Wenn das große Kind plötzlich zu groß wirkt – über Wehmut und Wackelzähne

Vermutlich gab es viele, leise Momente, die mir behutsam zuflüsterten: Signorino wächst unaufhörlich.

Damals waren es das erste Wort, die ersten Schritte, der Wechsel von der Krippe in den Kindergarten.

Doch seit Baby-Bianco geboren ist, sind diese Momente nicht mehr leise. Sie sind laut, deutlich und manchmal sogar schmerzhaft. Plötzlich schreien sie mir ins Ohr: SIGNORINO IST KEIN KLEINKIND MEHR!!! BALD ZIEHT ER AUS!!!

Plötzlich (Vor-)Schulkind

Es fing an, als wir mit dem neugeborenen Babybruder vom Krankenhaus heimkamen. Da stand er, mein fünfjähriger Signorino, und war in meiner dreitägigen Abwesenheit um mindestens einen halben Meter gewachsen.

Zumindest schien es mir so: Große Hände – waren die schon vor meinem Krankenhausaufenthalt so groß? Und die Füße? Beinahe sind sie so groß wie meine oder täusche ich mich? Dazu kamen große Worte: Das Kind sprach überhaupt nicht mehr wie ein Kindergartenkind. Es sprach wie ein Schulkind.

Und als wollte das Leben mir diese Erkenntnis unter die Nase reiben, flatterte Ende Februar ein Brief ins Haus:

„Anmeldung zur Grundschule für Signorino Farniente.“

Nur einen Monat später sollte er zur Schulanmeldung erscheinen. Die Grundschule beginnt zwar erst nächstes Jahr – aber in Frankfurt fängt der Prozess früh an. Denn schließlich ist er nach den Sommerferien offiziell ein Vorschulkind.

„Vorschulkind!“, las ich mit dem neugeborenen Bianco auf dem Arm. „Wann ist das denn passiert?“ Ein Tränchen – eventuell hormonell bedingt – bahnte sich den Weg über meine Wange und tropfte auf Biancos Kopf.

Das Ironische daran ist aber: Ich konnte es früher kaum erwarten, dass dieses schreiende, unzufriedene Baby namens Signorino endlich groß wird. Dass das Kind läuft, spricht, sich mitteilt und endlich aufhört, stundenlang zu brüllen.

Jetzt habe ich all das! Doch anstatt, dass sich die Zeit jetzt eben Zeit lässt, rast sie unaufhaltsam weiter. Derweil möchte ich doch jetzt den Status-Quo genießen!

Aber nichts da!

Es wackelt der Zahn der Zeit

Heute Morgen, ich kuschelte mich zu Signorino, während der Römer mit Bianco im Nebenzimmer war, eröffnete mir Signorino, dass er einen Wackelzahn habe. „Wirklich?!!“, schoß es aus mir heraus und ich berührte seinen unteren Schneidezahn sanft. „Ja, ganz wirklich!“, sprach Signorino stolz und etwas aufgeregt. Der Zahn wackelte hin und her wie ein Kuhschwanz. „Ach du Schei….benkleister“, rief ich aus. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Oh Gott! Oh Nein! Wie ist das denn passiert! Ah! Hilfe!“

Meine Reaktion war eher… suboptimal. Wie soll man einem sensiblen Kind die Angst vor Wackelzähnen nehmen, wenn man selber panisch wird bei dieser Veränderung? Oh Mann! Ich riss mich also zusammen, erklärte, dass Wackelzähne total cool sind, weil sie Platz machen würden für die „Erwachsenenzähne“.

Dann verließ ich fluchtartig das Zimmer – um mal wieder ein Tränchen auf der Toilette zu verdrücken. 

Wachstumstränchen bei Muttern

Das Hormonchaos nach der Schwangerschaftt ist echt fies. Es fühlt sich an wie die Pubertät, nur rückwärts. „Erwachsenenzähne!!!“, schniefte ich heimlich auf der Toilette und versuchte, mich irgendwie zu sammeln.

