Die Albanienchroniken – Teil 4: Wie der Römer spurlos verschwand, warum Albaner gerne mal links fahren und wie Uschi Blum mich einbürgerte

Es war 9:20 Uhr. Die Sonne blinzelte nicht nur durchs Fenster, sie strahlte derart penetrant, dass meine Augen sich nur schwerlich an die Helligkeit gewöhnten. Neben mir lag Signorino, natürlich quer und ausgestreckt wie ein Seestern, und schlief dabei tief und fest. Vorsichtig schlug ich die weiße Bettdecke zurück, sicherte den Seestern mit Kissen links und rechts ab, damit er nicht herausfallen konnte und schlich aus dem Zimmer. Die Tür des gegenüberliegenden Raums, in dem der Römer heute nächtigte, stand einen Spalt breit offen. Grinsend streckte ich meinen Kopf hinein und rechnete mit einem schnarchenden Römer, der auf dem Bett lag. Doch da war niemand. Verwirrt betrat ich die Kammer, um einen besseren Überblick zu haben. Aber tatsächlich: sein Schlafgemach war leer.

Ich tapste wieder aus dem Zimmer und ging ins angrenzende Wohnzimmer. Aber auch hier gab es keine Spur, die zum Römer führte. „Vermutlich im Bad, wo das Licht brennt.“ dachte ich und schob die angelehnte Badezimmertür vollständig auf. „Guten Morg…“ setzte ich an und meine Worte verhallten im Nichts. Auch im Badezimmer war der Römer nicht. Nur der Wasserhahn des Bidets tropfte ab und an. Mittlerweile stieg etwas Panik in mir hoch. Allein, mit Kleinkind in einer Ferienwohnung in Albanien und der Römer war spurlos verschwunden, ohne auch nur einen Hinweis seines Verbleibes auf dem Esstisch oder an der Haustür zu hinterlassen. Sofort schaltete sich der Katastrophenteil meines Gehirns ein, der zu einem erhöhten Maß an südländischem Drama neigte:

Ein dunkler Minivan mit Schiebetür, Männer in Kapuzenpullis und Sonnenbrillen, sowie ein knallharter, politisch motivierter Drahtzieher hinter diesen Männern, werden in meinem Kopf, innerhalb von Sekunden, lebendig. Sie haben den Römer sicher heute Nacht in der Wohnung gekidnappt, ihm einen dunklen Jutebeutel über den Kopf gezogen und unsanft in den Minivan gestoßen. Dann sind sie mit quietschenden Reifen davon gefahren. Da die Wohnung nicht zur Straßenseite, sondern zum dahinter liegenden Schulhof lag, habe ich von alldem nichts mitbekommen. Jetzt saß er vermutlich in einer kleinen, weiß gefliesten Verhörzelle, die durch grelle und stets flackernde Leuchtstoffröhren erhellt war. Bekleidet war er sicherlich nur mit einem Unterhemd und seiner grauen, ausgewaschenen Jogginghose. Es wurde von ihm erwartet, dass er ein Geständnis ablegte oder aber, alle Brücken in Deutschland abbrach und nach Albanien zog. Ihm gegenüber thronte ein großer Spiegel, hinter dem der politische Bösewicht saß und ihn hämisch grinsend beobachtete. In der Zelle war es kalt und ungemütlich.

Ich schüttelte den Kopf. Langsam gewann mein gesunder Menschenverstand wieder die Oberhand über mein Katastrophencenter. Ich beschloss zu überprüfen, ob seine Schuhe noch da waren. Denn die Kidnapper hätten ihm wohl kaum Zeit gelassen, seine weißen Sneaker in aller Ruhe anzuziehen. Ein Blick genügte: Sie waren verschwunden. Ebenso sein Geldbeutel und sein Telefon.

Beim Wort Telefon klingelte es schließlich auch in meinem Kopf. Kurzerhand rief ich ihn an. Auch nach mehrmaligen Versuchen kam keine Verbindung zu Stande. Wie auch? Sein Handy hatte er vermutlich immer noch im Flugmodus, weil er sich in Albanien hauptsächlich von WLAN zu WLAN hangelte. Über eine albanische SIM-Karte verfügte er nicht.

Nun meldete sich mein Magen, laut knurrend. Soeben wollte ich den Herd anstellen, damit die Espressokanne ihren Job verrichten würde, da rief auch schon Signorino. Ich holte ihn aus dem Schlafzimmer und bereitete für uns das Frühstück vor. Der Kleine war bester Laune. Na, das war doch schon einmal die halbe Miete, wenn der eigene Vater vermutlich verschleppt worden war und in einer Zelle ausharren musste. Dann entschloss ich mich, falls der Römer in zwei Stunden nicht wieder auftauchen würde, Neffe Toni zu kontaktieren. Er wisse sicher, was zu tun ist. Außerdem sprach er neben seiner Muttersprache Albanisch, auch noch ein wunderbares Italienisch und ein super Englisch. Sollten wir den Römer aus politischer Gefangenschaft befreien müssen, würde uns das sicher aus der Patsche helfen. Doch so weit kam es erst gar nicht. Ein Schlüssel bohrte sich in das Schloss der Wohnungstür und vor mir erschien ein gut gelaunter Römer im Polo-Shirt, über dem er seine mahagonifarbene Lederjacke trug. Natürlich hatte er seine dunkle Sonnenbrille auf. In der Hand hielt er eine weiße Papiertüte, die einen betörenden Duft nach warmen Gebäck verströmte. Darüber war ein roter, kleiner Umschlag eines Mobilfunkanbieters zu erkennen. „Wo warst du?!“ kam es von mir so schnell und direkt, dass ich den Teil mit der Begrüßung komplett vergaß. „Buongiorno anche a te, amore mio. [Dir auch einen guten Morgen, mein Schatz.]“, fing der Römer an. „Ich habe dir doch gestern gesagt, dass ich um 8 Uhr aufstehe und Croissants hole. Außerdem habe ich mir gleich noch eine albanische SIM-Karte gekauft.“ Ich guckte etwas bedröppelt. „Ja, dass du früh aufstehen willst, weil du so viel zu erledigen hast, sagtest du. Aber diesen Satz habe ich bereits unzählige Male in Deutschland gehört und da ist dein Plan nicht ein Mal in die Tat umgesetzt worden. Vermutlich habe ich deswegen nur mit einem, offensichtlich tauben Ohr zugehört. “ gab ich zurück. Dann erklärte mir der Römer bestens gelaunt, dass die Energie hier eine ganz andere sei. Es fiel ihm morgens leicht, voller Tatendrang aus dem Bett zu hüpfen und die frühlingshaft warmen und sonnengetränkten Straßen Tiranas zu erobern. Bei seiner Schilderung überlegte ich den Hauch einer Sekunde, ob wir nach Tirana ziehen sollten, denn diese Energie müsse man nutzen, solange sie vorhanden sei. Doch ich verwarf den Gedanken so gleich wieder. Erleichtert, weil der Römer zurück war, machte ich mich über die noch warmen Croissants her. Wir frühstückten flott, der Römer machte Signorino und ich mich selber zurecht und dann schritten wir hinaus auf die Straßen der albanischen Hauptstadt.

