Ein ganz normaler Donnerstag

Ein ganz normaler Donnerstag

Das Auto ist in der Werkstatt zum Service. Bereits um 07:30 Uhr erreicht mich eine SMS der Werkstatt mit einem verlinkten Video. Mir erscheint es seltsam und ich lasse online erst den Link überprüfen, ob es nicht doch eine Phishing Nachricht ist. Ist es nicht und so klicke ich selbstbewusst auf den Link. Mein Auto steht in der Werkstatt und wird gefilmt. Die Tonspur, gesprochen von Chefmechaniker Sven Schmitz, verrät mir, dass die Reifen, die Bremsen, die Scheibenwischer und was nicht alles in Topform sind. Dann nähert sich die Kamera zu dem Übergang zwischen Frontscheibe und Motorhaube. “Hier hat sich Laub gesammelt. Ganz normal für die Jahreszeit! Nur müssen wir das jetzt entfernen. Wie Sie sehen, steht das Wasser hier bis oben. Nicht, dass das noch in den Innenraum läuft. Wir putzen Ihnen das und stechen den Ablauf nochmal frei. Ich denke, wir werden heute Nachmittag damit fertig. Gesamtkostenpunkt: eine halbe Frankfurter Wohnungsmiete.”

Puh! Teures Laub.

Ich bringe das Kind in die Kita und fahre weiter zu meinem ärztlichen Service-Termin. An der Anmeldung flüstert eine junge Frau sehr laut und trotz angemessenem Diskretionsabstand, dass sie bitte auch auf Chlamydien getestet werden müsste. Eine ältere Frau, die auch an der Anmeldung wartet, mustert die junge Frau sehr interessiert. „Lieber lässt sie sich früher als später testen.“, denke ich.

Bei meiner Routineuntersuchung (ohne Extrawünsche) ist alles in Ordnung, alles unauffällig. „Hier bitte, die jährliche Überweisung ins Brustzentrum.“, spricht Frau Dr. Dingens. „Tschüss, bis in einem halben Jahr!“

Danach traf ich meinen guten Freund, den Anderen, in einem Frankfurter Café. Es hat relativ neu aufgemacht und ich las davon in einer Zeitung. Sehr nettes Personal, total voll, die Speisen, Getränke und das Interior sind sehr für das sozialmedial-affine Publikum gemacht. Ich komme mir ziemlich alt und ziemlich unhip vor, aber mir schmeckt‘s trotzdem und mir gefallen die Gespräche mit dem Anderen. Mehr erwarte ich nicht von meinem Café-Besuch. Wir treffen uns so selten, was primär an mir und meinem straffen Zeitplan liegt, dass es eine willkommene Abwechslung ist, ihn live und in Farbe zu sehen. Während wir dort sitzen, ruft mich Chefmechaniker Sven Schmitz an. Das Auto ist fertig und darf noch einmal durch die Waschanlage. Ich bedanke mich (und fahre auf dem Rückweg vielleicht beim Hauptbahnhof vorbei, um meine linke Niere zu verkaufen).

Der Andere will noch in die Innenstadt, da er etwas bestellt hat. Ich komme mit und kaufe Hausschuhe. Der Mann klaut grundsätzlich meine Hausschuhe und langsam wird es mir zu kühl an den Füßen. Ich kaufe furchtbar kitschige Hundehausschuhe, auf dass er sie nicht klauen möchte. Obwohl, aktuell trägt er mit Vorliebe auch meine mintgrünen Hausschuhe mit den auffälligen Sternen. Das scheint ihn nicht zu schrecken.

Danach sammle ich Signorino von der Kita ein. Er spielt mit seinem italienischen Freund L. und seinem deutschen Freund H.. Sie bauen zu dritt und äußerst vergnügt einen Turm und ich frage mich, warum ich ihn immer so früh abhole. Nächste Woche frage ich nach einer späteren Abholzeit.

Daheim angekommen wasche ich Wäsche, da ich übers Wochenende alleine nach München fahren werde. Gleichzeitig hoffe ich darauf, meine Hausarbeit im Zug fertigstellen zu können, denn ich würde gerne mit dem nächsten Thema „PR Interview“ weitermachen. Ja, das ist wirklich ein Thema. Soviel zum Medienkodex des Netzwerks Recherche: Journalist:innen machen keine PR. Angehende Journalist:innen anscheinend schon – im Studium. 😉

Haben Sie einen entspannten Abend und halten Sie die Ohren steif!

WMDEDGT – November 2022

Es ist November. Es ist der Fünfte. Der Römer ist in Albanien und Turtle hat Geburtstag. Und so fragt Frau Brüllen mit was wir nun den ganzen Tag verbringt. Sie nennt das WMDEDGT. Na, dann wollen wir mal gucken:

Bis 1 Uhr schreibe ich an meiner Hausarbeit zum Thema Typographie und erkläre aktuelle Trends und Strömungen: Aufgrund der epidemischen Lage der letzten Jahre sehnen wir uns in der Typographie nach Nostalgie. Besonders bei einer so verpixelten, technisierten Welt wollen wir einer Gegenströmung folgen und sehen uns nach dem warmen Gefühl aus Trost und Vertrautheit. Diese Erkenntnis verpacke ich mit viel Blabla in 2000 Zeichen.

08:30 Uhr “Maaaamaaa! Mama? Mama! Maaaaama!” Signorino ist wach. Ich versuche ihn zu mir ins Schlafzimmer zu leiten, ohne dass ich dabei aufstehen muss. Es klappt nach viel Zureden erstaunlich gut – bis er ins Wohnzimmer abbiegt. Um den Römer würdig zu vertreten, macht er in jedem Raum Licht an und lässt es brennen bis er an der Küche angekommen ist. Als ich etwas abstürzen höre, springe ich auf und laufe in die Küche. Dort gable ich Signorino auf wie er gerade Kekse fürs Frühstück aussucht. Müde mache ich mir einen Espresso und einen Tee und gedenke dem Römer, der in Albanien sicher königlich bewirtet wird. Nur die Heizsituation ist hier angenehmer und konstanter.

10:30 Uhr “OH NEIN! Wie ist das passiert?”, ruft das Kind und kommt empört in die Küche, die ich gerade putze. Ich habe ihm vorhin den Sauger des Schnullers abgeschnitten in der Hoffnung, dass er versteht, dass es jetzt vorbei ist mit dem Schnuller. Das Kind drückt diese Überraschung mehrmals sprachlich so lustig aus, dass ich mich von ihm wegdrehen muss, damit er mich nicht lachen sieht. Ich bin ebenfalls mehr als empört. Wie konnte das nur geschehen? Ich lege den Schnullet auf die Arbeitsplatte der Küche. Signorino wünscht nach diesem Schreck Croissants oder Cro-soße wie er es ausdrückt und so backe ich welche auf. Der Gefrierschrank muss eh bald abgetaut werden. Danach frage ich Signorino, was wir mit dem Schnuller tun sollen: wegschmeißen oder behalten? Selbstbewusst schmeißt er ihn weg. “Okay, kaputt!”, sagt er und versenkt ihn im Mülleimer. Ich freue mich schon auf das Einschlafdrama.

13:00 Uhr Signorino und ich dekorieren für Turtles Geburtstag. Ich falte die Deko auf, klebe alles an die Wand und versuche auf den Drehstühlen nicht über Bord zu gehen. Es klappt erstaunlich gut. Dann dekoriere ich den Tisch, was beinahe und trotz Schimpfen unmöglich ist, weil Signorino die ganze Tischdeko wieder abräumen will. Pädagogisch wertvoll biete ich ein Eis an, damit er abgelenkt ist. Dann ruft Turtle an, ob sie gleich vorbeikommen darf. Aber natürlich, sie ist schließlich das Geburtstagskind.

14:00 Uhr Tante Turtle kommt. Sie und der Kuchen werden bereits von Signorino erwartet. Wir essen Kuchen, alles ist ruhig. Irgendwann muss ich eine schnelle Knete für das Kind anrühren. Turtle ist erstaunt wie unkompliziert das geht. Gegen 16 Uhr beginnt Signorinos erster, heftiger Wutanfall, gleich gefolgt von einem nächsten: Der Grund ist schnell gefunden – der fehlende Schnuller. So rastet er alle 10 Minuten RICHTIG aus,eben wie eine süchtige Person auf Entzug. Turtle und ich kämpfen uns tapfer zu zweit durch seine enormen Gefühlsausbrüche.

18:00 Uhr Ich frage Tante Turtle, ob sie Kürbiscurry essen möchte. Sie bejaht. Rasch erwärme ich das schon fertig gekochte Curry und mache Reis dazu. Sie spielt währenddessen im Kinderzimmer mit Signorino

18:30 Uhr Während wir essen, legt Signorino eine Schippe drauf auf seinen kalten Entzug. Er stellt alles an, was irgendwie möglich ist. Schimpfen verhallt, Konsequenzen verhallen, es ist wirklich eine Farce. Gegen 19:15 Uhr beherzige ich den Rat meiner Mutter: “Wenn du dich vom Balkon werfen willst, weil der Entzug so schlimm ist, gib ihm lieber vorher den Schnuller.” Das tue ich. Turtle warnt mich davor und erwähnt, wie weit wir schon gekommen sind. Aber noch 2-3 Stunden mit einem Kind, das im großen Stil ausrastet und die Wohnung auseinander nimmt, schaffe ich nicht. Wirklich nicht. Ich gebe ihm den Schnuller zurück. Aus einem wilden Werwolf wird ein zahmes Lämmchen, das sich an mich schmiegt und zufrieden an seinem Schnuller nuckelt. Turtle ist ebenso erstaunt, was für eine Transformation Signorino durchgemacht hat.

20:00 Uhr Turtle verabschiedet sich und ich frage sie, ob sie die Schildkröte und den Seestern der Deko mitnehmen möchte. Sie freut sich sehr und wir packen die Deko vorsichtig in ihren Rucksack.

Die Schildkröte wohnt jetzt bei Turtle

Auch ein Stück Sachertorte folgt. Danach räume ich das Kinderzimmer auf, denn hier hat der Werwolf gewütet. Noch schnell den Esstisch, das Wohnzimmer und die Küche ordnen, die trockene Wäsche aus dem Trockner entnehmen und diese falten und aufräumen. Das Kind nuckelt derweil zufrieden und vollkommen ruhig an seinem Schnuller. Nach all diesen Wutanfällen und Gefühlsstürmen kann ich nur mühsam die Tränen unterdrücken. Ich fühle mich als absolute Versagerin. “Nicht mal den Schnuller kannst du ihm abgewöhnen. Das Kind rastet sicher so aus, weil das deine Schuld ist! Wärst du eine bessere Mutter, wäre das Kind auch entspannter. Es ist alles nur deine Schuld!” Selbstvorwürfe am laufenden Band. Ich schlucke die Tränen runter und mache weiter.

21:00 Uhr Signorino scheint mir so müde, dass ich sein Zimmer bettfertig mache. Dann fängt das Drama an. Nein, er möchte nicht ins Bett. Ich sage ihm klar, dass es hier keine Wahl gibt. Dann legt er sich ins Bett, steht wieder auf, robbt zum Fußende, steht wieder auf, legt sich quer. Mir reißt das letzte Fitzelchen Nervenstrang. Ich muss aus dem Raum gehen. Auf der Toilette beruhige ich mich und höre gleichzeitig “Mama? Mamaaaa!”. Ich atme zehn Mal tief ein und aus. Nach eineinhalb Wochen krankes Kind, meinem Job, den ich irgendwie außenrum gebastelt habe, ein Mann, der das Kind die ganze Zeit in meiner Homeoffice-Zeit ins Schlafzimmer/Arbeitszimmer rennen ließ und der mantraartig wiederholte “Also, da kann ich wirklich nichts machen, wenn er dauernd in dein Arbeitszimmer reinkommen will. Ich kann ihn ja nicht einsperren.”, sind meine Nerven so dermaßen blank, so dermaßen zerrissen, dass ich gar nicht genug atmen kann. Nach fünf Minuten kehre ich zurück, das Kind will wieder Quatsch machen und ich rede im Bundeswehr-Feldwebel-Ton mit ihm. “Signorino! Ab ins Bett! Sofort! JETZT! Kopf auf’s Kissen! Auf’s Kissen habe ich gesagt. Zudecken! Jetzt! Neeein! JETZT! Signorino! BASTA! BASTA!”. Signorino tut irgendwann, was ich ihm sage. Dann strampelt er sich wieder von der Decke frei. Ich wartet geduldig bis er einschläft, starre die dunkle Zimmerdecke an und denke immer wieder “Ich schaff das alles nicht mehr. Ich will auch einfach nicht mehr. Ich habe so, sooo keinen Bock mehr auf den Affenzirkus.”.

