SALAT!

Heute Morgen rief der Sohn nach uns, um uns mitzuteilen, dass er soeben erwacht sei. Ich, die bereits vor ihm wach war und meinen Espresso ganz in Ruhe genießen wollte, stürzte den Espresso eilig herunter, als würde es sich um Schnaps handeln und nicht um heißen Espresso. Dann eilte ich zum krakeelenden Kind.

Signorino war sehr erfreut, dass ich in sein Zimmer kam und nicht wie sonst üblich der Mann. Wir kuschelten ausgiebig und ich stellte ihm meine beliebte Frage nach seinem Vornamen*:

„Signorino, wie heißt du?“, wollte ich also von ihm wissen.

Es muss wohl an der selten dämlichen Fragestellung gelegen haben, in der ich bereits seinen Vornamen nannte, dass er mir eine doch sehr kecke Antwort gab.

„SALAT!!!“, antwortete das Kind frech.

Ja, nun. Was frag ich auch so dumm?

Salat mit Geburtstagsdeko

P.S.: Für uns geht es morgen nach Bayern und nach einem einwöchigen Stop ins Land der Adlersöhne. Wünschen Sie mir Glück, gute Nerven und den Mut, über mich selbst zu lachen.

*Tatsächlich befrage ich ihn oft nach seinem Namen, weil ich eine unbegründete Angst habe, wir könnten das Kind irgendwann in einer überfüllten Fußgängerzone verlieren und er würde nicht einmal seinen Namen nennen können. Selbiges ist mir als Kind passiert – irgendwo an der Nordseeküste. Als ich wieder gefunden wurde, kaufte man mir einen rot-weißen Stofftierwattwurm, den ich sehr gerne mochte.

WMDEDGT – August 22

Der Monatsfünfte und Frau Brüllen fragt mal wieder, mit was man seine Zeit verbringt. WMDEDGT nennt sie das und hier sieht das so aus:

03:00 Uhr „Oh Gott, meine neue Leinenbluse!“, schrecke ich aus meinem Halbschlaf aus Fresskoma und Erschöpfung hoch. Es stürmt in Frankfurt und in Gedanken sehe ich meine neue Oberbekleidung schon zusammengekrümmt als nasses, trauriges Etwas in irgendeiner Straßenecke liegen. Ich tapse im Dunkeln durch den Gang, durchquere das Wohnzimmer und finde sie am Balkonstuhl hängend. Rasch pflücke ich sie vom Stuhl, lege sie auf die Couch und trinke ein Glas Wasser, um dann wieder ins Bett zu huschen. Der Römer fragt im Dunkeln, was los sei. „Ich habe gerade meine Bluse…“, doch da schnarcht er schon wieder.

07:30 Uhr Ich stehe auf und bin vom gestrigen Geburtstagsessen noch so voll gefressen, dass ich nur Tee und Kaffee trinke. Dann dusche ich mich fix ab, wecke das Kind, bügle meine heute Nacht vom Balkon gepflückte Leinenbluse, wecke das Kind wieder, befülle die Wasserflasche mit frischem Wasser, tische das Frühstück auf und wecke das Kind nochmal. Irgendwann steht er auf. Er isst und trinkt sehr müde, ich mache mich fertig. Danach ziehe ich Signorino an. Er will nicht in die Kita. Ich schlage ihm vor, dass er das rote Zoo-Auto mitnehmen dsrf. Der Vorschlag kommt an! Leider finde ich das Auto nicht. So brüllt das Kind und ich suche panisch und wenig konstruktiv, während die Zeit uns gleichzeitig hämisch im Nacken sitzt. Irgendwann finde ich es – in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Teppich. Wir können los. Auf dem Weg zum Auto umgehen wir viele Pfützen bis Signorino doch noch einen Moment findet, in dem er reinspringen kann. Ich habe eine blütenweiße Hose an und versuche diese mit Feuchttüchern im Auto zu reinigen. Für mehr ist keine Zeit. Es tröpfelt. Wir fahren los. Kaum aus der Ausfahrt raus, schüttet es in Strömen. Fußgänger:innen und Rad:fahrer halten sich schützend Jacken, Zeitschriften und Ordner über den Kopf. An einen Regenschirm denkt in diesem saharaheißen Sommer offensichtlich niemand.

09:15 Uhr Angekommen an der Kita, ruft das Kind herzzerreißend und Rotz und Wasser heulend „Mama! Mama!“. Es will auf meinen Arm. Seine Erzieherin steht auf und wir lösen ihn von meinem Bein. Ich fühle mich (mal wieder) wie die schlechteste Mutter der Welt. Im Auto angekommen, atme ich zwei, drei Mal durch und fahre nach Hause.

10:50 Uhr Ich gehe zur S-Bahn. Irgendetwas Oberleitungsmäßiges müsse zwar repariert werden, verrät mir die App, aber ich versuche mein Glück. Es beginnt zu tröpfeln. Folgerichtig habe ich natürlich keinen Schirm mitgenommen. Anscheinend bin ich ein Typus Mensch, der aus vorher getätigten Beobachtungen zwar urteilt („Jetzt haben die alle keinen Schirm dabei, obwohl die Wetter-App doch sagte, dass es regnen wird!“) , aber keine logischen Schlüsse für sich daraus zieht („Heute sollte ich auf alle Fälle einen Schirm mitnehmen.“). Nun denn, wie gut, dass ich eine weiße Hose anhabe. Das macht die Geschichte gleich doppelt spannend. Vielleicht verzichtet der Hausarzt, zu dem ich gleich will, darauf, dass ich mich ausziehen muss. Durch die durchsichtig gewordene Hose sieht er eh gleich alles.

11:50 Uhr Wenn Sie mit einem dringenden Anliegen zum Hautarzt wollen, müssen Sie früh aufstehen. Vor 9 Uhr werden die unangemeldeten Fälle abgearbeitet. Auch wenn Sie „ja eigentlich gar net komme wollde“ und dann doch noch um 11:50 Uhr auftauchen. Man schiebt Sie „ausnahmsweise“ ein, aber auch nur, weil bald Wochenende ist. Sie sehen, im halb offenen Wartebereich erfährt man so einiges Nützliches.

