straße hoch zu ihrem Balkon: „Muddäääär?! Muuuuddääär?! Ich bin’s, Mudääär!“

*Frau Becker hat auch noch einen, dem Alkohol etwas mehr zugewandten Sohn mit einem aufgeregt kläffenden Hund.

18:00 Uhr Der Römer kommt nach Hause. In der Hand trägt er Post von meinem Primärarbeitgeber. Mal schauen, ob mein Teilzeit-Gesuch anerkannt wurde. Aber ich meine gelesen zu haben, dass dieses Jahr alle Teilzeit-Erstwünsche akzeptiert wurden. Klar, in der Krise wäre ich um jeden froh, der Teilzeit arbeiten will. Das Kind verweigert seine Nudeln. Der Römer isst diese gerne und bereitwillig. Dafür bekommt Signorino Brot mit Butter (Zwieback ist aus).

19:00 Uhr Große Überraschung: Ich habe meinen Teilzeitwunsch bekommen. Leider ist es nicht der, von dem ich ausging. Wir überlegen wie wir das organisiert bekommen. Wird schon, irgendwie. Muss ja. Aber ein wenig Panik steigt in mir hoch, wenn ich daran denke. Danach Spielplatz. Hauptsächlich nutzen wir die Schaukel, dann den Sandkasten. Am Ende regnet es dicke Tropfen. Wir eilen nach Hause und das Gewitter stoppt (vorerst).

20:35 Uhr Das Kind verspeiste sein zweites Abendessen anstandslos. Der Römer ist einkaufen gegangen. Nun regnet es in Strömen. Kam das Gewitter also doch noch und hat gewartet bis es den Römer für sich alleine hat. Hm… abholen wäre mit Kind logistisch zu schwierig. Er muss vermutlich warten bis es aufhört oder aber er rennt durch den Regen.

21:15 Uhr Der Römer schreit nach Albanien. Die Damen des Hauses (Schwägerinnen, Nichte, Mutter) stehen Schlange, um Signorino zu sehen. Wirklich, das ist kein Witz. Sie stehen in einer Schlange. 😄 Ich koche, Signorino huscht zu mir. Es ist wohl zu viel weibliche Verwandtschaft. Immerhin weiß ich, dass es allen “mire” (gut) geht und uns geht es anscheinend auch “mire”. Alles mire also. Man freut sich sehr auf den Römer, der morgen (alleine – wir, Signorino und ich, wurden ausgeladen von ihm) kommt. Es sei sehr heiß. Im Süden brennt’s. Morgen kommen Helikopter aus den Niederlanden, um beim Löschen zu helfen. Danach essen wir.

23:30 Uhr Das Kind ist außer Rand und Band. Somit denkt es partout nicht ans Schlafen. Let’s call it a day, auch wenn Signorino anderer Meinung ist.

Spieglein, Spieglein an der Wand!

Es ist eine der vielen Geschichten, die hinter einer Kleinanzeige stecken können. Aber diese ist mir (bis jetzt) die liebste.

Vor einigen Tagen sah ich einen Spiegel. Oval. Qualitativ hochwertig. Preis: Zu verschenken. Mittlerweile möchte ich mich, ohne mich selbst loben zu wollen, in den Stand des Experten der Kleinanzeigen erheben. Um die Qualität des Spiegels zu bestimmen reicht es nicht alleine, den Vordergrund, also das Objekt per se, zu begutachten. Nein, auch der Hintergrund ist wichtig. Man erkannte schwere, rote Perserteppiche. Der Spiegel war an ein nussbaumfarbenes Klavier mit goldenen Pedalen gelehnt. Ja, hier schlage ich zu, dachte ich mir und schrieb Frau Melchior an. Sehr höflich antwortete sie, dass sich der Spiegel im Besitz ihres Vaters befinde und dort gerne abgeholt werden könne. Ich müsse aber bitte pünktlich sein, weil ihr Vater eine halbe Stunde später abgeholt werden würde. Selbstverständlich bin ich pünktlich, finde ich doch nichts schlimmer, als unpünktliche Abholer/Käufer bei Kleinanzeigen.

