Hausarrest für Heinz

Sonntag, 23:30 Uhr. Einer meiner Lieblingsnachbarn, Heinz, kommt gerade von der Trinkhalle heimgetorkelt. Er ist ein flotter Mitsechziger, graues, lockiges, etwas längeres Haar, schlank mit aufgesetztem Bierbauch und dabei top in Schuss. Sein Mountainbike fährt er in Frankfurt am liebsten mit passendem Fahrradtrikot und Helm aus und das meist jeden Tag.

Es ist heiß in Frankfurt, so dass wir abends die Fenster geöffnet haben, um ein paar Grad kühlere Luft ins Innere zu lassen. Ich liege auf der Couch und höre Heinz und einen Freund unten an der Straße palavern. Sie scheinen ziemlich einen Sitzen zu haben, was bedeutet, dass die Trinkhalle (frankfurterisch für Kiosk) heute wohl wortwörtlich genommen wurde. Heinz und sein Freund haben nur noch eingeschränkte Kontrolle über ihr Sprachzentrum.

Nachbarsfreund, leicht lallelnd: „Bidde schön, mein Freund. Du bisch zu Hause.“

Nachbar Heinz, ebenfalls stark lallend: „Ah ja…. [kurze Pause, aufgeregt] Ah nein, nein! Des isch des Einfahrtstor. Aber wenn ma scho mal da sind [rüttelt am Tor]… des isch zu.“

Nachbarsfreund, hickst: „Ah Heinz, du bisch ei gudde Seele! Einfach eine gudde Seele, gell? Der Robin Hood der Nachbarn mit Auto bisch du.“

Nachbar Heinz: „Na, bin ich net. Da isch mei E-Bike drin. Net, dass des wegkommt!“

Nachbarsfreund: „Auch gut, Heinz. Die nächste Ausfahrt bisch du….“

Die beiden gehen singend zur Haustüre, die fünf Meter vom Tor entfernt liegt.

Nachbarsfreund: „So, jetzt aber! Kriegsch den Schlüssel überhaupt nei?“

Nachbar Heinz: „Ja, ja, notfalls klingel ich die Helga wach.“

Nachbarsfreund, aufgeregt: Na, na, Heinz! Des machst du net. Wenn dei Frau aufwacht, kriegst wieder 4 Wochen Hausarrest, so wie beim letzten Mal. Des könn ma net riskieren!“

Nachbar Heinz: „Au ja! Kannsch du mir schnell mal mit dem Schlüssel helfe, Willi? Des Ding will und will net ins Schloss neigehe.“

Es scheint, als würden sie es mit vereinten Kräften versuchen. Irgendwann quietscht die ungeölte Eingangstür. Sie haben es geschafft.

Nachbarsfreund Willi: „Gud’ Nacht, Heinz! Hoffentlich kriegst du die Wohnungstür auf. Wenn net, schließ ich dich in mein Nachtgebet ein. Mach‘s gut, Heinzi!“

Nachbar Heinz, scheinbar noch in der Eingangstür stehend: „Willi? Du musch gradaus gehen. Net nach links! Net, dass du dich noch verläufst. Komm gut heim!“

Nachbarsfreund Willi, zurückschreiend: „Des klappt scho!“

Das wäre Heinz‘ Aussicht, falls er doch Hausarrest von Helga bekommt.

Wegen mir bitte keinen Stress

Im ICE von Frankfurt nach München. Ich sitze in einem Ruheabteil der 1. Klasse*. Wir steuern auf Aschaffenburg zu. Ein Herr, Mitte 60, graues, schütteres Haar, hellbeige Bundfaltenhose, nussbrauner Ledergürtel, das weiße Hemd ordentlich in die Hose drapiert, marschiert laut telefonierend an meinem Abteil vorbei.

„Luisa?! Wo bist du denn jetzt um Himmels Willen? WAS? Ich versteh‘ dich nicht? Wo du bist!! Aha…Aha…“

Er legt auf. Rennt wieder an meinem Abteil vorbei. 10 Minuten vergehen. Dann geht er abermals laut telefonierend im Stechschritt an meinem Abteil vorbei.

„LUISA?!?! Ja, Schatz!! WO bist du? Ich bin in Wagen 29! NEUN-UND-ZWAN-ZIG! Genau! Ja… Aha…aha. Nu komm doch mit den Kindern in meinen Waggon!! Ach woher… das ist nicht zu weit! „

Nach fünf Minuten, die Verbindung ist schlecht, legt er auf. Wir halten in Aschaffenburg. Ich sehe ihn von meinem Fenster aus auf dem Bahnsteig stehen. Er hält Ausschau. Anhand seiner Telefonate sucht er Luisa. Als der Schaffner zur Abfahrt pfeift, springt er zurück in den Waggon 29.

Nach wenigen Augenblicken läuft er wieder geschäftig telefonierend an meinem Abteil vorbei.

„Ja, Aschaffenburg wäre jetzt deine Chance zum Umsteigen gewesen!! Mensch, LUISA! Schatz! Wo seid ihr denn jetzt? Sag doch mal Kathi sie soll ans Te…. Luisa?! [Kurze Pause… es scheint als wäre die Verbindung abgebrochen] Ah… da bist du wieder! Luisa, wo sitzt ihr jetzt genau? Aha…aha… ja, die nächste Station ist Würzburg. Hm…hm…genau. Wagen 29! NEUNUNDZWANZIG!“

Bei so viel Aufregung kriegt sogar das Ruheabteil-Zeichen Risse

Die Zeit vergeht. Er telefoniert noch zwei weitere Male mit Luisa. Dann halten wir in Würzburg. Wieder steht er auf dem Bahnsteig und schaut, von wo Luisa und die Kinder angelaufen kommen. Wieder pfeift der Schaffner zur Abfahrt. Wieder eilt der Herr in Wagen 29, der mittlerweile nichts mehr mit einem Ruhewagen gemein hat, sondern viel mehr das Flair eines Großraumbüros vermittelt, was durchaus den lauten Telefonaten des Herrn geschuldet ist.

So langsam meldet sich eine leise Ahnung, warum Luisa und die Kinder Schwierigkeiten haben, Wagen 29 zu finden.

