Pasta al ragù oder die Lieblingsbolognese des Römers

Der Römer liebt pasta al ragù. Als er noch ganz neu in Deutschland war, versuchten wir uns an einer Bolognese Sauce. Sie war nicht schlecht, aber sie lag auch ziemlich schwer im Magen.

Dazu kam: Ich mag kein Hackfleisch. Das liegt vielleicht daran, dass man nie weiß, ob hier Hund/Katze/Maus verarbeitet wurde oder der Metzger die Wahrheit sagt, dass hier nur reines Rindfleisch verwendet wurde. (Bei Fleisch bin ich allerdings sehr speziell…)

So wagte ich mich also an einen Selbstversuch: Ich erinnerte mich, dass ich vor Jahren eine Soja Bolognese kochte, die per se sehr gut war. Was per se nicht so gut war: Mein Verdauungstrakt ist kein Freund von Soja.

Ich setzte die Suche fort und stolperte über Linsenbolognese. Der Römer liebt seit jeher Linsen und ich fand die Idee sehr schmackhaft Linsen als Hackfleischersatz zu verwenden. Gesagt, getan. Nach einigen Versuchen nach Rezept zu kochen, konnte ich „mein Rezept“ irgendwann im Schlaf. Also versuche ich es nun hier aufzuschreiben.

Vom Römer, der mein schlimmster Kritiker ist (zu Recht: Er kocht zu 80% deutlich besser als ich), bekam ich das Testurteil: „Il miglior ragú del mondo“. [die beste Bolognese Sauce der Welt] Selbst die Bolognese seines hochgeschätzten Freundes und Kochs Nicola lässt er dafür links liegen.

Und da ich meiner Leserschaft das Rezept nicht vorenthalten will, kommt es hier:

Zutaten

1 Zwiebel (ich nehme gerne eine rote)

2 Knoblauchzehen

1 Packung Suppengrün (oder alternativ 300g Karotten, 100-200g Knollensellerie, 60g Lauch)

500g passierte Tomaten

300g rote Linsen

2 gehäufte EL Gemüsebrühe

1 L Wasser

Salz

Pfeffer

(Gewürze je nach Geschmack – bei mir ist es meistens ein bisschen Muskatnuss, edelsüßer Paprika, Chilli, Kümmel, ein minimaler Schuss Sojasauce (!), ein Hauch Zimt)

Zubereitung

  • Die Zwiebel klein schneiden und in einem großen Topf mit ausreichend Olivenöl anschwitzen. Sie sollte nicht braun werden, sondern am besten leicht glasig. Knoblauch schälen und die ganzen Zehen dazu. Dies dient zur Aromatisierung. Sie werden am Ende wieder rausgefischt.
  • Die Karotten, den Sellerie und den Lauch fein hacken (ich benutze dafür eine Küchenmaschine, man kann die Zutaten aber sicher auch sehr fein schneiden oder raspeln). Dann die Zutaten zu den Zwiebeln geben und bei mittlerer Hitze (Stufe 5-6) vorgaren.
  • Nach einigen Minuten gebe ich 500g passierte Tomaten dazu und lasse es kurz mitköcheln.

