Ultimo Ratio: Badewanne!

Es ist Sonntag. Die Nacht war kurz – oder lassen Sie es mich präzisieren: für eine Minderheit der Familie war sie gar nicht erst existent.

Wenn Signorino schlief, schnarchte der Römer in einer unerhörten Lautstärke. Wenn der Römer leise schlummerte, wandelte Signorino halb wach im Bett umher, wollte meine Hand mal im Gesicht, dann wieder auf seiner Brust, dann gar nicht mehr. Er rollte sich, begab sich in die beliebte Position „der Seestern“ mit seinen Füßchen in meinem Gesicht oder lies sich schlafend auf mich plumpsen. Es war zum verrückt werden.

Indessen wartete der Römer selig schlafend auf seinen Einsatz um seinen Lautstärkeregler wieder hochzufahren. Die perfekte Bühne für seinen brummenden Auftritt bot sich natürlich nur, wenn das Kind endlich in die Schlafparalyse geglitten war.

Müde schlürfte ich am nächsten Morgen ins Bad. Signorino befand sich in Obhut des Römers. Mein Blick fiel auf die Badewanne. „Ob es jemand merken würde, wenn ich mir einfach ein Bett in der Badewanne bauen würde? Zwei Handtücher dienen als Kissen, der Bademantel als Decke und ich könnte eine weitere halbe Stunde unbemerkt schlummern. Zur Tarnung würde ich den Duschvorhang zuziehen. Der Römer würde beim Anblick des geschlossenen Vorhangs nur wieder denken, dass ich einen neuen Ordnungsfimmel habe und dann….“ Noch ehe ich mich den weiteren Details hingeben konnte, kratzte es leise an der Tür. Mangels Haustier konnte es nur bedeuten, dass Signorino dem Römer entwischt ist. Sein pädagogisch wertvolles Betreuungskonzept besteht unter anderem auch aus „Zeitung lesen“ oder „am Handy scrollen“. Ich seufzte und öffnete die Tür. Ein fröhlicher Signorino guckte mich grinsend an. Ich hob ihn hoch und brachte ihn zurück zum Römer.

„Dein Kind ist abgehauen.“ sagte ich und er blickte nur kurz von seinem Handy auf. „Ma lui giocava!! [Aber er spielte!!]“ gab er empört zurück, so als ob das zehn Monate alte Kind durch eine ausgeklügelte List ausgebüchst wäre. Ich nickte kurz und schlich in die Küche. Während ich darauf wartete, dass die Kaffeemaschine endlich aufheizen würde, fiel mein Blick auf die zwei großen Wäscheberge. „90 Grad – weiß“ und „40 Grad – bunt“ türmten sich in schwindelerregenden Höhen vor dem großen Haushaltsschrank. Wenn man die beiden zusammen schieben würde, dann würde das ein wunderbar kuscheliges Bett ergeben. Ob man mich hier suchen würde? Wahrscheinlich nicht. Wer vermutete schon eine erwachsene, nüchterne Frau eingekuschelt auf zwei Wäschebergen? „Ob ich es versuchen sollte?“ fragte ich mich, doch im selben Augenblick hörte ich den Römer aus dem Wohnzimmer schreien: „AAAAAMORE! Un po‘ di giaccio ed un caffé, per favore!“ [Schatz! Ein bissschen Eis und einen Espresso, bitte!]

Bei dem Blick aufs Thermometer erübrigte sich die Frage, ob er nur sehr umständlich einen Caffè Shakerato bei mir bestellen wollte. Ich brachte ihm eine kalte Kompresse aus dem Kühlschrank – eingewickelt in ein Küchenhandtuch und nahm den schluchzenden Signorino in Empfang. „Non lo so come ha fatto lui. [Ich weiß nicht wie er das gemacht hat.] Auf einmal dotzte er mit dem Kopf gegen die Couch und als ich dachte, dass er nun nicht weiter fallen könnte, dotzte er weiter mit dem Hinterkopf auf den Teppichboden. Ich habe nur einen Moment weggeschaut, da war es schon passiert.“ erklärte mir der Römer wild gestikulierend. Sein Handy, dass in seiner rechten Hand aufleuchtete und sein dazugehöriger, ellenlanger Kommentar auf einer sozialen Plattform lies mich das das Gegenteil vermuten. „Ma il caffé?!“ [Aber der Espresso?!] hakte der Römer nach. Meine Vergesslichkeit gegenüber seiner Espressobestellung schockierte ihn mehr als der Sturz seines Sohnes. Ich guckte ihn genervt an. „Prioritäten.“ murmelte ich und hielt die Kompresse vorsichtig an Signorinos Stirn. „Alles muss man hier selber machen.“ motzte der Römer und stiefelte theatralisch in die Küche.

Wenig später kam er mit zwei caffé zurück. „Entschuldige, es gab nur noch deca…[entkoffeinierten Espresso] – ma non fa nulla. [aber das macht ja nichts] Am Montag kaufe ich neuen Kaffee.“ säuselte er fröhlich. „….ma non fa nulla.“ [Aber das macht nichts.] wiederholte ich in meinen Gedanken und beschloss, dass es auch nichts machen würde, wenn ich heute alleine auf der Couch schlafen würde. Sollen sie doch gucken, wo sie bleiben.

Ich bereitete das restliche Frühstück zu und brachte es an den Tisch. Signorino zappelte aufgeregt in seinem Hochstuhl hin und her. Das erste Stück Marmeladenbrot erreichte ihn und er stieß ein erleichtertes „Mjam“ aus. Während ich ihn fütterte, mampfte der Römer angeregt seine italienischen Kekse und trank seinen Espresso mit allergrößter Muße. Als er damit fertig war, streckte und reckte er sich, guckte zu uns hinüber und stellte fest: „Visto che ci dura ancora un bel po‘, io mi ristraio ancora. [Da es bei euch anscheinend noch ein bisschen dauert, lege ich mich nochmals hin.] Ich hab heute Nacht so unruhig geschlafen.“ Noch eh ich empört antworten konnte, war er schon abgerauscht. Einzig seine Kekskrümel und seine leere Espressotasse zeugten von seinem Gastspiel am Frühstückstisch.

Ich schüttelte den Kopf – trank meinen italienischen Kaffee Hag und begann mit der Grundreinigung des Tisches, Signorinos, des Hochstuhls und der Glasvitrine hinter Signorino. Danach saugte ich Marmeladenbrot-Stücke ein und legte mich erschöpft auf den Teppichboden. Von links hörte ich ein heiteres „Da da“ und spürte eine winzige Hand, die sich auf meinem Brustkorb abstützte. Noch eh ich aufblicken konnte, versank eine andere Hand forsch in meiner Magengrube. „Signorino. Au! Nein!“ presste ich hervor, da spürte ich schon ein Knie in einer meiner Rippen. „Nein. Nein. Nein.“ wiederholte das Kind. „Ich bin ein lebendes Klettergerüst. Na toll!“ dachte ich und verfluchte den Römer, der sicher schon schlummernd im warmen Bett lag.

Nach weiteren 40 Minuten erschien der feine Herr Farniente gut gelaunt mit einem „Ci voleva“ [Das habe ich jetzt gebraucht] auf den Lippen. „Alles gut bei dir?“ fragte er, als er mich auf dem Rücken liegend mit dem auf mir herumturnenden Signorino sah.

„Ich bin müde, habe heute Nacht nicht geschlafen. Meine Augen fallen zu und Signorino klettert seit 40 Minuten auf mir herum. Gleichzeitig habe ich keinerlei Kraft mich zu bewegen. Jede Zelle meines Körpers ächzt nach Schlaf und du legst dich hin und döst! Ich will keinen entkoffeinierten Kaffee, keine Wäscheberge, keinen Kompressendienst am Kind. Ich will einfach nur in der Badewanne schlafen ohne das jemand an der Tür kratzt. Ist das denn zu viel verlangt?“ ergoß sich mein Jammerschwall auf den verstrubelten Römer. „Amore, dann sag doch was! Ma sto io col bambino [Aber ich kann doch beim Kind sein]. Leg dich hin – solange du willst.“ redete der Römer beruhigend auf mich ein und half mir hoch. „Brauchst du noch ein zweites Kissen? Ohrenstöpsel? Eine Wärmflasche?“ sorgte er sich um mich – oder wohl eher um mein geistiges Wohlbefinden. „Nein, danke.“ antwortete ich weinerlich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Bett.