Um 21:38 Uhr schläft das Kind. Ich gehe ins Wohnzimmer, ignoriere meine Hausarbeit für die Uni, an der ich arbeiten wollte und tippe diese Zeilen. Schokolade und ein Film, dazu die leise Hoffnung, dass Signorino durchschläft, mehr kann und will ich gerade nicht.

Let’s call it a (sch€!ß) day! Aber: Happiest birthday, dear Turtle!

Wieder kein Brief von der KFZ-Behörde

Wieder kein Brief von der KFZ-Behörde

Wenn jemand bei den Farnientes alles im Griff hat, dann bin ich das. Gekonnt kontrolliere, delegiere, organisiere und kontextualisiere ich, mache Termine aus, beachte Fristen, lege Terminüberweisungen an und gebe unsere Steuererklärung meist schon vor den ersten heißen Tagen im Juli ab. Kurzum: Ich weiß, was ich tue und ich erfülle meine Aufgaben mit größtmöglicher Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit.

So geschah es, dass Anfang September eine Nachricht auf dem Display hinter dem Lenkrad meines Autos aufleuchtete. Dort hieß es: „Service in 29 Tagen fällig.“. „Aha.“, dachte ich, „Dann werde ich die nächsten Tage bei der Werkstatt anrufen und mich um einen Termin kümmern.“ Die Tage vergingen, die Anzeige blieb, bis ich nach einer guten Woche die Zeit und Muße fand einen Termin zu vereinbaren. Blöderweise habe ich, wie vermutlich so viele in meiner Generation, ein ambivalentes Verhältnis zum Telefon als Kommunikationsmittel.

Sicherlich halte ich es gerne in der Hand und nutze es noch viel lieber, um beispielsweise Dinge zu verschriftlichen oder Sprachnachrichten zu senden, aber tatsächlich damit zu telefonieren versetzt mich in leichtes Unbehagen. So recherchierte ich mit meinem Telefon, ob ich den Termin auch online vereinbaren kann. Natürlich hätte ich in der selben Zeit, in der ich meine Frage bei einer Suchmaschine eintippte, zwei Links anklickte und erst beim dritten auf meine Antwort stieß, schon vier Mal erfolgreich bei der Autowerkstatt angerufen und einen Termin vereinbart. Aber meine Telefonphobie behinderte mich an diesem Tag dermaßen, dass nur diese – meine – Variante des minutenlangen Recherchierens zielführend und machbar erschien.

Auf der richtigen Internetseite gab ich meine Kundendaten an, klickte auf „Passwort vergessen“, da ich mein Passwort vergessen hatte und nachdem ich dieses aktualisiert hatte, kam ich zum eigentlichen Zweck meines Besuchs auf diesem schicken Internetauftritt: Ich wählte im Menü „Service A“ aus, um daraufhin zu versichern, dass ich weder einen Mietwagen, einen Hol- und Bringservice, eine Tageskarte und auch keinen Taxigutschein benötigen würde. Das System wurde stutzig. “Sind Sie sicher?”, wollte es zweifelend von mir wissen. “Ja, fortfahren.” tippte ich an und hatte die leise Befürchtung, dass das System nun eine eidesstattliche Erklärung von mir einfordern würde. Tat es zum Glück aber nicht. Stattdessen wollte es meine Kilometeranzahl des Autos wissen und ich gab sicherheitshalber noch einmal mein Kennzeichen an, um dann schlussendlich einen freien Termin Mitte Oktober buchen zu können. Klick, klick, bestätigen, die Seite lud. „Achtung: Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ stand da. Hm… vielleicht lag es daran, dass ich keinen Mietwagen oder Taxigutschein für die Zeit, in der mein Auto beim Service weilen würde, ausgewählt hatte?

Ich beschloss es nochmal zu versuchen, da „Später“ ein durchaus interpretationsanfälliger Begriff war. Beherzt aktualisierte ich die Seite, klickte den verfügbaren Termin an, bestätigte meine Angaben und klickte auf „Termin vereinbaren“ und „Bestätigen“. Die Seite lud, das Rädchen drehte sich, um mir dann den immer gleichen Systemfehler auszuspucken. So vertrödelte ich ganze zwanzig Minuten, in denen ich prüfte, ob besagtes „Später“ bereits eingetroffen war, doch es tat sich nichts. Stoisch wiederholte die Internetseite, dass “Jetzt” nicht “Später” und damit nicht der richtige Augenblick sei, um einen Servicetermin zu buchen. Auch als ich mich halbherzig doch noch für ein RMV-Ticket entschied und “Fahrkarte, Verkehrsbund” anklickte, wollte sich nichts tun. Beinahe war ich versucht zum Telefonhörer zu greifen, doch zum Glück entdeckte ich das Feld „Haben Sie schon unsere App auf Ihrem Smartphone?“. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Die App war schnell heruntergeladen und ich loggte mich dort ein. Klick – klick. Kilometerstand. Kennzeichen. Art der Dienstleistung. Keinen Mietwagen, keine Fahrkarte und auch kein Taxi. Auswahl der Werkstatt. Datum und Uhrzeit. Klick. Klick. Bestätigung. Kurze Ladezeit. „Wir haben Ihren Termin gebucht.“ Juhu! Das war einfacher als gedacht.

Die Wochen vergingen und ich kontrollierte einige Tage vor dem Servicetermin noch einmal, wann ich das Auto genau abgeben muss. „12.10.2022 – 10:30 Uhr.“ verriet mir die App. Perfekt! Ich würde das Kind in der Kita abliefern und danach die Familienkutsche entspannt zur Werkstatt bringen und somit den Berufsverkehr umgehen. Gerade wollte ich die App schließen, als mir im Augenwinkel ein rotes Feld aufleuchtete. Ich scrollte nach unten und sah ein rotes Warndreieck mit einem schwarzen Ausrufezeichen darin. Der Text daneben verriet mir mehr: „Hauptuntersuchung: Seit 3 Monaten überfällig. Bitte vereinbaren Sie einen Termin.“

In etwa so aggressiv leuchtete das Warndreieck.

Nein, das war unmöglich. DAS muss diesmal tatsächlich ein Systemfehler sein. Das Auto braucht doch nur alle paar Jahre eine Hauptuntersuchung? Aber doch nicht jetzt? Wann war das Auto eigentlich das letzte Mal bei der HU? Ich rechnete nach. Mit mir als Besitzerin war dieses Auto noch nie bei der HU und ich fuhr es bereits seit zwei Jahren. Seltsam. Ich zog Jacke und Schuhe an, schnappte mir den Autoschlüssel und stiefelte nach unten. Parkwächter Krause, der wieder auf seinem Balkon patrouillierte, winkte mir zu. Ich winkte zurück und bevor er etwas sagen konnte, war ich bereits bei meinem Auto angekommen. Vor dem Heckkennzeichen kniete ich mich hin und las, was auf der TÜV-Plakette prangte. „07/2022“. Nochmal las ich über die Ziffern. „07/2022“. Ich kam langsam aus der Hocke hoch und stützte mich kraftlos am Auto ab. „Wie ist das denn passiert? Fahre ich wirklich seit zwei… nein… drei Monaten ohne TÜV durch die Gegend?“ Nervosität machte sich breit. „Und nun? Was hat das für Konsequenzen?“, fragte ich mich, während ich gedankenverloren Richtung Haus schlürfte.

„Alles gudd bei Ihne?“, wollte Parkwächter Krause wissen. „Ja…also… mein TÜV ist abgelaufen.“, stotterte ich. „Oh! Da dürfen Sie sich net erwische lasse. Sonst wird’s teuer. Uffbasse vor die Jungs in Blau! Lieber an Gang runter schalte und auf die Bremse drücke.“, warnte mich Parkwächter Krause. Ich bedankte mich und winkte abwesend zum Abschied. Noch im Aufzug googelte ich nach den Konsequenzen. „Bußgeld im zweistelligen Bereich, falls man von der Polizei aufgehalten wird.“, klang erst einmal erträglich. „Bitte beachten Sie: Wenn Sie einen Unfall bauen, kann es durchaus zu Komplikationen mit Ihrer Versicherung kommen.“ DAS klang schon ganz und gar nicht mehr erträglich. Natürlich hatte ich nicht vor, einen Unfall zu bauen, denn wer hat das schon? Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen.

In der Wohnung angekommen, machte ich einen Termin zur Hauptuntersuchung aus. Zum Glück war bereits einer in wenigen Tagen frei. Bis dahin würde ich das Auto stehen lassen. Sicher ist sicher!

Blöderweise packte mich kurz darauf ein Anfall panischer und überaus sinnloser Angst, so dass ich aus lauter Scham den Servicetermin stornierte. „Wie sieht das denn aus, wenn du dort ohne gültigen TÜV auftauchst?“, redete mir meine innere Stimme ein. In diesem Moment leuchtete mir dieser Satz vollkommen ein. Dann fragte ich mich, warum die KFZ-Behörde im Sommer keinen Brief geschrieben hatte, um mich zu informieren, dass meine HU bald enden würde? Ist das nicht Usus bei deutschen Behörden? Ich dachte immer weiter und immer verquerer, um mir schlussendlich einzureden, dass die KFZ-Behörde nur deswegen nicht Bescheid gesagt hat, weil ich mein Auto beim Umzug vor einem Jahr nie umgemeldet hatte. Ja, so musste es sein! Dass die KFZ-Behörde nun wirklich keine TÜV-Erinnerungsbriefe an Autobesitzer schickt, kam mir hingegen nicht in den Sinn. Somit buchte ich rasch einen Termin bei der KFZ-Behörde, um mein Fahrzeug offiziell ummelden zu lassen. Beinahe vergaß ich den Termin-Link in der E-Mail zu bestätigen, merkte es aber doch noch rechtzeitig. Sonst wäre auch dieser Termin nichtig gewesen.

„Ich habe wirklich gar nichts im Griff.“, ging es mir niedergeschlagen durch den Kopf. Mein Selbstbild der gut organisierten Eva Farniente zerlief wie Schokoeis in der prallen Sonne. So entschied ich mich für einen Spaziergang. Dort konnte man wenigstens nichts falsch machen.

Auf dem Weg zur Kita – einfach weitergehen.

Die frische Luft tat gut. Kurz darauf holte ich Signorino pünktlich und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von der Kita ab. Als ich mit dem Kind gerade am Bürgeramt vorbeikam, schoss mir ein Fragment einer Erinnerung durch den Kopf. „Hatte ich nicht damals nicht nur uns umgemeldet, sondern auch gleich das Auto?“, fragte ich mich. Erinnerungsfetzen wirbelten aufgeregt durch meinem Kopf. Doch so recht gelang es mir nicht, sie zu sortieren. Lediglich das Gefühl, dass ich damals irgendetwas gemacht hatte, blieb. Als wir daheim ankamen, kontrollierte ich sogleich meinen Fahrzeugschein. „Aha! Also doch. Wusste ich’s doch.“, jubelte ich durch die Wohnung. Das Kind guckte irritiert von seinen Legosteinen hoch. Natürlich hatte ich mein Auto ordnungsgemäß beim Bürgeramt umgemeldet. Somit gab und gibt es kein herzliches Erinnerungsschreiben des KFZ-Amt. Hab ich’s doch gewusst. 😉

Einige Tage später erzählte ich meinem Arbeitskollegen beiläufig von diesem Fauxpas. Dieser winkte lachend ab. Das sei ihm auch schon passiert. „Es kostet halt ein paar Euros mehr, wenn man das vergisst. Aber sonst passiert nichts weiter.“ Dann gab er mir den Tipp, dass man sich eine Erinnerungsmail vom TÜV schicken lassen kann. Und jetzt raten Sie mal, was ich gemacht habe. 😉

Einfahrt in Frankfurt. Viele Autos mit Tüv. Hoffentlich.

Merke: Man kann eben nicht immer alles gleichgut im Griff haben.

Unser 75. Geburtstag

Am Montag war es soweit: Der Römer und ich sind 75 Jahre alt geworden. Passenderweise suchten wir uns damals, unwissentlich voneinander, den gleichen Geburtstag aus, den 10.Oktober oder 10.10., wenn Sie so wollen. Ein Geburtsdatum wie ein Binärcode.

Der Plan für den vergangenen Montag war der folgende: Das Kind mit der S-Bahn zur Kita zu bringen; Frühstück im Café – ganz in Ruhe; Bummeln und Stöbern im Stadtzentrum; Mittagessen – ganz in Ruhe; einen kleinen Abstecher zum japanischen Lieblingscafé, um Geburtstagskuchen zu holen; Kind einsammeln; Kuchen essen; Abends Pizza. Gute Nacht!

Dieses Vorhaben klang zu schön um wahr zu sein. Vermutlich wurde es deswegen nicht wahr.