12:40 Uhr Beim Arzt war alles in Ordnung. Ich buche gleich noch den Termin für‘s Hautkrebsscreening (im Februar dann…) und gehe in den japanischen Laden nebenan. Signorino und ich schmissen jeweils einen Creme-Pumpspender herunter und nun verweigern die Spender ihre Pumpleistung. Also habe ich zwei neue, leere Pumpspender gekauft und pumpe nun um.

13:00-14:40 Uhr Wieder daheim. Ich gönne mir Zeit für mich und lese Blogs. Dann rufe ich den Einen an und wir quatschen über den gestrigen, zusammen verbrachten Abend. Zeitgleich ruft der Römer an. Er würde mich gerne an der Kita treffen. Ich willige ein. Erst im Auto frage ich mich, warum er das Kind nicht alleine abholen kann. Aber nun sitze ich schon im Gefährt. Der Römer winkt mir zu, wir gehen in die Kita und holen das verwirrte Kind ab: „Mamaaa! Papaaaa! Maaapa!“

15:00 Uhr Wieder zu Hause. Der Mann hat eingekauft. Bucatini („Conosci bucatini?“ Kennst du Bucatini?), italienische Kekse, Bresaola (ähnlich Bündnerfleisch), noch mehr italienische Kekse, irgendwelche italienischen Cracker. Ich habe den leisen Eindruck, ihm fehlt Italien? 🤔

16:00 Uhr Die Gallensteine des Mannes sind zurückgekehrt. Er jammert so vor sich hin, will aber nicht zum Arzt, dann doch, dann ist er zu müde für einen zweiten Bluttest, heute ist’s wieder extra schlimm. Ins Krankenhaus will er dann doch nicht und am besten soll das Problem sich in Luft auflösen. Aber wie damals bei der Gallenblase, löst sie sich leider nicht auf, sondern musste heraus operiert werden. Er baut erstmal Zug mit dem Kind und jammert, und fühlt sich schlapp und hat Krämpfe…. Wie kann man nur so stur sein? Die einzige Lösung liegt doch auf der Hand 🏥? Lieber jetzt als im Urlaub, fernab der Zivilisation und damit fernab von Krankenhäusern .

17 Uhr Nächster Halt: Drogeriemarkt. Der Mann deckt sich mit Gallenstein-Hausmitteln ein: Apfelessig, Kurkuma, Löwenzahntee, usw.. Das Kind macht gut mit beim Einkaufen. Daheim kriegt er dennoch einen Anfall, dass er zum Spielplatz wollte und will. Also gehen wir zum Spielplatz. Ich bestelle noch rasch Pizza vor, denn unsere Lieblingspizzeria machte eine dreiwöchige (!) Pause und heute ist sie wieder da.

Sieht nach (zugegeben sehr dreckigem) Strand aus. Ist aber ein Spielplatz. Aber meine weiße Hose ist noch weiß. Das ist doch auch etwas.

18:40 Uhr Vom Spielplatz zurück warten wir auf die Pizza. Das Kind kann nicht mehr warten und isst ein Marmeladenbrötchen als Vorspeise.

19:30 Uhr Die Nachbarn von oben bohren. Das Kind hat neuerdings Angst vor Bohrgeräuschen und so hängt ein ängstliches Kind auf mir wie ein Koala an einem Ast. Ich frage mich, wann deren Bohrprojekt beendet ist. Seit Tagen geht das schon so. Aber vielleicht bauen sie ab… und nicht auf. Das wäre mir sehr lieb.

20:45 Uhr Meine Schwiegermutter wünscht mit ihrem Enkelkind zu reden. Da weder Enkelkind, noch Schwiegermutter über ein Handy verfügen, ruft der Römer seinen Bruder an, der das Videotelefonat an seine Mutter weiterreicht. Nur Signorino guckt lieber „Tan“. Dann bequemt sich das Kind, drei Sekunden ins Telefon zu starren, nur um dann wieder „Tan“ zu gucken.

23:00 Uhr Das Kind schläft endlich. Let‘s call it a day!

Gleich geht’s weiter

Verwechslung mit Nahverkehrszügen

Am Vorabend

Ich liege neben Signorino im Bett. Wie immer versucht das Kind noch etwas Wach-Zeit herauszupressen. Er fängt also an, all die Kinder aufzuzählen, die mit ihm in der Kita-Gruppe sind.

Signorino: “Ein Henry, eine Camille, eine Emilia, ein Bao, ein S-Bahn….”

Ich: “Die S-Bahn geht aber nicht mit dir in die Kita. Mit der S-Bahn fahren wir zur Kita.”

Das Kind protestiert heftig. Natürlich gehe auch “S-Bahn” mit ihm in die Kita. Ich blicke auf die Uhr an meinem Handgelenk. 22 Uhr. Müde vom Tag knicke ich ein. Ja, aber natürlich. Wie konnte ich das nur vergessen? Auch S-Bahn gehe in Signorinos Kindergartengruppe.

Signorino wiederholt noch zwei Mal bekräftigend das Wort „S-Bahn“. Nach weiteren zehn Minuten begibt er sich, müde vom Tag, langsam ins Land der Träume.

Auf dem Weg zur Kita – mit der S-Bahn

Am nächsten Tag

Wir sind gerade an der Gruppen-Garderobe der Kita angekommen. Signorino sitzt auf dem niedrigen Bänkchen unter der bunt bemalten Kinder-Garderobe. Ich ziehe ihm die weißen Straßenschuhe aus und tausche sie gegen ein Paar dunkelblaue Hausschuhe.

Aufgeregt ruft das Kind „Da! S-Bahn!” und zeigt zur Eingangstür unserer Kita-Etage.

Ich drehe mich zur Eingangstür um, doch glaube nicht ernsthaft, dort eine S-Bahn zu erspähen. Und genau so ist es: Dort läuft gerade Signorinos Kita-Kollege Jesper samt Mutter ein. Hand in Hand steuern sie auf die Gruppen-Garderobe zu, bei der Signorino gerade die Schuhe von mir gewechselt bekommt. Ich schließe noch schnell den Klettverschluss der Hausschuhe, um Signorino postwendend zu antworten:

Ich: “Nein, Schatz, das ist doch Jesper und seine Mama. [Es rattert in meinem Kopf. Der Groschen fällt. Kann das Missverständnis tatsächlich an einem Aussprache-Fehler gelegen haben? Ich fange an zu lachen] Ach, Jesper meintest du!!! Nicht S-Bahn.”

Signorino, etwas trotzig: “Ja, ‘esban!”

