Der Sohn einer Mutter

In meinem Leben wurde es mir einfach gemacht all die richtigen Entscheidungen für mein Leben zu treffen:

Ich bin das letzte von vier Kindern, verwöhnt von Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Auch wenn es viele Unstimmigkeiten zwischen meinen Eltern gab und gibt, wusste ich, im Notfall sind sie für mich da und holen mich schluchzend, frierend und verzweifelt ab. Sie sind meine Eltern. Egal was passiert. Als der Römer hierher gezogen ist und wir finanziell mehr als schlecht standen, boten sie uns an, uns unter die Arme zu greifen. Ich fragte nie danach. Sie waren einfach für uns da. Finanziell und emotional unterstützend. Als ich über den Römer herzog, wusch mir mein Vater den Kopf. Eine Ehe ist nicht nur Sonnenschein und 365 Tage im Jahr Schokoladeneis mit Sahne und Kirschen. Ich war sauer auf ihn, auf die Welt, aber dann verstand ich.

Es war mir ein leichtes durch ihre Unterstützung den richtigen Weg zu wählen. Weil ich in einer Familie mit Rückhalt aufgewachsen bin. Weil das Schicksal mich in diese Familie geschickt hat. Ich hatte Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Viele meiner Entscheidungen sind nicht mein Verdienst. Es war eine glückliche Fügung Gottes.

Heute gingen der Römer und ich mit Signorino im Kinderwagen spazieren. Wir kauften Mineralsalze für den Kleinen (Bei Koliken und wer daran glaubt: Die Nummer 20 ist der heiße Tipp – und die Nummer 7). Die Kasse zeigte: 4,95 €. Wir kauften im Drogeriemarkt diverse Sachen ein: 42,89 €.

Wir gingen mit vollen Tüten nach Hause, ließen diese dort stehen und wollten noch eine Runde am Fluss spazieren gehen. Eben aus der Tür, 80 Meter von unserem Haus entfernt, kommt uns ein junger Mann entgegen. Mein Alter. Abgetragene, aber ordentlich gewaschene Kleidung. Ich nehme ihn gar nicht richtig war. Er geht an uns vorbei. Nach 5 Metern dreht er sich um, sagt zögernd „Entschuldigung,…“ in den grauen Winterhimmel. Er meint uns. Wir drehen uns um – Kinderwagen fest im Griff. Wir mustern ihn. Er trägt einen roten Kapuzenpulli, die Kapuze über das mittelbraune, kurze Haar gezogen. Schlank ist er, aber nicht hager. Eine khakifarbene Bomberjacke, Jeans, ein kantiges Gesicht. Markante Wangenknochen. Braune, verunsicherte Augen.

„Entschuldigung, ich weiß, ich will euch gar nicht lange aufhalten…nur… es ist…“ Er stockt. Er guckt uns verängstigt an. Sein Körper: angespannt. Wie ein scheues Tier steht er da. Ich lächle ihm aufmunternd zu. Er macht weiter. 5 Meter von uns entfernt. Er hat Angst näher zu kommen.

„Ich wollte nur fragen, wie das ist. Ob ich vielleicht nach einer Spende fragen kann… weil…“ Er will sich verlegen ins Haar fassen, doch da ist die Kapuze.

„Also es ist so… ich wurde vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen und ich weiß, es ist doof nach einer Spende zu fragen. Aber ich weiß nicht, ob ihr sie kennt: Die Notunterkunft in der Schmidtstraße. Ich kann sie mir nicht leisten und die Nächte sind momentan eiskalt. Es ist nur so: Das Jobcenter zahlt noch nicht für mich, auch nicht für die Notunterkunft. Die verrechnet die Caritas direkt mit dem Arbeitsamt, aber da bin ich noch nicht freigeschaltet und jetzt muss ich Leute fragen, ob sie mir helfen können. Es ist Winter und es ist kalt. Im Sommer würde ich gar nicht fragen, aber ich wurde doch erst vor drei Wochen entlassen… und…“ Er redet viel zu schnell, rechtfertigt sich für Dinge und Situationen, wiederholt sich, er möchte jetzt wahrscheinlich überall sein, nur nicht hier, das Paar mit dem Kinderwagen fragend, ob sie helfen können.

Ich unterbreche ihn: „Darf ich dich fragen wie viel die Notunterkunft pro Nacht kostet?“ Ich lächle. Er soll keine Angst haben. Er muss keine Angst haben.

„2,50 Euro pro Nacht. Nur, die hab ich nicht. Ich kann’s mir nicht leisten.“ Er guckt betroffen. Wir gucken betroffen.