Es war laut, es war stickig, irgendjemand hupte ständig und keiner hielt sich an die Maskentrageordnung. Dazu waren die Gehwege alles andere als kinderwagenfreundlich. Die Sonne knallte zudem vom strahlend blauen Himmel herunter. Anscheinend war die morgendliche Energie dieser Stadt bereits verpufft, oder, ich erkannte den Charme, mit einem ziemlich schweren Kleinkind auf der Hüfte, nicht. So gingen wir eine kleine Runde rund um den kompleksi taiwan, das Taiwan-Center. Daneben befand sich ein wunderbarer Kinderspielplatz, der gut besucht war. Da wir einen Auftrag hatten, der da lautete, sich möglichst nicht mit Corona anzustecken, schoben wir das laut protestierende Kleinkind daran vorbei. „Nächstes Mal, Signorino. Diesmal müssen wir vernünftig sein.“ Das ewige Vertrösten und die Einschränkungen machten müde, aber allein diese Reise war risikobehaftet (und unvernünftig) genug. Deswegen hieß es: Augen zu und mit (Signorinos) Geschrei vorbei am Spielplatz.

Ein riesen Spielplatz, der sich über einen Großteil des Parkes erstreckt, verbirgt sich hinter dem kleinen Hügel.

Nach diesem, eher energieraubenden Spaziergang, bereiteten wir eine schnelle Pasta zu, während Signorino bereits so energielos war, dass er sein Schläfchen zwei Stunden nach vorne verlegte. Er schlief noch in meinem Arm ein. Umso besser. Schließlich würde uns Bruder Ibrahim am frühen Nachmittag abholen, damit wir zu den römischen Eltern fuhren. Aber Moment mal? Müssten wir nicht heute auch Signorino im Bürgeramt von Kamez anmelden? Und brauchten wir dazu nicht noch eine notariell beglaubigte Geburtsurkunde unseres Ablegers?

Sofort sprach ich den Römer darauf an, ob er den Notar schon kontaktiert hatte? Er guckte mich verwundert an und antwortete, dass er dazu noch nicht gekommen sei. Ich stöhnte. Da war sie wieder dahin, die Energie Tiranas. Stattdessen handelte er nach seiner gewohnten Manier. Sogleich begründete er sein vermeintliches „Nichts-tun“. Er hielt es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Geburtsurkunde heute schon fertig gestellt sei, so dass ihm die Lust fehlen würde, dort anzurufen. „Und mit welchem Dokument willst du dann unseren Sohn in Albanien anmelden?“ wollte ich, gespannt auf seinen Plan B, von ihm wissen. „Gar nicht. Mein großer Bruder Ibrahim muss dann eben das Schriftstück vom Notar abholen. Und wenn wir das nächsten Mal hier sind, melden wir Signorino an.“ In dieser Sekunde tat mir Ibrahim Leid. Als großer Bruder des Römers musste man sicher einiges (mit)machen. Außerdem braute sich in meinem Kopf eine ellenlange, aber glücklicherweise fiktive Diskussion in der römisch-albanischen Familie zusammen. Hauptsächlich handelte sie davon, wie schade es wäre und wie unglaublich traurig es die Familie machte, dass Signorino immer noch kein Albaner sei. Er wäre schließlich schon ein Jahr (!) alt. Ich drängte abermals darauf, dass der Römer beim Notar anriefe und überzeugte ihn schließlich, dass wir uns in Albanien befanden, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier war alles und nichts möglich. Keiner wusste, was der nächste Moment bringen würde. Schlussendlich knickte er ein und wählte die Nummer des Notars.

Nach einer Weile hörte man sehr oft das Wort „faleminderit“ [Danke]. Wer sich so oft bedankte, hatte meistens einen positiven Grund dazu. Und genau so war es. „Du wirst es nicht glauben, aber das Dokument ist bereits übersetzt und notariell abgesegnet! Wir können es abholen.“ Ich grinste, wusste ich doch bereits vorher, dass in Albanien alles (oder manchmal auch nichts) möglich ist. Dann fragte ich, warum ihn denn niemand eher darüber unterrichtet hatte, dass das Schriftstück abholbereit sei. „Na, weil ich gestern schnippisch sagte, dass ich keine albanische Telefonnummer habe und mich melden würde. Sie wollten mich bereits heute morgen anrufen, aber sie wussten nicht wie. Und so warteten sie eben bis ich mich melden würde.“

