Opa!

Dieser Pfingstsonntag war ein holpriger. Und er hatte so gar nichts mit meinem eigentlichen Plan zu tun. Ja, ich erdreiste mir, als Elternteil eines Kleinkindes immer noch Pläne zu machen. Wie dämlich das ist, kann sich vermutlich jeder ausmalen.

Angefangen hat es mit einer sehr unangenehmen Nacht. Nun bin ich ein Mensch, der zwar durchaus in der Lage ist, ein Doppelbett mit einem anderen Menschen teilen zu können, der aber im Verlauf der Nachtruhe nicht berührt werden möchte. Gelebtes, nächtliches Social Distancing ist das, wenn Sie so wollen. Es liegt hauptsächlich daran, dass ich bei jeder Berührung aufschrecke. Dazu brauche ich ein Minimum an Platz, Abstand und Ruhe, wenn ich schlafe. Heute Nacht empfand es Signorino aber als dringend notwendig, die ganze Nacht über physischen Kontakt zu seiner Mutter zu haben. Und sobald dieser Kontakt abbrach, schrie er empört auf. Es war, als wären wir nach 17 Monaten wieder über eine Nabelschnur verbunden. Besonders wichtig für das Kind schien es dabei zu sein, nicht etwa ruhig vor sich hinzuschlafen. Wo denken Sie hin! Viel mehr wollte er, der da schlief, konstant meine Hand patschen, streicheln, zuppeln, zupfen und mal im Gesicht, mal auf der Brust, mal an den Beinen spüren. Nur, um dann die Hand wieder zum Gesicht zu delegieren. Dabei möchte ich behaupten, dass eine Mutter gar nicht so müde sein kann, als dass Sie dabei einschlafen könne. Vorausgesetzt, Sie ticken so wie ich – und es handelt sich nicht um ein neugeborenes Baby. Den Römer schien diese Problematik wenig zu beeindrucken. Schließlich hat dieser die wunderbare Gabe, auch während eines Gesprächs wegzunicken. Er fängt dann an, mit offenen Augen zu schnarchen. Blöderweise verlangte unser Kind nur nach seiner Mutter und auch nur diese durfte das Bett mit ihm teilen.

Als diese Nacht endlich vorbei war, und das war heute um 9:00 Uhr der Fall, fing Signorino an, sein neues Lieblingswort zu schreien. Richtig! Zu schreien! Ein einfaches Flüstern wäre deutlich sanfter und schonender für meine Nerven gewesen. Aber ein kleiner Germano-Italbaner, der immer wieder „opa!“ durch die Gegend brüllte, war auch sehr unterhaltsam. Dabei meinte er nicht den Großvater. Viel mehr benutzte er das Wort im griechischen Sinn. Woher er es aufgeschnappt hatte oder ob es ein kindlich ausgesprochenes „Hoppla!“ war, wissen wir nicht. Auf alle Fälle war es hauptsächlich laut und wurde von kreiselnden Bewegungen im Bett unterstrichen.

Wir frühstückten. Die Herren Brot mit Butter und Marmelade. Ich machte mich über die restlichen und gestrigen Zimtschnecken her, die Turtle uns mitgebracht hatte. Durch den hohen Zuckergehalt bäumte sich so etwas wie meine letzte Lebenskraft auf und ich war bereit, das Kind zu bespielen. Ein bisschen Bausteine, ein bisschen Bücher, ein bisschen Wasserflaschen aufeinander bauen waren bei diesem gewittrig-wolkigen Wetter ein schönes Unterhaltungsprogramm.

Als Signorino die Legosteine nur noch durch die Gegend warf, beschlossen wir, dass die Spielstunde jetzt vorbei ist. Doch das wollte Signorino nicht gelten lassen. Stattdessen besuchte er seinen Vater im Badezimmer, der gerade eine Gesichtscreme auf der anspruchsvollen Männerhaut verteilte. Signorino, bewaffnet mit zwei Legosteinen, rot und gelb, stiefelte am Römer vorbei und steuerte auf die Toilette zu, deren Deckel offenstand. Mit voller Wucht versenkte er seine zwei Bausteine und rief sein griechisches „OPA!“. Der Römer antwortete mit einem „Ma che cavolo stai facendo? [Was zum Teufel machst du da?]“ und starrte in das weiße Keramik-WC. Da lagen sie: Zwei Legosteine. Am Grund der Schüssel wie ein sehr farbiges, versunkenes Schiff. „Amore!!! [Liebling!!!]“ schrie er ins Wohnzimmer, wo ich entspannt einen Fingerhut voll ungezuckerten Espresso trank. Ich überlegte, ob ich seinen Ruf noch ignorieren könnte, doch er setzte ein weiteres, deutlich lauteres „Amoooore!!“ nach. „Jaaahaaaa!“ tönte es aus mir. „Wie viele Legosteine hatte Signorino in der Hand?“ brüllte der Römer fragend ins Wohnzimmer. Sie wissen, ich bin durchaus eine (über)besorgte und stets um das Wohl des Kindes bemühte Mutter, aber mein Helikopter-Eltern-Dasein hört auf, wenn es darum geht, ob das Kind nun zwei oder drei Legosteine in der Hand hatte, als es den Raum verließ und Richtung Badezimmer steuerte. Ich stand auf, stellte meine leere Espressotasse auf dem Esstisch ab und schlenderte zum Badezimmer. Dort angekommen, lehnte ich mich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. „Keine Ahnung. Zwei vielleicht?“ antwortete ich dem Römer. Signorino stand neben der Badewanne und beobachtete die Szene aufgeregt. Der Römer zog sich die gelben Gummihandschuhe an und tauchte damit ins WC ein. „Che schifo! [Wie eklig!] „, stöhnte er, gefolgt von einem „Ich spüre nur zwei Steine.“ Da der Römer sich meistens vehement wehrt, das Badezimmer zu putzen, sah ich durch Signorinos klugen Schachzug meine Chance gekommen. Er fischte die Legosteine aus der Kloschüssel und beförderte sie nach draußen. Ich stand mittlerweile mit einem Lappen und WC-Gel neben dem Römer. „Wenn du schon dabei bist, dann mach das WC doch gleich richtig sauber. So sparen wir uns einen Arbeitsschritt.“ flötete ich und der Römer funkelte mich an. „Ma mi prendete tutti in giro o…? [Wollt ihr mich alle verarschen oder….?]“ patzte er zurück. „Aber nein! Wir wollen nur keine Synergien ungenutzt lassen.“ erwiderte ich grinsend, schnappte mir Signorino und steuerte aus dem Bad. „Opa?“ fragte mich unser Sprössling. „Ja, aber nächstes Mal lieber mit einem Blatt Klopapier als mit zwei Legosteinen.“ gab ich zurück.

Nach fünfzehn Minuten kam der Römer aus dem Badezimmer. „È tutto pulito. [Es ist alles sauber.]“ erklärter er mir. Ich nickte fröhlich. Dann schnappte ich mir Signorino und trottete mit ihm ins Schlafzimmer. Leider leidet das Kind heute unter einem „müder Geist, wacher Körper“-Syndrom. Dreißig Minuten tollte er im Bett umher, fiel dabei beinahe dreimal von Selbigem und kommentierte es – mal wieder – mit seinem Universalwort „opa!“. Dann brach ich das Experiment, ihn zu einem Mittagsschläfchen zu bewegen, ab.

Da wir nicht wussten, ob ein Spaziergang mit müdem Kleinkind Sinn machte oder nicht, blieben wir daheim. Nach einer Stunde hatte der Römer genug und versuchte abermals den Ableger ins Bett zu bringen. Vermutlich war der Versuch schon zum Scheitern verurteilt, als er ihm Kinderlieder-Videos auf dem Handy vorspielte. Selbst ich würde bei einem gut gemachten „La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“ eher mitsingen und -klatschen, als an einen Mittagsschlaf zu denken. Und genau so kam es auch. Daraufhin stritten sich die beiden Herren, weil der Große wollte, dass der Kleine endlich schläft. Der Kleine aber wollte Kinderlieder-Videos sehen. Warum auch nicht? Der Große hatte schließlich damit angefangen. Am Ende motzte der eine auf Italienisch und der andere schmetterte ihm ein zu tiefst verärgertes „OPAAAAAA!!!“ entgegen.

Ich eilte ins Schlafzimmer und trennte die beiden Dickköpfe voneinander, als der Einjährige dem Einundvierzigjährigen gerade mit seiner Patschehand auf die Erwachsenen Hand schlagen wollte. Rasch griff ich mir den kleinen Querulanten, der nun in meinen Armen versuchte, dem Großen nachzutreten. „Niemand sagt dir, dass das mit einem Kind so kompliziert ist.“ seufzte der Römer. Dann packte ich den Satz aus, an den sich alle Eltern tröstend klammern: „Es ist nur eine Phase, Schatz!“ Er schüttelte resigniert den Kopf. „Und wie lange dauert diese Phase?“ wollte er von mir wissen. Ich prustete los und gab augenzwinkernd zurück: „18 Jahre mindestens.“ Der Römer stöhnte, griff sich an den Kopf und sprach geschafft: „Spero di no. [Ich hoffe nicht!]“

„Opa!“ unterbrach der kleine Pseudo-Grieche Signorino unser Gespräch und riss fröhlich die Arme nach oben. Dann lachte er laut. Wir stimmten müde mit ein.

P.S.: Weiterhin hoffen wir, dass es tatsächlich nur zwei Legosteine waren, die Signorino versenkt hat. Aber das werden wir ganz sicher herausfinden. Zum Beispiel, wenn uns morgen das WC überläuft und wir den Klempner rufen müssen.

P.P.S.: Falls Sie sich fragen, wie mein Plan für heute gelautet hätte: Die kurze, so wie hoffentlich wohlschmeckende Antwort hätte „Profiteroles“ geheißen. Nun denn, vielleicht morgen? Vielleicht nächste Woche? Vielleicht zu Signorinos 30. Geburtstag? Wer weiß das schon. Ich lasse mich auf alle Fälle überraschen.

Freitagsrapport | KW20

Falsch verdächtig

…wurde der Römer über Wochen und Monate von mir. Zugegeben, er machte es mir leicht, dass der Verdacht auf ihn fiel: Der Römer ist äußerst kälteempfindlich und so lag es nahe, dass ausgerechnet er die Heizung stets auf die höchste Stufe 5 drehte. Unter teils lautem Gezeter, teils resigniertem Geseufze, kommentierte ich die Wahl seiner Heizungsstufe. Immer wieder wies er jegliche Schuld von sich. Er sei das nicht gewesen! Und ich antwortete jedes Mal: „Na, wer soll‘s denn sonst gewesen sein?!“ Nun leben wir nicht in trauter Zweisamkeit, wie Sie wissen, sondern mit einem neugierigen Kleinkind. Und dieses beobachtete ich am Montag dabei, wie es in einer einzigen, flinken Bewegung den Heizungsregler auf die höchste Stufe drehte und davon flitzte, als wäre nichts gewesen. Dann widmete es sich anderen, mußevolleren Dingen. Zu meiner Verteidigung saß stets der Römer neben der Heizung, wenn ich mal wieder entdeckte, dass sich besagtes Heizgerät auf Stufe 5 abmühte, um den Raum karibisch-warm zu heizen. Unser Kleinkind hielt sich dabei immer weit entfernt von diesem Szenario auf. Selbstredend entschuldigte ich mich beim römischen Gatten. Da die Beschuldigung mindestens seit Februar im Raum stand, hielt ich es für angemessen, meinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Eine große Packung voll türkischem Süßgebäck ließen den Römer die Anschuldigungen vielleicht nicht vergessen, aber zumindest verzeihen.

Zum ersten Mal getan

Signorino in die Kita gebracht. Am ersten und zweiten Tag wich er nicht von meinem Schoß. Am dritten Tag bewegte er sich in einer Umlaufbahn von anderthalb Metern um mich herum. Obwohl ich wusste, dass das vollkommen okay ist, befragte ich dennoch, leicht verunsichert, eine Suchmaschine. Dort fand ich als erstes einen Bericht einer querulanten Mutter, bei dem aus jeder Zeile Trotz, Wut und Frustration tropfte. Schnell weiter! Der zweite Artikel, den ich fand, war ein Interview mit einem Kinder- und Jugendpsychiater. Als ich ihn las, entspannte ich mich sofort und alle Zweifel waren wie weggeblasen. Die Trennung an Tag vier klappte sehr gut, berichtete man mir später, als man mich nach 30 Minuten aus dem Eltern-Warteraum holte. Gemächlich erobert er sich seinen Platz im Kitagefüge. Ein wenig schmerzt das Mutterherz natürlich, wenn man nach der ersten, kurzen Trennung ins Zimmer gerufen wird und seinen kleinen Sohn schüchtern, verloren und leicht verängstigt im Spielraum stehen sieht.

Aussicht aus dem Eltern-Warteraum. Heute hatte ich eine (!) Stunde Zeit ein Buch zu lesen.

Die Erzieherinnen sind übrigens klasse. Sehr nett, ruhig, erfahren, freundlich, höflich, unterstützend und beruhigend.

Das Fundstück der Woche

ist demnach dieses Interview des niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung mit Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Karl-Heinz Brisch. Es geht um Bindungsmuster, das nötige Feingefühl und den Einfluss der Eltern bei der Eingewöhnung. Mir half es weiter. Vielleicht zeigt es auch bei der ein oder anderen Mutter, die zum ersten Mal ihr Kind zur Kita Eingewöhnung bringt, einen beruhigenden Effekt. Wer weiß? Interessant ist es allemal!

Zum Interview bitte hier entlang!

Mein Lieblingslied der Woche

Ein luftig leichtes Lied von Francesca Michielin und Giorgio Poi, das von einem italienischen Sommer(-urlaub) träumen lässt, von einer leichten Sommerbrise, die über die nach Salzwasser riechenden Haare und über die sonnengebräunten Schultern streicht.

Mein Rezept der Woche

Heute ist es vielmehr eine Beilage, als eine komplette Hauptmahlzeit. Am Anfang des Ramadans entdeckte ich dieses Rezept und da ich in diesen Fastenwochen mehrheitlich die Hoheit über die Küche hatte, probierte ich es sofort aus. Besser hat Reis im Hause Farniente nie geschmeckt! (Der Römer widerspricht diesem letzten Satz jedoch und beruft sich auf seine gerne gegessenen Risotto-Varianten. Somit würde der römisch korrigierte Satz lauten: Besser hat Reis als BEILAGE im Hause Farniente nie geschmeckt! 😉)

Zutaten

300g Basmatireis

2 EL Butter (oder Margarine)

Salz

Zubereitung

Reis abwiegen und in einem Sieb sehr gut waschen. Solange, bis das Wasser, mit dem Sie den Reis waschen, klar wird. (ca. 2-5 Minuten)

Reis in reichlich gut gesalzenem Wasser bissfest kochen. Das dauert 8 Minuten. Eine Espressotasse voll Reiswasser abschöpfen und zur Seite stellen. Den Reis in ein Sieb abgießen, dabei den Topf richtig leerkratzen. Die Herdplatte auf niedrige Hitze (Stufe 2-3 bei 9 Stufen) herunterschalten.

In den Topf das abgeschöpfte Reiswasser von vorhin und 2 EL Butter schmelzen lassen. Dann den Reis zurück in den Topf geben und mit einem Löffel pyramidenförmig aufschichten. Dabei die untere Schicht mit der Butter nicht mit dem Rest vermengen. Mit dem Ende eines hölzernen Kochlöffels wahllos Löcher in die Reispyramide stechen. Den Topf mit einem Küchentuch abdecken und dann den Deckel auflegen. Darauf achten, dass der Topf wirklich fest geschlossen ist.

Ca. 40 Minuten auf relativ niedriger Hitze (Stufe 2-3) ziehen lassen. Wichtig: Deckel in dieser Zeit nicht abheben. Nach 40 Minuten den Herd ausstellen. Lassen Sie den Topf mit leicht geöffnetem Deckel etwas abkühlen. Das dauert ca. 20 Minuten. Nach dieser Wartezeit löst sich der Reis und besonders die Reiskruste von ganz alleine. Alternativ können Sie den Topf von außen auch mit kaltem Wasser abschrecken. Jedoch löst die Wartezeit die knusprige Reiskruste verlässlicher vom Topfboden als das Abschrecken mit kaltem Wasser.

Heben Sie nun den Deckel des Topfes ab. Legen Sie einen großen Teller auf den Topf. Drehen Sie nun das Ganze um, und hoffen, dass der ganze Reis schön herausfällt. Es sollte sich eine schöne, goldbraune Reiskruste gebildet haben, die es sich jetzt auf dem locker körnigen und duftenden Reis gemütlich macht. Die Kruste schmeckt äußerst lecker! Je größer der Topf, auch bei geringer Reismenge, desto mehr Kruste gibt es.

Natürlich können Sie auch weniger Reis nehmen. Das Prozedere bleibt das gleiche.

Sollte Reis übrig bleiben, ist das die perfekte Grundlage für einen gebratenen Eierreis. Einfach Gemüse nach Wahl in Sesamöl anbraten. Reis nach und nach dazugeben, Eier nach Geschmack. Schnell verquirlen. Einen Schuss Sojasauce et voilà!

Guten Appetit!

Quelle: chefkoch [Mein Rezept ist leicht abgewandelt bzw. ergänzt]

Jetzt aber schnell ab ins (hoffentlich auch bei Ihnen) verlängerte Wochenende!

Die Albanienchroniken – Tag 6: Ibrahims Schlaglochkarte, ein albanischer Sultan und Machtkämpfe mit Cousin Kang

„Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen fängt er an zu stinken.“ Dieser Aphorismus, der Benjamin Franklin zugeschrieben wird, traf meine Empfindung doch recht genau. Es war Tag 4 in Albanien und stank bereits bestialisch. Dazu müffelte der Römer und auch Signorino ließ mich meine Nase rümpfen. Leider hegte ich den Verdacht, dass das mein alleiniger Sinneseindruck war. Schließlich schien ich auf weiter Flur, die einzige Person unserer kleinen Familie zu sein, die sich nach Hause sehnte. Überaus grummelig, bisweilen auch schlecht gelaunt, bestritt ich den Vormittag mit dem Zusammensammeln und Verstauen aller Gegenstände, die wir auf diese Reise mitgeschleppt hatten. Der Koffer ächzte unter der Last. Während ich Signorinos albanische Tracht, die er von seiner Familie geschenkt bekommen hatte, in den Koffer stopfte, fragte ich mich, ob die mysteriöse Ausdehnung und das ebenso rätselhafte Zusammenziehen von Reisegepäck je ernsthaft untersucht wurde. Denn bei jeder Abreise nach Hause schien es mir, als würde sich unser Koffer, wie durch Zauberhand, zusammenziehen und damit um etliche Zentimeter verkleinern, was definitiv nicht mit den landesspezifischen Temperaturschwankungen zu begründen war. Mit letzter Kraft presste ich den kleinen Hirtenhut, der die albanische Tracht komplettierte, in den silbergrauen Koffer. Unter Einsatz meines gesamten Körpergewichtes und einem halb auf dem Koffer krabbelnden Signorino schafften wir es das Reisemonstrum zu schließen. „So viel Stress, obwohl wir noch eine Nacht in unserer Ferienwohnung bleiben hätten können.“ murmelte ich und schüttelte mürrisch meinen Kopf. Der Römer kam pfeifend aus dem Doppelzimmer der Ferienwohnung. In der Hand trug er seinen schwarzen Lederrucksack. „Io non vedo l’ora di dormire a casa di mia sorella. [Ich kann es kaum erwarten, im Haus meiner Schwester zu schlafen.]“ flötete er gut gelaunt. Ich quittierte seinen Satz mit einem wenig überzeugenden „Mh.“. Da ich kein ausgefeiltes Gegenargument vorweisen konnte, weswegen wir noch eine Nacht in größtmöglicher Privatsphäre in der Ferienwohnung in Tirana bleiben sollten, musste ich dem Vorschlag von Schwester F. schließlich zustimmen. Das tat ich ungefähr so enthusiastisch als würde es sich hierbei um einen Termin zur jährlichen Zahnreinigung handeln. Wir schliefen in ihrem Haus, schließlich hatte ihr Mann extra ein Gästezimmer in ihrer neuen Villa bauen lassen, das einzig und allein dem Zweck diente, uns zu beherbergen. So wurde es uns seit zwei Jahren kontinuierlich kommuniziert. Außerdem, und das war das Schlüsselargument von Schwester F., würde uns Neffe Toni gerne (den Wahrheitsgehalt dieses Adverbs bezweifle ich allerdings bis heute) um 3 Uhr nachts an den Flughafen „Nënë Tereza“ bringen. Dafür würde der junge Vater selbstverständlich seinen Nachtschlaf unterbrechen. Ich weiß nicht, wer mir mehr Leid tat: Neffe Toni oder ich mir selbst?