„Amore, hast du Scheine in deinem Geldbeutel? Ich habe keinen Geldbeutel mitgenommen.“ frage ich den Römer. Signorino liegt in der Zwischenzeit in seinem Kinderwagen, seelig schlummernd, geliebt und warm eingepackt an diesem kalten, grauen Tag. Der Römer nickt und kramt in seiner Tasche. 15 Euro – mehr haben wir leider nicht dabei.

Der Römer guckt mich an. Zögernd. Den jungen Mann. Mich. Das Geld. Unseren Sohn. Er geht zu dem armen Kerl.

„Hier. Für dich!“ und drückt ihm die 15 Euro in die Hand. Er klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ist das euer Ernst? Das sind sechs Nächte!! 6 Nächte!! Ihr verarscht mich, oder?“ Der junge Mann hat Tränen in den Augen. Ich auch.

„Nein, nein. Guck, dass du wieder auf die Beine kommst. Das Leben ist nicht nur hart und gemein. Wir drücken dir die Daumen. Wirklich!“ sage ich und meine es auch so.

„Danke.“ schnieft er und versucht sich zusammenzureißen. „Das hat noch nie jemand für mich getan.“

Der Satz trifft und hallt noch lange in meinem Kopf nach. „Das hat noch nie jemand für mich getan…“

Ich will ihn in dem Moment umarmen, aber ich trau mich nicht. Er ist der Sohn einer Mutter. Er war genauso ein unschuldiges Baby wie Signorino und steht nun auf der Straße und freut sich über 15 Euro als hätte sich ihm eine Welt eröffnet.

Nicht jeder hat Eltern wie meine oder die des Römers. Nicht jeder hat so viel Glück im Leben. Nicht jeder hatte eine Kindheit über die nur zusagen bleibt, dass sie „schwierig war“, weil die Eltern viel gestritten haben. Nicht jeder hatte das Glück, dass einem die Elten Werte und Normen vermittelt haben, die weit über die üblichen „Halte die Tür auf, wenn jemand hinter dir geht“ hinausgehen. Nicht jeder hat Eltern, die einen mit offenen Armen empfangen, würde man aus dem Gefängnis kommen. Nicht jeder wurde mit Liebe und Aufmerksamkeit in seinem Leben überhäuft.

Nicht jeder konnte die richtigen Entscheidungen in seinem Leben treffen.

Ich konnte. Der Römer konnte und hoffentlich kann auch der kleine Signorino.

Eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen würde: „Hilf Menschen in Not, wenn du die Möglichkeit hast. Das ist deine Pflicht – als Christ, als Moslem, als Mensch.“ Ein Wert, den ich von meinen Eltern gelernt habe.

Du weißt nie, ob du jemals in seinen Schuhen steckst. Dann möchtest du keine abschätzigen Blicke ernten. Du willst kein Kopfschütteln von gut gekleideten Investment-Bankern sehen. Was sind schon 15 Euro für die gesunde Mittelschicht? Einmal Kaffee trinken und Kuchen essen gehen zu zweit? Ein Einkauf bei DM? Ein Zoobesuch?

Aber für ihn ist es vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Hoffnung, dass nicht alles komplett scheiße ist. Hoffnung, dass sich das Kämpfen lohnt. Hoffnung, dass man nicht aufgeben darf.

Ich hoffe, der junge Mann kommt auf die Beine.

Denn am Ende ist jeder nur das Kind einer Mutter. Nie habe ich den Satz so gut verstanden wie jetzt. Jetzt, wo ich die Mutter von Signorino bin.

Ich hab da mal ein paar Fragen…

Der Eine ist meistens etwas zurückhaltender, wenn es um das Thema Schwangerschaft geht. Für ihn ist das alles nicht greifbar und zu sehr ist es von seinem Lebensentwurf entfernt. Als homosexueller Mann kann und will er sich keine Kinder vorstellen. „Wer das für sich möchte, der kann das gerne machen. Aber die Natur limitiert mich da. Ich möchte keine Kinder, weil ich sie nicht auf natürlichem Weg produzieren kann. Und alles andere würde mir persönlich falsch vorkommen.“

Dennoch ist er höflich interessiert an meiner Schwangerschaft. Letztens rief er an. Er war gerade auf den Galapagos Inseln und er erzählte mir von seiner Reise, die er sich, nun als Single, selbst schenkte. Da ich nicht mehr viel reisen kann, stillt er mein Fernweh mit seinen grandiosen Bildaufnahmen.