[Zeitsprung – zwei Tage nach vorne]

Ich befinde mich irgendwo in einem betuchten Stadtteil Hanaus. Viele Villen, maximal zwei Stockwerke hoch. Ein Stadtteil, in dem es gemächlich zu geht. So gemächlich, dass ein Schwätzchen zwischen zufällig getroffenen Bekannten am Autofenster keine Seltenheit ist. Unbeirrt setzt man das Gespräch fort, auch wenn ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen gerne vorbei möchte. Drei Minuten später scheint zwischen den Plaudernden alles geklärt. Man beauftragt seinen Gesprächspartner noch rasch, der Gattin die besten Wünsche zu überbringen und die Szenerie löst sich auf. Höflich wird sich bei dem Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen per Handgruß bedankt und man huscht rasch weiter in einen der großen Gewerberparks. Es ist schließlich Samstag, was bedeutet, dass die oberste Bürgerpflicht der Einkauf bei Drogerie- und Supermarkt ist.

Ja, hier ist die Luft eine andere und das merke ich auch trotz laufender Klimaanlage und geschlossenen Fenstern. Nicht nur die Luft ist anders, auch die Parkplatzsuche, was daran liegen mag, dass man hier keine Parkplätze sucht, sondern nur findet. Ein Königreich für einen Autofahrer! Das überfordert mich als Frankfurterin dermaßen, dass ich gar nicht weiß, ob ich am Trottoir oder doch in der Einzelgarageneinfahrt parken soll? Ich entscheide mich für die Straßenvariante, denn das Parken in der Garageneinfahrt empfinde ich als etwas übergriffig. Mühsam schäle ich mich aus dem Auto. Hier ist es so ruhig und gemächlich, dass mir jetzt erst auffällt, mit welcher Wucht ich scheinbar immer die Autotür ins Schloss schlage. Beschämt drehe ich mich um. Doch hier ist niemand. Nur große Häuser starren mit leerem Blick auf die Straße. Ich gehe zum dunklen, schweren Gartentor, das hauptsächlich aus unzähligen Metallschnörkeln besteht. „Prof. Dr. Scherer“ steht an der Klingel und ich drücke darauf. Heraus kommt nicht der Professor, sondern der Rauhaardackel Wilma. Ich öffne die Gartentüre vorsichtig und Wilma springt an mir hoch. Ich halte ihr meine Hand hin, sie schnuppert angeregt und ich tätschle sie etwas am Bauch. Das scheint Wilma zu gefallen. Aber der Moment wird von den „Wilma-Rufen“ des Professors unterbrochen. Doch Wilma scheint es recht egal zu sein, was ihr Herrchen von ihr will oder nicht will. Hier ist eine neue Besucherin und diese könnte gleichzeitig eine neue Spielkameradin sein. Tollend gehen Wilma und ich zur Haustüre. Artig bleibe ich vor den gefliesten Treppen stehen. Wilma nicht. Sie hüpft zu dem älteren Mann, Mitte-Ende 80, hoch. „Wilma, jetzt ist aber gut! Haben Sie keine Angst. Wilma will nur spielen.“, begrüßt mich der Professor. Hätten wir nicht selbst einen Hund gehabt, hätte ich vermutlich Angst oder zumindest gehörigen Respekt vor Wilma gehabt, denn kleine Hunde zwicken ganz gemein in die Wade. Aber als erfahrene Hundetante, die ich in meiner Kindheit war, weiß ich, dass Wilma nur spielen, und nicht zwicken, will. Ich lächle und warte, dass der Professor den Spiegel herausreicht.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“, fordert mich stattdessen der Professor in seinem hellblauen Pullunder, unter dem er ein korrekt gebügeltes Hemd trägt, auf. Das Hemd ist blütenweiß – wie seine ordentlich gekämmten Haare. Ich nicke. „Ich ziehe nur eben die Schuhe aus.“, erwidere ich hastig und etwas beschämt, denn schließlich trete ich in ein Haus eines mir unbekannten Menschen ein. Er winkt ab, in etwa so als würde ein müder Löwe seine Tatze nach unten wischen. „Aber, Madame! Bitte, nein. Lassen Sie die Schuhe an und folgen Sie mir. Hier entlang!“, gebietet er mir und schleicht gemächlich voran. Ich folge ihm. Wilma läuft Schwanz wedelnd voraus. Ich habe den Eindruck, dass sie mittlerweile die einzige Dame des Hauses ist. Wir schreiten erst durch das Entrée, weiter durch einen Zwischenraum, in dem man vermutlich den Aperitif eingenommen hat, in den enorm großen, lichtdurchfluteten Salon. „Hier leben sie also, die 70er Jahre.“, denke ich beim Anblick des Interiors. Geschmackvoll, gepflegt und doch so, als wäre die Zeit seit 50 Jahren einfach stehen geblieben. Was müssen hier für rauschende Feste, Diskussionsrunden und Diners stattgefunden haben? Es sieht ein bisschen aus wie in dem alten Koch- und Backbuch, das mein Großvater mir nach der Jahrtausendwende vererbt hatte. Würden gleich Käseigel und Toast Hawaii serviert werden, es würde mich nicht wundern. Doch ein Detail lässt die Szenerie in einem anderen Licht erscheinen. Verstreut stehen immer wieder halb gefüllte Umzugskartons. Der Professor zieht aus. Vermutlich altersbedingt. Das Besitztum eines ganzen Lebens – verschenkt, verstaut, verkauft.

