Reisen – damals und heute

Während ich das Kokosöl in meinem Mund hin- und herschiebe (probieren Sie Ölziehen einmal aus – das ist klasse!), denke ich nach.

„Schlafsack, zwei Schlafanzüge, Nestchen.“ kritzel ich auf meinen Zettel. Wann wurde Reisen eigentlich so kompliziert? Früher – genau vor einem Jahr – reichte mir ein Handgepäckskoffer zum Verreisen. Drei Tage – arbeitend – und es war nicht mehr als ein Rock, zwei Blusen, zwei Strumpfhosen, ein Halstuch (als Wechselklamotten der Uniform), eine klein zusammenfaltbare Daunenjacke, ein Schal, eine Hose, ein Rollkragenpulli, Unterwäsche, Kosmetiktasche, Schuhe, Mütze, Handschuhe, Socken. Fertig!

„7 Hosen, 3 Lätzchen, 7 Oberteile – wenn die Milch wieder rückwärts fließt.“ schreibe ich weiter. Wie schön war es damals, morgens ganz allein im Hotelzimmer zu sitzen und den ersten Kaffee zu genießen. Ganz in Ruhe im Kingsize Bett – nur ich und das Surren der Klimaanlage. Kein Geschrei, kein „Amoooooore, wo ist nochmal…?“. Das Bad war nie besetzt, denn es war mein Bad – wenn auch nur für eine Nacht.

„Windeln, Feuchttücher, Rescue Tropfen, Fläschchen, Milchpulver.“ krakle ich weiter auf meine Packliste. Hach, die erste Nachricht des Anderen, ob ich auch schon wach sei und wir gleich frühstücken wollen. Ich las sie während im Hintergrund eine amerikanische Morningshow über den Bildschirm flimmerte. Auf meinem großen und fluffig weichen Bett thronte ich wie die Königin New Yorks, würde es denn eine geben. „7 Uhr? Ich trinke noch meinen ersten Plörri (so schmeckt für uns amerikanischer Filterkaffee – wie Plörre!) Kaffee zu Ende. Dann fix duschen und ab zu Le Pain Quotidien?“ fragte ich. „Passt! Unten in der Lobby?“ kam kurz zurück. Ich schickte das „Daumen-hoch“ Zeichen und begab mich in die Dusche.

„Overall, Sonnenhut, Mütze, Nasentropfen,…“ führe ich weiter auf meiner Liste auf. Unten in der Lobby angekommen gab es eine riesige Umarmung für den Anderen. „Die Broadway Show war gestern genial. Ich hab den ganzen Morgen lang – also ab 5 Uhr – die Playlist auf und ab gehört.“ There’s a lot of favors // I’m prepared to do // You do one for Mama // She’ll do one for you.“ stimmte ich an. Die Zeilen hingen immer noch in meinem Kopf fest. Ich hakte mich bei ihm unter und wir schritten ins kalte New York hinaus.

„Mulltücher, Windelcreme, Mandelöl, Babyspüli…“ notiere ich weiter. Mir gefroren die Gesichtszüge. Der kalte New Yorker Wind blies mir ins Gesicht und ich wickelte den Schal noch ein weiteres Mal um meinen Hals. „Diesmal esse ich aber auf alle Fälle noch ein Schneeball-Gebäck – mit Sahne! Dann lieber keinen Cappuccino als dass ich nochmal diesem Gebäck nachtrauern muss.“ sagte ich zum Anderen und er lachte laut. Kältewölkchen kamen aus seinem Mund. „Ich nehme was für die schlanke Linie! Irgendein Chiasamen Gedöns.“ antwortete er mir und strich über seinen Bauch. „Als ob! Das sagst du JEDES MAL.“ gab ich sichtlich belustigt zurück.

„Söckchen – mindestens 7 Paar – er pinkelt sie ja öftermal an – Schnuller!! – Schnullerketter – Stoffdrache“ vermerke ich. Angekommen im Café warteten wir artig bei dem hübschen Schild „Please wait to be seated.“ Wir sind die einzigen Gäste. „Setzen Sie sich ruhig irgendwohin. Es ist noch nichts los. Ich bin gleich bei Ihnen.“ flötete die Kellnerin mit einem hübschen New Yorker Akzent. Wir lächelten und setzten uns. Als sie bei uns war, bestellten wir. Chiasamen Müsli wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wurde es Avocado Toast mit Lachs und Ei.

„Beißring, Wechselklamotten, Kuscheltuch, Fieberzäpfchen…“ schreibe ich weiter. Wir aßen und unterhielten uns über Gott und die Welt. „Gehen wir gleich noch über die Brooklyn Bridge?“ fragte der Andere. „Aber klar doch! Bei 0 Grad und Eiswind mach‘ ich das am liebsten.“ gab ich zurück. Wir bezahlten, packten unsere Sachen und gingen tatsächlich über die Brooklyn Bridge. Es war eiskalt und ich spürte meine Oberschenkel zeitweise nicht mehr. „Wann ist eigentlich Pickup? (Abholzeit)“ hakte ich beim Anderen nach. „In drei Stunden.“ gähnte er. „Ich leg mich aber vorher nochmal hin. Sonst schaff ich die Nacht nicht.“ ergänzt er noch schnell. „Ich fürchte du hast keine Wahl. Wie viele Gäste habt ihr in der First Class?“ erkundigte ich mich bei ihm. „Voll!! Acht Leute!“ stöhnte der Andere. „Wow! Ganze acht!“ ärgerte ich ihn. Er knuffte mich in die Seite. „Davon kannst du in der Economy ja nur träumen.“ konterte er geschickt. „Ich bin eben eine Eco Stuse. Was soll ich machen?“ zwinkerte ich ihm zu.

„Wickeltasche, warmes Wasser, Thermoskanne, Schnulleretui.“ komplettiere ich meine Liste. „Hast du den Co Piloten gesehen? Der hat ja mal 100% was mit der Ollen aus der Business!“ lästerte der Andere. „Echt? Ich dachte, der wäre mit der Kollegin aus der First zusammen.“ ging ich darauf ein. „Ja! Auch!!!“ lachte der Andere. Wir gingen ein Stück schweigend nebenher und genoßen die letzten Meter bis zum Hotel. „Sagst du mir Bescheid, wenn du gleich runter in die Lobby fährst? Ich mag nicht mit den anderen warten. Die Kabinenchefin labert mir immer ein Ohr ab – Indien hier, Ayurveda da, Yoga dort. Ich hab doch nur einmal gesagt, dass ich einen Yoga Anfängerkurs mache. Meeeein Gott!“ bat ich den Anderen. „Aber klar doch! Schreib mir einfach kurz vorher.“ antwortete er. „Du bist der Beste!“ gab ich zurück. „Ich weiß!“ konterte der Andere zwinkernd.

Es ist anders zu verreisen – und sei es nur nach München. An tausend Dinge muss man denken. Signorino ist zu bespaßen und – bei dem morgendlichen Flug – auch der Römer, damit die Laune nicht ins Unermessliche sinkt. Ich vermisse meine Auszeiten vom Alltag (alias Arbeit), aber gleichzeitig genieße ich es, jede Nacht neben dem Römer und Signorino einzuschlafen. Ich genieße unsere Frühstückszeiten zusammen, unseren Tagesrhythmus, unsere kleinen Rituale. Doch irgendwann wird sich Mutti wieder in die Lüfte schwingen. Bis dahin bleibt mir die Erinnerung( und die Hoffnung, dass ich das bald wieder tun darf)!