Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Es ist 03:30 Uhr nachts. Draußen ist es kalt, aber nicht so kalt wie ich dachte, als ich mir vorhin schnell den Mantel überwarf. Signorino brüllt. Eben so wie er das seit 7 Uhr morgens machte. Der einzige Unterschied zu tagsüber ist, dass er jetzt keine Schrei-Pausen mehr macht. Er schreit seit 22 Uhr ununterbrochen. Dabei tastet, oder vielmehr wühlt, er sich stimmlich durch mehrere Oktaven. Wir haben alles versucht. Und mit alles meine ich jede erdenkliche Idee, die uns Eltern in den Sinn kam. Nur der, der schreit, gibt uns keinen Hinweis darauf, wie zum Henker er beruhigt werden möchte. Der Geistesblitz, dass kühle, frische Luft entspannend wirkt, kam mir übrigens gegen 03:15 Uhr, weswegen wir uns hier in der menschenleeren Allee befinden. Nicht einmal ein Auto rollt die Straße entlang. Nur Signorinos Brüllen lässt erahnen, dass hier Menschen wohnen. Und, das Brüllen gibt einen weiteren Hinweis: Mein Plan ging nicht auf. Kühle, frische Luft wirkt in dieser Nacht weder auf das Kind, und, in diesem Zuge auch nicht auf die Eltern, entspannend. Wir flüchten nach Hause, quälen uns hastig durch den Hausflur und laufen zur Wohnungstür. Schnell schließen wir sie hinter uns. Das Kind kreischt noch immer und wir stehen einer Mauer aus Gefühlen gegenüber, die aus Hilflosigkeit, Scham, Wut, Verzweiflung und Mitleid konstruiert wurde. Jeder Schrei Signorinos ist ein neuer Backstein dieser Mauer, die sich minütlich höher und höher schraubt und damit unüberwindbar scheint.

Dazu haben wir uns als Eltern eines Schreikindes zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mal gestritten, aus Verzweiflung angebrüllt, uns gegenseitig die Schuld an Signorinos Schreien gegeben und am Ende mit dem sofortigen Verlassen der Familie gedroht. Nicht, weil irgendwer das tatsächlich vor hätte. Viel mehr, weil wir nicht mehr weiter wissen. Um 03:35 Uhr ist der Römer an dem Punkt, an dem wir schon öfter waren: “Ruf das Jugendamt – oder vielmehr die Polizei! Die sollen uns Signorino wegnehmen. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.” Ich nehme ihm das nasse Bündel heulender und schreiender Mini-Mensch ab. Es brüllt und schlägt um sich. Letzteres ist neu und mit unter schmerzhaft, wenn er die Augenbraue mit dem kleinen Ellbogen trifft.

Um 03:42 Uhr rufe ich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Signorinos Zustand ist nervenaufreibend, aber sicher nicht lebensbedrohlich. Meine Daten werden aufgenommen und an den diensthabenden Arzt weitergeleitet. Er rufe gleich zurück, sagt der nette Herr am Telefon. Man merkt jedoch, dass er hinsichtlich der Problematik des seit Stunden schreienden Kindes auch nicht recht weiß, was man den Eltern raten soll. Ist ein stundenlanges Schreien überhaupt ein medizinisches Problem oder viel mehr ein psychisches? Sind die Eltern nur überfordert oder steckt eine ernste Angelegenheit dahinter? Fast scheint es mir, als belächle der Herr in der Hotline unsere Situation. Und sollte er sie nicht belächeln, so fand er sie vermutlich übertrieben. Dabei muss ich an den Satz “Ein Kind schreit halt mal.” denken. Wie oft habe ich diesen Spruch von meinen Umfeld gehört? Jedem einzelnen dieser Personen wünsche ich eine, nur eine einzelne Nacht mit einem Schreikind.

Sie sehen es an der bunten Kleidung: Das war ich in den wilden 90ern.

Während wir auf den Anruf des diensthabenden Arztes warten, ziehen wir Signorino wieder um. Er weint und brüllt so viel, dass sein Pyjama-Oberteil nass ist. Vier Mal haben wir ihm in den letzten Stunden das Oberteil gewechselt, weil es ganz durchweicht war. Signorino beruhigt sich noch immer nicht. Ich versuche das Handy zu hypnotisieren, auf dass der Arzt baldmöglichst zurückrufen würde. Doch nichts passiert.