Als wir auf mich zu sprechen kommen, das übliche „Und? Was gibt’s bei dir neues?“ abgeschlossen haben, fängt er an: „So, ich hab da mal ein paar Fragen… Thema: Schwangerschaft und Kindererziehung.“

Ich muss lachen. Im Hintergrund heult ein Seehund laut auf.

„Jaaaaaa….?!“ entgegne ich gespannt auf das, was da kommen mag. „Also, erster Punkt: Name! Habt ihr schon einen?“ fragt er. „Ja, den haben wir schon. Seit der sechsten Schwangerschaftswoche. Ist mir in der Dusche eingefallen.“ erkläre ich ehrlicherweise und muss dabei kichern als „..in der Dusche eingefallen“ in meinem Kopf nachhallt. „Uuuuuund?“ erwidert er neugierig. „Der ist geheim und ich sag dir auch warum: Vor der Geburt erlaubt sich jeder einen oftmals verletzenden oder unqualifizierten Kommentar zum Namen. Beispielsweise kannte man damals in der Schule einen XY , der ein schlimmer Nasenpoppler war oder was auch immer. Wir möchten uns den Namen nicht entzaubern lassen.“ erkläre ich. „Aha. Gut, verstehe ich.“ antwortet er knapp – wie es so seine Art ist.

Im Hintergrund streiten sich anscheinend zwei Seelöwen, denn für ein paar Sekunden verstehe ich kein Wort am Telefon. Wir müssen beide lachen – zu absurd ist die Situation. All die Fragen des Einen, mit seiner für ihn typischen, stakkatoartigen Fragerunde, dazu das Brüllen der Seelöwen und das Rauschen des Meeres. Ca. 11000 km von einander entfernt – aber doch so nah.

„Nächster Punkt!“ macht er weiter. „Religion! Ihr habt eine unterschiedliche Religion. Du bist als Christin geboren, er ist Moslem. Wie macht ihr das?“ fragt er neugierig.

„Na ja, er bekommt einfach das Beste von beiden Religionen mit. Ganz einfach!“ gebe ich grinsend zurück. Damit will sich der Eine nicht zufrieden geben und hakt weiter nach.

„Wir haben uns schon vor einigen Jahren unterhalten. Es ist ganz einfach: Jeder Elternteil bringt seine Religion in die Ehe ein. Und wenn der kleine Bambino alt genug ist, entscheidet er, ob er Christ oder Moslem, vielleicht aber auch Buddhist oder Atheist sein will.“ Ich setze kurz ab, trinke einen Schluck Wasser und führe meinen Monolog fort: „Für meine Familie gab es nur das Christentum. Mein Opa war unglaublich gläubig und immer enttäuscht, wenn wir nicht – wie er – drei Mal die Woche in die Kirche gingen. Dennoch habe ich viel von ihm gelernt. Ich glaube an die Bibel, ich glaube an Gott, aber ich glaube nicht an die katholische Kirche als Institution. Ich glaube nicht an den Vatikan und ich glaube nicht, dass Gott einen von Menschenhand gewählten Vertreter braucht oder haben sollte.“ führe ich meine Religionsansichten weiter aus. „Ja, das weiß ich.“ stimmt der Eine, der ganz Atheist ist, zu. Ich setze wieder an: „Nun ist es so, dass der Römer ein gläubiger Moslem ist. Wann immer er kann, geht er in die Moschee. Abends murmelt er ein arabisches Gebet zum Wohlbefinden des Bambinos und ich bete mein deutsches, christliches Gebet. Keiner drängt dem Kleinen eine Religion auf. Wir bestehen aber darauf, dass er beide Religionen so gut es geht kennenlernt. Weihnachten wird genauso wie das Opferfest gefeiert. Der Islam, seine Gebete, Gotteshäuser und Riten sollen ihm ebenso vertraut sein wie alles rund ums Christentum. Am Ende entscheidet er, sobald er alt genug ist. Womit wir auch wieder beim Thema Namen wären…“ beendete ich meinen Dialog.

„Warum?“ fragt der Eine. „Na, wir wollten einen religiösen Namen, der sowohl im Christentum vorkommt als auch im Islam. Selbst im Judentum kommt dieser Name vor, Und da war mein „Dusch-Einfall“ perfekt. Der Name funktioniert in Italien, in Deutschland, in Albanien und auch in Amerika wird er keine Schwierigkeiten haben.“ erkläre ich.

„Na, da bin ich aber gespannt!“ gibt der Eine zurück. Im Hintergrund wieder das Seelöwenbrüllen. „Das kannst du auch!“ gebe ich geheimnisvoll zurück.