Es war mit Bruder Ibrahim ausgemacht, dass er uns um 16 Uhr vor dem bereits bekannten kompleksi Taiwan, dem Taiwan Center, abholen würde. Der Römer trieb zu Eile an, denn gleich würde Bruder Ibrahim seinen Benz in zweiter Reihe auf der großen Hauptstraße abstellen. Ich ließ mir Zeit, denn ich war mir sicher, dass 16 Uhr nur ein loser Anhaltspunkt, nicht aber eine verbindliche Zeitangabe war. Gegen 16 Uhr erreichte uns zwar nicht Ibrahim in seinem Vehikel, jedoch aber ein Anruf seinerseits. „Ich fahre jetzt los.“ verkündete er sein Vorhaben. Der Römer blickte auf die Uhr. Es war 16:07 Uhr. Dass er seine verspätete Ankunft sieben Minuten nach der eigentlichen Abholzeit kommunizierte, erklärte das ganze Pünktlichkeitskonzept Albaniens recht anschaulich. Der Römer biss auf seine Lippen, die daraufhin ganz weiß wurden. Dann knurrte er ein zweimaliges „mire [gut]“ und beendete das Telefongespräch. Ich packte indessen zufrieden summend die letzten Badezimmerutensilien in meine große Tasche. Wenn man sich auf eine Tatsache in Albanien verlassen konnte, dann war es die großzügige Auslegung von bereits im Voraus fixierten Abholzeiten. Dieser Fakt kam mir wiederum sehr entgegen. Schließlich bin ich eine Person, die gerne im aller letzten Moment abfahrtbereit ist.

Währenddessen lief der Römer, rasend vor Wut, im Wohnzimmer auf und ab. Lautstark ließ er sich über Albanistan [wie er Albanien nennt, wenn er es in einem schlechten Licht darstellen will] und die dazugehörigen Landsleute aus. Dann zitierte er einen liebgewonnen Satz, der ihm in seinen Anfängen in Deutschland begegnet ist und anscheinend seine Spuren hinterlassen hat: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“ Kurz hielt er inne, fixierte mich und fuhr fort: „Aber allein, dass der deutsche Prinz zu Wied [Wilhelm Friedrich Heinrich Prinz zu Wied] nur sechs Monate Fürst in Albanien war, erklärt in diesem Land schon alles. Vermutlich hatte er das Warten auf verspätete, albanische Funktionäre satt.“ Ich schwieg und sinnierte über den deutschen Prinzen. Sechs Monate, dachte ich. Mir reichte es nach vier Tagen schon. Aber Prinz zu Wied musste einen langen Atem gehabt haben. Oder es lag an den unbequemen und langwierigen Reiseformen um 1914, die ihn dazu veranlassten, noch ein Weilchen zu bleiben. Außerdem musste er sicher nie in Ibrahims Benz mitfahren und um sein Leben fürchten. Allein bei diesem Ritt verminderte sich meine zu erwartenden Lebensdauer um mindestens 5 Jahre.

Der römische Monolog setzte sich leise keifend fort, während ich mich auf dem Sofa niederließ. Ich empfand die römische Aufregung als übertrieben. Welchen Unterschied machte in Albanien schon ein halbes Stündchen? Wenn man eines hier hatte, und davon reichlich, dann war es Zeit. Fünfzehn Minuten, vielleicht ein halbes Stündchen, für einen Kaffee mit einem zufällig getroffenen Bekannten, lagen hier auf der Straße wie fallende Blätter im herbstlichen Laubwald. Man musste nur zugreifen!

Pünktlich, wenn man nach der albanischen Zeitrechnung ging, fuhr Ibrahim um 16:47 Uhr vor. Wir ließen die Schlüssel der Ferienwohnung auf dem gläsernen Esstisch liegen und eilten nach unten, was sich als eine akrobatische Meisterleistung herausstellte, angesichts der vielen Gepäckstücke. Ibrahim wartete im dunklen Benz. Als er uns von weitem sah, sprang er aus dem Auto und half uns mit Kind und Kegel. Dann begrüßten wir uns mit dem obligatorischen Ellbogen-Stößchen. Ich installierte den Kindersitz, während die beiden Brüder die Gepäckstücke verluden. Flink prüfte ich, ob heute irgendein Sicherheitsgurt im Fond funktioniere würde, außer der, der Signorinos Kindersitz sicherte. Die Antwort war so ernüchternd, wie kurz: Nein! Ich dachte an Ibrahims Worte, die besagten, dass im hinteren Teil des Autos nichts passieren könne und hatte keine andere Möglichkeit als darauf zu vertrauen. Nach weiteren fünf Minuten war die Mehrheit der Fahrzeuginsassen angeschnallt und wir konnten losfahren.

Es war Sonntag. Der Verkehr war deutlich lichter als in den letzten Tagen. Ibrahim nahm diesen Tag zum Anlass zum albanischen Sonntagsfahrer zu mutieren, was keineswegs etwas mit dem mitteleuropäischen Sonntagsfahrer gemein hatte. Er war zwar heute deutlich langsamer als sonst unterwegs, aber im mitteleuropäischen Gesamtvergleich immer noch sehr flott. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich heute eine neue Variante, die Ibrahim anwendete, wenn es der Verkehr und die Straßenverhältnisse zuließen: Er fuhr komplett in der Mitte der zweispurigen Straßen. Die gestrichelte Mittellinie, die die Fahrbahnen voneinander abtrennte, verschwand wie ein einziger, weißer Strich mittig unter Ibrahims Gefährt. Ab und an schlingerten wir ruckartig nach rechts, wenn uns ein Auto des Gegenverkehrs entgegenkam. Erst vermutete ich, dass seine Taktik eine Sicherheitsvorkehrung wäre, die verhindern sollte, dass wir aus den scharfen Kurven fallen würden. Aber recht schnell bemerkte ich, dass es viel mehr eine Maßnahme war, die Leben retten konnte. Ibrahim wollte damit verhindern, dass Autos, Mofas, Ziegen, andere Haustiere, Omas oder Kleinkinder, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten und auf die Straße stolperten, in Ibrahims Mercedes liefen. Dadurch, dass er mittig fuhr, musste heute niemand sein Höllengefährt fürchten. Ibrahim, als könnte er meine Gedanken lesen, unterrichtete zeitgleich den Römer über diese albanischen Fahrerweisheit: „In der Mitte der Straße bist du immer sicher. So kann gar nichts passieren!“ Der Römer nickte, was nicht verwunderlich war. Er besaß zwar einen albanischen Führerschein, verfügte aber seit 20 Jahren (bis auf die Ausnahme in Rom) über keinerlei Fahrpraxis. Doch ich konnte es nicht lassen und erkundigte mich nach dem Umgang mit dem Gegenverkehr, wo doch sicher alle diesen Trick anwenden würden. „S’ka problem. [Kein Problem.]“, winkte Ibrahim lachend ab, „Irgendwie klappt das immer.“ Ich glaube, diese grenzenlose Zuversicht ist das größte Gut der Albaner. Ja, seltsamerweise klappte es irgendwie immer.

Flott bogen wir auf eine unbefestigte Straße ein. Hingebungsvoll manövrierte uns Ibrahim über diese Schotterpiste, die vermutlich aus mehr Schlaglöchern als Piste bestand. Dennoch war auf Ibrahim Verlass. Er brachte uns, mit eisernem Lenkrad, durch die Schlaglöcher wie ein alter Kapitän. Seit Jahrzehnten fuhr er auf diesen Straßen. Es wäre nicht verwunderlich, würde er eine Schlaglochkarte Albaniens, ähnlich einer Seekarte für den Schiffsverkehr, herausgeben. Jedes Mal, wenn sich wieder ein bodenseegroßer Krater ankündigte, bremste er kurz ab und ließ den Mercedes langsam hineinrollen. Sobald wir den tiefsten Punkt des Schlagloches überwunden hatten, beschleunigte er, dass sich eine beachtliche, saharafarbene Staubwolke bildete. So schaukelten wir über die holprigen Straßen Kamez‘ bis wir unser vorläufiges Ziel erreichten: Die große Einfahrt des römischen Elternhauses.

Wie immer wollten wir in der ersten Einfahrt parken. Doch dort stapelten sich bereits drei Autos. Mir schwante bei diesem Anblick ein großer Familienauflauf, zumal ich ein Kennzeichen aus Krujë, der Nachbarstadt, erkennen konnte. Rasch fuhren wir zur zweiten Einfahrt des Hauses. Auch hier schmiegten sich zwei Autos aneinander. Das taten sie aber nur, um Ibrahim und uns, als Ehrengäste, noch ein Fleckchen frei zu lassen. Ibrahim parkte dort zügig ein und wir stiegen aus. Als wir die große, hölzerne Haustüre öffneten, denn eine Klingel gab es nicht, saßen bereits allerhand illustre Gäste im weitläufigen Wohnzimmer.

Anstatt auf Kontaktbeschränkungen setzte man hier auf Herdenimmunität. Was ich von meinen Schwiegereltern hörte, hat bereits jeder in Kamez das Coronavirus überstanden. Manche überlebten es jedoch nicht. In der römischen Familie waren jedoch keine Opfer zu beklagen. Um die größte, römische Schwester hatte man dennoch große Sorge, dass sie es nicht schaffen könnte. Um ihren Gatten, den ehemaligen Grundschulrektor, der ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer erkrankt war, hatte man etwas weniger Angst, da er von der Familie als ungemein dickköpfig und ignorant gehandelt wurde. Partout weigerte er sich ins Krankenhaus gebracht zu werden. Lieber sollte man ihn mit mühsam herbeigeschafften Sauerstoffflaschen im heimischen Krujë am Leben halten. Auch wenn man es nicht aussprach: Ein möglicher Verlust des pensionierten Grundschulrektors wäre von einigen Familienmitgliedern deutlich schneller verkraftet worden, als von anderen. Soweit kam es aber nicht. Auch er überstand das Virus.

Doch zurück ins römisch-albanische Elternhaus: Das bunte Potpourri an familiären Gästen gackerte in der Wohnstube vergnügt durcheinander. Ich erkannte eine der vielen, römischen Nichten mitsamt ihrer beiden Töchter (3 und 5 Jahre alt). Ein anderer Neffe, Ismail, war ebenso zu Besuch. Primär deswegen, weil er mit dem Römer über den Verkaufspreis der römischen Wohnung in Tirana verhandeln wollte. Dazu waren die üblichen Verdächtigen, bestehend aus Bruder L. und Gattin Dyshi, sowie die beiden Kinder Ionnida und Florian im Salon. Ionnida hatte ihren sehr sympathischen, mir jedoch bislang unbekannten, Verlobten mitgebracht, der auf dem Ehrenplatz neben dem römischen Vater sitzen durfte. Außerdem sollten später noch Bruder V., samt Gattin, vorbeischneien. Ihre erwachsenen Kinder wurden jedenfalls schon auf der großen Sofalandschaft festgetackert. Kurz: Das Wohnzimmer war in meiner Wahrnehmung brechend voll. Aber wer jemals auf einer albanischen Hochzeit eingeladen war, der würde diese Versammlung als „intime Runde im engsten Kreis“ bezeichnen.

Unser römisch-albanisches Partymodell Signorino empfand den Auflauf an (Bluts-)Verwandten eine willkommene, und wenn man seinem strahlenden Gesichtsausdruck trauen durfte, dringend notwendige Abwechslung. Seine beiden jungen Cousinen, zweiten Grades, waren dazu die Cocktailkirschen auf der familiären Sahnetorte. Wie aufgeregte Bienen umschwirrten sie den jungen Signorino, der gar nicht wusste, wem er seine Aufmerksamkeit zu erst widmen sollte. Dazu knufften sie ihn in die Seite, verteilten verschwenderisch Küsschen auf die Backe und streichelten ihm über den blonden Schopf. Verzaubert von seinen Cousinen und jeglicher Gefahr gegenüber blind, vereitelten wir in Wechselschichten nicht nur ein Mal einen Unfall mit dem elektrischen Heizgerät, das auf dem Boden stand. Nach einem weiteren (beinahe) Unfall, der in letzter Sekunde verhindert werden konnte, brachte die Familie das Heizgerät an die frische Luft. Dies geschah vorallem deswegen, da sie sahen, dass ich Signorino die Gefahr, die von dem Heizelement ausging, sehr eindrücklich erklärte. Das Risiko war gebannt, doch wer jemals Anfang April in Albanien war, der weiß, dass es ohne jegliche Heizgeräte sehr schnell, sehr kalt wird. Man brachte eine 5 Kilogramm schwere Gasflasche ins Wohnzimmer, an der ein orangefarbener Schlauch befestigt war, der zu einem sehr großen Trichter führte. Routiniert wurde diese Heizkonstruktion zum Laufen gebracht. Das ausströmende Gas, das sofort verbrannte, hörte sich ein wenig an, als würde man in einem leisen Windkanal stehen. Ich fragte mich ernsthaft, ob das der bessere Tausch war. Eine offene Gasflasche gegen eine Elektroheizung, die zumindest ein Gitter vor den glühenden Heizstäben vorwies? Mit Argusaugen betrachtete ich die Szene und platzierte mich nah an der Gasflasche. Und wie sollte es auch anders kommen mit einem neugierigen Kleinkind? Das Kind lief postwendend zur Gasflasche und wollte sie, samt flammenden Zylinder, mit den Händen betrachten. Mehrmals hielt ich Signorino davon ab, der sich sogleich zu einem kreischenden Brett verwandelte. Nach dem vierten Mal reichte es mir. Ich machte höflich, aber bestimmt deutlich, dass eine offene Gasflasche mit Kleinkind keine ideale Kombination darstellte und entweder das Kleinkind in einen anderen Raum gebracht werden müsse, oder aber die Gasflasche. Beide zusammen in einem Zimmer würden mit eindeutiger Sicherheit in einer Tragödie enden.

Am Ende musste die Gasflasche weichen. Das hielt Signorino aber nicht davon ab, sich eine neue Beschäftigung zu suchen. Nun war die mannshohe Pflanze das neue Zentrum seiner alleinigen Aufmerksamkeit. Nachdem diese, wie Tage zuvor, fast auf ihn gestürzt wäre, entfernten zwei starke Familienmitglieder das grüne Ungetüm. Bei all diesen Gefahrenquellen war der Römer keine große Hilfe. Vertieft in anregende Gespräche mit seinen männlichen Familienmitgliedern hörte er entweder nicht zu oder winkte lachend ab. Als ich nicht müde wurde, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass auch er etwas sagen solle, bemerkte er schließlich genervt, man solle das Kind doch einfach Kind sein lassen und natürlich dürfte unser Ableger nach Herzenslust durchs Wohnzimmer rennen. Ich zweifelte nicht nur an seiner Fähigkeit zuzuhören, sondern auch an unserer Ehe. Hätten sich die weiblichen Familienmitglieder nicht allesamt um den herumflitzenden Signorino gekümmert, wäre der Römer jetzt wohl kaum in einem interessanten Gesprächskreis integriert, sondern auf dem Weg zur nächsten Kinderintensivstation mit einem verbrannten Signorino.

Nach einer Weile kam sehr viel, weibliche Bewegung in die Szenerie. Die männlichen Familienmitglieder schienen davon vollkommen unbeeindruckt zu sein. Ich guckte mich fragend um, verstand ich doch nicht, warum all die Damen wie auf ein geheimes Zeichen aufstanden, sich sortierten und Richtung Küche steuerten. Dem Römer, nachdem ich mehrmals an seinem Hemd zog um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, reichte ein kurzer Blick um die Dynamik dieser Szene zu verstehen. Die Frauen zogen, aufgrund der schwer auszuhaltenden, eisigen Temperaturen, in die warme Wohnküche um. Den männlichen Familienmitgliedern schien das nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil: Hitzig diskutierten sie über die bevorstehende Wahl in Albanien. Die kontroversen Meinungen befeuerten die Atmosphäre ganz ohne gasbetriebenen Heizstrahler. Ganz besonders das Familienoberhaupt in Gestalt des römischen Vaters, ließ mit seinen punktgenauen, aber sehr kurzen Äußerungen ordentlich Glut in den Augen der übrigen Männer aufflammen. Da er die höchste, albanische Familieninstanz war, musste seine Meinung zähneknirschend akzeptiert und bis zum Ende angehört werden. Letzterer Punkt fiel wiederum nicht schwer, denn mein Schwiegervater ist seit jeher sehr sparsam mit seinen Worten.

Schwägerin Dyshi, Bruder L.’s Gattin, gebot mir zu folgen. Ich lief hinter dem tapsenden Signorino her, der eingerahmt wurde von seinen beiden Cousinen, die ihn links und rechts an den Händchen hielten. Als ich die Glasschiebetüre zur angenehm temperierten Küche schließen wollte, stand der Römer fröstelnd vor mir. „Brrrr…fa veramente freddo. [Brrrr….es ist wirklich kalt.]“ sprach er und grinste mich an. Dann huschte er in das Damenzimmer und fläzte sich auf ein grünes Sitzpolster, das auf der hölzernen Eckbank drapiert war. Natürlich genoss er seine Rolle als Hahn im Korb sichtlich. Ein Heer an Cousinen, Schwägerinnen, Schwestern und seine Mutter waren durchgehend um sein Wohlergehen besorgt. Allein ein Ottomane und ein gewaltiger Turban fehlten, um den Römer in den Stand eines Sultans zu erheben. Ich nahm es gelassen, wusste ich doch, dass dieser Zauber in Frankfurt nur ein Märchen aus 1001 Nacht bleiben sollte.