Nach wunderbaren drei Stunden Schlaf kehrte ich erholt und mental geordnet zurück. „Das war zauberhaft.“ schwärmte ich und lächelte sanft. „Nein. Nein. Nein.“ begrüßte mich Signorino lachend. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht. Ich war wirklich besorgt als du gesagt hast, dass du in der Badewanne schlafen willst. Da wusste ich: adesso basta! [Jetzt reicht’s] Lei deve dormire. [Sie muss schlafen] Aber…sag mal, hattest du das wirklich ernst gemeint mit der Badewanne?“ wollte er neugierig wissen.

„Ach nein, nein. Das wäre ja verrückt!“, entkräftete ich meine vorherige Aussage, „Ich war wohl sehr müde.“

Dem Römer genügte diese Antwort und er erklärte mir irgendetwas Zusammenhangloses über die Autobahnbezifferung in Deutschland.*

Einen Teufel werde ich tun und ihm meine „ultimo ratio“ im Kampf gegen den Schlaf verraten. Sollen sie mich doch überall suchen – friedlich in der Badewanne schlummernd vermuten sie mich garantiert nicht.

[*Der Römer meint, es könnte Sie auch interessieren, deswegen hier für Sie vom Römer: Eine ungerade Nummer tragen alle Autobahnen in Deutschland, die in Nord-Süd-Richtung führen (beispielsweise die A1); gerade Nummern bekommen alle, die in West-Ost-Richtung verlaufen (etwa die A 4).]

Si – am Arsc*

Bitte tun Sie mir den Gefallen und verurteilen Sie mich nicht auch noch. Ich fühle mich schon von ganz allein vom Schicksal betrogen. Wie ich nur ein Jahr später auf dem Boden herumkrieche und mit einem Tischstaubsauger glutenfreie Bio Maisstangen und Demeter zertifizierte Reiswaffeln mit Apfel-Mango Pulver einsauge, schäme ich mich über meine oft gehässigen Kommentare über die weit verbreitete Helikopter-Elternstaffel.

Wissen Sie, man macht sich so lange über Eltern lustig bis man selbst Kinder hat. Dann lacht sich das Schicksal ins Fäustchen und guckt mit einer großen Tüte Popcorn zu wie man so wird wie „die anderen“.

Plötzlich unterhält man sich über die Farbe und Beschaffenheit des Baby Stuhlgangs – während man isst. Man backt zuckerfreie Waffeln auf Bananenbasis (gar nicht mal so schlecht!) und jedes mal, wenn man in seinem chemie- und schadstofffreien Universum hockt und selbst gekochte Gemüsebällchen vom TÜV zertifizierten Babyhochstuhl schrubbt, steht der Römer hinter einem und sagt Schokolade kauend: „Als ob deine und meine Eltern so viel Aufwand betrieben hätten wie du! Bei all den Kindern wäre das auch gar nicht gegangen. Abgesehen davon hätte meine Mutter auch gar keine Zeit gehabt für solche Spielereien. Abbiamo mangiato la pappa – e basta. [Wir haben Brei gegessen – und das war’s] Wer den nicht wollte, der hat Pech gehabt. Irgendwann isst das Kind schon, wenn es Hunger hat.“

Ich blicke vom Boden auf, nachdem ich die Jagd nach dem letzten Krümel beendet habe und lasse den Staubsauger aufheulen. Das sollte Antwort genug sein. Doch der Römer verstand meine Drohung nicht.

Veramente, amore! [Wirklich, Schatz!] Wir sind so übervorsichtig. È assurdo! [Das ist absurd] Wir sollten uns einfach mal entspannen. Ganz besonders du, elicottera. [Helikopterfrau]“ setzt er seinen unerwünschten Monolog fort.

„Ok. Danke.“ antworte ich knapp und überprüfe nochmal, ob das Babyphone auch wirklich an ist.

„Zum Beispiel auch mit diesem Babyphone in unserer kleinen Wohnung. Sowas gab es bei uns gar nicht. Irgendeiner hat mich dann schon gehört, wenn ich laut genug geschrien habe. Wir versklaven uns für Signorino. O in altre parole: è troppo! [Oder mit anderen Worten: Es ist zu viel!]“ erklärt er – immer noch Schokolade kauend.

„Hm…“ gebe ich zurück. Durch das ständige Hinterherrennen und Verbote aussprechen an Signorino habe ich keine Energie mehr mich zu langen und breiten Diskussionen hinreißen zu lassen.

„Nein….Nein…Nein…Nein…Nein….Da…Da.“ tönt es aus dem Babyphone. Signorino ist wach. „Ah siehst du! Un’altra cosa! [Eine andere Sache!] Das erste Wort unseres Kindes ist nein, weil es das den ganzen Tag von dir hört. Vielleicht solltest du deine Sätze etwas positiver formulieren.“ kommentiert der Römer weiter und isst schlussendlich das letzte Stück Schokolade der Packung. Er knüllt das bunte Papier zusammen und versucht es in den Mülleimer zu werfen. Es gelingt ihm und er ruft laut jubelnd: „Siiiiiii!“

„Si am Arsch.“ murmle ich und gehe – genervt von seinen Ratschlägen – zu Signorino um ihn aus dem Bettchen zu befreien.

„Scusa? [Entschuldige?]“ fragt der Römer, doch ich war bereits im Schlafzimmer und auf meinem Erziehungsratgeber Ohr taub.

Später, am Nachmittag, gehen wir einkaufen, nachdem wir den Spaziergang mit Signorino beendet haben. Angekommen im großen Supermarkt begutachte ich das Gemüse. Ich greife nach einer Avocado und der Römer fragt mich, ob diese für Signorino sei. „Ja, ist im Angebot.“ gebe ich in den Einkauf vertieft zurück.

„BIST DU VERRÜCKT?!?!“ überschlägt sich seine Stimme. Ich gucke ihn irritiert an. „Die ist doch gar nicht BIO?!?!“ spricht’s, nimmt sie mir aus der Hand und legt sie zurück. „Damit kann gerne eine andere Mutter ihr Kind vergiften, aber nicht du. Du bringst den kleinen Kerl noch um.“ sagt er und fährt mit Signorino im Buggy schnurstracks in die Bio Abteilung. Dort zieht er sein selbst mitgebrachtes Obstnetz aus Bio-Baumwolle aus der Jackentasche und füllt unter allergrößtem Argwohn gegenüber den anderen Gemüsesorten eine Avocado ein. „Seit wann hast du ein eigenes Obstnetz?“ frage ich entgeistert. „Ach das….“ sagt er und denkt, ich würde nicht weiter nachhaken. Aber nicht mit mir, mein Freund! Nach einigen Sekunden des sinnfreien Herumstotterns, platzt es aus ihm heraus: „Ich bin einfach kein Fan davon, wenn das Gemüse meines Sohnes mit Plastik in Berührung kommt. È troppo pericoloso.[Das ist viel zu gefährlich] Da habe ich kein gutes Gefühl dabei. Wenn wir schon nicht regional kaufen, dann wenigstens bio!“

Ich grinse nur und sage: „Also mit diesem Obstnetz für unseren Sohn… Das hätte es früher bei uns nicht gegeben. Deine Mutter hätte das sicher nicht mitgemacht bei euch Kindern und -bei aller Liebe- wir sind so übervorsichtig, das ist doch ABSURD! Assurdo!! Wo wäre sie denn da hingekommen, wenn jeder ein eigenes Obstnetz gehabt hätte? Und BIO!!! Also nein, wir versklaven uns doch für unseren Sohn. Du solltest dich mal entspannen. Einfach mal alles ein bisschen sportlicher sehen. Und vielleicht solltest du auch einmal positiver auf andere Gemüsesorten und Anbauweisen herangehen. Du bist in letzter Zeit so negativ.“

Er funkelt mich an und setzt seinen Einkauf fort. Wir sprechen kein Wort, nur Signorino tönt „Nein, nein, nein, da, da, da.“ durch die Gänge.

„Zahlst du oder zahl ich, elicottero?“ frage ich ihn provozierend an der Kasse. Er rümpft nur seine Nase und holt seinen Geldbeutel heraus. „Und die Treuekarte nicht vergessen! Diese Woche gibt es achtfach Punkte.“ flöte ich. Er verdreht genervt die Augen und verstaut eine Packung Bio Maiswaffeln – demeter zertifiziert.