Als mir das gelang – Signorino war längst im Wohnzimmer bei Bianco und dem Römer – lief ich mit hängenden Schultern dort ein. „Wusstest du, dass Signorino einen Wackelzahn hat?“, fragte ich den Römer. „Non solo uno! Lui ha due denti cosi! Nicht nur einen! Er hat zwei solcher Zähne!”, posaunte der Römer heraus.

Zwei!?!? Auch das war wieder zu viel für meinen Hormonumschwung. Ich musste mal eben in die Küche zum Luft schnappen und um die Tränendrüse zu beruhigen!

Der Römer kam mit Bianco auf dem Arm in die Küche. „Wenigstens bist du noch so klein!“, seufzte ich und streichelte dem Neuzugang über den Kopf. Er lächelte mich zahnlos an.

“Dai! Komm schon! Signorino wird eben größer. Das ist doch super!“, versuchte mein Mann mich aufzumuntern. „Genau das wollten wir doch: Dass er wächst, gedeiht und eben auch selbstständig wird!“

„Aber doch nicht so schnell!“, protestierte ich. „Ich komme mit Bianco aus dem Krankenhaus und plötzlich hat Signorino zwei Wackelzähne, wird eingeschult und… was noch? Führerschein mit sieben Jahren?!“

Der Römer lachte: „Ma non ti preoccupare. Aber keine Sorge. Signorino zieht nicht morgen aus! Und wir haben ja auch noch Bianco.“ Er zeigte auf den kleinen Kerl mit dem mediterranen Teint und den blauen Knopfaugen.

„Immerhin! Und wenn Bianco wächst, bekommen wir eben nochmal ein Kind. Und dann noch eins und noch eins…“, murmelte ich trotzig.

„Anche no, grazie. Lieber nicht, danke.”, stellte der Römer rasch klar.

Ja, ja – auch ich weiß: Zwei Söhne sind mehr als genug.

Große Kinder – großes Ausschlafen

„Ich find’s toll, dass die beiden wachsen!“, sagte mein Gatte. „Irgendwann haben wir zwei große, kräftige Umzugshelfer – und das ganze gratis! Vielleicht laden sie uns mal zum Essen ein? Und: Wir könnten endlich mal wieder durchschlafen!“

Durchschlafen… Oh ja. Das klang gerade in dieser Baby-Phase verlockend.

“Außerdem müssen wir dann unsere Wochenenden nie wieder auf Spielplätzen verbringen!”, fuhr der Römer fort.

Meine Augen leuchteten! Denn ich kann mir weitaus schönere Dinge vorstellen als stundenlang auf Spielplätzen zu stehen oder zu sitzen. “Klingt eigentlich ganz gut!”, murmelte ich. “Vedi! Siehst du! Alles hat seine Vorteile!”, grinste der Römer.

Ich nickte zufrieden.

“Aber keine Sorge: Du wirst mindestens noch weitere acht Jahre auf Spielplätze gehen müssen.”, setzte mein Gatte nach und zeigte mit dem Kinn Richtung Bianco. “Acht Jahre?!?! Oh Mann, kann das nicht schneller gehen!?!?”, rief ich entsetzt aus.

19 Kommentare

  1. Wechselbad der Gefühle))) Da leidet man so richtig mit, beim Lesen. 🙂
    Weiterhin viel Spaß bei den von Wackelzähnen begleiteten Spielplatzbesuchen. 👨‍👩‍👧‍👦
    Es bleibt sicher spannend … 🎉
    Liebe Grüße Bea

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    • Danke dir für deine lieben Worte! 😃 Es tut gut zu wissen, dass es anderen ähnlich geht.
      Und wie bewundernswert, dass du den Mut für mehr als zwei hattest – da steckt sicher jede Menge Liebe (und Abenteuer!) drin. 😃

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  2. Ja, ja kaum war die Zahnfee da….
    Die Zahnfee hat die Mäusezähnchen in kleine Holzkästchen gesetzt und aufbewahrt f die Ewigkeit
    Schöne Zeit !
    P.S Eistest verschoben – in München toben die Eisheiligen und kämpfen mit der nahenden Schafskälte
    Lg Meggie

