Die Albanienchroniken – Teil 2: Von positiven Schwestern und der albanischen Familienehre

[Sie haben den ersten Teil der Albanienchroniken verpasst? Kein Problem, bitte hier entlang!]

Okay, in Ordnung, aber ohne… mich!“ fing ich an. „Ich bin doch nicht irre und stehe um 05:30 Uhr auf, wenn das Flugzeug erst um 12 Uhr mittags planmäßig abheben soll!“ Mit vorgeschobener Unterlippe, einer zum Zerbersten angespannten Zornesfalte und verschränkten Armen saß ich trotzig auf unserem Sofa.

RUMMS! Die Kinnlade des Römers kippte nach unten und er fast vom Stuhl. Vermutlich hatte er sich auf seinen römischer Charme und meine weibliche Gutmütigkeit verlassen. Doch diesmal stand meine Entscheidung in Stein gemeißelt fest. Ich werde morgen nicht fliegen! Er versuchte gar nicht erst mich vom Gegenteil zu überzeugen, schließlich wusste er um meine stoische Art. Auch sein übliches „Ma dai!“ [Ach, komm schon!] sparte er sich. Stattdessen schwieg er und tippte wie ein Häufchen Elend auf seinem Mobiltelefon herum. Etwas anderes hätte meine Laune auch kaum ertragen an diesem Abend. Als wir ins Bett gingen, unterbrach er die Stille mit einem leise gemurmelten „Buona notte“ [Gute Nacht]. Ich beschränkte mich auf ein gebrummtes „Nacht„. Selbst das obligatorische Adjektiv „gut“, das man normalerweise vor die „Nacht“ stellt, wollte ich ihm in diesem Moment partout nicht gönnen.

Am nächsten Morgen war mein Ärger, wie von Zauberhand, verraucht. Der Römer stand extra früh auf, holte Wiedergutmach-Croissants und bereitete den Frühstückstisch vor. Er scheute keine Kosten und Mühen, was bedeutete, dass sogar frisch gepresster Saft auf dem Tisch stand. Ich klickte derweil auf meinem Computer herum und checkte uns für den heutigen Flug aus. Dann buchte ich das Ticket auf den nächsten Tag um. Dazu muss ich Ihnen erklären, dass ich eine solche Entscheidung nie getroffen hätte, hätten wir ein normales Flugticket reserviert. Dank meines Arbeitgebers habe ich den Vorteil sogenannte „Standby-Tickets“ zu erwerben. Das Prinzip ist schnell erklärt: Als Mitarbeiter hat man zwar einen Flugschein in der Hand, jedoch keinen Anspruch auf einen Sitzplatz im Flugzeug. Sind alle Plätze ausgebucht, bleibt man traurig hinterherwinkend am Boden zurück, was mir nicht nur einmal passiert ist. Sollte wiedererwartend ein Sitzplatz frei sein, ist man ein gern gesehener Gast, der sich auf den letzten, freien Mittelplatz quetschen darf. Selbstverständlich sind die Flugtickets (bei meinem Arbeitgeber! In Italien und den USA sieht das wiederum ganz anders aus, sagte man mir…) nicht umsonst, aber dennoch etwas billiger als die normalen Tarife. Dadurch, dass man keinen Anspruch auf einen Sitzplatz hat, kann man die Flugtickets nach belieben und jederzeit (um)buchen. Ich nenne es das „Kommst du heute nicht, kommst du morgen“-Prinzip, von dem ich des Öfteren Gebrauch machen musste. Zum Beispiel, wenn der caffè in der Pasticceria Barberini (Werbung aus Überzeugung) im römischen Stadtviertel Testaccio wieder gar so gut schmeckte.

