Bianco: Der Vater ist k.o.

[Juni 2024]

Mein Mann ist fertig. Wie ein desillusionierter Boxer hängt er im Eck auf einem Stuhl. Er ist kreidebleich, kaltschweißig, der Blick ist leer. Der Oberkörper ist nach vorne gebeugt. Die Arme sind auf den Knien abgestützt. Er lässt den Kopf hängen.

Jetzt fehlt nur noch, dass ein Boxtrainer auf ihn einredet: Du kannst den Kampf noch gewinnen! Geh raus! Du schaffst das!

Der Mann hat den Kampf bereits verloren. Er ist k. o. in Runde 2, denn die Würfel sind gefallen.

“Scheiße!”, murmelt er. Dann zählt er mir all die Widrigkeiten auf, die diese Schwangerschaft für ihn bedeuten. Nach zehn Minuten Klagelied wird es mir zu bunt. Nicht, dass ich ihm die Widrigkeiten abspreche, aber ich möchte sie doch korrekt einordnen.

Mit einem “Na ja, das Kind hab ich ja wohl nicht alleine gezeugt. Du warst ja nachweislich beteiligt!”, mache ich den Auftakt. “Si, lo so. [Ja, ich weiß.]”, sagt der desillusionierte Boxer und starrt mit leerem Blick in die Zukunft, die ihm jetzt allzu trüb erscheint. “Ho 44 anni. Sono vecchio, troppo vecchio per un baby. [Ich bin 44 Jahre alt. Ich bin alt, viel zu alt für ein Baby.]”, jammert der Mann wehmütig. “Na, das hättest du dir vorher überlegen sollen. Ich bin anscheinend fruchtbar wie ein Karnickel. Und du ja wohl auch! Es gehören schließlich zwei dazu.”, erhelle ich ihn.

Ja, aber das sei doch alles schrecklich. Ganz schrecklich sei das. Und wie viel wir gestritten haben in der Anfangszeit mit Signorino! Und wie müde wir waren!

Dann unterbreche ich den Gatten.

“Entschuldige bitte, aber du opferst nicht schon wieder deinen Körper, musst durch ein Nadelohr ein Wassermelone quetschen und bist dann Tag und Nacht der wandelnde Milchautomat. Somit fühlen sich deine Brustwarzen nicht an wie mit Stacheldraht bearbeitet. Deine Hormone tanzen nicht Samba und dein Berufsleben kriegt keinen Knick. Ja, ich hab’s mir auch anders vorgestellt, aber ich war nunmal auch beteiligt und deswegen kann ich jetzt heraustreten aus dem Jammertal und mir denken, es wird schon alles gut werden.”, rüttle ich den Gatten etwas zurecht.

Ja. Er brauche noch einen Moment, dann werde er aus dem Tal des Jammerns heraustreten. Aber jetzt, jetzt möchte er noch den einen Moment haben, in dem er seine Zukunft an ihm vorbeiziehen sieht.

Schließlich wusste ich schon seit sechs Stunden von der Nummer 2 und somit habe ich einen leichten Vorsprung gehabt, das alles zu verarbeiten.

8 Kommentare

  1. Sechs Stunden jammern kann man ihm zugestehen ;). Aber dann….na das wird er selbst wissen :). Ich drücke euch beiden ganz fest die Daumen, dass ihr das gewuppt bekommt und mindestens doppelt so viele tolle als stressige Stunden. Liebe Grüße

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    • Finde ich auch, liebe Mitzi. 😄 Ein paar Stunden waren ihm gegönnt. Man darf sich für so einen Richtungswechsel im Leben auch mal ein paar Stunden Zeit nehmen, um zu realisieren, dass wir dann “double trouble” daheim haben.

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  2. Ach man, ich verstehe den Römer so gut. Und ich hätte sicher weitaus mehr Zeit benötigt, als sechs Stunden, um mich mit dem Gedanken eines weiteren Sprösslings anzufreunden. Jetzt, wo ihr endlich mit Signorino aus dem Gröbsten raus seid. Von daher Hut ab an euch beide, euch Pro entschieden zu haben. 🙂 LG Bea

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    • Er hat das wirklich ganz gut gemacht. Und ein bisschen Durchhängen bei einem ungeplanten Richtungswechsel im Leben darf man sich gönnen. Allein schon, um Anlauf für das neue Abenteuer zu nehmen. 😉 Liebe Grüße und komm gut durch Karneval! 🎉🥳🎊

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  3. Ja, das ist wahr. Es ist schon so, dass es die Mama zuerst weiß oder zumindest ahnt, wenn sie nicht völlig wirr ist (der Körper, der Geist oder beide). Der Vater bekommt die frohe Botschaft etwas später um die Ohren geschlagen und fühlt sich entsprechend. Denn er weiß, was auf ihn zukommt: Berechtigtes Jammern der Hauptbeteiligten! Die schließlich die größeren Lasten zu tragen haben. Papa hat seine Geburt hinter sich… Manche Väter bekommt man noch mit einem: „Wir brauchen ein größeres Auto!“ Oder: „Du wolltest doch immer schon ein Haus bauen? Die Gelegenheit!“ Aber auch derlei Hinweise könnten in eine ganz falsche Richtung gehen, wenn er jetzt auch noch zu rechnen anfängt…
    Und dann haben Väter auch noch den Nachteil – neben dem Vorteil – dass ihre Hormone sich nicht auf Baby umstellen, wie es im Körper der Mutter nun mal vorgesehen ist. Sie sind nicht nur, sie bleiben hintendran! Mutter und Kind haben bleibend einen Vorsprung. Hier böte sich ein Wortspiel mit Eisprung an, aber lassen wir das.
    Meist kriegen sie sich ja ein. Die Väter. Und die Mütter, aber wie gesagt, die wissen ja schon länger Bescheid. Und meist überwiegt dann ja auch die Freude über das so Selbstverständliche und doch so Unglaubliche: Unser Kind!

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    • So ist es. Und den Nachteil sehe ich auch. Zum Glück bekommt der Römer nur die Frühschicht (wenn überhaupt) aufs Auge gedrückt. Nachts darf er neben dem Fünfjährigen schlafen und der ist schlaftechnisch aus dem Gröbsten raus.
      Aber ja, generell: Der Vater ist etwas hintendran. Jedes Meckern, jedes Jammern – man weiß ja dann doch ungefähr, was das Baby hat. Nur der Römer tapst im Dunkeln. Aber es wird von Tag zu Tag besser.

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