Demenz und Nachsicht

Vielleicht ist die Nachsicht das Schwierigste an der Demenz. Denn nach und nach bröckeln die alten Charaktereigenschaften ab wie alter Putz an bunten Fassaden. So sehr man sich auch wünscht, dass neuer Putz an die Wände kommt, so sehr weiß man doch, dass der Fortschritt der Krankheit mit der Zeit bald das ganze Haus angreifen wird. Die Fenster sind plötzlich morsch, obwohl sie letzte Woche noch wie neu schienen. Die Tür quietscht nicht nur, sie fällt aus den Angeln. Man muss zusehen wie es verfällt. Die Hände sind einem gebunden.

Und eh du dich versiehst, ist dein Vater nicht mehr der Fels in der Brandung. Denn er wird von der Brandung stückweise weggetragen.

Man ärgert sich am Anfang. Auch wenn man sich noch so verspricht und gut zuredet, dass man geduldig und nachsichtig ist. Immer schafft man es nicht.

Der Moment, der mir am meisten das Herz bricht, wird wohl immer der sein, in dem Papa seine Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, weil der Kopf zu spät Bescheid sagte und dann dieser 1,82 cm große Mann vor einem steht, beschämt wie ein kleines Kind, mit herabgesenktem Blick – und ich so unendlich sauer wurde. Sauer auf die dreckige Hose, auf die Situation, auf das was passiert ist, wo es passiert ist, wie es passiert ist. Sauer darauf, dass er uns alle beschämt. Zumindest war das mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Beschämenste an der Situation war nicht er – ganz im Gegenteil. Ich war es. Seine eigene Tochter, die ihm nicht gut zuredete, die ihm nicht half, die einfach nur von ihren eigenen Gefühlen übermannt war. Seine Tochter, die vor lauter Überforderung versuchte die ganze Situation zu ignorieren und doch nicht ihren unendlich traurigen Vater mit seiner beschmutzten Hose wahrnahm. Ich schäme mich – für mich. Für mein Verhalten. Für meine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick.

Tage danach erklärte er tief beschämt, dass sein Körper nicht mehr das macht, was er soll. „Er sagt zu spät Bescheid. Dann schaff ich’s manchmal nicht mehr.“ erklärt er traurig und mir bricht es das Herz.

Mein Held, mein Papa, der mich jedes Wochenende die Alpen hoch getragen hat, auf den Schultern, weil ich zu klein und meine Beine noch zu schwach waren. Mein Papa, der immer einen Rat hatte. Mein Papa, der loyal ist – bis zum Ende. Mein Papa, der sich so oft an Süßigkeiten überfressen hat, dass er Mittags keinen Hunger mehr hatte, weil ihm noch so schlecht war. Mein Papa, der hart gearbeitet hat, dass seine Frau und seine Kinder versorgt sind. Mein Papa, der nie an sich selber gedacht hat. Immer nur an andere. Mein Papa, den ich mit meinen 4 Jahren morgens um 5 Uhr weckte, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mein Papa, der mich zum Brötchen holen mitnahm und immer etwas Süßes dabei für mich raussprang. Mein Papa für den nur die Familie zählt.

Doch vielleicht ist der größte Knackpunkt für mich: Ich will mir nicht eingestehe, dass er schwächer wird. Ein Abschied auf Raten. Auf Fragen, auf die er früher bestens antworten konnte, kommt oft nur noch ein Satz mit gesenkter Stimme: „Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, dass ich dir da nicht weiterhelfen kann.“

Doch vielleicht ist es so, dass es besser für uns ist, wenn die wertvollsten Menschen in Raten gehen als auf einmal komplett – von einem Moment auf den anderen. Vielleicht ist es besser, dass man dann nach jahrelangem Kampf sagt: „Es ist besser für ihn gewesen. Ich hab mir für ihn gewünscht, dass er gehen darf.“

Doch noch ist es nicht so weit. Und so kämpfe ich manch inneren Kampf mit mir, damit ich nachsichtiger reagiere. Denn wer weiß wie schnell das Haus verfällt. Noch sind es kleine Schäden, doch auch die großen werden nicht lange auf sich warten lassen…

Egal wie, es wird irgendwie weitergehen

Mein Papa hat Demenz. Für manche nichts neues, für andere hingegen schon.