Nach diesem Exkurs, finden wir uns wieder am römischen Esstisch deutscher Nation ein. Noch während ich die Umbuchung machte, sah ich im Augenwinkel wie mein Telefon mehrmals kurz aufleuchtete. Ich klickte ein letztes Mal auf „bestätigen“ und das Flugdatum wurde auf den nächsten Tag geändert. Dann nahm meine Neugier überhand und ich guckte, wer mir geschrieben hatte. „Turtle“ stand in großen Lettern auf meinem Handybildschirm. Ich öffnete die Textnachricht und las. Erst ein Mal, dann, um ganz sicher zu gehen, noch ein zweites Mal, gefolgt von einem dritten und vierten Mal. Hä? Laut las ich die Nachricht vor: „Ich bin übrigens positiv.“ Verwirrt kräuselte ich meine Stirn und guckte den Römer an. „Ich finde so eine Textnachricht in der jetzigen Zeit absolut nicht lustig.“ sagte ich und tippte ein flapsiges, der deutschen Grammatik nicht gerecht werdendes „Positiv was?“ in das Nachrichtenfeld. Turtle war online und antwortete sofort. Sie tippte und wenige Augenblicke später erschien in unserem Chatfenster: „Na, Corona-positiv.

Ich fiel aus allen Wolken und drückte auf den kleinen Telefonhörer neben ihrem Namen. Es tutete zwei Mal, dann hob sie ab. „Im Ernst?“ fragte ich und vergaß bei aller Aufregung die Begrüßung. Sie lachte. „Grüß dich! Ja, wirklich. Das ganze Büro ist positiv getestet worden.“ erklärte sie mir und hustete, wie zur Untermalung der Absurdität, zwei Mal. Dann räusperte sie sich. „Aha.“ antwortete ich mangels passenden Gesprächsfloskeln, die man soeben positiv getesteten Leuten mit auf den Weg geben könnte. Sie erzählte munter weiter, immer wieder unterbrochen von einem bellenden Husten. Seit vorgestern würde sie sich schlapp fühlen. Da der Schnelltest vor drei Tagen noch ein negatives Testergebnis angezeigt hatte, hat sie sich aufgrund ihrer Symptome dazu entschlossen noch einmal einen PCR Test auf eigene Kosten zu machen. Und dieser kam heute früh positiv zurück. Dann steckte sie sich einen Keks in den Mund, hustete wieder kurz und führte aus: „Es war gar nicht so leicht an einen solchen Test heranzukommen. Bei vier Praxen und dem Gesundheitsamt rief ich an. Doch keiner fühlte sich zuständig, da ich bereits Symptome entwickelt hatte. Bis ich bei der fünften Praxis komplett ausgeflippt bin. Ich fragte die nette Arzthelferin, die mich ebenfalls vertrösten wollte, was ich denn tun müsse, um so einen Kack-PCR-Test zu bekommen.“ Ich lachte, denn so wütend im Umgang mit anderen Mitmenschen kannte ich die sonst so schüchterne Turtle gar nicht. Als Turtle der immer noch freundlichen Arzthelferin all ihr Leid klagte und das mit all ihrer Frustration und Hilflosigkeit untermalte, bat sie Turtle schließlich, direkt in der Arztpraxis vorbeizukommen. Sie würden sie sofort testen. „Und der Rest ist Geschichte. Jetzt bin ich in Quarantäne. Da es die britische Variante ist, muss ich auch gleich 14 Tage daheim bleiben.“ Vor meinem inneren Auge sah ich bereits, wie auch der morgige Flug ohne uns abheben würde und ich das Flugticket nach Albanien stornierte. Ich konnte Turtle in diesem Zustand wohl kaum alleine in Frankfurt lassen. Wer würde für sie einkaufen? Wer würde im Notfall helfen können? Indessen holte mich Turtle blitzschnell aus dem Gedankenkarussell, bevor ich überhaupt eine Fahrkarte dafür lösen konnte. „Keine Sorge! Ich habe vor drei Tagen groß eingekauft. Vielleicht war es eine Vorahnung, denn irgendetwas sagte mir: Nimm mal lieber mehr mit! Meine Vorräte reichen noch für mindestens eine Woche. Außerdem habe ich nur Husten und fühle mich etwas gerädert. Ich bin aber fieberfrei. Ihr könnt ganz entspannt in einer halben Stunde abfliegen.“ beruhigte sie mich. „Äh… Turtle? Wir fliegen morgen. Es gab ein paar… Unstimmigkeiten.“ klärte ich sie auf. „Ach so.“ antwortete sie knapp und hustete wieder. Wie eine nervige Glucke hakte ich im Verlauf des weiteren Telefonats mehrmals nach, ob sie wirklich nichts, absolut gar nichts, von der Apotheke, dem Supermarkt oder der Drogerie brauchte. „Nein, nein! Es ist alles unter Kontrolle.“ gab sie den immer gleichen Satz zurück. Dann informierte ich meine beiden besten Freunde, dass Turtle positiv getestet wurde. Da beide in Frankfurt wohnen und momentan nicht fliegen, versprachen beide, sich jederzeit um Turtle zu kümmern, sollte sie etwas benötigen. Diese Info leitete ich an Turtle weiter, die mit einem „Daumen-hoch“-Zeichen darauf reagierte. Vermutlich war sie froh, dass ihre bemutternde Schwester am nächsten Tag nach Albanien fliegen würde.

