Eine albanische Tradition

Es gibt sie wohl in jedem Land: die kleinen, feinen Traditionen und Verhaltensweisen, die andere Kulturen zum Kopfschütteln, Schmunzeln oder zum Stirn kräuseln bringen. So auch hier!

Als mein Pinkeltest noch nicht einmal trocken war, war die erste Anweisung des werdenden Vaters (nachdem er realisiert hat, dass er einen kleinen Nachfahren gezeugt hat): „Wir müssen es meiner Mutter sagen.“ Da ich noch etwas unsicher war, bat ich ihn darum, noch mindestens ein oder besser zwei Frauenarzttermine abzuwarten. Meine Angst war, dass unser kleines, binationales Liebesprodukt nur ein Windei sein könnte. In der achten Schwangerschaftswoche hielt er es nicht mehr aus. Er müsse es JETZT seiner Mutter sagen. Und zwar sofort!

[Dazu vielleicht ein kleiner Exkurs, warum die Nachricht so überraschend und freudig ist. In Albanien bekommt man Kinder mit Anfang 20. Alle aus seiner Familie hielten sich daran, außer der Römer. Er studierte lieber, genoß, mal mit, mal ohne Beziehung, sein Leben in Rom. Als er Mitte 30 war, traf er mich. Nun, mit fast 40, wird er endlich Vater. Nichts ungewöhnliches in unserem Kulturkreis. In Albanien aber schon. Seine nur zwei Jahre ältere Schwester ist nämlich schon Großmutter. So dachte man also in Albanien, der Römer wird nie Vater. Deswegen ist die Nachricht über seine Vaterschaft wie Weihnachten und Bayram an einem Tag – nicht die Normalität, aber kommt vor. Nun aber zurück zur Geschichte:]

Wenn es denn so wichtig ist, dann lassen wir die Bombe platzen. Ohne weiteres hätte man den Freudenschrei meiner Schwiegermutter – auch ganz ohne Telefon – von Albanien nach Deutschland hören können. Als sie sich wieder einigermaßen eingekriegt hatte, die ersten Freudentränen getrocknet waren und sie wieder sicher auf den Beinen stand, senkte sich ihre Stimme mysteriös: „Mein liebes Kind, wem, außer mir, hast du es schon gesagt? Doch nicht etwa deinen Brüdern?“ Ihre Stimme bebte beim letzten Satz.

Der Römer verneinte. Sie sei die erste, die von dieser glücklichen Fügung wüsste. „Aaaah! Shumë mirë! [sehr gut!] Bitte sag es niemanden. Ich möchte persönlich die frohe Botschaft an die Familie überbringen.“ Er versprach hoch und heilig, dass er es niemanden sagen wird.

Nachdem Telefongespräch erklärte er mir alles. Sichtlich irritiert fragte ich ihn: „Warum sollst du denn niemanden davon erzählen? Ist das wieder so ein albanischer Aberglaube?“ Er grinste. „Nein, also jein… also ja. Schon irgendwie.“ fing er an. „Also, das ist so: In Albanien wird derjenige reich beschenkt, der sehr, SEHR gute Nachrichten überbringt. Meine Mutter geht also nun von Haus zu Haus und erzählt es meinen Geschwistern, ihren Geschwistern, den Geschwistern meines Vaters, sämtlichen Cousins und Cousinen. Und jede Familie muss ihr eine Kleinigkeit schenken um die gute Nachricht zu erfahren.“ Ich musste laut lachen. Meine Schwiegermutter, der Fuchs.

Wie es schien, machte sie sich sofort an die Arbeit. Mein Schwiegervater berichtete später, dass sie zum Friseur ging, ihre Haare frisch ondulieren lies, ihre besten Kleider anzog und ihn sofort als Fahrer einspannte – natürlich in seinem besten Anzug. Vorher musste er den alten, dunklen Mercedes noch gründlichst waschen und polieren lassen. Währendessen setzte sie sich ans Telefon und informierte schon einmal alle, dass sie gleich vorbeikommen würde. Es würde außerordentlich gute Nachrichten geben. Das Telefon diente natürlich nur dazu, dass die Sippschaft genug Zeit hätte sich um ein ordentliches Geschenk zu bemühen. Denn nichts anderes erwartete meine Schwiegermutter von ihrer Verwandtschaft.

Dann ging die wilde Fahrt los. Sie fingen bei ihrem ältesten Sohn, dem großen Bruder des Römers, an und klapperten alle in Albanien lebenden Verwandten ab. Auf der Rücksitzbank, so erzählte mein Schwiegervater später, häuften sich die Geschenke. Meine Schwiegermutter lächelte zufrieden. Als sie ihre „tour de cadeaux“ [Geschenketour] beendet hatten, war meine Schwiegermutter längst noch nicht fertig. Nun galt es alle Verwandten in Italien, Griechenland, der Schweiz und den USA zu informieren. Sie machte sich sofort ans Werk. Denjenigen, die nicht via Telefon erreicht werden konnten, schickte sie eine Email oder wies ihren Enkel an, er solle eine Sprachnachricht schicken mit der Bitte zurückzurufen. Es sei dringend!

