Plebejer, die nerven.

Plebejer, die nerven.

Haben Sie schon einmal versucht einen Text zu verfassen, während hinter Ihnen jemand steht und penetrant einen Apfel kaut? Nein? Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Eben weil es nicht geht! Das wissen Sie so gut wie ich. Nur der Plebejer* in meinem Haushalt, der weiß es nicht.

„Über was schreibst du?“ fragt der Römer während er sich mit der linken Hand an meiner Stuhllehne abstützt und mit der rechten Hand den halb angeknabberten Apfel umklammert. „Über den Einen. antworte ich knapp und konzentriert. „Wer ist denn der Eine?“ packt den Römer die Neugier und er starrt interessiert auf meinen Computer-Bildschirm. „Mein bester Freund.“ gebe ich abermals kurz angebunden zurück. „Aaaah! Simon!“ erleuchtet ihn meine Antwort. Nach einer – nur wenige Sekunden andauernden – Pause hakt er nach: „Come sta Simon? [Wie geht es Simon?]“ Dazu beißt er in seinen rot glänzenden Apfel, der knackend nachgibt. „Gut.“ sage ich und hoffe, dass er nach der dritten, äußerst kargen Antwort versteht, dass er stört.

Doch er steht weitere zwei Minuten hinter mir und ich spüre seinen warmen Atem in meinem Nacken. Innerlich laufe ich Amok, wollte heute aber von einer unnötigen Diskussion absehen. Deswegen versuche ich mich zu beruhigen mit dem Ziel damit meine Konzentration wiederzufinden. Dieses Vorhaben ist jedoch komplett sinnlos, wenn der eigene Ehemann hinter einem steht und guckt, was man schreibt. „Ah! Questo è vero! [Ah! Das ist wahr!]“ gibt der Römer mir Recht und zeigt auf einen Abschnitt meines Textes. „Simon è veramente un bravo ragazzo. Peccato che è morta sua madre, vero? [Simon ist wirklich eine gute Person. Schade, dass seine Mutter gestorben ist, richtig?]“ führt er weiter aus. „Ja.“ gebe ich ihm Recht und stütze meinen schwer gewordenen Kopf auf der linken Hand ab.

Mein Gemahl steht immer noch wie festgeschraubt hinter mir. Der Apfel ist nun verspeist und er beginnt jetzt damit, sich seine Fingergelenke einzurenken, was beeindruckend laut knackst. Nach einer weiteren Minute eröffnet er mir: „Scrivi veramente veloce. Pazzesco! [Du schreibst wirklich schnell! Abgefahren!]“ Ich nicke langsam und schiebe ein langgezogenes „Hm.“ hinterher. Er streckt sich derweil und will während seiner Stretching Übungen wissen: „Ma hai mai fatto un corso? [Aber hast du jemals einen Kurs gemacht?] Oder wo hast du das gelernt?“

Ich schlage die Augen nieder, obwohl ich statt der Augen lieber ihn niederschlagen würde. Doch als überzeugter Pazifist atme ich lieber sehr lange aus. Mindestens sieben Sekunden lang. Am Ende meines Atemzuges angekommen hört es sich an als würde ein wildes Tier knurren, da mir die Luft ausgeht. „In der Schule.“ gebe ich bestimmt zurück und lese meinen Absatz noch einmal Korrektur. „Ah… war das Pflicht?“ will der Römer nun wissen. „Nein. Meine Eltern bestanden darauf.“ erkläre ich. „Ma guarda come scrivi adesso! [Aber schau wie du jetzt schreibst!] Das war doch eine super Idee von deinen Eltern!“ antwortet er euphorisch. Ich ignoriere seine Erkenntnis und versuche mich weiter in meinen Text zu vertiefen.

„Il bimbo dorme da un bel po‘, vero? [Das Kind schläft seit einiger Zeit, richtig?]“ stellt er jetzt fest und fängt an, eine in Raschelpapier eingepackte Praline auszupacken. „Ja.“ ist abermals meine Rückmeldung zu dieser Feststellung. „Strano. [Komisch]“ äußert er sich verwundert und schiebt nun die Schokokugel mit der Pistazie obendrauf in seinen Mund. „Vabbè, io ho da fare. Non ti disturbo più. [In Ordnung, ich habe zu tun. Ich störe dich nicht weiter.]“ verkündet er schlussendlich und ich atme erleichtert und lächelnd ein.

Zurück zum Text.“ säuselt meine innere Stimme zufrieden. Für einen Moment schließe ich die Augen um den Anschluss an meine Geschichte zu finden.

Doch die mehr als überfällige Stille wird durch das Babyphone unterbrochen, das sich just in diesem Moment einschaltet. Signorino erzählt über mehrere Oktaven hinweg: „WauWauWau…Dadada…Mamama.

Der Römer fühlt sich allen Ernstes dazu berufen, Signorinos Erwachen mit „Ah, il bambino è sveglio. Ci vai tu? Perché io ho veramente tanto da fare! [Ah, das Kind ist wach. Gehst du? Weil ich hab wirklich viel zu tun!]“ zu kommentieren.

Bei so viel Dreistigkeit knurre ich nur noch leise – gefolgt von einem penetrant lauten Seufzer. Danach speichere ich meinen Text ab, klappe den Laptop zu, nehme einen von Signorinos Stoffbällen, werfe dem Römer den Ball gegen den Hinterkopf und gebe zurück: „Sehr gerne, du Ar§chkeks.“

Ma che c’è? [Aber was ist los?]„, will er nun völlig erstaunt wissen, „Perché sei arrabiata? [Warum bist du sauer?]“

Ich schüttle nur den Kopf und gehe ins Schlafzimmer um Signorino zu holen. Fröhlich glucksend begrüßt er mich – bereits im Bettchen stehend. „Also, mit euch beiden braucht man echt gute Nerven – oder ein abschließbares, lärmgedämmtes Arbeitszimmer…. “ Ich hebe ihn aus dem Bett. „Oder Ohrstöpsel!“, fällt es mir brandheiß ein, „Man! Warum bin ich da denn nicht früher daraufgekommen?“ Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Signorino lächelt belustigt und ich gebe ihm einen dicken Kuss. „Manchmal liegt die Lösung so nah…

*Plebejer: Die Plebejer waren in der römischen Republik das einfache Volk, das nicht dem alten Adel, den Patriziern, angehörte. Es bestand vor allem aus Bauern und Handwerkern. Sie galten als Römer und standen nach den Ständekämpfen unter dem Schutz des römischen Rechts. Quelle: Wikipedia.