Der Römer legt sich in das Kinderbett. Signorino krabbelt dazu, will aber von niemanden angefasst werden. Alle Versuche schlägt er vehement zurück. Der Römer spielt eines von Signorinos Lieblingsliedern ab, auf dass sich der kleine Kerl beruhigen möge. „Je t’aime.„, haucht die hübsche Südfranzösin durchs Kinderzimmer. Signorino kreischt weiter. Der Trick mit dem Lied war sicher ein Versuch wert. Aber was die letzten sechs Stunden nicht geklappt hat, wird jetzt vermutlich auch nicht klappen.

Das Videoportal schlägt mir Regengeräusche als Meditations- und Einschlafmusik vor. Ich klicke auf den Vorschlag. Was habe ich schon zu verlieren? Es regnet nun klangvoll im Kinderzimmer. Der Römer dreht sich nach rechts. Signorino tut es ihm nach. Es sähe witzig aus wie der sehr kleine Signorino der große Löffel sein will, wenn wir nicht in dieser Situation gefangen wären, aus der vermutlich alle Beteiligten hoffen, schnellstmöglich ausbrechen zu können. Am Telefon tut sich noch immer nichts.

Der kleine Löffel weint und wimmert. Wie gerne würden wir ihm helfen! Mein kleiner Spatz. Der Römer will ihn in den Arm nehmen und dreht sich um. Signorino will immer noch keine Berührung zulassen und rastet nochmals richtig aus. Der Römer dreht sich einfach um und hält sich die Ohren mit einem Kissen zu. Signorino setzt sich auf und starrt mich, die ich gegen das Bett gelehnt bin, mit großen, geschwollenen Augen an. Der Mund ist weit aufgerissen. Meine Hand schlägt er weg.

Nach kurzer Zeit legt er sich wieder hin. Er schreit, wimmert, es wird etwas leiser, dann wieder lauter, dann kann man nur noch ein klägliches Gejammer vernehmen. Langsam, langsam wird es schwächer. Er atmet gleichmäßig. Zwei Mal schreit er noch, dann ist Ruhe.

Nach 6 Stunden Dauerschreiens.

Um 04:02 Uhr ruft der diensthabende Arzt an. Ein älterer Hesse mit Bierbauch und Rauschebart. Die beiden letzten Details kann ich zwar nicht explizit hören, aber mein Kopf konstruiert sie so. “Sie haben wegen Ihres Sohnes angerufen.”, spricht er. Ich schleiche mich aus dem Kinderzimmer und flüstere: “Ehrlich gesagt hat sich das Problem gerade nach Stunden erledigt. Er ist eingeschlafen.” Der Arzt räuspert sich. “Eingeschlafen? So, so. Na dann, auf bald!” Ich hoffe, er meint die letzten Worte seines Satzes nicht ernst.

Ja, ich habe es mir idyllischer vorgestellt, dieses Muttersein. Natürlich nicht mit einem Himmel voll rosa Wolken und einem immer gut gelaunten Baby. Aber mit einem Kind, das nicht stundenlang kreischt. Es ist unheimlich kräftezerrend.

Dennoch: Es ist besser geworden seit er ein Kleinkind ist. Aber ab und an, wenn er zahnt oder es ihm besonders schlecht geht, wird er zu dem Schreibaby, das er war. Es geht mir dermaßen an die Substanz, das ich mir in diesen Situationen wünsche, nie Mutter geworden zu sein. Nur wer in etlichen dieser Situationen war, kann die Ohnmacht und Wut darüber nachvollziehen.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schiele ich durch die Wohnzimmertür. Dort sieht es aus wie nach einem Kampf: Ein angebissenes Brot liegt verteilt auf der Couch. Daneben Wäscheklammern, Papierschnipsel, ein Kinderschal und Mützen. Daneben stapeln sich Winterjacken auf dem Stuhl. Zwei Wasserflaschen stehen auf dem Boden. Kissen liegen überall verteilt herum. Auf dem Tisch steht eine Schüssel Haferbrei, den ich um 01:30 Uhr für Signorino kochte. „Vielleicht hat er nur Hunger?“, dachte ich, denn den ganzen Tag aß er kaum etwas. Doch selbstredend verschmähte er den Brei. Nicht einmal Schokolade wollte er.