Alles fing damit an, dass Signorino bereits um 3 Uhr morgens unterbewusst gratulieren wollte. Er schrie „Mama! Mama!“ und der Römer stand auf, weil er näher an der Schlafzimmertüre und somit näher an Signorinos Zimmer schläft. Ein Mann wie ein Goldstück. Ich kann es nur oft genug erwähnen. Leider war Signorino nicht damit einverstanden, dass Papa auftauchte, wo er doch explizit nach mir gerufen hat und so schälte sich der kleine Kerl aus dem Kinderbett, huschte den dunklen Gang entlang bis zu unserem Schlafzimmer und rief noch einmal „Mama! Mama!“. Daraufhin hob ich ihn ins Bett und er kuschelte sich an mich. Der Römer schnarchte derweil schon unbeeindruckt im Kinderzimmer vor sich hin. Von 0 auf Tiefschlaf in wenigen Millisekunden ist nur eines von vielen verborgenen Talenten meines Gatten.

Währenddessen begann in meinem Bett das unsägliche Spiel, in dem das Kind bereits schläft, jedoch unbedingt und absolut unwirsch meine Hand streicheln muss, um gut weiterschlafen zu können. Sie können sich vorstellen wie wach man ist, wenn einem permanent und mit fahrigen Bewegungen über die Hand gestreichelt wird. Sobald man die Hand entzieht, sucht Signorino nach dieser Hand und sollte er sie nicht finden, fängt er herzzerreißend an zu weinen. Bis 6 Uhr morgens ging das Spiel so, dann schlief ich erschöpft ein – oder das Kind hörte endlich auf, meine Hand zu streicheln. So genau weiß ich das nicht mehr.

Nur anderthalb Stunden später weckte mich mein Handy mit dem Klingelton „Glasperlen im Wind“ und ich wollte weder Glasperlen, noch Wind und schon gar nicht geweckt werden nach dieser kurzen Nacht. Hauptsächlich wollte ich meine wohlverdiente Ruhe und noch einige, wenige Stunden Schlaf. So sicherte ich Signorino mit einem Kissen, dass er nicht vom Bett stürzen konnte und torkelte schlaftrunken ins Kinderzimmer zu meinem noch immer schnarchenden Gatten. Ein „Guten Morgen, mein Schatz. Alles Gute zum Geburtstag.“ kam mir dabei nicht über die Lippen. Vielmehr grummelte ich ein „Du bringst Signorino heute alleine in die Kita, oder? Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und du hattest hier deine Ruhe.“. Kalte, harte Elternsprache – reduziert auf das wichtigste: Rhetorischer Fragesatz inklusive einer Begründung, die der Römer wahrlich nicht negieren konnte. Alle Argumente waren auf meiner Seite. Er musste es nur einsehen. „Ja, kann ich machen.“, murmelte der Römer sehr müde in sein Kissen. Ich nickte, machte auf dem Absatz kehrt, legte mich wieder ins Bett neben Signorino und versuchte einzuschlafen. Nach kurzer Zeit tauchte der etwas schlaftrunken wirkende Römer im Schlafzimmer auf. „Wir können auch alle daheim bleiben.“, schlug er leise vor, um das Kind nicht zu wecken. Ich willigte mit einem „Hm“ ein und drehte mich um. Nach mir die Sintflut. Der Mann hatte daraufhin den eher fragwürdigen Einfall, sich in das eh schon zu knapp bemessene Bett zu quetschen. Noch ehe seine Haarspitzen das Kissen berührten, schnarchte er bereits wieder. Das Kind nahm dies wohl zum Anlass, sich auf den Rücken zu drehen und den Seestern zu machen. Und ich klammerte mich an den wenigen, noch verbleibenden Zentimetern der Matratze fest und versuchte nach Leibeskräften einzuschlafen. Natürlich sollte es mir nicht gelingen. So zog ich gegen 07:55 Uhr ins Kinderbett um, was keine glorreiche Idee war, denn das Zimmer liegt zur Straßenseite. Gerade war die Rushhour der Grundschulkinder, die fröhlich singend, jauchzend, plappernd in die Grundschule gingen. Manche stritten sich auch. Unbedingt wollte ich einschlafen, denn ich war hundemüde und wollte später unseren Geburtstag gebührend feiern, aber es wollte und wollte mir nicht gelingen. So gab ich um 08:30 Uhr auf, denn ich sah endlich ein, dass es Zeitverschwendung war, wach im Kinderbett zu liegen.

Müde stellte ich die Kaffeemaschine an, ließ den Wasserkocher seine Dienste tun und kramte nach Frühstückskeksen. Dann rief ich in der Kita an, um Signorino für heute abzumelden. „Aber wir hoffen, dass er morgen wieder in die Kita gehen kann.“, säuselte ich. Die Erzieherin wünschte ihm gute Besserung und legte auf.

Gegen 09:45 Uhr erhoben sich das andere Geburtstagskind und Signorino. Mir war übel wie lange nicht mehr, was nicht am Kaffee lag, sondern viel mehr an dem tags zuvor vertilgten Käsekuchen. Es war eine Übelkeit, die nicht in der Kloschüssel enden wollte, das merkte ich schnell. Viel mehr war es eine, die einzig dem Zwecke diente, einem gehörig den Tag vermiesen zu wollen. Sie hielt sich latent im Hintergrund, aber sobald man mehr als zwei Schritte tat, erinnerte sie einen wieder daran, dass sie auch noch anwesend war und dies auch weiterhin sein werde. Der Römer hingegen war komplett verschnupft und rührte sich bereits zum Frühstück ein Erkältungspülverchen an. Der Kleine hingegen war gut gelaunt, ausgeschlafen und froh, dass er auch diesen Tag mit uns verbringen durfte. Als wir fertig gefrühstückt hatten, wünschten der Römer und ich uns „Alles Gute zum Geburtstag“ und besiegelten diesen Wunsch mit einem großen Kuss. Signorino blickte uns an als würde er sagen wollen: „Ich hab’s immer geahnt: Ihr seid tatsächlich ein Paar.“. Dann bekam auch er einen dicken Kuss.

Kurz darauf klingelte es drei Mal schallend an der Tür. Wir hatten nichts bestellt und erwarteten auch nichts. „Ignorier das einfach! Das wird für die Nachbarn sein.“, sprach ich zum Gatten und ging ins Bad. Dann klingelte es wieder zwei Mal. „Die Paketfahrer werden auch immer dreister. Lasst die armen Leute doch in Ruhe, wenn sie nichts bestellt haben.“, dachte ich, während ich mir das Gesicht wusch. Als ich es gerade abtrocknete, klingelte es wieder. „Io vado un attimo a vedere chi è. [Ich gehe einen Moment, um zu sehen, wer es ist.]“, erklärte mir der Römer und eilte die Treppe hinunter. Wenige Augenblicke später kam er mit einen dicken, fetten Blumenstrauß zurück. „Für dich. Sarà del tuo amante. [Das wird von deinem Liebhaber sein.]“, scherzte er und ich guckte ihn mit großen Augen an. „Die sind doch von dir!!“, rief ich freudestrahlend und bedankte mich sogleich. Kleinlaut gab der Römer zurück, dass sie definitiv nicht von ihm waren. „Oh.“, sprach ich und nahm den großen Strauß entgegen. Mit spitzen Fingern fummelte ich die Karte aus dem Umschlag. „Alles Liebe zum Geburtstag. Dein Büro-Team.“, las ich und war sehr glücklich. Meine Kolleginnen vom Nebenjob, der mittlerweile eher mein Hauptjob ist, hatten mich mit diesem floralen Gruß überrascht. Wie schön, solche Kolleginnen zu haben.

Meine Übelkeit trat vor lauter Freude wieder in den Hintergrund und so zog ich mich und dann das Kind rasch an. Der Römer war schon fertig bekleidet. Sogleich streifte ich mir den Mantel um, denn das Thermometer verriet, dass es 7 Grad Celsius in Frankfurt hatte. Brrrr! Eiskalt. Aber die Sonne schien trotzdem und wollte es sich nicht anmerken lassen, dass dies ein Oktobertag war. Als wir die Wohnung verließen, war mir wieder speiübel. An der frischen Luft wurde es nicht wirklich besser und in der S-Bahn erst recht nicht. Zu lauten Reggaeton-Klängen, die aus mitgebrachten Boxen eines Mitreisenden durch die S-Bahn wummerten, kamen wir im S-Bahntunnel kurz vorm Hauptbahnhof stehen. „Muy autentico. [Sehr authentisch]“, rief ein spanischsprechender Fahrgast dem Boxen-Besitzer zu und es entspann ein freundliches Gespräch auf Spanisch. Mir war immer noch übel, wir standen im dunklen Tunnel kurz vorm Hauptbahnhof und die laute Musik machte mich etwas unwirsch. In dieser Situation hätte ich mir weniger Authentizität gewünscht, um ehrlich zu sein. Nach fünf endlos langen Minuten ging die Fahrt weiter und wir hangelten uns von Haltestelle zu Haltestelle weiter bis wir an der Konstablerwache ankamen. Wir bummelten etwas durch ein Kaufhaus, aber Signorino beschwerte sich so laut und vehement, dass wir das Kaufhaus schnell wieder verließen. Da das Kind Strumpfhosen brauchte, löste ich meinen Geburtstagsrabatt im nächsten Bekleidungsgeschäft ein und erhielt vier wunderbare Strumpfhosen. Mehr nicht, denn das Kind findet Kaufhäuser doof und ließ sich auch nicht von diesem Fakt ablenken.

Der nächste Halt war die Kleinmarkthalle, die das Kind faszinierend fand. Dort kauften wir eine Brezel für Signorino. Zufrieden kaute das Kind und ich nutzte die Gunst der Stunde, um ein Stückchen zu stibitzen. Schlagartig war meine Übelkeit verflogen. Ob meinem Körper einfach nur ein „Bavarian Shot“ gefehlt hatte? Ich weiß es nicht, aber es war auch egal.

Wir schlenderten weiter Richtung japanische Lieblingsbäckerei*, ließen uns drei Stück Kuchen (ein himmlischer Cheesecake, ein schokoladiger Kaffeekuchen und eine fantastische Matcha-Schnitte) einpacken und schlugen dann den Weg Richtung Römer (dem Frankfurter Rathaus) ein.

Da das Wetter so herrlich war, kurvten wir durch die neue Altstadt, weiter zum Main und dort immer entlang bis Signorino einen Spielplatz von weitem entdeckte. Dort verbrachten wir eine Stunde und merkten uns diesen Ort für nächsten Sommer, denn der Spielplatz war wirklich weitläufig und schön angelegt.

Vom Willy-Brandt-Platz fuhren wir heim, bestellten von unterwegs etwas zum Mittagessen und kamen fünf Minuten vor Lieferung daheim ein. Nachdem essen, durften wir Geburtstagskinder abwechselnd ein Stündchen Mittagsschlaf machen, während der Kleine lieber Lego spielte.

Danach warteten die Kuchen auf uns. Signorino schmeckte keiner davon, was wir nicht weiter tragisch fanden (böse Eltern!). Er bekam ein Butterbrot und auch das war okay.

Abends waren wir so voll, dass wir Großen nichts herunterbekamen. Nur der Kleine machte Brotzeit. Dann ging er (für seine Verhältnisse) recht früh um 21 Uhr schlafen. Was für ein wunderbar bunter und aufregender 75. Geburtstag.

Und am nächsten Tag holten wir all das in einem Tag nach, was wir in einer Woche machen wollten: Wir brachten das Kind zur Kita und das Auto zur HU-Untersuchung, dann frühstückten wir „einen der besten Cappuccinos Frankfurts“ im Brühmarkt*, statteten dem Outlet und dem Drogeriemarkt in Bockenheim einen Besuch ab, kauften Gummistiefel für mich und Trainingshosen für Signorino und den Römer, um dann nach Hause zu fahren, ein Paket abzuholen, die nächste S-Bahn in die Stadt zu nehmen, Signorinos Hausschuhe umzutauschen, ein Ladekabel zu kaufen, Mittag zu essen, um dann den „für Frankfurt erstaunlich guten Espresso“ [O-Ton Römer] bei The Espresso Bar auszuprobieren. Dann holten wir das Kind ab. Puh! Ganz schön anstrengend eine Woche in einem Tag nachzuholen.

*Werbung aus Überzeugung, unbezahlt und unbeauftragt

Kindermund #2

Signorino ist immer noch angeschlagen, kommt aber langsam wieder zu Kräften. Gestern aß er bereits ein ganzes Pain au chocolat, das ihm der Römer mitbrachte, nachdem er tagelang keinen richtigen Hunger hatte.

Das ganze Kind ist danach voller Brösel und ich frage: „Und, Signorino, hat’s dir geschmeckt?“

Signorino: „Ja, bin papa-satt!“

Ich: „Papa-satt? Na, dann bist du ja richtig, richtig satt. In so einen Papa geht ja viel mehr rein als in einen Signorino.😉”

Signorino: “JA! Papa-satt.”