Nun musste Ibrahim noch von dieser Planänderung unterrichtet werden. Anstatt direkt zu den römischen Eltern zu fahren, mussten wir einen Umweg über den Notar und das Bürgerbüro einplanen. Das teilte der Römer seinem Bruder Ibrahim am Telefon mit. Er sei bereits auf dem Weg, antwortete Ibrahim, und es wäre ihm eine Ehre dabei behilflich zu sein, dass sein Neffe sich endlich zum edlen Volk der Albaner zählen dürfe. Wenig später kam er an und parkte in zweiter Reihe vor dem bereits bekannten Kompleksi Taiwan. Mit leuchtenden Augen begrüßte er seinen blonden Neffen mit dem hellen Teint. Minutenlang, und dem Neffen begeistert zulächelnd, brachte er nichts anderes heraus als „Zemra ime! Mashallah! [Mein Schatz! Mashallah!]“. Währenddessen installierte ich den Kindersitz. Der Römer wollte zwar „eine Ausnahme“ machen und auf den Autositz verzichten, aber ich bestand darauf. Ausnahmen gibt es bei der Sicherheit meines Kindes nicht. Und ganz besonders gibt es diese nicht, wenn wir auf albanischen Straßen unterwegs waren, wo Führerscheine vor 30 Jahren noch durch eine kleine Extrazahlung, ohne Fahrprüfung erworben werden konnten (Quelle: meine beiden Schwager). Als wir schließlich alle im Auto saßen, wuchteten wir uns mit der in die Jahre gekommenen C-Klasse auf die Straßen Tiranas. Wir rollten wenige Meter und standen postwendend im Stau. Durch die gestern erwähnten Straßenbauarbeiten kollabierte das marode Verkehrssystem beinahe vollständig. Doch der gemeine, albanische Straßenverkehrsteilnehmer wollte das nicht akzeptieren und hupte deswegen gleich doppelt so leidenschaftlich. Nach etwas mehr als 20 Minuten waren wir 200 Meter weit gekommen. Signorino quengelte bereits. Ich packte die erste Geheimwaffe aus und öffnete ein Buch mit lustigen Klappen. Interessiert guckte er, was für ein Tier sich hinter dem jeweiligen Tierpopo versteckte.

Währenddessen instruierte der Römer noch einmal Ibrahim über den Verlauf dieser Tour d’Albanie: Erster Halt – Notariat. Zweiter Halt – Bürgeramt des Vorortes Kamez. Ibrahim hörte dabei ganz genau zu und nickte viel. Dann guckte er auf die Uhr: Es war 15:24 Uhr an einem Freitag, der gleichzeitig der vorerst, einzige Tag war, an dem wir die Staatsbürgerschaft des Kindes erwerben konnten. Blitzschnell dachte Ibrahim nach, denn gleich würde das Bürgerbüro schließen. Er rief seinen guten Freund und Nachbarn an, der am Empfang des Bürgerbüros arbeitete. Ja, sie hätten noch geöffnet, tönte eine sonore Stimme über Ibrahims Handy-Lautsprecher durchs Auto. Man würde heute allerdings gerne früher schließen. Schließlich sei Freitag. Was denn erledigt werden müsse, wollte Ibrahims Nachbar von ihm wissen. Bruder Ibrahim antwortete, dass sein Bruder aus Deutschland zu Besuch sei, mitsamt seiner deutschen Gattin und dem bezaubernden Nachkommen. Mashallah! Ein Bild von einem Kind. Engelsgleich. Nun wäre es ihm ein Bedürfnis aus dem Jungen einen Albaner zu machen, schließlich habe er bis jetzt lediglich die deutsche Staatsbürgerschaft. Und die Schwierigkeit an diesem Unterfangen sei, dass eben alle drei Familienmitglieder in genau dieser Konstellation beim Bürgeramt auftauchen müssten. Denn es würde an der ausländischen Mutter liegen, ob das Kind Albaner werden dürfe. Doch zum Glück hat der kleine Bruder eine ordentliche Ehefrau gefunden, die der Staatsbürgerschaft des Sohnes gerne zustimmen will. Nur müsse sie das eben tun, indem sie das beim Bürgeramt bestätigen würde. Der Nachbar meldet sich wieder zu Wort: Aha, aha, das verstehe man natürlich. Ein schwieriges Unterfangen sei das also. Aus diesem Grund würde er natürlich gerne eine Ausnahme machen und auf uns warten. Aber wir müssten ihm versprechen, uns zu beeilen. Er wisse nicht, wie lange er die Gemeindemitarbeiterinnen hinhalten könne. Es sei schließlich Freitag, erwähnte er noch einmal, um seinen baldigen Feierabend zu unterstreichen. Ibrahim versicherte ihm, dass das eine Selbstverständlichkeit sei. Mit einem dreimaligen Rrofsh! [Danke!] beendete er das Gespräch.

Die indirekte Aufforderung, sich zu beeilen, nahm Bruder Ibrahim überaus wörtlich. Er heizte in einem Affenzahn durch wenig befahrene Nebenstraßen. Selbstredend beachtete er keine, je existierende Verkehrsregel. Der Römer sprang, noch während wir ins absolute Parkverbot vor dem Notarbüro rollten, aus dem Auto, zahlte, nahm das Dokument entgegen und war in weniger als einer Minute wieder im Fahrzeug. Verwundert beobachtete ich die Szene. Ich überlegte, ob ich den Römer in unseren gemeinsamen Jahren jemals so schnell und zielstrebig gesehen hatte, doch kam zu dem Schluss, dass mir dieses Verhalten völlig neu sei. Mein Mann, dessen Lebensmotto stets „con calma“ [mit der Ruhe] war, zeigte mir eine völlig ungewohnte, nie zuvor da gewesene Facette seiner selbst. Vermutlich war es die sonderbare, von ihm erwähnte Energie Tiranas, die ihm diese ungewohnte Flinkheit verlieh.

Ibrahim startete den Motor. Wir parkten aus dem Halteverbot in einer einzigen, zügigen Bewegung aus. Der Straßenkreuzer, der gerade hinter uns vorbeifahren wollte, bremste abrupt ab und verhinderte damit, dass er uns seitlich in den Kofferraum knallte. Ich zog die Luft scharf ein, was unter einer FFP2 Maske überaus herausfordernd war. Mit zittriger Stimme fuhr ich daraufhin fort, Signorino weitere Tierpopos aus seinem Buch zu erklären.