Daheim angekommen ruft er in Albanien an. Erstaunlich oft hört man das Wort „bio“ aus seinem Mund und dem Mund seiner Mutter. Als er auflegt, kommt er triumphierend auf mich zu: „Ha! Vedi! [Siehst du!] Alles war bio!“ Fragend blicke ich von Signorinos angekauten Bauklötzchen auf. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert und alles war bio. Nur Obst und Gemüse aus eigenem Anbau bekam ich damals. Alles war frisch geerntet aus Omas Garten.“ erklärt er. „Aha. Na dann.“ gebe ich wenig interessiert zurück. „Ich wollte es dir nur sagen, weil du mich elicottero genannt hast. Und das bin ich nicht.“ weist er mich auf mein „Vergehen“ hin.

Ich lege einen Holzwürfel zur Seite, hole tief Luft und erkläre dann: „Schatz, nun sind wir doch mal ehrlich: Wir sind beide elicotteri – aus dem einfachen Grund, weil Signorino unser erstes und einziges Kind ist. Wir haben keinerlei Erfahrung und wollen alles perfekt machen. Hätten wir hier noch zwei andere Kinder herumhüpfen, wäre die Zeit auch deutlicher knapper um sich über solche Details Gedanken zu machen. Einigen wir uns einfach darauf, dass jeder von uns – auf unterschiedliche Art und Weise – ein elicottero ist.“

Va bene! [In Ordnung] Aber du etwas mehr.“ merkt er an. Wir müssen beide lachen. „Wenn du dich damit besser fühlst: sehr gerne!“ stimme ich zu.

Buon rientro al caos

„Guten Tag.“ schreibe ich – und lösche es gleich wieder.

Ein so lapidarer Gruß nach all diesen Wochen und (ich wage es kaum zu schreiben) Monaten? Nein. Das spiegelt unser Verhältnis nicht wieder. Sie, und ich, wir sind uns näher. Zusammen standen wir bereits in der Küche und wurden vom Römer unsanft zur Seite geschoben, während er versuchte, dass die Küche nicht vollends abfackelte.

Sie saßen gefühlt neben mir als ich mit dem stundenlang weinenden Signorino auf dem Bett saß und ihn kraftlos schuckelte.

Sie munterten mich auf, lachten mit mir Tränen und rückten mir den Kopf zurecht.

Wie falsch wäre es da, Sie mit einem einfachen „Guten Tag“ zu begrüßen? Gut ist der Tag natürlich. Das merken Sie allein schon daran, dass ich schreibe. Denn an schlechten Tagen – und davon gab es einige zwischen Juni und September – blieben mir die Worte im Herzen stecken und bohrten sich immer tiefer und tiefer um noch mehr weh zu tun als nötig.

Doch jetzt, im Oktober, verblassen die Worte und Taten. Sie fallen wie Herbstblätter zu Boden und werden vom Matschwetter weggespült.

Jetzt im Herbst und Winter bin ich wieder ganz für Sie da. [Und Sie für mich!]

Zumindest hoffe ich das, denn wussten Sie, dass Babys verflucht schnell sind, wenn sie krabbeln? Und wussten Sie, dass wenn sie erst einmal krabbeln, recht schnell dazu übergehen, sich überall wagemutig hochzuziehen? Haben Sie auch gewusst, dass sie dann oft rückwärts umkippen – wie ein Brett – wenn man mal einen Moment nicht aufpasst? Und wenn sie kopfnickend diese Fragen beantworten, dann werden Sie einsehen, dass ich Sie brauche. Das hätte dem armen Kind, Signorino, die ein oder andere Beule erspart.

Der Römer sieht das anders. Aber der nennt mich seit Wochen nur „elicottera“ [angelehnt an das Wort elicottero – Helikopter]. Seit ich herausgefunden habe, dass Kinder zwar waghalsig sind, aber dennoch sehr weinerlich, wenn sie umkippen (was sie ständig tun), bin ich meist sehr achtsam und sehr nah an Signorino. Seitdem haben wir keinen Unfall mehr zu verzeichnen. Dafür muss ich das ständige, schelmische Grinsen des Römers ertragen. „Ma lui deve fare le sue esperienze.“[Aber er muss seine eigenen Erfahrungen machen] sagt er dann und fügt „Sonst lernt er es nie.“ an den Satz an. „Ja, ja.“ sage ich dann. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, was ein „Ja, ja“ bedeutet.

Doch wir einigten uns auf einen Kompromiss. Der Römer ist der Teil unserer Elternkombo, der „das Kind mal machen lässt“ und es tröstet, wenn es das hundertste Mal hinfällt. Ich, in meiner Funktion als elicottera, fange das Kind auf, halte es, wenn es steht und bin am Abend platt, weil ich ständig hinterher laufe.

Sie sehen, es gibt nur eine einzige Begrüßung, die ich für uns gelten lasse: „Buon rientro al caos!“ [Willkommen zurück im Chaos] Alles andere wäre Untertreibung!

Si, si, certo!

Keine Sorge, wir sind schon mit einem überfordert. Ein Zweites würde uns in den Ruin stürzen! 😄

Je höher man fliegt, desto härter ist der Boden der Tatsachen, auf dem man früher oder später unsanft landet.

Und was sind wir hoch geflogen als wir vom Kinderkriegen geträumt haben! Sicher über 30.000 Fuß, denn das würde unsere fantasievollen Ideen unter offensichtlich akutem Sauerstoffmangel erklären.

Hatten wir während meiner Schwangerschaft noch den festen Wunsch mit einem 6 Wochen alten Baby nach Florenz zu fliegen (Stichwort: saldi oder Winterschlussverkauf), so knallten wir mit voller Wucht in das, was Alltag mit Baby bedeutete.

Vor ein paar Wochen war eine Freundin samt Mann zu Besuch. Sie kamen von außerhalb, deswegen buchten sie sich für ein paar Tage in einem Wellnesshotel unserer Stadt ein.

Wir trafen uns in diesen Tagen oft und plauderten über die wenigen Themen, die uns nach Jahren des losen Kontakts noch übrig geblieben waren.

Sie, die gerade mit dem ersten Kind schwanger ist, erzählte uns von den aberwitzigsten Plänen. Ihr Mann nickte stets bekräftigend. Am Anfang ließen wir sie gewähren, verkniffen uns das Lachen und das Berichten über die Realität. Wir nickten und lächelten. Platzierten begeisterte „Wows“, „Aahs“ und „Ohs“.

Als wir erzählten, dass Signorino durchschläft, aber nur, wenn er zwischen uns liegt und jeder ihm sein Händchen hält (und das bitteschön die ganze Nacht), lachten sie laut. „Wie soll man denn da schlafen können, wenn du die ganze Nacht sein Händchen halten musst? Ich könnte das gar nicht!“ sagte sie und er lachte.

Der Römer wollte gerade ansetzen und von Nächten erzählen, in denen man gar nicht schläft – oder jede Stunde aufgeweckt wird. Er wollte ihnen erzählen, dass wir wahre Glückspilze sind, dass wir die meisten Nächte durchschlafen – auch wenn Signorino spät ins Bett geht. Doch ich gab ihm einen Knuff in die Seite. Ich lächelte ihn an und flüsterte „Sie werden es schon noch früh genug herausfinden.“ als sie davon erzählte, welchen Stillsessel sie gekauft haben und dass sie „windelfrei“ unbedingt ausprobieren wollen.

Sie berichtete von ihrer geplanten Reise nach Nordafrika zu einer arabischen Hochzeit einer Freundin. Ich rechnete nach. „Das Baby wäre dann 4 Monate alt?“ fragte ich interessiert. Sie lächelte und streichelte über ihren Bauch. Der Römer biss sich währenddessen auf die Lippe. Sie fuhr fort und schmückte den Ablauf in den schönsten Farben aus. Das Baby soll für die fünf Tage der Hochzeitsfeierlichkeiten bei Oma bleiben oder aber – noch besser – mitkommen. Es würde zufrieden im Hotelzimmer schlafen, während Mama und Papa (mit Babyphone) im großen Saal zu lauter, arabischer Musik mit 300 anderen Gästen tanzen würden.