Von Pain au chocolat wird selbst der Papa papasatt.

WMDEDGT – Oktober 2022

Es ist Oktober. Es ist der Fünfte. Der Römer und ich sind daheim, da wir Urlaub haben und etwas Paar-Zeit verbringen wollten. Signorino ist pünktlich zu unserem Urlaub krank geworden. Und so fragt Frau Brüllen mit was wir nun den ganzen Tag verbringt. Sie nennt das WMDEDGT. Na, dann wollen wir mal gucken:

Kurz vor Mitternacht: Signorino weint. Der Römer übernimmt die frühe Nachtschicht wie gestern.

Zw. 00-04:00 Uhr: Immer wieder weint das kranke Kind, kann aber durch kuscheln beruhigt werden. Alle drei schlafen nicht bis gar nicht.

04:22 Uhr Schichtwechsel. Ich übernehme die späte Krankenschicht neben Signorino. In unser großes Bett will er auf gar keinen Fall. Also quetsche auch ich mich ins 90 Zentimeter Kinderbett.

08:00 Uhr Zeit für ein neues Fieberzäpfchen. Der Römer legt sich zu Signorino. Ich mache mir Frühstück und bereite mich darauf vor, beim Kinderarzt anzurufen. An sich ist der Kinderarzt klasse, aber erreichbar ist er nicht. Gestern riefen wir 7(!) Mal an. Es hob keiner ab. Gleichzeitig soll/darf man nicht in der Praxis ohne Termin vorbeikommen. Wenn heute keiner ans Telefon geht, ist mir das egal. Dann stehen wir um 10 Uhr ohne Termin und Telefonat auf der Matte.

08:30 Uhr Heute hat der Kinderarzt eine Bandansage, dass er gestern und heute im Urlaub sei. Der Römer hat den Auftrag, nachher bei unserer alten Kinderärztin anzurufen.

09:00 Uhr Er hat angerufen und kommt ins Bad mit der Info „09:30 Uhr.“. Mehr sagt er nicht. Ich rege mich auf, denn es ist vollkommen unmöglich, dass wir in 30 Minuten alle angezogen sind und auf der anderen Seite der Stadt, um den Termin wahrzunehmen. „Tranquilla [Beruhige dich]. Ich wollte dir nur sagen, dass der Kinderarzt ab 09:30 Uhr telefonisch erreichbar ist.“ Mein „Dann sprich in ganzen Sätzen, Mensch!“ schlucke ich runter. Wir sind aufgrund der angespannten Lage und des Schlafmangels bereits sehr dünnhäutig.

09:30 Uhr Alle Leitungen beim Kinderarzt sind frei und wir kommen durch. „Um 10:10 Uhr kommen Sie bitte vorbei.“, säuselt die Sprechstundenhilfe ins Telefon. Der Römer erklärt, dass Signorno, nachdem er die ganze Nacht wach war, noch schläft und wir zudem auf der anderen Seite der Stadt wohnen. „10:30 Uhr, dann. Aber das ist eine Ausnahme.“, spricht die Arzthelferin. Was der Römer nicht erwähnt hat, ist, dass wir ebenfalls noch im Pyjama sind. Wie die Irren machen wir uns fertig, wecken das Kind, lassen es frühstücken, ziehen es zeitgleich an und sind um 10:02 Uhr auf dem Weg zum Kinderarzt. Ich starte den Motor und gondle in den Osten. Zum Glück ist der Mainkai offen für den Autoverkehr.

10:30 Uhr Wir schaffen es pünktlich und dürfen noch 30 Minuten im überfüllten Wartezimmer warten. Dann sind wir endlich dran. Im Nebensatz erwähnt die Dottoressa, dass das Kind einen viralen Infekt hat und dazu eine Entzündung. Dann stellt sie fest, dass die Kinderzahnstellung eine KA-TA-STRO-PHE sei. Einen zehnminütigen Vortrag hält sie mir, dass das gar nicht geht und der Schnuller SOFORT weg muss. Ich sage nur „Ja.“. Mehr nicht. Natürlich hat sie recht. Aber den Ton finde ich mehr als kurios. Ein Gespräch ist nicht möglich, da sie einfach nur ein Standpauke halten möchte. „Gründe für den Schnuller findet man immer.“, beendet sie ihren Vortrag. Am Ende gibt sie mir noch ein Notfall-Zäpfchen, falls sich Signorinos Luftröhre aufgrund der Kehlkopfentzündung zu sehr verengen sollte und den Tipp, dass der Kleine morgen wunderbar wieder in die Kita gehen kann. Ich bedanke mich und denke „Ganz sicher nicht.“. Das Kind ist müde, hat keine Stimme, weint bei jedem Husten. Ich will das weder dem Kind, noch den Erzieher*innen, noch den anderen Kindern zumuten und finde es unverantwortlich, das Kind in diesem Zustand zu schicken. Ich würde so auch nicht in die Arbeit gehen, warum sollte ich Signorino so in die Kita gehen lassen?

11:15 Uhr Wir fahren nach Hause. Passend zu diesem miserablen Tag ist die Brücke kurz vor unserem Zuhause gesperrt. Die Umleitung führt uns 9km durch den Frankfurter Westen.

Immerhin hat der Römer einen riesen Spaß, die Einfahrt nach Frankfurt von der Autobahn aus zu fotografieren. Wir bestellen Pizza als wir daheim sind.

15:30 Uhr Wir sind alle müde, aber dennoch schläft keiner. Es wird viel gekuschelt und wir reden wenig, damit unser heiserer Signorino auch nicht reden muss. Dazwischen ruft Turtle an und fragt, wie es uns geht. Dann bricht der Römer zum Zahnarzt auf.

17:00 Uhr Der Gatte kommt zurück. Er habe „nur“ 200 Euro gezahlt für all die Vermessungen und Abdrücke für seine Zahnschiene. Ich schlucke. „Also gibt es heute wohl Ofengemüse. Irgendwo muss man ja sparen.“, denke ich noch so und schlürfe in die Küche. Ich schnipple das Gemüse und höre ein aufgeregtes und vollkommen hilfloses „Amore, si sta per addormentare. [Liebling, er ist gerade dabei einzuschlafen.] Was soll ich jetzt tun?“. Ich gebe zurück, dass ich ihn in den Schlafanzug stecken würde und zwar möglichst schnell. Irgendein Problem sieht der Römer dabei und fängt schon wieder an zu diskutieren. „Schatz, mach doch bitte ein Mal was ich sage. Nur ein einziges Mal. Bitte!“, gebe ich zurück und er steckt das Kind tatsächlich in Schlafanzug und Schlafsack. Ich bereite das Kinderzimmer schlaftauglich vor und der müde Signorino legt sich freiwillig ins Bett. Nach 30 Sekunden döst er. Da er normalerweise 3-4 Stunden später ins Bett geht, stellen wir uns auf eine lange Nacht ein, denn er wird um 22 Uhr sicher fit sein.

20:00 Uhr Zu denken, dass Signorino bis 22 Uhr schläft, war schon sehr optimistisch. Er ist wach und heiser, dazu weint er und vermutlich tut ihm alles weh. Wir Eltern leiden mit und versuchen, die Situation erträglich zu machen.

21:00 Uhr Über und stampft mal wieder eine Elefantenherde oder die Nachbarn, so genau weiß man das nicht. Ich lese etwas und gehe ins Bett. Die Nacht wird vermutlich nicht existent.

Let‘s call it a day.

Pasta-Kurs im Flughafentaxi – das Rom-Tagebuch [Tag 8]

Pasta-Kurs im Flughafentaxi – das Rom-Tagebuch [Tag 8]

Dienstag, 30.08.2022

Ich habe kaum geschlafen, was in diesem Urlaub eher die Regel als die Ausnahme darstellt. Um 04:21 Uh, ich war gerade eingenickt, kam die überaus fleißige und arbeitsame Müllabfuhr vorbei und fuhr gefühlte 30 bis 40 Mal den rostigen Mülltonnen-Greifarm unter unserem Fenster kreischend hoch und runter. Aber wer kann es ihnen übel nehmen, wo sie doch die Stadt in tiefster Nacht vom Müll befreien?

Am Morgen schaut auch der Römer sehr unerholt aus der Wäsche. Müde greift er zur schwarzen Baseballmütze und setzt sie auf seine welligen, dunklen Haare. Anscheinend ist ihm heute nicht nach aufwendigem Haarstyling zumute. Wie immer holt er Frühstück für uns. Als er zurückkommt trinken wir schweigend den ersten Kaffee des Tages. Da Signorino noch schläft, genießen wir die doch so seltene Ruhe. Nach zehn Minuten, in denen jeder für sich seinen Gedanken ungestört nachhängen darf, hören wir ein zaghaftes: „MamaPapa?!“. Signorino ist wach.

„Si, amore? [Ja, Schatz.]“, ruft der Römer ins Schlafzimmer, erhebt sich sogleich und geht Signorino kuscheln. Danach sorgt er dafür, dass Signorino auch genug frühstückt. Indessen kümmere ich mich um das logistisch erfolgreiche Kofferpacken, um später am Flughafen so wenig Stress wie möglich zu haben. Dazu zählt auch, so sinnvoll zu packen, dass die Handgepäcksdinge nach ihrer Priorität in den Rucksäcken verstaut sind. Nach kürzester Zeit ist mein Rucksack der Versorgungsrucksack geworden, der Wasser, Snacks und einen warmen Kinderpulli für den Flug beinhaltet. Außerdem liegen bei mir alle Flüssigkeiten oben auf, damit ich sie an der Sicherheitskontrolle rasch aus dem Rucksack ziehen kann. Der römische Rucksack beinhaltet dagegen das gesamte Windel-Equipment und die Technik. In Signorinos Elefanten-Rucksack ist lediglich leichtes Malzeug, ein paar Legosteine und eine Packung Feuchttüchter gestaut. Das Aufgabegepäckstück verlangt derweil keinerlei Präzession und so landen unsere Dinge gerollt oder gefaltet, nach dreckiger und frischer Wäsche aufgeteilt im Koffer. Nach 40 Minuten bin ich fertig.

Um Punkt 10 Uhr übergeben wir die Schlüssel an unsere Vermieter, bedanken uns und schleppen Kind und Koffer nach unten. Dann überqueren wir die Viale di Trastevere und erreichen nach wenigen Metern den Taxistand. Leider ist an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit kein einziges Taxi in Sicht, was mich durchaus nervös stimmt. Vor uns stehen zudem noch zwei junge Schwedinnen, die ebenfalls auf ein Taxi warten. Da sie zuerst da waren, haben sie natürlich Vorrang. Nach etwa fünf Minuten Wartezeit hält ein Taxi. Die Schwedinnen kriechen auf die Rücksitzbank, wechseln vier Worte auf Englisch mit dem Taxifahrer und kraxeln postwendend wieder aus dem Taxi heraus. Wir gucken sie fragend an. „Only cash!“, sagt die eine der beiden und zuckt mit den Schultern. „Okay!“, spricht der Römer, nähert sich der Taxibeifahrertür, öffnet diese mit einem freundlichen „Salve! Buongiorno! [Grüß Sie, Guten Tag!] und wird noch einmal vom Taxifahrer, diesmal auf Italienisch, darauf hingewiesen, dass sein EC-Karten-Lesegerät leider defekt sei. „Ma noooo! Non c’è problema. [Aber nein! Gar kein Problem] Wir können bar zahlen.“, beschwichtigt ihn der Römer und der Taxifahrer steigt aus, um uns mit dem Koffer zu helfen. Dann klettern wir alle drei auf die Rücksitzbank, verstauen die Rucksäcke und der Römer instruiert den Fahrer, dass wir zum Flughafen müssen. „Ciampino o Fiumicino? [Ciampino oder Fiumicino?]“, will der Taxifahrer noch wissen und der Römer antwortet, dass wir Fiumicino bevorzugen würden. Ein kurzer Lacher auf beiden Seiten und ein „Va bene. [In Ordnung.]“ später, schlängeln wir uns flott durch den dichten Verkehr Roms. Dabei sucht der Fahrer mit der rechten Hand eine Telefonnummer in seiner Kontaktliste im Handy, während er mit der linken Hand das Auto steuert. Sein Blick wandert dabei immer mal wieder zwischen dem chaotischen, römischen Straßenverkehr und seinem Handy hin und her. Als er die Nummer gefunden hat, es kurz tutet und dann ein Antonino mit einem sonoren „Pronto!“ antwortet, haftet der Blick unseres Taxifahrers weitestgehend auf der Straße. Nur bei einigen Abschnitten des Telefongesprächs, redet sich unser Taxifahrer derartig in Rage, dass er nicht mehr den Verkehr beobachtet, sondern sein Handydisplay fixiert und leidenschaftlich mit diesem diskutiert. Ob ihm einer sagen sollte, dass es ein Sprachtelefonat ist und Antonino ihn über das Display gar nicht sehen kann? Lieber nicht, sonst dreht er sich noch zu mir um und wir rasen in ein Stauende. Stattdessen bevorzuge ich, auf der Rücksichtsbank mitzubremsen. Natürlich bringt das effektiv rein gar nichts, was auch der Römer bemerkt, der grinsend auf meinen rechten Fuß starrt, der im 10-Sekunden-Takt bremst.