Die Straßen waren immer noch brechend voll, der Verkehr lief mehr als schleppend. „Ich kenne da ein paar Abkürzungen.“ murmelte Ibrahim ruhig und guckte seinen Bruder, den Römer, mit einem verschwörerischen Lächeln an. Noch ahnte ich nicht im Entferntesten, was sein Satz genau bedeuten würde. Doch das lernte ich schneller als mir lieb ist. Von den großen, vollen Hauptverkehrsstraßen, bog Bruder Ibrahim in ein Gässchen ein, das ich anfangs für eine zurückversetzte Hofeinfahrt hielt, so schmal wirkte es. Wir schossen durch diese enge Gasse, die uns wiederum auf ein noch engeres Gässchen spülte. Passanten drückten sich, wie selbstverständlich, an schmale Einbuchtungen und Häuser, um sich vor Ibrahims Benz zu bewahren. Ein Straßenhund, der hinter einer uneinsehbaren Kurve stand, rettete sich jaulend auf einen Absatz. Dann befuhren wir winzige Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung und drückten uns mit dem Ibrahim’schen Kraftfahrtzeug in letzter Sekunde gegen Häusermauern und Einfahrten, wann immer uns der Normalverkehr entgegen kam. Bruder Ibrahim und der Römer zuckten nicht einmal mit der Wimper, während meine Knie nach fünf Minuten Fahrt gegeneinander schlotterten. Ich saß neben Signorino auf dem Mittelplatz der Rückbank. Immer wieder hörte ich in Situationen, in denen ich bereits mit meinem sofortigen Ableben rechnete, „s’ka problem“ [Kein Problem]. Ob Ibrahim mich damit beruhigen wollte – oder aber sich selbst, weiß ich bis heute nicht. Auch erschließt sich mir nicht, woher er diese Gelassenheit nahm, im Angesicht des Todes noch einen beschwichtigenden Satz zu flöten.

Nachdem wir das Gewirr aus Sträßchen und Einbahnstraßen verlassen hatten, schleifte uns Ibrahim mit seinem Auto auf die nächst größere Straße. Erleichtert atmete er auf. Nicht etwa, weil auch er in dem Gassengewirr Todesangst gehabt hätte. Nein, vielmehr, weil er auf dieser großen Straße richtig beschleunigen konnte. Wir fuhren meistens links. Wer vermutet, dass das schon in Ordnung sei, weil wahrscheinlich Linksverkehr in Albanien herrsche, dem kann ich nur entgegnen: Auch in Albanien herrscht Rechtsverkehr! Und Ibrahim fuhr den Großteil der Strecke auf der Gegenspur. Stets im letzten Moment bevor der Gegenverkehr uns erwischte, scherte Bruder Ibrahim hinter LKWS oder Kleinstwagen ein. Sein Fahrstil erinnerte stark an das Fahrgeschäft „Die wilde Maus“, in das ich gerne und oft auf dem Oktoberfest einstieg. Doch diesmal war ich unangeschnallt und sah mich im Minutentakt durch die Windschutzscheibe segeln. Mit schweißnassen Händen, das Kinderbuch hatte ich bereits am Ende des Gassengewirrs zur Seite gelegt, tastete ich nach dem Sicherheitsgurt, den ich im bisherigen Fahrtverlauf partout nicht fand. Als ich ihn endlich gefunden hatte, zog und zerrte ich hektisch an ihm, doch er bewegte sich keinen Zentimeter. „Der klemmt.“ klärte mich Ibrahim vollkommen entspannt auf. „Aber du sitzt hinten. Hinten kann überhaupt nichts passieren.“ versicherte er mir weiter. Ich schluckte und krallte mich an der Hand meines Sohnes fest. Wer hier kein Gottvertrauen entwickelte, der konnte sich mit Fug und Recht Atheist nennen. Denn in Ibrahims Vehikel werden selbst die verlorensten Schafe wieder auf den rechten, religiösen Pfad geführt… oder vielmehr katapultiert.

Wie zum Beweis und von mir erst unbemerkt, murmelte ich „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes (wobei das vermutlich der selbe Zeitpunkt ist). Amen!“ Ich erschrak ein wenig vor diesem römisch-katholischen Glaubensbekenntnis und brachte das mit einem lauten „Huch! Katholisch!“ zum Ausdruck. Stein und Bein hätte ich schwören können, dass ich wald- und wiesengläubig war. Gott? Ja! Aber seine irdischen Vertreter? Nein, danke. Der Römer und Bruder Ibrahim drehten sich anlässlich meines Ausrufes zeitgleich zu mir um, was angesichts von Ibrahims Fahrweise keine gute Idee war. Im nächsten Moment tauchte ein LKW auf, der im laufenden Verkehr, ebenso gottesvertrauend von einer Seitenstraße auf unsere linke Fahrbahn rollte. Der Fahrer hielt das Handy so in der Hand, als ob er gerade eine Sprachnachricht aufnehmen würde. Wir waren so nah dran, ich konnte auf seinem Handydisplay beinahe sehen, wem er diese schicken wollte. Ein erstickter Schrei kam aus meiner trockenen Kehle. Ibrahim, der mittlerweile wieder nach vorne schaute, drückte abrupt auf die Bremse. „S’ka problem.“ lachte er und ich konnte mir nicht erklären, woher er diese Lebenseinstellung nahm.

Außerdem fragte ich mich, ob der Satz „s’ka problem“ österreichische Wurzeln hatte und eigentlich „Des is ka Problem.“ heißen müsste. Im Angesicht der Völkerverständigung wurde es von den Albern aber zu „s’ka problem“ runtergekürzt. Dann wurde mein Gedanke beim nächsten Überholversuch abermals abrupt beendet. Meine Fingernägel krallten sich wieder in das dunkelgraue Sitzpolster, damit ich zumindest etwas halt auf der ruckeligen Piste fand. Immer wieder atmete ich sehr scharf ein und angstlachend aus. Dann dachte ich, dass ich es nicht fair fände, meinen letzten Atemzug hier in den Straßen von Kamez zu tätigen. Doch Ibrahim ließ sich nicht aufhalten. Er war auf einer Mission. Schließlich ging es um nicht weniger, als den Erwerb der albanischen Staatsbürgerschaft für seinen deutschen Neffen. Und wenn das bedeutete, dass er einen Zahn zulegen müsse, um noch rechtzeitig das Bürgeramt zu erreichen, dann war das ein verhältnismäßig geringer Preis.

