Ultimo Ratio: Badewanne!

Es ist Sonntag. Die Nacht war kurz – oder lassen Sie es mich präzisieren: für eine Minderheit der Familie war sie gar nicht erst existent.

Wenn Signorino schlief, schnarchte der Römer in einer unerhörten Lautstärke. Wenn der Römer leise schlummerte, wandelte Signorino halb wach im Bett umher, wollte meine Hand mal im Gesicht, dann wieder auf seiner Brust, dann gar nicht mehr. Er rollte sich, begab sich in die beliebte Position „der Seestern“ mit seinen Füßchen in meinem Gesicht oder lies sich schlafend auf mich plumpsen. Es war zum verrückt werden.

Indessen wartete der Römer selig schlafend auf seinen Einsatz um seinen Lautstärkeregler wieder hochzufahren. Die perfekte Bühne für seinen brummenden Auftritt bot sich natürlich nur, wenn das Kind endlich in die Schlafparalyse geglitten war.

Müde schlürfte ich am nächsten Morgen ins Bad. Signorino befand sich in Obhut des Römers. Mein Blick fiel auf die Badewanne. „Ob es jemand merken würde, wenn ich mir einfach ein Bett in der Badewanne bauen würde? Zwei Handtücher dienen als Kissen, der Bademantel als Decke und ich könnte eine weitere halbe Stunde unbemerkt schlummern. Zur Tarnung würde ich den Duschvorhang zuziehen. Der Römer würde beim Anblick des geschlossenen Vorhangs nur wieder denken, dass ich einen neuen Ordnungsfimmel habe und dann….“ Noch ehe ich mich den weiteren Details hingeben konnte, kratzte es leise an der Tür. Mangels Haustier konnte es nur bedeuten, dass Signorino dem Römer entwischt ist. Sein pädagogisch wertvolles Betreuungskonzept besteht unter anderem auch aus „Zeitung lesen“ oder „am Handy scrollen“. Ich seufzte und öffnete die Tür. Ein fröhlicher Signorino guckte mich grinsend an. Ich hob ihn hoch und brachte ihn zurück zum Römer.

„Dein Kind ist abgehauen.“ sagte ich und er blickte nur kurz von seinem Handy auf. „Ma lui giocava!! [Aber er spielte!!]“ gab er empört zurück, so als ob das zehn Monate alte Kind durch eine ausgeklügelte List ausgebüchst wäre. Ich nickte kurz und schlich in die Küche. Während ich darauf wartete, dass die Kaffeemaschine endlich aufheizen würde, fiel mein Blick auf die zwei großen Wäscheberge. „90 Grad – weiß“ und „40 Grad – bunt“ türmten sich in schwindelerregenden Höhen vor dem großen Haushaltsschrank. Wenn man die beiden zusammen schieben würde, dann würde das ein wunderbar kuscheliges Bett ergeben. Ob man mich hier suchen würde? Wahrscheinlich nicht. Wer vermutete schon eine erwachsene, nüchterne Frau eingekuschelt auf zwei Wäschebergen? „Ob ich es versuchen sollte?“ fragte ich mich, doch im selben Augenblick hörte ich den Römer aus dem Wohnzimmer schreien: „AAAAAMORE! Un po‘ di giaccio ed un caffé, per favore!“ [Schatz! Ein bissschen Eis und einen Espresso, bitte!]

Bei dem Blick aufs Thermometer erübrigte sich die Frage, ob er nur sehr umständlich einen Caffè Shakerato bei mir bestellen wollte. Ich brachte ihm eine kalte Kompresse aus dem Kühlschrank – eingewickelt in ein Küchenhandtuch und nahm den schluchzenden Signorino in Empfang. „Non lo so come ha fatto lui. [Ich weiß nicht wie er das gemacht hat.] Auf einmal dotzte er mit dem Kopf gegen die Couch und als ich dachte, dass er nun nicht weiter fallen könnte, dotzte er weiter mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden. Ich habe nur einen Moment weggeschaut, da war es schon passiert.“ erklärte mir der Römer wild gestikulierend. Sein Handy, dass in seiner rechten Hand aufleuchtete und sein dazugehöriger, ellenlanger Kommentar auf einer sozialen Plattform lies mich das das Gegenteil vermuten. „Ma il caffé?!“ [Aber der Espresso?!] hakte der Römer nach. Meine Vergesslichkeit gegenüber seiner Espressobestellung schockierte ihn mehr als der Sturz seines Sohnes. Ich guckte ihn genervt an. „Prioritäten.“ murmelte ich und hielt die Kompresse vorsichtig an Signorinos Stirn. „Alles muss man hier selber machen.“ motzte der Römer und stiefelte theatralisch in die Küche.