Das Kind des Sultans, Signorino, tollte weiter in der Küche umher. Besonders gerne spielte er dabei mit seiner Tante Dyshi, was wenig verwunderlich war. Selten habe ich eine so herzliche und kinderliebe Person kennengelernt. Dyshis wunderbarer Charakter und ihr sonniges Lächeln stellten alle anderen Verwandten in den Schatten. Derweil war ich mir sicher, dass ihr dieser Satz, würde sie ihn lesen, furchtbar peinlich wäre. Sie ist eine sehr bescheidene Person. Und wie sie da saß, mit ihren großen, haselnussbraunen Augen und den leicht orange blondierten Haaren und nicht müde wurde „Guckguck“ mit Signorino zu spielen, schloss ich sie noch ein bisschen mehr in mein Herz. Dem römischen Sultan von Albanien wurden währenddessen Nektarinen gereicht. Er verspeiste sie mit größtem Genuss.

Ich nahm neben dem römischen Sultan Platz. Zu meinen Füßen saß die jüngere der beiden Cousinen Signorinos. Sie kramte neugierig in meiner Tasche. „Jo, jo, Armela! [Nein, nein, Armela!]“ versuchte ihre Mutter sie davon abzuhalten. Diesmal befand ich mich in der luxuriösen Position abzuwinken und davon machte ich großzügig Gebrauch. Ich gab den beiden mit Händen und Füßen zu verstehen, dass sie genau so mit allen Spielzeugen Signorinos spiele durfte, wie sie es Signorino erlaubt hatten. Wir wären doch eine Familie! Die kleine Cousine fand das super. Ihre Mutter lächelte zerknirscht. Die Größere der beiden Cousinen guckte sich das Buch mit dem Hasen, der ins Bett gehen soll, genau an. Dann beschloss ich, es ihr vorzulesen. Auf Deutsch. Wir hatten ein wunderbares, internationales Gespräch, in dem mir alle Details auf Albanisch erklärt wurden und ich auf Deutsch antwortete. Am Ende konnte Signorinos Cousine „Hase„, „Gute Nacht“ und „kraulen“ sagen. Die Kleinere der beiden Schwestern kramte in der Zwischenzeit munter weiter in meiner Tasche und fand ein Malbuch. Wieder versuchte ihre Mutter sie davon abzubringen. Ich lächelte und gab ihr zu verstehen, dass sie das Malbuch gerne haben dürfe. Dazu erklärte ich ihr, dass man nicht mit Buntstiften, sondern mit Wasser malte, welches den Untergrund in ein buntes Meer aus Farben verwandelte. Dyshi sprang sofort auf und füllte Wasser in den Plastikstift. Dann gab sie ihn an Armela weiter. Diese malte tief beeindruckt allerhand bunte Unterwassertiere aus.

Nach einer weiteren Stunde wurde ich etwas unruhig. Die Sonne ging langsam unter und ich wollte an der nächsten und hoffentlich letzten Station, dem Haus von Schwester F., noch an diesem Tag ankommen. Den Römer auf meinen Wunsch angesprochen, musterte er mich irritiert. Dann tätschelte er mir die Schulter. „Adesso? [Jetzt?]“ fragte er und man sah deutlich, wie zweifelhaft er meiner Bitte begegnete. Vermutlich riss mein Wunsch ihn unsanft von seiner flauschigen Sultanwolke. Aber es sei doch gerade so schön. Wer wolle jetzt schon dieses schöne Miteinander unterbrechen und darauf bestehen weiterzufahren, wollte er wissen. Vermutlich war seine Frage auch eher rhetorisch. „Ich!“ antwortete ich wahrheitsgemäß und müde. Dyshi stellte derweil eine große Schale Granatapfelkerne und einen Löffel vor den Römer. Er lächelte selig. Und ich verstand. Der römische Sultan wollte seinen Sultanstatus solange wie möglich erhalten, da er in Frankfurt, wie es schien, nur bei Wasser und trockenem Brot gehalten wird. Durch die Glastüre hielt ich nach unserem Kamikaze-Fahrer Ibrahim Ausschau. Er war noch immer in ein angeregtes und temperamentvolles Gespräch vertieft. Schwager L., der aktuell das Wort hatte, schlug wie auf ein Kommando mit der Faust auf den Couchtisch, um sein Argument zu unterstreichen. Der römische Vater mit den schneeweißen Haaren machte ein kurzes, kaum merkliches Zeichen mit dem Zeigefinger. Beschämt über seine Reaktion und eine Entschuldigung murmelnd, guckte ihn sein Sohn L. von unten an. Der Vater lächelte nachsichtig.

Die albanische Dynamik nahm einmal mehr ihren Lauf: Nach 25 Minuten ging ein Ruck durch die Menge an Männern, was vermutlich daran lag, dass die römische Mutter die Treppe herunterkam. Sie hatte ihre Ausgehhandtasche fest umklammert und bereits einen dunklen, bodenlangen Mantel an. Anscheinend kam sie mit zu Schwester F., ihrer Tochter. Auch unser Grüppchen in der Küche stand wie auf ein stilles Kommando auf und ich eilte mit Signorino zur Haustüre, wo unsere Schuhe standen. Wir waren beide mühe, ruhebedürftig und geschafft, was man vom Römer nicht behaupten konnte. Ein schnelles Abendessen bei Schwester F. und dann sollte es für uns auch schon ins Bett gehen. Schließlich würden wir mitten in der Nacht aufstehen müssen, um zum Flughafen zu gelangen. So lautete mein einfach klingender Plan! Aber ein schnelles Abendessen in Albanien schien eben so illusorisch wie ein frühes zu Bett gehen. Zu meinem Glück wusste ich damals nicht, dass mir die anstrengendsten Stunden noch bevorstanden.

Wir fuhren, ungewöhnlich vorsichtig und langsam, zur Villa der Schwester F.. Vermutlich, weil Ibrahim auf die Bandscheiben seiner alternden Mutter, meiner Schwiegermutter, Rücksicht nahm. Sanft wie eine Daunenfeder, schwebten wir über Schotterpisten und vorbei an kleinen Gässchen. An einer Weggabelung hielten wir, denn Ibrahim erkannte den geschätzten Nachbarn aus dem Bürgeramt. Obwohl die beiden nebeneinander wohnten, nahm man sich hier gerne die Zeit für ein kleines Schwätzchen. Schließlich war die Gelegenheit eine sehr seltene: Wann würde man noch einmal in dieser Konstellation, bestehend aus Ibrahim, der Mutter, dem römischen Bruder, dem Kind des Bruders und der deutschen Ehefrau, zusammenkommen? Ibrahims Nachbar fragte die römische Mutter, ob sie glücklich sei, dass ihr Sohn aus Deutschland, samt Familie, nun in Albanien weile. „Sehr!“ antwortete sie, die neben mir am Fensterplatz saß, und drückte meine Hand. Ich drückte zurück und lächelte sie unter meiner Maske an. Als die neuesten Nachrichten des Viertels ausgetauscht worden waren, zuckelte Ibrahim weiter. Wir glitten, immer noch wie auf Wolken reisend, auf die große Hauptstraße und von dort ging es, unter Einhaltung aller Verkehrsregeln (!), zum kompleksi von Schwester F. und Schwager B.. Ja, sie lesen richtig. Ein ganzer kompleksi, ähnlich einem kleinen Shoppingcenter, gehörte den beiden.

Dazu sei erwähnt, dass Schwager B. ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann ist. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, machte er sich schnell einen Namen mit jeglichen Sanitär- und Hydraulikarbeiten. Bis nach Shanghai brachte man ihn, damit er sich dort in einem deutlich größeren kompleksi austoben konnte. Mittlerweile ist er 55 Jahre und findet, es ist langsam, aber sicher an der Zeit, beruflich kürzer zu treten. Das bedeutete, dass er das operative Tagesgeschäft an seinen Sohn, Neffe Toni, übergab, der nun von früh bis spät schuften durfte. Sein letztes, großes Projekt war die Familienvilla, die er an seinen kompleksi anbaute. Viergeschossig, mit eigenem Aufzug, bewohnt nur von Schwager B., Schwester F., Neffe Toni nebst Gattin und seinem Sohn. Ab und an kam auch die im Ausland studierende Tochter vorbei. Die Villa war geschmackvoll eingerichtet. Tatsächlich vermutete man eine solche Villa eher in den Hollywood Hills als in Kamez. Die äußerst begabte und ambitionierte Innenarchitektin leistete wirklich ganze Arbeit.

Ibrahim rollte in Zeitlupe in eine der Parklücken und ließ den Benz sanft abbremsen. Als wir ausstiegen, kam mir die Idee, dass ich zukünftig darauf bestehen werde, dass meine Schwiegermutter Nurie stets bei uns mitfährt. Als Schutzheilige St. Nurie sozusagen. Denn bei einem so rabiaten Fahrer wie Ibrahim, der bei Anwesenheit seiner Mutter in der fahrerischen Lage war, eine Schotterpiste in eine fluffige Wolke zu verwandeln, sollte man lieber tief in die Trickkiste greifen. Vielleicht würde auch schon eine heilige St. Nurie Münze, ähnlich einer St. Christopherus Münze, am Rückspiegel des Autos helfen. Oder beides zusammen? Viel hilft viel! Auch in Albanien.

Ibrahim ging in den Supermarkt des kompleksi, da er noch etwas Vorort-Tratsch erfahren wollte. Welcher Ort würde sich, neben einem Café, besser dazu eignen als ein Supermarkt? Wir steuerten derweil auf die große, weiße Haustüre am Ende des kompleksi zu. Man brauchte nicht klingeln, sondern konnte einfach durch den modernen, weißen Eingang gehen. Der Römer drückte auf die Taste für den Lift und unsere Reisegruppe bestehend aus Schwiegermama Nurie, Signorino, dem Römer und mir. stiegen ein. Es klingelte zwei Mal, als wir auf der vierten Etage angelangt waren. „Në! [Mama!]“, sprach der Römer, „Sind wir hier richtig?“ Die römische Mutter zuckte mit den Schultern. „Nuk e di! [Ich weiß es nicht!] Ich benutze nie den Lift, sondern immer die Treppenstufen.“ Dann grinste meine 75jährige Schwiegermutter wie ein junges Mädchen. Der Römer lief die restlichen Treppenstufen hoch, um sich zu erkundigen, ob wir in der richtigen Etage waren. „Hier oben ist nur noch der Pool!! Ich komme wieder runter!“ schrie er nach unten und seine Stimme hallte im Treppenhaus. Dann nahm er zwei Treppenstufen auf einmal und hüpfte wieder auf unsere Etage. Signorino zog währenddessen am weißen Kopftuch seiner Oma. Sie nahm es gelassen, nahm seine kleinen Patschehändchen und küsste sie. Er guckte überrascht. Nein, damit hatte er nicht gerechnet.

Wir klingelten an der Haustür auf der vierten Etage. Amela, die Frau des Neffen Tonis, machte uns sogleich auf und begrüßte uns freudig. Sie hatte bereits eine hellblaue Schürze mit großen Rüschen am Saum an und wir unterbrachen wohl gerade die Vorbereitungen des Abendessens. Es war 20:30 Uhr. Mein Plan, der besagte, dass wir möglichst um 22 Uhr im Bett liegen sollten, bekam erste, feine Risse. Als Amela zurück in die offene Küche ging, um das silberne Tablett mit den Begrüßungssüßigkeiten zu holen, erhaschte ich einen Blick auf den Stand der Abendessen-Vorbereitungen. Sie war anscheinend gerade dabei gewesen, eine Salatgurke zu schälen. Und das wiederum bedeutete, dass sie vor geschätzten fünf Minuten angefangen hatte, das Abendessen zuzubereiten. Lächelnd kam sie mit dem verschnörkelten Tablett auf uns zu. Tapfer strahlend nahm ich mir ein zart rosa gefärbtes Llokum. Der Puderzucker staubte etwas von der eh schon pappsüßen Süßigkeit. Ich bedankte mich freundlich. Amela reichte mir eine Serviette, während sie sich in ein Schwätzchen mit meiner Schwiegermutter vertiefte. Ich seufzte innerlich und wollte sie zur Eile antreiben, doch das wäre vermutlich sehr unhöflich gewesen. Stattdessen kaute ich mein zähes Llokumstück sehr, sehr langsam, was nicht nur an der Konsistenz dieser Süßigkeit lag. Meine Maske hüpfte dazu ebenso langsam auf und ab. Zeitgleich seufzte auch der Römer. Vollkommen beseelt lehnte er sich zurück, breitete seine Arme wie zwei schlaffe Flügel aus und bemerkte: „Ist das nicht herrlich hier? Was gäbe es schöneres, als zwischen meinen zwei Lieblingsfrauen zu sitzen?“ Seine Mutter strahlte ihn bei diesem Satz an. Ich runzelte stattdessen die Stirn. „Rechtzeitig ins Bett gehen zum Beispiel. Auch um überhaupt noch eine Chance auf eine Minimumruhezeit zu haben.“ murmelte ich kaum hörbar. Der Römer blickte mich fragend an. Ich beschloss, dass ich seinen Satz mit einem langgezogenen „Mmmh!“ quittiere, um unangenehme Rückfragen zu vermeiden.

Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmung zweier Menschen ist!“ ging es mir durch den Kopf. Wir hatten den exakt gleichen Tag erlebt und doch würde ich jetzt am liebsten meine Ruhe in einer netten Ferienwohnung in Tirana haben, während der Römer sich pudelwohl fühlte und so glücklich war, dass er sein Glück vermutlich in Flaschen abfüllen konnte. Dazu saßen wir auf der selben Couchlandschaft, doch unsere Wahrnehmung hätte nicht weiter voneinander entfernt sein können!

Meine Gedanken wurde von dem lauten Rollen vierer Plastikräder auf dem Holzfußboden unterbrochen. Ums Eck glitt der zehn Monate alte Sohn von Amela und Neffe Toni. Noch heute löst dieses Bild, dass sich dem Römer und mir bot, einen hysterischen Lachanfall aus. Bitte haben Sie Nachsicht, wenn ich diese Szene nur unzureichend beschreiben kann:

Der kleine, zehn Monate alte Sohn war festgeschnallt in einer viereckigen, knallroten Lauflernhilfe im Design eines Ferraris. Es sah in etwa so aus, als hätte man ein Loch in einen roten Kindertisch gesägt und an die Beine des Tisches vier Plastikreifen geschraubt. Aus diesem feuerroten Tischchen guckte nur sein gedrungener Oberkörper und sein Kopf, während sich seine kleinen Beinchen abstrampelten, um das Gefährt vorwärts zu bewegen. Da er noch nicht gehen konnte, erlaubte ihm diese Gehhilfe sich fortzubewegen. Auch aufgrund seines kleinen, stämmigen Oberkörpers, sah man hauptsächlich nur viel Kopf (und wenig Oberkörper), aus diesem Lauflerngestell herausragen. Ein Hals verband zwar den kleinen Babyoberkörper mit dem quadratischen Kopf, aber er fiel, wohl genetisch bedingt, sehr kurz aus. Wer jemals die Serie „Die Simpsons*“gesehen hat, der kann sich vielleicht an Kang und Kodos, die beiden Außerirdischen, erinnern. Exakt so sah der kleine Verwandte aus, was durch seine stets ernsten, dunklen Augen und die wulstigen Ohren unterstrichen wurde. Dazu hatte man ihm die Haare vor ein paar Tagen abrasiert, da die Eltern und Großeltern sich in den Kopf gesetzt hatten, dass alle Haare des Babys gleich lang sein müssen. Wie ein kleiner, übelgelaunter Beamter saß Cousin Kang in seinem Gefährt. Nie lächelte er. Generell schienen seine Mundwinkel sich eher hängend wohl zu fühlen. Man erkannte recht fix: Cousin Kang war ein überaus seriöses Baby, das keinerlei Schabernack dulden würde.

Doch bei all seiner Ernsthaftigkeit hatte er wohl nicht mit dem römischen Nachfahren gerechnet. Signorino lief schnurstracks auf Cousin Kang zu und streichelte ihm ungefragt über den stoppeligen Kopf, so wie er es eben von seinen beiden Cousinen gelernt hatte. Cousin Kang sah Signorino empört an und schnappte bei dieser übergriffigen Tat Signorinos nach Luft. Sogleich versuchte er mit seinem Babywalker davon zu laufen, doch Signorino hielt den roten Babywalker einfach fest. Kang schrie und flippte vollkommen aus, doch Signorino streichelte ihn einfach seelenruhig weiter, ohne sich dabei aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich eilte zu Signorino und erklärte ihm, dass Cousin Kang seine Streicheleinheiten nicht so sehr mochte wie beispielsweise seine beiden Cousinen. Während des kurzen Gesprächs flüchtete Kang schnell hinter den Raumteiler des Wohn-Essbereichs. Doch Signorino wäre nicht Signorino, würde er nicht in einem unbeobachteten Moment entkommen und Cousin Kang abermals aufsuchen. Von weitem hörte man einen spitzen Schrei. Sofort liefen Amela und ich zu Cousin Kang, der vor Wut kochte. Signorino stand daneben, guckte als könnte er kein Wässerchen trüben und streichelte Kang noch ein letztes Mal über die Hand. Kang zog die Hand empört weg und wurde von seiner Mutter für einen Moment aus dem Babywalker gehoben. Auf dem sicheren Arm seiner Mama fixierte Kang Signorino grimmig. Signorino kümmerte sich herzlich wenig um Kangs Distanzaffinität. Seine Augen blitzten und ich wusste, dass mein Kind den nächst möglichen Moment abpassen und Cousin Kang ein weiteres Mal herzen wird.

Die Szene wurde unterbrochen vom Geräusch einer sich öffnenden Haustür. Die römische Schwester F. trat ein. Ihr Blick fiel sofort auf den blonden Neffen und bevor sie uns begrüßen konnte, mashallah-te sie bereits durch die Wohnung! Es war, als würde ihre Sprachsoftware an der immer gleichen Stelle festhängen. Mashallah! Mashallah! Zemra ime! [Mein Herz!] Mashallah! Mashallah! Zemra! [Herz!] Mashallah!“ So ging das minutenlang. Schließlich gelang es ihr doch noch, sich von ihrem zemra Signorino loszureißen und begrüßte auch uns und ihre Mutter Nurie. Nach wenigen Minuten hing ihre Sprachsoftware erneut und der Singsang aus Mashallahs! setzte wieder ein. Glücklicherweise kam gerade jetzt ihr Mann, Schwager B., heim. Auch er erblickte Signorino und von Neuem setzte ein weiterer, deutlich basslastigerer Schwall an Mashallahs ein. Ergänzt wurden sie von ihm jedoch durch die Bezeichnung „Ylli ime“ [Mein Stern!], statt der vorherigen „zemra ime’s“ [mein Herz!]. Hätte man unter diesen Sprechgesang einen flotten Hintergrund-Beat gelegt, so war ich mir sicher, wäre das ein sehr schöner Sommerhit geworden, der vermutlich auch internationale Erfolge gefeiert hätte. Doch diesen Einfall behielt ich lieber für mich.