  • Die roten Linsen waschen, abtropfen lassen und ab in den Topf.
  • In der Zwischenzeit rühre ich 2 gehäufte EL Gemüsebrühe in einem Messbecher mit Wasser an und gebe es in den Topf.
  • Jetzt die Mischung aufkochen, einen Moment kochen lassen und dann auf mittlere Flamme zurückschalten, so dass es nur noch köchelt. (Bei meinem Herd ist es Stufe 3-4)
  • Und jetzt kommt das Geheimnis jeder guten Bolognese – egal ob vegetarisch, vegan oder mit Fleisch: Man muss ihr Zeit geben. Eine gute Bolognese wird nie in 30 min fertig sein. Sie braucht Stunden auf kleiner Stufe um all ihre Aromen zu entfalten. Das heißt für meine Bolognese sie köchelt mind. 1,5 Stunden, gerne aber auch 2,5 Stunden vor sich hin. Ab und zu rühre ich um, gieße Wasser auf, wenn sie zu sehr einreduziert und lasse ihr Zeit.
  • Knoblauchzehen rausfischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Dann kommen Gewürze nach Lust und Laune dazu. Bei mir meist die oben stehenden Gewürze, aber in sehr kleinen Mengen. Das wiederum heißt: Muskatnuss, edelsüßer Paprika, Chilli, Kümmel, ein minimaler Schuss Sojasauce (!), ein Hauch Zimt. Jeder schmeckt ja nach belieben ab. Also je nachdem, wie man es gern möchte. Ich kann mir auch Tomatenmark vorstellen, Rosmarin, Thymian,..
  • Dann nur noch die Pasta kochen (wir nehmen gerne Penne Rigate oder noch lieber mezze maniche rigate) und sobald die Pasta al dente ist, die Pasta mit der Soße im Topf mischen. Bloß nicht einen Klecks Soße auf die Pasta geben und dann servieren. Denn jedesmal, wenn ihr das tut, heult eine italienische Nonna ihr Stofftaschentuch voll. Pasta gehört mit der Soße vermischt – vor dem Servieren. „Cosi si sposano!“ [So heiraten die beiden] Und wer möchte den Nudeln schon die Ehe mit der Sauce verweigern.
  • Dazu Parmesan, ein bisschen Olivenöl und buon appetito.

Das Rezept ist vegetarisch und je nach Brühe auch vegan. Also für jeden geeignet.

Das Internet hat Mittagspause

Nonno Walter, der Zieh-Opa vom Römer, ist sehr modern. Mit seinen 70 Jahren spricht auch nichts dagegen. Begeistert und oft nutzt er das Internet. Mit zwei Fingern, mühsam tippend, sucht er Themen wie „Wie werden die Tomaten größer als die des Nachbarn“, „Wie viele Einwohner hatte mein Wohnort im Jahr 2018“ und „Um wie viel Uhr tritt mein Lieblingskünstler an ferragosta (15.08.) auf“.

Am Anfang war es nicht leicht ihn vom Internet zu überzeugen. Der Römer erinnert sich noch sehr gut an den Tag, an dem er versuchte Nonno Walter von den Vorzügen des Internets zu erzählen. „Ma che dici?? [Aber was sagst du da?] Das setzt sich nicht durch. È una cazzata. [Das ist eine Spinnerei]“ gab er zurück und verzog sich in sein kühles Arbeitszimmer im Souterrain des Hauses.

Doch über die Jahre sah selbst Nonno Walter ein, dass das Internet auch seine Vorteile hat. Als sogar sein bester Freund Pepino stolz erklärte wie er letztens mit seiner Enkelin im Internet „rumkurvte“ – wie er es nannte – wurde Nonno Walter neugierig – und eifersüchtig. „Senti, mi potresti far vedere come funziona internet?“ [Hör mal, könntest du mir zeigen wie das Internet funktioniert?] fragte er den Römer als wir Nonno Walter letztes Jahr besuchten.

Der Römer war sichtlich irritiert, guckte Nonno Walter komplett entgeistert an, dann hilfesuchend zu mir und wieder zu Nonno Walter. „Eh… si. Non è così difficile.“ [Äh… ja. Das ist nicht so schwer]

Fortan hatten sie jeden Abend einen Termin. Auf der großen, apulischen Veranda sitzend, mussten sie sich erst einmal mit der grundlegenden Computerlehre beschäftigen. Als das nicht fruchtete, versuchte der Römer es mit einem Tablet PC. Das wiederum klappte deutlich besser, denn Nonno Walter scheiterte schon am Doppelklick. Nach einer Woche fuhren sie nach Lecce und kauften dort ein Tablet für Nonno Walter.