Als ich dem Römer in Kurzform erzählte, was seiner Schwägerin zugestoßen war, klammerte er sich mit eiserner Hand an den Tragegriff des silbernen Koffers, den er gerade ins Schlafzimmer rollen wollte. „Keine Sorge. Wir fliegen morgen trotzdem, wenn die Maschine nicht komplett ausgebucht ist.“ Der Römer guckte mich etwas unsicher an. Ich winkte grinsend ab. Signorino stapfte an uns beiden, mit einem Kochlöffel bewaffnet, vorbei. Blitzschnell schnappte sich der Römer den kleinen Kerl, zog ihn an und die beiden füllten am Main ihren Vitamin D Haushalt auf. Währenddessen packte ich alle Dinge für Signorino und mich ein. Es dauerte zwei Stunden, die ich in der ungewohnt ruhigen Wohnung sehr genoss. Nachdem die beiden Herren ihren Spaziergang beendet hatten und heimkehrten, übernahm ich Signorino, während der Römer akribisch seine Outfits aus unserem Kleiderschrank auswählte, jedes Teil einzeln aufeinander abstimmte, alles feinsäuberlich bügelte, kleinlich und mit höchster Vorsicht faltete und schließlich alles zusammen im Koffer verstaute, was tatsächlich zwei Stunden dauerte. Er hatte mit seiner gestrigen Zeitangabe definitiv nicht übertrieben.

Mittlerweile war es 15:00 Uhr. Neben unserer Haustür standen ein fertig gepackter Koffer, ein faltbarer Reisekindersitz, ein Buggy, eine überdimensionierte Wickeltische und ein römischer Rucksack. Ich war zufrieden.

Unserem morgigen Flug stand scheinbar nichts mehr im Wege. So weit wie auf diesem Bild kommen wir vermutlich nicht. Das Foto wurde von einer B747 irgendwo über Nordamerika aufgenommen.

Der restliche Tag verlief ereignislos und bestand aus einem weiteren, langen, Vitamin D geladenen Spaziergang für den Römer, Signorino und mich. Danach statteten wir dem hiesigen Supermarkt noch einen Besuch ab, denn es gibt nichts schlimmeres als an einem Feiertag zurückzureisen und einen leeren Kühlschrank vorfinden zu müssen. Um 19:00 Uhr holte der Römer Pizza für die ganze Familie. Kurzum: Ich war glücklich.