Ich sah wie die Augenbrauen des Römers hochschoßen. Gerade wollte ich ihn wieder knuffen, doch es brach schon aus ihm heraus. „Si, si, certo!“ sprach er sehr sarkastisch und übersetzte es auch gleich für unsere Gäste – nur für den Fall, dass sie es nicht eh schon verstanden hätten: „Ja, ja, sicher!“

Ich wollte ihm einen bösen Blick zuwerfen, doch ich musste so lachen, dass es mir nicht gelang. „Nur weil IHR ein anstrengendes Baby habt, heißt das nicht, dass unser Plan nicht klappen wird.“ erklärte die eingeschnappte, werdende Mutter und ihr Mann tat das, was er am besten kann: er nickte eifrig.

Ich lächelte sanft, streichelte ihr über die Schulter und sagte: „Da hast du Recht. Es muss nicht so sein wie bei uns.“ Es beruhigte sie.

Doch der temperamentvolle Römer, müde von dem ganzen, zusammen verbrachten Wochenende, an dem man nur von ihren Vorstellungen als zukünftiges Elternpaar sprach, trat nach: „Mbè…vedrai tu come sarà facile. [Du wirst sehen wie leicht es ist]“ sprach er und übersetzte es diesmal nicht.

Sie guckte mich fragend an. „Er sagt, es wird sicher einfacher als bei uns.“ interpretierte ich sehr großzügig.

„Ah ja! Das glaube ich nämlich auch.“ antwortete sie beruhigt und schob sich ein Stück Erdbeerkuchen in den Mund.

Als das Wochenende vorbei war, saßen der Römer und ich für eine kurze Verschnaufpause am Küchentisch. Endlich machte Signorino ein Mittagsschläfchen. Caffé und pasta alle mandorle (sizilianische Mandelkekse) standen vor uns: „Ich bin froh, dass sie heute abgereist sind. Non lo facevo piú! [Ich hielt es nicht mehr aus] Diese Traumtänzer! Er kauft das halbe, überteuerte Babygeschäft auf. Sachen, die das Kind nie anfassen wird, bevor es nicht mindestens 2 Jahre alt ist. Dazu diese völlig falschen Annahmen. Und dann immer diese Kommentare, dass sich deine Freundin am allerbesten auskennt, weil sie damals als 8-jährige, ihren neu geborenen Bruder zweimal gewickelt hat. È troppo stupida, amica tua! [Deine Freundin ist ganz schön doof]“

Ich rührte gemächlich in meinem Espresso, biss in einen butterweichen Mandelkeks und sprach: „Ach, weißt du, sie wird merken, dass ihre Erfahrung als 8-jährige sie nicht zu einer vollwertigen Mutter gemacht hat und dass sie noch genug lernen muss. Aber warum sollte ich ihr den Augenblick kaputt machen? Sie soll die Schwangerschaft genießen. Die ersten Tage und Wochen mit Baby wird sie ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen holen.“

Der Römer guckte sehr nachdenklich. Irgendetwas brannte ihm noch auf der Seele. „Dimmi!“ [Spuck’s aus!] sagte ich.

„Non lo trovo giusto di non dire niente a loro. [Es ist nicht richtig, ihnen nichts zu sagen] Man kann sie doch wenigstens warnen, dass sie nicht blindlings ins Verderben laufen – come noi. [so wie wir.]“ erklärte er mir.

Ich musste grinsen, weil ich an uns als werdende Eltern dachte.

„Kannst du dich noch an unseren Rom Urlaub erinnern? Wolltest du vom müden und geschafften Marco die Wahrheit hören? Er stand mit uns am Tresen des Baylon Cafès, seine leere Espressotasse lag schlaff in der Hand, und murmelte völlig resigniert „terribilmente difficile“ [schrecklich schwer]. Ich weiß noch, wie wir durch die vicoli [Gässchen] von Trastevere spaziert sind und kichernd sagten: „Ja, vielleicht für ihn. Unser Kind wird ganz anders.“ Wir wollten es nicht wahrhaben. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte niemand Kinder.“ fasste ich diese Begegnung für ihn zusammen.

Ah mi ricordo. Già. Marco aveva raggione! [Ah, ich erinnere mich. Stimmt schon. Marco hatte Recht] Ich sollte ihm schreiben, dass er untertrieben hat.“ stimmte der Römer mir zu.

„Siehst du! Und deswegen lächeln wir und sagen nichts über die Schwierigkeiten zu werdenden Eltern. Sie werden es schon noch früh genug herausfinden.“ ergänzte ich meine Geschichte.

„Va bene. [In Ordnung] Ich lächle, winke und wünsche ihnen viel Erfolg.“ lachte der Römer.

Da schrie auch schon Signorino. Er ist erwacht – nach 20 Minuten Mittagsschlaf. Seine Zähnchen kommen.

„Tocca te! [Du bist dran!]“ sagte der Römer. „Ich hatte ihn vorhin schon 3 Stunden schuckelnd auf dem Arm, weil er sich nicht ablegen lässt.“

Ich seufzte. „Showtime!“ Dann gab ich dem Römer einen Kuss und widmete mich Signorino.

„Es ist nur eine Phase!“ rief er mir aufmunternd hinterher.

Si, si, certo!“ antwortete ich.

Reisen – damals und heute

Während ich das Kokosöl in meinem Mund hin- und herschiebe (probieren Sie Ölziehen einmal aus – das ist klasse!), denke ich nach.

„Schlafsack, zwei Schlafanzüge, Nestchen.“ kritzel ich auf meinen Zettel. Wann wurde Reisen eigentlich so kompliziert? Früher – genau vor einem Jahr – reichte mir ein Handgepäckskoffer zum Verreisen. Drei Tage – arbeitend – und es war nicht mehr als ein Rock, zwei Blusen, zwei Strumpfhosen, ein Halstuch (als Wechselklamotten der Uniform), eine klein zusammenfaltbare Daunenjacke, ein Schal, eine Hose, ein Rollkragenpulli, Unterwäsche, Kosmetiktasche, Schuhe, Mütze, Handschuhe, Socken. Fertig!

„7 Hosen, 3 Lätzchen, 7 Oberteile – wenn die Milch wieder rückwärts fließt.“ schreibe ich weiter. Wie schön war es damals, morgens ganz allein im Hotelzimmer zu sitzen und den ersten Kaffee zu genießen. Ganz in Ruhe im Kingsize Bett – nur ich und das Surren der Klimaanlage. Kein Geschrei, kein „Amoooooore, wo ist nochmal…?“. Das Bad war nie besetzt, denn es war mein Bad – wenn auch nur für eine Nacht.

„Windeln, Feuchttücher, Rescue Tropfen, Fläschchen, Milchpulver.“ krakle ich weiter auf meine Packliste. Hach, die erste Nachricht des Anderen, ob ich auch schon wach sei und wir gleich frühstücken wollen. Ich las sie während im Hintergrund eine amerikanische Morningshow über den Bildschirm flimmerte. Auf meinem großen und fluffig weichen Bett thronte ich wie die Königin New Yorks, würde es denn eine geben. „7 Uhr? Ich trinke noch meinen ersten Plörri (so schmeckt für uns amerikanischer Filterkaffee – wie Plörre!) Kaffee zu Ende. Dann fix duschen und ab zu Le Pain Quotidien?“ fragte ich. „Passt! Unten in der Lobby?“ kam kurz zurück. Ich schickte das „Daumen-hoch“ Zeichen und begab mich in die Dusche.

„Overall, Sonnenhut, Mütze, Nasentropfen,…“ führe ich weiter auf meiner Liste auf. Unten in der Lobby angekommen gab es eine riesige Umarmung für den Anderen. „Die Broadway Show war gestern genial. Ich hab den ganzen Morgen lang – also ab 5 Uhr – die Playlist auf und ab gehört.“ There’s a lot of favors // I’m prepared to do // You do one for Mama // She’ll do one for you.“ stimmte ich an. Die Zeilen hingen immer noch in meinem Kopf fest. Ich hakte mich bei ihm unter und wir schritten ins kalte New York hinaus.

„Mulltücher, Windelcreme, Mandelöl, Babyspüli…“ notiere ich weiter. Mir gefroren die Gesichtszüge. Der kalte New Yorker Wind blies mir ins Gesicht und ich wickelte den Schal noch ein weiteres Mal um meinen Hals. „Diesmal esse ich aber auf alle Fälle noch ein Schneeball-Gebäck – mit Sahne! Dann lieber keinen Cappuccino als dass ich nochmal diesem Gebäck nachtrauern muss.“ sagte ich zum Anderen und er lachte laut. Kältewölkchen kamen aus seinem Mund. „Ich nehme was für die schlanke Linie! Irgendein Chiasamen Gedöns.“ antwortete er mir und strich über seinen Bauch. „Als ob! Das sagst du JEDES MAL.“ gab ich sichtlich belustigt zurück.