Noch Wochen später trudelten Pakete in verschiedenen Größen und von verschiedenen Werten ein. Es wurden liebevoll bestickte Tischwaren und teure Kristallserviettenringe geschickt. Man besorgte teure, Schweizer Schokolade, man stellte liebevolle Pakete aus exquisiten Pastasorten und selbstgemachten Nudelsaucen zusammen. Es war ein Fest!

Als wir Wochen später in Albanien ankamen, wurden wir in ihre private Kammer geführt. Sie glich einem Showroom von Macy’s. Mit Bedacht wurden uns all die Geschenke und Glückwünsche präsentiert. Hier verstand ich auch, warum meine Schwiegermutter so erpicht darauf war, dass sie die guten Nachrichten verbreiten konnte. Und man bloß nichts verraten sollte. Denn gute Nachrichten werden teuer bezahlt. Nicht etwa an uns, die werdenden Eltern. Wir spielen hier keine Rolle. Sondern an die oder den glücklichen, der diese überbringt.

Albanien: Ich bin gleich da

Im Juli beginnt sie und hält bis August: die Albaner-Wanderung. Von überall auf der Welt strömen sie ein um ihre Verwandten, Freunde und Bekannten zu sehen. Die Straßen sind voll mit – hauptsächlich italienischen und Schweizer Kennzeichen – dazwischen ein paar griechische, deutsche und ein paar mazedonische. Natürlich erfreut sich Albanien – besonders in diesem Jahr – an einem Hoch an Touristen.

Doch an dem Schimpfen am halboffenen Autofenster hört man meist kein Deutsch (außer von mir) oder Italienisch, sondern Albanisch. Die, die in Übersee wohnen (und das sind einige – schließlich leben die meisten albanischen Staatsbürger nicht auf albanischem Staatsgebiet) werden eingeflogen. Mit der ganzen Familie.

So auch der Freund des Römers, Arbi. Er lebt in New York mit seiner Familie, seit 8 Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, standen aber immer in Kontakt.

Nun ruft also besagter Arbi an, er sei ganz in der Nähe der Hauptstadt. Ob man sich vielleicht auf einen Kaffee treffen möchte? „Oh ja!“ sagt der Römer entzückt. „Ein Kaffee wäre toll! Wir haben uns viel zu erzählen.“ Er sei gleich da, antwortet Arbi.

Mir ist bewusst, dass „gleich“ ein dehnbarer Begriff ist. Schließlich habe ich im Kindesalter auch immer „gleich“ mein Zimmer aufgeräumt – sehr zum Ärger meiner Mutter. Hatten wir doch eine so ganz unterschiedliche Definition von „gleich“ hatten.

Doch ein „albanisches gleich“ ist sehr dehnbar. Eine Stunde später ruft der Römer ihn an. „Wo bist du ?“ fragt er. „Auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana. Ich kann die Stadt schon fast sehen.“ antwortet Arbi.

Dann sollte es ja nicht mehr allzu lang dauern, denke ich. Ein Trugschluss! Wenn jemand auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana ist (ca. 100km – Fahrtzeit 2-2,5h) seien Sie sich sicher, liebe Leser, er ist entweder noch gar nicht losgefahren, in einer komplett anderen Stadt, die noch weiter weg ist, oder gerade erst kurz hinter Shkodër. Aber definitiv sieht er nicht die Hauptstadt. Auch nicht fast.

So vergingen also Stunde um Stunde, stets mit Arbi im Kontakt, der versicherte, „er sei gleich da“. Wenn jemand also „gleich da ist“, geht man nicht einfach ins Museum oder nett einen Kaffee trinken oder bummeln – würde man meinen. In Albanien können Sie das. Keine Sorge. Sie können auch bis zu ihren Schwiegereltern in einen Vorort von Tirana fahren, dort beim benachbarten Schwager im Pool plantschen, sich duschen, die Haare beim Friseur machen lassen und sich dann erst mit besagtem Freund treffen. Keine Sorge! Notfalls sind Sie einfach „gleich da“, wenn der Freund schon wartet.

Zwischendurch ging der Römer im benachbarten Café was mit seinem anderen Freund Afrim trinken. Der lachte nur als der Römer sich beschwerte, dass er seit 2 Stunden wartete. „Der Stau! Das kann man nicht einschätzen. Entweder du nimmst es gelassen oder du lässt es. Du kannst Albanien nicht ändern. Du musst dich verändern.“ sagt er.

Nach 4 Stunden war der Freund da. Sie sahen sich eine Stunde und erzählten, was es neues gibt. Ich war genervt. Wäre ich doch lieber zu meinen Schwiegereltern oder zum Schwager in den Pool gehüpft. Das werde ich auch das nächste Mal tun.