Um 20:30 Uhr rief die römische Schwester F. an. Gleich sollte Signorino ins Bett gehen. Natürlich bestand der Römer darauf, dass er in die Videokamera winken sollte. Interessiert grinsend, dennoch alles andere als winkend, guckte er seine Tante an. Unter lauten „zemra ime“ [mein Herz] Rufen, begrüßte diese Signorino, der den Bildschirm antippte und dadurch beinahe auflegte. Während Schwester F. ihren Neffen Signorino anschmachtete, fragte sie ganz belanglos im Nebensatz, wer uns denn vom Flughafen abholen würde. „Ibrahim.“ antwortete der Römer und nannte den Namen seines großen Bruders. Sie stöhnte, als hätte ihr der Römer soeben mit voller Wucht ein glühend heißes Messer in den Rücken gerammt. „Ibrahim?! O Zot i madh. [Oh großer Gott.]“ brachte sie nach einer kurzen Pause sichtlich getroffen hervor und wiegte ihren Kopf hin und her. Nach einer weiteren, theatralischen Pause, in der sie lange ausatmete, holte sie, sehr zu unserer Beruhigung, abermals tief Luft. Dann fragte sie unter Anwendung geschicktester Rhetorik : „Mit seinem alten Benz will er euch also abholen?“ Leidend blickte sie in die Kamera, dennoch konnte man mit geschultem Blick ein angriffslustiges Blitzen in ihren Augen erkennen. Nein, sie würde dafür Sorgen, dass ihr großer Bruder Ibrahim diese Schlacht verlieren würde. Schließlich ging es um nicht weniger als die Ehre als Erste der Familie ihren lang ersehnten, germanoitalbanischen Neffen, live zu sehen und im gelobten Land begrüßen zu dürfen. Sie schätzte und liebte ihren Bruder Ibrahim sehr, aber diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Man sah, dass sie sich auf diesen Kampf vorbereitet hatte wie ich mich auf das Packen unserer Koffer. Nur war sie nicht mit Friedrich dem Großen zu vergleichen. Viel mehr war sie eine moderne, weibliche Version von „Alexander i madh [Alexander dem Großen]“. Das sah man spätestens als sie ein Argument nach dem anderen akzentuiert abfeuerte und zufrieden lächelnd wartete, bis es seinen Effekt zeigte. „Sei mir nicht böse.“ ,fing sie an, „Das klapprige Vehikel deines Bruders wird meinem wunderschönen Neffen -Mashallah- nicht gerecht.“ Der Römer nickte und machte den Fehler minimal zu insistieren. „Ich habe Ibrahim schon zugesagt, dass er uns abholen darf.

Autsch! Selbst ich zuckte bei dieser gut gemeinten, römischen Antwort zusammen, ahnte ich doch, welch schweres Geschütz Schwester F. gleich auffahren würde. „Nein, das kann ich nicht akzeptieren. Es geht hier schließlich um die Sicherheit meines Neffen.“ begründete sie ihr Veto und ich war erstaunt, dass gerade sie die Sicherheitsfrage auf den Tisch brachte. Vor meinem geistigen Auge sah ich uns, wie wir vor Jahren zu viert auf der Rückbank des alternden Mercedes ihres Mannes saßen. Selbstverständlich waren alle, im Fond des Autos sitzenden Insassen (ihre beiden erwachsenen Kinder, der Römer und ich) unangeschnallt. Nicht, weil wir wollten. Denn ich, die Deutsche, hätte mich schon gerne angeschnallt. Vielmehr, weil sich partout keine Sicherheitsgurte in der hinteren Fahrtgastzelle befanden. Aber weder das Alter des Autos, noch die nicht vorhandenen Sicherheitsgurte für die hinteren Fahrgäste, hielten Schwager B., den Mann von Schwester F., davon ab mit überhöhter Geschwindigkeit durchs albanische Hinterland zu rasen. Auch zum Teil schotterige und ungeteerte Straßen, sowie Schlaglöcher so groß wie der Bodensee, stellten hier keine Ausnahme dar. Ungeachtet dessen, musste ich zugeben, dass ihr Sicherheitsargument in dieser Diskussion überaus raffiniert und gleichzeitig wertschätzend gegenüber mir, der deutschen Schwägerin, gewählt war. Sie hatte meinen Schwachpunkt absolut richtig eingeschätzt. „Ihr habt wahrscheinlich einen Autositz dabei…“ säuselte sie und blickte mich durch die Handykamera an. Ich lächelte. „Wenn dem nicht so ist, dann wäre es eine Selbstverständlichkeit für uns, einen Autositz für meinen zauberhaften Neffen zu kaufen.“ Der Römer wollte etwas einwenden, allerdings hatte er keine Chance gegen seine große Schwester F.. Wortreich erklärte sie nun, dass der Dreipunktgurt der koreanischen Automarke, die sie mittlerweile ihr Eigen nannte, deutlich hochwertiger wäre, als der Sicherheitsgurt von 1998, der in Ibrahims Auto vermutlich nur als dekoratives Element diente. Der Römer versank mit seinen wenig überzeugend vorgetragenen Argumenten immer tiefer im Treibsand der ausgeklügelten Argumente der großen Schwester F.. Ich guckte belustigt dabei zu. Diese Aufführung übertraf alle bisherigen, albanischen Theaterstücke, denen ich bis jetzt beiwohnte. Hilfesuchend blickte mich mein römischer Ehemann an. Schwester F. redete immer weiter und zog schließlich den 50:50 Joker. „Gjermanja“ [Die Deutsche], also ich, sollte zu Rate gezogen werden. Ich grinste, denn dies war eine Falle, die ich mittlerweile nur zu gut kannte. War ich früher noch so naiv und gab meine ehrliche, meist sehr direkte Meinung wieder, bediente ich mich heute der einzig sinnvollen Überlebenstaktik in diesem unerbittlichen Wettstreit. Ich zuckte mit den Schultern und schob ein „Nuk e di“ [Ich weiß es nicht] hinterher. Dann lächelte ich entschuldigend. Schwester F. betrachtete mich amüsiert. Vermutlich galt ihr belustigter Blick nicht meinem witzigen Akzent, sondern viel mehr meiner Gewieftheit. Ich hatte den einzig legitimen Notausstieg in dieser Situation benutzt und war damit fein raus.