Um mich abzulenken, fängt mein Mann an, auf Deutsch mit mir zu palavern. Er spricht überaus selten Deutsch mit mir, aber wenn sich eine:n Italiener:in in der Nähe befindet, wählt er diesen Modus, um ungestört mit mir reden zu können. Jedes Mal aufs Neue bin ich begeistert, welchen sprachlichen Fortschritt der Römer wieder gemacht hat. Von Mal zu Mal spricht er fließender, wobei seine Grammatikkünste fast gar nicht mehr darauf schließen lassen, dass er erst seit sechs Jahren in Deutschland ist. Nach etwa zehn Minuten beendet der Taxifahrer sein Telefonat und scheint sich zu langweilen. Immer wieder guckt er interessiert in den Rückspiegel, neben dem seine Taximarke hängt. „Francesco M.“ steht darauf und auf dem Lichtbild starrt er uns blass und emotionslos entgegen.

Während der Römer und ich eine kleine Gesprächspause einlegen, wittert Francesco seine Chance. Mit einem einfachen „Da dove siete? [Woher seid ihr?]“ steigt er in die bis dahin rein deutsche Konversation ein. „Aus Frankfurt.“, antwortet der Römer und ich weiß genau, warum er nicht die ganze Wahrheit sagt. Würde er aufdecken, dass er aus Albanien kommt, aber in Rom aufgewachsen ist, würde wieder das altbekannte Spiel anfangen: „Ah! Albanien! Ich kenne XY aus Albanien. Un bravo ragazzo [Ein guter Kerl.]“, gefolgt von einem Vortrag darüber wie der Taxifahrer Albanien und die Albaner:innen per se in Italien sieht. Mit der Antwort „Frankfurt“ ist der Römer definitiv auf der sicheren Seite. Nach kürzester Zeit finden Francesco, der Taxifahrer, und der Römer ein gemeinsames Gesprächsthema: Die Preisentwicklung in Italien und Deutschland. Akkribisch vergleichen Sie zuerst Benzinpreise, dann die aktuellen Obstpreise (IT: Kilopreis für Trauben liegt bei 3€ statt wie gewöhnlich bei 1,50€), um dann weiter über Gas- und Strompreise zu diskutieren. Schließlich kommen die beiden zu einer wirklich wichtigen Kategorie: Die Pasta-Preise in Italien.

Und ab hier beginnt Francescos Pasta-Kurs, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Nachdem er uns die aktuellen Pasta-Preise seiner bevorzugten Marken vorgebetet und nochmals erörtert hat, dass er meist nur im Angebot kauft, lässt er uns teilhaben an seinem unglaublichen Wissen über Pasta. Ich versuche, die wichtigsten Punkte für Sie zusammenzufassen. Natürlich ist Francescos Wissen ohne Gewähr auf Vollständigkeit und/oder absoluter Richtigkeit.

Pasta-Kurs auf die Francesco-Art:

Klares Kochwasser: Gute Pasta erkennen Sie daran, dass das Kochwasser klar bleibt. Sollte sich das Wasser beim Kochen weißlich verfärben, wurden andere Dinge zu den einzig wahren Pasta-Bestandteilen Wasser und Hartweizengries hinzugefügt. Dies könnte zum Beispiel Maismehl oder jegliches, anderes Mehl sein, was dazu dient, den Pastateig zu strecken und somit die Herstellungskosten zu senken. Dadurch büßt die Nudel jedoch viel Geschmack und Konsistenz ein.


Heute für Sie ausprobiert. Das Wasser sieht einigermaßen klar aus.

„Al Dente bis zum Schluss“: Gute Pasta verkocht nicht. Sie können Pasta eines Qualitätsherstellers locker ein paar Minuten länger als auf der Packung angegeben im Wasser lassen. Bis zu 14 Minuten Kochzeit sollte für eine gute Nudel kein Problem darstellen. Francesco erzählte, dass sie bei ihm zu Hause gerne große, sonntägliche Familienmittagessen (=pranzo) haben und da es viele Gänge gibt, die Pasta auch gerne einmal ein paar Minuten länger als üblich im Wasser bleibt. Sie ist und bleibt trotz längerer Kochzeit „al dente“.

„Made in Molise“: Der Weizen sollte aus Italien stammen und zwar möglichst aus der Region „Molise“. Sollte das nicht möglich sein, sollte der Weizen zumindest aus Europa kommen. Francesco führt weiter aus, dass eine bekannte, italienische Marken, die sie in jedem deutschen Supermarkt kaufen können, dazu übergegangen ist weltweit Weizen einzukaufen, der durchaus auch genmodifiziert sei, laut Francesco. In Italien gab es daraufhin einen großen Aufschrei und die Verkaufszahlen brachen ein.

Al Bronzo macht den Unterschied„: Die Nudeln sollten möglichst „al bronzo“ produziert sein. Das bedeutet, dass der Nudelteig auf Bronzeformen gezogen wird, wodurch die Oberfläche der Nudel rauer und ihre Struktur dichter wird. Dies dient dazu, dass die Soße optimal an der Nudel haften bleibt.

„Francescos Lieblinge“: Zu Francescos absoluten Lieblingen zählt die Marke „La Molisana“*, die ihren Weizen ausschließlich aus der Region Molise bezieht. Auf Platz 2 befindet sich die Nudelmarke „Rummo“*, die Sie bei uns auch im gut sortierten Super- oder Drogeriemarkt finden. Bei Rummo sei zu beachten, dass sie europäischen Weizen benutzen.

„Das schafft jeder“: Die Nudelsoße sollten Sie immer selber machen. Als Basis benutzen sie ein soffrito: Dazu schwitzen Sie feingehackte Zwiebeln und eine Knoblauchzehe im Ganzen (diese können Sie hinterher wieder herausfischen) an und geben Passata di Pomodoro darüber. Salzen, etwas Chilli dazu und köcheln lassen. Dann vermischen Sie die Pasta direkt noch in der großen Tomatensoßenpfanne mit den Nudeln, damit die beiden sich verbinden. Und wie Sie bereits wissen, haftet die Soße an der angerauten Oberfläche (al bronzo) der Nudel optimal.

„Francescos Geheimtipp“: Ein paar Semmelbrösel, un filo d’olio [ein wenig Olivenöl] und Petersilie auf den bereits angerichteten Teller Pasta geben. Das schafft laut Francesco wirklich jeder!

Merke: Die perfekte Nudel färbt das Nudelwasser nicht weiß, verkocht nur bei grober Fahrlässigkeit, ist al bronzo produziert und beinhaltet optimalerweise nur Weizen aus der Region Molise.

Als Francesco langsam vor Terminal 1 des Flughafens rollt, würde ich am liebsten sitzen bleiben. Viel zu spannend ist sein geballtes Wissen über die perfekte Pasta. Doch leider, leider müssen wir aussteigen und unseren Flug erwischen. Als der Römer den Koffer entgegennimmt, wird ihm von Francesco folgende Frage gestellt: „Ma tu sei italiano, vero? [Aber du bist Italiener, richtig?]“ Der Römer schüttelt lachend seinen Kopf: „No, no, sono tedesco. [Nein, nein, ich bin Deutscher.]“ Ich gucke etwas irritiert. Technisch gesehen ist der Römer noch kein Deutscher. Dafür arbeitet das albanische Konsulat und die deutsche Einbürgerungsstelle viel zu langsam. Wie es denn komme, dass der Römer ein so lupenreines Italienisch spreche, will Francesco daraufhin wissen. „Das ist einfach zu erklären.“, sagt der Römer, „Ich habe sehr viele Jahre in Rom gewohnt.“ Daraufhin sprechen Francesco und der Römer fünf Minuten über das Leben in Rom, um kurz danach über Francescos Heimat Kalabrien zu reden. Mit Blick auf die Uhr, müssen die beiden sich schließlich voneinander losreißen. Als wir Signorino auf den Rollkoffer setzen, raunt mir der Römer zu: „I calabresi vivono per mangiare. [Die Kalabrier leben fürs Essen.]“. Ja, so ist das wohl. Und zum Glück sind sie so nett und teilen ihr Wissen.

Am Flughafen ist es anstrengend wie immer mit Kleinkind. Immerhin zahlt sich meine aufwendige Handgepäcksordnung aus und so kommen wir schnell und unkompliziert durch die Sicherheitskontrolle. Da wir immer noch viel zu früh am Flughafen sind, versuchen wir Signorino zu beschäftigen, was mäßig gut klappt. Nach einer unendlich lang erscheinenden Wartezeit kommen wir im Flugzeug an. Signorino schläft natürlich nicht erschöpft im Flugzeug ein. Da wir ziemlich müde sind, geben wir ihm das Tablet und er darf eine Serie gucken.

Endlich in Frankfurt ist unser Koffer zwar angekommen, aber beschädigt. Eine Rolle hakt und ist kaputt. So statten wir dem „baggage claim“ auch noch einen Besuch ab. Da dies nicht mein erster, beschädigter Koffer in meiner Laufbahn ist, geht es ruckzuck. Am Ende brauchen wir ein Koffergutachten, das wir uns in der Innenstadt einholen müssen. Aber nicht heute.

Auf dem Weg zur S-Bahn stoppen wir noch bei der goldenen Möwe. Heute ist eh schon alles egal und kochen stellt keine wirkliche Option dar. Wir bestellen an einem riesigen Bildschirm und Signorino und der Römer setzen sich hin, während ich das Essen abhole. Kurz darauf isst Signorino zufrieden seine Pommes und probiert Chicken Nuggets von mir und auch wir Erwachsenen sind zufrieden mit dem kulinarischen Angebot der goldenen Möwe. Dann nehmen wir die S-Bahn nach Hause.

Als wir endlich in unserer Wohnung sind, bin ich drauf und dran den Laminatboden vor Freude zu küssen. Aber ich kann mich noch davon abhalten. Schließlich habe ich heute noch etwas weitaus wichtigeres vor: Circa 3 Kilo Tomaten wollen geerntet werden. Und das mache ich dann auch!

Tomaten über Tomaten
Diese Tomatenpflanze brach unter der Tomatenlast zusammen
Und ein paar Chillis.

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt

Nachtrag: Ab heute haben wir eine Woche frei und bleiben daheim. Wir werden als Paar ganz entspannt in eines der unzähligen Museen Frankfurts gehen, während Signorino in seiner vertrauten Kita spielen wird. Manchmal kann Urlaub so einfach sein, oder?

Espresso zu Heavy-Metal-Klängen – Das Rom-Tagebuch [Tag 7]

Montag, 29.09.2022

Es ist 09:30 Uhr und alle schlafen – außer mir. Ich bin bereits wach, wobei „bereits“ sicher das falsche Adverb um diese Zeit ist. Mit gemischten Gefühlen denke ich an unseren morgigen Abreisetag. Um 10 Uhr müssen wir aus dem Haus, um das Flugzeug gegen Mittag zu besteigen. Um ehrlich zu sein, wäre es mir am liebsten, bereits heute Abend heimzufliegen, aber das Umbuchen meines Mitarbeiter-Tickets gestaltet sich schwierig und so werden wir wohl erst morgen Mittag Rom verlassen können. Dabei bin ich mir sicher, dass diese Tatsache sehr von 15 römischen Mücken geschätzt wird und sie auf ein grandioses, letztes Abendmahl (mit mir in der Hauptrolle) hoffen.