Jetzt begann die Königsdisziplin: Das sichere Surfen im Internet. Selbst in den lauen, apulischen Sommernächten brachte diese Thematik Nonno Walter zum Schwitzen. Nicht nur einmal kam es zu einem lautstarken Konflikt zwischen dem Römer und Nonno Walter. Doch am Ende gelang es Nonno Walter zielsicher durch’s Internet zu surfen. Italienische Zeitungen hatte er bei den Favoriten abgespeichert, das Wetter kontrollierte er gewissenhaft und er war bei einigen italienischen Kochseiten Dauergast. Alles in allem funktionierte es wunderbar.

Nach zwei Wochen rief Marco an. Marco lebt mit seiner Mutter, der Tochter von Nonno Walter, mit eben diesem zusammen. Marco ist ein junger, gewitzter Teenager, der immer neue Ideen und Einfälle hat. Er beschwerte sich: „Non lo faccio più!! [Ich halte es nicht mehr aus!!]“ beschwerte er sich lautstark beim Römer. „Ständig ist das Internet mittags ausgeschaltet seitdem du Nonno Walter gezeigt hast wie das Internet funktioniert.“ stöhnte er entnervt. „Ma perché? Che senso fa?“ [Aber warum? Was soll das für einen Sinn ergeben] fragte der Römer. „Keine Ahnung! Wenn Nonno Walter sein Mittagsschläfchen macht, dann schaltete er das Internet aus. Seit Wochen!!“ lamentierte Marco.

Der Römer versprach der Sache auf den Grund zu gehen. Am späten Nachmittag rief er bei Nonno Walter an und nach anfänglichem Smalltalk und Fragen zu den Tomaten, konfrontierte der Römer Nonno Walter mit seiner Frage. Er rechnete damit, dass er etwas im Fernsehen gesehen hatte, dass die Strahlung schädlich ist und deswegen der WLAN Router ausgeschaltet werden musste, aber mitnichten. Die Erklärung ist eine ganz andere. „Quando riposo io, anche Internet si deve riposare. [Wenn ich mich ausruhen muss, muss das Internet sich auch ausruhen] Es kann doch nicht 24 Stunden am Tag durcharbeiten – ohne Pause. Wie soll das gehen? Es wird kaputt gehen! Also stecke ich es aus. Und dann kann es sich ausruhen und danach wieder frisch in die zweite Tageshälfte starten.“ teilte er dem Römer selbstbewusst mit.

Der Römer versuchte sich sein Lachen zu verkneifen. „Ma senti, nonno, [Hör mal, Opa,] Der Wlan Router braucht keine Pause. Man kann ihn einfach eingesteckt lassen.“ versuchte er zu vermitteln. „No, no!“ protestierte Nonno Walter. „Ich brauche eine Pause, also braucht das Internet auch eine Pause. Ihr jungen Leute arbeitet alle nonstop durch, aber ein Mittagsschläfchen ist Gold wert. Glaub mir, mein Junge!“

Es war nichts zu machen. Der Römer lies sich Marco geben und erklärte es ihm. „Ja, das wusste ich. Aber ich konnte es nicht glauben! Das ist doch total blöd.“ antwortete er geknickt. „Es sind doch nur zwei Stunden am Tag. Du kannst es auch heimlich ein- und dann wieder ausstecken.“ versuchte der Römer zu schlichten. „Hab‘ ich schon versucht. Er hat mich dabei erwischt.“ gab Marco kleinlaut zurück. „Na dann kann man nichts machen. Scusa, Marco.“ erwiderte der Römer.

Marco begann damit zu leben. Und vielleicht tut diese Internetpause (es ist ja nur WLAN – seine mobilen Daten reizt er sicher bis zum letzten Gigabyte aus) auch Marco ganz gut.

Ein Tablet kann man auch für als Tablett nutzen

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.