Haarfarbe Gut

Gestern Nachmittag versuchte ich mit Signorino seine Haarfarbe zu üben. Mehrmals wiederholte ich, dass er blond sei. Er vernahm es und sprach fleißig “brond” nach, denn schließlich kann er jetzt den Buchstaben “R” aussprechen und benutzt ihn auch gleich noch als “L”-Ersatz.

Abends, als der Römer nach Hause kam, fragte ich Signorino:

“Signorino, welche Haarfarbe hast du?”

Signorino dachte angestrengt nach. Wie war doch gleich nochmal dieses Wort für seine Haarfarbe? Ich half etwas auf die Sprünge: “B….l….”

“GUT!!!!”, schrie das Kind freudestrahelnd.

Haarfarbe “Gut” – immerhin ist das Kind mit seiner Haarfarbe zufrieden.

Haarfarbe Gut – darauf ein High-Five!

Land der Dichter und Denker

Land der Dichter und Denker

Morgens in der S-Bahn. Signorino und ich fahren zur Kita. Wir setzen uns in die linke Vierer-Sitzgruppe, in dem ein junger, schmaler, sehr intellektuell wirkender Mann ein dickes Buch liest. Als er uns, oder viel mehr Signorino bemerkt, reißt er die Augen panisch auf. Er geht wohl davon aus, dass mein Sohn laut krakelnd seine Ruhe stören will. Doch Signorino ist ein S-Bahn-Profi und weiß sich zu benehmen. Als mein Nachwuchs beinahe flüsternd bemerkt, dass wir jetzt in einen Tunnel fahren, entspannen sich die Gesichtszüge des Intellektuellen. Er hat verstanden, dass Signorino kein Stimmungsmacher ist. Also keine Gefahr für die morgendliche Ruhe in der S-Bahn.

Wir rollen am Hauptbahnhof ein. Ein Typ steigt ein. Neongrünes Oberteil, beige Cargo-Hose mit vielen Schnallen und Verschlüssen. Kurz geschorene, mittelblonde Haare. Alles an dem Mitreisenden schreit. Der erste Eindruck lässt mich erahnen, dass nicht nur sein Kleidungsstil schrill ist, sondern auch alles andere an dem neuen Mitreisenden. Doch vielleicht mag das täuschen. Höflich ist er auf alle Fälle, denn er bedankt sich, als eine ältere Dame mit grauem Pagenschnitt ihre weinrote Handtasche auf ihren Schoß hebt, um für den Herrn einen Sitzplatz zu schaffen. Dass seine Stimme dabei laut und dröhnend ist, bemerke ich zwar, will aber meinem ersten Eindruck noch nicht gleich nachgeben.

Nur der schmale S-Bahn-Gang trennt uns jetzt noch von diesem Mitmenschen. Gerade fahren wir an der Taunusanlage ein, als Signorino leise bemerkt, dass vom Bahnsteig ein Aufzug mit Leuten nach oben schwebt. Ich gebe ihm recht und erkläre ihm mit gedämpfter Stimme, dass der Aufzug die Leute nach oben und unten befördern kann und, mit Blick auf die Anzug- und Kostümträger:innen im Aufzug, weise daraufhin, dass sie zur Arbeit müssen. Der schrille, junge Mann in der Vierersitzgruppe neben uns pult indessen sein Handy unter lautem Stöhnen und Seufzen aus der Hosentasche.

Endlich hält er es in der Hand. Ein paar Mal wischt er lustlos darauf herum, dann stellt er die Musik an. Natürlich ohne Kopfhörer dafür zu benutzen. Blecherne Balkanmusik wird von seinem Mobiltelefon in höchster Lautstärke herausgewürgt. Die Sängerin winselt wehleidig zu den Bässen und Klängen.

Alle Köpfe der um ihn herumsitzenden Mitfahrer:innen schnellen ruckartig zu ihm und fixieren ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er bemerkt es nicht.

“Jetzt Sommermusik.”, kommentiert er laut. Wir Übrigen gucken uns irritiert an. Keiner sagt etwas. Brasilianische Funk-Klänge wummern durch den Waggon. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha.

Ein älterer Herr, Hesse vermutlich, geht an uns vorbei. “Sin wa hier an da Copacabana oder was?”, spricht er im Vorbeigehen. Wir grinsen. Unser Mitreisender ignoriert den Kommentar. Als selbst ernannter S-Bahn DJ braucht man eben höchste Konzentration für das, was man tut.

Die junge Frau im Sommerkleid, die ihm gegenüber sitzt, steht genervt ausatmend auf und lässt sich auf einem Sitz am Ende der S-Bahn nieder. Ich blicke ihr nach und werde wütend. Nicht auf die junge Frau, sondern, dass einer sich das Recht herausnimmt, morgens die ganze S-Bahn zu terrorisieren. Eines der ungeschriebenen Gesetze ist es, dass morgens in öffentlichen Verkehrsmitteln absolute Ruhe zu herrschen hat.

Wir fahren an der Hauptwache ein. “Gelb.”, erklärt mir Signorino und meint damit die gelben Wandpanellen der Hauptwache.

“Jetzt lustige Musik.”, stimmt uns unser DJ auf den nächsten Kracher in seiner Playlist ein. Wieder sagt niemand etwas. Die ältere Dame neben ihm verdreht die Augen. Doch jetzt platzt mir der Kragen. Dafür war ich zu lange Flugbegleiterin, als dass ich jetzt meine Klappe halten könnte.

“Also, entschuldigen Sie mal bitte. Ich glaube, es hakt! Wir befinden uns hier im Land der Dichter und Denker. Und wissen Sie, wie es dazu kam? In dem Ruhe herrschte. Ab-so-lu-te Ru-he! Meinen Sie, irgendjemand kann dichten und denken bei dieser scheppernden Musik? Also bitte, verschonen Sie uns mit Ihren DJ-Künsten.”

Die Leute grinsen. Der Kerl will gerade antworten, da heißt es hinter uns: “Sie haben gar keine Maske auf! Das macht dann 50,-€, bitte.” Zwei Kontrolleure stehen bei einem jungen Mann im Anzug. “Oh, aber … hm… heute musste es schnell gehen.”, antwortet dieser. “Helmut, die Ausrede habe ich ja noch nie gehört.”, witzelt der eine Kontrolleur mit dem anderen. Der grinst. Zum jungen Anzugträger gewandt, wiederholt er noch einmal: “50,- € kost Sie die Maskenfreiheit im Zug, der Herr.”