Abermals eilt das Perpetuum Mobile von Wagen 29 an meinem Ruhe(!)-Abteil vorbei:

„LUISA! Was war denn jetzt los?! Ihr seid ja wieder nicht… Luisa? [Die Verbindung scheint mal wieder unterbrochen, obwohl ich mittlerweile nicht mehr an Funk-Probleme glaube] Ah! Ja! Ja! Luisa! Wo seid ihr denn jetzt? Hm… Ja, nun kommt doch…. Genau, Nürnberg ist der nächste Halt. Da könntest du mit den Kindern zu mir wechseln. Wagen NEUN-UND-ZWAN-ZIG! 29! Genau! Wie, das lohnt sich nicht mehr?! LUISA? [wieder ein „Verbindungsproblem“, wie es scheint] Ah… ja… nu Stress dich doch nicht!!! Wir sind doch im Urlaub!! Nein, nein, wegen mir müsst ihr nicht den Waggon wechseln. Dann setz ich mich jetzt ganz entspannt hin und wir sehen uns in München. Genau! Bleibt da sitzen, wo ihr seid. Ganz ohne Stress soll unser Städtetrip beginnen. Macht euch eine schöne Fahrt, auch wenn wir nicht zusammen sitzen. Wir sehen uns dann in München! Luisa??“

Nach der ganzen Aufregung bin ich fix und fertig. Ich wünschte, ich wüsste, in welchem Wagen Luisa und die Kinder sitzen, um einfach mal meine Ruhe haben zu können.

*Wahnsinn, oder? Ich fühlte mich wie Gottes Geschenk an die Menschheit!

Fuck Ahmed, echt!

Heute fuhr ich alleine mit der S-Bahn, um Signorino von der Kita abzuholen. Sie war beinahe leer. Ich setzte mich in eine leere Sitzgruppe und klickte auf dem Handy herum. Mangels Kopfhörer war ich gezwungen, den Dialog der Jugendlichen in der Sitzreihe neben mir mitzuhören. Aber es hat sich gelohnt!

S-Bahn Graffiti

Schüler 2: “… und dann hat er gesagt, ich bin dick geworden.”

Ich schiele zu den drei Jungs hinüber. Drei schmächtige Teenager. Vielleicht 16, 17 Jahre alt. Keiner von ihnen ist dick.

Schüler 1: “Du bist doch nicht dick geworden! Du hast dich halt körperlich verändert. Also deine Muskeln sind vielleicht dicker geworden, Digga. Aber da ist kein Fett oder so.”

Schüler 2 zeigt den anderen beiden Jungs Bilder, vermutlich aus einem sozialen Netzwerk.

Schüler 2: “So will ich halt aussehen. Ich weiß selber, dass das harte Arbeit ist, aber ich will halt so aussehen.”

Die beiden anderen nicken verständnisvoll.

Schüler 1: “Ahmed soll einfach die Klappe halten!”

Schüler 2 (laut flüsternd): “Ich habe auch schon gehört, dass jemand die Klasse wegen ihm gewechselt hat. Der ist so schlimm!”

Schüler 3, der die ganze Zeit über nur zuhörte, meldete sich nun zu Wort.

Schüler 3: “Leute, ganz ehrlich: Ich hab keinen Bock auf den Scheiß. Wir sind in der 11. Klasse. Ich will nicht jeden Tag hören, wer zu dick, wer zu dünn, zu groß oder zu klein ist. Ich will einfach mit guten Leuten etwas lernen. Über ernsthafte Themen diskutieren und so. Das ist bei uns einfach Kindergarten. Fuck Ahmed! Echt!”

Wow! Ich wünschte, ich wäre in dem Alter schon so reflektiert gewesen und hoffe, dass die Jungs diesen guten Leuten begegnen und dass sie auf die Lästermäuler dieser Welt pfeifen können. Auf dem richtigen Weg sind sie auf alle Fälle.

Glück für 45 Cent

Glück für 45 Cent

Bei der gestrigen Geschichte aus der S-Bahn habe ich Ihnen Teil 2 unterschlagen. Deswegen folgt hier die Fortsetzung:

„Sie haben gar keine Maske auf! Das macht dann 50 Euro, bitte.”, spricht der Kontrolleur hinter mir. Er ist einer von zwei VGF-Mitarbeitern, die im Gang der S-Bahn stehen, mit der Signorino und ich in die Kita/Arbeit fahren. Sie reden mit einem aufstrebenden jungen Mann, Ende zwanzig, den das Duo ohne Maske erwischt. Ich recke meinen Kopf, um den jungen Maskenverweigerer noch besser sehen zu können, was gar nicht so einfach ist, wenn man ein recht großes Kleinkind auf dem Schoß hat. Wie sagt man in Italien so schön: „La curiosità è femmina. [Die Neugier ist weiblich.]“ Auch mich trifft das definitiv zu.

“Oh, aber … hm… heute musste es schnell gehen.”, antwortet der junge Mann, den ich mittlerweile eingehend gemustert habe. Dunkelblauer Anzug, dunkelbraune Haare, eine Werbeagentur würde ihn wohl als sportlich-maskulin betiteln. Jede seiner dunklen Strähne ist einzeln und mühsam mit Gel definiert worden. Vermutlich sind deswegen die Seiten so kurz geschoren, weil ihm schlichtweg die Zeit fehlen würde, den ganzen Kopf morgens Strähne für Strähne einzeln zu hegen und legen. “Helmut, die Ausrede habe ich ja noch nie gehört.”, witzelt der eine Kontrolleur mit seinem Kollegen Helmut. Das Kontrolleur-Team ist ungefähr im gleichen Alter. Gestandene Männer, graue Haare, die Uniform spannt etwas im Bauchbereich, weswegen beide die Uniformweste offengelassen haben. Kontrolleur Helmut grinst und spricht zum jungen Anzugträger: “50,- € kost‘ Sie die Maskenfreiheit im Zug.” Der andere Kontrolleur, der nicht Helmut heißt, hat ein Einsehen und sagt: „Jetzt mach ma da net lang rum! Ziehen’s schnell die Maske auf und wir gehen einfach weiter als wär nix g’wese.“ Der geschleckte, aber maskenlose Anzugträger druckst herum. „Ja, nun…“, stammelt er. Heute früh musste es schnell gehen und da habe er in der Eile überhaupt nicht an eine Maske gedacht und deswegen kann er auch keine aufsetzen. „Nach ‚Schnell-aus-dem-Haus‘ sieht seine perfekt definierte Frisur aber nicht aus.“, denke ich zynisch. Und in meiner Mutti-Blase füge ich meinen Gedanken noch hinzu: „Also ich bin in der Lage an Kind, Laptop, Firmenhandy, mein Handy, unterschriebenen Zettel für die Kita samt fünf Euro Ausflugsgeld, Schnuller, Trinkflasche, Sonnenhut, Nerven-Riegel und Sonnencreme zu denken und bin zehn Minuten später als gewöhnlich aufgestanden. Aber Mr. Finance-Frankfurt schafft es nicht an seine Maske zu denken?! Kommt ja auch überraschend nach 2,5 Jahren, dass er in den Öffis eine Maske tragen muss.“ Dann verbiete ich mir meine Gedanken. Was weiß ich schon vom Leben des Jungspundes? Das Äußere täuscht doch allzu gerne über die wahren Probleme eines jeden hinweg.