Mit quietschenden Reifen hielten wir vorm Bürgeramt. Weit und breit war kein Parkplatz frei. Aber das war, Sie ahnen es, „s’ka problem“ [Kein Problem]. Schließlich würde es nicht lange dauern, den Neffen hier zum Albaner zu machen. Ibrahim ließ das Auto erst die Erhöhung des Bürgersteiges erklimmen, um sich dann mittig auf den angrenzenden, zentralen Platz der Wohnsiedlung zu stellen. Neben unserem ungewöhnlichen Parkplatz war eine Sitzbank, auf der ein älteres Ehepaar saß. Sie schienen sich über unseren, eigenwilligen Abstellplatz, mitten auf der Piazza neben dem kleinen Brunnen, kein bisschen zu wundern. Albanien, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Parken Sie wo Sie wollen, wenn es nicht lange (=weniger als drei Stunden) dauert.

Zittrig und schweißnass stieg ich aus. Meine Beine hatten die Konsistenz von Quittengelee. Doch anstatt ins Bürgeramt zu hechten, schlenderten wir nun betont lässig auf den letzten Metern. „Ah, da seid ihr ja schon.“ begrüßte uns der im Bürgeramt arbeitende Nachbar Ibrahims. „Oh, der Bruder mit Familie. Wie schön! Bitte hier entlang.“ Er brachte uns zu einer albanischen Version der Fräulein Rottenmeier aus der Serie Heidi. Sie schob ihre Brille zurecht und ihr goldenes Brillenkettchen schaukelte im Wind des Ventilators hin und her. Ibrahims Nachbar erklärte ihr, warum sie ihren vorzeitigen Feierabend aufgeben musste. Sie nickte streng. Nacheinander gaben wir unsere Pässe ab. Nebenan stritt eine Frau, die kurz nach uns das Bürgeramt betrat, mit einer anderen Rezeptionskraft des Bürgeramtes, warum sie nicht mehr dran kommen würde. Aber gnädige Frau, antwortete die Rezeptionskraft gelassen, Sie müssen doch verstehen, dass auch wir uns an Öffnungszeiten halten müssen. Es sei nun eben 16:03 Uhr und auch ein Bürgeramt müsse irgendwann schließen. Sie schrie, dass sie von weit her gekommen sei. Man ließ dennoch keine Gnade walten. Ein Glück übersetzte mir der Römer erst später den Sachverhalt zwischen der schreienden Frau und dem Herrn an der Rezeption.

Indessen schien es bei Fräulein Rottenmeier zu einem Problem gekommen zu sein. Der Römer war nicht mehr, wie seit eh und je, im Hause Ibrahim gemeldet. „Ja, das ist richtig.“ bestätigte der Römer und mir fiel alles aus dem Gesicht bei dem Gedanken, was das für die Staatsbürgerschaft des Kindes bedeuten würde. Dann fügte er hinzu, dass das aber absolut nicht sein Versehen sei. Er hätte sich bei e-Albania, der Online-Verwaltungsplattform des Staates Albanien, angemeldet und man hätte ihm, ohne sein Zutun, eine Adresse in der Stadt Valbona zugeteilt. Aber in dieser, überaus attraktiven Gegend in den nordöstlichen Alpen Albaniens war er noch nie! Selbstverständlich wollte er sich darum kümmern, aber es wäre mit ein paar Klicks nicht zu ändern gewesen. Deswegen beließ er es so und nahm sich fest vor, bei nächster Gelegenheit, sobald er an eine kompetente und fachkundige Verwaltungsfachangestellte käme, nachzufragen, wie sich denn diese unfreiwillige Ummeldung zugetragen habe.

Fräulein Rottenmeier guckte streng über den Rand ihrer goldenen Brille. Aber das sei doch ganz klar, erklärte Fräulein Rottenmeier. Sie haben vier Jahre weder Strom angemeldet, noch Steuern bezahlt, noch irgendetwas anderes im Bürgeramt erledigt. Da wir sie aus unserem Meldesystem nicht löschen können, werden sie automatisch vom albanischen Staat umgemeldet. Das käme daher, dass sich sonst die unbekannt verzogenen Leute einer bestimmten Region in eben genau dieser Region stauen würden, während andere Gegenden deutlich bevölkerungsärmer wären. So buchte man die „verloren geglaubten, albanischen Schafe“ eben in andere, wenig bewohnte Gebiete Albaniens um. Durch diesen überaus üblichen Prozess, würde sich die Bevölkerungsdichte Albaniens sehr gleichmäßig verteilen. Zumindest auf dem Papier. Außerdem könne sie den Römer nicht einfach so ummelden. Sie brauche einen Beweis, dass der Römer tatsächlich bei Bruder Ibrahim wohnen würde. Ob der Römer denn eine Stromrechnung, Steuererklärung oder etwas anderes zur Hand hätte, aus dem hervorgeht, dass er dort auch wirklich verkehrt, fragte Fräulein Rottenmeier.

Der Römer schüttelte den Kopf. Nein, er würde in Deutschland leben. Nur ab und an, da wäre er in Albanien. Fräulein Rottenmeier dachte nach. Schließlich erklärte sie dem Römer, dass sie uns nur anbieten könne, dass wir jetzt zum Notar gehen und Bruder Ibrahim dort eine eidesstaatliche Erklärung abgäbe, dass er dem Römer dauerhaft und kostenfrei ein Zimmer in seinem Haus überlasse. Außerdem müsste eine Vollmacht aufgesetzt werden, dass die Eltern des jungen Signorinos einverstanden wären, dass Bruder Ibrahim die Einbürgerung durch Abstammung am darauffolgenden Montag für uns erledigen würde. Oder aber, wir würden jetzt noch nach Valbona fahren, wo der Römer gemeldet war, und würden Signorino eben dort anmelden. Sie vermutete aber, dass bei einer einfachen Fahrtzeit von 4,5 Stunden, das dortige Bürgeramt schon geschlossen habe, bis wir ankommen würden. Die beiden Brüder, Ibrahim und der Römer, nickten viel. Nur Signorino drehte am Rad und lief den hellen Fliesenboden wie irre entlang. Ich jagte keuchend hinterher. Man bedankte sich recht herzlich und schob ihr einen 500 Lek Schein (in etwa 4 Euro) zu. Sie schüttelte vehement ihren Kopf, so dass die Perlenohrhänger leise klimperten. Meine Herren, Sie wissen doch, dass wir hier im Bürgeramt nicht bestechlich sind. Ibrahim insistierte dennoch. Am Ende nahm Ibrahims Nachbar den Schein an sich und wünschte ein erholsames Wochenende. Man werde sich sicherlich in Kurze am heimischen Gartenzaun wieder sehen und ein Schwätzchen halten.