Unser DJ wird blass. Auch er hat keine Maske auf. Wie von der Tarantel gestochen läuft er bis ans Ende des Waggons. Die „lustige Musik“, die er uns gerade eben noch ankündigt hat, begleitet ihn und an der nächsten Station springt er aus der S-Bahn. Ruhe! Endlich Ruhe!

Nur das Kind singt leise ein Lied seiner Lieblingsserie “Bohnentoast bing! Bohnentoast bong! Bohnentoast bingedibangedibung!”.

Ketchup im Zoo

Es ist Samstagnachmittag. Ein kleiner Haufen Kind liegt auf dem Sofa. Er ist in den ersten zehn Minuten seiner Zeichentrickserie eingeschlafen.

Vollkommen erschöpft fielen ihm die Augen zu. Ich kann ihn verstehen, denn es war wirklich aufregend im Zoo. Jetzt, mit 2,5 Jahren interessiert er sich für Gi-affe, Pinnuin und Zeb-a. Zugegeben, einen Kollateralschaden musste eine arme, zufällig vorbei flanierende Ziege verbuchen, was mir wiederum sehr Leid tat.

Als es passiert war, starrten die Ziege und ich uns entsetzt, um Fassung ringend, an. Hätte die Ziege sprechen können, sie hätte mit aufgeregt-zittriger Stimme “Das hat er nicht wirklich getan?!” gefiepst. Aber ja, mein Ableger hat das wirklich getan und der armen, zutraulichen Ziege kräftig in die kalt-feuchte Nase gekniffen. Und ja, das hätten wir beide nicht erwartet und es tat mir furchtbar Leid für die Ziege. Entschuldigend wollte ich sie am Bauch tätscheln, doch sie trabte beleidigt davon. Vermutlich brachte sie sich in Sicherheit vor dem neugierig kneifenden Menschenkind. Wer weiß auf welche Ideen Signorino noch gekommen wäre, wäre die Ziege stehen geblieben?

Zuvor, sonst hätte ich den Sohn gar nicht auf die Ziege losgelassen, tätschelte er eifrig andere Ziegen und machte „Wau!Wau!“. „Nein, nein.“, erklärten wir Eltern geduldig. „Das ist kein Hund. Das ist eine Ziege.“ Der Nachwuchs blieb beim „Wau!Wau!“, um schlussendlich das Tier mit “Ciao Ciao, Ziege!“ zu verabschieden. Irgendetwas blieb also doch hängen. Doch im Albanien-Urlaub vertiefen wir das Ziegen-Wissen noch etwas. Unser Lernziel wäre, dass der Nachwuchs weiß, dass es sehr untypisch für Ziegen ist, “Wau!Wau!” zu machen, sofern sie nicht von Hunden sozialisiert worden sind. Und selbst dann wäre es vermutlich eine erstaunliche Leistung seitens der Ziege.

Sehr gut haben uns übrigens die Seehunde gefallen, die der Römer und ich einstimmig für „foche”, oder auf Deutsch, „Robben“ hielten. Eifrig begann ich daheim den Unterschied zwischen Seehunden und Robben zu recherchieren und hörte bereits beim ersten Satz wieder auf „Alle Seehunde sind Robben, aber nicht alle Robben sind Seehunde.“ Puh! Das wirkte wie der Anfang einer Sachaufgabe. Ich beschloss, dass diese Wissenslücke ruhig ungestopft bleiben könne und tat es mit einem “Man muss auch nicht alles wissen!” ab. Für Signorino gab es nur eine Definition für dieses unter Wasser verkehrende Tier: Fiiiiesch (mit langem I). Auch nach mehrmaligem Erklären bzw. zweisprachig auf ihn einreden (Foche! Robbe! Sono foche, amore mio! Das ist eine Robbe, mein Schatz! Vedi?! Foche!), blieb er dabei: Es war ein Fiiiesch!

Ein Fiiiesch lt. Signorino. Im Video: Signorino erklärt etwas in seiner eigenen Sprache. 😄

Wir guckten noch bei den Okapis vorbei, bei einem Nilpferd, das Signorino als Stein bezeichnete und man ihm recht geben musste, denn das Tier lag mit dem Rücke zu uns vorm Wasserloch und bei aller Liebe: Es sah aus wie ein nasser Stein mit winzigen Stein-Ohren, die sich ab und an bewegten.

Die Erdmännchen verpassten wir diesmal, aber dafür guckten wir noch bei Gi-affe (das Kind kann kein R aussprechen) und Zeb-a (das R-Problem, wie gesagt) vorbei. Danach stärkten wir uns in der prallen Sonne mit den gesunden Klassikern der regionalen Küche: Chicken Nuggets und Pommes. So großzügig der Gatte auch beim Verteilen der Portionen war, so sparsam war er beim Ketchup. Einen Fingerhut voll Ketchup pumpte er aus einem großen Spender auf jede Portion Pommes und balancierte damit zu unserem Tisch. Daran erkennt man sie wohl, die kulturellen Unterschiede. Meine Pommes tragen normalerweise eine ordentliche Portion Ketchup auf dem Pommeshaupt. So viel, dass die direkt darunter verschütteten Pommes gar nicht mehr vor der Ketchup-Lawine zu retten sind und falls doch, nur mit einem Piekser gegessen werden können. Die römische Ketchup-Ration ist ein fingernagelgroßer Klecks, der einen irritiert fragen lässt, ob das Ketchup im Spender leer war. „Ma che! Era pieno! [Ach was! Es war voll!]“, sprach der Gatte und kaute auf einer nackten Pommes herum. Kurz überlegte ich, ob ich nochmal zur Ketchupquelle gehen sollte, aber ich arrangierte mich mit der verschwindend geringen Menge. Sparsam teilte ich sie mir ein, so dass ich fast ein Drittel der Pommes mit leicht benetzter Ketchup-Schicht essen konnte.

Dem Sohn war dieser Umstand schlichtweg egal. So gerne er ungesunde Lebensmittel wie Süßigkeiten und Eis in rauen Mengen isst, so sehr widert ihn Fruchtsaft und Ketchup an. Ein gesunder Ausgleich, wenn Sie so wollen, oder einfach nur sein römisch-albanisches Erbgut, das keinen Bedarf für Ketchup (und Fruchtsäfte) sieht. So aß er viele, nackte Pommes und probierte die Chicken Nuggets, die er „Bäh!“ fand. Obwohl wir neben dem Eisstand saßen, fragte er dennoch kein einziges Mal “…oder Eis?”, was wir durchaus als Erfolg verbuchten.