Um 04:35 Uhr schreckt Signorino wieder hoch. Er brüllt abermals, schlägt um sich, ist extrem aggressiv. Alles, was er greifen kann, schleudert er durch das Kinderzimmer. Dann steht er auf, geht durch die Wohnung, rastlos, ziellos, planlos. Nichts und niemand kann ihn beruhigen. Der Römer kommentiert, das Kind sei ein Besessener, ein Psychopath. Vielleicht mag Ihnen die Wortwahl extrem hart erscheinen, denn schließlich reden wir hier über einen knapp Zweijährigen. Und in einer normalen bis tolerierbaren Situation haben Sie absolut recht. Doch dies ist eine Ausnahmesituation. Dazu kommt die Müdigkeit aller drei Protagonisten. Und Müdigkeit, so viel sei gesagt, ist ein unbarmherziger Gefährte. Jede trüb erscheinende Situation wird augenblicklich zu einer rabenschwarzen. So auch hier: Ein stockfinsterer, vor Trostlosigkeit tropfender Schleier legt sich auf den gegenwärtigen Moment, der dadurch vollkommen aussichtslos wirkt.

Natürlich geben wir nicht auf und versuchen alles, damit Signorino sich wieder beruhigt. Der Römer verliert seinen kühlen Kopf und redet von der Einweisung in die Psychiatrie. Ob er damit uns oder aber das Kind meint, weiß ich nicht. Wir sind wieder drauf und dran uns anzuziehen, loszufahren und ins Krankenhaus zu eilen. Seltsamerweise kommt mir in den Sinn, dass wir erst eine Suchmaschine befragen sollten, was das sein könnte. Google* ist sich sicher: Ein Nachtschreck. Würde Google sprechen können, wäre es eine dieser Übermütter, die abwechselnd sanft und flötend säuseln. “Streicheln Sie Ihr Kind nicht! Fassen Sie es nicht an, auch wenn es schwer fällt. Reden Sie stattdessen sanft und leise auf ihr Kind ein. Nach 10 bis 15 Minuten ist der Schreck vorbei und ihr Kind schläft wieder ein. In Ausnahmefällen kann es auch 45 Minuten dauern.

Oder in unserem Fall eineinhalb Stunden. Das ist zwei Mal der Ausnahmefall. Aneinandergereiht.

Um 06:15 Uhr schläft Signorino endlich ein. Man soll laut Google* bloß keine Lieder abspielen, Licht anmachen, das Kind wecken (haha – als ob das möglich wäre). Letztendlich habe ich mich der Suchmaschine widersetzt und ein Lied von Ultimo, einem italienischen Sänger, abgespielt. Am Anfang dieses Liedes zählt der Sänger leise und melodisch: “Uno, due, tre. Uno, due, cento. [Eins, zwei, drei. Eins, zwei, hundert.]” Ja, genau so fühlt sich diese Nacht an. Irgendwie verrückt, unlogisch, unerklärbar. Als würde man bis 100 zählen, aber die Ziffern 3 bis 99 dabei weglassen. Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.

Am nächsten Tag schäme ich mich durch unseren Hausflur zu gehen. Penibelst achte ich darauf, niemanden zu begegnen. Unsere Nachbarn müssen denke, wir misshandeln das Kind oder sind Eltern, die ihr Kind stundenlang schreien lassen.

Wissen Sie, ich würde uns generell als fürsorgliche, manchmal zu lasche, ab und an strenge und in meinem Fall vorsichtige Eltern bezeichnen. Aber auf so ein Verhalten waren wir nicht vorbereitet. Wir stellen in diesen Momenten alles in Frage. Aber besonders fragen wir uns: Was zum Teufel machen wir falsch? Die anderen Eltern kriegen es doch auch hin.

Ich denke, der Römer und ich hätten prinzipiell sehr gerne mehr als ein Kind gehabt. Aber noch eines, das sich als Schreikind entpuppt, hält unsere Ehe nicht aus. Unter anderem deswegen versetzt mir die Frage nach einem zweiten Kind jedes Mal einen Stich: Wir würden gerne. Wir können aber nicht, weil wir es nicht schaffen.