Der Gesellschaft ist es lieber, wenn man hört, dass mein Papa eine gesundheitliche Einschränkung hat. Und meinem Papa auch. Parkinson sagt meine Mutter (mit vorgehaltener Hand), wenn sie mit Freunden und Bekannten redet. Parkinson hört sich gut an. Demenz nicht. Demenz hört sich nach altem, vergesslichen Mann an.

Nun ist es so, dass mein Vater für die üblichen Formen der Demenz deutlich zu jung wäre. Schmückt doch eine stete 6 seine Jahreszahl. 69 Jahre ist kein Alter für Demenz. Nun hat er aber eine außergewöhnliche Form. Eine, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten vor sich hingärt. Erst lässt sie dich sorgloser werden, dann oberflächlicher. Irgendwann verlierst du das Interesse an Familie und Hobbies und das schlimmste ist: Das erste, was du vergisst, sind nicht Geburtstage oder wo du deine Schlüssel hingelegt hast. Es ist die Sprache, die dir erlaubt mit deinem Umfeld zu kommunizieren. Mehr und mehr Wörter fallen dir nicht mehr ein, dein Mund macht nicht mehr das, was er soll und du sprichst Wörter nicht mehr so aus wie sie sein sollen. Manchmal nuschelst du unverständliches vor dich hin. Und manchmal sagst du, die Tanne ist rosa und nicht grün. Weil du den Unterschied nicht mehr benennen kannst.

Doch in meinem Fall ist die Demenz ein Glücksfall gewesen. Nie war mein Vater weicher. Er war nie gefühlsbetonter und ehrlicher.

Als wir zusammen verreisten, nur er, der Römer und ich, da sprach er einige Sätze, die ich nie vergessen werde. Sätze, die seine Hilflosigkeit ausdrücken. Sätze, die zeigen, dass er nicht mehr Herr über seinen Körper ist. Sätze, die aber auch zeigen, was er gerne anders gemacht hätte.

„Könnte ich nochmal die Zeit zurückdrehen“, sagte er auf der Rückbank eines Taxis in Rom „dann wäre mir das ganze Geld egal. Ich habe soviel gearbeitet und hatte nie Zeit für euch. Das tut mir so unendlich Leid.“ Und dann guckte er mich mit festem Blick an. „Aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich wusste es doch nicht besser.“

Jetzt füllten sich seine und meine Augen mit Tränen. Ich reichte ihm wortlos ein Taschentuch und er drehte sich zur Seite, denn ich weiß, dass er nicht weinen mag vor mir.

„Papa, du hast alles nach bestem Wissen und Gewissen getan. Es war alles gut so wie es ist. Umso schöner ist es doch jetzt Zeit miteinander zu verbringen.“ antwortete ich, mittlerweile wieder gefasst und drückte seine Hand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Aber ich kann doch nicht mehr so wie ich will. Ich würde gerne viel mehr können, aber mein Körper macht nicht das, was ich ihm sage. Er geht zu langsam, er stolpert, er muss auf’s Klos, wenn’s mir nicht passt und gibt mir kaum 5 Minuten ihm seinem Wunsch nachzukommen. Sonst zieht er einfach sein Ding durch. Ohne mich zu fragen.“ erzählt er traurig und auch ein bisschen verärgert. „Na, dann gehst du deinen Bedürfnissen nach. Wenn dein Körper stolpert, helfen wir dir auf. Wenn du langsamer gehst, gehen wir auch langsamer. Wenn du mal musst und zwar jetzt sofort, dann finden wir hier ganz sicher genug Toiletten. Egal, was es ist, wir finden eine Lösung dafür. Du bist nicht allein.“ versuche ich ihn zu beruhigen.

Er drückt meine Hand und schweigt. Während uns das Taxi über die Pflastersteine Roms schuckelt, döst mein Papa ein. Meine Hand fest in seiner. Er lächelt zufrieden in seinem Halbschlaf und ich weiß, egal wie, irgendwie wird es weitergehen.