Autofahren in Albanien

Vorab die gute Nachricht: Sollten Sie, liebe Leser, das Fahren eines Kraftfahrzeugs nicht so gut beherrschen wie sie es gerne würden, dann machen Sie sich keine Sorgen. Man wird es Ihnen nicht übel nehmen. Sollte die letzte Fahrt schon etwas länger her sein: Keine Panik! Sie befinden sich in bester Gesellschaft.

Im Buch „Lügen auf Albanisch“ von Francine Prose (muss ich das jetzt mit *Werbung kennzeichnen?! 😄) beschreibt die Protagonistin Lula wie und warum ihre Landsmänner so Auto fahren wie sie es eben tun: Unter Enver Hoxha gab es keine Privatautos, nur „Parteibonzen“ sei es erlaubt gewesen, Auto zu fahren. Nachdem das Land geöffnet wurde, stürzten sich alle gierigst darauf, auch ein Auto zu besitzen. „Erst einmal besitzen – das Fahren kommt von allein.“ so dachte und denkt man – bis heute. Das Problem ist: alle fahren als hätten sie den Führerschein erst seit fünf Minuten.

Ich lasse Sie gerne an einigen Beispielen teilhaben:

Der Blinker wird grundsätzlich nicht benutzt. Das ist etwas für Ausländer. Man wird schon am Bremsverhalten merken, dass das Auto vor einem einscheren möchte. Ausgleichend dafür wird gerne die Warnblinkanlage benutzt. Leidenschaftlich und oft – meist ohne ersichtlichen Grund. Man fährt einfach gerne mit dieser Disko ähnlichen Lichtinstallation durch die Dörfer. Dazu kommt: Das Fernlicht ist meistens an. Komme was da wolle. Man möchte auch was sehen.

Einzige Ausnahme: Wenn man die Lichthupe benutzen muss. Dann setzt man das Fernlicht für ein paar Bruchteile von Sekunden aus. Man verdeutlicht gerne, dass man als größeres Auto das Vorrecht auf der linken Spur hat und ein Kleinwagen da nun wirklich nichts zu suchen hat.

Hindernisse gibt es auch unzählige: Die reichen vom betrunkenen Großvater auf dem Rad (mit einem sehr großen und fantasievollen Wendekreis) über streunende Hunde, die das Prinzip Auto noch nicht verstanden haben und keinen Zentimeter von der Straße weichen, bis hin zu Schlaglöchern, so groß wie bayerische Seenlandschaften, die aus dem nichts auftauchen. Rechnen Sie immer mit allem.

Dazu gibt es noch die Bonusversion, die aus albanischen Hochzeiten (meistens Donnerstags oder Sonntags), waghalsigen Überholmanövern, plötzlich bremsenden und anhaltenden Autos auf der rechten Spur der Autobahn, Obst, das von den Obstständen in die Straße kullert, Esel- und Pferdekarren (ja, ich dachte auch, es ist ein Klischee – aber fahren Sie mal auf ruraleren Straßen), Müttchen, die in Trauben auf der Autobahn spazierengehen,… usw. besteht.

Es gibt keinen – und zwar wirklich keinen Spezialeffekt – den es nicht gibt. Seien Sie auf alles gefasst. Wirklich auf alles! Aus dem nichts.

Vielleicht können Sie nicht wirklich gut Auto fahren. Das sollte, wie eingangs erwähnt, kein großes Problem sein. Aber Sie sollten eine schnelle und ungetrübte Reaktionsfähigkeit haben. Seien Sie auf alles vorbereitet und schonen Sie Ihre Stimme. Sie werden die Fahrweise der Albaner nicht ändern. Die Albaner werden aber wiederum Ihre Fahrweise ändern. Man wird nachlässiger, mutiger, man wendet, wo es gerade passt oder man zieht in letzter Sekunde raus, weil ein Auto auf der rechten Spur plötzlich auf der Autobahn parken muss (ohne Warnblinkanlage – das wäre ja pure Übertreibung). Letzteres empfehle ich Ihnen nicht, wenn Sie den Kleinwagen haben und das Auto, das hinter Ihnen bremsen muss ein teurer SUV ist. Aber es ging ja nochmal gut. Stichwort: Reaktionsfähigkeit.

Noch ein Tipp: Die besten Restaurants finden Sie in den entlegensten Gegenden. Wundern Sie sich nicht, wenn plötzlich die Straße aufhört und nur noch eine bergige Schotterstraße den kläglichen Weg weißt. Sie werden belohnt – hier zum Beispiel:

(Verzeihen Sie mir meine kläglichen Fotokünste – ich war mit Essen und Genießen beschäftigt)

Das Restaurant ist – wie sollte es auch anders sein – auf Fisch spezialisiert. Etwas unterhalb gibt es eine kleine Badebucht mit Liegen. Ach, und wenn Sie genervt sind von den zwei kleinen Kätzchen, die auf der Terrasse rumschleichen und um ein Stück Fisch miauen: Geben Sie nach! Danach beruhigen Sie sich. Glauben Sie mir, eine andere Möglichkeit haben Sie nicht. Auch nicht beim Autofahren.