Unweit entfernt vom Jungspund sitzt ein junggebliebener Mitsechziger. Hochgewachsen, kurzärmliges Karohemd, weiße, etwas längere Haare, Schnauzer. Einer, dem ich den Namen Wolfgang geben würde und vermutlich damit recht hätte. Er reicht dem Jungspund eine OP-Maske. „Unbenutzt natürlich.“, sagt er und zwinkert, was ich ganz genau sehen kann, denn ich recke und strecke angestrengt meinen Kopf, um von diesem morgendlichen Schauspiel ja nichts zu verpassen. Der Jungspund strahlt Wolfgang an. „Vielen, vielen Dank! Das ist aber nett. Das zahle ich Ihnen aber. Wie viel macht das?“, näselt der Jungspund. „45 Cent.“, antwortet Wolfgang trocken. Der Jungspund holt seinen Geldbeutel aus seiner Ledertasche, kramt, findet nicht die passenden Münzen, kramt weiter und versucht mühsam ein paar Münzen zusammenzusammeln, die im besten Fall 45 Cent ergeben. Ich denke noch: „Mein Gott, gib Wolfgang doch jetzt einfach 2 Euro. Alleine schon deswegen, dass er dich gerettet hat vor deiner 50 Euro Strafe.“ Doch Wolfgang steht bereits an der S-Bahn-Tür und wartet darauf, dass die Bahn an der Haltestelle Ostendstraße zum Stehen kommt. Grinsend beobachtet er das Schauspiel des Münzen suchenden Jünglings, bis er ihn mit dem Satz ‚Lass‘ gut sein, Bub! Ich war a amal jung. Da hat man ganz andere Sachen im Kopf.‘ erlöst. Spricht’s, die Türen gehen schrill piepend auf und er verschwindet Richtung Rolltreppen. „Da haben Sie jetzt aber Glück!“, kommentiert der Kontrolleur Helmut. „Was ich Ihnen nämlich noch verschwiegen hab: Eine Anzeige hätt’s auch noch für sie gehagelt. Vielleicht nehmen Sie sich nächstes Mal morgens mehr Zeit. Nur so als Tipp.“ Diesmal lacht der andere Kontrolleur. „Du Helmut, wollten wir nicht auch an der Ostendstraße raus?“, fragt der namenslose Kontrolleur seinen Kollegen Helmut. „Au ja! Jetzt aber schnell.“ Beide wackeln aus dem Zug. Der Jungspund greift zum Telefon. „Jan, du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist!“

Verdammt! Ostendstraße! Hier müssen wir auch raus. Ich renne mit Kind und Rucksack aus der S-Bahn, gerade als die Türen anfangen sich piepsend zu schließen. Geschafft! Wir sind an der richtigen Station gerade noch so herausgesprungen.

Glück muss man haben.

Frankfurt, c’est moi!

“Frankfurt, c’est moi!”, scheint das absolutistische Motto des Frankfurter Königs Oberbürgermeisters Peter Feldmann zu sein. Und obwohl ihn die wenigsten im Amt haben wollen, mutet es an, dass er gekommen ist, um zu bleiben. So wurde am 01.06.2022 ein Antrag gem. § 17 (3) GOS mit der Nummer 408 von den Grünen, der SPD, FDP und der Partei Volt vorgelegt. Dort ist vermerkt, dass der Oberbürgermeister Peter Feldmann kein weiteres Vertrauen mehr für die weitere Amtsausführung genießt. Als Begründung wird unter anderem der AWO-Skandal und sein Fehlverhalten der letzten Wochen genannt. Weiter steht im Antrag geschrieben, dass Peter Feldmann „offenkundig nicht in der Lage ist sein Amt weiter angemessen auszuüben.“ Er wurde aufgefordert, sein Amt niederzulegen oder positiver formuliert „mit sofortiger Wirkung sein Amt zur Verfügung zu stellen“. Andernfalls werde man am 14. Juli 2022 mit der Einleitung des Abwahlverfahrens beginnen. (Quelle: ParlamentsInformationsSystem)

Doch wer ist Peter Feldmann überhaupt? 1958 in Niedersachsen geboren und aufgewachsen in Frankfurt-Bonames machte er sein Abitur an der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt. Nach dem Studium der Politologie und Sozialbetriebswirtschaft, wurde er Leiter der Stabstelle der Arbeiterwohlfahrt. 2012 wurde er als Nachfolger von Petra Roth ins Amt des Oberbürgermeisters gewählt. (Quelle: Magistrat Frankfurt)

Mittlerweile ist er auch bei der Presse in Ungnade gefallen. Die Bild-Zeitung gab ihm beispielsweise die Spitznamen „Pattex-Peter“, da er an seinem Amt klebt wie der bekannte Kraftkleber oder auch, etwas uncharmanter, „Peinlich-Peter“.

„Peinlich-Peter“ (Quelle: Bild-Zeitung) machte unlängst seinem Spitznamen alle Ehre, als er im Flugzeug nach Sevilla eine Ansprache hielt, in der er, wie er dachte, einen lockeren Spruch zum Aufheizen in die hitzige Fußball-Fan-Menge abfeuerte. Die Flugbegleiterinnen wurden damit beschrieben, dass sie ihn „hormonell am Anfang erstmal außer Gefecht gesetzt haben“. Ein kecker Spruch, der sicher für einige Lacher in einer überfüllt-schwitzigen Fußballerumkleide gesorgt hätte. Jedoch war Peter Feldmann nicht in einer Fußballumkleide der Ü60 Gruppe eines hessischen Provinzvereins, sondern als oberster Frankfurter in seiner Rolle als OB in einem Flugzeug nach Sevilla. Der technische Fortschritt ist Fluch und Segen zugleich, wenn jede und jeder von uns zur/m Reporter:in wird und so landete der Clip in Blitzgeschwindigkeit im Internet, wo Feldmanns Kritiker:innen diesen dankend als gefundenes Fressen aufgriffen.

Auch die Bürger:innen Frankfurts wehren sich gegen OB Feldmann. Unlängst entdeckte ich diesen Aufkleber im gediegenen Frankfurter Westend.

Nun lernt man selbst in den einfachsten PR-Fibeln, dass es eine desaströse Strategie ist, sich bei einem von der Öffentlichkeit deklarierten Skandal, als Opfer der Umstände darzustellen und die Schuld für sein eigenes Fehlverhalten bei anderen zu suchen. Vielmehr kann man am Anfang eines Skandals das Ruder noch einmal herumreißen, in dem man als Sünder zu Kreuze kriecht und absolute Besserung gelobt. Irgendwann wird die Welle der Schmach schon absinken und man kann geschickt seine eigens dafür konzipierten „White-Washing-Strategien“ positionieren. Doch in diesem Fall möchte ich mir den Hinweis erlauben, dass ein mit einem Minimum an Restwürde gewählter, freiwilliger Abgang ein weitaus besserer Ausgangspunkt für die Zukunft Peter Feldmanns wäre als eine erzwungene Abwahl.