Wann immer wir eine dieser Nächte durchlebt haben, sagen wir uns: “Noch so eine Nacht halte ich nicht aus. Das schaffe ich nicht.” Aber ich verrate Ihnen etwas: Das Schicksal lässt einem keine Wahl. Es fragt nicht, was Sie aushalten können oder wollen. Irgendwie geht es immer. Es muss einfach. Notfalls mit einem italienischen Lied: Uno, due, cento. Eins, zwei, hundert.**

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.

**Das Lied von Ultimo heißt übrigens “Il bambino che contava le stelle.” Das Kind, das die Sterne zählte. Irgendwie passt das.

Wie Eltern Kinderkrankheiten durchstehen

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ sagt man, oder schöner, weil ursprünglicher: „lupus est homo homini.“ Ein Halbsatz, der von einer Komödie von Titus Maccius Plautus übernommen wurde, leitet meist einen sozialkritischen Artikel ein, werden Sie denken. Aber nein, liebe Leser! Vielmehr beschreibt es den Umgang zwischen dem Römer und mir, wenn Signorino krank ist.

Ein Glück passiert das nicht so häufig. Das erste und letzte Mal hatte unser Ableger Fieber als Nebenwirkung einer der zahlreichen Impfungen im ersten Lebensjahr. Wir wussten, woher es kommt. Wir gaben ein schmerzstillendes Zäpfchen. Das Kind beruhigte sich. Die Nacht war holprig. Das Leben plätscherte, unberührt davon, einfach so weiter.

Doch diesmal war es anders: Am Donnerstag, dem Feiertag, fing es an. Das Kind war wärmer als sonst. Als Mutter und lebendes Fieberthermometer erkenne ich die geringste Veränderung der kindlichen Körpertemperatur. Meine Messung erfolgt meist durch einen flüchtigen Kuss auf die Signorino’sche Stirn. Eine andere Messtechnik ist eine klebrige, einen Moment zu lange verweilende, kindliche Patschehand an meiner Wange. So teilte ich dem Römer sofort meine Beobachtung mit, während wir am Rand des Sandkastens saßen. Der Römer starrte seine nackten Zehen in den offenen Schuhen an und fragte sich vermutlich, wie er mit seinem akkurat gebügelten Leinenhemd und den Bermudashorts auf dieser dreckigen Sandkastenbegrenzung Platz nehmen konnte. „Ancora?! [Schon wieder?!] Das sagst du immer.“ , antwortete er und klopfte etwas Sand von seiner beigen Hose. „Er scheint doch ganz fit zu sein.“, schilderte er daraufhin seinen Eindruck. Aufmerksam beäugten wir jeden Tapser des kleinen Farnientes, der eifrig eine grüne Kindergießkanne durch die Sandkiste warf. „Jaaa….aber irgendetwas ist anders.“, äußerte ich meinen mütterlich geleiteten Verdacht. Der Römer bestand darauf, abzuwarten. Klar, was hätten wir auch machen sollen? Es war Feiertag. Und besonders faktenbasiert war meine, vom Instinkt geleitete, Vermutung eben auch nicht. Außerdem war es sommerlich-warm draußen. Dazu sprang das Kind wie ein Perpetuum mobile über den weitläufigen Spielplatz. Am Ende war es vielleicht nur der schwül-warmen Außentemperatur geschuldet, dass ich den Eindruck hatte, er wäre wärmer als sonst.