„Söckchen – mindestens 7 Paar – er pinkelt sie ja öftermal an – Schnuller!! – Schnullerketter – Stoffdrache“ vermerke ich. Angekommen im Café warteten wir artig bei dem hübschen Schild „Please wait to be seated.“ Wir sind die einzigen Gäste. „Setzen Sie sich ruhig irgendwohin. Es ist noch nichts los. Ich bin gleich bei Ihnen.“ flötete die Kellnerin mit einem hübschen New Yorker Akzent. Wir lächelten und setzten uns. Als sie bei uns war, bestellten wir. Chiasamen Müsli wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wurde es Avocado Toast mit Lachs und Ei.

„Beißring, Wechselklamotten, Kuscheltuch, Fieberzäpfchen…“ schreibe ich weiter. Wir aßen und unterhielten uns über Gott und die Welt. „Gehen wir gleich noch über die Brooklyn Bridge?“ fragte der Andere. „Aber klar doch! Bei 0 Grad und Eiswind mach‘ ich das am liebsten.“ gab ich zurück. Wir bezahlten, packten unsere Sachen und gingen tatsächlich über die Brooklyn Bridge. Es war eiskalt und ich spürte meine Oberschenkel zeitweise nicht mehr. „Wann ist eigentlich Pickup? (Abholzeit)“ hakte ich beim Anderen nach. „In drei Stunden.“ gähnte er. „Ich leg mich aber vorher nochmal hin. Sonst schaff ich die Nacht nicht.“ ergänzt er noch schnell. „Ich fürchte du hast keine Wahl. Wie viele Gäste habt ihr in der First Class?“ erkundigte ich mich bei ihm. „Voll!! Acht Leute!“ stöhnte der Andere. „Wow! Ganze acht!“ ärgerte ich ihn. Er knuffte mich in die Seite. „Davon kannst du in der Economy ja nur träumen.“ konterte er geschickt. „Ich bin eben eine Eco Stuse. Was soll ich machen?“ zwinkerte ich ihm zu.

„Wickeltasche, warmes Wasser, Thermoskanne, Schnulleretui.“ komplettiere ich meine Liste. „Hast du den Co Piloten gesehen? Der hat ja mal 100% was mit der Ollen aus der Business!“ lästerte der Andere. „Echt? Ich dachte, der wäre mit der Kollegin aus der First zusammen.“ ging ich darauf ein. „Ja! Auch!!!“ lachte der Andere. Wir gingen ein Stück schweigend nebenher und genoßen die letzten Meter bis zum Hotel. „Sagst du mir Bescheid, wenn du gleich runter in die Lobby fährst? Ich mag nicht mit den anderen warten. Die Kabinenchefin labert mir immer ein Ohr ab – Indien hier, Ayurveda da, Yoga dort. Ich hab doch nur einmal gesagt, dass ich einen Yoga Anfängerkurs mache. Meeeein Gott!“ bat ich den Anderen. „Aber klar doch! Schreib mir einfach kurz vorher.“ antwortete er. „Du bist der Beste!“ gab ich zurück. „Ich weiß!“ konterte der Andere zwinkernd.

Es ist anders zu verreisen – und sei es nur nach München. An tausend Dinge muss man denken. Signorino ist zu bespaßen und – bei dem morgendlichen Flug – auch der Römer, damit die Laune nicht ins Unermessliche sinkt. Ich vermisse meine Auszeiten vom Alltag (alias Arbeit), aber gleichzeitig genieße ich es, jede Nacht neben dem Römer und Signorino einzuschlafen. Ich genieße unsere Frühstückszeiten zusammen, unseren Tagesrhythmus, unsere kleinen Rituale. Doch irgendwann wird sich Mutti wieder in die Lüfte schwingen. Bis dahin bleibt mir die Erinnerung( und die Hoffnung, dass ich das bald wieder tun darf)!

Familie, römisch-albanisch, sucht!

Und? Wann haben Sie zuletzt eine Wohnung gesucht? Oder gar ein Haus?

Können Sie sich noch an den Moment erinnern?

Ich kann. Und jedesmal war es auf’s Neue dramatisch und traumatisch. Das Gerangel und Gebettel um eine abgewohnte 60er Jahre Großstadt-Wohnung, die seit dem Bau auch keinerlei Renovierung erfahren hat. Die Mi(e)t-Interessenten Kerstin und Markus, die die wahren Cash-Cows sind, ständig das Wort an sich reißen und den alten PVC Boden loben als wäre er aus purem Gold und nicht aus dem letzten Jahrhundert. Die schlecht überstrichene Tapete, die von der Erdanziehungskraft getrieben, oftmals schon halb eben dieser folgt. Die vergilbten Türen, die Balkontür, durch die ich im geschlossenen Zustand meine Hand durchschieben kann… all das bekommt man inklusive, wenn man monatlich 1300 Euro auf den Tisch legt. Heizkosten nicht inkludiert.

Es ist mal wieder soweit. Eben noch gebrütet, wollen wir nun mit Signorino unser Nest vergrößern. Wir haben uns einen Monat Zeit gegeben etwas Neues zu finden. Wenn wir nichts in diesem einen Monat finden, dann vertagen wir unsere Suche auf nächstes oder übernächstes Jahr.

Denn im Grunde genommen sind wir zufrieden hier. Die Verkehrsanbindung ist sehr gut, der Main ist nah, die schlecht renovierte 60er Jahre Wohnung haben wir uns ganz nett gemacht, aber zwei Zimmer auf Dauer sind nun wirklich nicht unser Traum. Es geht gar nicht um Signorinos Zimmer – er ist noch so klein, dass er eh am liebsten zwischen uns schläft. Primär geht es uns um ein Zimmer, in dem man in Ruhe lernen und studieren kann. Der Römer beginnt im Herbst seinen PhD und ich würde gerne studieren, zu unsicher ist mir mein Job in letzter Zeit geworden. Und ich genüge mir nicht mehr mit der Ausbildung, die ich genossen habe. Da bietet es sich an ein Fernstudium anzufangen. Mit Kind und Kegel.

So kommt es also, dass wir etwas bezahlbares mit guter Verkehrsanbindung suchen, das möglichst nicht außerhalb der Stadt liegt. Ein Garten wäre nett, eine Badewanne ist ein Muss, Balkon optional, 70qm sollten es schon sein und ein Aufzug wäre toll, wenn die Wohnung nicht gerade im EG liegt.

Aber finden Sie das mal! Mit 800 anderen Bewerbern, die alle bei der Deutschen Börse arbeiten oder Marketingreferenten für Quatschologie sind. Nettoeinkommen: Mind. 40.000 Eur im Monat. Keine Kinder. Ständig am Arbeiten. Beschweren sich nie.

Na ja und dann wären wir da noch als Bewerber: Ein Kind, ich in Elternzeit, der Mann in irgendwie sowas wie Teilzeit. Ausländischer Nachname (albanisch!!! Die Schleppen doch ihre ganze Familie mit!!!). Ja ja, Bürgschaft der Eltern, aber Kerstin und Markus brauchen das alles nicht. Also nimmt man im Zweifel Merstin oder Karkus (wie sie liebevoll von ihren Freunden genannt werden).

Und wir sind raus. Tja, nun. Dann ist es wohl so.

Wir warten ab, denn man weiß nie, was das Leben im Sinn hat. Vielleicht kommt die perfekte Wohnung ums Eck, vielleicht kommt aber was ganz anderes.

Und bitte, liebe Frankfurt affinen Mitmenschen, kommen Sie mir nicht mit Offenbach. Wissen Sie, man entscheidet sich einmal im Leben: Frankfurt oder Offenbach? Und bei uns viel die Wahl auf Frankfurt. Das kann man nicht mehr revidieren.

Emotionale Karotten

„Muss ich denn immer erst Geschirr spülen oder stundenlang duschen, bevor mir ein Thema, über das ich schreiben könnte, in den Sinn kommt?“ denke ich entnervt und rubble noch viel genervter an dem eingetrockneten Soßenfleck in der zu spülenden Auflaufform herum. „Maaaaan! Weg da!!!“ herrsche ich den Soßenfleck an.