Oder wie der deutsche Politiker Haluk Yildiz dem Oberbürgermeister Peter Feldmann bei der gestrigen Stadtverordnetensitzung nahe legte: „Gehen Sie mit Gott, aber gehen Sie.“

Nächtliche Ruhestörung

Es ist Samstag, 23:30 Uhr. Unser Sohn sollte eigentlich schlafen und würde das auch gerne tun, nur über uns herrscht Partystimmung. Es hört sich an als würden wir unter einer Wild-West-Kneipe leben. Schrille Damen-Jauchzer, Gelächter, Trappeln, Klatschen und lautes Gerede halten unseren Sohn wach.

Irgendwann reißt meinem Gatten der Geduldsfaden und er stapft hoch. Wütend klingelt er, ganze vier Mal. Ich weiß es so genau, da ich das Klingeln in unserer Wohnung hören kann. Unsere Nachbarn und ihre Partytruppe können es nicht hören. Dann pocht er mehrmals laut gegen die Tür. Die Nachbarin schreit „Schahaaaatz! Schahatz!“ durch das Gegröhle und Gestampfe der sich amüsierenden Meute. Bei ihrem Organ höre ich auch das glasklar. Schahaaatz anscheinend auch, denn er öffnet gut gelaunt die Türe, erzählt mir der Römer später.

Unmissverständlich macht mein Gemahl dem Nachbarn klar, dass unser Sohn um 23:30 Uhr gerne schlafen würde.

Dieser antwortet irritiert, mit seinem eigenen einjährigen Nachwuchs auf dem Arm: „Aber wir machen doch gerade eine Party!!!“

Ein bisschen Zoff gabs‘s schon

Ja, und genau das wäre das Problem, antwortet der Römer. „Oh.“, sagt der Familienvater überrascht und fragt sicherheitshalber nochmal beim Römer nach: „Das heißt, wir müssen jetzt leiser sein, oder?“

Der Römer, so wird er es mir später berichten, nickt langsam und mit irritiert zusammengekniffenen Augen. Dann wünscht er den Nachbarn eine geruhsame Nacht und macht auf dem Absatz kehrt.

Als er mir die Geschichte erzählt, pruste ich (leise!) los. Nein, die hellsten Kerzen auf der Torte sind unsere Nachbarn sicher nicht. Aber unterhaltsam sind sie allemal.

Papa oder Opa?

Nach langem Überreden, erklärt sich Signorino endlich dazu bereit, dem Spielplatz den Rücken zu kehren. Wir gehen durch die Parkanlage Richtung Wohnung. Auf einer Bank sitzt ein Mann. Er ist in seine Zeitung vertieft. Sein hellblaues, kurzärmliges Poloshirt sitzt locker. Aus seinen beigen Bermudashorts ragen bereits sonnengebräunte Beine. Der Mann hat etwas längere Haare, die ihm bis zu den Ohren reichen. Er ist rasiert und wirkt sehr gepflegt. Neben ihm parkt sein rotes Rennrad. Müsste ich ihm einen Stempel geben, ich würde ihn als “junggebliebenen Mitfünfziger in Führungsposition” beschreiben.

Signorino tapst an dem Mann vorbei. Seinen neuen Sandkasten-Bagger trägt er stolz vor seiner Brust. Er bleibt vor dem Herren stehen, mustert ihn neugierig und fragt, vermutlich mehr sich selbst, als uns:

“Papa oder Opa?”

Der etwa 50jährige Mann blickt von seiner Zeitung auf, lächelt unseren Ableger an und vertieft sich wieder in seine Zeitung.

“OPAAA!!!”, ist sich Signorino sicher und äußert seinen Gedanken überaus lautstark. Dann pflückt er mit der rechten Hand eine Puste(blume) und düst mit seinem Bagger und der Pusteblume davon. Ich lächle entschuldigend, gucke in ein verdutztes, sonnengebräuntes Gesicht eines Mitfünfzigers und laufe dankbar dem schnell flüchtenden Kind hinterher.

Ein innerliches Highfive hat sich Signorino sicher für seinen flotten Kommentar gegeben.

Eine Brieffreundschaft zwischen Anwohner und Parksünder

Es ist schade, dass wir heutzutage so wenig Briefe schreiben. In einer Zeit, in der wir „mal eben schnell“ eine Nachricht über den Messengerdienst verschicken oder noch flink die E-Mail für den Chef fertig tippen, gehen die mühevoll von Hand geschriebenen Texte, bei denen man jedes Wort sorgsam auswählt, vollkommen unter.

Diese Woche, angetrieben von meiner unbändigen Wut, änderte sich das für mich.

Ich fädelte mein Auto also mühsam in unsere Hofeinfahrt ein (Stichwort: Kamel und Nadelöhr), rangierte, setzte zurück, fluchte, rangierte wieder, quetschte mich nur wenige Zentimeter an dem Objekt meiner Wut vorbei und sah mich vor meinem inneren Auge schon hektisch mit Polizei und Versicherung telefonieren , weil ich schließlich doch an dem unverschämt geparkten Auto mit meinem Gefährt hingen bleiben würde. Letztendlich presste ich mich durch die Einfahrt, fuhr die langgezogene Auffahrt schweißgebadet und etwas zittrig hoch und parkte auf meinem Parkplatz ein. Erleichtert atmete ich zwei, drei Momente tief durch. Die Aufregung war vorbei. Jetzt war genug Platz für meine Wut über diesen Kartoffelkopf über, der seinen Wagen halb in unserer Einfahrt abgestellt hatte. Ich holte einen blassgelben Klebezettel und einen Stift aus der Mittelkonsole des Autos heraus und versuchte dreimal das B von Bitte zu schreiben, doch der Kugelschreiber versagte, während ich beinahe verzagte. Aber Aufgeben war keine Option! Ich hatte eine Mission zu erfüllen.

Rasch kramte ich einen zweiten und kurz danach einen dritten Stift aus meinem Rucksack. Der erste Zettel genügte nun meinen ästhetischen Ansprüchen an eine emotionsgeladene Haftnotiz nicht mehr. Bei aller Wut über den SUV-Fahrer, der so schamlos vor unserer Einfahrt parkte, dass ich nur durch mühsames, zentimetergenaues Rangieren und lautes Fluchen durch unsere Einfahrt passte: Soviel Respekt hatte ich dennoch für diesen unangenehmen Mitmenschen übrig, dass ich darauf bedacht war, meine Briefe ordentlich zu verfassen. Außerdem wollte ich mir nicht die Blöße geben, dass er vielleicht noch erkennen würde, dass ich anfangs noch nicht einmal einen funktionierenden Kugelschreiber bei mir hatte, um diesen Brief an ihn verfassen zu können.