Noch einmal setzte Schwester F. an, dass ihr Ylli [Stern] nur das Beste verdient habe. Schlimm genug, dass er ein ganzes Jahr ohne die einzig richtige Staatsbürgerschaft leben musste. Das arme Kind, geboren im Exil Ausland. Immerhin Sohn einer Deutschen. Ein hoch geschätztes Volk, obgleich es nicht die selben Werte wie Albanien hätte. Dann fragte sie, wann wir Signorino beim albanischen Standesamt anmelden würden. Schließlich wäre es allerhöchste Zeit, dass er ein waschechter Albaner werden würde. Der Römer seufzte. Man merkte, dass er von dieser nicht enden wollenden Diskussion geschafft war. „Am Freitag, inshallah.“ antwortete er und fügte hinzu: „Sofern sie die beglaubigte Geburtsurkunde anerkennen. Schließlich ist sie schon ein Jahr alt.“ Nun verflüchtigte sich die mediterrane Hautfarbe aus Schwester F.’s adrettem Gesicht. Kalkweiß wollte sie wissen, ob denn eine Möglichkeit bestünde, dass ihr geliebter Neffe kein Albaner werden würde. „Theoretisch.“ antwortete der Römer knapp. Jetzt ließ sie sich dramatisch auf die geschmackvolle Couch im Hintergrund fallen und legte ihre linke Hand kraftlos an ihre Stirn. „O Zot, na ndihmo! [Oh Gott, hilf uns/steh uns bei!]“

Wer nun allerdings eine handfeste Krise erwartete, hatte die Rechnung ohne die blitzgescheite Schwester F. gemacht. Pfeilschnell witterte sie ihren Moment. „Wenn schon die Staatsbürgerschaft meines geliebten Neffen auf dem Spiel steht, dann doch wenigstens nicht der Transport vom Flughafen in die Stadt!“ jammerte sie. Mehr denn je habe er durch diese unglücklichen Umstände einen Fahrservice seiner Tante F. im koreanischen SUV verdient. Schließlich wäre nur das Beste gut genug für ihr zemra [Herz = Signorino]. Der Römer unterbrach ihre nie enden wollenden Ausführungen höflich und vertagte die Entscheidung auf morgen. Das wollte F. aber partout nicht gelten lassen. Sogleich würde sie ihren Bruder Ibrahim anrufen. Auch er müsse einsehen, dass er in diesem Rennen den Kürzeren gezogen hatte. Siegessicher und zufrieden legte sie auf.

Ich murmelte belustigt meinen neu gelernten Satz „O Zot, na ndihmo!“ [Oh Gott, steh uns bei!]

Wie oft ich diesen Satz in den folgenden Tagen tatsächlich rezitieren würde, war mir zum damaligen Zeitpunkt allerdings nicht bewusst…

[Fortsetzung folgt]

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Letztens, da ist mir etwas Dummes passiert.

Ich kann Ihnen nicht einmal den genauen Moment nennen, in dem es passiert ist. Aber ich vermute er war irgendwann zwischen dem Entschluss „das Handy ordentlich zu desinfizieren“, dem Mangel an Desinfektionsmittel im Hause Farniente und der Überzeugung, dass Wasser und Seife es wohl auch tun sollten.