Dann tapsten wir über die Piazza, vorbei am Auto, das immer noch neben dem Brunnen stand, zum Notarbüro. Das schuhschachtelgroße Notariat war zwischen zwei Cafés gepresst. Eine resolute, dralle Mitfünfzigerin mit einem weinroten, lockig gestylten Bob, saß an einem dunklen, wuchtigen Schreibtisch. Sie erinnerte stark an die, von Hape Kerkeling ins Leben gerufene Figur Uschi Blum. Vor dem Schreibtisch standen zwei ungemütlich aussehende Stühle. Gemütlich mussten sie auch nicht sein, denn keiner der Klienten blieb länger als ein paar, wenige Minuten in ihrem Kabuff. Und wenn, dann standen sie. So wie jetzt: Vier Leute waren in das kleine Notarbüro gezwängt. An der Scheibe des Büros wurde höflich darauf aufmerksam gemacht, dass immer nur zwei Personen gleichzeitig eintreten durften. Natürlich nur mit Maske. Doch Papier ist geduldig. „Das könnte ein bisschen länger dauern.“ bemerkte Ibrahim. Mein Optimismus wollte ihm nicht so recht glauben. Schlussendlich sollte Ibrahim Recht behalten. Es dauerte mehr als eine Stunde. Selbstredend verfluchte ich danach meine unnütze Zuversichtlichkeit.

Die Notarin Uschi Blum bearbeitete vier Fälle gleichzeitig. Ihr Büro glich einem geschäftigen Bienenstock. Ständig kam jemand, brachte einen Pass oder ein Dokument, schwirrte wieder ab, telefonierte, lief zu seinem Auto oder in das angrenzende Café, ein neuer Klient rückte an, schneite ungefragt ins Büro herein, wurde zurechtgewiesen, nahm dann aber wieder ein Dokument mit,… so ging das beinahe eine Stunde lang. Ich drehte langsam am Rad. Signorino und ich warteten draußen. In unmittelbarer Nähe zum Notariat befand sich eine Apotheke, vor der Pflastersteine verlegt worden waren. Signorino beschäftigte sich 40 Minuten lang damit, diese Pflastersteine mit seinem grünen Holzhammer zu klopfen. Danach winkten wir einem netten Herrn im Café nebenan zu. Er winkte freundlich zurück und lachte. Dann verschwand er in der Bar und kam mit einer Dose Pfirsichsaft und einem Strohhalm heraus. Er zeigte auf das Kind und sagt etwas auf Albanisch. Ich verstand, dass der Saft für das Kind sei und bedankte mich auf Englisch, gemischt mit Albanisch. Signorino winkte fröhlich. Dann ging ich ins Notarbüro und bat den Römer, sich bei dem netten Herrn zu bedanken. Er ging zu ihm hinüber und drückte unseren Dank für den Pfirsichsaft aus. „So ein netter Mann!“, sagte er zu mir, kurz bevor er wieder im notariellen Bienenhaus verschwand.

Wenig später meldete sich meine Blase. Ich betrat das Notarbüro, um den Römer zu bitten, mir behilflich zu sein, eine Toilette zu organisieren. Wir gingen in das rechts liegende Café „Bar Juve“, das einer italienischen Fußballmannschaft gewidmet war. Darin war es schummerig und wir brauchten einen Moment, bis sich unsere Augen an die düstere Umgebung gewöhnt hatten. Am Ende des Raumes war linkerhand der dunkle Tresen aufgebaut. Ein Lichtstrahl schien mühsam durch die ungeputzten Fensterscheiben durchdringen zu wollen. Man sah, er tat sich damit sichtlich schwer. Wir liefen zickzack über die schwarz-weißen Fliesen, da wir Tischen und Stühlen, die ohne scheinbare Logik im Raum verteilt worden waren, auswichen. Hinter der Bar war niemand anzutreffen. Nur eine ältere Dame mit kurzer, blondierter Dauerwelle in einer dunklen Bluse saß auf einem, in die Jahre gekommenen Cord Sofa. Daneben saß eine mindestens 25 Jahre jüngere Version von ihr. Es sah ein bisschen seltsam aus, wie zwei identische Personen in unterschiedlichen Abschnitten ihres Lebens auf einem Sofa in einem Vorort von Tirana saßen. Ich musste schmunzeln und schloss daraus, dass sie wohl Mutter und Tochter sein müssen.

Mit einem „Më Falni! [Entschuldigen Sie!]“ unterbrach der Römer die Stille und das geklonte Mutter-Tochter Duo musterte uns neugierig. „Po, urdheroni! [Ja, bitte!]“ sprach die Ältere der beiden. Dann erläuterte der Römer meine missliche Lage und fragte höflich, ob ich das WC dieser Bar benutzen dürfe. „Aber bitte, bitte! Natürlich!“ und die Jüngere zeigte auf eine Glastür, die durch ihre eigenwilligen Metallornamente herausstach. Ich ging durch die Tür und befand mich im Freien, hinter der Bar. Dann fiel mein Blick nach rechts. Ein kleiner Anbau, auf dem Tualet [Toilette] stand, wies mir den Weg. Währenddessen, so erzählte mir der Römer später, wurde der „blonde Engel“ angeschmachtet. Hach, ein außergewöhnlich schönes Kind. Mashallah! Und so blond und hell. Sowas sehe man selten in dieser Gegend. Im Norden, zum Beispiel in Valbona (wo der Römer seinen unfreiwilligen Wohnsitz hatte), da würde man so etwas sicher ab und an sehen. Aber hier, in Tirana, sei das sehr ungewöhnlich. Ach, die Mutter ist Deutsche. Deswegen ist das Kind wohl so hell. Dann ging die Jüngere hinter den Tresen und bot dem Kind eine pappsüße Orangenlimonade an. Natürlich wollte das Kind, nach seinem Pfirsichsaft, auch in den Genuss dieser Orangenlimonade kommen. Doch der Römer winkte freundlich ab. Die Damen insistieren jedoch, dass das Kind das Getränk wenigstens probieren sollte. Nur mit viel Mühe gelang es dem Römer die beiden Damen zu überzeugen, dass Signorino gerade einen Pfirsichsaft hatte. Das sahen sie ein und gaben ihm einen Schokoriegel. Signorino freute sich darüber sehr, denn sein Grundsatz ist: Je süßer, desto besser. „Aber beim nächsten Mal geht die Limonade auf uns.“ sprach die Ältere. „Ja, ja, ganz sicher!„, antwortete der Römer und schielte immer wieder ungeduldig zur Tür, durch die ich vorhin verschwunden war. Genau in diesem Moment öffnete sich besagte Tür und ich kehrte vom stillen Örtchen zurück. Artig bedankte ich mich bei den beiden, gleichen Damen und wunderte mich etwas über das schokoverschmierte Gesicht des Kindes. Dann gingen wir zurück zum Notar. Es dauerte weitere zwanzig Minuten, in denen der Muezzin der gegenüberliegenden Moschee zum Gebet rief. Signorino lauschte entspannt und begann erst wieder, seine Bodenplatten zu beschlagen, als der Muezzin verstummt war.