Der dritte Stift und das zweite Post-It später ließ ich meiner Wut freien Lauf. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits einen Krampf in der rechten Hand, was auch daran liegen konnte, dass sich mein Schulterbereich, mein Arm und meine Hand vor lauter wütendem Rangieren ganz versteift hatte und ich den Stift nun führte wie andere ein Skalpell.

Schließlich machte ich den letzten Punkt unter das gespiegelte S, so dass es sich als ein Fragezeichen zu erkennen gab. Fertig! Ich grinste. Nimm das, du unverschämter Volvo*-Fahrer! Ich stieg aus, schlug die Autotüre zu, setzte mir den Rucksack auf die immer noch verspannten Schultern, stiefelte durchs Einfahrtstor, guckte mich hektisch um, eilte zum schwarzen Auto, klebte den Zettel auf die Windschutzscheibe des Düsseldorfer Gefährts (In Frankfurt! Na, hören Sie mal, der kann doch Bahn fahren, dann hätten wir dieses Problem gar nicht erst gehabt!) und schlich mich zufrieden durch den Vordereingang wieder ins Haus.

Am Abend, der Düsseldorfer parkte immer noch behäbig vor unserem Tor, unterrichtete ich den Römer über meine Wut und wie es mir gelang, diese zu kanalisieren, damit ich nun mit dieser Situation zufrieden bis zum Rest meines Lebens leben konnte.

Den Teil, dass ich untertags beinahe pathologisch am Fenster klebte, um zu verifizieren, ob der Klebezettel bei mittelstarkem Wind auch wirklich auf der Scheibe haften würde (wäre ja schade darum!) oder aber dieser Parksünder bereits sein Ungetüm wegbewegt hatte, unterschlage ich hier besser.

Durch den Sahara-Sand wurde die Szenerie mit einem beeindruckenden Himmel belohnt. Nicht auf dem Bild: Der Volvo des Grauens.

Der Römer grinste. „Va bene. [In Ordnung.]“, kommentierte er meine Aktion und ließ sich das Auto meines Gegenspielers von mir zeigen. Dabei starrten wir wie die Eulen aus dem Küchenfenster auf die dunkle Straße. „Ah, die schwarze Volvo.“, sagte der Römer.

Dass es „der Volvo/BMW/xy*“ heißt, versuche ich ihm übrigens seit 2016 zu erklären. Aber im Italienischen heißt es nunmal „la Volvo/BMW/xy“. Und im Zuge meines aufkeimenden Feminismus fand ich, dass es viel mehr weibliche Nomen geben sollte. Gerade Automarken, die gerne als Sinnbild der Männlichkeit vermarktet werden, verdienen doch wirklich einen weiblichen Artikel.

Wenig später kochte der Römer für uns. Aus der Küche rufend, informierte mich mein Gatte, dass mein Brieffreund dabei war, von Dannen zu ziehen. „Er ist eingestiegen. Aber er fährt nicht los.“, hielt mich der Römer auf dem Laufenden. Beide glotzten wir wieder herunter zu der schwarzen Riesenkarosse. Einen Fahrer konnte man nicht erkennen. Dafür war es zu dunkel. Nur die Scheinwerfer leuchteten im Dunkeln stumm vor sich hin. Bei gekipptem Küchenfenster konnte man bereits den Motor laufen.

„Der ärgert sich sicherlich über meine Nachricht.“, grinste ich selig nach unten. Der Römer schüttelte beinahe unmerklich den Kopf und legte seinen Arm um meine Schultern. Nach quälend langen fünf Minuten fuhr der Parksünder weg. Er musste wohl erst den ersten Gang seines fahrbaren Monstrums finden. Doch ich hatte meinen Standpunkt klargemacht. Die Geschichte war für mich abgeschlossen.

Am nächsten Tag, ich fuhr unseren Nachwuchs in die Kita und kam nach 30 Minuten wieder zurück, sah ich bei der Einfahrt durchs Tor, dass dort der gelbe Zettel klebte. Mein gelber Zettel! „Den hätte er wenigstens entsorgen können. Pff!“, dachte ich, stellte das Auto ab und ging zurück Richtung Tor. Doch eine ältere Dame mit fröhlich gemustertem Einkaufstrolley, der nun stramm neben ihr stand, las neugierig den Zettel. Natürlich wollte ich mich nicht als Autorin dieses literarischen Meisterwerkes outen und so tat ich so, als würde ich nur eben den vorderen Eingang benutzen wollen.

Ich kontrollierte zur Tarnung unseren Briefkasten und sah wie die Dame leise in sich hineinlachend und kopfschüttelnd an unserem Haus vorbeischlürfte. Pfeilschnell wie ein Gepard eilte ich wieder aus dem Haus, bog nach links ab, rupfte den Zettel vom Tor und ließ ihn unauffällig in meiner Manteltasche verschwinden. Dann schlenderte ich betont lässig durch den Hintereingang ins Wohnhaus, nahm den Aufzug und sperrte wenige Augenblicke später die Wohnungstür auf.

Ich zog den Zettel aus der Tasche, bereit ihn zu entsorgen, doch da sah ich, dass mein Düsseldorfer Brieffreund mir geantwortet hatte. Das war also der Grund gewesen, weswegen er nicht sofort wegfuhr!

Auf meinen wunderbaren Ratschlag:

„Bitte lassen Sie dringend Ihre Sehkraft überprüfen! Dies ist eine Ausfahrt, kein Parkplatz! Oder könnten Sie Ihre Karre durchs Nadelöhr fädeln?“

Antwortete mein Brieffreund:

„-> Hier kommt ein LKW durch!“

Und dadurch, dass er den Zettel an die Hofeinfahrt hing, konnten viele, neugierige Passanten an unserem informativen Briefwechsel teilnehmen.

Well played, Düsseldorf! Well played!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.

Sonntags in Frankfurt

Es gäbe viel zu berichten, aber nichts, was ich momentan in Worte gießen kann und möchte. So schweben nur wirre Worthülsen durch meinen Kopf, die keine richtige Form oder gar ein Muster ergeben.