Denn dann „sind wir gleich da“, wenn jemand wartet. Ich werde dann noch eine weitere Stunde im Pool plantschen bis meine Lippen ganz blau sind, bei meiner Schwiegermutter Börek essen und mich mit meinen Neffen im Garten tollen. Und dann, ja dann, werden wir losfahren.

Von der Küchenmuse geküsst

Heute hat mich nachts die Muse geküsst. Anders kann ich es mir nicht erklären. Es fing heute morgen alles ganz harmlos an mit einem Rezept, dass ich heute auf meiner italienischen Koch-Lieblingsseite gesehen habe. Ich las das Rezept für eine einfache Tomatensauce und war wie vom Blitz getroffen. „Ach soooooo geht das!“ murmelte ich fasziniert vor mich hin.

Um allerdings meine geteilte Beziehung zur Küche zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen. Es fing in meiner Kindheit an. Meine Mutter kochte solide. Nicht besonders passioniert, aber absolut in Ordnung. Eine gesunde Mittelklasse Küche würde ich im Nachhinein sagen. Die Einflüsse waren eindeutig bayerisch in jeglichen Variationen. Die Kunden meines Vaters, die ihm seinen Dank oftmals in Form von ganzen Martinsgänsen und Rinderkeulen aussprachen, beeinflussten das Kochverhalten meiner Mutter. Unter lautem Gezeter und Beschwerden verarbeitete sie dieses Fleisch zu Sonntagsbraten und Gulasch.

Wer allerdings richtig gut kochte und backte war mein Opa. Von der saftigen Eierlikörtorte (Herrentorte) bis zum Pichlsteiner (ein kräftiger Fleisch- und Gemüseeintopf) wusste er alles zuzubereiten. Seines Zeichens erzkatholisch freute ich mich immer besonders auf die Freitage. Jegliche Freitage waren von Süßspeisen geprägt, da Fleisch strengstens verboten war an diesem Tag. Als Kind waren das selbstredend meine Lieblingstage. Duftende Apfelküchlein, Marmeladen gefüllte Pfannkuchen, köstliche Rohrnudeln mit Zimt und Zucker bestreut oder auch sein sagenumwobener Kaiserschmarrn begleiteten mich durch meine Kindheit. Ich war fasziniert von seinen Kochkünsten.

Als ich mich selber mehrmals daran versuchte, wurde ich zwar für das Endprodukt gelobt, gleichzeitig wollte man mich aber zum Teufel jagen aufgrund der Unordnung in der Küche. Also beschränkte ich meine Kochkünste auf das allernötigste, je älter ich wurde. Morgens gab es meist eine schnelle Butterbreze auf die Hand, Mittags wurde im nahe gelegenen „Food Plaza“ des Shoppingcenters neben meiner Arbeit gespeist und abends beschränkten sich meine Kochkünste auf Butterbrot und Suppe.

Als ich mein Leben den ewigen, weiten Lüften verschrieb, aß ich meist aus den Aluförmchen das, was an Bord übrig blieb. Besonders wählerisch war ich nicht. Auf Kurzstrecke wurde es schon mal ein Salat, da ich die Brötchen, Schokoriegel und Chipspäckchen nicht mehr sehen konnte. Abends im Hotel war es meist zu spät für Roomservice und wenn, endete es mit einer Currywurst oder einem Burger.

Wer aber immer Sorge trug, dass ich ordentlich und ganz besonders fantastisch aß, war der Römer. Mit Leidenschaft und „viel amore“ (Klischee Ahoi!) kochte er die besten Pastasaucen, experimentierte mit apulischem Reis und Garnelen, kochte uns pollo al limone (Hähnchen in Zitronensauce) und überraschte auch schon mal mit einer focaccia barese. Ab und zu kochte ich, wenn der Römer keine Lust hatte, doch ich war etwas beschämt, da ich doch nie qualitativ so gut kochen konnte wie der Römer. Also lief es meist auf einen Bestellservice hinaus.

Seit ich nun nicht mehr fliegen darf und praktisch „Berufsverbot“ habe, der Römer aber gleichzeitig arbeitet, muss ich mich irgendwie selber versorgen. Und heute, mit einem einfachen Rezept für Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensauce fing es an. Es schmeckte tatsächlich so gut wie beim Römer. Das musste selbst er feststellen und vertilgte zwei Teller voller Spaghetti.

Ich war erstaunt. Woher konnte ich das plötzlich? Gleichzeitig war ich motiviert. Jetzt noch schnell ein Brot gebacken. Ich wagte mich an dieses Thema und was soll ich sagen? Im ganzen Haus duftet es fantastisch nach frischem Brot. Man kann es nicht mit gekauftem Brot vergleichen, absolut nicht. So saftig, fluffig und wohl duftend schmeckt wahrscheinlich nur selbstgemachtest Brot. Das Beste daran ist aber: Es war blitzschnell fertig. Ein bisschen Hefe, ein bisschen Mehl, Salz, Gewürze und fertig.

Ich werde noch zur Küchenfee. 😀