Albanien: Ich bin gleich da

Im Juli beginnt sie und hält bis August: die Albaner-Wanderung. Von überall auf der Welt strömen sie ein um ihre Verwandten, Freunde und Bekannten zu sehen. Die Straßen sind voll mit – hauptsächlich italienischen und Schweizer Kennzeichen – dazwischen ein paar griechische, deutsche und ein paar mazedonische. Natürlich erfreut sich Albanien – besonders in diesem Jahr – an einem Hoch an Touristen.

Doch an dem Schimpfen am halboffenen Autofenster hört man meist kein Deutsch (außer von mir) oder Italienisch, sondern Albanisch. Die, die in Übersee wohnen (und das sind einige – schließlich leben die meisten albanischen Staatsbürger nicht auf albanischem Staatsgebiet) werden eingeflogen. Mit der ganzen Familie.

So auch der Freund des Römers, Arbi. Er lebt in New York mit seiner Familie, seit 8 Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, standen aber immer in Kontakt.

Nun ruft also besagter Arbi an, er sei ganz in der Nähe der Hauptstadt. Ob man sich vielleicht auf einen Kaffee treffen möchte? „Oh ja!“ sagt der Römer entzückt. „Ein Kaffee wäre toll! Wir haben uns viel zu erzählen.“ Er sei gleich da, antwortet Arbi.

Mir ist bewusst, dass „gleich“ ein dehnbarer Begriff ist. Schließlich habe ich im Kindesalter auch immer „gleich“ mein Zimmer aufgeräumt – sehr zum Ärger meiner Mutter. Hatten wir doch eine so ganz unterschiedliche Definition von „gleich“ hatten.

Doch ein „albanisches gleich“ ist sehr dehnbar. Eine Stunde später ruft der Römer ihn an. „Wo bist du ?“ fragt er. „Auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana. Ich kann die Stadt schon fast sehen.“ antwortet Arbi.

Dann sollte es ja nicht mehr allzu lang dauern, denke ich. Ein Trugschluss! Wenn jemand auf der Autobahn zwischen Shkodër und Tirana ist (ca. 100km – Fahrtzeit 2-2,5h) seien Sie sich sicher, liebe Leser, er ist entweder noch gar nicht losgefahren, in einer komplett anderen Stadt, die noch weiter weg ist, oder gerade erst kurz hinter Shkodër. Aber definitiv sieht er nicht die Hauptstadt. Auch nicht fast.

So vergingen also Stunde um Stunde, stets mit Arbi im Kontakt, der versicherte, „er sei gleich da“. Wenn jemand also „gleich da ist“, geht man nicht einfach ins Museum oder nett einen Kaffee trinken oder bummeln – würde man meinen. In Albanien können Sie das. Keine Sorge. Sie können auch bis zu ihren Schwiegereltern in einen Vorort von Tirana fahren, dort beim benachbarten Schwager im Pool plantschen, sich duschen, die Haare beim Friseur machen lassen und sich dann erst mit besagtem Freund treffen. Keine Sorge! Notfalls sind Sie einfach „gleich da“, wenn der Freund schon wartet.

Zwischendurch ging der Römer im benachbarten Café was mit seinem anderen Freund Afrim trinken. Der lachte nur als der Römer sich beschwerte, dass er seit 2 Stunden wartete. „Der Stau! Das kann man nicht einschätzen. Entweder du nimmst es gelassen oder du lässt es. Du kannst Albanien nicht ändern. Du musst dich verändern.“ sagt er.

Nach 4 Stunden war der Freund da. Sie sahen sich eine Stunde und erzählten, was es neues gibt. Ich war genervt. Wäre ich doch lieber zu meinen Schwiegereltern oder zum Schwager in den Pool gehüpft. Das werde ich auch das nächste Mal tun.

Denn dann „sind wir gleich da“, wenn jemand wartet. Ich werde dann noch eine weitere Stunde im Pool plantschen bis meine Lippen ganz blau sind, bei meiner Schwiegermutter Börek essen und mich mit meinen Neffen im Garten tollen. Und dann, ja dann, werden wir losfahren.

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.