Die Gastronomie ist nicht für jedermann

Was würde man wohl eher bevorzugen, wenn man keine andere Wahl hätte? Ein Café mit schlechtem Service, aber guten Produkten oder ein Café mit gutem Service, aber schlechten Produkten?

Es gibt ein Café in unserer Stadt, das tolle, qualitativ hochwertige Produkte hat. Ich lernte es vor drei Jahren kennen und lieben. Der Service war flott, freundlich und charmant. Jede Woche ging ich gerne hin und freute mich auf „mein Café“. Denn irgendwann wird aus einem Café das eigene Wohnzimmer, in dem man sich wohl und – soweit würde ich gehen – geborgen fühlt.

Doch irgendwann verschlechterte sich der Service. Nicht nur ein bisschen, sondern eklatant. Ständig gab es neue Servicekräfte und ständig schien einer lustloser als der andere. Es schien als würden sie einem einen Gefallen tun, wenn sie einen halbherzig bedienten.

Da ich das Café nicht aufgeben will, weil ich wirklich, wirklich überzeugt war, gehe ich alle 4-5 Monate hin und versuche auf’s Neue mein Glück.

Was soll ich sagen? Es war wie immer. Schlechter, lustloser Service. Gute Produkte. Der Andere, der mich begleitete, raunte mir zu: „Ich ahne schon wieder wo das hinführt.“ als wir nicht zurück gegrüßt worden sind beim Reinkommen. Wir wurden ignoriert. Frei übersetzt heißt das: „Sie sind nicht willkommen hier.“

Vielleicht schulde ich euch/Ihnen eine kurze Erklärung. Der Andere und ich lernten uns in der Luftfahrtbranche kennen, in der wir immer noch tätig sind. Der Andere, ein Service Genie, ging bald darauf auf eigenen Wunsch in die erste Klasse und lieferte einen tollen Service ab. Er war flink, charmant, las jeden Wunsch von den Augen ab und lies jeden Gast spüren, dass er mehr als willkommen ist. Das selbe tat er sowohl in der Geschäftsklasse als auch in der Touristenklasse. Man sah eindeutig auf welcher Seite des Flugzeuges er arbeitete und auf welcher die mürrische Kollegin arbeitete.

Ich bin keine geborene Servicekraft, wandte aber die Regeln an, die ich selber in einem Restaurant für richtig und wichtig erachte. Dazu gehört: Ich möchte mich willkommen fühlen und zwar von Anfang bis Ende. Meine Fragen sollten höflich und kompetent aufgenommen und beantwortet werden. Leere Teller, vor denen ich mehr als fünf Minuten sitzen muss, machen mich nicht glücklich. Ich möchte kein leeres Glas haben: Entweder es wird abgeräumt, weil ich keinen Durst mehr habe oder es wird mir aufgefüllt. Es ist gar kein Problem, wenn etwas nicht vorrätig ist oder daneben geht. Darüber kann man hinweg sehen, wenn man charmant und freundlich bedient wurde und wird.

Es ist auch nicht jeder für den Service geboren. Ich würde durchaus behaupten, dass es eine Kunst ist. Das merkt man auch, wenn man in der Schweiz ist. Das kleine Nachbarland ist uns Lichtjahre voraus, wenn es um exzellenten Service geht. Nie war ein Service charmanter, diskreter, weder aufdringlich, noch nachlässig. Man kannte seine Produkte, man begleitete das Essen mit allergrößtem Engagement und Motivation. Man fühlte sich willkommen – vom ersten Moment der Erscheinens bis zum letzten Moment des Verabschiedens. Man war in erster Linie Gast und in zweiter Linie zahlender Kunde.

Selbst wenn das Produkt an einem Tag nicht optimal ist, kann man darüber hinwegsehen. Man merkt es an, es wird höflich entgegen genommen und versucht, das Problem zu beheben und dem Gast einen schönen Abend zu bereiten. Denn der Gast wird sich an das Beschwerdemanagement weitaus besser erinnern als an die versalzene Suppe. Und so gewinnt man Stammkunden. Warum sollte ich an einem Ort mein Geld lassen, an dem ich nicht willkommen bin?

Ein herzlicher (und nicht halbherziger) Service zeichnet wahre Gastfreundschaft aus. Und darum geht’s doch bei jedem Job: Mit Herzblut dabei zu sein. Auch bei einem Studentenjob. Denn es gibt sicher noch unzählige, andere Ideen wie man Geld verdienen kann. Es muss nicht immer der Job im Café oder im Restaurant sein.

Ramen Nudelsuppe in Nagano, Japan. Der Service war – wie in Japan üblich – erstklassig.