Immer noch sehe ich aus als hätte ich Windpocken und so pflege ich meine Mückenstiche mit dem Gel, dessen Verpackung stark an einen Flüssigklebestift erinnert. Langsam erwachen die männlichen Farnientes. Der Große springt auf und will sich um Frühstück kümmern, wie er es schon die ganze Woche über gemacht hat. Der Kleine möchte wieder seine Stimmung und sein Befinden in seinem Kleidungsstil manifestieren. Heute soll es die kurze Jeanshose sein – dazu ein weißes Polo-Shirt. Ob die Vorlage seines Outfits der römische Bekannte alias „der weiße Stein“ war? Meine noch benutzbaren, scheinbar sauberen Kleidungsstücke aus dem Koffer lassen mich langsam aber sicher verzweifeln. Selbst die Teile, die ich noch kein einziges Mal in diesem Urlaub angehabt habe, sind voller Wassermelonenflecken (Grazie, Signorino!). Als der Römer von der sizilianischen Bäckerei zurück kommt und ich ihm von meiner Misere berichte, kommt just der Kommentar, dass ich schließlich nicht besonders penibel mit meiner Kleidung umgehen würde. Ganz im Gegensatz zum römischen Gatten, versteht sich. Kurz schnellt mein Puls nach oben und ich mache dem feinen Herrn Römer klar, dass sein Privileg darin liegt, Papa geworden zu sein, was bedeutet, dass die körperliche Nähe zum eigenen Kind nicht mit Ende der Schwangerschaft endet. Signorino und vermutlich einige Kinder mehr leben quasi auf einem bis sie bereit sind, sich abzunabeln. Und wie das so ist bei einem Kleinkind, dass ständig auf Mamas Schoß, Arm, Rücken oder Hüfte will, sind Mamas Kleidungsstücke eben dann fleckig und/oder verknittert. Mein, zugegeben, etwas geladener Redeschwall lässt den Römer verstummen. Solange, bis er fragt, ob ich Hilfe beim Waschen meiner Kleidungsstücke brauche. Ich nicke und bedanke mich für sein Verständnis. Gleich nachmittags würde er sich um meine Kleidungsstücke kümmern, gibt er an. Sein „Gleich nachmittags“ kenne ich bereits aus der Vergangenheit und warte immer noch auf den ein oder anderen „Nachmittag“. Aber ich bleibe gespannt.

Als wir fertig gefrühstückt haben, gehen wir vor die Tür. Erster Stopp: Ein Modegeschäft. Signorino braucht eine zweite, lange Hose, da wir nur eine eingepackt haben. Ein paar Söckchen, eine lange und kurze Hose später, sowie ein T-Shirt, dass der Mann für den Sohn haben will, nehme ich noch ein einfaches T-Shirt im Sale mit. Augenscheinlich scheint es zu passen. Für eine Anprobe ist keine Zeit.

Der nächste Halt ist unser Stammcafé Baylon. Bereits die ganze Woche freute ich mich auf den Besuch „unseres“ Cafés. Hier schlug die zarte Liebe zwischen dem Römer und mir erste, feine Wurzeln. Die süßen Croissants, der herbe caffé und die wunderbare Atmosphäre trugen sicher auch dazu bei, dass wir den Schritt wagten und der Römer zu mir nach Deutschland zog.

Doch was soll ich sagen? Corona forderte anscheinend überall seine Opfer. Das einst so geliebte Café ist ein seelenloses Loch geworden. Wir treten ein und laute Heavy-Metal-Musik kreischt aus den Boxen. Der schöne 20er Jahre Charme, die adrette Arbeitskleidung der Bedienungen und auch die charmanten Kellner*innen sind alle verschwunden. Dafür haben sie nun eine dermaßen unmotivierte, kaugummikauende Kellnerin, die so wirkt als wäre sie dazu gezwungen worden, Gast bei uns zu sein und nicht andersherum. Oder anders ausgedrückt: Diese junge Dame in der Gastgeberrolle ist definitiv eine Fehlbesetzung. Immerhin ist der caffè gut, wobei ich in Italien noch nie schlechten Espresso getrunken habe. Doch, doch, auch das passiere, sagt der Römer. Er sei vor Jahren mit der Rugby-Mannschaft in Norditalien gewesen und dort hätten sie tatsächlich schlechten Kaffee getrunken. Dennoch habe ich recht, dass man in Italien lange suchen müsse für einen wirklich schlechten Kaffee. Das sei in Deutschland besser. Man kann sich sicher sein, dass man sehr schnell wässrigen, sauren Espresso findet – egal wo. Ich „mmh-pfe“ gegen die Heavy-Metall-Musik an und mein Blick fällt auf die lange Glasvitrine, die in der Vergangenheit mit reichlich frischem Obst, Teilchen, Croissants und Kuchen gefüllt war. Hier herrscht gähnende Leere. Ein einzelner Apfel steht in einer 10-Meter-Glasvitrine. Ich fühle mich so unwohl, dass ich meinen caffè herunterstürze und den Römer nervös dabei beobachte wie er in aller Ruhe ein Päckchen Zucker in den Espresso einrührt. Verträumt starrt er in seinen Espresso, während heftige Heavy-Metal-Klänge uns immer eindringlicher Anbrüllen. Signorino zappelt unruhig auf meinem Schoss. Ja, wir sind mehr als bereit zu gehen. „È diventato proprio un buco. [Es ist wirklich ein Loch geworden.]“ stellt der Römer nun fest und rührt weiter mit ruhiger Hand in seinem Espresso. Noch eine Löffel-Umdrehung mehr und ich renne schreiend aus dem Café. Doch endlich nippt er an seinem gut gerührten Espresso. Ob ich auch eine centrifuga [Smoothie] will, will der Römer von mir wissen. Mein Blick fällt auf den einsamen Apfel in der Glasvitrine. „Ich vermute, der Apfel reicht nicht für uns beide.“, antworte ich sarkastisch. „Sie haben sicher noch irgendwo Obst.“, gibt der Römer zurück. „Sei mir nicht böse, aber ich finde, DAS ist der Eingang zur Unterwelt. Ich möchte einfach nur raus hier.“, spreche ich meine Gedanken aus. Der Römer nimmt Blickkontakt zur Bedienung auf. Lustlos und immer noch Kaugummi kauend schlendert sie zu uns. „Two forty, please.“, knurrt sie die englischen Worte als wären es Italienische. „Va bene così. Grazie. [Stimmt so. Danke.]“, sagt der Römer und gibt ihr 3 Euro. „Grazie.“, antwortet die Bedienung, krallt sich die drei Euro und schlürft lustlos davon. Es ist eben nichts für die Unendlichkeit. Nicht mal das schöne Café, in dem wir so gerne waren.

Der Römer will keine Langeweile aufkommen lassen und so schlägt er vor, in den Interior Laden nebenan zu gehen. Wir treten ein, werden höflich begrüßt, gucken uns kurz um und treten wieder auf die Straße. Zu teuer und nicht unser Stil ist das ernüchternde Ergebnis. Vermutlich hängt mir auch noch die Trauer und Enttäuschung über mein „Café“ nach, als dass mir etwas interessant erscheinen könnte. Danach schlendern wir etwas plan- und ziellos durch Trastevere und nehmen gleich noch Pizza bei La Renella mit. Eben genauso wie die Tage zuvor auch.

Ich bin so platt und gleichzeitig genervt, dass ich mich nochmal an den Computer setze und schaue, ob man nicht vielleicht doch diese Mitarbeiter-Flugtickets umbuchen kann. Immerhin ist der letzte Flug aus Rom nur zu 50% ausgebucht. Gleichzeitig würden uns nur zwei Stunden Zeit bleiben, um alles zu packen und die Wohnung fluchtartig zu verlassen. Wie schön wäre der Gedanke, heute Nacht im eigenen Bett zu schlafen? Ich versuche bei der Hotline anzurufen, aber es gibt kein Durchkommen. Gleichzeitig will das Kind jetzt unbedingt und sofort auf meinem Schoss sitzen, während ich in der Warteschleife hänge. Jeglicher Versuch vom Römer ihn wegzulocken, endet in einer lauten Kreischattacke, so dass ich die Warteschleifenmusik gar nicht mehr verstehe. Ob wir sicher sind, dass wir heute Abend zurückfliegen wollen, frage ich den Römer und er antwortet „Non lo so. Che ne pensi? [Weiß ich nicht. Was meinst du?]“. Ich lege auf. Keiner ist sich sicher, ob eine Umbuchung auf den heutigen Tag sinnvoll ist und es wäre ein unendlicher Stress alles in so kurzer Zeit zu packen. Dann soll es nicht sein. Fliegen wir halt morgen Mittag.

Müde fallen der Römer und ich ins Bett. Signorino zeigt jedoch kein Anzeichen von Müdigkeit. Draußen ist es heiß und die Mittagssonne knallt vom Himmel. Somit ist rausgehen keine Option. Warum müssen eigentlich die, die ins Bett gehen wollen, die ins Bett bringen, die nicht ins Bett gehen wollen? Signorino beginnt zu malen, zu snacken, zu trinken, zu quatschen, Dinge durch die Gegend zu tragen, seine neuen Socken auseinander zu pflücken und in unterschiedlichen Kombinationen wieder zusammenzufügen. Kurzum: Unsere Geduld befindet sich bereits im hellroten Bereich. Dazu kommt, dass permanent nach „MAMAAA!“ geschrien wird. Ich checke uns derweil für den morgigen Flug ein. Obwohl wir innerhalb der EU fliegen, wird alles abgefragt. Wirklich alles! Das kenne ich sonst nur bei Reisen von/nach Drittländern. Beim Römer ist mir nicht ganz klar, was sein Reisegrund für Deutschland eigentlich ist. Deutscher Staatsbürger ist er nicht. Er studiert auch nicht in Deutschland, macht keine Geschäftsreise und ist auch kein Tourist. Die Auswahloption „Ich wohne in Deutschland, weil ich eine:n Deutsche:n geheiratet habe und jetzt hier leben muss.“ gibt es leider nicht. Am Ende schreibe ich „Arbeit“. Stimmt ja auch.

Um halb fünf Uhr Nachmittags schlafen Signorino und der Römer endlich ein. Es war heute wirklich ein langer, anstrengender Kampf. Meine Müdigkeit ist hingegen komplett verflogen und ich habe Hunger. Also esse ich etwas und versuche dann, mich nochmals hinzulegen. Das Bett quietscht. Ich vermisse mein Zuhause mit all seinen Vorteilen. Reisen mit Kleinkind ist eine Herausforderung und hat wirklich wenig mit Erholung zu tun.

Der Große wacht wenig später auf und geht duschen. Ich erinnere noch einmal freundlich an meine Kleidungsstücke, die er „gleich nachmittags“ waschen wollte. Missmutig löst er sein Versprechen ein und wäscht mit geschickter Hand Wassermelonenflecken in der Badewanne aus. Der Kleine wacht kurz danach von den Dusch-und Waschgeräuschen auf und baut sich im Bett eine Kissenburg. Derweil packe ich schon mal die dreckige Wäsche und baue eine Dreck-Wäsche-Burg in unserem Koffer. Der Große will sich noch bei Freund A., dem Restaurantbesitzer, verabschieden und holt in diesem Zug gleich Abendessen. Während wir essen, unterhalten wir uns darüber, ob ein Abendspaziergang noch eine Option wäre. „Raus! Ja!“, spricht unsere nachtaktive Kleinkind-Eule. Als wir fertig gegessen haben, beschließen wir Piazza Venezia und den Kapitolsplatz zu besuchen. Bus Nummer 8 bringt uns dorthin und wir stellen fest, dass es eine Haltestelle direkt vor unserer Tür gibt. Selbst der Römer wusste darüber nicht Bescheid und wir sind all die Tage zuvor mit bleischwerem Kleinkind auf den Schultern sieben Minuten nach Hause gegangen. Mamma mia!

Vor Ort angekommen erklimmen wir den Kapitolsplatz mit seinen sehr steilen, mit Sommersandalen sehr rutschigen Treppen und landen sofort in der Vergangenheit: Hier war ich zuletzt alleine mit dem Römer. Die Idee ein gemeinsames Kind zu haben war weit entfernt. Es gab nur ihn und mich – und jetzt rennt unser Kleinkind lachend über den Platz und grüßt Touristen aus aller Welt mit einem fröhlichen „Haaaaallo!!“.

Der römische Gatte

Wir schauen uns noch das Forum Romanum von oben an, gehen die rutschige Treppe wieder hinunter, schlendern am Teatro di Marcello, das oft für das Kolosseum gehalten wird, vorbei und überqueren den Tiber mithilfe der Tiberinsel. Signorino will alles selber laufen (Betonung auf laufen) , was wir begrüßen würden, wäre der Verkehr nicht so dicht. So tragen wir das maulende Kind heim, dass immer wieder „Laufen! Laufen!“ schreit.

Endlich sind wir zu Hause und packen für morgen.

Mülleimer-Jagd in Rom – das Rom-Tagebuch [Tag 5]

Samstag, 27.08.2022

Ha! Es hat nur fünf Tage gedauert und ich bin morgens nicht mehr unleidlich. Es stimmt schon, was man sagt: Man gewöhnt sich an alles. Auch an das quietschende Bett und alle anderen Störfaktoren, die meine Schlafhygiene beeinträchtigen. Meinen nächtlichen Erfolg kann keiner der männlichen Farnientes nachvollziehen, denn groß und klein schlafen Nacht um Nacht wie die Babys.

Leider ist mein Erfolg nur von kurzer Dauer, denn es juckt unangenehm an meinen Armen und Beinen. Noch vor dem Frühstück tupfe ich das Gel, das der Römer in der Apotheke erwarb, auf die roten Mückenstiche. Langsam, ganz langsam wird es besser.