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    • So ist das, liebe Meggie! Hach – erst wollen die Kleinen (gefühlt) nicht wachsen und dann wachsen sie in einem solchen Tempo. 🤪
      Dann hoffen wir, dass die Schafskälte bald vorbei ist und du zu deinem leckeren Eis kommst. 🍨 Liebe Grüße, Eva

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  3. Oh ja, so war das. Und Schwupps, sind sie volljährig und dürfen wählen gehen.😅
    Nun hat der Römer schon doppelte Konkurrenz im Haus, hat er da bei dir noch eine Chance? 😉

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  4. Keine Sorge. Ja, ja, sie wachsen schnell. In der Rückschau. Im täglichen Durcheinander oft etwas zu langsam… könnten die das denn noch nicht selbst und vielleicht auch noch richtig machen? Ach je, doch nicht das! – Und dann machen sie sich rar. Drücken sich mit Gleichaltrigen irgendwo rum, und man sitzt zu Hause und macht sich Sorgen. Und dann ziehen sie wirklich aus.
    Na, und dann kommt der eine oder andere wieder. Da draußen ist es stürmisch und die Holde, so es eine gab, war eben doch nicht so… rasch heim zu Mama! Und man denkt, hoffentlich kriegt er die Kurve… und dann zieht er wieder aus…
    Und irgendwann drückt er einem ein Enkelkind in den Arm und sagt: „Du hast doch jede Menge Zeit, bestimmt willst du dich mehr darum kümmern!“ Und ein Teil von einem möchte sagen: Mach deinen Scheiß doch alleine! Aber es ist nur ein kleiner Teil. Der größere freut sich und sagt: Genau so. Das ist es.

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    • Das ist ein ganz wunderbarer Kommentar! Genau so ist es wohl und irgendwie auch schön zu hören, dass es nie aufhört – nur anders wird. 😃 Ein Wechselbad aus Sorge-Freude-Stolz und -Verzweiflung.

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      • Man nennt es: Leben. Und schon andere taten es, sei es, weil sie vor keine Wahl gestellt waren, weil sie so hineinstolperten oder weil sie es wollten (Kein Ausschlußverfahren!).
        Ich las Deine „australische Besorgnis“ (= keine Sorge) und mußte auch ein Tränchen verdrücken. Grade sind die Enkel weit verteilt, der eine weilt noch in Georgien, der andere auf Sardinien… Demnächst sollten sie wiederkommen. Aber wir haben ja, zum Sorgen haben, noch mehr. Unser Hund blieb bei Kind Nr. 3 und, nein, sie kann nicht dafür, ist jetzt krank, seit Rückkehr heute den ersten Tag ohne akuten Tierarztbesuch (dafür war ich heut schon mal wieder bei einem Doc). Man wills ja so, oder?

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      • Das mit dem Sorgen-Machen hört wohl nie auf. Nicht mal nach dem 18. Geburtstag! Hach!
        Aber wie schön ist es, wenn die Lieben wieder daheim sind? Das Vermissen schließt ja auch die Vorfreude ein. 😃

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  5. Liebe Eva,
    Da muss ich mal wieder an den weisen Mann vom Paket-Abhol-Kiosk denken. Der hatte dir doch gesagt, dass man von allen Kindern ganz viel zurück bekommt. Von manchen eher, von manchen später. Es scheint, als sei Signorinos Auszahlphase spätestens mit dem Eintreffen von Bianco angebrochen.
    Was ein Glück – andersrum wäre es eine Vollkatastrophe geworden!
    Liebe Grüße aus Kanada,
    Luisa

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    • Liebe Luisa,
      ha! Den hatte ich schon ganz vergessen. Recht hast du. Von Herzen Danke für diese wundervolle Erinnerung. 😃
      Und du hast absolut recht. Diese Reihenfolge war super! 😉
      Liebe Grüße aus Frankfurt, Eva

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    • Herzlich Willkommen, liebe Sarah Maria!
      Ja, das mit dem ersten Wackelzahn ist wirklich so ein kleiner, großer Meilenstein – und ein Wachrütteln für die Eltern! Ein Mal kurz geblinzelt und schon werden sie eingeschult, der erste Wackelzahn – die Zeit rast plötzlich! Schön zu lesen, dass es dir auch so geht. Liebe Grüße, Eva

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