Gewagte Theorien aufgrund matschiger Kekse

Pasticcini occhio di bue oder einfach Spitzbuben, die in einer Keksdose liegen

Signorino hatte heute einen schrecklichen Weinanfall. Es begann am Frühstückstisch. Brav aß er sein Marmeladenbrot. Dann verlangte er wie immer nach Keksen.

Woher sein Keksverlangen kam? Das ist schnell erklärt: Der Römer und ich frühstücken morgens generell nur Kekse und trinken dazu Espresso und grünen Tee. Zugegeben, letztere Eigenschaft habe ich in unserer Ehe etabliert. „Ein bisschen mehr Flüssigkeit als 30 Milliliter starken Kaffees schadet sicher nicht am Morgen.“ erklärte ich ihm damals in unserer noch jungen Ehe und stellte ihm eine Tasse voll dampfenden, grünen Tee auf den Tisch. Der Tee wurde beim ersten Mal noch komisch beäugt, beim zweiten Mal aber schon als Gewohnheit akzeptiert, die sich bis heute hält.

Sie sehen, ich verliere mich heute etwas in meinen Erzählungen und gebe Ihnen eine ausladende, aber nichts mit der Sache zu tun habende Antwort auf eine nicht gestellte Frage. So bin ich gerne einmal. Nicht zum Punkt kommen wollen, Antworten auf nicht gestellte Fragen geben. Sehen Sie, ich tu’s schon wieder.

Aber nun zurück zu ihrer nicht gestellten Frage, woher das Keksverlangen unseres Sohnes kommt: Es begann vor einigen Monaten als uns Signorino beim morgendlichen Keksessen beobachtete. Dabei war viel mehr die Neugier das Motiv seiner Beobachtung, als das konkrete Verlangen nach einem Keks, wusste er doch bis dato nicht wie ein Keks schmecken würde. Der Römer interpretierte die Signorino’sche Neugier allerdings so, dass er dem „poverino“ [armen Kerl] zumindest ein Stück Keks zum probieren geben wollte. „Nein, wir sind ein zuckerfreier Haushalt.“ stellte ich mich scharf dagegen. Einen Teufel würde ich tun und dem Kind mit Butterkeksen die noch frischen Milchzähne ruinieren. Das müsse auch der Römer einsehen. Und er hatte Einsicht. Leider war dieser Zustand nur von äußerst kurzer Dauer. In dem Moment, in dem ich das Badezimmer aufsuchte, witterte der Römer seine Chance und drückte dem Kind einen halben Butterkeks in die Hand. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass ein Butterkeks für Signorino ein weitaus überzeugenderes Frühstück darstellte als ein schleimiger Haferbrei. Das Kind war gänzlich angetan von dieser nie dagewesenen Option, die ihm nun vom Römer offenbart wurde. Blöderweise war seine Begeisterung gleich so groß, dass er jegliche Frühstücksoptionen vehement verschmähte und so lange durchhielt bis wir einknickten. Nach Wochen des Insistierens gelang es mir immerhin, ein Marmeladenbrot in seinen morgendlichen Frühstücksplan zu integrieren. Er aß es brav auf, nur um danach wieder nach Keksen zu geiern. Ein Kompromiss zwischen mir, als besorgte Mutter und dem stoischen Willen des Kindes war folglich schnell gefunden: Ein Marmeladenbrot gegen drei kleine Kekse. Den vormals gern gegessenen Haferbrei verweigert er bis heute vehement.

Meiner inneren Agathe*, die Biomutter aus dem Nordend Frankfurts, die nachts von einem Lastenfahrrad träumt und in Second Hand Biohanf Klamotten herumläuft, gefiel die neue Vorliebe ihres Sprösslings gar nicht. Zuckerfrei sollte das Kind erzogen werden! So und nicht anders. Früchte und süße Kirschtomaten sollten die einzige Süße seines noch jungen Lebens darstellen.

Doch der Ableger hatte mindestens so einen Dickschädel wie der dazugehörige Vater. Agathe musste sich damit abfinden. Sie akzeptierte es zähneknirschend. Doch eine Sache ließ sie sich nicht nehmen: Die Kekse werden in der Babyabteilung des Biomarkts gekauft. Mindestens aus Dinkelmehl sollten sie bestehen und mit der natürlichen Süße aus Früchten müssten sie gesüßt sein. Sonst würde meine innere Agathe den Aufstand üben.

Das Kind akzeptierte die Bio-Dinkel-Fructose-Kekse, denn das einzige was ihn interessierte, war, dass es Kekse sind. Und zwar viele. Ob nun der Keks mit kindgerechten Motiven bedruckt war oder ob es ein schnödes Rechteck mit unzähligen Zähnen sein würde, war ihm recht egal.