Während ich noch tupfe, holt der Römer bereits Frühstück bei unserem neuen Stamm-Café „Il Siciliano“. Wenn einer Süßgebäck kann, dann definitiv die Sizilianer:innen. Nach vorheriger Absprache mit dem Römer, beschlossen mehr ich als er, dass Signorino heute kein Croissant bekommt. Nicht etwa, weil wir besonders gemeine Elterm sind, sondern viel mehr, weil er seit Tagen nur ein einziges Mal von dem Süßgebäck abbeißt, um dann lieber Kekse zu essen. Sehr zum Leid meines immer enger werdenden Hosenbundes, müssen der Römer und ich das Signorino’sche Croissant vernichten. Auch mein Magen rebelliert, denn nach eineinhalb pappsüßen Croissants mit Creme-Füllung fühle ich mich etwas schwerfällig in der Magengegend. Der Römer stimmte meinen Ausführungen natürlich voll und ganz zu bevor er das Haus verließ. Das macht er oft, um sich unnötige Diskussionen zu ersparen.

Nach wenigen Minuten kommt er mit einer Papiertüte gefüllt mit zwei großen Croissants und einem Mini-Croissant zurück. Signorino habe ihm so Leid getan, da musste er ihm zumindest ein kleines Marmeladencroissant mitnehmen. Es sei nur so groß wie zwei Kinderhände und deswegen absolut in Ordnung. Unser Nachwuchs freut sich sehr über das kleine Croissant, beißt ein einziges Mal davon ab und legt es auf meinen Teller. Dann widmet er sich den Keksen und will Milch dazu. Immerhin ist das Signorino’sche Croissant so klein, dass die Hälfte davon mich und meinen Magen kaum belastet.

Danach beginnt wie immer die Ideenfindung für das heutige Ausflugsprogramm. Wir kommen nicht recht weiter und so beschließen wir zuerst dem Laden gegenüber einen Besuch abzustatten.

Seit Tagen kann ich vom Küchenfenster unserer Ferienwohnung aus die Fußmatte des Ladens sehen, auf der „Ciao Patatoni!“ steht und ganz unter uns: Ich würde meine linke Niere verkaufen, um so eine Fußmatte in Frankfurt zu haben. So treten wir ein und gucken uns interessiert um, während ich nichts anderes als diese Fußmatte im Sinn habe. Leider entdecke ich sie nirgends. Immerhin entdeckt der Römer etwas und zwar rosa Baby-Tennissocken mit der Aufschrift „Daje!“ [röm. Komm schon!]. Er verliebt sich in die keinen Daje-Socken und will sie für die frisch geborene Tochter eines italienischen Freundes in Frankfurt kaufen. Gesagt, getan. Er schreitet zur Kasse und ich instruiere den Römer, doch bitte UNBEDINGT nach dieser Fußmatte zu fragen. Zögernd dreht er sich noch einmal zu mir um. Ich zische ein leises „Daje! Na los, mach schon!“. Ja, ich meine das tatsächlich bitterernst. Als auch er bemerkt, dass ich nicht scherze, fragt er das Verkaufspersonal höflich nach der Fußmatte. „Ah, das tut mir Leid.“, sagt der Ladenbesitzer. „Diese Fußmatte war eine Sonderanfertigung für uns. Sie ist leider unverkäuflich.“ Der Römer bedankt sich, zahlt und wir verlassen mit den Babysöckchen das Ladengeschäft. „Alles muss man selber machen.“, stelle ich fest und suche bereits nach „Fußmatten zum selber designen“ im Internet. „Muss das jetzt sein?“, will der Römer wissen. Jetzt bemerke ich selber, dass das tatsächlich ein bisschen dämlich ist und vertage die Fußmattensuche auf einen späteren Zeitpunkt. Wir bringen die Geschenktüte in die Ferienwohnung und beschließen von der Piazza Trilussa ein Taxi zur spanischen Treppe zu nehmen. Für 8,70 Euro bringt uns ein älterer Herr sehr zügig zu eben dieser. Als wir zahlen, bemerke ich wieder einmal, wie günstig Taxifahren in Italien ist. Wir bedanken uns und steigen aus.

Tatsächlich sind wir nicht wegen der Sehenswürdigkeit gekommen, sondern weil der Römer und ich in dieser Ecke ein Outlet kennen, das in der Vergangenheit immer tolle Angebote hatte. Leider können wir uns nicht mehr an den exakten Standort des Outlets erinnern und so irren wir ein bisschen zwischen den Luxusmarken umher und wundern uns über die Menschenschlangen, die sich vor so manchem Luxusgeschäft bildet. Als wir an einer Schlange vorbeigehen, bleibt Signorino stehen. „Hoch!“, spricht er und meint es ernst. Immerhin sind wir schon 50 Meter weit gegangen. Natürlich verstehe ich den kindlichen Wunsch getragen zu werden. Auf seiner Höhe sieht man nicht wirklich viel außer Schuhe, Knie und Hüften. Ich nehme ihn auf den Arm und schleppe ihn durch die Gassen. Er meldet sogleich seinen Wunsch nach „EEEIS!“ an und wiederholt es sicherheitshalber nochmal auf Italienisch, damit ihn auch wirklich jeder Elternteil verstehen kann. Da wir gerade erst gefrühstückt haben, beschließen wir, dass Signorino noch ein Weilchen ohne Eis auskommen kann. Stattdessen bekommt er seine Wasserflasche in die Hand gedrückt. Er guckt verdutzt, trinkt aber dann.

Am Outlet angekommen sind wir ziemlich enttäuscht. Die Auswahl ist sehr ausgedünnt. Da Signorino neben „Steine gucken“ auch „Kleidung gucken“ ziemlich langweilig findet, beschließt er die Treppe des zweistöckigen Geschäftes zu benutzen und zwar mehrmals und ohne Pause. Wir teilen uns auf: Erst schaue ich ein wenig durch die kleine Leicht-Daunenjacken-Auswahl, dann hat der Römer Zeit einen Blick in die Herrenabteilung zu werfen. Eh ich mich versehe, ist der Römer bereits in einem handfesten Verkaufsgespräch zu einer sehr eigenwilligen Trainingsjacke, die für mich eher nach Altkleidersammlung als nach Designerstück aussieht. Mein Gatte schwört Stein und Bein, dass das DIE Marke ist und nur Kenner dieses tolle Teil für den horrenden Preis schätzen würden. Ich stimme ihm zu. So muss es sein, denn anders kann ich es mir nicht erklären, wer mehr als fünf Euro für so eine furchtbar hässliche Jacke ausgibt. „Nur 150 Euro kostet sie.“, will mich der Römer überzeugen und ich falle aus allen Wolken. „150 Euro für eine Jacke, die du vermutlich nur daheim trägst?“, überschlägt sich meine Stimme. „Wie? Daheim? Ich werde die Jacke überall tragen.“, will mich der Römer überzeugen. „Bitte nicht.“, murmle ich. Signorino huscht derweil wieder die Treppe hoch und hat Gefallen daran gefunden, all die Schuhe, die pro Treppenstufe links und rechts platziert sind, zu tätscheln. Dazu begrüßt er sie, indem er ihre Farben erwähnt „Hallo Blau! Hallo Braun! Hallo Schwaaahaaz!“. Wenn ein Schuh hinsichtlich seiner Farbwahl besonders außergewöhnlich ist, sagt er nur „Hallo Schuhe!“ und tätschelt ihn ein bisschen weniger als die anderen. Während ich Signorino und die Schuhe beaufsichtige, sehe ich den Römer nachdenklich vor der aufgebügelten Trainingsjacke stehen. Er will diese Jacke, probiert sie noch ein, zwei Mal an, betrachtet sich im Spiegel auf der Verkaufsfläche und der Verkäufer redet auf ihn ein, dass diese Jacke ganz besonders „particolare“ [einzigartig] sei. Ja, so scheint es mir auch. Selten habe ich ein hässlicheresTeil gesehen. „Che faccio? [Was mache ich jetzt?]“, fragt mich der Römer. „Das musst du wissen.“, antworte ich und halte Signorino davon ab, einen Schuh samt Schuhkarton die Treppe hinunterzuwerfen. Der Römer seufzt. „Vielleicht kaufe ich sie später.“, spricht er. Wir wissen beide, dass dieses „Später“ nicht eintreffen wird. Sehr geknickt verlässt er den Laden. „Eis!!!“, ruft sich Signorino wieder ins Gedächtnis und der Römer ist damit beschäftigt für Signorino eine Eisdiele zu suchen. Wir landen in einem etwas edlerem Café mit furchtbar muffigem Personal. Die Eisverkäuferin gibt Signorino nicht einmal einen Waffelkeks auf sein überteuertes Schokoladeneis. Auch der Römer bestellt sich ein Scholoadeneis und ich frage mich, warum sie bei identischer Bestellung nicht einfach einen Becher zusammen genommen haben? Kurz danach weiß ich warum. Während ich den Nachwuchs mit Eis füttern darf und gleichzeitig aufpassen muss, dass er das Eis nicht zu schnell ist, da er sonst vor „Gehirnfrost“ schreit, löffelt der Römer in aller Ruhe sein Eis weg. Er hat leider, leider keine Hand frei, um das Kind zu füttern, denn schließlich würde sein Essen ebenso schnell schmelzen wie das des Nachwuchses. Verstehen Sie mich richtig, ich helfe Signorino sehr gerne, sein Eis zu essen. Jedoch wird das Erlebnis für mich etwas komplizierter, da ich einen hellrosa Hosenrock und ein weißes T-Shirt anhabe. Mit Argusaugen versuche ich, das Kind und mich sauber zu halten und gleichzeitig mit Schokoladeneis zu füttern, was furchtbar anstrengend ist. Als das Kind grundgereinigt ist und mein T-Shirt nur über einen winzigen Schokoklecks im Bauchnabelbereich verfügt, ziehen wir weiter. Der Römer sucht verzweifelt einen Mülleimer für die beiden Papp-Eisbecher, kann aber keinen finden und ärgert sich lautstark. Schritt um Schritt wird er wütender ob der mangelnden Mülleimer in der italienischen Hauptstadt. Schließlich, vor einer Kirche, finden wir einen und er versenkt erleichtert die beiden Verpackungen. „Das ist in Frankfurt schon besser.“, erklärt er mir und ich grinse. Ja, auch Frankfurt hat seine Vorteile.

Endlich ein Mülleimer vor einer Kirche.
Die Ansicht ohne Mülleimer und nach oben ist fast noch besser.

Mittlerweile, am Largo Argentino angekommen, wollen wir den Bus der Linie 8 nach Casaletto (Genau: à casa, al letto – nach Hause, ins Bett) nehmen. Leider lässt er heute auf sich warten. Es ist Mittagszeit und furchtbar heiß. Signorino will seinen Sonnenhut nicht tragen und wir streiten uns. Als der Bus kommt, gebe ich genervt auf. Im Bus braucht er keinen Sonnenhut. Da will ich mal nicht so sein. Angekommen an unserer Haltestelle bringt uns der Römer noch in die Wohnung, um dann zu La Ranella zu spurten. Diesmal bringt er erstaunlich viel Pizza mit, die wie immer klasse ist. Signorino isst am liebsten „Pizza Bianca“, also gebackener Pizzateig ohne alles mit Salz und Olivenöl.

Dann fängt der Kampf ums Mittagsschläfchen wieder an. Das Kind findet unsere Idee wie immer doof, ist aber müde. Sehr müde. Schließlich beschließt der Römer mit Signorino zu raufen. Laut kichernd kämpfen sie auf dem quietschenden Bett, um dann nach dem Kampf erschöpft nebeneinander zu liegen. Signorino trinkt Wasser und nickt dabei weg. Was für eine kluge Taktik. Vor 18 Uhr wacht der kleine Mann nicht auf.

Der Römer meldet an, eine schnelle „spesa“ [Einkauf] zu machen. Nach dem gestrigen Schreianfall Signorinos hüten wir uns davor, nochmal mit Signorino in einen Supermarkt zu gehen. Rasch flitzt der Römer in den Supermarkt im Souterrain unserer Ferienwohnung und kauft allerhand Nützliches und Unnützliches.

Danach das Übliche aus Duschen, einer kleinen Runde um den Block und Abendessen bis wir schließlich um Mitternacht im Bett sind.

Pantheon beinahe ohne Linse – das Rom-Tagebuch [Tag 4]

Freitag, 23.08.2022

Morgens krieche ich wieder etwas unleidlich unter dem dünnen, weißen Leinentuch hervor. Die übliche Mischung aus quietschendem Bett (bei jeder nur leicht verrutschten Haarsträhne) und der Straßenlärm, sowie die von Signorino vorgegebene, unchristliche Bettgehzeit (irgendwann nach Mitternacht) machen mich fertig. Dazu die Hitze in der römischen Hauptstadt, die stellenweise noch etwas intensiver ist als die, die ich in Frankfurt in den letzten Tagen vor den großen Ferien erlebt habe. Langsam, ganz langsam schalte ich von meinem inneren Leerlauf in den ersten Gang und habe Mühe, dabei nicht gleich vollkommen benommen vom Stuhl zu fallen. Der Römer, bei dem all diese nächtlichen Umstände und die Hitze Energiegeber (und nicht wie bei mir Energieräuber) sind, hüpft bereits gut gelaunt durch die Straßen Roms und holt Frühstück. Ein Mann wie ein Goldstück, auch das muss man ab und an lobend feststellen.