Satt und glücklich guckten wir noch zum Bären. Neben dem Gehege stand eine lebensgroß nachgebildete Figur aus Plastik, mit der man sich fotografieren lassen konnte. Fälschlicherweise hielt ich diese freundliche Bärenfigur für einen Waschbären und habe nun, auch nach den irritierenden Blicken des Römers, den Beweis dafür, meine Sehstärke nächste Woche überprüfen zu lassen.

Ein echter Bär im Gehege. Und ganz sicher kein Waschbär. 😉

Es war ein sehr schöner Tag mit all dem Frankfurter Getier. Doch das Spannendste war für Signorino die Straßenbahn, die am Zoo vorbeifuhr. Würde das arme Kind nie Straßenbahn fahren dürfen, ich würde es verstehen. Aber wir fahren mindestens drei Mal die Woche Straßenbahn und drei Mal die Woche S-Bahn. Man möchte meinen, irgendwann wäre das Kind gesättigt vor lauter Straßenbahnfahrten. Aber dem war nicht so!

Zum Abschluss fuhren wir noch zwei Stationen mit der Straßenbahn und das war definitiv das Highlight des heutigen Tages für das Kind.

Haben Sie ein tierisch-feines Wochenende mit hoffentlich genug Ketchup zu Ihren Pommes!

Oder Joghurt?!

Signorino verfügt mittlerweile über drei Möglichkeiten, uns mitzuteilen, dass ihm etwas schmeckt oder eben auch nicht.

„Mmh! Lecker.“ wird meist für allerhand Süßkram oder Pizza benutzt. Es bedeutet absolute Zustimmung und 10 von 10 Punkten.

„Bäh!“ benutzt er, Sie ahnen es, für Dinge, die definitiv nicht seinen Geschmack treffen.

„…oder Joghurt?!?“ ist eine höfliche Rückfrage, ob er nicht lieber statt der angebotenen Speise einen Joghurt essen könne. Es widert ihn nicht dermaßen an wie eine „Bäh-Speise“, dennoch würde er bevorzugen, nicht weiter essen zu müssen.

Bakllava und caffé waren „Mmh! Lecker!“

So, morgen schreibe ich die Prüfung (danke für all die gedrückten Daumen!) und dann bin ich gewohnt wieder für Sie da.😉

WMDEDGT – Juni 22

WMDEDGT – Juni 22

Der Monatsfünfte und Frau Brüllen fragt mal wieder, mit was man seine Zeit verbringt. WMDEDGT nennt sie das und hier sieht das so aus:

09:00 Uhr Ich werde von den Kirchenglocken geweckt und drehe mich nochmal um. Keine Ahnung wie viel Uhr es ist. Das rekonstruiere ich erst um…

…09:20 Uhr als ich höre wie sich die Türe zum Wohnzimmer öffnet. Signorino ist auf den Beinen. Ich wecke den Mann, er soll mal gucken gehen. Im Wohnzimmer steht ein ziemlich müder Signorino und dreht sich mit halb geschlossenen Augen umher. Der Römer nimmt ihn und trägt ihn in unser Bett. Man muss es ja nicht gleich übertreiben und aus den Betten springen. Wir kuscheln ausgiebig. Irgendwann steht der Mann auf und macht uns Frühstück.

10:00 Uhr Es sieht bei uns aus wie der Frankfurter Ostpark nach einem langen Grill-Wochenende, also räumen wir auf, schmeißen die Waschmaschine an, die Spülmaschine ebenso, dann saugen wir Staub, aber der Staubsauger macht schlapp und möchte erst geladen werden. Der Römer nimmt dies zum Anlass, seinen Körper zu stählen (die Strandsaison steht vor der Tür!) und macht Liegestützen. Signorino wirft sich auf seinen Rücken, was den Trainingseffekt mindestens verdreifacht.

12:00 Uhr Heute ist Pinsatag. Wir bestellen bei unserer liebsten Pinseria und ich entscheide mich für Lachs, Spinat und Käse. Mario Monti nennt der Römer diese Pinsa und lacht über seinen eigenen Witz laut und schallend. Eigentlich heißt die Pinsa Mare e Monti, Meer und Berge und nicht wie ein italienischer Politiker. Der Römer bestellt eine Pizza mit viel Gemüse (die Strandsaison!) und Signorino bekommt eine Margherita. Wir warten auf den Lieferdienst. Er kommt früher als geplant. Essen, Espresso und für mich ab in die Dusche, da ich immer noch im Hausanzug bin.

14:00 Uhr In den Wald oder nicht? Das Kind ist müde und quengelig. Wir entscheiden uns dagegen, da er auf der Rückfahrt sicher einschlafen würde und wir auf einen frühen Feierabend hoffen. Der Römer wegen seines Doktorat-Projekts und ich, weil ich am Mittwoch zur Prüfung antreten will. Wir gehen Richtung Stammspielplatz, biegen aber kurz vorher ab, da der kleine Spielplatz komplett leer gefegt ist. Viel Rutschen, Wippen, Feuerwehrauto fahren und Tauben jagen steht auf dem Programm.

Signorino fährt das Feuerwehrauto wie ein Profi.

15:00 Uhr Ich entdecke den Römer auf dem Südbalkon. Er guckt sich meine Pflanzen an, die er meist als „belle ma inutili“, schön aber unnütz, bezeichnet. Dazu tröpfelt ein leichter Sommerregen vom grauen Himmel herunter. Es ist eine wahre Freude hier draußen zu sein. Ich setze mich neben ihn. Kurz mal durchatmen und ins Grüne gucken.

7 Tomaten und eine Chilli stehen auf dieser Seite des Balkons. Gurken, der Feigenbaum und der Granatapfelbaum stehen auf der anderen Seite.

17:00 Uhr Eine kleine Eispause. Ich verabschiede mich zum Lernen und bleibe doch bei WordPress hängen. Nur kurz lesen, nur kurz liken, alleine beim Kommentieren – Sie merken es selber – hinke ich hinterher. Die Privatspielplätze hinter unserem Haus sind gut besucht. Ich hole mir die Kopfhörer aus dem Wohnzimmer und stelle „White Noise – 3 hours“ ein. Dann quäle ich mich durch die 64 Karteikarten, die ich auswendig lernen muss und die bis Mittwoch sitzen müssen.