Signorino versteckte sich, von einer Welle an aufkommender Schüchternheit gepackt, hinter meinem Hosenbein. Aber Schwager B. ließ nicht lange mit sich fackeln. Sobald Signorino aus der Deckung kam, um Cousin Kang abermals zu ärgern, schnappte sich Schwager B. Signorino und wirbelte ihn freudig hoch. Der fand das gar nicht lustig und rastete nach allen Regeln der Kunst vollkommen aus, so dass Schwager B. ihn mir mit ausgestreckten Händen zurückgab. Ich meinte bei dieser Szene, ein minimales Lächeln auf Cousin Kangs ernstem Gesichtchen erkennen zu können. Doch hundertprozentig sicher war ich mir nicht. Schwager B. wollte sich mit der unverhofften Abneigung Signorinos nicht zufrieden geben. Mit einem penetrant blinkenden, scheppernd lauten Sportwagen versuchte er Signorinos Gunst zu gewinnen. Der Sportwagen drehte sich dabei immerzu um die eigene Achse. Signorino schien hypnotisiert von diesem lauten Spektakel und eilte sofort zum Sportwagen. Cousin Kang wollte das aber nicht gelten lassen. Was würde seinem Opa, Schwager B., überhaupt einfallen, SEIN Auto an diesen verzogenen, blonden Bengel zu geben? Postwendend flitzte Cousin Kang in seinem Ferrari-Untersatz um die Ecke, um sein Eigentum zu verteidigen. Leider zog Signorino das scheppernde Auto bereits auf den Hochflorteppich. So sehr er es auch versuchte, Cousin Kang konnte das Teppich-Hindernis mit seinem Babywalker nicht überwinden. Sein Opa half dem zeternden Kind aus dem Babywalker und stellte Cousin Kang an die Couch. Mit seinen kleinen Händchen hielt er sich am Rand der Sitzfläche fest. Schwager B. und ich saßen nur wenige Zentimeter neben Kang. Als Schwager B. und ich uns unterhielten, sah Signorino seinen Moment gekommen. Schwager B. hielt zwar seinen Enkel Kang unterstützend an den Händchen fest, doch ein erneuter Streichelversuch Signorinos riss den noch sehr instabilen Cousin schließlich zu Boden. Wie ein Monolith fiel Cousin Kang mit weit aufgerissenen Augen nach hinten um. Wer jemals ein instabiles Baby hat fallen sehen, der weiß, sie fallen gerade um, ohne sich mit den Ellbogen oder Händen abzustützen. „Kang!!! Oh Gott! Das tut mir so Leid! Bitte entschuldige!!“ rief ich und hob den brüllenden Cousin Kang unmittelbar auf. Dann erntete Signorino einen strengen Blick von mir. Schwager B. nahm es äußerst gelassen. Er übernahm das weinende Kind, drückte ihm sein Smartphone in die Hand und wie von Zauberhand beruhigte sich Cousin Kang sogleich wieder. Dem schelmisch grinsenden Signorino machte ich derweil sehr direkt verständlich, dass das ein Scheißverhalten (O-Ton) war. Bei jeder erneuten Erwähnung des Wortes „Scheiß“ fing er laut an zu lachen. Als Mutter versagte ich heute auf ganzer Linie. Wären wir doch nur in unserer Ferienwohnung in Tirana geblieben!

Mittlerweile war es 21:15 Uhr. Mein Zeitplan glitt mir wie staubfeiner Puderzucker durch die Finger. Leider war er nicht halb so süß, sondern hatte einen recht bitteren Geschmack bekommen. Wieder hörte man einen Schlüssel, wieder kam ein neuer Bewohner an der Haustür an. Diesmal war es Neffe Toni, der seinen Onkel Ibrahim dabei hatte. Neffe Toni kam soeben vom Fußballtraining und versprach uns, uns nachher zu begrüßen, nachdem er geduscht hatte. Schwester F. und ihre Schwiegertochter Amela verkünstelten sich derweil am Abendessen. Eigentlich sollte es mich beruhigen, dass sich nun zwei begabte Köchinnen am Abendessen zu schaffen machten. Doch als ich sah, wie sie sich an jedem einzelnen Teller abmühten, schlenderte ich in die Küche und fragte, leicht angespannt, ob ich helfen könne. Die Damen winkten ab. Aber nein, nein! Ich sei schließlich zu Gast. Könne man mir denn etwas anderes zu trinken anbieten, wollte Schwester F. von mir wissen. Ich verneinte und bedankte mich höflich für das liebe Angebot. Amela ließ derweil von den Tellern ab, füllte Nüsschen in zwei große Schalen und entschuldigte sich. Wie unhöflich von ihr, sprach sie, ich müsse sicher schon sehr hungrig sein. Sofort brachte sie die Nüsschen an den Couchtisch und gebot mir, mich auf der Sofalandschaft ganz wie zu Hause zu fühlen. Schwester F. und Amela fingen wenige Momente danach an miteinander diskutierten, was sie mir noch Gutes tun konnten. Ich resignierte derweil etwas. Denn, dass mein Angebot den beiden Damen zu helfen, um damit schlussendlich schneller ins Bett zu kommen, so schief gehen würde, konnte ich wirklich nicht ahnen. Nun bereitete keine der Köchinnen mehr irgendetwas zu. Stattdessen kümmerte man sich aufopfernd um einen Zwischensnack, damit der geneigte Gast bloß nicht verhungern würde. Das alles ließ mich furchtbar fahrig werden. Als nach zwölf Minuten (ich zählte im Kopf mit), das Problem gelöst war, fingen sie wieder in Zeitlupe an, jede Salatgurke einzeln zu drapieren. Ebenso wurde jede Tomatenscheibe noch einmal im Gegenlicht betrachtet und auf mögliche Makel geprüft. Nur eine makellose Tomate war eine für den Gast würdige Tomate in diesem Haushalt.

Dabei verstand ich durchaus, dass der Gast in Albanien König war. Aber hätte man das nicht an einem anderen Tag zelebrieren können? Mein Wecker würde in sechs Stunden klingeln. Wir hatten ein Kleinkind dabei, dass nach diesem vollgepackten Tag bereits in den Seilen hing! Kurzum: Ich lächelte anstrengt bis meine Gesichtsmuskeln vor Anspannung zitterten. Vermutlich hätte ich mir mein tapferes Lächeln auch sparen können, denn unter der Maske konnte man es eh nicht sehen. Meine müden Augen sprachen jedoch Bände. Anscheinend jedoch auf Deutsch, denn kein anwesendes, albanisches Familienmitglied konnte meinen wirklichen Willen deuten.

Die Uhr zeigte Schlag 22 Uhr an. Wir begannen endlich zu essen. Eine scheinbar simple Tätigkeit stellte sich jedoch als äußerst herausfordernd heraus, was weniger am Römer und mir, als an unserem Sohn lag. Unser Kleinkind hetzte wie irre um den Esstisch, weiter in die Küche, durchs Wohnzimmer, vorbei am immensen Raumteiler, wieder um unsere Tafel und nochmals in die Küche. Dabei entdeckte Signorino ständig neue, spannende Dinge, wie beispielsweise heiße und volle Pfannen, güldene, trojanische Pferdestatuen, die auf Kleinkindhöhe im Raumteiler verstaut waren und eine Schale voller Nüsschen auf dem Couchtisch, die sich ganz wunderbar im Hochflorteppich versteckten. Das taten die Nüsschen sogar so gut, dass man in mühevoller und zeitraubender Kleinstarbeit gar nicht alle ausfindig machen konnte. Das schien den Römer allerdings nicht zu stören. Wie auch? Er speiste stattdessen genüsslich im Kreis seiner Lieben. Auch die Stimmung an der familiären Tafel war ausgelassen und der Gesprächsfluss schien nie abzuebben. Ab und an wurde das römische Wort auch an mich gerichtet. Das hörte sich zum Beispiel so an: „Amoooore! Lass Signorino doch mal! Er ist ein Kind. Er muss seine Erfahrungen ganz in Ruhe machen dürfen.“ Diesen Satz sagte er mir während ich auf einem anthrazitfarbenen Hochflorteppich saß und Erdnüsse, sowie Pistazien einsammelte, die sein Kind liebevoll auf dem Teppich verteilt hatte. Einen Moment überlegte ich, ob ich lieber seinen oder meinen Kopf gegen den Couchtisch in Marmoroptik hauen möchte. Doch da sah ich bereits Signorino mit einer enormen, metallenen Suppenkelle vorbeiflitzen. Er steuerte auf Cousin Kang zu. Vor Freude kreischte unser Sohn und hob, wie zum Angriff ansetzend, die Suppenkelle. Schnell rappelte ich mich vom Nüsschendesaster auf und lief ihm hinterher. Kang erblickte von weitem seinen kampfbereiten Cousin Signorino und versuchte mit seinem Babyrollator zu flüchten, so schnell es ihm die kleinen, speckigen Beinchen eben erlaubten. Natürlich blieb er an der Ecke der Kochinsel hängen und Signorino holte ihn rasend schnell ein. Kang, der vermutlich auch schon vollkommen übermüdet war, ließ einen schrillen Schrei los. Schnell packte ich Signorino am Kragen, hob ihn hoch und nahm ihm die Suppenkelle ab. Das überdrehte Kind zappelte nicht nur. Es kämpfte mit aller Kraft gegen mich an und rastete filmreif aus. Ich hatte seinen Plan vereitelt und er vergoss dicke Krokodilstränen. „Soll ich ihn mal nehmen?“ erkundigte sich der Römer bei mir mitfühlend. Das tat er in etwa so, als ob er nicht der Vater meines Kindes war, sondern ein hilfsbereiter Cousin vierten Grades – oder der nette Nachbar der Schwester. „Das wäre ja wohl das Mindeste!“ patzte ich zurück, drückte ihm das Kleinkind in die Arme und begab mich an den Esstisch.

Ein Glück wurde die Hälfte des gemischten Tellers auf meinem Platz eh kalt gegessen. Die andere Hälfte, die zumindest lauwarm gegessen werden sollte, musste eben jetzt auch kalt verspeist werden. Neffe Toni lächelte mich aufmunternd an. Ich lächelte resigniert zurück, während bereits der erste Kommentar von Schwager B. bei mir einschlug: „Haben sich eure Eheprobleme eigentlich wieder eingerenkt?“, flötete er und fand, dass dieses Thema ein ganz vorzügliches Smalltalk Thema an der langen Tafel war. Ich funkelte ihn an. Nein, jetzt war es wirklich zu viel des Guten! Bitter lächelte ich und säuselte zurück: „Ach, du beziehst dich auf Februar vergangenen Jahres, als du deinen Sohn Toni nach Deutschland zum Autokauf geschickt hast? Dieser musste natürlich nur wenige Wochen nach Signorinos Geburt stattfinden. Sicher war dir nicht bewusst, wie heftig eine Geburt und die damit verbundenen Nachwirkungen sein können. Woher sollst du es auch wissen? Ich für meinen Teil war jedenfalls total gerne mutterseelenallein im Wochenbett mit einem Neugeborenen, der die wunderbare Gabe hatte, acht Stunden am Stück durchgehend zu brüllen, ohne auch nur ein My an Stimmgewalt zu verlieren. Aufstehen konnte ich nur unter größten Schmerzen, aber das wäre vermutlich auch nicht nötig gewesen, wäre meine Ehemann daheim gewesen und nicht beim Autokauf mit Toni. Diese Eheprobleme, die du ansprachst, waren der Abwesenheit des Römers geschuldet, der sich drei Tage um die Beschaffung, Übersetzung, den Vertragsabschluss und die Ausfuhr deines Autos nach Albanien gekümmert hat. Aber keine Sorge, keiner kommt hier, in Albanien, in diese missliche Lage. Schließlich steht eine Batterie an Verwandten bereit, um der jungen Mutter zu helfen. Da braucht man den Ehemann sicher nicht und er kann getrost ein Auto kaufen und ausschiffen lassen. Aber danke der Nachfrage, meine Eheprobleme haben sich, nachdem ich meinen Ehemann wieder zurück hatte, in Luft aufgelöst.“

Stille. Es herrschte absolute Stille nach meinem Monolog. Nur Kangs rotes Wohnmobil (denn irgendwie wohnte er auch halb in seinem Gefährt), knallte immer wieder an den Raumteiler, weil er es nicht um die Ecke schaffte. Nach einer weiteren Minuten der Wortlosigkeit, ergriff mein Lieblingsneffe Toni das Wort: „Eva? Möchtest du noch Brot?“ Grinsend hielt er mir den Brotkorb hin. „Danke, Toni. Das ist lieb, dass du dich um mich kümmerst.“ flötete ich, als wäre nichts gewesen. Die Gespräche am Tisch wurden wieder aufgenommen und die Lautstarke schwoll rasch an.

Signorino war mittlerweile hüfttief in der kritischen Phase. Er war übermüdet und wollte seine Ruhe, was er laut quengelnd einforderte. Ich zog den Römer sanft am Ärmel und erklärte ihm die Lage. „Signorino ist doch noch nicht müde!“ versuchte er mich zu überzeugen. „Der hält schon noch durch.“ Ich guckte ihn entgeistert an. Konnte oder wollte er das vor Müdigkeit quengelnde Kind nicht sehen? Ist seine ganze Empathie und sein Vaterinstinkt erstickt worden im, von Ibrahims Vehikel, aufgewirbelten Staub Kamez? Bevor ich drohen konnte, dass wir jetzt entweder das Gästezimmer beziehen oder ich mit Kind und Koffer ins Stadtzentrum fahre und dort ein Hotelzimmer anmiete, brachte mich Schwester F. ins geräumige Gästezimmer. „Das war ein langer Tag, oder?“ wollte sie wissen und ich nickte müde. Mitfühlend legte sie mir eine Hand auf die Schulter. Schnell zog ich das Kind um, steckte es in seinen Schlafsack, schüttelte das Bett auf und gab ihm noch eine Flasche Wasser. Schwester F. suchte derweil noch ein paar warme Decken heraus. Während das Kind trank, fielen ihm ganz von alleine die Augen zu. Doch schon stand wieder mein momentaner, römischer Staatsfeind Nummer 1 im Türrahmen. „Oben gibt’s gleich Dessert.“ informierte er mich lautstark. Die Augen des Kindes, die bereits vollständig geschlossen waren, verwandelten sich wieder in zwei große Stadionscheinwerfer. Signorino war nun hellwach! Ich atmete lange aus und hoffte, dass mir die Kraft zum Einatmen fehlen würde.

Andiamo? [Gehen wir?]“ drängte der Römer noch einmal. Ich seufzte. Signorino robbte durchs Bett. „Si, andiamo. [Ja, wir gehen.]“ Wir trugen unseren Sohn wieder in die obere Etage, um Dessert zu essen. Immerhin ein heller Streif am dunklen Horizont: Es gab mein Lieblingsdessert! Ein jeweils ziegelsteingroßes StückTrilece-Karamell-Kuchen erwartete uns. Indessen fing Schwager B., Bruder Ibrahim und meine römisch-albanische Schwiegermutter wieder an im Chor zu mashallah-en, als sie das Kind in seinem kokonähnlichen, weißen Schlafsack erblickten. Signorino rieb sich müde die Augen und musterte seine Verwandschaft mit runzliger Stirn. Ich fragte nach Cousin Kang. Schwager B. winkte ab: Der sei doch schon längst im Bett. Schließlich sei es für Babys schon sehr spät. „Ja, für Kleinkinder auch.“ murmelte ich auf Deutsch und stopfte mir darauf beherzt ein Stück Dessert in den Mund. Das hatte einige, bedeutsame Vorteile: Der Zucker peitschte meine üble Laune etwas auf und ließ die Müdigkeit einen Schritt zurücktreten. Dazu ließen sich mit vollem Mund deutlich weniger bissige Kommentare abfeuern. Nach diesem energieraubenden Tag war ich reif für einen sehr langen, sehr einsamen Wellness-Urlaub. Ich schaffte nur einen halben Trilece-Ziegelstein und holte daraufhin schwer atmend Luft, was nicht verwunderlich war: Die Luft war bei mir jetzt wirklich raus.

Auch mein römischer (Noch- 😉 )-Ehemann schaffte nicht mehr als eine halbe Portion, was sein Bruder Ibrahim und Schwager B. zum Anlass nahmen, um ihn zu hänseln. Doch der Schuss ging nach hinten los. Auf die Provokation der beiden Herren, dass er nicht nur eine halbe Portion gegessen hatte, sondern auch eine halbe Portion war, schoss der Römer scharf zurück: „Das schlägt sich am Ende des Tages eben auch in der Körperform nieder.“ Dazu streichelte er sich über den trainierten Sportler-Bauch. Ibrahim und Schwager B. ließen zeitgleich ihren Blick auf die jeweiligen Bäuche, die gut und gerne als „zweites Trimester“ bezeichnet werden konnten, gleiten. Das schiefe Grinsen rutschte ihnen schlagartig aus dem Gesicht. Nur die römischen Lippen wurden von einem leichten Lächeln umspielt.

Nach weiteren zehn Minuten an unwichtigem Geplänkel, erinnerte sich der Römer daran, dass er seinem Neffen Toni zur Geburt seines Sohnes Kang noch eine milde Gabe überreichen wollte. Einen 100 Euro Schein holte er aus seinem Portmonee. Empört und wie von der Tarantel gestochen, schoss Schwager B. von der Sofalandschaft hoch. Nein, das könne sein Sohn Toni sicher nicht annehmen. Der Römer und Schwager B. fingen an, sich über das Geldgeschenk zu streiten. Ich verdrehte die Augen und widmete mich meiner Schlafraupe in ihrem weißen Schlafsack-Kokon. Signorino gähnte inbrünstig und seine Vorderzähne blitzten im Licht. Die Szene zwischen den beiden Männern wurde immer lauter und turbulenter. Die beiden ließen sich theatralisch auf die Sofalandschaft fallen und keiften weiter. Daraufhin schnellte der Römer hoch und rannte wie ein Kleinkind zu Neffe Toni, der es sich am anderen Ende des weitläufigen Sofas bequem gemacht hatte. Wedelnd hielt er den grünen Schein in der Hand und wollte ihn an Neffe Toni wie einen Staffelstab übergeben. Doch Schwager B. rammte ihn kurz vorm Ziel von der Seite um. Aufgrund der wohlgenährten Körperform von Schwager B. machte sich in diesem Wettkampf der römische Sportlerkörper nicht bezahlt. Ich betrachtete das Spektakel mit großen Augen. Nein, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Erwachsene Männer, die sich wie die Kleinkinder stritten. Nur die römisch-albanische Mutter saß besonnen lächelnd unweit entfernt von ihren sich kabbelnden (Schwieger-)Kindern. Wie ich diese Frau bewunderte! Aber klar, wie sonst, wenn nicht mit absoluter Gelassenheit, hätte man sieben Kinder und beinahe 20 Enkelkinder erziehen können? Schwester F. brachte den türkischen Kaffee mit einem weiteren Stück Llokum an den Wohnzimmertisch. Ich winkte, mich ausgiebig bedankend, ab. Wenn ich jetzt noch Kaffee trank, war die Nacht eh vorbei. Obwohl? Wer weiß, ob es überhaupt eine Nacht geben sollte. Momentan sah es nicht danach aus.

