Das Leben meines Großvaters

Ich weiß dein Geburtsdatum auswendig. Doch deinen Todestag weiß ich nicht, obwohl er sich unaufhaltbar jährt. Irgendwann im März ist es geschehen, in einer Klinik in Bad Aibling.

Die Nähe zu den Bergen, das hätte dir sicher gefallen. Die Maschinen, die ihre Arbeit machten, dabei vehement pumpten und piepten, wohl weniger. Mitten in der Nacht bist du von uns gegangen. Daran erinnere ich mich noch, denn morgens rief mein Vater bei mir an.

Der Tag deiner Beerdigung war ein milder Märztag. Selbst der Himmel putzte sich heraus. Geschmückt war er mit ein paar wattigen Wolken, die sich gleichmäßig verteilten.

Die Kiesel der Friedhofsallee knirschten unter unseren feinen Winterschuhen als wir von der Aussegnungshalle zu deinem letzten Ort gingen. Wahrscheinlich war dein Sarg hellbraun. Aber so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Viele Leute waren da. Das hätte dir gefallen. Jeder von uns sollte eine kleine Schaufel Erde auf deinen Sarg werfen. Die schwarz gekleideten Zaungäste um uns herum schauten sich den Vorgang mit ernster Miene an. Der Pfarrer hangelte sich routinemäßig von Gebet zu Gebet. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub.

Am nächsten Tag betrachteten wir die Blumenkränze an deinem Grab. Man sah, dass du in vielen Vereinen warst. Dein liebster war der Spielhahnjäger Verein, Gebirgsjäger. Deine Division als du mit 19 Jahren nach der Lehre einrücken musstest. Dein bester Freund fiel ein Jahr später durch eine Granate. Du standest nur wenige Meter von ihm entfernt. Ein Granatsplitter grub sich in deine rechte Hand und verkapselte sich. Bis zu deinem Tod hast du den Splitter unter deiner Haut getragen. Gut sichtbar, gut spürbar. Loswerden wolltest du ihn nie. Es war deine Geschichte.

Bis ins hohe Alter wachtest du nachts oft schreiend auf. Außer deinen vier Kriegsgeschichten, die du uns Enkeln ab und an zum Besten gabst, wolltest du nie über diese Zeit sprechen. Diese vier mussten reichen, denn alle anderen Erinnerungen aus dem Krieg waren unaussprechlich.

Konditor wärst du gerne geworden, verrietst du mir als ich ein Schulpraktikum machen musste. Stattdessen wurdest du Lehrling in der Bank. Ein Glücksfall für einen Burschen, der in einer Baracke neben der Glaserei geboren wurde.

Zwei Tage nach deiner Rückkehr aus dem Gefangenenlager standest du wieder in der Bankfiliale. Froh warst du um dieses kleine Stück Normalität. Die damaligen Kunden haben dich erst gar nicht erkannt, so ausgemergelt warst du. Mehrere Jahre in Gefangenschaft hinterlassen ihre Spuren.

Doch ein Schlitzohr warst du schon immer. Als du in Gefangenschaft so schwach warst, dass dir alles egal war, hast du alles auf eine Karte gesetzt. „Malaria“, antwortetest du dem russischen Arzt auf die Frage was dir fehle. Ob es Mitleid war, dass er deine Freilassung abstempelte? Noch Jahrzehnte später rätseltest du.

Lieber Opa, ich möchte deinen Todestag gar nicht auswendig wissen, weil du für mich durch diese Erinnerungen nicht lebendiger sein könntest.

Zuerst erschienen auf story.one.