19:00 Uhr Es gibt heute sehr früh Essen. Der Römer hat genauso gekocht wie dieser Tag war: Völlig schnörkellos, aber sehr angenehm. Es gibt grünen Spargel, Spiegelei und eine Scheibe Brot. Das Kind will nur Butter(brot), was sich darin zeigt, dass es die Butter ableckt und wenig Brot ist. Danach isst er einen Joghurt. Alle satt, alle glücklich und für einen Bewohner heißt es: Schlafanzug an. Der Römer telefoniert derweil nach Albanien. Wir dürfen auch in die Kamera winken.

21:00 Uhr Das Kind ist im Bett, der Pflaumenkuchen im Backofen, ich widme mich meinen Karteikarten und dann heißt es: Let’s call it a day! Heute war seit langem ein sehr, sehr entspannter Tag.

Papa oder Opa?

Nach langem Überreden, erklärt sich Signorino endlich dazu bereit, dem Spielplatz den Rücken zu kehren. Wir gehen durch die Parkanlage Richtung Wohnung. Auf einer Bank sitzt ein Mann. Er ist in seine Zeitung vertieft. Sein hellblaues, kurzärmliges Poloshirt sitzt locker. Aus seinen beigen Bermudashorts ragen bereits sonnengebräunte Beine. Der Mann hat etwas längere Haare, die ihm bis zu den Ohren reichen. Er ist rasiert und wirkt sehr gepflegt. Neben ihm parkt sein rotes Rennrad. Müsste ich ihm einen Stempel geben, ich würde ihn als “junggebliebenen Mitfünfziger in Führungsposition” beschreiben.

Signorino tapst an dem Mann vorbei. Seinen neuen Sandkasten-Bagger trägt er stolz vor seiner Brust. Er bleibt vor dem Herren stehen, mustert ihn neugierig und fragt, vermutlich mehr sich selbst, als uns:

“Papa oder Opa?”

Der etwa 50jährige Mann blickt von seiner Zeitung auf, lächelt unseren Ableger an und vertieft sich wieder in seine Zeitung.

“OPAAA!!!”, ist sich Signorino sicher und äußert seinen Gedanken überaus lautstark. Dann pflückt er mit der rechten Hand eine Puste(blume) und düst mit seinem Bagger und der Pusteblume davon. Ich lächle entschuldigend, gucke in ein verdutztes, sonnengebräuntes Gesicht eines Mitfünfzigers und laufe dankbar dem schnell flüchtenden Kind hinterher.

Ein innerliches Highfive hat sich Signorino sicher für seinen flotten Kommentar gegeben.

Killing him softly – ein Abenteuerbericht

[Teil 1 finden Sie hier]

Die Überraschung folgte für den Römer am Dienstagmorgen um 5 Uhr. “Mi viene a vomitare. [Mir ist übel.]”, raunte der Gatte in die Dunkelheit, sprintete aus dem Schlafzimmer, schloss auf dem Weg zum Bad noch eben die Kinderzimmer-Tür (man will das Kind schließlich nicht wecken), eilte in das zu klein geratene Bad und erbrach sich.

Ausgerechnet er, der mir am Tag zuvor noch erzählte, dass er sich nie und nimmer, oder falls doch, nur in aller größter Not erbrechen würde. So gesehen letztmalig im Jahr 2016 in Albanien, als er Steindatteln aß. Eine Delikatesse aus dem Mittelmeer, die ihm eine ordentliche Muschelvergiftung bescherte. Doch dieses längst vergangene Erlebnis hielt ihn nicht davon ab, seinen Monolog fortzusetzen: Wir, dann zeigte er auf Signorino und mich, hätten ja einen äußerst schwachen Magen. In unserem aalglatten Industriestaat wäre gar kein Platz für Viren und Bakterien, die der Körper kennenlernen könne. Aber im Süden hätte sein Körper schon alles gesehen. A-L-L-E-S. Seine ausladenden Gesten unterstrichen seinen Monolog, den er mit dem Satz beendete, dass er alles vertilgen könne, ohne auch nur Aufzustoßen. „Bis auf Steindatteln…“, murmelte ich sehr leise und grinste in mich hinein.

Derweil interessierte sich die Magen-Darm-Grippe herzlich wenig für sein Geschwätz vom Vortag. Vielmehr vertikutierte sie den Römer mit einer solchen Inbrunst, dass jegliche Lebenskraft aus ihm herausgeschleudert wurde. Um 05:30 Uhr stolperte er kraftlos und kaltschweißig zurück ins Schlafzimmer. Ich blinzelte ihm entgegen. Er hielt mir sein Mobiltelefon vor die müde Nase. „Kannst du meinen Kolleg*innen bitte schreiben, dass ich heute nicht komme? Ich habe all meine Deutschkenntnisse soeben in der Toilette versenkt.“, erklärte er mir auf Italienisch. „Das kann ja dann nicht so viel gewesen sein.“, dachte ich, verbot mir jedoch jeden laut geäußerten Galgenhumor. Dem Gatten ging es wirklich miserabel. Somit setzte ich mir als liebende und fürsorgliche Ehefrau meine Brille auf, tippte eine schmissige Nachricht, so schmissig man eben um 5:30 Uhr morgens sein kann, und las sie dem Römer vor. Fälschlicherweise interpretierte der Römer die Situation so, dass wir gleich noch eine Lektion „Deutsch – Wortschatzerweiterung“ besprechen sollten: „Che vuol dire ‚Mich hat’s erwischt?‘ [Was bedeutet ‚Mich hat’s erwischt?‘]“, fragte er gequält. Ich übersetzte es behelfsmäßig mit „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.].“ „Aha.“, sprach er. Ich las ihm die restliche Textnachricht vor. „Che vuol dire „Über der Kloschüssel hängen? [Was bedeutet „Über der Kloschüssel hängen?“]“, wollte er nun wissen. „Non stai bene. [Dir geht’s nicht gut.]“, übersetzte ich wieder. „Und warum schreibst du das dann zwei Mal?“, wollte er von mir wissen. „Amore, es ist 5:30 Uhr morgens. Deine Kolleginnen und Kollegen werden die Nachricht schon verstehen. Details können wir gerne morgen klären. Gute Nacht!“, beendete ich den Vokabeltest. „Gute Nacht!“, sprach der Römer. Ich drehte mich um und versuchte wieder in den Schlaf zu finden. Als mir das beinahe gelang, sprach der Römer in die Dunkelheit. „Ma io adesso sto bene [Aber jetzt geht es mir gut.]. Was meinst du? War es falsch mich sofort krank zu melden? Ich habe nun wirklich nichts mehr im Magen, was ich noch ausspucken könnte.“, erörterte der Römer mir seinen Gedankengang. „Anfängerfehler.“, dachte ich und murmelte im Halbschlaf: „Warte doch erstmal ab. Normalerweise ist es mit ein Mal Erbrechen nicht getan.“ Der Römer versuchte mir nun verständlich zu machen, dass er sich schon viel fitter fühlte und sich jetzt ärgerte, dass er sich krank gemeldet hatte.