Schwager B. und der Römer tollten mittlerweile aufeinander herum, als wären sie immer noch 3 und 5 Jahre alt. Auf dem Couchtisch lag geduldig der Hundert Euro Schein. Toni hatte indessen den Sitzplatz gewechselt und saß auf dem Hochflorteppich, von wo er einen besseren Blick hatte. Lachend beobachtete er die Szene zwischen seinem Vater und seinem Onkel. Ich hatte genug! Rasch stand ich auf, brachte Signorino zu meiner Schwiegermutter, bat sie, ihn einen Moment zu halten und schnappte mir den Schein. „Hier, Toni, für dich und deine junge Familie. Nimm den Schein von deiner deutschen Tante an, bitte!“ flehte ich Toni an. Er wollte abwinken, während die beiden erwachsenen Streithammel verdutzt voneinander abließen. „Lieber Schwager B., lieber Toni, ich bin gerne Gast in eurem Haus. Aber so bitte ich euch auch das albanische Gewohnheitsrecht, den Kanun, in seiner ganzen Fülle zu respektieren. Es gilt, dem Gast keinen Wunsch abzuschlagen. Und so wünsche ich mir, als weitgereister Gast, dass mein Neffe Toni diesen Schein annimmt.“ Schwager B. schaute vollkommen verdutzt aus der Wäsche. Er wusste, dass er diesen Wettstreit verloren hatte. Zeitgleich lachte der Römer laut auf. „Grande, amore! [Großartig, Schatz!]“ rief er mir zu. „DU brauchst gar nicht schreien. Wir gehen jetzt ins Bett und ich will nicht die hundertste, unnötige Ausrede hören. Dein Sohn ist zu klein und mir zu wertvoll, als dass er mit so wenig Schlaf auskommen könnte.“ Nun guckte auch der Römer wie eine bedröppelte Kröte. Am liebsten hätte ich ein Foto dieser Szenerie gemacht, so herrlich war das Bild, das alle Anwesenden abgaben: Da waren die zwei Streithammel, die beide beschämt auf der Sofalandschaft saßen. Schwester F. und ihre Mutter, die mich angrinsten, weil ich verbal auf den Tisch haute, dazu Ibrahim und Toni, die laut lachten. Nur Signorino lehnte seinen müden Kopf gegen die Brust seiner Großmutter.

Endlich stand der Römer auf. Die Uhr zeigte bereits 23:45 Uhr an. Wir verabschieden uns von der römischen Mutter und Ibrahim. Angesprochen auf die Ausgangssperre antwortete Ibrahim: „S’ka problem. [Kein Problem.] Wir sind doch nicht in Tirana, sondern in Kamez. Hier patrouilliert keine Polizeistreife und wenn, dann kennen wir jeden einzelnen Polizisten hier. Mit ein bisschen Bakshish hat niemand etwas gesehen und lässt uns passieren.“ Ein hundert Lek Schein konnte einem hier Tür und Tor öffnen. Versuchen sie das einmal in unseren Gefilden mit einem fünf Euro Schein! Der geneigte mitteleuropäische Polizist würde sie vermutlich auslachen und dann nach Ihrem Namen und Ihrer Anschrift fragen, um Sie anzuzeigen.

Als wir uns bei Schwester F. und Schwager B. verabschieden wollten, wiegten die beiden den Kopf hin und her. Aber nein, selbstverständlich stehe man morgens um 3 Uhr auf, um uns persönlich zu verabschieden. Der Gast sei schließlich König. Eine absolute Verständlichkeit sei das. Als wir ins Gästezimmer gingen, gähnte ich laut. „Furchtbar anstrengend muss es sein, nach dem Kanun zu leben.“ flüsterte ich dem römischen (Wieder-)Gatten zu. Er nickte vielsagend.

Signorino schlief an der Schwelle zum Gästezimmer ein. Es war beinahe Mitternacht. Auch der Römer schnarchte sofort laut, sobald sein Lockenkopf das Kopfkissen berührt hatte. Nur ich lauschte der Klimaanlage und dem Hundegebell, das von draußen kam. Mein Körper war hundemüde, mein Kopf aufgrund dieser vielen Impressionen jedoch hellwach. In drei Stunden sollte der Wecker klingeln.

Wie es weiterging, können sie in der Live-Mitschrift von April lesen: Bitte hier entlang!

Nachwort

Das war eine kurze, dennoch ereignisreiche Reise nach Albanien. Zugegeben, besonders beim letzten Teil ist mir die Luft ausgegangen, weswegen er auch so lange in Bearbeitung war. In meinen Notizen stand in jedem dritten Absatz „Ich bin genervt.“. Versuchen Sie einmal, daraus einen sinnvollen Text zu entwerfen. Ich hoffe, es gelang mir dennoch, Ihnen die Reise so gut wie möglich zu schildern. Vielleicht bringe ich irgendwann ein Buch über all meine gesammelten Albaniengeschichten heraus. Aber bis dahin dauert es vermutlich noch ein Weilchen. Eine begabte Lektorin (Hallo Ova!!) hätte ich allerdings schon. Leider befindet sie sich momentan in einer wohlverdienten Ruhephase.

Es war mir eine ganz besondere Ehre, dass ich Sie auf diese Reise mitnehmen durfte. Ich freue mich bereits auf die nächste, aufregende Reise mit Ihnen! Bis dahin bin ich aber froh, weiter im regulären Programm fortzufahren.

Sie haben die ersten Teile verpasst? Kein Problem!

TEIL 1: PACKEN SIE LANGSAM, ICH HABE ES FURCHTBAR EILIG!*

TEIL 2: VON POSITIVEN SCHWESTERN UND DER ALBANISCHEN FAMILIENEHRE

TEIL 3: GRENZ-AXEL, EIN KITAPLATZ AN GATE Z22 UND AUFGEBRACHTE, ALBANISCHE NOTARE

TEIL 4: WIE DER RÖMER SPURLOS VERSCHWAND, WARUM ALBANER GERNE MAL LINKS FAHREN UND WIE USCHI BLUM MICH EINBÜRGERTE

TEIL 5: EIN MORGENDLICHER DISPUT, NASENSTREICHELN IM KRANKENHAUS UND EIN RUMPELSTILZCHEN ZWISCHEN HIGH HEELS UND MINIRÖCKEN

*Werbung, unbezahlt 😉

Ein katastrophal schöner Ausflug

Wir haben gestern einen sehr schönen Ausflug gemacht. Es war schrecklich!

Wobei der Ausflug an sich und die wundervolle Landschaft ganz besonders reizend waren. Nur wir, wir machten ihn zu einer Katastrophe. Alles fing mit einem leeren Scheibenwischer-Wischwasser-Tank an. Ich, als alleiniger und somit hauptverantwortlicher Fahrer, wollte und musste ihn, aus einem inneren Zwang heraus, unbedingt auffüllen. Der Römer, als lässiger Beifahrer, winkte ab. Wortwörtlich sagte er: „Maaa no! [Aaaber nein!] Wir schütten mit einer Plastikflasche etwas Wasser auf die Windschutzscheibe und das Problem ist gelöst.“ Seine südliche Gelassenheit traf auf meine starrsinnige Gewissenhaftigkeit, was dazu führte, dass sogleich mein fantasievolles, aber überängstliches Katastrophen-Center in meinem Kopf aktiviert wurde. „Und was machen wir, wenn ich das Wischwasser ADHOC brauche, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer meine Windschutzscheibe plötzlich verdreckt? Ein Traktor zum Beispiel! Oder ein LKW?“ Der Römer lachte. Wann sei das denn jemals passiert, wollte er von mir wissen. Ich zählte ihm vier Szenarien in den letzten zwölf Jahren auf, wobei zwei davon geflunkert waren. „Andrà tutto bene! [Es wird alles gut gehen!] Können wir jetzt losfahren? Signorino ist schon ganz müde.“ bat er und zog sich die dunkle Lederjacke über. Doch ich rührte mich nicht vom Fleck. Entweder wir fahren mit Wischwasser, oder aber das Auto bewegt sich keinen Millimeter von seinem Parkplatz. Der Römer guckte genervt, aber bemerkte rasch, dass der Fahrer des Autos das Hoheitsrecht hatte. Er knickte ein und wir holten Wischwasser an der Tankstelle. Mit Hilfe einer Videoanleitung lernte ich, wie ich überhaupt die Motorhaube öffnen konnte. Seit wir ein Auto haben, also seit letztem September, war dieser Vorgang nie von Nöten. Auch das Scheibenwischwasser reichte bis Mai dieses Jahres. Doch irgendwann musste es wohl zur Neige gehen. Warum das allerdings ausgerechnet heute passieren musste, erschloss sich mir nicht wirklich.

In der Videoanleitung wurde mir vom schwäbisch sprechenden Manfred in der dunkelgrauen Latzhose, sehr freundlich und kompetent gezeigt, dass man den Tank für das Kühlwasser bloß nicht mit dem Wischwasser verwechseln sollte. Sein grauer Schnauzer bebte, als er mir diesen Hinweis gab. Er meinte es wohl ernst. Dann rückte er sich die große Brille mit dem Goldrand zurecht und guckte fürs Video noch einmal ganz genau, welcher Tank der Richtige war. Die Kamera zoomte erst an den falschen Tank. Ein großes, feuerrotes X erschien und das Video wurde mit einem dröhnenden Laut untermalt, als hätte man gerade gesicherte Ware aus dem Drogeriemarkt stehlen wollen. Dann fokussierte die Kamera auf den richtigen Tank. Ein leuchtend grüner Haken erschien. Manfred drehte sich um und hielt lächelnd seinen Daumen in die Kamera. Ja, das musste der richtige Tank sein.

Der Römer und ich standen vor der offenen Motorhaube, während Signorino durch den Innenhof tollte. Während ich noch Manfreds Tipps bewunderte, riss der Römer bereits die hellblaue Abdeckung vom Wischwassertank und setzte sofort an, die gekaufte Flüssigkeit einzufüllen. „Nein!!!!“ schrie ich, wollte ich doch noch einmal ganz sicher gehen, dass das auch wirklich der richtige Tank war. Schließlich hatte mich Manfred eindrücklich gewarnt! „Ma che?! [Aber was?!] Das ist ganz sicher der richtige Tank!“ plusterte sich der römische Gatte in seiner Lederjacke auf. Ich kontrollierte noch einmal, verglich das Video mit der Realität und gab die Erlaubnis zum Einfüllen. „Tel‘ho detto. [Ich hab‘s dir doch gesagt.]“ maulte der Römer und ich beschloss seinen Satz zu überhören. Dann fuhren wir los.

Mittlerweile darf der Römer auch wieder auf dem Beifahrersitz sitzen, denn das Kind ist groß genug, das es mit dem Kopf nach vorne gerichtet fahren darf. Das wiederum bedeutet, dass Signorino, der es hasste mit Blick nach hinten befördert zu werden, nicht mehr beim Autofahren weint. Dafür schreit er jetzt bei jeder Kurve begeistert „Wow!!!“. Ob das ein Lob ist, dass ich die Kurve noch gekriegt habe oder ein ironischer Kommentar, kann ich Ihnen nicht sagen. Da er charakterlich eher nach dem Römer kommt, liegt die Vermutung nahe, dass es letzteres ist. Dazu kommentiert er jedes Auto, das uns überholt, mit einem, diese Aktion hinterfragenden „Hmmm?!?“. Ein bisschen fühlt es sich mit den männlichen Farnientes so an, als würde ich in einer nie enden wollenden Fahrprüfung sitzen. Der Kleine ist dabei der Fahrprüfer, der im Fond sitzt, während der Große der Fahrlehrer ist, der jede kleinste Aktion seines Schülers (also mir!) sofort und umfassend kommentiert. Nur, dass mein römischer Fahrlehrer sein Leben lang Beifahrer war und äußerst selten am Steuer saß.

Wir befanden uns mittlerweile irgendwo zwischen Frankfurter Hauptwache und Frankfurter Hauptbahnhof. Blöderweise fiel unsere Abfahrtszeit in die Mittagsschläfchenzeit unseres Sprösslings. Statt wie gewohnt einfach einzuschlafen, beobachtete Signorino all meine fahrerischen Manöver. An schlafen war bei dieser aufregenden Fahrt nicht zu denken. Schließlich kutschiert Mutti nicht jeden Tag die ganze Bande durch Frankfurt.

Nach einer sehr lang erscheinenden Fahrt erreichten wir schlussendlich unser Ziel. Leider waren die Parkmöglichkeiten schon sehr ausgeschöpft. Eine etwas intensivere Suche im Straßengewirr Schwanheims, einem Stadtteil Frankfurts, später, fanden wir doch noch ein freies Fleckchen für unser Auto. Doch just in diesem Moment fing es an zu regnen. Dicke, schwere Tropfen prasselten gegen unser Schiebedach und die Scheiben. Signorino fing an zu motzen, weil er natürlich nach dieser Autofahrt und unter Inanspruchnahme seiner völligen Konzentration schrecklich müde war. Der Römer schlug genervt vor, sogleich wieder nach Hause zu fahren. No, no! [Nein, nein!] Das klart nicht mehr auf, da sei er sich sicher, sprach er, sehr von seinen meteorologischen Fähigkeiten überzeugt.

Ich wollte meinen Kopf gegen das Lenkrad schlagen. „Entschuldige, amore mio!“, erwiderte ich knurrend, „Aber ich fahre euch doch nicht durch die ganze Stadt, um dann beim kleinsten Schauer wieder heimzugurken.“ Der Römer schüttelte bedauernd den Kopf und klopfte gegen die Scheibe. Er sehe keine andere Möglichkeit, antwortete er traurig. Ganz schwarz sei der Himmel. Nein, da ist er sich sicher, das klart heute nicht mehr auf. Ich atmete tief durch, reichte eine Flasche Wasser an den quengelnden Ableger und bat den Römer, sich in den Fond zu seinem Ableger zu gesellen. Er wollte empört insistieren, doch meine Begründung kam derart aus der Pistole geschossen, dass er keine Möglichkeit dazu hatte. Ruhig erklärte ich ihm, dass Signorino sicher noch zehn Minuten durchhalten könne, wenn er ihm auf dem Handy das Kinderlied Aramsamsam vorspielen könne. Mürrisch machte der Römer die Beifahrertür auf und schlüpfte in einem Bruchteil einer Sekunde in die hintere Autotür. Da saßen sie, die zwei Farnientes, und guckten fröhliche Kinderliedervideos. Das vormals laute Prasseln der Tropfen wurde schon beim zweiten Lied schwächer.

Ich sah meine Chance gekommen! Rasch stieg ich aus, öffnete den Kofferraum und klappte den Kinderwagen auf. Dann teilte ich dem Römer durch den Kofferraum mit, dass er Signorino die Jacke anziehen könne. Leise murrend tat er wie ich ihm gesagt hatte. Dann stieg er aus. Ein dicker Tropfen traf seine gestylten Locken. Verärgert guckte er gen Himmel, dann zu mir. Nein, bei diesem Regen könne er keinen Spaziergang machen. Es würde nichts helfen. Wir MÜSSEN wieder heim. Ich schüttelte vehement den Kopf. Guck doch, es hat aufgehört zu regnen, wiederholte ich nochmals. Er blickte noch einmal übellaunig zum Himmel. Sehr weit südlich konnte man sogar einen Streif hellblauen Himmels erahnen. Wortlos packte er den quengelnden Signorino in seine olivfarbene Karosse. Als es wieder leicht anfing zu tröpfeln, installierte ich die Regenhülle des Kinderwagens. Signorino beschwerte sich. Der Römer, dessen Naturlocken anscheinend aus Zucker bestanden, flüchtete fluchend ins Auto. Ich machte mit der monströsen Regenhülle einfach weiter und konzentrierte mich auf meinen Atem, der immer gepresster wurde. Sobald das maulende Kind verstaut war unter seiner Regenfolie, spannte ich einen Schirm auf und brachte ihn an die römische Autotür. Dort konnte ich einen übellaunigen Römer mit verschränkten Armen erkennen. Trotzig starrte er nach vorne. Ich klopfte an die Scheibe und der Römer öffnete das Fenster einen Spalt breit. „Du willst unbedingt diesen Spaziergang machen, oder?“ knurrte er. Ich nickte und murmelte ein „Wenn wir schon einmal da sind…“ Er schnappte sich den Schirm, ich mir Signorino und wir stapften los. Ich bat den Römer, noch einmal auf seinem Mobiltelefon zu schauen, wie der genaue Weg zur Schwanheimer Düne lautete. Er guckte nach und fand – nichts. „Wie? Die Wegbeschreibung findest du hundertprozentig bei einer Suchmaschine!“ sprach ich und auch mein Ton wurde genervter. „No! Non c‘è. [Nein! Die gibt‘s nicht.]“ versicherte mir der Römer. Ich ließ mir das Handy zeigen. „SCHWANheimer Düne!! Nicht SCHWEINheimer Düne.“ korrigierte ich seine Eingabe und hielt ihm sein Telefon hin. „Ah, mi sembrava già un po‘ strano. [Ah, es erschien mir schon etwas komisch.] Ein Schwan scheint auch deutlich eleganter zu sein als ein Schwein. Aber man weiß ja nie – hier in Deutschland.“ Er lachte über seinen eigenen Scherz. Ich nicht.

Das Kind schrie mittlerweile richtig laut, weil es so übermüdet war. Der Römer kämpfte sich durch die Kinderwagenregenhülle und fischte Signorino aus dem Buggy. Dieser ließ sich dankbar herausnehmen und kuschelte sich an die Lederjacke seines Vaters. Ich fuhr derweil den Kinderwagen. Der Römer trug den müden Ableger. „Nie wieder!“ dachte ich. „Nie wieder mache ich mit euch beiden einen Ausflug.“ Signorino schlief während meinem Gedanken ein und der Römer bemerkte: „Das ist aber schön hier an der Schweinheimer Düne.“ Ich musste lachen. „Schwan!!! Schwanheimer Düne.“

Nach weiteren fünf Minuten legten wir den dösenden Signorino in den Buggy. Er verschlief den kompletten Ausflug. Immerhin tankten wir etwas frische Luft und erfreuten uns an der schönen Landschaft. Der Himmel zog auf, als wir durch die Natur spazierten, und die Sonne lachte vom Himmel. „Bella, questa gità! [Schön, dieser Ausflug!] Gut, dass wir nicht heimgefahren sind.“ stellte der Römer am Ende des Ausfluges fest. Ich nickte müde. Ja, hier an der Schweinheimer Düne ist‘s wirklich schön.

Aber nächstes Wochenende bleiben wir lieber daheim.

P.S. Nicht nur die Schwanheimer Düne ist ein Grund zur Freude, nein, auch mein letzter Teil der Albanienchroniken ist endlich fertig. 😃 Und ja, ich bin ein bisschen stolz, dass ich es endlich geschafft habe, den letzten Teil fertig zu stellen. Nachdem ich ihn lektoriert habe, wird er selbstverständlich veröffentlicht.