Die Zimmerdecke ist sicher am höchsten Punkt vier Meter hoch, dabei ansteigend und architektonisch wie ein großes Beduinenzelt gestaltet. Sie wurde mit hellen Holzpanelen verkleidet. Tropfenförmige Lampen lassen sich in einer Ecke gebündelt nach unten hängen und schaffen es doch nicht, den schwarzen Couchtisch mit den cognacfarbenen Elementen zu berühren. Der Teppichboden erinnert mich an silbriges Olivenlaub. Dieser ist mit schweren, roten Perserteppichen versehen. Warum der Teppichboden mit weiteren Teppich belegt ist, erschließt sich mir zwar nicht, dennoch finde ich die Idee sehr spannend. Wir gehen zu einer der hinteren Ecken des weitläufigen Wohnzimmers. Dort steht das nussbaumfarbene Klavier, das ich bereits im Hintergrund des Bildes erkannte. Daran gelehnt: mein Objekt der Begierde – der ovale Spiegel. Geschmackvoll, edel, schlicht, aber überaus hochwertig. Ich starre den Spiegel fasziniert an. „Der Spiegel sieht sehr edel aus.“, bringe ich staunend hervor. „Das Edle findet man oft in seiner Schlichtheit.“, antwortet der Professor lächelnd. Wilma schnuffelt an meinen Beinen herum. „Sehr schön!“, sage ich und schäme mich einige Sekunden später für meinen lapidaren Satz. Generell bin ich so überwältigt von dieser Professoren-Villa und von den Eindrücken, dass ich nur sehr begrenzte Kapazitäten habe, mich vernünftig verbal zu äußern. „Passt der?“, fragt mich der Herr Professor, in etwa so als wäre er einer der alteingesessenen Verkäufer bei einem renommierten Traditionskaufhaus. Ein solcher weiß natürlich, bevor es der Kunde selbst weiß, dass dieses Stück perfekt zum Klienten passt. Er erkennt es an den Blicken, an der gesamten Körperhaltung des Kaufenden, an dem kleinen, feinen Lächeln und den glänzenden Augen. Die Frage dient allein dazu, einen angenehmen Abschluss in diesem Verkaufsgespräch zu finden. Wenn dieser Spiegel nicht passen würde, dann würde es vermutlich keiner. „Wollen Sie ihn wirklich verschenken?“, will ich verdattert von dem älteren Herrn wissen. „Aber ja! Nehmen Sie ihn mit. Schenken Sie ihm ein neues Zuhause.“, insistiert er. Ich nicke zustimmend. Seine Aussage bedarf keiner Worte meinerseits. Meine Gestik und die glänzenden Augen reichen vollkommen aus. Verzaubert nehme ich den Spiegel in die Hände. Er ist schwerer als gedacht. Daraufhin blicke ich den Professor fröhlich an. „Vielen Dank – von Herzen!“, gebe ich von mir. „Es ist mir eine Freude, junge Frau.“, gibt dieser zurück. „Wollen wir?“, fragt er nun höflich und zeigt mit einer offenen Geste Richtung Tür. Ich nicke wieder und stolpere ihm nach. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Cord-Hausschuhe die gleiche Farbe wie seine Cord-Hose haben. Geschmackvoll und schlicht, niemals aufdringlich. Wilma springt, wie eben, vor uns her Richtung Haustüre. Er öffnet mir diese und lässt mich hindurchtreten. „Junge Dame, es war mir ein Vergnügen. Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund. Machen Sie’s gut!“, gibt mir der Professor mit auf den Weg. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“, gebe ich zurück. „Und – danke nochmal für den Spiegel. Ich werde ihn in Ehren halten. Auf Wiederschauen!“ Der Professor lächelt und winkt. Wilma läuft mir hinterher bis zum Gartentürchen. „Tschüss, Wilma. Pass gut auf dein Herrchen auf.“, verabschiede ich mich von der Dackeldame. Zurück im Auto brauche ich eine Minute, um mich zu sammeln. Ein wenig fühle ich mich in diesem Moment wie ein Aasgeier, der die letzten Reste des Professorenlebens abwrackt und kostenlos mit nach Hause nimmt. Tief atme ich durch und fahre mit der wertvollen Fracht vorsichtig zu unserer neuen Wohnung. Ich werde bereits erwartet, lese ich auf meinem Handy.