Wenig später kam er mit zwei caffé zurück. „Entschuldige, es gab nur noch deca…[entkoffeinierten Espresso] – ma non fa nulla. [aber das macht ja nichts] Am Montag kaufe ich neuen Kaffee.“ säuselte er fröhlich. „….ma non fa nulla.“ [Aber das macht nichts.] wiederholte ich in meinen Gedanken und beschloss, dass es auch nichts machen würde, wenn ich heute alleine auf der Couch schlafen würde. Sollen sie doch gucken, wo sie bleiben.

Ich bereitete das restliche Frühstück zu und brachte es an den Tisch. Signorino zappelte aufgeregt in seinem Hochstuhl hin und her. Das erste Stück Marmeladenbrot erreichte ihn und er stieß ein erleichtertes „Mjam“ aus. Während ich ihn fütterte, mampfte der Römer angeregt seine italienischen Kekse und trank seinen Espresso mit allergrößter Muße. Als er damit fertig war, streckte und reckte er sich, guckte zu uns hinüber und stellte fest: „Visto che ci dura ancora un bel po‘, io mi ristraio ancora. [Da es bei euch anscheinend noch ein bisschen dauert, lege ich mich nochmals hin.] Ich hab heute Nacht so unruhig geschlafen.“ Noch eh ich empört antworten konnte, war er schon abgerauscht. Einzig seine Kekskrümel und seine leere Espressotasse zeugten von seinem Gastspiel am Frühstückstisch.

Ich schüttelte den Kopf – trank meinen italienischen Kaffee Hag und begann mit der Grundreinigung des Tisches, Signorinos, des Hochstuhls und der Glasvitrine hinter Signorino. Danach saugte ich Marmeladenbrot-Stücke ein und legte mich erschöpft auf den Teppichboden. Von links hörte ich ein heiteres „Da da“ und spürte eine winzige Hand, die sich auf meinem Brustkorb abstützte. Noch eh ich aufblicken konnte, versank eine andere Hand forsch in meiner Magengrube. „Signorino. Au! Nein!“ presste ich hervor, da spürte ich schon ein Knie in einer meiner Rippen. „Nein. Nein. Nein.“ wiederholte das Kind. „Ich bin ein lebendes Klettergerüst. Na toll!“ dachte ich und verfluchte den Römer, der sicher schon schlummernd im warmen Bett lag.

Nach weiteren 40 Minuten erschien der feine Herr Farniente gut gelaunt mit einem „Ci voleva“ [Das habe ich jetzt gebraucht] auf den Lippen. „Alles gut bei dir?“ fragte er, als er mich auf dem Rücken liegend mit dem auf mir herumturnenden Signorino sah.

„Ich bin müde, habe heute Nacht nicht geschlafen. Meine Augen fallen zu und Signorino klettert seit 40 Minuten auf mir herum. Gleichzeitig habe ich keinerlei Kraft mich zu bewegen. Jede Zelle meines Körpers ächzt nach Schlaf und du legst dich hin und döst! Ich will keinen entkoffeinierten Kaffee, keine Wäscheberge, keinen Kompressendienst am Kind. Ich will einfach nur in der Badewanne schlafen ohne das jemand an der Tür kratzt. Ist das denn zu viel verlangt?“ ergoß sich mein Jammerschwall auf den verstrubelten Römer. „Amore, dann sag doch was! Ma sto io col bambino [Aber ich kann doch beim Kind sein]. Leg dich hin – solange du willst.“ redete der Römer beruhigend auf mich ein und half mir hoch. „Brauchst du noch ein zweites Kissen? Ohrenstöpsel? Eine Wärmflasche?“ sorgte er sich um mich – oder wohl eher um mein geistiges Wohlbefinden. „Nein, danke.“ antwortete ich weinerlich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Bett.

Nach wunderbaren drei Stunden Schlaf kehrte ich erholt und mental geordnet zurück. „Das war zauberhaft.“ schwärmte ich und lächelte sanft. „Nein. Nein. Nein.“ begrüßte mich Signorino lachend. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich war wirklich besorgt als du gesagt hast, dass du in der Badewanne schlafen willst. Da wusste ich: adesso basta! [Jetzt reicht’s] Lei deve dormire. [Sie muss schlafen] Aber…sag mal, hattest du das wirklich ernst gemeint mit der Badewanne?“ wollte er neugierig wissen.