Der Freitagsrapport | KW19

Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne

Gezuar fiter bajramin!“ hörte und las ich am Mittwochabend sehr oft. Was das wohl bedeuten mag, werden Sie sich fragen? Es bedeutet, dass der Fastenmonat Ramadan ein Ende gefunden hatte und dies war der dazugehörige, albanische Glückwunsch. Und wie das oft so ist mit einem Ende: In ihm wohnt ein neuer Anfangszauber inne. Dazu war die Magie dieses Anfangs eine ganz besonders köstliche: Zweierlei Canapés, Dorade in Salzkruste mit persischem Reis und natürlich das Dessert in Form von Brownie Cheesecake (selbstgemacht), Baklava, Kadayif (von Turtle selbst gekauft) und Erdbeeren.

Besonders schön fand ich, dass sich Turtle an unser letztes Zuckerfest erinnert hat und sich bereits am Anfang des Fastenmonats für das diesjährige Zuckerfest angemeldet hatte. Da das heurige Fastenbrechen um Punkt 21 Uhr stattfand, waren wir besorgt, ob wir ein ganzes Abendessen bis zur Ausgangssperre um 22 Uhr unterbringen würden. Turtle wäre kein Spaziergänger gewesen, denen es erlaubt war bis Mitternacht das Haus zu verlassen. In jedem Fall hätte sie, um nach Hause zu kommen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen müssen. Aber noch rechtzeitig erreichten uns die gesetzlichen Neuerungen für bereits Geimpfte und Genesene: Diese sind nicht von der Sperre betroffen und so konnte Turtle, die vor einigen Wochen positiv auf Corona getestet wurde, dieses wirklich sehr schöne Fest bei uns verbringen und mit ihrem ausgedruckten, positiven Testergebnis von Ende März beschwingt und pappsatt mit der U-Bahn nach Hause düsen. Kontrolliert hat sie natürlich keiner.

Natürlich allen Musliminnen und Muslimen von ganzem Herzen: Gezuar fiter bajramin! Eid Mubarak! Ich bewundere Sie uneingeschränkt, dass Sie den Ramadan durchgehalten haben.

Stress! Stress! Stress!

So in etwa fühlt es sich momentan an. Die Kita-Eingewöhnung startet am kommenden Montag. Durch die vielen Aufgaben, die alle gleichzeitig auf mich Einprasseln, wäre ich gerne eine Krake mit acht Armen und zwei Tentakeln. Leider bin ich nur ein Mensch mit zwei Armen, wobei auf einem meist das zur Zeit sehr anhängliche Kind sitzt. Alle Artikel (und besonders mein zweites Baby, die Albanienchroniken) sind momentan aufgeschoben, nicht aber aufgehoben.

Erschwerend kommt hinzu, dass mein Kopf einfach weitertextet. Ständig fallen mir schöne Redewendungen, lustige Sätze und Szenen aus der Vergangenheit ein, die gerne verwurstet werden wollen. Doch ich habe keine Zeit! Aber anscheinend hat der bloggende Teil meines Gehirns diese Information nicht mitbekommen. Beim Badezimmerschrubben erzählt er munter weiter: „Weißt du, über was du mal schreiben könntest? Davon, dass dich Wochenenden und Feiertage so nerven, weil du ein Morgenmuffel bist, während der Römer eine südländische Discoparty am Frühstückstisch veranstaltet… Ich würde zum Beispiel schreiben, dass…“ Ja, so geht das den lieben, langen Tag. Aber, um Paulchen Panther*² zu zitieren: „Heute ist nicht aller Tage, ich komme wieder, keine Frage!“

*²Wenn Sie Paulchen Panther nicht kennen, sind die einzigen Falten, die Sie tragen, vermutlich ihre Pofalten.

Mein persönliches Fundstück der Woche

Mein persönliches Fundstück der Woche fängt mit einer Beschwerde an. Nun war die Beschwerde nicht nur römischer Natur. Nein, auch der germanoitalbanische Sohnemann beschwerte sich über die stottrigen, deutschen Leseversuche seines Vaters. Wenn zwei Drittel der Familie mit der rein deutschen Kinderbuchauswahl unzufrieden sind, dann heißt es für das verbleibende Drittel (also mich) in Aktion zu treten und etwas zu ändern. Beim größten, bekannten Onlinekaufhaus A. guckten wir nach italienischen Kinderbüchern. Auf der deutschen Seite wurden wir zwar fündig, aber überzeugt waren wir von der dortigen, mageren Auswahl nicht. Auf der italienischen Homepage des Unternehmens waren wir zwar überzeugt von der Fülle des Bücherangebotes, leider verschickten sie die von uns ausgewählten Kinderbücher nicht nach Deutschland. Der Römer schlug vor, sich doch beim italienischen Bücherladen laFeltrinelli* zu informieren, ob dieser italienische (Kinder-)Bücher nach Deutschland verschicken würden. Und siehe da! Das taten sie. So wanderte ein bunter Strauß an italienischen Kinderbüchern in unseren Warenkorb. Zwei Tage nach Bestellung erhielten wir die Versandbestätigung. Und am nächsten Tag kam unser Paket per DHL Express* an.

Am Ende war Signorino glücklich, weil sein Vater endlich flüssig und korrekt lesen konnte und der Römer war glücklich, weil er sich weitaus weniger beim Vorlesen anstrengen musste.

Sollten Sie ein großes, italienische Bücherangebot vermissen oder in unseren Breitengraden nicht fündig werden und Ihre nächste Italienreise liegt in weiter Ferne, so kann ich Ihnen eine Bestellung bei laFeltrinelli* sehr ans Herz legen. Der Versand kostet auch nur eine halbe Niere und keine ganze, wie von mir anfangs vermutet. (Wen es interessiert: 11,38 Euro kostete der Versand für diese Bücher; der Preis richtet sich nach der Anzahl der Bücher)

Im Hintergrund zu erkennen: Ein Wäschekorb, damit auch Mutti auf ihre Kosten kommt.

[*wie immer: Werbung, unbezahlt]

Das Foto der Woche

Ich wollte ein Stück Schokoladenkuchen fotografisch in Szene setzen, was bei der dunklen Farbe des Gebäckstücks gar nicht so einfach war. Doch eh ich abdrücken konnte, war schon eine kleine Hand am Schokokuchen, die ihn blitzschnell vom Teller zog.

Der Lacher der Woche

Heute müssen Sie mir versprechen, wirklich, aber auch wirklich, ganz genau zu lesen.

Und bevor Sie einen Kommentar wie „Das sollte wohl jedem selbst überlassen sein!!“ tippen, lesen Sie noch einmal das lila Feld – ganz in Ruhe. Ich bin mir sicher, dass Sie mir uneingeschränkt zustimmen.

Dazu passend die Frage: Wohin werden Sie als erstes in den Urlaub fahren (wenn Sie dazu gezwungen werden 😉)?

Mein Rezept der Woche

Der Schokokuchen überzeugte mich nicht wirklich. Der Brownie-Cheesecake war nicht das, was ich mir davon versprochen hatte. Kurz: Es war eine herausfordernde, kulinarische Woche.

Deswegen müssen Sie heute mit einem indischen Gericht vorliebnehmen. Sie wissen bereits, dass ich, im Gegensatz zum Römer, keine Koryphäe in der Küche bin. Das mag zu einem großen Teil daran liegen, dass es bei mir schnell, und wenn das nicht möglich ist, zumindest unkompliziert gehen soll. So wurde mir von einer Kollegin dieses vorzügliche Indian Butter Chicken Rezept empfohlen. Es kommt, bis auf das Gewürz Garam Masala, das sie in jedem gut sortierten Supermarkt finden, ganz ohne Schnickschnack aus. Dazu bereitet sich das Hähnchen beinahe von ganz allein zu. Die meiste Zeit verbringt es eh in einem Bad aus Joghurt und Gewürzen. Und das schönste ist: Selbst der Römer, der exotischeren Küchen sehr skeptisch gegenüber steht, isst es gerne.

Hier finden Sie das wirklich sehr einfache Rezept!

Guten Appetit & starten Sie mit ordentlich Karacho in dieses Wochenende, wenn sie das nicht bereits am Mittwoch getan haben!

Mai Weisheiten

Wir alle wollen immer nur gute Nachrichten überbringen. Doch die wahre Größe eines Menschen zeigt sich erst dann, wenn er einem geliebten Menschen schlechte Nachrichten übermitteln muss.

Eva Farniente, gewidmet ihrer mutigen Schwester Ova

P.S. Signorino wird von einem linken, unteren Backenzahn gequält. Das heißt, dass keiner der Familie Farniente zwischen 01 – 05:30 Uhr nachts schläft. Die Bearbeitung und Veröffentlichung des letzten Albanienchroniken-Teils verzögert sich noch etwas. Beschwerden bitte direkt an Signorino! 😉

Der Freitagsrapport | KW18

Die schönste Email der Woche

Bekam ich am Montag. Ein lieber Leser machte mir eine große Freude mit einer netten Geste und seiner dazugehörigen Email. Einige Tage musste ich nachdenken, ob ich jemals so ein bezauberndes Feedback bekommen habe, aber mittlerweile, am Freitag, bin ich mir sicher, dass seines definitiv auf Platz 1 weilt. Bedanken soll ich mich nicht dafür, schrieb der Leser, deswegen widme ich ihm eine Kategorie im aktuellen Freitagsrapport. (Unbelehrbar wie ich bin, habe ich mich trotzdem bedankt 😉 )

Mein persönliches Fundstück der Woche

Das Possessivpronomen „mein“ ist heute ein bisschen geflunkert. Obwohl?! Ich habe es auf Toms Blog gefunden. Dort stellte er gestern die Internetseite „Drive & Listen“ vor. Die ganze Geschichte liest man am Besten bei Tom nach: *klick*

Um Ihnen einen kurzen Einblick zu geben, um was es sich handelt: Eine Internetseite, die Taxifahrten in diversen, internationalen (und nationalen) Städten nachahmt. Dazu können Sie Straßengeräusche an- und ausschalten, sowie zwischen lokalen Radiosendern wählen. Gestern bin ich nicht nur einmal „verreist“, sondern gleich diverse Male. Ich war unter anderem in Rom (wo sonst?), in Moskau und in New York.

Wenn Sie auch verreisen wollen, ganz ohne Flugticket und Maske, dann empfehle ich Ihnen eine kleine Taxifahrt über „Drive&Listen“. Garantiert kostenlos, sicher und sie können auch im Schlafanzug mitfahren.

Das Foto der Woche

Was andere als “Hamstern für die dritte Welle” bezeichnen würden, bezeichne ich als normale, römische Pastabestellung.

Wer es dem Römer nachtun will und in Mitteleuropa eine ganz wunderbare Pasta vermisst, der bestellt am besten bei der Fattoria La Vialla (Werbung aus Überzeugung, unbezahlt). Das Olivenöl ist auch nicht von schlechten Eltern Italienern! Natürlich wird auch in die Schweiz, nach Österreich, in die Niederlande, nach Belgien, England und Luxemburg verschickt.

Der Lacher der Woche

Dieses Bild schickte mir der Römer vom Einkaufen. Dazu schrieb er: Ich stehe seit 15 Minuten vor dem Regal. Wenn du die Sahne siehst, sag‘ Bescheid. Ich vermute, sie ist ausverkauft. In der Zwischenzeit bin ich bei den Keksen. Wenn bis dahin keine Antwort kommt, dann muss das indische Hähnchen eben ohne Sahne auskommen.

Sie sehen die Schlagsahne sicher sofort, oder? 😉

Wo ist sie denn nun, die Sahne?

Mein Rezept der Woche

❌❌❌ Liebe Sonja, liebe am Ramadan teilnehmenden Gläubigen. Achtung! Hier kommt ein Dessertbild! Blättern Sie unbedingt weiter, falls das heutige Fastenbrechen noch nicht stattfand. ❌❌❌

Vorab: Versuchen Sie einmal ein Stück Tiramisù so zu fotografieren, dass es schmackhaft wirkt. Der Römer hatte das erste Stück bereits verschlungen, da hing ich noch vor dem Fotoapparat. Selbstredend verrenkte ich mich dazu wie eine Hieroglyphe.

Ich bin mir sicher, dass Sie bereits Ihr Lieblings-Tiramisù-Rezept auswendig abrufen können oder auf einem kleinen Stück Papier im Küchenschrank halten. Sollte das nicht zutreffen, hier das übersetzte Rezept der Seite Giallozafferano, das ich gerne benutze.

Zutaten für 8 Portionen (4 gute Esser)


300 g Savoiardi (Löffelbiscuit)
4 sehr frische Eier (ca. 220 g)
500 g Mascarpone
100 g Zucker
300 g Espresso (nach Wunsch gezuckert)
Kakaopulver

[meine Abänderung: ein paar Tropfen Amaretto Aroma in den Espresso. Sie können aber auch richtigen Amaretto nehmen.]


Zubereitung:

  1. Bereiten Sie 300g Espresso zu. Nach Gusto können Sie die Flüssigkeit zuckern und mit Amaretto(aroma) süßen. Stellen Sie den Espresso zur Seite und lassen Sie ihn auskühlen.
  2. Trennen Sie die vier Eier. Achten Sie darauf, dass Sie sehr genau das Eiweiß vom Eigelb trennen, da das Eiweiß sonst nicht mehr steif wird.
  3. Verrühren Sie nun das Eigelb. Nach und nach lassen Sie 50 Gramm Zucker einrieseln. Rühren Sie so lange, bis das Eigelb hell und cremig wird.
  4. Nun geben Sie, nach und nach, sowie löffelweise, 500 Gramm Mascarpone hinzu. Die Konsistenz sollte kompakt und dickflüssig sein. Reinigen Sie nun gründlich die Rührstäbe des Handrührgerätes.
  5. Schlagen Sie das Eiweiß auf und geben Sie nach und nach 50 Gramm Zucker hinzu. Am Ende sollte ein fester Eischnee entstehen.
  6. Die Eier-Zucker-Masse danach auf den Eischnee gleiten lassen und vorsichtig unterheben. Nicht mehr verrühren, da die Luftbläschen sonst entweichen!
  7. Nehmen Sie sich eine Auflaufform zur Hand (Maße: ca. 30x40cm). Bedecken Sie den Boden der Form mit einigen Löffeln Mascarpone Creme und verstreichen Sie sie, bis der Boden der Form nicht mehr sichtbar ist.
  8. Tauchen Sie nun das Löffelbiskuit in den kalt gewordenen Kaffee. Einige Augenblicke bevor es beginnt, matschig zu werden, ziehen Sie es aus dem Kaffee und lassen es kurz abtropfen. Dann bedecken Sie die Mascarponemasse in der Auflaufform nach und nach mit den kaffeegetränkten Löffelbiskuits.
  9. Nun bedecken Sie die Löffelbiskuits wieder mit der Mascarponecreme und wiederholen danach wieder Punkt 8.
  10. Die letzte Schicht muss unbedingt eine Mascarpone-Schicht sein. Verteilen Sie mit einem Sieb etwas Kakaopulver auf der Mascarponemasse und geben Sie die Tiramisù für einige Stunden, gerne auch über Nacht, in den Kühlschrank.

Tipp: Man kann das Dessert ohne Probleme einfrieren. Dazu schichten Sie die Tiramisù am besten in einer großen Tupperdose oder einer anderen Form mit Deckel auf. So hält sie sich zwei Wochen lang. Holen Sie sie vier Stunden vor dem Servieren aus dem Tiefkühlfach und lassen Sie sie im Kühlschrank auftauen.

Hinweis: Durch die rohen Eier hält sich die Tiramisù nach Zubereitung maximal drei Tage im Kühlschrank.

Guten Appetit !

Nun starten Sie gut ins Wochenende, bleiben Sie gesund und genießen Sie das Leben. Wir haben nur das Eine! 😉

WMDEDGT – Mai 21

Frau Brüllen ruft auch im Mai zum WMDEDGT [Was machst du eigentlich den ganzen Tag] auf. Genau vor einem Monat sind wir aus Albanien zurückgekommen und seitdem schreibe ich an den Albanienchroniken, was sich als zeitintensiver herausstellte, als ich anfangs dachte.

Nun aber los, in diesen Mittwoch, den 05.05.2021:

00:30 Uhr Der Römer isst noch einmal, bevor er sich schlafen legt und somit bis zum Fastenbrechen gegen 20:50 Uhr nichts mehr essen darf. Dünn ist er geworden, aber erstaunlicherweise nicht dünnhäutig. Ich bereite mich derweil im Bad auf die anstehende Nachtruhe vor. Als ich aus dem Badezimmer komme, fällt dem Römer ein, dass er noch seine Arbeitskluft für morgen bügeln müsste. Ich biete ihm an, sie zu bügeln, während er sich im Bad pflegt und hegt. Das schenkt ihm zehn Minuten mehr Schlaf und so muss er um 6 Uhr (statt 5:50 Uhr) aufstehen. Danach tigern wir ins Bett.

10:00 Uhr Signorino und ich rollen aus dem Bett. Nicht ganz freiwillig. Viel mehr werden wir aus dem Bett gefegt, da unser fleißiger Hausmeister direkt unter unserem Schlafzimmerfenster schwungvoll mit dem Besen kehrt. Da soll noch mal einer sagen, jeder soll vor seiner eigenen Tür kehren. Bei uns macht das Herr Balkanovic. Als wir ins Wohnzimmer stolpern, begrüßt uns ein strahlend blauer Himmel. Das kommt mir sehr gelegen, da ich heute den Anderen zum Kaffee treffen wollte. Wenig später frühstücken Signorino und ich. Der Himmel verdunkelt sich bedrohlich, so dass ich das Licht in unserer Wohnung anknipsen muss. Dann stürmt es. Ich rufe den Anderen an und frage nach Plan B. Es gibt keinen. Sein langjähriger Mitbewohner ist daheim. Meine beiden (der Römer und Signorino ;-)) ebenso. Für einen koffeinhaltigen pas de deux eignet sich diese Atmosphäre nicht. Wir einigen uns darauf, abzuwarten. Vielleicht reißt die Wetterfront wieder auf?

12:00 Uhr Ich war nur einen Moment in eine Überweisung vertieft. Als ich aufblicke, finde ich mich in einem Meer aus Plastik-Pfandflaschen wieder. Mangels römischer Abwesenheit vermute ich den kleinen Farniente dahinter. Darauf angesprochen grinst er schelmisch. Das gesamte Ausmaß erkenne ich erst, als ich am Bad und am Schlafzimmer, Richtung Küche, vorbeitrabe. Überall liegen blaue, grüne u. durchsichtige Flaschen jeglicher Größe. Das Kind freut sich. Immerhin erkennt er den Wert hinter seiner Kunstinstallation „Die Rückeroberung der Pfandflaschen“. Seine ignorante Mutter schimpft leise über das Chaos, verstaut die Pfandflaschen in der großen Tüte, aus der sie kamen und platziert sie auf dem Kühlschrank. Der Künstler brüllt mich an. Er ist in Rage und will nicht akzeptieren, dass ich ein so mühsam gefertigtes Kunstwerk einfach auf dem Kühlschrank verstaue. Ich rede ihm gut zu. Als das nicht hilft, widme ich mich der Pflege der römischen Kaschmiruniform. Während ich die Cardigans und Pullis in ein kaltes Wasserbad einlege, frage ich mich, wie oft ich sie dieses Jahr eigentlich noch von Hand baden muss, bis sich der Frühling bemerkbar macht? Sommerliche Leinenhemden sind deutlich genügsamer als ihre sensiblen, divenhaften Kaschmirbrüder, die selbst beim Handwaschprogramm der Waschmaschine mit der Nase rümpfen und sich beleidigt zusammenziehen.