Deswegen müssen Sie heute mit Fotos vom sonntäglichen Frankfurt vorlieb nehmen. Wir fuhren zur Piazza della Repubblica, wie der Platz der Republik in Frankfurt beim römischen Gatten und mir seit jeher heißt. Mit der römischen Piazza della Repubblica hat der Frankfurter Namensvetter allerdings wenig gemein. In Rom stehen vor einem äußerst luxuriösen Hotel wunderbare, glänzende, italienische Luxuskarossen. Es riecht hier eindeutig nach Geld. An der Frankfurt Piazza della Repubblica riecht es trotz angrenzender Sparkasse nicht im geringsten nach Geld. Auch das dort befindliche Hotel hat wenig mit dem römischen Luxuspalast gemein, außer vielleicht den Namen „Hotel“. Es gehört zu einer Billigfluggesellschaft und begrüßt einen mit einer leuchtend orangen Reklame. Das Hotel ist „easy“ und das verspricht bereits der Hotelname. Wenn’s dem internationalen Publikum im römischen Hotel Exedra zu extravagant wird und sie sich nach etwas einfachem sehnen, wäre das vielleicht die richtige Wahl? 😉

Unsere Kleinfamilie entert das Westend, in dem nichts easy gehalten ist. Ein Stadtteil, in dem man keine Ruhestörungen duldet. Stumme Altbau-Paläste blicken mürrisch auf die Straßen, auf denen leise sprechende Spaziergänger zu zweit unterwegs sind. Selbst die Kinder spielen leise und höflich auf dem Spielplatz des Westendplatzes. Signorino flüstert immer wieder “Fiiiesch!” und ich befülle Fischförmchen mit Sand. Der Römer steht mit Sonnenbrille neben uns, eine gelbe Schaufel in der Hand, die er nicht benutzt, und blinzelt in die Sonne. „Mi mancava. [Es fehlte mir.]“, sprach der Gatte und atmete selig ein und aus. „Was denn?“, fragte ich, während ich einen weitern Fisch stürzte. Mittlerweile hatte ich ein ganze Aufzuchtstation für Sandfische entworfen, die Signorino munter zerstörte. „Il sole!! [Die Sonne!!]“, sprach der Mann fast schon empört, weil ich nicht sofort verstand, was dem Mann seit Wochen oder Monaten fehlte. „Ah!“, ging mir ein Licht auf. „Kannst du mir bitte deine Schaufel geben? Meine funktioniert nicht und du spielst ja eh nicht damit.“, hakte ich beim römischen Sonnenanbeter nach. Er überreichte sie mir wortlos, setzte sich auf die Bank und lächelte zufrieden in den Frühlingshimmel.

Bitte nicht stören! Der Westendplatz.

Schließlich bestach ich den Sohn mit zwei Quetschies und wir konnten den Spielplatz verlassen. Das Ziel war gesetzt: die italienische Konditorei, welche sich wenige Minuten vom Spielplatz entfernt befindet.

Blühen erwünscht! Im Westend sind Frühlingsboten erlaubt, solange sie leise ihre Blüten öffnen.

Signorino wurde wie immer herzlichst begrüßt und winkte zaghaft. Der Römer suchte sechs Pasticcini, Törtchen, aus und wir traten den Heimweg an.

An der alten Oper ist mehr los. Ein 8jähriges Kind fuhr dort E-Bike. In Frankfurt. Die einzige Erhebung, die es in Frankfurt gibt, ist die vom Ostpark nach Bornheim. Und selbst die schafft ein Kind auch ohne Elektroantrieb. Zu meiner Zeit hätte es das im Voralpenland nicht gegeben.
Von Kunst und Architektur verstehe ich nicht viel. Brutal sieht der ausgeschlachtete Bau an der Mainzer Landstraße dennoch aus. Aber ist es deswegen schon Brutalismus?
Im Westend kamen wir wie immer bei der Pasticceria Brixia vorbei. Es ist Sonntag, was hätten wir tun sollen? Man kann sich wohl kaum ein römisches Gewächs nach Frankfurt importieren, wenn man nicht bereit ist, ihm zumindest ab und an ein bisschen Dolce Vita vorzugaukeln.

Weihnachtseinkäufe – oder: Blagomir regelt’s schon

Sie, ich habe heute mittag etwas von Ottolenghi² gekocht. So entspannt bin ich heute! Und so wenig halse ich mir auf. So kam es, dass ich um 12 Uhr am Herd stand und nicht wie üblich eine halbe Packung Pasta in das gesalzene Nudelwasser kippte oder die schnelle Tüte Ravioli anbriet*. Stattdessen schnitt ich Zwiebeln in hauchdünne Ringe, zerdrückte Knoblauch, nahm Piment in die Hand, mischte, rührte, ergänzte und briet, um dann die Tomaten mit dem Kartoffelstampfer zu malträtieren, dass es nur so spritzte und zischte in der Küche (Tipp fürs nächste Mal: Tomaten vorher halbieren). Dann kochte ich auf, drehte den Herd wieder zurück, ließ die Ottolenghi-Komposition köcheln und rührte gewissenhaft Bulgur ein, den ich heute extra im Supermarkt gekauft hatte. Daraufhin bedeckte ich das ganze mit einem Pfannendeckel, wartete, drehte den Herd auf kleinste Stufe, wartete wieder, machte mir einen Kaffee, denn die Maschine steht genau gegenüber des Herdes, wartete nochmal und beschloss, dass ich ebenso gut den Kaffee auf der Couch trinken konnte. Schließlich hatte ich frei.

Dann stellte ich mir einen Wecker, schaltete den Herd nach 10 Minuten ab und wartete wieder. Ich glaube, dieser Ottolenghi ist im Hauptberuf Achtsamkeits-Trainer und nur im Nebengewerbe Koch. So viel wie ich wartete, konnte ich meine Gedanken dabei beobachten wie sie immer ruhiger wurden. Das lag auch an dem Teil meines Gehirns, der bei jeder mir in den Sinn kommenden Tätigkeit, um die lange Wartezeit auszufüllen, „NEIN!!! DU HAST JETZT FERIEN!!“ schrie. Strikt ist er ja, der faule Teil meines Kopfes. Oder nur erholungssuchend. So ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen.