Einmal so optimistisch in die Zukunft zu blicken wie der Römer, das wäre mein Lebensziel. Aber vermutlich komme ich dort nie an.

Ob der Römer eine Zweitwohnung in der Nähe hat?

„Pazienza! [Geduld!]“, grummelte ich und guckte auf die Uhr. 6:10 Uhr. Nur zehn Minuten nach unserem Gespräch lief der Römer wieder aus dem Schlafzimmer. Ich hörte ihn erbrechen. „Siehste! Sag‘ ich doch.“, dachte ich noch, schielte wieder auf die Uhr und mir wurde bewusst, dass ich in einer Stunde aufstehen muss. Ich klopfte leise an die Badezimmertür. Zwischen zwei Kötzerchen teilte ich dem Römer mit, dass ich auf die Couch umziehen werde, um noch etwas Schlaf zu erhaschen. Sollte er etwas brauchen, könne er es gerne jetzt sagen, auch ein Laut würde mir genügen, oder aber ins Wohnzimmer kommen. Er spuckte wieder, ächzte aus dem letzten Loch und sagte dann, dass er momentan nichts brauche. Ich zog ins Wohnzimmer um. Dann beschloss ich, angesichts der Tatsache, dass auch Signorino nicht wirklich fit war, dass wir alle daheim bleiben würden. Ich meldete mich in der Arbeit krank und versuchte einzuschlafen. Das gelang mir nicht wirklich, weil das Wohnzimmer zur langsam erwachenden Allee lag, wo fleißig Schüler*innen und Eltern vorbeirollten und trollten, laut schnatternd und sich anscheinend auf den Tag freuend. Ich seufzte und schlürfte zum Römer.

Wie ein überfahrener Kaugummi lag er auf dem Bett und atmete gequält. Ich fragte, ob ich kurz auf Toilette könne oder er zu tun habe. Es sei nicht dringend. „Vai!Vai! [Geh ruhig!]“, ermutigte mich der Römer. Als ich in das schmale Zimmer eintrag, lag feinsäuberlich ein flauschiges Handtuch auf dem eiskalten Fliesenboden. Der Gatte macht es sich anscheinend gerne gemütlich, wenn er sich schon in einer so prekären Situation befindet. Oder aber, er bediente sich einem alten germanischen Brauch, der meist im Ausland praktiziert wird: Das Reservieren eines Ortes, gerne nah an einem Gewässer, und oftmals in Form einer Sonnenliege in einer großen Ferienanlage, um der Rekreation von Körper und Geist zu dienen. Wer sein Handtuch als erstes in den frühen Morgenstunden auf die vom Sonnenlicht verblichene Liege klatschte, hatte den ganzen Tag den besten Platz am Pool sicher. Dieser Lokus war also reserviert. Ich beeilte mich, schnell wieder davon zu kommen. Nicht, dass der Besitzer des Handtuchs mich noch bei der Hotelleitung melden würde. Als ich fertig war, breitete ich das kuschelige Handtuch wieder so aus, wie ich es vorgefunden hatte.

Wenig später, der Römer verschwand zwischenzeitlich wieder im Bad, erklärte mir der Gatte, dass es eine selten dämliche Idee war, dieses Seelachsfilet am vorherigen Abend zu vertilgen. Denn während er über der Kloschüssel hing, der Fisch sich den Verdauungs-Ganges Richtung Himalaya nach oben arbeitete, wurde ihm gleich doppelt schlecht beim Geruch des verdauten Fisches. Vielleicht hätte ich ihm konsequenterweise Hákarl, isländischen Gammelhai, anbieten sollen, versehen mit dem Hinweis, dass das ein erprobtes, skandinavisches Hausmittel bei Übelkeit sei. Schließlich wollte er mich noch am Vortag davon überzeugen, dass mir ein Seelachsfilet wieder zu neuen Kräften verhelfen würde. Doch so gemein konnte ich nicht sein, denn woher sollte ich in Frankfurt auf die Schnelle einen Gammelhai herbekommen? So hielt ich den Mund und streichelte dem Römer mitfühlend über den Rücken.

Lange konnte der Römer hingegen nicht den Mund halten. Vielmehr benutzte er ihn, um zum Frühstück Zwieback und Tee zu inhalieren. “Zu schnell, zu viel. Das wird nicht gut getan.”, sprach ich in die Knusper- und Schlürfgeräusche des Römers. “Man muss doch wenigstens versuchen, dass man wieder zu Kräften kommt.”, unterwies mich der Gatte. “Almeno provarlo!! [Wenigstens versuchen!!]”, sagte er mit Nachdruck. Nun, sein Versuch endete, Sie ahnen es, im kleinsten Zimmer der Wohnung, auf dem Lokus, der tatsächlich so klein ist, dass sie nicht bei geschlossener Tür über der Kloschüssel hängen können. So kann die ganze Familie diesem riesen Spektakel beiwohnen. Immerhin, man kann stehend nicht umfallen, sollte man widererwartend ohnmächtig werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Signorino meldet sich aus dem Kinderzimmer. Er war wach, gut gelaunt und sein erstes, morgendliches Wort war „Schoko-Ku[chen]?“. Es ging ihm bestens. Ich bereitete, sehr zu seinem Verdruss, keinen Schokokuchen, sondern Haferbrei vor. Immerhin färbte ich ihn mit etwas Kakaopulver schokoladig dunkel. Man tut als Mutter eben was man kann.