Nach einiger Zeit sammelten wir das überall verteilte Sandspielzeug ein und trotteten zur römischen Pizzeria des Vertrauens. Dort angekommen schnackten wir eine Runde mit Daniele, dem Pizzabäcker und gerieten bei der Rückkehr nach Hause in den ersten, sommerlichen Platzregen des Jahres. Dabei lagen zuerst die Pizzen im Kinderwagen und Signorino weilte auf dem Arm des Vaters, da er seinen Buggy als momentan unzumutbar beurteilte. Dann ächzte die Armmuskulatur des Römers nach einem Kilometer unter dem Gewicht des Kindes. Er bestand darauf, dass das Kind in den Kinderwagen gehörte. Die drei, deutlich leichteren Pizzen sollten stattdessen auf dem römischen Arm weilen. Dieser Gedanke wurde mit großem Unverständnis seitens Signorinos aufgenommen. Doch der Römer gewann. Im feucht-warmen Gewitter flüchteten wir nach Hause. Signorino war bei diesem Spurt lediglich von ein paar, wenigen Tropfen getroffen worden. Dies war in allererster Linie seiner wasserdichten Plastikhülle über dem Buggy zu verdanken. Wir Erwachsenen trieften vor Regenwasser als wir daheim angekommen waren. Rasch assistierten wir dem lautstark zeternden Signorino beim Kleiderwechsel. Auch wenn die Anziehsachen des Kindes kaum nass waren, so bestand ich dennoch darauf, den Ableger vorsichtshalber in den hellblauen Schlafanzug zu verfrachten. Als wir ihn umzogen, bemerkte der Römer das vorhin von mir geäußerte Phänomen: „Non lo so, ma… [Ich weiß nicht, aber…] das Kind ist irgendwie wärmer als sonst.“ Ich ersparte uns allen mein obligatorisches „Hab‘ ich dir doch gesagt.“ und nickte nur sehr besorgt. Ja, irgendwie schien die Körpertemperatur des Kindes etwas höher als sonst zu sein. Nach dem Essen brachten wir Signorino planmäßig ins Bett. Recht schnell schlief er ein.

Der Römer und ich widmeten uns unserer Feierabendbeschäftigung, die daraus bestand, dass ich die chaotische Ablage aller angesammelten Briefe der letzten sechs Monate sortierte und er in einem Fachbuch las. Doch ich konnte kaum die ersten Briefe von Ende Mai 2021 abheften, als das Kind lautstark krisch. Routiniert ging ich ins Schlafzimmer, bewaffnet mit einer Flasche Wasser, und war noch so naiv zu glauben, dass er gleich wieder einschlafen würde. Vermutlich war das auch mein Glück! Denn hätte ich gewusst wie die Nacht verlaufen würde, wäre ich als Nichtraucher wohl mit quietschenden Reifen „Zigaretten holen“ gefahren. Ich versorgte den jungen Mann mit Wasser, gab sicherheitshalber noch etwas Zahn-Gel auf den Schnuller und begann das Kind in den Schlaf zu singen. Sogleich fielen die müden Äuglein zu, nur um Sekunden später wieder aufzuleuchten. Ähnlich wie zwei große Stadionscheinwerfer funkelten sie im Halbdunkeln. Dies wurde von einem sirenenhaften Schreien untermalt. Als nicht mehr ganz neue Mutter stürzte ich mich ins „Troubleshooting“ und begann meine eigens konzipierte Liste abzuarbeiten. Nichts half! Kein schnulziges Musikvideos wie sonst, kein Schnuller, kein Kuscheln, keine akrobatische Nummer, in der ich singend mit einem Elefanten und einem rosa Einhorn jonglierte. Stattdessen schrie das Kind aus vollem Halse. Es wurde auch nicht müde. Ganz im Gegenteil! Immer mehr brüllte es sich in Rage. Nach dreißig Minuten erfolgloser Fehlerbehebung und einem leichten Surren auf meinem rechten Ohr, wusste ich nicht mehr weiter. Zeitgleich wurde der Römer durch eine göttliche Fügung (oder Signorinos ohrenbetäubendes Geschrei) ins Schlafzimmer geleitet. In die Hand hatten ihm die Götter ein Fieberthermometer und ein dazugehöriges Zäpfchen gedrückt, wie es schien. „Ja…ja… mach mal!“ brüllte ich gegen das kindliche Geschrei an. Der Römer desinfizierte das Fieberthermometer und unter lautem Gekreische maßen wir Fieber bei dem kleinen, kreischenden und knallroten Bündel. 37.9 °C zeigte das Thermometer an. Erhöhte Temperatur. Aber das Kind schien Schmerzen zu haben, also schickten wir das Zäpfchen auf seine Reise, was mit einem sich windenden Kind wahrlich nicht einfach war. Nach einer viertel Stunde beruhigte sich der kleine Kerl und das Kreischen verwandelte sich in ein herzzerreißendes Wimmern.

Mein römischer Gatte und ich waren nervlich und körperlich stark angeschlagen. Durchgeschwitzt bis auf das Unterhemd saßen wir auf dem Sofa. Der gequält wirkende Minimensch drückte sich gegen meinen Oberkörper und hielt mit beiden Händen meine rechte Hand ganz fest. Er schniefte und jammerte dabei. Es war mittlerweile Mitternacht.

