Tocca a te [Du bist dran!]

Ach, lassen Sie die Späße! Sie hören Sich an wie der Römer, der schelmisch grinsend vor dem Fernseher sitzt, während ich meine Runden drehe.

Ich stehe im Ring und meine Hüfte hangelt sich mutig und kampfbereit an meinem Hula Hoop Reifen entlang. Doch dieses Mistding, das sich farblich zwischen überfahrener Frosch und zu viele Algen im Teich bewegt, fällt immer wieder zu Boden. Unter Ächzen und „Mein Rücken!“-Rufen hebe ich ihn schwerfällig auf.

Währenddessen bewundere ich die Gesichtsmuskelspannung des Römers, die sich keinen Millimeter von ihrer vorherigen Position bewegt hat. Seit Minuten strahlen seine Mundwinkel, festgetackert an den Ohren, eine grenzenlose Freude und einen unbändigen Spaß aus. Grund ist seine Frau, die sich hoffnungslos abmüht.

„Mi fai ridere.“ [Du bringst mich zum Lachen.] untermalt er seinen unerhört dämlichen Gesichtsausdruck. „Mein Freund Altin sagte schon damals im Studium der Sportwissenschaften: Die Unsportlichen dieser Welt erkennst du an einem Tag im Jahr: Dem 01.01.! Da scheint der Startschuss zu fallen für ihre tage- und in Ausnahmefällen auch wochenlang andauernde Sportlichkeit, die bei der kleinsten Niederlage in völliger Kapitulation endet. Je eher, desto besser für den schwachen Körper.

Der Römer lacht laut über seine Erklärung und setzt sich auf den Boden. Dort türmt er mit seinem überheblichen Grinsen Bauklötzchen auf, die Signorino mit einer riesen Freude umwirft. Dann ergänzt er seinen Monolog mit einer persönlichen Weisheit: „Ich sag‘ immer: Leistungssportler werden nicht am 01.01. geboren.“ Dazu zwinkert er und lacht wieder.

„Okay, Confucio. [Konfuzius] Wenn du fertig bist mit deinen Tipps, würde ich gerne weitermachen.“ Ich setze den Ring wieder an, drehe ihn nach links und versuche währenddessen meine Hüfte kreisen zu lassen. Er dreht zwei Mal, vermutlich aus Mitleid, und fällt wieder zu Boden. Nun steht der Römer hinter mir, legt mir eine Hand auf die Schulter und säuselt: „Vuoi che lo provo io, amore mio? [Willst du, dass ich es mal versuche, mein Schatz?]“

„Bloß nicht!“ ätze ich zurück und hebe den Ring diesmal schnell und ohne lautes Jammern auf. „Ma perché? Ti vorrei aiutare! [Aber warum? Ich will dir helfen!]“ insistiert der Römer und hält mich nun sanft mit beiden Händen an den Schultern fest. „Weil du immer alles sofort kannst! Der Ring wird dir nicht ein einziges Mal herunterfallen. Ganz im Gegenteil. Du wirst ihn zwei Minuten galant auf deinen Hüften kreisen. Dann wirst du ihn mit den Händen anhalten und mir erklären, dass es gar nicht so schwer ist und total viel Spaß macht. Spätestens dann wird das kleine, bockige Mädchen in mir den Hula Hoop Reifen in die Ecke knallen und ihn nie wieder anfassen. Deswegen bitte ich dich inbrünstig: Mach mir meine neue, tolle Sportart nicht kaputt. Du kannst es gerne einmal versuchen und bitte darauf achten, dass dir der Ring nach maximal zweimal Hüfte kreisen herunterfällt, aber mehr Hilfestellung möchte und kann ich nicht akzeptieren.“ erkläre ich ihm in einem stakkatoartigen Redeschwall.

Er nimmt den Ring in die Hand. Kurz bevor er losdrehen will, hält er inne. Es brennt ihm noch etwas auf der Seele. Deswegen kommentiert er meinen Monolog umgehend: „Es tut mir Leid, aber ich kann nicht so tun als wäre ich unsportlich. Ich bin Leistungssportler. Natürlich haben wir mehr Fähigkeiten als andere…“ Dann lässt er den Ring abheben. Er macht einen Halbkreis – und fällt zu Boden. Ein minimales Lächeln huscht über mein Gesicht, doch ich will mich nicht zu früh freuen.

„Das war, weil ich gerade nicht konzentriert war. Guarda come si fa! [frei übersetzt: Schau zu und lerne!]“ Wieder lässt er den Hula Hoop Reifen kreisen und wieder fällt der Ring sofort zu Boden. Ich grinse. Ist es wirklich möglich, dass ich die einzige Sportart entdeckt habe, in der der Römer kein Naturtalent ist? Hoffnung keimt in mir auf.

Er versucht es wieder und wieder. Doch sein Engagement wird kontinuierlich von Misserfolg gekrönt. „Ma che m€rda è? [Was für ein Sch€iß ist das denn?]“ stöhnt er, bevor er den Ring aufhebt und es auf ein Neues versucht. Er wirkt gequält, doch er gibt nicht auf. „Scusa, ma questo cerchio non funziona. C’è qualcosa che non va!“ [Entschuldige, aber dieser Reifen funktioniert nicht. Irgendwas klappt hier nicht.] setzt er an. Ich winke ab. „Hm….sicher.“ gebe ich auf seine Ausrede zurück. Dann bereiten Signorino und ich das Abendessen vor.