So schnappte ich mir mein Mobiltelefon, ein neueres Semester, und schrubbte es ordentlich mit Wasser und Seife ab. Liebevoll legte ich es in ein kuschelweiches Handtuch und tupfte es trocken. Es glänzte wie neu und funktionierte einwandfrei. Nichts anderes hatte ich erwartet, warb der Hersteller doch mit der Eigenschaft „wasserdicht“.

Dann sah ich auf der großen Kommode im Flur des Römers Handy. Und ab da nahm das Unglück seinen Lauf.

Es ist schon wahr, was man über Italiener im Allgemeinen und dem Römer im Speziellen sagt: Das Leben, die Liebe und alle sozialen Kontakte hängen von diesem kleinen, portablen Gerät ab. Ständig klingelt und piepst es, stets blinkt es penetrant und wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, leuchtet es wie ein Stadionscheinwerfer taghell im dunklen Schlafzimmer auf. Meist wird es dann vom eben eingeschlafenen Signorino fröhlich quiekend begrüßt.

Jedoch ist der Teufel ein Eichhörnchen. Nennen Sie es Schicksal, ich nenne es Dummheit. In meinem Tunnel aus Wasser, Seife und dem dringenden Bedürfnis, alle Mobiltelefone des Hauses zu desinfizieren, geschah es: Ich vergaß, dass des Römers Modell leider nicht wasserdicht ist. Großzügig seifte ich es ein, schrubbte jeden Knopf, spülte es mit lauwarmen Wasser ab und legte es ebenfalls in ein Handtuch. Als ich es abtupfte, leuchtete das Display noch in grellen Farben auf. Zufrieden legte ich es auf die Kommode im Flur und verschwand in die Küche.

Nach einigen Minuten hörte ich einen kläglichen Klingelton. Es hörte sich fast so an als würde Ligabue in seinem Lied „certe notti“, das gleichzeitig der Klingelton des römischen Telefons war, um Hilfe rufen. „Certe notti sei sveglio, o non sarai sveglio mai. Ci vediamo da Mario prima o poi“ [Bestimmte Nächte bist du wach, oder du wirst nie wach sein. Wir sehen uns bei Mario – früher oder später] krächzte Ligabue und ich glaubte nicht mehr daran, dass man ihn mit diesem scheppernden Sound jemals wieder „bei Mario“ sehen wird. Egal ob prima [früher/vorher] oder poi [später].

Der Römer begab sich just in diesem Augenblick zu seinem Telefon: „Ma che cavolo è?“ [Was zum Teufel ist das?] fragte er mit seinem um Hilfe schreienden Telefon in der rechten Hand. Fassungslos starrte er mich an. „Ma lo schermo…?“ [Aber der Bildschirm…?] wendete er sich überfordert an mich.

Oh.“ war meine dumpfe Antwort, die viel Raum für unbequeme Spekulationen ließ.

Der Römer tippte wie wild auf seinem Bildschirm herum, der nun in sehr schwachen Pastellfarben gehalten war. Schick sah das aus – aber passte so gar nicht zu den hektischen, roten Flecken in seinem Gesicht. „Das ist nicht dein ernst!? Du hast es jetzt aber nicht gewaschen, oder? Es ist hoffentlich nur eine temporäre Störung!“ brachte er unglaublich nervös hervor und sein Auge zuckte. „Ähm…also…“ wollte ich gerade erklären, doch er unterbrach mich mit einem wenig charmanten „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Ich schwieg, denn mir war es so unfassbar peinlich, dass ich keine Worte dafür fand.

Der Römer rannte aufgeregt durch die Wohnung. „Ich glaub’s nicht! Ich glaub’s einfach nicht. E‘ morto!!! [Es ist tot] Sie hat es umgebracht!“ schrie er theatralisch und ich hoffte, dass die Nachbarn nicht die Polizei angesichts dieses „Mordes“ rufen würden. Er legte seine Hände ins Gesicht und murmelte Unverständliches. „Meine Mutter wollte heute Abend anrufen! Mirko schickte mir eine Sprachnachricht. 11 Minuten lang!! 11!! Und jetzt ist alles weg. Alles!“ hörte ich seine Klagerufe durch die Wohnung schallen.