„Chi? Io?“ [Wer? Ich?] fragt der Römer, der gerade wie aus dem Nichts in der Küche aufgetaucht ist. „Ich mache nur schnell eine Flasche für den Kleinen, poi è tutto tuo.“ [sinngemäß: dann hast du die Küche für dich.] erklärt er sich schnell und entschuldigend.

„Nein, nein. Mir will keine Idee in den Kopf kommen und dieser dämliche Soßenfleck will auch nicht weg.“ versuche ich mich zu erklären.

„Non voglio dire niente [Ich will nichts sagen,..], amore mio, aber du bist etwas gereizt.“ versucht er sich langsam an das Problem heranzutasten.

Ich „hmpf“-e nur, spüle und rubble weiter an diesem grässlich eingebrannten Soßenfleck.

Wenig später, Signorino hat bereits getrunken, kommt der Römer wieder in die Küche. Vorsichtig stellt er das leere Fläschchen ab. „Per chi sono queste carote?“ [Für wen sind diese Karotten?] versucht er neugierig herauszufinden.

„Für wen? Für wen? Für wen? Für mich nicht! Für Signorino sind sie.“ herrsche ich ihn an. In dem Moment verabschiedet sich eine Espressotasse, die ich gerade versuchte zu spülen. Klirrend landet sie auf dem Boden und zerspringt in unzählige, kleine Scherben.

„MAAAAAAAAAAAAAAAAAN! Was ist denn das heute für ein dämlicher, dummer, widerlicher Tag?“ motze ich. Der Römer bringt wortlos den Besen. Während wir die Keramikscherben aufsammeln und zusammenkehren schießt ihm ein Gedanke in den Kopf.

„Ahaaaa! Die Karotten sind für den kleinen! Capisco!“ [Ich verstehe!] sagt er als wäre es die Offenbarung des Jahres. „Natürlich! Das habe ich doch schon vorhin gesagt.“ raunze ich ihn kurz an und vertiefe mich wieder in das Espressotassendesaster. Er lässt den Besen sinken, kommt auf mich zu, kniet sich zu mir nieder und umarmt mich. Ich gucke ihn verdutzt an.

„Non sei ancora pronta!“ [Du bist noch nicht bereit!] spricht er mir sein Mitgefühl aus.

Ich hmpf-e wieder.

„Amore mio, du kochst Signorinos ersten Brei und fühlst dich noch nicht bereit dazu. Eben erst war er noch so klein, dass wir ihn „Stecknadelkopf“ genannt haben und nun ist er in der Lage Brei zu essen.“ diagnostiziert er richtig.

Ich hmpf-e erneut und vergrabe mich in seiner Schulter. „So ein Scheiß, echt! Erst wünscht man sich, dass sie wachsen. Dann tun sie das und eh du dich versiehst, kochst du Karottenbrei und er isst wie ein Großer! Dann fängt er an zu krabbeln, zu gehen, als nächstes geht er in die Schule und schwuppdiwupp hat er seinen Führerschein und zieht aus. An den Wochenenden kommt er dann vorbei um seine Wäsche zu waschen und irgendwann braucht er mich dann gar nicht mehr. Dann ruft er einmal im Monat an und vergisst meinen Geburtstag. Und noch dazu vergeht diese verdammt blöde Zeit in einem Wimpernschlag und ich kann sie nicht aufhalten. So ein K*ckmist aber auch!“ steigere ich mich in das Thema rein und ein Tränchen kullert über meine Wange.

Der Römer muss lachen, guckt mich an und sieht einen begossenen Pudel, der inmitten von minikleinen Keramikscherben kniet. „Il tempo passa – ma tu sarai per sempre la sua madre.“ [Die Zeit vergeht – aber du wirst für immer seine Mutter sein] versucht er mich aufzumuntern. Sein Versuch zeigt bei mir kaum Wirkung.

„Okay – telo spiego in un altro modo. [Ich erkläre es dir anders]“ fängt der Römer an. „Du hast doch einen Bauchnabel?“ fragt er tiefsinnig.

„Was ist denn das für eine Frage? Natürlich habe ich einen Bauchnabel! Jeder hat einen Bauchnabel!“ raunze ich ihn für diese dämliche Frage an.

„Va bene [In Ordnung], hätten wir das geklärt. Jeder hat also einen Bauchnabel. Auch du. Und Signorino.“ benennt er das Offensichtliche.

Ich gucke ihn sehr irritiert an – aber wenigstens bin ich nicht mehr so nah am Wasser bzw. – in meinem Fall – im Wasser gebaut.

„Und dieser Bauchnabel, den wir nun alle haben, der verbindet uns ein Leben lang mit unserer Mama.“ führt er weiter aus.

„Hä?“ kann ich nur – mehr als verwirrt – antworten. „Dein Bauchnabel ist das Zeichen, dass du mit deiner Mama neun Monate lang eins warst. Die Nabelschnur hat euch verbunden. Du warst sicher und geschützt in ihrem Bauch, ihr Körper hat dich mit allem Wichtigen versorgt, was du gebraucht hast. Und dieses Zeichen, der Bauchnabel, die Narbe der abgetrennten Nabelschnur, wird dich für immer daran erinnern, dass du mit deiner Mutter verbunden warst.“

Ich lege meinen Kopf schief. „Das macht irgendwie Sinn. Etwas seltsam, aber die Aussage stimmt.“ sage ich, überrascht und erstaunt, da ich auf so eine Erklärung nicht gefasst war.

Der Römer führt fort: „Und immer wenn Signorino in den Spiegel schaut, hat er diese Narbe, seinen Bauchnabel, die zeigt, dass ihr eins wart. Er nimmt er vielleicht nicht bewusst war, aber es lässt sich auch nicht leugnen. Sein Bauchnabel bleibt sein Leben lang.“

Seltsamerweise beruhigt mich diese abstruse Erklärung und ich gebe mich damit zufrieden. „Bereit!“ fragt der Römer mit dem Pürierstab in der Hand. Ich atme tief durch – greife den Pürierstab und antworte: „Bereit!“

Nach dem Pürieren probiert Signorino seinen ersten Löffel Karottenbrei. Es scheint ihm zu schmecken. Ein sehr orange eingefärbtes Kind strahlt uns mit großen Augen an.

„Hach Signorino.“ seufze ich als der Römer den Lappen zum Sauber machen holt. „Deine Mama bleibt immer deine Mama. Trotz Karottenbrei, der dich in die Unabhängigkeit führt! Und warum? Weil wir einen Bauchnabel haben.“

Toilettenpause

Ich verstecke mich.

Ich verstecke mich auf dem Klo und lese eine Frauenzeitschrift.

So, jetzt ist es raus. Wozu Geheimnisse haben? Sie und ich, wir kennen uns nun schon eine ganze Weile, da kann ich Ihnen dieses längst fällige Geheimnis anvertrauen.

Die Frage ist: Warum tue ich das?

Die Erklärung ist eine recht leichte: Der Römer und ich haben ausgemacht, dass der, der auf dem stillen Örtchen sitzt, egal wie lange es dauert, dort entbunden von allen Pflichten ist. Ein „safe spot“ würde man neudeutsch sagen. Der Römer respektiert diese Regel und Signorino ist noch so klein, dass er zufrieden ist, wenn einer von beiden Elternteilen bei ihm ist.

So sitze ich also da und lese in einer Zeitschrift mit dem Frauennamen einer flotten Mit-Fünfzigerin. Ich lasse mich inspirieren von Oster Rezepten, lese Beiträge über die längst vergangene Liebe eines Paares, blättere schnell weiter bei den Modeseiten (zu teuer, zu abgefahren) und lasse mich gerne von den kleinen und feinen Tipps aus dem Beauty Resort inspirieren. Ihnen kann ich es sagen: Grüner Tee! Das ist wieder im kommen. Vertrauen Sie mir!

Doch auch die schönsten Minuten nehmen einmal ein Ende. „Wenn es am schönsten ist, soll man gehen!“ und das gilt auch für’s stille Örtchen. So klappe ich also die Zeitschrift zu, atme noch einmal tief ein und aus und stürze mich wieder ins Familienchaos, das ein solches ist, weil der Römer erst beurlaubt war, dann krank geschrieben und danach wieder für 14 Tage in Urlaub ist. Dieses „Notprogramm“ wird momentan von seinem Arbeitgeber gefahren um Kündigungen zu vermeiden. Man geht dennoch davon aus, dass die Kurzarbeit kommen wird. Er verbringt auf alle Fälle viel Zeit mit uns daheim.