Vom Wohnzimmer hört man immer und immer wieder das Geräusch des eben zu Boden gefallenen Reifens und lautes Fluchen.

Als das Abendessen auf dem Tisch steht, muss ich den Römer mehrmals dazu auffordern sich zu uns zu setzen. „Si, vengo subito! [Ja, ich komm sofort!]“ Sein Essen ist bereits kalt als er sich schlussendlich zu uns bequemt. An seiner Rückenlehne lehnt sein neuer, runder Freund. Nach drei Bissen und einem Schluck Wasser steht mein Leistungssportler wieder auf und übt weiter.

Ich muss lachen. Wenig später tippe ich ihn an, während der Reifen mal wieder auf dem Boden liegt. „Schatz, gib’s auf. Probier’s doch einfach morgen nochmal.“ Doch er hört gar nicht richtig zu. Schwitzend, mit hochrotem Kopf, macht er weiter.

Der Abend verstreicht, der Römer quält sich weiter. Gegen Mitternacht gehe ich ins Bett. Im Sessel ein sehr müder, sehr geschaffter Römer. Sein grüner Freund liegt nun, scheinbar ebenso resigniert, auf dem Boden. „Ich geh ins Bett. Kommst du?“ frage ich ihn. „Si, si, subito.“ [Ja, ja, sofort], spricht er leise während er im Internet nach Hula Hoop Tipps sucht, „Ma non mi aspettare! [Aber warte nicht auf mich!]“

Ich gehe ins Schlafzimmer, lege mich ins Bett und döse ein. Irgendwann, viele Stunden später, kommt der Römer ins Schlafzimmer. Ich blinzle kurz, drehe mich Richtung Fenster und sehe, dass es draußen bereits dämmert.

„Amore! Amoooore!“ flüstert er leise, aber aufgeregt. „Hm….“ antworte ich ihm. „Sono riuscito! Durava fino ad adesso, però sono riuscito. [Ich hab’s geschafft! Es dauerte bis jetzt, aber ich habe es geschafft.] Er kichert in mein Ohr. „Von was redest du?“ hake ich verschlafen nach. „Ich spreche vom Hula Hoop Reifen. Ich kann ihn oben halten – ganz ohne Probleme.“ erklärt er aufgeregt und sein Flüstern hat bereits die normale Lautstärke erreicht. „Super, Schatz.“ murmle ich und drehe mich um. „Ti faccio vedere domani. O vuoi vederlo adesso? [Ich zeig’s dir morgen. Oder willst du es jetzt sehen?] sprudelt es fröhlich aus dem Römer heraus. „No, no….“ ist meine kurze Antwort.

Am späten Mittag steht ein sehr verschlafener Römer vor mir. Er reibt sich die Augen, die Haare sind wild verstrubelt. „Morgen!“ strahle ich ihn süffisant an. „Buongiorno! [Guten Morgen!]“ brummt er verschlafen.

Nach einem Espresso, einem Glas Orangensaft und ein paar Keksen, kommt er direkt zur Sache. „Allora, adesso telo faccio vedere.“ [Also, jetzt zeige ich es dir.] Er schnappt sich den Ring, steigt in selbigen, hebt ihn an und lässt die Hüften kreisen. Immer wieder. So geht es minutenlang, in denen ich seinen Auftritt mit lautem „Ahs“ und „Ohs“ würdige.

„Vedi?! [Siehst du?!] Es geht – ganz ohne Probleme.“ zeigt er mir auf. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ lobe ich ihn überschwänglich. „Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht vielmehr darum: Wenn du etwas wirklich willst, dann kämpfst du dafür. Du musst dich 180 Prozent reinhängen und üben. Aufgeben ist keine Option.“ will er mich motivieren. Doch er hört sich an als würde er mir ein Fitness Programm in einem sozialen Netzwerk verkaufen wollen, das mich irgendwie „krasser“ machen soll. Als er seine Rede beendet hat, werfe ich ein: „Ich bin ganz deiner Meinung, mein Schatz. Aber dein Freund Altin sagte doch bereits, dass am 01.01. der Tag der Unsportlichen ist. Deswegen hat es gestern sicher nicht geklappt. Es war schlichtweg nicht dein Tag. ;-)“ Auf so eine Erklärung war er nicht vorbereitet. Er prustet los und lacht Tränen. Ich stimme mit ein und selbst Signorino, an seinem missmutigen Zahnungstag, findet es unglaublich lustig.

„Ach, amore mio….“ sagt er sehr zufrieden. Er gibt mir den grünen Ring in die Hand, klopft mir auf die Schulter und flüstert mir drei Wörter ins Ohr: „Tocca a te!“ [Du bist dran!]

Dann verabschiedet er sich wieder ins Bett. Ich stelle den Ring in die Ecke und spiele mit Signorino. Man soll es am 2. Tag des neuen Jahres ja nicht gleich übertreiben.

4 Gedanken zu “Tocca a te [Du bist dran!]

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