Aber zurück zum Anfang der Geschichte: Das Kind hatte heute eine schreckliche Heulattacke. Schuld waren einerseits die Kekse in seinem Mund, andererseits die vor ihm platzierte Trinkflasche auf seinem Tischchen. Er befand sich in einer Zwickmühle, wollte er doch mit vollgestopftem Mund gleichzeitig trinken. Das stellte sich jedoch als unmögliches Unterfangen heraus, weil seine Mundhöhle von unzähligen, matschigen Keksen verstopft war. Nun hatte er in dieser Situation genau zwei Möglichkeiten: 1. Herunterschlucken und dann trinken oder 2. Ausspucken und dann trinken. Leider überzeugten ihn weder die eine, noch die andere Möglichkeit. Er riss den Mund auf und seine Augen füllten sich mit Tränen. Erst hatten wir Angst, dass etwas in der Luftröhre stecken geblieben ist, aber er atmete ganz normal weiter. Dann begriffen wir, dass Signorino alles gleichzeitig, ohne Kompromisse, wollte. So weinte und schrie das Kind mit vollem Mund. Wir Eltern riefen dem armen Kerl Anweisungen zu, die einem einzigen Sprachwirrwarr glichen: Signorino, schluck runter! Mandali giù! Signorino! Spuck die Kekse aus! Sputali! So schön die bilinguale Erziehung ist, in diesem Moment stellte sie ein unüberwindbares Hindernis da. Er weinte immer weiter und wusste nicht, wie er sich aus dieser Situation befreien sollte. Am Ende griff der Römer beherzt ein: Er holte dem Kind das Essen aus dem Mund.

Signorino guckte verdutzt. Dann nahm er die Flasche in die Hand und trank. Lässig hielt er die Flasche mit der linken Hand fest, während er mit Rechts im Keksbrei rumpatschte.

Der Römer grinste mich an. Gleich würde er einen seiner spitzbübischen Kommentare abfeuern. Das witterte ich bereits.

Jaaaa?!“ half ich ihm auf die Sprünge und funkelte ihn kampflustig an. „Niente. [Nichts.]“ sagte dieser einen Hauch zu gelassen. Ich kannte den Römer zu lange, als dass ich seinem Niente Glauben schenken würde. Ich war mir tausend prozentig sicher, dass ein fertig ausformulierter Kommentar längst auf seiner Zunge lag. „Komm schon! Bringen wir es hinter uns.“ grinste ich ihn spöttisch an. „Vabbè, diciamo è proprio il tuo figlio. Così tu affronti il maggior parte dei tuoi problemi. Ma non solo tu: Tutti i tedeschi si comportano così. [Na ja, man kann sagen, dass es genau dein Sohn ist. So (wie er) begegnest du dem Großteil deiner Probleme. Aber nicht nur du: Alle Deutschen verhalten sich so.]“ erklärte er mir scharfsinnig. „Aha.“ antwortete ich, gespannt ob noch ein Nachsatz kommen würde. Und der kam auch: „Wenn ihr wisst, wie eine Situation abzulaufen hat, dann seid ihr Deutschen schnell, präzise, direkt und unheimlich fortschrittlich. Aber sobald es keinen festen Fahrplan gibt, reagiert ihr wie Signorino: Ihr weint und wisst nicht ein und nicht aus.“ Ich verdrehte die Augen aufgrund seiner weisen Worte. „Du kramst heute aber tief in der Klischeekiste.“ erwiderte ich amüsiert. „Vielleicht nicht alle 83 Millionen Einwohner Deutschlands, aber die, die ich kennengelernt habe, sind schon oft so.“ setzte er nach. Ich dachte kurz über seine Behauptung nach und lobte ihn sogleich: „Ein Glück gibt es solch engagierten Bürger wie dich, die in einer solchen Situation den Mut haben, uns kopflosen Hühner aus der Misere zu ziehen.“ Der Römer erhob sich vom Tisch, stapelte die Teller aufeinander und gab mir mit einem klaren „Infatti.“ [Genau.] Recht.

An letzten Freitag erinnere ich dich besser nicht, Amore.“ flötete ich im Nebensatz. „Sempre questa storia. [Immer diese Geschichte.] Das ging doch nochmal gut.“ antwortete er. „Ja, weil dich ein kopfloses, deutsches Huhn vor dem Supergau bewahrt hat.“ gab ich zurück. Der Römer verstummte. Vermutlich weil das aufgescheuchte, deutsche Hühnchen voll ins Schwarze getroffen hatte.

*neben Frau Keifflinger mein anderes Alter Ego