Signorino erwacht in der Zwischenzeit. Auch ihm tun die Nächte gut und er verbringt sie in vollkommener Zufriedenheit neben mir. Ich wechsle ihm die Windel und will ihm die kurze, rehbraune Hose mit dem Ananasdruck anziehen, aber keine Chance. Er weiß genau, wie er sich kleiden will und schreit wie am Spieß beim Anblick der kurzen Hose mit dem Print. Er zeigt mir selbstsicher, dass für ihn – als direkter Nachfahre des Römers – nur die orange, kurze Hose ohne Druck in Frage kommt. Dazu will er bitte das T-Shirt mit dem Eiffelturm-Print anziehen und Socken. Blau sollen diese sein! Das passende Paar zerrt er sogleich aus dem Koffer. Wenn er sich jetzt noch zweifelnd im Spiegel beäugen würde, wäre er die exakte Kopie des Römers.

Apropos Römer: Der kommt gerade zurück und wir frühstücken.

Währenddessen besprechen wir – wie die Tage zuvor – mögliche Ausflugsziele in Rom mit unserem Zweijährigen. Wieder schlägt der Römer den botanischen Garten vor, aber bei aller Liebe für den botanischen Garten, zwei Mal in zwei Tagen muss ich ihm auch keinen Besuch abstatten. Mein Vorschlag, Terme di Caracalla, findet der Römer gut, allerdings ist er der Meinung, dass wir schon zu spät dran sind und die Sonne so erbarmungslos vom Himmel knallen würde, dass wir diesen Ausflug heute lieber nicht machen sollten. Am Ende entscheiden wir uns für Bummeln. Genauso heiß wie der Ausflug zur Caracalla-Therme, wie wir schnell feststellen werden, aber immerhin zahlen wir keinen Eintritt und sind schnell wieder zu Hause.

Durch Trastevere schlendernd entdeckt der Römer ein T-Shirt mit dem wenig charmanten Aufdruck „Fatti cazzi tuoi“ [Sehr frei übersetzt: Kümmere dich um deinen Mist]. Er würde das T-Shirt gerne kaufen. Gleichzeitig ist er hin und hergerissen, ob er das T-Shirt wirklich braucht und so beschließen wir, dass wir es eventuell auf dem Rückweg kaufen werden.

Weiter geht es Richtung Nonna Vincenzas Konditorei. Leider sind wir noch so voll vom Frühstück, dass wir keinen Platz für ein zweites Frühstück finden können. Am Campo de‘ Fiori angekommen, zeige ich dem Römer einen geheimen Geheimgang, der tatsächlich so geheim ist, dass der Römer ihn nicht kennt. Dazu halten wir uns an der Piazza del Biscione, die direkt an den Campo de‘ Fiori anschließt, ganz rechts bis wir einen Art Tunnel entdecken. Dort gehen wir hindurch und kommen an der Via di Grotta Pinta heraus. Das ist sicher nichts weltbewegendes, aber für mich war es ein schönes Gefühl, dem Römer etwas von Rom zeigen zu können und nicht nur Sehenswürdigkeiten, Tricks und Kniffe gezeigt zu bekommen.

Die Aussicht auf die Kuppel der Kirche Sant‘Andrea della Valle wartet nach dem geheimen Geheimtunnel auf Sie.

Der Römer lotst uns zur Piazza Navona. Dort gönnen wir uns auf der Stufe zum Trottoir sitzend eine kleine Trinkpause. Es ist sehr heiß und viele Tourist:innen sind auf und an der Piazza unterwegs. Wir blicken auf die brasilianische Botschaft und mir wird schlagartig blümerant. Nicht etwa wegen der brasilianischen Botschaft, viel mehr, weil mein Kreislauf verrückt spielt. Ruckartig stehe ich auf und hoffe, dass es besser wird und tatsächlich geht es mir etwas besser. Mein Kreislauf läuft sich langsam wieder warm, oder, hinsichtlich der Temperaturen, vermutlich eher kühl. Wir beschließen weiterzugehen und der Römer bringt uns zum Pantheon – sein Lieblingsbauwerk. Wir beobachten die Tourist:innen, die allesamt nur damit beschäftigt sind, sich vor dem Pantheon fotografieren zu lassen. Abseits steht ein älteres Schweizer Pärchen in Tarn-Beige gekleidet. Sie sind die einzigen, die das Pantheon mit eigenen Augen und nicht durch eine Linse betrachten. Ihre Köpfe stecken sie zusammen und weisen sich gegenseitig auf Dinge hin, die sie an der Außenfassade oder an der Architektur des Pantheons in all seiner Einzigartigkeit entdeckt haben. Ja, diese beiden erleben Rom tatsächlich wie es sein soll und am Ende haben sie vermutlich mehr zu erzählen als all die Fotograf:innen, die nur auf der Suche nach dem nächsten Like sind.

Ein schneller Schnappschuss auch von mir. 😄

Der Römer will mir noch eine ganz andere Sehenswürdigkeit zeigen. Bei einem Jeansgeschäft am Eck hat er DIE Herren-Jeans schlechthin entdeckt. Jeder hat eben am Pantheon Augen für etwas anderes. 😉 Anprobieren möchte er sie nicht, weil das mit Signorino jedes Mal eine Herausforderung ist und so wollen wir gerade weiterziehen bis ich das Pärchen, dass sich in den Nationalfarben Italiens gekleidet hat, entdecke. Ich vermute, dass es ein Zufall ist, aber ein Foto war es mir doch wert. Ob die Dame heute früh zu ihrem Liebsten sagte: „Wenn du rot und weiß anziehst, bin ich grün?“ Als ich den Römer auf das italienische Duo aufmerksam mache, muss auch er laut lachen. Mein Vorschlag, dass er morgen Rot und Gold anzieht, während ich ganz in Schwarz gehe, findet er dann nicht mehr so zum Lachen. Spielverderber!

Ein Bild für die Götter. Sie in Grün. Er in Rot und Weiß. Zusammen stellen sie die italienische Flagge dar.

Wir setzen unseren Rundgang fort und besuchen die Galleria Alberto Sordi, oder wie sie bei mir heißt „Umberto Ecco“. Na ja, immerhin eint die beiden, dass sie berühmte Italiener waren. Dort sind mittlerweile alle Geschäfte dauerhaft geschlossen, dafür sind zwei Kaffeebars offen. Wir setzen uns zu der linken Kaffeebar und meine Blase drückt. Das Tat sie schon im Frühjahr 2019 an dieser Stelle und ich wunderte mich noch, warum ich ständig pinkeln musste. Tja, Signorino war damals schon mit an Bord – wir wussten nur nichts davon. Diesmal ist niemand mit an Bord und ich gehe zur Toilette und zeige pflichtbewusst meinen Kassenzettel vor, um mir einen Euro Toilettengebühr zu ersparen. Denn wer im Café konsumiert hat, darf die Toilette kostenlos benutzen. Die wunderbare Reinigungskraft hat den Laden im Griff – aber sowas von. Nach jeder Benutzung putzt und desinfiziert sie, was das Zeug hält. Sie kontrolliert, dass nicht zu viele Leute auf einmal im Spa-Bereich (den Ausdruck können Sie beinahe wortwörtlich nehmen, so sauber ist das WC) stehen und ist dazu freundlich und überaus fleißig. Als ich gehe bedanke ich mich herzlich bei ihr und lege ein paar Münzen in ihre kleine, dunkelgrüne Schale.

Zurück am Tisch diskutieren der Römer und Signorino gerade über die Sinnhaftigkeit der Zuckerpäckchen in einer kleinen, schwarzen Plastikschale, die auf dem Tisch steht. Der Römer findet es sinnvoll, dass die Zuckerpäckchen in der dafür bestimmten Zuckerschale bleiben sollen. Signorino stellt das gänzlich in Frage und lädt Zuckerpäckchen um Zuckerpäckchen aus, die der Römer geflissentlich wieder einräumt bis sie sich nach dem dritten Zuckerpäckchen streiten. Auch als ich mich auf die Seite des Römers stelle, ist das Geschrei bei Signorino groß. Er hat absolut ungerechte Eltern, die nichts und zwar gar nichts verstehen. Als Trostpreis bekommt er mein unbenutztes Zuckerpäckchen und wir tragen das 15 Kilo Kind zur Piazza Venezia, von der wir ein Taxi nach Hause nehmen wollen. Doch weil es gerade so schön ist, frage ich den Römer, ob wir nicht doch noch zum Largo Argentino weitergehen wollen und er gibt sich geschlagen. Dafür trage ich das Kind auf meinem Arm weiter. Der Largo Argentino ist komplett eingezäunt. Vermutlich wollten die Katzen, die dort leben, einfach mal ihre Ruhe und haben Betriebsurlaub eingereicht.

Da es nur noch wenige Schritte zur Bushaltestelle, die eigentlich eine Tramhaltestelle ist, sind, beschließen wir, uns das Taxi zu sparen. Wir fahren also wieder Richtung Casaletto und der Römer erklärt unserem Nachwuchs abermals, dass es jetzt „a casa“ (nach Hause) und ins „letto“ (Bett) geht und nur deswegen „Casaletto“ auf dem Bus stehen würde. Der Kleine guckt irritiert und fasziniert zugleich. Vermutlich hört er selten so viel dummes Zeug in einem Satz. Als wir im Bus sitzen, sind wir erleichtert, dass der Bus über eine Klimaanlage verfügt und diese noch dazu funktioniert. Wir schleppen das Kind die letzten Meter nach Hause und machen das Essen warm. Danach weigert sich das Kind Mittagsschlaf zu machen und so verbringen wir die Zeit bis 16:30 Uhr mit einem sehr knatschigen, sehr müden Kind bis Signorino endlich einschläft.

Der Römer mustert meine unzähligen Mückenstiche an den Beinen mit großen Augen. Ich sehe ziemlich zerstochen aus. Noch dazu kratzen die Dinger wie verrückt. Rasch zieht der Römer seine Schuhe an und geht in die Apotheke. Dort holt er mir ein Anti-Juckreiz-Gel gegen Mückenstiche. Auch, wenn ich mich wiederhole: Ein Mann wie ein Goldstück. Dankbar nehme ich es entgegen, betupfe die Stiche, doch es juckt immer noch fürchterlich. Immerhin haben sich die Mücken einzig und alleine mich als lebendes Buffet ausgesucht. Signorino und der Römer bleiben komplett verschont. Der Römer schnappt sich seinen Laptop und bereitet seine Bewerbung für ein Uni-Projekt vor, während ich meinen Reisebericht stichpunktartig abtippe. Dann sortiere ich Urlaubsbilder.

Nachdem Signorino erwacht ist, holt der Römer Supplì und Pizza von unten. Der Laden ist bekannt für seine Supplì, die als frittierte Reisbällchen beschrieben werden können. Für seine Pizza ist der Laden anscheinend nicht bekannt, denn sie schmeckt grauenhaft. Der Teig ist matschig, die Tomatensauce erinnert an Ketchup. Der Käse erinnert an geschmolzenes Plastik.

Abends verlassen wir das Haus gegen 21:30 Uhr und nutzen es schamlos aus, dass das Kind eine Eule ist, die nicht vor Mitternacht ins Bett geht. Der Abendspaziergang wird dennoch anstrengender als gedacht. Alleine eine Männer-WG entzückt Signorino, da sie mit einer Gießkanne die Pflanzen vor ihrer ebenerdigen Wohnungs- und Haustüre gießen. „Gießkanne! Gießkanne!“ ruft Signorino den Männern zu und sie lachen das Kind freundlich an. Schließlich finden wir noch zwei Nasoni, Wasserspender, und Signorino macht „pritsch pratsch“ mit dem heraussprudelnden Wasser. Am Ende ist das ganze Kind gewaschen und sehr nass. Wir beschließen, zurückzukehren und Signorino trocken zu legen.

Ja, die Zeiten sind wohl vorbei, in denen wir jung und unbeschwert bis spät in die Nacht durch Trastevere zogen. Alles hat im Leben eben seine Zeit – auch das. Daheim kuscheln wir uns ins Quietschebett und gucken eine Zeichentrickserie, während unten viele ausgehfreudige Leute lachend und laut quatschend vorbeiziehen. Als wir das Kind in den Schlafanzug stecken, hat er seinen Palmwedel, den er auf der Straße fand, immer noch in der Hand. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wie es scheint.