„Es gibt Schlimmeres, wirklich!“ sprach ich und merkte erst danach, dass jeder Satz zu viel für den labilen Römer in dieser prekären Situation war. „Schlimmeres?!“ keifte er und seine Stimme schlug Purzelbäume. „Was denn?! Ich bin abgeschnitten von der Welt! Niemand kann mich mehr erreichen. Was gäbe es denn da Schlimmeres, bitte?!“

Ich antwortete nicht, denn was hätte das auch in dieser Situation gebracht? Stattdessen packte ich Signorino in den Kinderwagen und wir machten einen sehr langen Spaziergang um der römischen Tragödie zu entgehen. „Er wird sich schon wieder beruhigen.“ flüsterte ich dem neugierig dreinblickenden Signorino ins Ohr während ich ihm die Mütze aufsetzte.

Etwas später, es war bereits Abend, guckte der Römer immer noch sehr grimmig. „Ich brauche ein neues Telefon!“ fing er ganz direkt an. „Hm….“ antwortete ich, weil ich die Äußerung hm als äußerst konfliktfrei empfand. „La situazione è seria. [Die Situation ist ernst] Non ci riesco a vivere così. [Ich kann so nicht leben] Jedes Mal schaue ich wieder auf den flackernden Bildschirm, nur um festzustellen, dass mich keine Menschenseele mehr erreichen kann. Nessuno. [Niemand]“ erklärte er weiter. „Hm…“ gab ich wieder von mir.

„Okay, so kann es nicht weitergehen. Wir brauchen eine Lösung! Bitte such folgendes:“ sagte er und nannte mir seine Vorgaben bestehend aus Marke, Farbe und Speicherplatz des zukünftigen Telefons. „Hm.“ antwortete ich wieder.

Ich recherchierte. „Ist weinrot keine Option? Es wäre 100 Euro günstiger!“ fragte ich ihn und merkte bereits mit dem Ausformulieren meiner Frage, dass in dieser Situation jede Frage einer Provokation für den Römer darstellte. Bevor er losmotzen konnte, rettete ich die Situation mit einem nüchternen: „Kleiner Scherz!“

„Non scherzare su certe cose. [Man scherzt nicht über sowas] Nicht in dieser Situation.“ kommentierte er düster.

Als mir meine Recherche zu langweilig wurde, da der Römer alles mit einem „No!“ [Nein!] oder „Anche no! [Auch nicht!] quittierte, begab ich mich auf einen virtuellen Spaziergang in den sozialen Netzwerk. Ein neues Statusupdate des Römers leuchtete auf: „Cari amici!“ [Liebe Freunde!], stand da, „Ich möchte euch mitteilen, dass mein Telefon heute leider von mir gegangen ist. Deswegen bin ich bis auf weiteres nur noch per Messenger oder über das Handy meiner Frau: 0******* erreichbar. Ciao.“ stand da – übersetzt in drei Sprachen, so dass es auch wirklich jeder verstehen konnte.

56 Freunde kommentierten es mit einem tränenden Smiley. 32 Likes gab es dafür und 40 Umarmungen mit Herz. Die einzige „Live-Reaktion“ kam von mir: ein hysterisches „BITTE WAS?!“ gefolgt von einem „Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?! Du hast meine Handynummer ins Internet geschrieben?!“

Der Römer wollte gerade antworten, doch wurde von meinem klingelnden Handy unterbrochen. Eine mir unbekannte, italienische Nummer leuchtete auf. Ein Anruf über Whatsapp.

„Ich glaub es nicht!“ erhob ich entsetzt das Wort. Doch der Römer schnappte sich schon mein Telefon und antwortete! „Ah, ciao Nicolà! Sei tu! [Du bist es!] Scusa, [Entschuldige,] ich hab deine Nummer noch nicht im Handy meiner Gattin abgespeichert. Si, si, sto bene. [Ja, ja, mir geht’s gut] Non molto bene, ma bene. [Nicht super gut, aber gut.]“ flötete er ins Telefon und verschwand angeregt plaudernd im Schlafzimmer.