„Ach nein, nein. Das wäre ja verrückt!“, entkräftete ich meine vorherige Aussage, „Ich war wohl sehr müde.“

Dem Römer genügte diese Antwort und er erklärte mir irgendetwas Zusammenhangloses über die Autobahnbezifferung in Deutschland.*

Einen Teufel werde ich tun und ihm meine „ultimo ratio“ im Kampf gegen den Schlaf verraten. Sollen sie mich doch überall suchen – friedlich in der Badewanne schlummernd vermuten sie mich garantiert nicht.

[*Der Römer meint, es könnte Sie auch interessieren, deswegen hier für Sie vom Römer: Eine ungerade Nummer tragen alle Autobahnen in Deutschland, die in Nord-Süd-Richtung führen (beispielsweise die A1); gerade Nummern bekommen alle, die in West-Ost-Richtung verlaufen (etwa die A 4).]

Briefe ans Bambino (Teil 1)

Ich dachte damals in den ersten Wochen der Schwangerschaft, dass du ein eher ruhiges Kind wirst. Aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher.

Seit drei Wochen spüre ich dich. Du trittst. Und zwar manches Mal mit richtig Spaß am Spiel. Das musst du wohl von deinem Papa haben. Der machte das aber profimäßig im Kampfsport. Du machst das um mir zu zeigen, dass du „Beine überschlagen“ total doof findest. Und nicht nur das: Nach vorne lehnen beim Essen findest du auch ziemlich blöd. Gerne holst du dann richtig aus um mal zu zeigen, wer der Boss ist.

Selbst dein Papa konnte dich schon spüren, als du so richtig rumgeturnt bist. Nur einmal, aber das saß.

Beim Herztöne abhören verziehst du dich gerne in die hinterste Ecke. Und wenn man dich dann doch findet, trittst du solange gegen den Fetal-Doppler bis man aufgibt. Danach bist du auch gar nicht mehr zu beruhigen. Im weiteren Verlauf des Vormittages hampelst du so rum, dass dich auch das Schaukeln in meinem Bauch, während ich gehe, nicht mehr beruhigt.

Du bist einfach ein kleines Zappellieschen oder ein Zappelphilipp. Obwohl Papa und ich vermuten, dass du eher ein Lieschen wirst. Ich, weil ich vor Jahren davon geträumt habe. Papa, weil er es von Anfang an gesagt hat. Bei mir ging das sogar schon soweit, dass ich einen gebrauchten, rosa Babyschlafsack gekauft habe. Solltest du ein Philipp werden, musst du nachts halt ab und zu rosa tragen. Das schadet ja nicht. 😉 Diese Woche werden wir er herausfinden (wenn du dich zeigst und nicht so wild herumhampelst).

Ansonsten machst du uns unglaublich viel Freude. Papa ist immer ganz eifersüchtig, dass ich natürlich jede Bewegung spüren kann, Papa aber nur sehr selten das Vergnügen hat. Jeden morgen sagt er dir gesondert guten Morgen und jeden Abend wünscht er dir eine gute Nacht. Nur, dass du dann nicht immer schlafen willst.

Wir freuen uns schon sehr auf dich. Und nicht nur wir: Seit Wochen werden wir von beiden Großeltern Paaren zu erst gefragt, wie’s dir geht, gefolgt von „Wird es nun ein Mädchen oder ein Junge?“. Aber Papa und Mama sind gemein: die sagen nix! Bis zu deiner Geburt. 😉

Im August fliegen wir nochmal zu deiner Familie väterlicherseits. Die können es kaum erwarten dich zu sehen. Und morgen kommt meine Mama, deine Oma, vorbei. Die kann es auch kaum erwarten dich wiederzusehen. Oder vielmehr: Mir über den Bauch zu streicheln.

Vielleicht klingt es paranoid, aber Mama hat in letzter Zeit viel gelesen und sich viele Gedanken gemacht, was mit dir passieren sollte, wenn sowohl Papa als auch ich sterben sollten. „Turtle“ war sowohl Papas als auch meine erste Antwort auf die Frage. Also haben wir deine Tante Turtle gefragt, ob sie dich in diesem Fall nehmen würde. Sonst ein sehr überlegter Mensch, der sich bei schwerwiegenden Entscheidungen nicht leicht entscheiden kann, sagte sie sofort – ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken – ja. Mir fiel ein Stein von Herzen – und Papa auch. Aber wir versprechen dir, dass wir alles tun um möglichst lange zu leben. Keine Sorge!

Wer soll dich denn auch sonst mit Sätzen wie: „Und? Wie sieht’s mit Enkelkindern aus?“ nerven?

Mein lieber Schatz, bleib noch ein paar Monate in Mamas Bauch, wachse und gedeihe. Aber dann komm ganz schnell zu uns, denn Mama und Papa können es kaum erwarten dich in die Arme zu schließen.

Die Socken hat uns Oma geschenkt.