„Eigentlich ganz schön.“ werden Sie sagen und es ist Ihnen nicht zu verdenken. „Viel Zeit mit der Familie, Entlastung für die Dame des Hauses,..“ all diese Punkte zählten wir wohl alle auf bevor wir isoliert wurden. Viel Zeit haben wir zusammen, aber weniger Zeit für uns allein.

Mein gut koordinierter Tag mit Signorino wich einem Chaos oder viel mehr einem italienischen caos. Ruhepausen für mich gibt es nicht mehr. Es ist ständig Programm, sogar während Signorino schläft. Ständig höre ich ein lautes „AAAMOOOOORE!“ durch die Wohnung posaunen. Gleich darauf folgt eine Frage oder, noch schlimmer, eine Idee. „Che pensi?“ [Was meinst du] leitet meist ein Vorhaben des Römers ein, das meist übles nach sich zieht. „Die Fahrräder im Keller, die wir zum Sperrmüll bringen wollten…. ich könnte sie doch reparieren?“ fragt er.

Wissen Sie, wir schmeißen nichts leichtfertig weg. Aber wenn ich mich dazu entschieden habe, etwas final zum Sperrmüll zu bringen, dann hat das einen Grund. Ein „Vollschaden“ würde man beim Auto sagen. Und ein „Vollschaden“ ist es auch bei diesen beiden Fahrrädern und beim Römer, der denkt, er kann sie reparieren. „Die-tääär hat mir gestern dieses Video geschickt bei Youtube. Es sieht sehr einfach aus dieses Fahrrad zu reparieren. Die fehlenden Teile habe ich schon bestellt. Arrivano in questi giorni. [Sie kommen in diesen Tagen an]“

Ich atme tief ein und aus. Ist es jetzt schon wieder zu früh für eine Toilettenpause? Wohl ja. Na gut, ich versuche es positiv zu sehen: wenigstens hat er eine Beschäftigung.

Die Tage darauf sah man den Römer fluchend und schimpfend im großen Innenhof. Dieter rief aus seiner Isolation im 1. Stock immer wieder aufmunternde Worte oder Tipps nach unten. Der Römer fluchte noch mehr, schmiss Tücher voller Ölflecken beleidigt auf den Boden und kam nicht nur einmal in die Wohnung um nach einem Pflaster zu verlangen. Die Projektwoche „Fahrrad“ schritt voran und am Ende konnte man ein ganz passables Stahlross begutachten.

„Amore… und das zweite?“ fragte ich vorsichtig. Er guckte mich mit Angst erfüllten Augen an. „Ääääh…weißt du…“ fing er seinen Satz an. „Ich habe nachgedacht… über das zweite Fahrrad. Wir müssen ja nicht beide gleichzeitig Fahrrad fahren… deswegen wechseln wir uns ab und das zweite… ich wollte es zum Sperrmüll bringen.“ erklärte er sich.

„Oh wie schade…“ sagte ich. „Ein Glück!“ dachte ich.

„Amore, non c’è problema. [kein Problem] Wir kaufen dir einfach ein neues Fahrrad? Va bene? [In Ordnung?]“ schlug er vor.

„Das hört sich fantastisch an!“ sprach ich erfreut und war froh, dass er nicht noch das zweite Fahrrad reparieren wollte, denn so oft ins Bad zu müssen, nahm mir selbst der Römer nicht mehr ab.

Der Sohn einer Mutter

In meinem Leben wurde es mir einfach gemacht all die richtigen Entscheidungen für mein Leben zu treffen:

Ich bin das letzte von vier Kindern, verwöhnt von Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Auch wenn es viele Unstimmigkeiten zwischen meinen Eltern gab und gibt, wusste ich, im Notfall sind sie für mich da und holen mich schluchzend, frierend und verzweifelt ab. Sie sind meine Eltern. Egal was passiert. Als der Römer hierher gezogen ist und wir finanziell mehr als schlecht standen, boten sie uns an, uns unter die Arme zu greifen. Ich fragte nie danach. Sie waren einfach für uns da. Finanziell und emotional unterstützend. Als ich über den Römer herzog, wusch mir mein Vater den Kopf. Eine Ehe ist nicht nur Sonnenschein und 365 Tage im Jahr Schokoladeneis mit Sahne und Kirschen. Ich war sauer auf ihn, auf die Welt, aber dann verstand ich.

Es war mir ein leichtes durch ihre Unterstützung den richtigen Weg zu wählen. Weil ich in einer Familie mit Rückhalt aufgewachsen bin. Weil das Schicksal mich in diese Familie geschickt hat. Ich hatte Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Viele meiner Entscheidungen sind nicht mein Verdienst. Es war eine glückliche Fügung Gottes.

Heute gingen der Römer und ich mit Signorino im Kinderwagen spazieren. Wir kauften Mineralsalze für den Kleinen (Bei Koliken und wer daran glaubt: Die Nummer 20 ist der heiße Tipp – und die Nummer 7). Die Kasse zeigte: 4,95 €. Wir kauften im Drogeriemarkt diverse Sachen ein: 42,89 €.

Wir gingen mit vollen Tüten nach Hause, ließen diese dort stehen und wollten noch eine Runde am Fluss spazieren gehen. Eben aus der Tür, 80 Meter von unserem Haus entfernt, kommt uns ein junger Mann entgegen. Mein Alter. Abgetragene, aber ordentlich gewaschene Kleidung. Ich nehme ihn gar nicht richtig war. Er geht an uns vorbei. Nach 5 Metern dreht er sich um, sagt zögernd „Entschuldigung,…“ in den grauen Winterhimmel. Er meint uns. Wir drehen uns um – Kinderwagen fest im Griff. Wir mustern ihn. Er trägt einen roten Kapuzenpulli, die Kapuze über das mittelbraune, kurze Haar gezogen. Schlank ist er, aber nicht hager. Eine khakifarbene Bomberjacke, Jeans, ein kantiges Gesicht. Markante Wangenknochen. Braune, verunsicherte Augen.

„Entschuldigung, ich weiß, ich will euch gar nicht lange aufhalten…nur… es ist…“ Er stockt. Er guckt uns verängstigt an. Sein Körper: angespannt. Wie ein scheues Tier steht er da. Ich lächle ihm aufmunternd zu. Er macht weiter. 5 Meter von uns entfernt. Er hat Angst näher zu kommen.

„Ich wollte nur fragen, wie das ist. Ob ich vielleicht nach einer Spende fragen kann… weil…“ Er will sich verlegen ins Haar fassen, doch da ist die Kapuze.

„Also es ist so… ich wurde vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen und ich weiß, es ist doof nach einer Spende zu fragen. Aber ich weiß nicht, ob ihr sie kennt: Die Notunterkunft in der Schmidtstraße. Ich kann sie mir nicht leisten und die Nächte sind momentan eiskalt. Es ist nur so: Das Jobcenter zahlt noch nicht für mich, auch nicht für die Notunterkunft. Die verrechnet die Caritas direkt mit dem Arbeitsamt, aber da bin ich noch nicht freigeschaltet und jetzt muss ich Leute fragen, ob sie mir helfen können. Es ist Winter und es ist kalt. Im Sommer würde ich gar nicht fragen, aber ich wurde doch erst vor drei Wochen entlassen… und…“ Er redet viel zu schnell, rechtfertigt sich für Dinge und Situationen, wiederholt sich, er möchte jetzt wahrscheinlich überall sein, nur nicht hier, das Paar mit dem Kinderwagen fragend, ob sie helfen können.

Ich unterbreche ihn: „Darf ich dich fragen wie viel die Notunterkunft pro Nacht kostet?“ Ich lächle. Er soll keine Angst haben. Er muss keine Angst haben.

„2,50 Euro pro Nacht. Nur, die hab ich nicht. Ich kann’s mir nicht leisten.“ Er guckt betroffen. Wir gucken betroffen.

„Amore, hast du Scheine in deinem Geldbeutel? Ich habe keinen Geldbeutel mitgenommen.“ frage ich den Römer. Signorino liegt in der Zwischenzeit in seinem Kinderwagen, seelig schlummernd, geliebt und warm eingepackt an diesem kalten, grauen Tag. Der Römer nickt und kramt in seiner Tasche. 15 Euro – mehr haben wir leider nicht dabei.