Und Erholung brauchte nicht nur der faule Teil meines Kopfes, schließlich habe ich heute bereits den Weihnachtseinkauf im Supermarkt erledigt. Es war angenehmer als gedacht, aber im Vergleich zu einem normalen Einkauf Mitte Januar immer noch sehr unangenehm. So unangenehm, dass ich schweißnass den vollen Einkaufswagen durch die weiten Gänge schob. Auf dem Weg in die Käseabteilung begegnete mir ein Italiener, Mitte 40, der seine Kinder im Grundschulalter die Gänge entlang scheuchte. Er verteilte Aufgaben an den Nachwuchs, der daraufhin im Supermarkt ausschwärmte, während er sich höchst selbst um die Weinauswahl kümmerte. Lange ging er vor den weitläufigen Weinregalen auf und ab und nahm immer wieder einen scheinbar guten Tropfen heraus, um sich das Etikett genauer anzusehen. Wäre der Römer dabei gewesen, er hätte mir wahrscheinlich zugeraunt, dass der Italiener vor dem Weinregal kein echter sei. Vielmehr hätte mein Gatte die Hypothese aufgestellt, dass er ein eingedeutschter oder zumindest mit einer Deutschen verheirateter Italiener wäre. Welcher italienische Landsmann würde schon in einem gewöhnlichen Supermarkt vor einem Weinregal einen guten Tropfen für Weihnachten aussuchen? Warum hat er keinen eigenen, vertrauenswürdigen Weinhändler? Oder zumindest einen weinkundigen Bekannten, Blutsverwandten oder Verschwägerten, der ihn am Vorabend des 24. Dezembers anruft, um ihm auszurichten, dass der Karton voller Wein von dem kleinen, italienischen Weingut seines/ihres Schwagers eingetroffen sei? Und überhaupt, warum kauft er nicht im italienischen Supermarkt im Frankfurter Osten ein? Ich glaube, ich hätte dem Römer geantwortet, dass auch er im gewöhnlichen Supermarkt einkauft. Doch seine Antwort darauf konnte ich mir schon denken: „Ich bin Italbaner! Für mich gelten andere Regeln.“ Der Mann macht sich die Welt eben wie sie ihm gefällt.

Zum Glück war der Mann nicht dabei und so mussten wir diese Konversation nicht führen. Als ich mich von meinen Gedanken losreißen konnte, wollte ich griechischen Joghurt kaufen. Vor mit stand ein junger Mann, Ende 20. Er war im Urlaub. Ferien von einem Job, der entweder in einer Bank oder in einer Unternehmensberatung stattfand. Kaum Zeit für Privatleben, jobbedingt. Da lege ich mich fest. Ich weiß das nicht etwa, weil er es mir verraten hat. Vielmehr verriet es seine Art wie er die Reihe mit den griechischen Joghurts betrachtete. Die Welt stand still. Und ich, die einfach nur irgendeinen griechischen Joghurt in den Einkaufswagen packen wollte, stand hinter ihm. Ebenfalls still. Darum bemüht, jegliche Konversation mit mir fremden Personen zu vermeiden, schwänzelte ich penetrant um den Parmesan herum, aber davon hatte ich bereits drei Stück im Einkaufswagen. Dann tat ich so als würde ich den Schmand begutachten, der nur wenige Meter neben dem griechischen Joghurt stand. Leider brauchte ich diesen gar nicht. Ich lauerte, nach links schielend, darauf, dass der Mann sich vom griechischen Joghurt entfernen würde. Doch er tat es nicht.

Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich stellte mich, in die selbe Richtung wie er starrend, neben ihn. Immer noch stand ich mir im Weg, denn ich hätte ihn nur darauf aufmerksam machen müssen, dass ich ebenfalls Bedarf am griechischen Joghurt hatte. Doch heute war mein nonverbaler Tag – mit der Betonung auf „non“. Alles in mir sträubte sich, meinen Mund aufzumachen. Normalerweise sind nonverbale Tage überhaupt kein Problem für meine Umwelt, schließlich sind die meisten Menschen überaus aufmerksam, was nonverbale Signale angeht. Doch heute, an diesem 23. Dezember, geriet ich an ein Exemplar, dass überhaupt keinen Blick für seine Mitmenschen hatte. Wie auch? Er verglich seit Minuten die griechischen Joghurtsorten und fühlte sich von meiner Anwesenheit überhaupt nicht gestört. Vielmehr drehte er den großen, dunkelblauen Joghurtbecher in seiner rechten Hand noch etwas langsamer, nur um dann zu einer anderen Sorte zu greifen, wobei er die erste Sorte noch immer in der Hand behielt. Dann vertiefte er sich wieder in das Joghurtetikett als wäre er auf der Jagd nach einem spannenden Krimi für Weihnachten und nicht in der Joghurtabteilung des Supermarktes. Meine rechte Augenbraue sprang ruckartig nach oben. Das tut sie immer, wenn ich meinen nonverbalen Tag habe und mein Gegenüber von meinen gut choreographierten, nonverbalen Signalen partout keine Notiz nehmen will. Ich beschloss, das ein kurzes Räuspern noch in meiner nonverbalen Komfortzone lag und räusperte kurz und eindringlich. Dann rückte ich dem Joghurtmann noch vier Zentimeter näher auf die Pelle. Auch das schien ihn keineswegs zu beeindrucken oder gar zu stören. Mich jedoch schon. Deswegen rückte ich wieder ab. Der Mann stand immer noch wie in Beton gegossen vor dem Kühlregal. “Mein Gott, es ist griechischer Joghurt und nicht die Versuchsanordnung für eine nobelpreisträchtige Forschung. Nimm halt einfach irgendeinen!”, dachte ich und klammerte mich an den vierten Parmesan, den ich vorhin als Übersprunghandlung mitnahm, als ich auf das Joghurtregal schielte. Mittlerweile übernahm die Vernunft die Kontrolle und erklärte meinen nonverbalen Tag für beendet. Ein sehr leises, sehr klägliches “Entschuldigung…” kam heraus. Blöderweise blieb es mir im Hals stecken, weswegen meine Stimmbänder nur einen undefinierbaren Laut hervorquetschten. Der Joghurtmann reagierte nicht, was mich wenig verwunderte. Also setzte ich nochmals an. Diesmal mit einem Räuspern beginnend: “Entschuldigung! Ich müsste mal eben zum griechischen Joghurt!!” Der Joghurtmann drehte sich mit zwei Bechern Joghurt in den Händen zu mir. “Äh ja. Ich brauch hier nur noch… Moment. Ähm…”, murmelte er, immer noch in seine Joghurtproblematik vertieft. Dabei versperrte er immer noch den Weg. Doch mein unbedingter Wille, das Joghurtregal schnellstmöglich hinter mir zu lassen, ließ meinen Arm sich gekonnt an ihm vorbei schlängeln und blitzschnell einen Joghurt greifen. “Danke, hab’s schon.”, murmelte ich und ließ den verwunderten Joghurtmann stehen. Am Einkaufswagen angekommen entdeckte ich, dass der Joghurt laktosefrei war. Mist! Ich drehte also noch einmal eine Runde in der Waschmittelabteilung (mit Blick auf die Joghurtsektion) und wartete sieben Minuten ab (ich hab’ auf die Uhr geschaut, denn Waschmittel hatten wir auch genug zu Hause), bis der Joghurtmann schließlich mit einem hellblau-weißen Joghurt davonschlenderte. Schnell wie ein Wiesel lief ich zum Joghurtregal und nahm den gleichen Joghurt heraus wie er. Wer sich so lange in die Materie „griechischer Supermarkt-Joghurt“ einlas und vor dem Kühlregal kampierte, der müsse schließlich wissen, welcher Joghurt der beste sei.