Um 09:15 Uhr klingelte das Telefon. Es rief die Signorino’sche Erzieherin an. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Kind noch nicht als fehlend gemeldet. Es war per se nicht krank, aber auch nicht topfit. Eben wie die Mutter. Doch sie hatte gar nicht im Sinn, mich zurechtzuweisen, dass das Kind nicht krankgemeldet wurde. Vermutlich lag das daran, dass die Abwesenheitsmeldequote (was für ein Wort!) bei 50-60% der Eltern liegt. Die restlichen bleiben stumm wie die Fische und sagen eben nicht Bescheid, dass das Kind nicht zur Kita kommt. Alles kann, nichts muss. Man kennt es ja. Sie rief an, um mir mitzuteilen, dass man heute und morgen einen Mangel an Vollzeitkräften habe. Alle seien krank. Woran sie erkrankt waren, konnte ich mir in den lebhaftesten Farben ausmalen. Man würde deswegen nur eine beschränkte Öffnungszeit der eh schon eingeschränkten Corona-Öffnungszeit anbieten können. Sie hoffe, dass mir das keine Probleme bereiten würde. „Ach woher!“, winkte ich ab. Was ist schon eine zerbrochene Teetasse inmitten eines Erdbebens, Stufe 8? Die Erzieherin bedankte sich für mein Verständnis. Ich bedankte mich für ihre Disponibilität und hoffte, dass sich der Rest der Erzieherinnen wacker halten würden. Denn wenn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte noch weiter eingeschränkt werden würden, könnte ich ebenso gut vor der Kita warten, bis ich den jungen Mann eine halbe Stunde später wieder einsammeln und mit nach Hause nehmen konnte.

Das Kind verbrachte den Vormittag mit für ihn (und vermutlich alle lebhaften 2jährigen) völlig untypischesm auf der Couch/auf dem Teppich/auf der Rutsche Liegen. Das Köpflein und der Oberkörper schienen so schwer, dass oft nur noch die Beine standen. Der Rest lehnte irgendwo dagegen. So verbrachten wir den Vormittag lesend und ab und an Cartoons guckend. Das Kind war zufrieden, aß und trank gut, und ließ sich ausgiebig bekuscheln, was ein eher rares Event in unserem Haus darstellt. Ab und an erhob Signorino seinen schlappen Körper und wollte Papa besuchen. Er tapste ins Schlafzimmer, fand einen fahlen Römer im Bett vor, bei dessen Anblick mir wieder der Gammelhai in den Sinn kam, so elend sah er aus und versuchte den ältesten Wohnungsbewohner mit Legos aus der Reserve zu locken. Immer mal wieder öffnete der vor sich hin siechende Römer ein Auge und murmelte im Halbschlaf „Si, si, papà è qui. [Ja, ja, Papa ist hier.]“. Dann fielen ihm die schweren Augenlider wieder zu und er schnarchte ein bisschen. Das ließ Signorino nicht gelten. Entfernen lassen wollte er sich auf keinen Fall. Wo kämen wir denn da hin? Er erklärte dem Römer „PapaLegoJa!“ und dieser öffnete wieder mühselig ein Augenlid. Irgendwann wurde es Signorino zu bunt. Er rief den Partynotstand aus. Ja, Sie lesen richtig. Aus dem nichts rief das Kind „Party! Party!“ und nahm die römische Hand, die aus dem Bett ragte. „Pscht! Signorino! Papa will schlafen.“, flüsterte ich und versuchte das Kind aus dem Schlafzimmer zu zerren. Doch er blieb beharrlich stehen und klammerte sich am Bett fest. „Party! Party!“, rief das südländische Partymodell wieder. Der Römer öffnete wieder ein Auge. „Su! [Hoch!]“, sprach der Sohn nun in seinem feinsten Italienisch. Er wollte ins Bett gehoben werden. „Komm, Signorino, wir müssen jetzt gehen. Papa geht’s nicht gut.“, sprach ich nun etwas vehementer. Das Kind wurde ernst. „Nooh! Nooh! [Nein! Nein!]“, sprach es empört und sehr Deutsch akzentuiert mit langem O aus. Su [Hoch] wolle er, aber dalli. Der Römer hob ihn ins Bett. Und so setzte sich unser Nachwuchs neben den Römer, eine Hand in den dunklen Locken seines Papas, die andere auf seinen Kleinkinder-Oberschenkeln ruhend. Er bewachte den maladen Papa und hatte nicht vor zu gehen.

An Mambo Mambo Mambo war trotz Partyausruf nicht zu denken.

So ging ich in die Küche, kochte Kamillentee für den Mann, stöpselte eine Warmflasche zusammen und brachte ihm beides. Den Tee stellte ich unerreichbar für Signorino auf dem Fensterbrett ab. Dann kochte ich für Signorino etwas zu Mittag. Erst als ich mit einem dampfenden Teller Nudeln ums Eck kam, verließ der Sohn seinen angestammten Platz. Er aß einen halben Teller, gähnte und bekam ganz kleine Augen. Ich brachte ihn ins Bett.

Nach anderthalb Stunden wachte Signorino wieder auf. Ich hatte dem Gatten gerade Salzbrezeln ohne Salz gebracht. Signorino lief schnurstracks ins Schlafzimmer, entdeckte die Salzbrezeln und aß sie, während er seinen Vater musterte. Als er die kleine Schüssel vertilgt hat, kletterte er ins Bett und setzte sich neben den komatösen Vater. Wieder lag seine kleine Hand in den dichten, dunklen Wellen des Mannes. Er grinste. „Papa ‚putt? [Ist der Papa kaputt?]“, wollte er nun wissen. Ich nickte. „Richtig kaputt.“, antwortete ich dem Kind. Er streichelte Papa nochmals durch die dunklen Haare, holte sein liebstes „Stofftier“, den Kinderstaubsauger, und legte ihn neben Papas Kopf. Hoffentlich dachte der Mann nicht, dass ich ihm den Staubsauger dort hin legte, als nette Erinnerung. Doch der Gatte verschlief den ganzen Tag. Erbrechen musste er nicht mehr. Die nächsten, beiden Tage war er sehr wackelig unterwegs, aber schlussendlich erholte er sich wieder. Doch von uns dreien traf es den Gatten definitiv am schlimmsten.

Fazit: Anscheinend kannte sein südländischer Körper alle Viren und Bakterien, außer dieses Magen-Darm-Virus der aalglatten Industrienation. 😉