Heute beginnt die Zukunft

„Die spinnen, die Römer.“ müssen die TIRs von oben gestern gedacht haben.

Der Römer und ich schrien so laut und euphorisch, dass man sich im Kalender vergewissern musste, ob heute auch wirklich kein WM-Endrundenspiel stattfand. Dieses Jahr barg schon so viele Überraschungen – unmöglich wäre es nicht gewesen.

Signorino derweilen war so geschockt von unserem Aufschrei, dass er bitterlich anfing zu weinen. Der Römer durfte ihn fortan für den Rest des Abends nicht mehr berühren. Das mag daran liegen, dass er noch lauter und exzessiver schrie als ich. Zwanzig Minuten lang versicherte ich dem verängstigten Signorino schuckelnd, dass das ein Ruf der puren Freude war und er keine Angst haben müsse. Er traute dem Frieden nicht so ganz und ging vorsichtshalber erst nach Mitternacht zu Bett.

Sie werden sich fragen, was denn im Hause Farniente passiert ist, dass man es mit einem Urschrei derartigen Ausmaßes quittieren muss. Ich erzähle es Ihnen gerne.

Dazu muss ich etwas ausholen: Der Römer studierte in Italien, wie sie sicherlich wissen. Zwei Studiengänge schloss er dort mit Bravour ab. Nun dachten wir, als er hierher zog, dass alle Studiengänge im europäischen Wirtschaftsraum ohne Probleme anerkannt werden.

Leider sollten wir uns täuschen. Recht schnell lernten wir, dass er ein gewisses Sprachniveau vorweisen muss um eine Zulassung in Deutschland zu bekommen. Des weiteren muss die zuständige, deutsche Behörde seinen Studiengang auf Herz und Nieren prüfen, obgleich die italienischen Studiengänge fachlich und didaktisch deutlich höherwertiger sind als das deutsche Pendant.

Recht schnell besorgten wir alle notwendigen Unterlagen von der römischen Universität, die beweisen sollten, dass seine Studiengänge mindestens gleichwertig zu den deutschen Äquivalenten waren. Es klappte und sie wurden in Deutschland anerkannt. Nun fehlte lediglich das Sprachzertifikat. Und das erwies sich als Ritt durch die Hölle.

Er, der bestens ausgebildete Römer, musste plötzlich in einer Pizzeria bis weit nach Mitternacht schuften, nur um dann morgens um 6:00 Uhr aufzustehen um zum Sprachunterricht zu gehen. Aber er bewies sich in der Pizzeria: Er war erst Pizzabäcker, dann Kellner, am Schluss war er der engste Freund des Besitzers, der ihm immer wieder die Stelle als Manager seines neuen Restaurants im Zentrum schmackhaft machen wollte. Doch der Römer lehnte dankend ab, denn zu sehr liebt er seinen eigentlichen Beruf.

Die Bezahlung in der Pizzeria war nicht besonders linear. Es gab keine monatliche Zahlung auf das Gehaltskonto. Stattdessen wurde er bar bezahlt. Tröpfchenweise trudelte sein Lohn bei uns ein. Zur gleichen Zeit wurden unseren Fixkosten leider nicht tröpfchenweise abgebucht, so dass es mitunter sehr unangenehme Jahre waren, in denen wir oftmals am Ende des Monats die vielversprechende Auswahl zwischen pasta in bianco (Nudeln mit Parmesan und Öl) oder Kartoffeln mit Quark hatten.

Als der Deutschlehrer des Römers ihm im Frühjahr 2019 mitteilte, dass er nun bereit wäre für die Prüfung, freuten wir uns sehr. Zeitgleich wurde ich schwanger. Nun sollten all unsere Probleme überstanden sein – dachten wir. Und wir sollten uns abermals täuschen.

Der Römer machte den ersten Versuch – und scheiterte haushoch. „Kann ja mal passieren. Nächstes Mal klappt es bestimmt.“ beruhigten wir uns. „Einmal ist kein Mal.“ heiterten wir uns auf. Wir wussten nicht, dass es finanziell deutlich härter und emotional noch viel anstrengender werden würde.

Er scheiterte wieder. Und wieder.

Ich erinnere mich an unseren letzten Urlaub zu zweit. Eine charmante Babykugel zierte bereits meinen Bauch. Wir verbrachten unsere komplette Urlaubszeit lernend am Strand, auf dem Balkon und in der Küche. Der Römer kniete sich rein, doch am Ende bestand er wieder nicht.

Nach diesem Urlaub begann er seine neue Stelle. Ein Praktikum in einer beliebten Praxis. Das hatte zumindest einen Vorteil: Am Ende des Monats ging Geld auf unserem Konto ein. Nicht tröpfchenweise, sondern auf einen Schlag. Für ein Praktikum war die Stelle gut bezahlt. Für jemanden, der deutlich mehr Studiengänge abgeschlossen hat, als die festangestellten Arbeitnehmer der Praxis war es ein Witz.