Nach einer Weile legten wir ihn erneut schlafen, was uns, vermutlich durch das Fieberzäpfchen, recht rasch gelang. Erschöpft schliefen wir, den kleinen Mann wie zwei Klammern flankierend, ein. Nach zwanzig Minuten weckte uns ein ohrenbetäubender Lärm. Die Signorino’sche Sirene war wieder aktiviert worden und er schrie und schrie. Wieder gingen wir zum Troubleshooting über, versuchten alles vom fehlenden Schnuller bis zum Öffnen des Schlafsackes. Kekse wurden gebracht, dann Wasser, kurz darauf lauwarmer Kamillentee, doch er ließ sich nicht beruhigen. Es wurde geschukelt, gesungen, selbst das blinkende, laute Spielzeugauto wurde ausgepackt. Doch es war zwecklos! Nach einer Stunde durchgehendem, körperlich schmerzendem Plärren, fingen wir Eltern an, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Wir warfen uns spitze Kommentare vor die Füße, die nur zum Zweck hatten, von unserer absoluten Hilflosigkeit abzusehen. „Jetzt guck doch mal bei Google* nach, was das sein könnte!“, motzte ich den Römer an. Das Kind bebte und heulte unverändert weiter. Der Römer folgte meinem dämlichen Kommentar, nachdem er merkte, dass eine Diskussion mit einer aufgebrachten Mutterfurie zwecklos erschien. Er gab irgendetwas mit „febbre“ [Fieber] „bambino“ [Kind] und „non smette di strillare“ [hört nicht auf zu schreien] ein. Dann wischte er wenig überzeugt einige Minuten durch die Suchergebnisse und legte schlussendlich das Handy weg. „Das ist doch alles Quatsch!! Als ob Dr. Google eine ordentliche Diagnose stellen könnte!!“ schmetterte er mir entgegen. Ich, immer noch absolut ohnmächtig in der Situation mit dem kreischenden Signorino, der sich partout nicht beruhigte, verfing mich in einem gepfefferten Wortschwall, der nur zeigte, wie überfordert und wenig rational ich in einer Ausnahmesituation war. Denn natürlich hatte der Römer vollkommen Recht! Dr. Googles Diagnosen sind zwar gut gemeint, nicht aber gut gemacht.

In meinem Tunnel aus Erschöpfung und Verzweiflung ließ ich mir das Handy geben. Das Kind, das immer noch aus voller Lunge brüllend versuchte, in mich zu kriechen, erschien mir noch etwas wärmer als vorhin. Ich nahm die Sache selbst in die Hand und suchte im Internet nach Diagnosen. Der Römer stand einfach nur neben uns. Was hätte er auch tun sollen? Es gab nichts zu tun außer das Geschrei Signorinos auszuhalten. Während ich panisch und aufgebracht nach jedem Strohhalm, den mir die Suchmaschine ausspuckte, griff, riss sich der Römer los und desinfizierte erneut das Fieberthermometer. „Hirnhautentzündung?!“, sprach ich erschrocken in die Nacht. Na klar, die Symptome passten alle! „Das ist doch vollkommen unwahrscheinlich! Signorino ist einfach nur müde und hat Fieber.“, antwortete der Römer ernst. Er nahm mir den nach Luft schnappenden und immer noch plärrenden Signorino ab, der daraufhin komplett ausrastete. Keiner durfte ihn von seiner Mutter trennen. „Was machen wir jetzt? Fahren wir ins Krankenhaus?“, wollte ich vom Römer wissen. Mittlerweile schrie das Kind seit zweieinhalb Stunden durch, ohne dass es auch nur einen Hauch seiner Stimmgewalt einbüßte. Bereits als Säugling war das seine große Stärke, aber ich war mir sicher, dass wir diese Phase bereits hinter uns gelassen hatten. „Wir ziehen uns mal an und setzen uns ins Auto. Nimm sicherheitshalber die Krankenkassenkarte von Signorino mit!„, übernahm der Römer das Ruder. Ich lief immer noch wie ein kopfloses, panisches Huhn durch die Wohnung. Ein brüllender Säugling ist eben ein ganz anderer Katalysator in einer fiebrigen Situation als ein ruhig vor sich hin fieberndes Kind. Ich streifte mir irgendein Oberteil über, das vermutlich dem Römer gehörte. Aber in dieser Situation, um zwei Uhr nachts, waren meine modischen Ansprüche absolut nichtig. Dazu hüpfte ich in eine Hose, deren alleiniger Besitz schon mehr als zweifelhaft war. Angezogen wirkte sie noch etwas lächerlicher als in meiner Hand. Aber auch das war mir vollkommen egal! Ich wollte nur, dass unser Ableger endlich, endlich aufhörte zu schreien. Denn ich verstand meine eigenen Gedanken nicht mehr.