Mir schien, als würde jemand meinen Namen aus dem inneren des Notariats rufen. Eilig hastete ich, mit Signorino auf dem Arm, zum Büro von Uschi Blum. Ich wurde bereits erwartet, denn man würde einige Unterschriften von mir brauchen. Unter all diesen albanischen Rufen, der römischen Übersetzung und dem Kleinkind, das die Yucca Palme umwerfen wollte, war ich so verwirrt, dass ich meine Unterschrift komplett vergaß. Acht Seiten unterschrieb ich mit einer Unterschrift, von der ich annahm, dass es die Meine sein könnte. Erst dann kam ich auf die Idee, zu erfragen, was ich da eigentlich gerade unterschrieben hatte. „Für die Staatsbürgerschaft.“ hieß es kurz. Ich fragte mich, ob ich mich gleich mit eingebürgert hatte, beschloss aber, dass es eh nicht gültig sein würde, denn die Unterschrift, die ich in der Eile improvisiert hatte, war ja gar nicht meine. Dann waren wir endlich fertig, bedankten uns bei der Notarin Uschi Blum und traten schließlich ins Freie. Geschafft! Am Montag würde Bruder Ibrahim mit all diesen Dokumenten den Römer anmelden und zeitgleich das Kind zum Albaner machen.

Wir schlenderten, diesmal bepackt mit einem Stapel Papiere, hinüber zur Parkplatz-Piazza. Ibrahim startete den Motor und automatisch klammerte ich mich wieder am Sitzbezug fest. Ein Glück war er diesmal nicht in Eile, was mein Herzinfarkt-Risiko erheblich sinken ließ. Gemütlich zuckelten wir durch die Straßen Kamez‘. Der nächste Halt sollten die römischen Eltern sein. Wie abgesprochen sollten nur sie anwesend sein. Aber mit Absprachen verhielt es sich hier wie mit meiner Unterschrift im Notarbüro. Man vergaß sie ab und an und improvisierte dann eben etwas anderes. So waren neben den römischen Eltern auch noch der römische Bruder L. nebst seiner Gattin Dyshi, ihre drei erwachsenen Kinder, sowie eine weitere Schwägerin anwesend. Wir begaben uns ans andere Ende der großen Sofalandschaft und saßen etwas abseits der Familie. Bei der Masse an nicht maskentragenden Personen, wäre es vermutlich auch schon egal gewesen. Lediglich meine römischen Schwiegereltern und unser Kamikaze-Pilot Ibrahim trugen eine Maske. Wenn wir hier virusfrei rauskommen würden, sagte ich mir, würde ich mir in Deutschland weitaus weniger Gedanken über eine mögliche Ansteckung zu machen.

Nachdem wir es uns gemütlich gemacht hatten, trug Schwägerin Dyshi das vergoldete, ornamentverzierte Tablett mit den zwei Bleikristallschalen herein. In der einen befand sich Lokum (ein zäher, sehr süßer Geleewürfel, der mit Puderzucker bestäubt wird), in der anderen eine süße, mit Kokos ummantelte Waffelkugel. Als ich mir ein leicht rosa gefärbtes Lokum herauspickte, lächelte mich Dyshi auffordernd an. Sie wusste um meinen süßen Zahn und sogleich gab sie mir noch eine Waffelkugel. Ich lächelte entschuldigend. Sie zwinkerte nur. Dann stopften der Römer und ich die Süßigkeit unter unsere Masken und kauten zufrieden. Währenddessen wurde das lang ersehnte, neue Familienmitglied Signorino bewundert. Er war das zwanzigste Enkelkind meiner Schwiegereltern, die nicht stolzer hätten sein können. Am Anfang noch etwas schüchtern, bemerkte Signorino schnell, dass er hier anstellen konnte, was auch immer er sich in den Kopf gesetzt hatte. Jede noch so törichte Aktion erntete hier einen überwältigenden Applaus und schallendes Gelächter. So bestätigt, drehte das Kind erst richtig auf. Die pralle Aufmerksamkeit schien ihn dermaßen zu beflügeln, dass er beinahe die mannshohe Pflanze meiner Schwiegermutter umwarf. Als er fast in den am Boden stehenden Heizstrahler rannte und ihn Dyshi im letzten Moment auffing, sprach ich ein Machtwort. Zumindest hatte ich das vor.

Aber noch eh ich ihn zur Räson bringen konnte, fiel mir das Kollektiv an Verwandten, einschließlich meines römischen Gatten, in den Rücken. Das arme Kind, man solle es doch gewähren lassen. Es sei doch sooo brav, hieß es von den anwesenden Personen. Brav ja, antwortete ich, aber er wisse in seinem zarten Alter Risiken nicht richtig einzuschätzen. Dafür gäbe es seine Eltern, die ihm Gefahren und damit verbundene Grenzen aufzeigen müssen. Man winkte lachend ab. Ruhig blieb ich auf der Couch sitzen und beobachte das Schauspiel mit einer Mimik, die vermuten ließ, ich hätte sehr viel, sehr feinkörnigen Sand im Mund. Zeitgleich schwante mir für die spätere Heimfahrt Böses. Das völlig überdrehte Kind würde vermutlich im Auto lautstark abdrehen, bevor es schließlich k.o. einschlafen würde. Nach diesem Hammertag wäre das aber nun wirklich kein Vergehen.