13:00 Uhr Ich bereite das Mittagessen zu. Der übrig gebliebene, persische Reis wird kurzerhand zu einem gebratenen Eierreis umfunktioniert. Signorino quittiert das Ergebnis mit einem mehrmaligen „Mmh!“.

Danach sende ich eine Sprachnachricht an den Anderen bezüglich unserem Nachmittagsprogramm. Er ist gerade im Fitnessstudio, als es hier abermals anfängt zu sturmen und zu winden. Ich sage kurzerhand, wetterbedingt, ab. Er nimmt es mir nicht übel und wir behalten die nächsten Tage im Blick, um uns auf einen Coffee-to-go und ein Stück Kuchen von Condit Couture [Werbung aus Überzeugung] zu treffen.

15:00 Uhr Das Kind ruht und ich sitze an den Albanienchroniken. Die Bearbeitung meiner Albanienaufzeichnungen ziehen sich etwas. Auch heute ist das Zeitfenster dementsprechend klein, weil der Römer gleich von der Arbeit kommen wird und Signorino sicherlich bald aufwacht. Ich schaffe es bis zu der Stelle mit dem aufgewirbelten, saharafarbenen Staub.

16:30 Uhr Der Mann kommt heim und verkündet, dass er zusätzlich zu seiner 42 Stunden Woche, noch bei seinem guten Freund in der Pizzeria aushelfen will. Ich bin mehr als angesäuert, denn das bedeutet, dass er nur noch zum Schlafen heimkommen wird. Dieses, in der Freundschaft vollkommen ergebene Verhalten des Römers geht mir wirklich auf den Keks. Man muss auch mal Nein sagen können. Dann bleibt die Pizzeria halt geschlossen. Ein Freundschaftsdienst beinhaltet nicht vier Abende die Woche zusätzlich zu seiner Vollzeit-Stelle zu arbeiten. Und von einer Arbeit direkt zur nächsten zu fahren, dann 4 Stunden zu schlafen, um dann für den Frühdienst parat zu stehen, halte ich für absolut dämlich. § 3 Arbeitszeitgesetz (ArbZG) gibt mir übrigens Recht: Sollten Sie in Ihrem Hauptjob bereits 8 Stunden gearbeitet haben, dürfen Sie in Ihrem Nebenjob nur noch 2 Stunden arbeiten, da die Höchstarbeitszeit von 10 Stunden am Tag nicht überschritten werden darf. Aber was interessieren den Römer und seinen italienischen Freund schon Gesetze?

16:45 Uhr Wie zwei alte Wasserkocher heizen wir uns gegenseitig bei unserem andauernden Disput auf. Es riecht schon nach einem Seng- und Schmorschaden, als der Römer beleidigt abzieht. Jeder kühlt erst einmal für sich aus.

17:30 Uhr Der Römer schnappt sich Signorino und die beiden gehen spazieren. Nicht ganz freiwillig. Aber ich habe mich wütend abgemeldet. Das “Nein”-sagen Thema ist ein sehr beliebtes Streitthema bei uns. Der Römer gibt nämlich gerne nicht nur den kleinen Finger, sondern gleich den ganzen, römischen Körper von Kopf bis Fuß, was sein italienischer Gastro-Kumpel gerne und oft (aus-)nutzt.

19:00 Uhr Für Signorino gibt es Rührei mit Tomaten und Parmesan. Dazu Brot. Da der Haussegen heute eh schon schief hängt, diskutieren wir, wer mit dem Einkauf dran ist. Jeder hat eine Liste voller Argumente, die er nacheinander abfeuert. Die Fronten sind immer noch freundlich-verhärtet.

21:00 Uhr Die Zeit verstreicht. Das Kind muss ins Bett. Grund genug, dass der Römer letztendlich loszieht um einzukaufen. Ich rufe ihn noch fix an und instruiere ihn, Toastbrot und Würstel mitzunehmen. „Ja, ja, hab‘ ich schon in der Hand.“ , spricht der Römer und legt recht schnell auf. Als er heimkommt, verstaut er die Einkäufe leise, weil ich das Kind bereits ins Bett „la le lu“-e.

22:00 Uhr Ein Nudelauflauf (oder pasta al forno) steckt im Ofen. Das Kind schläft mittlerweile. Der Römer ist auf der Couch eingenickt. Mir soll’s recht sein. So schreibe ich etwas weiter am letzten Teil der Albanienchroniken.

[Gleich geht’s weiter]

Die Albanienchroniken – Teil 5: Ein morgendlicher Disput, Nasenstreicheln im Krankenhaus und ein Rumpelstilzchen zwischen High Heels und Miniröcken

Meine Nachtruhe war um 07:15Uhr schlagartig vorbei. Wie Sie längst wissen, fällt diese Uhrzeit für mich unter die Kategorie „Mitten in der Nacht“, Unterkategorie „Körperverletzung“.

Wer meinen verdienten Schönheitsschlaf störte? Die albanischen Nachbarn, die neben unserer Ferienwohnung residierten. Dabei fing es harmlos, aber gleichzeitig unüberhörbar, an: Um 7:15 Uhr wurden, wie es schien, sämtliche Tassen, Teller und Pfannen aus den Schränken gezogen und gegeneinander geschlagen. Eventuell wurde auch gekocht und der Tisch gedeckt. So genau konnte ich es, schlaftrunken wie ich war, nicht eruieren. Selbst mit einem Kopfkissen, das ich auf das freiliegende Ohr gepresst hatte, konnte ich den Lärm noch immer hören. Um nicht nur meine auditive Wahrnehmung zu reizen, beschloss man in der Nachbarwohnung, auch eine penetrante, olfaktorischen Komponente einzusetzen. Ein Geruch von stark frittierten Eiern verbreitete sich über die Klimaanlage und ergoss sich in meinem Schlafgemach. Mir wurde etwas flau im Magen. Um 7:30 Uhr begaben sich alle Familienmitglieder der Nachbarwohnung an den Esstisch, der anscheinend direkt an der Wand, hinter der ich schlief, stand. Das Gespräch plänkelte lustlos dahin, bis es eine abrupte Wendung gab. Scheinbar aus dem Nichts wurde der Ton des weiblichen Parts zunehmend gereizter und aggressiver. Ich griff zu einem zweiten Kissen. Schnell merkte ich, dass ich mir auch noch die Bettdecke über den Kopf ziehen musste, um den schnell anschwellenden Geräuschpegel zu dämpfen. Da ich unter zwei Kissen und einer Decke nur schwerlich Luft bekam, war ich gezwungen wieder zurückzurudern und mit einem einzigen Kissen auszukommen.

Derweil begann Frau Nachbarin zu brüllen als würde sie auf einer geschäftigen Großbaustelle stehen und nicht neben ihrem Mann im Esszimmer sitzen. Und was sie ihrem Gatten nicht alles um die Ohren haute. Zugegeben, ich verstand nicht jedes Detail. Aber am Ende rief sie, dass sie keine Arbeitsstelle habe. Das tat mir einerseits sehr Leid, weil ich durchaus wusste, was das für Konsequenzen nach sich zog. Andererseits sah ich bei ihrer Stimmgewalt großes Potenzial für eine Stelle als Marktschreierin auf dem pazari i ri, dem neuen Markt Tiranas. Ihr Gegenüber, vermutlich ein Mann, schwieg die ganze Zeit über. Vielleicht äußerte er sich auch, aber wenn, hatte er eine sehr zarte Fistelstimme, die ich durch die Wand und aufgrund meines Kissens auf dem Ohr nicht vernehmen konnte. Da ich mir in meinem Kopf bereits einen bärtigen, schweigsamen Albaner um die 50 Jahre ausgemalt hatte, dessen Bauch mein Vater getrost als „Hendlfriedhof“ bezeichnen würde, passte die Fistelstimme für mich nicht in meine Vorstellung. Deswegen schloss ich daraus, dass er höchstwahrscheinlich einfach schwieg. Und darin war er ganz schön gut. Vermutlich auch ein Talent, dass man zu Geld machen konnte. Aber ich war hier, hinter meiner sicheren Schlafzimmerwand, nicht die albanische Berufsberatung, sondern nur die peinlich berührte Nachbarin, die zum damaligen Zeitpunkt bevorzugt hätte zu schlafen, anstatt diesem lärmintensiven Monolog zuzuhören. Nach weiteren zehn Minuten, in denen er schwieg und sie weiter brüllte, hörte man schwere, ruhige Männerschritte. Wenig später knallte die Wohnungstür ins Schloss. Er war wohl gegangen. Danach war es still in der anderen Wohnung. Nach weiteren fünf Minuten setzte ein aggressiver Abspülvorgang in der Nachbarwohnung ein. Dazu drehte meine temporäre Nachbarin albanische Liebeslieder auf, die lautstark die Irren und Wirren einer verlorenen Liebe besangen.

In meinem Bett war ich hingegen so aufgebracht ob diesem unerwarteten Streit, der so früh morgens stattfand, dass ich hellwach war. Gleichzeitig war es mir auch ein bisschen unangenehm, so hautnah in eine Ehestreitigkeit hineingeschlittert zu sein, die nicht die Meine war. Allein der Gedanke, dass die Nachbarn von meiner Existenz gar nichts wussten, beruhigte mich etwas. Wer würde auch eine Deutsche im Pyjama hinter der Küchenwand vermuten? Ich schälte mich aus dem Einzelbett und tappte in das Doppelzimmer des römischen Vater-Sohn-Duos. Auf dem Weg dorthin beschloss ich, nie wieder darauf zu bestehen, eine Signorino freie Nacht im anderen Schlafzimmer haben zu wollen. Dabei dachte ich doch tatsächlich, dass meine Nachtruhe durch die Abwesenheit Signorinos deutlich ausgeprägter wäre. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen!

Wie erwartet schliefen die beiden männlichen Familienmitglieder. Eng umklammernd – wie die Ertrinkenden – lagen sie im Bett. Der Große schnarchte leise, der Kleine atmete dafür etwas lauter. In einer fließenden Bewegung legte ich mich dazu. Doch von der Erschütterung meiner, vermutlich doch nicht so fließenden Bewegung erwachte Signorino. Keine zwei Minuten später rollte er zu mir hinüber und begrüßte mich mit „Mamamamama“. Ich gab ihm zu verstehen, dass unsere Nacht um 8 Uhr noch nicht vorbei sei. Das wiederum wollte der willensstarke Sohn nicht akzeptieren und unterhielt uns so lange, bis zumindest ich entnervt aufgab und aufstehen wollte. Der Römer wollte noch ein bisschen liegen bleiben. Signorino hielt das für keine gute Idee und drückte ihm immer wieder, laut lachend, den angespeichelten Schnuller gegen die Schläfe.

1:0 für Signorino. Wir standen alle drei auf, frühstückten gestrige Croissants und tranken Tee und Kaffee. Nach dem Frühstück erhob sich der Römer, griff zu seinem Telefon und kümmerte sich um den wichtigsten Punkt auf der Tagesagenda: Er rief beim deutschen Krankenhaus [Spitali Gjerman oder einfach German Hospital] an, um einen Termin zum PCR-Test, den wir für die Rückreise benötigten, auszumachen. Gewohnt höflich begrüßte er sein Gegenüber am Apparat und trug sein Anliegen vor. Ob die Information richtig sei, dass man den Test im deutschen Krankenhaus machen könne, wollte er wissen. „Po. [Ja.]“. antwortete die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung knapp. Sehr schön, bemerkte der Römer, wir würden dann gegen 16 Uhr bei Ihnen sein. „Hmmmm….!“ machte die Stimme und wirkte nicht besonders glücklich mit diesem Vorschlag. Dann bediente sich die Krankenhausmitarbeiterin einer Taktik, die ich schon oft bei meiner albanischen Familie beobachten konnte. Aus Höflichkeit verneinte man nicht direkt, so wie ich es in Deutschland machen würde. Nein, vielmehr drückte man es deutlich diplomatischer aus. So sagte die Stimme also: „Ich empfehle Ihnen bis 14 Uhr im deutschen Krankenhaus zu sein. Danach wird es sehr, sehr schwierig einen solchen Test durchzuführen.“ Der Römer quittierte diese Empfehlung mit einem zweimaligen „Mire [Gut]“. Dann bedankte er sich, wünschte der Dame noch einen schönen Tag und verabschiedete sich freundlich.

Wir beschlossen diesen Punkt der Tagesordnung sogleich vollständig zu erledigen. Zwanzig Minuten später verließen wir das Haus. Im Treppenhaus begegnete uns ein bärtiger Mann mit einem großen, runden Bauch, der auf unsere Etage zusteuerte. Er wirkte mürrisch. Mit seiner tiefen, basslastigen Stimme grüßte er uns. „Ha!“, rief ich aus, als er aus unserem Sichtfeld verschwunden war, „Er hat doch keine Fistelstimme! Er war einfach nur schweigsam. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt.“ Dann grinste ich zufrieden in mich hinein. Der Römer guckte mich verwirrt an, sparte sich aber eine Rückfrage und überging meinen Kommentar galant.

Von dem gestrigen Spaziergang hatten wir anscheinend nichts gelernt und so nahmen wir abermals den Buggy mit. Schön blöd! Der Bürgersteig war nicht für Gegenstände mit Rollen geeignet. Wer transportiert werden möchte, soll seine Verwandtschaft bemühen oder zumindest einen charmanten Taxifahrer. Der Römer wollte Zweiteres vorschlagen, aber seine stoische Sparbrötchen-Gemahlin bestand darauf, „die paar Meter“ zu gehen. Nach einem fünfzehnminütigen Marsch, in denen man seinen Blick nicht eine Sekunde vom Boden abwenden konnte, wollte man keinen Knöchelbruch riskieren, kamen wir an. Schweißnass, mit einem 15 Kilo Kleinkind auf der Hüfte, musste ich mich kurz vor dem Krankenhaus sammeln, um wieder in meinen normalen Atemrhythmus zu finden. Der Römer grinste hämisch, hatte er doch nur den zusammenfaltbaren Buggy in der Hand. „Guarda che il taxi non avrebbe costato più di 3 euro. [Schau, das Taxi hätte nicht mehr als 3 Euro gekostet.]“ sprach er nun, als wir vor unserem Ziel standen. „Drei Euro?“ wollte ich fassungslos wissen. „Si! [Ja!] Aber du hast gleich abgewunken. Und ich weiß wie du bist, wenn ich insistiere.“ flötete er. Ein Glück legte sich mein Fokus recht schnell auf die Menschentraube, die vor dem Krankenhauseingang wartete. Eine Maske hatte selbstredend keiner auf. Der Römer versuchte indessen zu verstehen, ob der Menschenauflauf wartete, um eintreten zu dürfen oder einer anderweitigen Tätigkeit nachging, die sich uns nicht erschloss. Letztlich beschloss er, einfach zum Eingang zu stolzieren. Halbherzig entschuldigend bahnte er sich seinen Weg durch die Ansammlung, was mit einem nun ausgefalteten Buggy, erstaunlich schnell und effizient vonstatten ging. Signorino und ich folgten der Schneise, die er hinterließ. Kurz darauf stolperten wir ins Krankenhaus. Was sich hier für ein Anblick bot, lässt mich bis heute staunen:

Linkerhand war die große Rezeption. Primär aus Dekorationszwecken, wie es schien, hatte man eine Plexiglasscheibe installiert, die halb hoch den Plebs von den Krankenhausangestellten trennen sollte. Die Plexiglasabgrenzung endete auf Höhe meines Kinns. Nun muss ich sagen, dass ich als hochgewachsen in Albanien gelte, obwohl ich keine 1,70m groß bin. Für die meisten weiblichen und alternden Albaner endete diese Scheibe vermutlich auf Augenhöhe. Hinter dieser Coronaschutzmaßnahme saßen einige, junge, gut geföhnte Damen. Sehr adrett anzusehen! Nur verhinderte die akkurate Föhnfrisur vermutlich die richtige Trageordnung der Maske. Es war wie eine schlecht gemachte Werbung, in der die Bundesregierung darauf aufmerksam machte, wie die Maske nicht zu tragen wäre. Die orange-blondierte Außenwelle trug sie an einem Ohr. Der Rest hing schlaf nach unten, als wäre es ein übergroßer, sehr eigenwilliger Ohrring. Der kurze, lockige Bob klemmte die Maske kurzerhand unters Kinn, da sie beim Sprechen störte. Die hellbraunen Blocksträhnen waren schon etwas fortschrittlicher unterwegs. Unter der Nase, aber den Mund bedeckend. Fast richtig!

Der Römer meldete uns, mit Signorino auf dem Arm, an. Ich kniete mich kurz nieder, desinfizierte mir flink wie ein Wiesel die Hände, drückte noch einmal den Nasensteg meiner FFP2 Maske ordentlich zurecht und beschloss fortan nur noch selten, und wenn dann sehr flach, zu atmen. Mal wieder wurde nach unseren Pässen verlangt. Diese wurden kopiert und wieder an uns ausgehändigt. Während der Römer die Formalien klärte, schnappte ich mir Signorino und wir beobachteten die ankommenden und weggehenden Menschen. Es war wie eine sehr lustig anzuguckende Kleinkunstbühne, die sich vor uns auftat: Eine gut gestylte Frau um die 40 stöckelte ins Krankenhaus. Sie trug natürlich keine Maske, dafür einen feuerroten Lippenstift, der ihren mediterranen Teint vorzüglich unterstrich. Als sie schon fast an der Rezeption vorbei war, fiel ihr selbst (!) auf, dass wahrscheinlich das Tragen einer Maske in dieser Szenerie angebracht wäre. Flott tippelte sie zurück zur Rezeption und äußerte ihr Anliegen. „Ach, Sie haben keine Maske? Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ bemerkte der kurze, lockige Bob. Was ironisch klingen mochte, war definitiv nicht so gemeint. Es war ihr und allen anderen tatsächlich nicht aufgefallen. Man gab der gut gestylten Krankenhausbesucherin eine OP-Maske. Diese bedankte sich und eilte in die Kardiologie.

Wenig später schlürfte ein Ehepaar herein. Man konnte mit einem Blick erkennen, dass nicht nur sie der Risikogruppe angehörten, sondern vermutlich auch schon ihre Kinder (und eventuell Kindeskinder). Tattrig steuerten sie Richtung Rezeption. Der Greis mit dunkler Schiebermütze hatte seine Gattin im schwarzen Kleid, der dunklen Strumpfhose und dem weißen Kopftuch untergehakt. Natürlich trug keiner von beiden eine Maske. Sie fragten auch nach keiner, dafür grüßten sie die Rezeptionskräfte sehr freundlich bevor sie in die Urologie einbogen. Die hellbraunen Blocksträhnen und die orange-blondierte Außenwelle grüßten freundlich zurück und widmeten sich sofort wieder ihrem Gespräch, das höchstwahrscheinlich private Motive hatte. An der Körperhaltung der beiden Damen und den fest umklammerten Kaffeebechern konnte man ablesen, dass es sich um Beziehungs-, wenn nicht sogar Eheprobleme, handelte. Die Lage war ernst. Wer würde in diesem fesselnden Gespräch schon auf eine Maskentragepflicht in Krankenhäusern bestehen wollen? Es gab schließlich dringlichere Probleme.