„Autoschlüssel, Hausschlüssel, Krankenkassenkarte, Wasser für Signorino?“, fragte der Römer stakkatoartig. Ich nickte wie in Trance. Ja, ja. Alles da. Hastig rissen wir die Wohnungstür auf. Das Kind schniefte einen Moment und guckte sich im dunklen Hausflur um. Dann eilten wir zur Haustüre und waren im Freien. Signorino drehte seinen Kopf neugierig in alle Richtungen, musterte den weißen Sportwagen der Labradoodle-Nachbarn und den silbrig glänzenden Grill der Nachbarn. Er war so mit Gucken beschäftigt, dass er vermutlich komplett vergaß, dass er seit mehreren Stunden durchschrie wie am Spieß. Irritiert gingen wir zum Auto. Das Kleinkind ließ sich genügsam anschnallen und gluckste, als ich den Motor des Autos startete. Der Römer saß bei ihm im Fond und hielt seine warme Hand. Es war zwei Uhr dreißig morgens. Außer ein paar jugendliche E-Roller Fahrer und wenige Autos, die ungehindert durch die Innenstadt glitten, schlief Frankfurt den Schlaf der Gerechten. „Und jetzt? Ins Krankenhaus ist doch auch irgendwie doof jetzt, oder?“, interessierte mich die Meinung des Römers. „Secondo me, basta di fare un giro. [Ich glaube, es reicht eine Runde im Auto zu drehen.]“, sprach der Römer. Wir fuhren von Ost nach West. Von West nach Nord und dann in den Süden Frankfurts. So lernte ich, dass es momentan eine Baustelle auf der Bockenheimer Landstraße gab. Außerdem wurde das furchtbar hässliche Gebäude am Opernplatz 2, schräg gegenüber der Alten Oper, abgerissen. Staunend fuhr ich uns durch eine Stadt, die mir vollkommen unbekannt schien. Vermutlich ist es wahr, dass man mit einem Kleinkind nur im eigenen Stadtviertel umher zirkelt.

Als ich beinahe einen rot-weißen Leitkegel auf der Straße übersah, beschloss ich, dass es jetzt an der Zeit wäre, heimzukehren. Innerlich betete ich, dass der Parkplatz vor der Tür noch frei wäre. Ansonsten müsste ich das Auto um diese Zeit in die 700 Meter entfernte Tiefgarage bringen und dazu hatte ich am frühen Morgen wirklich überhaupt keine Lust. Langsam rollte ich unsere Wohnstraße entlang und sah, dass mein vorheriger Stellplatz direkt unter unserem Wohnzimmerfenster immer noch unbesetzt war. Juhu! Wenn jetzt noch das Kind schlafen würde, wäre das eine wirklich erfolgreiche Fahrt gewesen. Aber nein! Das Kind war noch wach. Immerhin war es gefestigt genug, als dass es wieder ab und an gluckste und nicht mehr ohrenbetäubend krisch. Der Römer nahm den kleinen Menschen aus seinem Autositz und trug ihn ins Haus. Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, lehnte meinen schwergewordenen Kopf gegen das Lenkrad und atmete tief durch. Ob ich einfach hier schlafen könnte? Wahrscheinlich war der römische Ehemann dagegen und auch das Kind würde sich wieder die Seele aus dem Leib brüllen.

Ich nahm meine Tasche, sperrte das Auto ab und ging ins Haus. Ein kleiner, rotbackiger Signorino begrüßte mich und gähnte herzhaft. Es war beinahe vier Uhr. Wir schliefen ein, wurden aber im weiteren Verlauf der Nacht alle vierzig Minuten von einem schrillen Signorino-Schrei geweckt, der bald darauf wieder einschlief.