Schnell war er sehr geschätzt bei seinen Chefs und seinen Patienten. Wer einmal bei ihm war, der wechselte nicht mehr zu einem anderen Kollegen. Er konnte seine Arbeitsstunden aufstocken, was mich hinsichtlich der anstehenden Geburt Signorinos und der Gehaltseinbußen aufgrund des Elterngeldes etwas beruhigte. Die wenigen Urlaubstage, die er 2019 hatte, legte er auf die Tage rund um den errechneten Geburtstermin Signorinos. Signorino kam später – und der Römer musste wieder arbeiten als wir vom Krankenhaus heimkamen. Er hatte, dank Probezeit und vorhergehenden Jobs, keine Chance auf Elternzeit. Meine Geburtsverletzungen waren äußerst ausgeprägt, so dass ich nicht länger als 30 Sekunden stehen konnte. Doch ich hatte keine Wahl. Also biss ich mich durch dieses Wochenbett – weitestgehend allein. Der Römer fühlte sich meist schuldig, da er mich seiner Meinung nach im Stich ließ. Auch mein Hinweis, dass er nichts dafür könne und es definitiv nicht seine Schuld sei, beruhigte ihn nicht. Zeitgleich fühlte mich meist überfordert und allein gelassen mit dem neugeborenen Signorino, der stundenlang schrie. Die Hebamme goss Öl ins Feuer, in dem sie jeden einzelnen Tag, an dem sie ihre Visite machte, fragte, ob es nicht doch jemand gäbe, der mich unterstützen könne. Nein, den gab es nicht.

Der Römer versuchte sich nun wieder an einem zertifizierten Sprachtest. Und scheiterte abermals.

Je öfter er es versuchte, desto mehr litt sein Selbstvertrauen. Er traute sich nichts mehr zu. Er, der bei allem mit Disziplin, Verbissenheit und absolutem Willen gewann, verlor nun – Mal um Mal.

Dazu kamen die Kommentare von Bekannten und Verwandten, wann immer sie erfuhren, dass er wieder einen Prüfungstermin hatte. „Ihr müsst halt mal daheim Deutsch reden.“ sagten sie, die rein deutschen Pärchen, die sich nicht vorstellen konnten, dass man Sprachen nicht einfach so austauschen kann. „Er muss sich halt noch mehr reinknien.“ gab uns jemand als Tipp. „Vielleicht sollte er mehr Fernsehen gucken auf Deutsch.“ Ja, wenn er dazu nur die Zeit hätte. Ab dem vierten Versuch diese Prüfung zu bestehen, behielten wir die Termine für uns. Wann immer jemand danach fragte, antworteten wir, dass der Römer momentan pausierte.

Natürlich belastete die Situation wiederum unsere Partnerschaft. Wir waren nun Eltern, waren darauf angewiesen, dass er endlich diese unsinnige Prüfung bestand, da wir finanziell mit dem Rücken zur Wand standen – noch dazu mit einem Säugling.

Noch niederschmetternder war es für den Römer, wenn er Gleichgesinnten begegnete, die angaben, das Sprachzertifikat beim ersten Versuch bestanden zu haben. Meist waren es Italiener. Ihr Akzent, wenn sie Deutsch sprachen, war gleichzeitig so stark, dass ich kein Wort verstand. Auch die grammatikalische Struktur machte wenig bis keinen Sinn. Wir konnten uns nicht erklären wie ausgerechnet sie diese Prüfung bestanden hatten.

Am schlimmsten war es, wenn der Brief des Prüfungsamts ankam: „Nicht bestanden.“ stand da und der Römer las jedes Mal laut „incapace“ [unfähig] vor. Die darauffolgenden Tage waren bestimmt von einer schrecklich gedrückten Stimmung. Ich spendete Trost, aber was soll man noch sagen, wenn jemand das siebte Mal nicht bestanden hat?

Gestern kam wieder ein Brief des Prüfungszentrums an. Diesmal war der Umschlag anders – was mir Grund zur Hoffnung gab. Der Römer kam erst spät von der Arbeit. Die Stunden bis zu seiner Ankunft zu Hause zogen sich wie Kaugummi. Als der Römer heimkam, wollte ich ihn nicht gleich überfallen, sondern ihn erst einmal in Ruhe ankommen lassen. Ich schaffte es genau bis zu dem Moment, wo er die Hände wusch und etwas über seinen Arbeitstag erzählen wollte. „Cornelia sta in malattia. [Cornelia ist krank] Das ist wohl die ganze Woche so. Io spero che [Ich hoffe, dass]….“ Ich unterbrach ihn. „Es ist ein Brief für dich angekommen. Vom Prüfungszentrum. Aber diesmal ist er anders. Ich wollte dich erst daheim ankommen lassen, aber ich halt’s nicht mehr aus.“ sprudelte es stakkatoartig aus mir heraus. Auf der Stirn des Römers zeigte sich seine Sorgenfalte. „Dove?“ [Wo] fragte er nur und ich zeigte wortlos auf den Esstisch.

Er riss den Umschlag auf. Signorino war auf meinem Arm und brabbelte. „Mamamamama….babababababa…wawawawa.“ Der Römer las das Anschreiben, guckte mich an und zeigte auf Seite 2.

„Bestanden.“ stand dort.

Wir schrien so laut, dass die Wände bebten. All die Freude, die Fassungslosigkeit, die Anstrengung der letzten Jahre, die unzähligen Rückschlage, alles, alles, kam auf einmal aus uns heraus.

Für uns ist der gestrige Tag ein Tag voller Freude, voller Hoffnung, voller Zukunft, denn wir wissen, dass das Bangen ein Ende hat. All die Einbußen, die unzähligen Kurs- und Prüfungskosten, der ständige, panische Blick auf’s Konto und die damit verbundene Angst, dass unsere finanziellen Reserven zum Leben nicht mehr ausreichen würden, hören heute auf. Heute feiern wir und schreien vor Freude so laut, dass Signorino weint.

Denn heute beginnt für uns die Zukunft.