Der kurze, lockige Bob schob dem Römer den Patientenkugelschreiber zu, der vermutlich seit langem kein Desinfektionsmittel mehr gesehen hatte. Der Römer guckte pikiert, zog seinen silber-schwarzen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Lederjacke und unterschrieb damit. „So ist es doch schon gleich viel sicherer.“ kommentierte er seine Geste und zwinkerte dem braunen, lockigen Bob zu. Dieser guckte ihn an wie ein Auto. Die orange-gefärbte Außenwelle, die sich offensichtlich aus der Diskussion der Beziehungsprobleme gelöst hatte, bat uns, auf der Sitzbank am Ende des Ganges Platz zu nehmen und dort zu warten. Wir würden dann aufgerufen werden.

Dem war auch so. Nach zwei Minuten wurde der Römer zum PCR-Test gebeten. Nach einer weiteren Minute kam er heraus und flüsterte mir ins Ohr, dass er die Dame schon vorgewarnt hatte, dass ich nur Englisch sprechen würde. Ich bedankte mich und eilte in den Testraum. Freundlich grüßend wurde ich auf einen Stuhl platziert. Ich nahm meine Maske ab. Die junge Dame streichelte mit einem Wattestäbchen sanft meinen inneren Nasenflügel, bevor sie es in einem durchsichtigen Röhrchen versenkte. Dann holte sie sich ein neues Wattestäbchen und kraulte damit liebevoll meine Mandeln. Ich wunderte mich etwas über die Sanftheit des Testverfahrens, hatte doch Turtle mir vorab mitgeteilt, dass das medizinische Fachpersonal normalerweise mit den Wattestäbchen bis zum Gehirn durchbohren würde. Doch ich hinterfragte die Situation nicht weiter. Ich bedankte mich und wünschte der Dame noch einen schönen Tag.

Beim Rausgehen erklärte ich dem Römer, dass der Abstrich überhaupt nicht unangenehm war. Er grinste und lieferte postwendend die Erläuterung zu meinem Eindruck. Das habe die Dame extra so gemacht, habe sie ihm erklärt. Denn schließlich wusste sie vom Römer, dass wir in Frankfurt wohnen und dahin zurück wollten. Und deswegen touchierte sie unsere Nasenschleimhäute und Mandeln nur leicht, denn wenn wir nur Überträger seien, aber keinerlei Symptome hätten, so wäre der Test negativ. Wäre die Corona-Erkrankung aber fortgeschritten, so würde der Test positiv resultieren. „Im Ernst?!“ presste ich aufgebracht heraus. „Das geht doch nicht!“ Der Römer tätschelte mir die Schulter. „Seh’s doch positiv. Wenigstens können wir noch zurückreisen, sollten wir positiv sein.“ erwiderte der Römer. Ich verstummte und beschloss, dass wir uns in fünftägige Quarantäne begeben würden, auch wenn Familienbesuche im Ausland nicht als quarantänepflichtig im Bundesland Hessen angesehen werden. Danach würden wir uns einem echten Test unterziehen, der über das liebkosen der Nasenschleimhäute hinausging.

Nach unserem kurzweiligen Krankenhausaufenthalt gingen wir zurück zum Sheshi Skënderbej, dem Hauptplatz Tiranas. Da unser Ziel nur wenige hundert Meter entfernt lag, beschlossen wir, auf eine Taxifahrt verzichten zu können. Der Römer trug Signorino, ich schulterte dafür den zusammengefalteten Buggy, der spätestens auf dem großen, tadellos gepflasterten Hauptplatz wieder zum Einsatz kommen würde. Von weitem konnte ich bereits eine kleine Zeltstadt erahnen, die an einem Ende des Platzes aufgebaut war. Davor standen sehr elegante, gold-blaue Wartestühle, die vermutlich eine Leihgabe der angrenzenden Oper waren. Die Zeltstadt stellte sich als Impfzentrum heraus, das zwar wenig besucht schien, aber dafür umso besser organisiert war. Der Römer verriet mir, dass Albanien ganz schön Tempo in Sachen Impfung machte, denn es wird jeder, verfügbare Impfstoff verimpft. Darunter auch chinesische und russische Fabrikate. Während wir das Impfzentrum mit einigen Metern Abstand beobachteten, düste Signorino über die Steinplatten. Immer wieder hielt er an, als müsste er eigenhändig die Fliesen nachjustieren und klopfte mit dem Hammer mehrmals prüfend darauf. Dann stand er lachend auf und lief vor Freude jauchzend davon. So ging das eine ganze Stunde lang.

Nachdem uns das Kind einigermaßen ausgepowert erschien, beschlossen wir beim Restaurant Panevino* gegenüber des prächtigen Maritim* Hotels vorbeizuflanieren. Es war Zeit zum Mittagessen und hier würden wir sicher fündig werden. Als wir an diesem italienischen Restaurant ankamen, fragte der Römer den jungen Kellner, ob sie die Option „zum Mitnehmen“ anbieten würden. „Zum Mitnehmen? Klar! S’ka problem. [Kein Problem.]“ Wir bestellten Spargelrisotto für den kleinen Farniente, Steak und Gemüse für uns Großen. Währenddessen war der Außenbereich des Restaurants gut besucht. Auch Innen saßen einige, illustre Gäste aus dem albanischen Funk und Fernsehen. Es dauerte ca. 20 Minuten, in denen wir abwechselnd Signorino hinterherjagten, während der andere Erziehungsberechtigte gemütlich seinen caffè trinken konnte. Das Kind, das wir vor wenigen Minuten noch als „ausgepowert“ bezeichnet hatten, war nun wie durch Zauberhand putzmunter. Es heizte durch den Außenbereich, einer von uns immer in seinem Windschatten. Alles war aufregend und neu. Insbesondere die Treppen kurz vor der großen Straße, wo wir ihn mehrmals vor Schlimmeren bewahren mussten. Beim Zahlen entschuldigten wir uns für das aufgedrehte Kind. „Ach woher!“ winkte der junge Kellner ab. „So ein liebes Kind. Sie wissen gar nicht, was hier alles für Kinder ankommen.

Auf dem Nachhauseweg fotografierte ich ein paar riesige Ostereier. Man sah, dass der (mittlerweile wiedergewählte) Premierminister Edi Rama nicht nur vormaliger Bürgermeister von Tirana, sondern auch ein begnadeter Künstler war. Erst als ich die Fotos auf meinem Handy kontrollierte, erinnerte ich mich daran, dass gerade Ostern war. Weitab von allem konnte man das schon einmal vergessen.

Daheim angekommen erfreuten wir uns an der wunderbaren Küche des Panevino. Das Fleisch, trotz eines 15minütigen Transportweges, verlor nicht ein My an Geschmack. Es war auf den Punkt gebraten. Die dazugehörende Soße, sowie das Gemüse, das man getrost als al dente bezeichnen konnte, rundeten unser Menü ab. Das Kind flitzte immer wieder um den Esstisch unserer Ferienwohnung und holte sich sein Spargelrisotto löffelweise ab. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, hatte irgendwer schlagartig den Stecker des Kindes gezogen und zack – lehnte es seinen schwer gewordenen Kopf an mein Knie und schloss stehend die Augen. Ich schlang das letzte Stück Fleisch herunter und brachte den bereits dösenden Signorino sogleich ins Bett.

Als ich aus dem Schlafzimmer kam, zog der Römer gerade seinen zweiten Schuh an. Er müsse auf Streifzug, begründete er seine Ausgehwilligkeit. „Aha.“ gab ich kurz zurück und wartete amüsiert auf den Grund seines Streifzuges. Nun, er brauche ein Antibiotika, für das er in Deutschland erst mühsam zum Arzt müsse, um sich ein Rezept ausstellen zu lassen. Hier in Albanien sei es nur eventuell rezeptpflichtig, eventuell aber auch nicht. „Hast du mal wieder eine, deiner berühmten Selbstdiagnosen gestellt?“ wollte ich schelmisch grinsend wissen. Er nickte bestätigend. Außerdem würde sich unser minimaler Vorrat an Windeln und Feuchttücher dem Ende zu neigen. Aha, bemerkte ich wieder. Ich vermutete hinter seinem plötzlichen Tatendrang weder die Apotheke, noch die beinahe aufgebrauchten Hygieneartikel des Kindes. Vielmehr spekulierte ich auf einen Universitätsdekan, der zufällig einer seiner engsten Freunde war und sicher zum caffè in ruhiger Atmosphäre bat. Noch einmal wies ich darauf hin, dass Freunde nicht zur Familie 1. und 2. Grades gehörten und somit, laut Gesetz, eine Quarantäne in Deutschland anstünde. Von meinem Plan, so oder so, eine fünftägige Quarantäne einzuschieben, erwähnte ich nichts. Nein, nein! Ich würde mich täuschen. Er kann mir versichern, dass er nur zur Apotheke und zum Supermarkt gehen würde. Jetzt müsse er aber wirklich los. Ciao, amore! Und schon war er aus der Haustür.

Nach dreißig Minuten war er zurück. In der Hand hielt er eine kleine Plastiktüte, die mit einem Firmenemblem einer Apotheke bedrückt war. Hinter dieser Plastiktüte war eine viel größere Plastiktüte zu erkennen, aus der ein Päckchen Feuchttücher ragte. Er hatte nicht gelogen. Denn in 30 Minuten schaffte es selbst der Römer nicht, noch einen Espresso mit seinem guten Freund Eli zu trinken.

Und? War die Packung Antibiotika rezeptpflichtig?“ wollte ich vom Römer wissen. „Si e no. [Ja und nein.]“ gab der Römer zurück. „Eigentlich schon, aber die nette Apothekerin und ich unterhielten uns über dieses Medikament und wir waren uns beide einig, das es so ein schwacher Allrounder war, dass man damit nichts schlimmes anstellen könne. Deswegen gab sie mir das Schächtelchen auch ohne Rezept. Sie erkannte an meinen fachspezifischen Ausführungen, dass ich wusste, was ich da tun würde.“ Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Er wird schon wissen, was er tut. Außerdem schaffte er es, bis zu unserem Kennenlernen vor einigen Jahren, ohne meine klugen Ratschläge zu überleben.

Am späten Nachmittag beschlossen wir einen Ausflug in den städtischen Park zu machen. Was für eine dämliche Idee! Wir mussten dazu das Ausgehviertel Blloku durchqueren. Bässe wummerten aus den Boxen diverser Shisha-Bars. Viele top gestylte Damen und Herren standen vor den Bars und Cafés auf dem Gehsteig, der zwar diesmal kinderwagenfreundlich war, aber wir dennoch unsere liebe Mühe hatten, den ganzen High Heels und Sportschuhen auszuweichen. Eine Maske zählte, Sie ahnen es, wie immer nicht zu den Accessoires, mit denen sich die Damen und Herren schmückten. Als wir endlich den Park erreichten, witterte Signorino seine Chance und gebot auszusteigen. In aller Ruhe setzte er sich auf den Steinboden und klopfte passioniert darauf herum. Sofort wollten wir ihn wegzerren, denn nur wenige Meter von uns entfernt endete der Radweg. Doch Signorino weigerte sich lautstark und schaltete gekonnt in die Einstellung „Zementsack“. Kreischend und um sich tretend, trugen wir ihn die Anhöhe hoch, was sehr schweißtreibend und nervenaufreibend war. „Er wird sich schon beruhigen.“ redeten wir uns gegenseitig Mut zu und sollten uns damit sehr irren. Auf dem Hügel angekommen, klopfte er wieder Steinfliesen. Da es keine Radfahrer gab, setzten wir uns auf die Holzbank neben Signorinos Arbeitsstelle. Dies nahm er zum Anlass, ruckartig aufzustehen und wegzulaufen. Der Römer hetzte hinterher, packte Signorino, setzte ihn wieder neben der Bank ab, nur dass er dann wieder einige Minuten später außer Sichtweite gelangte. Es war ein überaus anstrengendes Spiel bis wir beschlossen heimzukehren. Das wiederum gefiel Signorino gar nicht. Unter lautem Geschrei gab er uns zu verstehen, dass er weder getragen werden wollte, noch bereit war, in den Kinderwagen zu steigen. Er steigerte sich so in seinen Wutanfall hinein, dass wir ein kreischendes, unhandliches Kleinkind durch das Ausgehviertel trugen. Der Vorteil war, dass die Damen und Herren vor den Bars auswichen, was mich wunderte, denn das Geschrei konnte man bei den lauten Bässen leicht überhören. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke drehte er so durch, dass er es schaffte, sich zu Füßen einer High Heels Trägerin im knappen Minirock zu setzen und neben ihr Steine zu klopfen. Wir ließen ihn eine Minute gewähren, so dass er sich beruhigen konnte, um ihn dann weiter nach Hause zu tragen. Natürlich flippte er wieder aus. So ging das fortan weiter, bis wir nach 40 Minuten schweißgebadet zu Hause waren. Dort beruhigt er sich und schaltete wieder in die „lebhaftes, aber weitestgehend zufriedenes Kleinkind“-Einstellung. Es war 19:55 Uhr. In 5 Minuten setzte, wie jeden Abend, die Ausgangssperre ein. Was für ein Tag!

Der nächste Tag ist bereits der letzte Teil dieser Albanienchroniken. Für mich war das persönlich der anstrengendste Tag, an dem ich die Stunden bis zu unserer Abreise zählte. Seien Sie gespannt auf Teil 6, wie ich meine Ehe anzweifle und die albanische Gelassenheit nicht mehr ertrage. 😉

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Der Freitagsrapport | KW17

Und hier ist er wieder: Der Freitagsrapport in Kalenderwoche 17. Angeschnallt und mitgekreischt. Auf geht die wilde Fahrt!

Kawumm!

Genau so machte es, als mein Telefon, das bis eben noch auf dem Rand des Waschbeckens thronte, geradlinig wie ein Butterbrot von diesem herunterfiel. Blöderweise landete es auf der Butterseite, respektive meinem Display. Der harte, graue Fliesenboden des Badezimmers tat wohl sein Übriges. Mit unbelehrbaren Optimismus dachte ich: „Wird schon nichts passiert sein.“ Denn all die 800 Male zuvor war auch nie etwas passiert. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen! Beim 801. Mal passierte eben doch etwas. Die gute Nachricht ist: Mein Display funktioniert (bis jetzt) einwandfrei. Die schlechte Nachricht ist jedoch, mein Bildschirm ist in der linken, oberen Ecke gesprungen, was ein aufregendes Astmuster auf diesem hinterlassen hat. Sofort recherchierte ich nach Möglichkeiten und dazugehörigen Preisen im Internet. Unter 139,-Euro lässt sich nichts machen. Dann fragte ich meine beiden besten Freunde, die ebenso im internationalen Luftverkehr tätig sind. Das hätte ich mir allerdings sparen können, denn ihre Tipps waren zwar günstig, aber unmöglich darstellbar. Der Eine antwortete auf meine Frage, ob ihm so ein Versehen auch schon passiert ist: „Ja, klar! Ich musste dann extra nach Mexiko-Stadt fliegen. In dem Shoppingcenter in Polanco [ein Stadtteil von Mexiko-Stadt] habe ich es für 25,-Euro reparieren lassen. Das kann ich echt empfehlen!“ Auf meinen Einwand, dass das wenig praktikabel für mich ist, schickte er nur einen lachenden Smiley. Der Andere antwortete auf meine Frage folgendes: „Shanghai! Definitiv Shanghai! Das kostet ’n Appel und ’n Ei dort.“ Ich bedankte mich für den Tipp und ergänzte, dass ich es als höchst unwahrscheinlich sehe, dort in der jetzigen Zeit hinzukommen. „Ach so, ja… Selbst für uns ist das momentan schwierig.“ kam zurück.

Und jetzt sind Sie gefragt: Haben Sie einen günstigeren und durchführbareren Tipp als nach Shanghai zu fliegen und das Display meines Mobiltelefons dort reparieren zu lassen? Wenn ja, nur her damit! Ansonsten nehme ich auch Mitleidsbekundungen, sowie den Hinweis, dass sich mein innerer Monk schon an das neue Design des Displays gewöhnen wird.

Mein persönliches Fundstück der Woche

Für mich ist das Fundstück der Woche die kostenlose App „Darf ich das“*, die neben dem Inzidenzwert Ihrer Stadt/Ihres Landkreises auch einen Überblick verschafft, was man dort Corona bedingt darf und was eben nicht. Um ehrlich zu sein, hatte ich bei dem Gesetzeswirrwarr mittlerweile meine Schwierigkeit, zu verstehen, was erlaubt ist. Dazu kam noch die bayerische Verwandtschaft, bei denen wiederum andere Regeln gelten als in Hessen. Schön ist auch, dass man mehrere Städte auf einer Liste untereinander setzen kann, die man dann beobachten will. So fand ich beispielsweise heraus, dass der Inzidenzwert in Frankfurt bei 196,2 liegt (Stand: 29.04.2021), im östlichen Vorort von München allerdings nur bei 132,3.

Soweit ich informiert bin, ist die App allerdings nur für Deutschland.

*Werbung, unbezahlt

Der Lacher der Woche

Quelle: unbekannt. Sie sind der Autor dieses grandiosen Werkes? Dann lassen Sie es mich wissen!

Wahre Schönheit kommt von Innen, oder? Aber Sie wissen ja, dass ich es wie Friedrich der Große halte: Jeder soll nach seiner Façon selig werden. 😉

Mein Bild der Woche

Zimtschnecken! Da sich der Sommer (hier in Frankfurt) nicht so recht dazu bequemen kann, seinem Namen alle Ehre zu machen, dachte ich, dass Zimtschnecken eine feine Idee wären. Das Rezept möchte ich Ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten. Sie finden es hier!

Sollten Sie, genau wie wir, unter Besucherarmut leiden und dazu nur wenige Esser in der Familie haben, empfehle ich Ihnen, die Zimtschnecken soweit vorzubereiten, dass Sie sie nur noch in die Auflaufform zum Backen geben müssten. Aber – und hier kommt mein Geheimtipp – Sie backen am besten nur die Zimtschnecken, die Sie sofort verbrauchen werden. Die restlichen Rohlinge geben Sie auf ein Schneidebrett oder eine offene Plastikdose und lassen sie im Gefrierfach wenige Stunden anfrieren. Dann steht der Umzug dieser Rohlinge in einen Gefrierbeutel an. Wann immer Sie nun Lust auf frische Zimtschnecken haben, nehmen Sie sich die gewünschte Menge aus dem Gefrierbeutel und backen sie frisch auf. 🙂 Das Frosting ist in wenigen Augenblick angerührt. Notfalls (!) kann es aber auch weggelassen werden.

Guten Appetit & tanzen Sie gut in den Mai!