In der Wohnung angekommen treffe ich den Römer und Signorino. Der Große schiebt den Kleinen mit dem Rutschauto durchs leere Wohnzimmer. „Und, Amore? Was hast du angeschleppt?“, grinst mich der Römer süffisant an. „Den Spiegel, von dem ich erzählte.“, antwortete ich und wusste doch, dass der Römer es für absolut überflüssig hielt, 25 Kilometer für einen Spiegel zu fahren. „Ooooh, che bello! [Ooooh, wie schön!] Wow! Was für eine Qualität.“, bemerkt dieser begeistert als er das edle Teil erblickte. „Der war anscheinend echt die Reise wert.“ Ich nicke: „Ja, das alles war die Reise wert.“

Spiegel in der Küche – ruhend.

Die perfekte Antwort auf die Frage nach einem zweiten Kind

Bei der Wohnungsübergabe ist mir ein Coup gelungen und das ganz ohne, dass ich diesen fokussiert hätte. Einer der mir bis dahin vollkommen unbekannten Anwesenden bemerkte, dass die neue Wohnung mit einem Kind perfekt sei, jedoch beim zweiten Kind recht eng werden würde. Dabei grinste er dämlich und zwinkerte den Römer an. Ich antwortete gelassen und ohne viel darüber nachzudenken: „Kein Sorge. Wir können keine Kinder mehr bekommen.“ Wobei dieser Satz keineswegs auf die biologischen Voraussetzungen abzielen sollte. Viel mehr verbarg sich hinter dem Satz unsere geistige Grundhaltung und unser erhöhter Bedarf an Freiheit.

Doch die Reaktion meines Gegenübers war bemerkenswert. Er wurde hochrot und fing an zu stammeln: „Oh. Entschuldigung. Die Aussage war auch irgendwie dumm. Verzeihung! Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht…“ Ich, mir der perfekten Antwort gar nicht bewusst, beschwichtigte: „Ach, das ist doch vollkommen okay. Aber ein zweites Kind wird es einfach nicht geben.“ Dabei lächelte ich aufmunternd. Unser Gegenüber verstummte komplett und starrte den hellen Laminatboden an. Solange, bis sich ein anderer Punkt in der Wohnungsübergabe anbahnte und er in dieser Sache aktiv werden musste.

Zurück im Auto ging mir das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Das lag unter anderem daran, dass ich es in seiner ganzen Dimension gar nicht verstanden hatte. Erst nach und nach dämmerte es mir, dass mein im Affekt ausgespuckter Satz die perfekte Lösung für die Anspielungen oder direkten Fragen nach weiterem Nachwuchs war.

Falls Sie sich an diesem Satz bedienen wollen: Bitte gerne! Ich habe es für Sie getestet und erhebe kein Urheberrecht auf diese Antwortvariante. 😉

Da war Signorino noch klein und der Römer noch jung. 😉