Ich ging zur Kasse 7. An Kasse 3 sah ich meinen speziellen Joghurtfreund stehen. Er zahlte und ging. Ich hoffte, ihn und diesen Supermarkt bis zum nächsten Jahr nicht wieder sehen zu müssen. Als ich auf Höhe der Rolltreppe zum Parkhaus war, fiel mir ein, dass ich mein Parkticket nicht abgestempelt hatte. Also eilte ich mit vollbepacktem Einkaufswagen wieder nach oben zum Supermarkt und ließ das Ticket von einer freundlichen Kassiererin abstempeln.

Als ich zurückkam sah ich, dass der Joghurtmann genau gegenüber von mir geparkt hatte. Er lud seine letzte Einkaufstasche in den schnittigen Sportwagen und rauschte davon. Bei mir dauerte es etwas länger bis ich alles im Kofferraum verstaut hatte. Aber ich hatte es nicht eilig. Ich hatte ja frei.

Sobald ich alles im Auto verladen hatte, drehte ich den Schlüssel im Zündschloss nach rechts und rollte zur Parkschranke. Vor mir standen drei Autos, wobei die Rückfahrlichter der beiden Autos vor mir bereits aufleuchteten. Das Auto an der Schranke hatte wohl vergessen, sein Ticket an der Kasse abstempeln zu lassen. Ich ließ eine Kombilänge zwischen mir und dem vorherigen Auto frei und wartete geduldig darauf, dass die Autos zurücksetzten, doch es geschah nichts. Immer wieder steckte ein Männerarm die Parkkarte in den Schlitz des Automaten, der die Schranke öffnen sollte. Aber die Schranke blieb zu, während sich gleichzeitig immer mehr Autos hinter dem stoischen Mann an der Ausfahrt sammelten. Die Leute hupten und manch eine*r stieg aus. Die Fahrerin des Kleinwagens direkt hinter dem Problemauto schwang sich heraus und redete auf den Fahrer ein. Aber er war vollkommen beratungsresistent. Nach vier Minuten stieg ich aus, um zu sehen, was das für ein Idiot war, der immer wieder das Ticket in den Schlitz schob. Ich brauchte mich nicht einmal vom Auto zu entfernen, da sah ich es schon: Es war mein Freund, der Joghurtmann. Na viel Spaß! Das wird dauern. Genau so stoisch wie ich ihn vor dem Kühlregal kennenlernen durfte, genau so stoisch war er jetzt. Das ging so lange gut bis Blagomir ausstieg. So nannte ich den jungen Mann Mitte 20, mit den rabenschwarzen, streng zurückgegelten Haaren und den ausdrucksstarken Augenbrauen. Hochgewachsen war er – und muskulös. Letzteres sah man selbst unter seiner dunklen Bomberjacke. Darunter trug er ein schwarzes Hemd, die ersten 3 Knöpfe offen – trotz Minustemperaturen. Die Kiesel knirschten unter seinen spitzen, schwarzen Lederschuhen mit der polierten Silberschnalle über dem Mittelfuß. Blagomir sah zwar nicht aus als hätte er sechs Semester internationale Diplomatie studiert, aber er sah aus als wüsste er wie er mit dem Joghurtmann zu reden hatte. „Boa! Was ist sein Problem, Alter!?“, motzte er lautstark als er mit seinen 1,90 Metern kampfbereit an allen wartenden Autos vorbeistapfte. Er hatte einen Stiernacken. Ob das nun ein Kompliment für Blagomir oder den Stier war, darüber lässt sich streiten. Beinahe am Ziel, der Sportwagen des Joghurtmannes war nur noch wenige Meter entfernt, wurde er schneller, die Schritte wütender. Leider war ich das dritte Auto hinter dem Joghurt-Mobil, so dass ich, trotz geöffnetem Fenster, Mühe hatte, den Wortlaut zu verstehen. Ich würgte den Motor ab, um noch ein paar Wortsilben zu erhaschen, doch es gelang mir nicht. Einzig sehen konnte ich: Blagomir gestikulierte wild und aufgebracht. Dann drehte er den Kopf zu uns, dem wartenden und begeisterten Publikum, und zeigte auf die lange Reihe an Vehikeln, die aufgrund des Joghurtmannes still standen. Der Joghurtmann blieb vorerst stoisch bei seiner Taktik und schob das Parkticket noch einmal in den Schlitz des Automaten. Wieder spuckte dieser das Ticket aus. Die Schranke blieb unten wie all die Male zuvor. Jetzt wurde Blagomir richtig böse. Sein Gesicht nahm die Farbe einer dunkelroten Tomate an. Die Stimmung des Publikums war zum Zerreißen gespannt. Blagomir wurde impulsiv. „Man, fahr halt jetzt zurück, Brudi!!! Wo ist dein sch*iß Problem?“, sprach er so laut, dass ich es auf Warteposition 3 verstand. Ein paar Sekunden verstrichen, dann leuchteten schlussendlich die Rückfahrlichter des sportlichen Joghurt-Mobils auf. Der Joghurtmann hatte aufgegeben. Hallelujah! Ein Weihnachtswunder! „Geht doch, Brudi!“, gab Blagomir dem Joghurtmann sehr laut mit auf den Weg, als sich dieser in eine freie Parklücke rollen ließ. Dann drehte sich unser Befreier Blagomir um und stapfte an der langen Schlange wartender Autos vorbei. Dabei guckte er nach unten und schüttelte ungläubig den Kopf. Ich bin sicher, hätte er nur aufgeblickt, er hätte in viele grinsende, sehr glückliche Autofahrer-Gesichter gesehen. Etwa auf meiner Höhe murmelte er: „Boa, ey, wie kann man nur so stur sein?“ Ich verstand ihn. Und wäre er es gewesen, der vorhin am griechischen Joghurtregal mit den Hufen scharte, weil der Joghurtmann nicht einen Zentimeter zur Seite weichen wollte, dann wäre der Joghurtmann nicht mit einem verbalen, sondern mit einem nonverbalen, blauen Auge davon gekommen. So aber war die Welt wieder in Ordnung. Dank Blagomir!

Dieses Auto hatte ich letztens als schnittigen Mietwagen. Der ging sehr gut!

*Sagen sie das nicht dem Römer! Wenn der rausfindet, dass ich Ravioli anbrate, dann rollen hier Gourmettränen.

² Werbung – unbezahlt und unbeauftragt