Von der Begrüßung bis zur Verabschiedung waren die albanischen Familienmitglieder äußerst bemüht uns nicht zu berühren. Beispielsweise musste ein einfacher Ellbogen-Check zur Begrüßung reichen. Doch bei der finalen Verabschiedung bekam die mühsam aufrecht gehaltene Kontrolle meiner Schwiegermutter einen Riss. Sie konnte partout nicht an sich halten und drückte Signorino, der auf meinem Arm weilte, heimlich ein Küsschen in den Nacken. Bei aller Vernunft, wer hätte es ihr auch verdenken können? Nach mehr als einem Jahr sah sie endlich ihr Enkelkind, durfte ihn aber, entgegen jeden Instinkts, nicht anfassen. Die römische Mutter und ich unterdrückten einen Schwall voll Tränen. Es gelang nur schwerlich.

Ich konnte nur erahnen, wie schwer es sein musste, ihr „verlorenes“ Enkelkind nicht endlich in den Arm zu nehmen. Sich kontrollieren zu müssen, gegen jeden Impuls! Der römische Vater wirkte indessen müde und in Gedanken versunken. Später werde er seinem Sohn Ibrahim sagen: „Da zieht man seine Kinder auf und hat endlich das langersehnte Enkelkind seines Letztgeborenen und dann darf man es nicht einmal anfassen. Verflucht sei dieses Virus!“ Die Hilflosigkeit der Situation zwang meinen sonst so nüchternen und wortkargen Schwiegervater zu einem, für ihn ungewöhnlich großen Gefühlsausbruch.

Nach der Verabschiedung saßen wir in der gewohnten Konstellation in Ibrahims Auto. Manche waren mehr und manche waren weniger angeschnallt. 😉 Ibrahim fuhr uns heim und benutzte mal wieder ein paar Abkürzungen. Doch zu meiner Erleichterung schlichen wir diesmal über Schotterstraßen und riesige Schuttberge. Ich wunderte mich, wie ruhig der alte Mercedes* trotz dieser widrigen Straßenverhältnissen lief. Kein Motorstottern, keine Reifen die durchdrehten. Nun verstand ich die Albaner, die seit jeher auf diese deutsche Marke setzten.

Daheim angekommen, ging der Römer noch einmal aus, um für uns Pizza zu holen. Er versuchte sein Glück im Restaurant neben unserer Ferienwohnung, da auf der großen Werbetafel vor der Lokalität Werbung für Pizza, Pasta und Risotto gemacht wurde. Am Tresen angekommen bestellte der Römer zwei Pizzas. Die junge Kellnerin erwiderte, dass sie alles anbieten könne, nur keine Pizza. Enttäuscht wollte der Römer abziehen, da erhob sich ein bärtiger Gast, Mitte 20. Er hatte die Diskussion mitbekommen. „Stop! Warte!“ rief er dem Römer hinterher. Der Römer drehte sich um. „Du willst Pizza?“ fragte er den Römer. Dieser nickte langsam und etwas irritiert. „Was für eine?“ wollte der hilfsbereite Gast im Kapuzenpulli wissen. „Zwei Margheritas.“ Okay, okay, warte, sprach der Gast. Er nahm sein Telefon, wählte eine Nummer und bestellte zwei Pizzas. Dann gab er die Adresse durch und bat den Römer zu warten. Das tat er auch. Doch 15 Minuten später war der Gast spurlos verschwunden. Der leicht genervte Römer beschloss daraufhin zu gehen, doch der junge Gast, der die Pizza bestellte, stand draußen auf der Straße und wartete auf den Pizzafahrer. Zwei Minuten später kam dieser mit zwei dampfenden Pizzakartons um die Ecke. Der Römer zahlte, bedankte sich beim Pizzafahrer und etwas überschwänglicher beim netten Gast. „S’ka problem.“ [Kein Problem.] antwortete dieser und verschwand in der Dunkelheit. Es war 19:50 Uhr. In 10 Minuten griff die Ausgangssperre.

So in etwa sah die Pizza aus.

Sie wollen wissen, was der morgige Tag bringt? Deutsche Krankenhäuser, die „Corona konform“ völlig neu definieren, Apothekerinnen, die gerne ein Auge zudrücken und Wutanfälle im Park. Und natürlich: s’ka problem. 😉

*Werbung, unbezahlt

17 Kommentare zu „Die Albanienchroniken – Teil 4: Wie der Römer spurlos verschwand, warum Albaner gerne mal links fahren und wie Uschi Blum mich einbürgerte

  1. Ist lustig wie sich die Mentalitäten durch ein paar Kilometer Luftlinie unterscheiden. Mein ältester wird dieses Jahr 16 und kein Hahn kräht nach einem albanischen Pass. Das wollen wir irgendwann mal in Angriff nehmen.
    Hmm…merkwürdig, ich könnte schwören so ein Tierpopo Buch schon mal in den Fingern gehabt zu haben. 🤔
    Liebe Grüße 🌹

    Gefällt 1 Person

    1. Sie handeln nach dem Prinzip: Je mehr Albaner es gibt, desto besser. Es ist vermutlich eine tiefsitzende Angst aus längst vergangenen Zeiten, die sie dazu bewegt. So habe ich es mir aus Erzählungen zusammengereimt. Ob das stimmt? Dazu müsste ich tiefer gehend recherchieren. 🤓
      Es ist gar nicht so schwer, Kinder zu Albanern zu machen. 😄 Man braucht nur starke Nerven, weil es nie so glatt läuft, wie man es erwartet. Also nur Mut. 😉
      😂😂 Das Tierpopo Buch sollte in jedem Bücherregal stehen. Daran arbeite ich mit Hochdruck, wie du weißt. 😄
      Liebe Grüße 💛

      Gefällt 1 Person

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