Um acht Uhr war die Nacht vorbei und wir am Ende. Ich rief die Kita an und teilte mit, dass Signorino heute definitiv nicht eingewöhnt werden würde. Am Ende des Gesprächs wünschte ich ein geruhsames Wochenende. Dann rief ich den Kinderarzt an und mir fiel beinahe das Telefon aus der Hand, als die freundliche Anrufbeantworterstimme flötete, dass das Praxisteam den Brückentag zum Anlass nahm, erst am Montag wieder die Praxistüren zu öffnen. „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und hoffen, Sie haben ein angenehmes Wochenende.“ , zwitscherte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich legte auf und fragte mich, ob der letzte Satz pure Bosheit oder kristallklare Ignoranz war? Wenn jemand an einem Freitagmorgen beim Kinderarzt anrief, dann würde er das wohl nicht tun, weil er über seine geruhsamen Wochenend-Pläne plaudern will. Sicherlich mochte es auch hier einige, wenige Ausnahmen geben. Aber ich hier hatte ein fieberndes Kind! Außerdem bin ich eine unerfahrene und deswegen panische Mutter eines Einzelkindes!

Ich informierte mich, ob es einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gäbe. „Male.“ [Schlecht.]“ murmelt der Römer, während er über meine Schulter guckte und das leidende Kind schaukelte und schuckelte. Ja, wirklich male. Der Bereitschaftsdienst würde sich zu seiner Bereitschaft erst ab 16 Uhr bekennen. Ich atmete lange aus. Dann griff ich nach einem letzten Strohhalm. Wer vier Kinder groß gezogen hatte, der würde sicher auch einen Tipp für den fiebernden Enkel und die panische Tochter haben. Ich rief meine Mutter an. Und siehe da: Wie nicht anders zu erwarten war, hatte sie nicht nur einen Tipp, sondern einen bunten Strauß voller Lösungen parat. Wir befolgten ihren Crashkurs zum Thema „krankes, fieberndes Kind“ und hielten uns strikt an ihre Vorgaben. Bereits am Nachmittag ging es Signorino besser. Er trank wieder etwas regelmäßiger, außerdem aß er ein wenig Brot und, das war noch viel wichtiger, das Fieber ging langsam zurück.

Die darauffolgende Nacht war, dank eines intensiven Nachtschrecks, noch einmal herausfordernd. Diesmal half auch keine frische Luft mehr. Letztendlich hielt ich das Signorino’sche Geschrei neben mir einfach aus, während er wütend die Wasserflasche und seinen Gladiatioren-Bär durchs Schlafzimmer warf. Aus lauter Verzweiflung versuchte ich mit ruhiger Stimme ein Kinderbuch vorzulesen. Ob es dabei mir mehr half oder ihm, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir uns beide beruhigten. Ich etwas schneller als er. Nach etwa einer Stunde und vierzig Minuten Dauergeschrei aus voller Lunge entspannte sich der Ableger und schluchzte nur noch ab und an. Er wachte zwar im 30 Minutentakt jammernd auf, aber kuscheln reichte ihm vollkommen. Nur der körperliche Kontakt zu mir durfte bloß nicht abreißen, sonst ging die Sirene wieder los. Am nächsten Morgen war das Fieber weg und die erhöhte Temperatur ebenfalls.

Der Römer und ich lagen uns am Morgen erschöpft und geschafft in den Armen. „Wie andere Leute mehr als ein Kind haben können, bleibt mir ein Rätsel.“ flüsterte mir der Römer ins Ohr. „Für mich ist das Thema eh durch. Ich schaffe pro Leben nur ein Kind.“ Dann umarmten wir uns nochmal ganz fest. Der Römer gab mir einen Kuss auf die Wange. Doch sogleich schob sich eine kleine Hand zwischen das römische und mein Knie und zwei grün-blaue Augen blitzten uns schelmisch an. „MamaPapa!“ maunzte Signorino, ließ sich auf den Boden plumpsen und klopfte mit einem Holzkochlöffel auf den Teppich. MamaPapa machten sich einen dritten Kaffee und gähnten sehr lange und intensiv.

Leider reichen meine Lateinkenntnisse für meine, aus dieser Krankheit gewonnene Weisheit nicht aus, aber der Satz geht in etwa so: Der Elter ist dem Elter ein Wolf, insbesondere, wenn das Kind seit Stunden wie am Spieß schreit.

[*Werbung, unbezahlt]