Der Römer guckt mich an. Zögernd. Den jungen Mann. Mich. Das Geld. Unseren Sohn. Er geht zu dem armen Kerl.

„Hier. Für dich!“ und drückt ihm die 15 Euro in die Hand. Er klopft ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Das ist jetzt nicht euer Ernst? Ist das euer Ernst? Das sind sechs Nächte!! 6 Nächte!! Ihr verarscht mich, oder?“ Der junge Mann hat Tränen in den Augen. Ich auch.

„Nein, nein. Guck, dass du wieder auf die Beine kommst. Das Leben ist nicht nur hart und gemein. Wir drücken dir die Daumen. Wirklich!“ sage ich und meine es auch so.

„Danke.“ schnieft er und versucht sich zusammenzureißen. „Das hat noch nie jemand für mich getan.“

Der Satz trifft und hallt noch lange in meinem Kopf nach. „Das hat noch nie jemand für mich getan…“

Ich will ihn in dem Moment umarmen, aber ich trau mich nicht. Er ist der Sohn einer Mutter. Er war genauso ein unschuldiges Baby wie Signorino und steht nun auf der Straße und freut sich über 15 Euro als hätte sich ihm eine Welt eröffnet.

Nicht jeder hat Eltern wie meine oder die des Römers. Nicht jeder hat so viel Glück im Leben. Nicht jeder hatte eine Kindheit über die nur zusagen bleibt, dass sie „schwierig war“, weil die Eltern viel gestritten haben. Nicht jeder hatte das Glück, dass einem die Elten Werte und Normen vermittelt haben, die weit über die üblichen „Halte die Tür auf, wenn jemand hinter dir geht“ hinausgehen. Nicht jeder hat Eltern, die einen mit offenen Armen empfangen, würde man aus dem Gefängnis kommen. Nicht jeder wurde mit Liebe und Aufmerksamkeit in seinem Leben überhäuft.

Nicht jeder konnte die richtigen Entscheidungen in seinem Leben treffen.

Ich konnte. Der Römer konnte und hoffentlich kann auch der kleine Signorino.

Eine Entscheidung, die ich immer wieder treffen würde: „Hilf Menschen in Not, wenn du die Möglichkeit hast. Das ist deine Pflicht – als Christ, als Moslem, als Mensch.“ Ein Wert, den ich von meinen Eltern gelernt habe.

Du weißt nie, ob du jemals in seinen Schuhen steckst. Dann möchtest du keine abschätzigen Blicke ernten. Du willst kein Kopfschütteln von gut gekleideten Investment-Bankern sehen. Was sind schon 15 Euro für die gesunde Mittelschicht? Einmal Kaffee trinken und Kuchen essen gehen zu zweit? Ein Einkauf bei DM? Ein Zoobesuch?

Aber für ihn ist es vielleicht ein Hoffnungsschimmer. Hoffnung, dass nicht alles komplett scheiße ist. Hoffnung, dass sich das Kämpfen lohnt. Hoffnung, dass man nicht aufgeben darf.

Ich hoffe, der junge Mann kommt auf die Beine.

Denn am Ende ist jeder nur das Kind einer Mutter. Nie habe ich den Satz so gut verstanden wie jetzt. Jetzt, wo ich die Mutter von Signorino bin.

Aus Bambino wird…

…Signorino! Ein kleiner Signore sozusagen.

Seit Mitte Dezember gibt es ihn nun auch live und in Farbe, mit diversen Geräuschmodulen, die einem kleinen Nagetier ähneln und zauberhaften 3D Effekten. Mit stellenweise Bauchweh, viel Kuscheln, großen blauen Augen und schwarzen Haaren, die sich bei Feuchtigkeit zu hübschen, südländischen Locken verwandeln. Mit einem zuckersüßen Lächeln, Grübelfalten, vollen Lippen (Lieber Signorino, du kannst dich in 20 Jahre bei Oma und Mama für die Lippen bedanken!) und des Römers Imperatoren Nase.

Der ein oder andere Leser fragt sich nun: (Hallo Fine und Saxhida 🙋🏼‍♀️) War’s das Rizinusöl?

Und die Antwort ist: Soweit kamen wir gar nicht. Ich wollte es am nächsten Tag kaufen, aber innerhalb von 1,5h (ab Ankunft Krankenhaus) war der junge Mann da. Das war vielleicht eine Überraschung!

Um Mitternacht waren wir im Krankenhaus. Man wollte mich schon wieder heimschicken, aber das CTG läuft ja gut mit. Also schloss man mich an. Leichtes Lächeln der Hebamme auf den Lippen. Man konnte ihre Gedanken lesen. “Ach Mädchen, die paar Wehen, das wird nach Stunden noch schlimmer! Da fehlen noch 9cm bis der Muttermund offen ist und das daaaauert!” schien sie zu denken.

Guess what? Es dauerte eine Stunde und dann zogen wir in den Kreissaal um. Und tadaaa! Signorino war geboren. (Details erspare ich meinen Lesern…die Mamas, Papas, Ärzte und Hebammen wissen ja: Man schreit um sein Leben!)

Und da war er also: ein schreiendes Bündel voll Glück. Der Römer schnitt die Nabelschnur durch (ich nötigte ihn…) und badete den Kleinen (auch hier nötigte ich ihn…). Danach hielt er Signorino während ich versorgt wurde. Und das war der Moment, wo er sich unsterblich verliebte. Ich verliebte mich schon sehr viel früher als der kleine Mann auf meine Brust gelegt wurde.

(Wie es dann im Krankenhaus weiterging – kannste dir nicht ausdenken – dazu ein gesonderter Artikel)

Nun sind wir also daheim und machen das, was alle Eltern machen: Wir unterhalten uns über Ausscheidungen, Bauchweh, Babykotze, volle Windeln und halten uns mit “Schichtarbeit”* und viel Kaffee wach.

[*Schichtarbeit: Einer kriegt die Nachtschicht, der andere die Tagschicht… so kann jeder mal schlafen]

Die ersten zwei Wochen war ich mehr als limitiert. Die Geburtsverletzungen brauch(t)en Zeit und ich konnte kaum eine Minute stehen. Wieder was gelernt: Eine schnelle Geburt geht zwar schnell vorbei, aber die Verletzungen danach dienen wohl als ausgleichende Gerechtigkeit. Autsch!

Die ersten Tage und Wochen brachten in des Römers und meine Beziehung auch ein gehöriges Ungleichgewicht – der Schlafmangel und die Hormone taten ihr übriges. Aber langsam, langsam stabilisiert sich auch diese Phase wieder.

Es fühlte sich an wie eine Atlantiküberquerung im Segelboot – nur, dass keiner wusste wie man das Ding steuerte. Wenn das Meer spiegelglatt war, der Tag sonnig und der Himmel blau, war alles in Ordnung. Wir waren im Glücksrausch! „Wow, ist das einfach dieses Boot zu steuern. Ich weiß gar nicht, was die anderen Eltern haben.“

Aber Gewitterwolken im Form von Bauchweh, allgemeiner Unzufriedenheit oder „Leg mich bloß nicht ab – ich war 9 Monate in deinem Bauch und möchte den ganzen Tag auf deinem Arm sein“ zogen genauso schnell auf wie sie auch wieder verschwanden. Wir? Verzweifelt am Steuer des Schiffs, dass extrem hohe Wellen zu bewältigen hatte. Es stürmte, es regnete, wir drohten über Bord zu gehen und man wusste nicht, was man zu erst tun sollte.

Und nun? Es ist genauso wie vorher mit dem Kleinen, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir nicht bei jedem „drohenden Sturm“ komplett aus dem Häuschen geraten. Wir wissen: Okay, jetzt kommt eine schwierige Phase/Nacht/Stunde oder auch schwierige Tage. Arschbacken (entschuldigt den Ausdruck) zusammenkneifen und ab geht die Lutzi!

Man wächst mit seinen Aufgaben und gefühlt wachsen wir jeden Tag ein gutes Stück mehr. Man wird resistenter und vieles ist einem auch wirklich egal. (Vor der Geburt suchte ich jeden Tag nach 3-Zimmer-Wohnungen – jetzt bin ich froh, dass wir nur zwei Zimmer putzen, aufräumen und in Ordnung halten müssen; die Wege sind kurz und Signorino schläft eh auf/neben/bei uns)

Alles in allem sind wir sehr glücklich mit Signorino – er übertraf und übertrifft all unsere Vorstellungen und Erwartungen bei weitem.