„Der benutzt jetzt nicht ernsthaft mein Handy für seine Angelegenheiten?“ fragte ich mich. Signorino guckte mich mit großen Augen an und lachte bejahend. Ich hob ihn hoch. „Meinst du wirklich?“ erkundigte ich mich bei ihm und er berührte meine Nase unter lautem Lachen. „Ich fürchte, du hast Recht. Dann muss deine Mama jetzt mal ganz schnell ein neues Handy für deinen Papa auftreiben, oder?“ Signorino kniff mir mit seiner kleinen Hand fest in die Backe. „Danke, Schatz. Das ist nett! Genau das hab ich jetzt gebraucht!“ antwortete ich ihm. Er lachte wieder.

Zusammen mit Signorino machte ich mich auf die Suche und bestellte ein Telefon. Auch die Expresslieferung klickte ich an, denn ich wollte die nächsten Tage und Wochen mein Telefon gerne für mich haben.

Doch für heute blieb das nur ein frommer Wunsch. Mein Telefon stand nicht mehr still. Auch nachdem ich den Römer angeraunzt hatte, dass er SOFORT meine Handynummer aus dem sozialen Netzwerk löschen sollte (BIST DU WAHNSINNIG?!?! war mein Originalsatz), kamen immer weitere Nachrichten und Anrufe rein. Freunde und Familie gaben sich untereinander meine Telefonnummer weiter.

Zwei Tage dauerte es bis sein neues Handy ankam. Meins hingegen bekam ich in diesen Tagen nur in sehr knapp bemessenen Zeitfenstern zu Gesicht. Der Haussegen hing nicht nur schief, nein, er stand Kopf.

Am dritten Tag, das Telefon war endlich da, installierte der Römer in Windeseile sein neues Gerät und informierte seine Freunde.

Leider waren diese deutlich weniger flexibel als gedacht und so landeten 2/3 der Anrufe weiterhin bei mir. Der Römer hing jetzt nicht nur an einem Telefon, nein, er hing jetzt an zweien. Ich bat ihn mehrmals eindringlich, dass er bitte seinen Anrufern mitteilen sollte, dass er auf meiner Nummer nicht mehr erreichbar ist, doch es stieß auf taube Ohren seitens seiner Freunde und Familienangehörigen.

Eine Lösung musste her. Ich ging in mich und grübelte.

„Aaaaaaaah!“ schoß es mir durch den Kopf und grinste.

Als erstes änderte ich mein Profilbild.

Fotoquelle: unbekannt

Dieses hier aus meinem Fotoarchiv wählte ich aus und den angezeigten Namen änderte ich auf „Rosemarie Bründlhuber-Gonzales“. Sobald ein Freund des Römers sowohl den Namen als auch das Foto ignorierte, antwortete ich per Sprachnachricht in tiefstem Bayerisch, dass die Nummer nun Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gehörte und ich keinen Römer kennen würde. „Na, des sagt mir nix! Aber Ihnen noch an schena Tag! Es ist ja so tolles Wetter momentan. Gar nicht so trüb-herbstlich, gell?“ beendete ich meine Sprachnachricht. Darauf kam nichts mehr zurück.

Nach vier Tagen als Rosemarie Bründlhuber-Gonzales gab es keine unerwünschten Anrufe mehr. Auch Sprach- und Textnachrichten blieben aus.

Am fünften Tag fragte der Römer: „Kennst du eine Rosemarie Bründlhuber-Gonzales? Giuseppe meinte, er hätte mit dieser Dame Sprachnachrichten ausgetauscht? Aber das ist doch deine Nummer?“ Er zeigte mir seinen Bildschirm. „Amore ❤️“ war nun eine Frau im Badeanzug mitsamt ihren adretten Freundinnen.

Ich grinste. „Huch! Da kam wohl mein alter Ego zum Vorschein.“ lachte ich und streichelte über mein Handy. „Scheint funktioniert zu haben.“

„Und wie!“ bekräftigte mich der Römer. „Okay, Rosemarie, kannst du mir mein Ladegerät für’s Handy geben? Mein Akku ist schon wieder leer. Aber ich versteh nicht warum… so oft benutze ich es doch gar nicht?“

Hm.“ gab ich belustigt zurück und reichte ihm sein Ladegerät.