Sommer in Frankfurt: Dolce Vita für Einen

Wir ächzen und krächzen unter der Hitze.

Also die Kinder und ich. Nordish bei nature, wie Fettes Brot 1995 sang.

Die Band meinte zwar den wahren Norden Deutschlands, aber für den Römer ist alles nordisch, was hinter den Alpen anfängt.

Unser Quoten-Südländer geht förmlich auf in diesem Klima. 36, 37 Grad. Warum ich mich denn beschweren würde. Dabei fängt jeder seiner Sätze mit “Guarda, al Sud…” [Schau, im Süden…] an.

Im Süden wäre das erst die Wohlfühltemperatur.

Im Süden würde man mit seinen adretten Leinenkleidern den Sommer genießen.

Im Süden würde man die Temperatur gut aushalten können.

Im Süden, ja, im Süden Europas wäre das alles ganz normale.

“Normal.”, verbessere ich ihn. “In Deutschland heißt es normal. Ohne E.”

Natürlich wissen er und ich, dass er beides sagen kann in unserem Haushalt. Normal und normale. Aber gerade in diesem Moment, bei 36 Grad Außentemperatur und 30 Grad in der abgedunkelten Wohnung, geht mir sein Monolog so dermaßen auf den Keks, dass ich ihn auf das -e hinweise.

Ja, das -e ist zu viel.

Genau wie sein Plädoyer über den ach-so-hitzebeständigen Süden Europas.

Er lässt sich von meiner etwas schroffen Ansage gar nicht beirren und trinkt eiskaltes Wasser aus dem Kühlschrank. Eigentlich verträgt er gar kein eisiges Wasser, erklärt er mir. Er bekommt davon Bauchweh.

Al sud, im Süden. wäre das beinahe gefrorene Wasser wiederum normale. Diesmal betonte er das e extra und zwinkert mir zu.

Alle würden eiskaltes Wasser trinken. So eiskalt, dass die Flasche in Sekunden benetzt vom Kondenswasser ist.

Heute – bei 36 Grad – würde er mal eine Ausnahme machen. Komme, was wolle.

Und wenn es eben Bauchschmerzen sind, die kommen, dann nimmt er das in Kauf.

“Aha.” kommentiere ich seine Ausführungen und fächle mir Luft zu. “Dann ist es dir also auch zu heiß, wenn du schon Eiswasser trinken musst.”

“No, no. Nein, nein. È perfetto. Es ist perfekt.”, widerspricht er mir vehement.

Mit perfetto ist es ja so: Jeder versteht etwas anderes darunter.

Und für mich wäre die Temperatur zum Beispiel perfetta am Meer. Ein leichtes Lüftchen und das angenehm temperierte Meer sorgen für Abkühlung. Vielleicht noch eine aufgeschnittene Wassermelone dazu oder wahlweise eine eiskalte Flasche Wasser.

Ich bekomme nämlich vom Eiswasser keine Bauchschmerzen.

Stattdessen sitze ich hier in einem sehr luftigen Kleid auf der Couch. Alles klebt an mir.

“Als ich damals zur Schule ging, hatten wir bei 30 Grad Hitzefrei. Und 30 Grad kamen echt selten vor.”, erkläre ich dem Römer. Der grinst. Bei dieser albernen Regel wäre er im Sommer gar nicht zur Schule gegangen.

„Bist du ja auch nicht, bei drei Monaten Sommerferien.“, murmle ich kaum hörbar.

„Was hast du gesagt, Mama?“, fragt Signorino, der ebenfalls auf der Couch liegt. Alle Viere sind von ihm gestreckt. Er ist müde und bisweilen auch übellaunig bei der Hitze. „Nichts wichtiges.“, gebe ich zurück und tätschle den schwächelnden Bianco. Zu allem Übel wurde er heute auch noch geimpft.

“Al Sud si dice: Non è ancora caldo… deve ancora arrivare il vero inferno! Im Süden sagt man: Es ist noch nicht warm…die wahre Hölle muss noch kommen.”, erklärt mein Mann mir weiter und isst ein paar Kirschen.

Ich hebe meine linke Augenbraue.

“Wir sind schon Mitten im Inferno, in der Hölle. Recht viel heißer kann es nicht mehr werden. Die Häuserfassaden und der viele Asphalt speichern die Hitze. Alles heizt auf und kühlt nicht wieder ab. Das hier ist die Hölle.”

Der Römer guckt mich kauend an. Dann lässt er einen Kirschkern auf den Teller* gleiten.

Wir kommen auf keinen Nenner.

Er findet die Hitze super. Ich finde es unerträglich.

“Guarda, al Sud…Schau, im Süden….”, fängt er wieder an.

Ich seufze und will gar nicht mehr zuhören.

Und dennoch weiß ich, dass jetzt seine Zeit ist.

Es sind seine Temperaturen. Sein Lebensgefühl. Dolce vita in Frankfurt. Die Stadt eine einzige sfilata, eine Modenschau, für ihn. All die Leinenhemden, die schönen, hellen Hosen, kann er jetzt ausführen.

Seine Haut braucht wenig Sonnencreme. Sein mediterraner Teint sieht in dieser Jahreszeit nicht blass und kränklich aus, sondern gesund und golden. Seine vollen, dunklen Haare schmiegen sich in sanften Wellen an seinen Kopf. Dazu trägt er die Sonnenbrille von früh bis spät.

In diesen wenigen Wochen ist Rom gar nicht so weit weg, sondern gleich ums Eck.

Meistens lebt er in Frankfurt eben nicht in seiner Wohlfühl-Jahreszeit. Dicke Wintermäntel oder Daunenjacken im Winter oder eine Übergangsjacke an allen anderen Tagen, stehen hier an der Tagesordnung.

Von Oktober bis Ostern friert er, auch wenn die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht ist. Die Bettdecken sind stets zu dünn. Der Himmel zu grau. Das Sozialleben zu trist. Denn es findet drinnen statt. Wenn es überhaupt statt findet, denn ehrlicherweise wollen die wenigsten bei Eiseskälte vor die Tür.

Ja, die Zeit des Römers ist jetzt.

Es sei ihm gegönnt.

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16 Kommentare

  1. Liebe Eva! „Es ist noch nicht warm“, sagt hier gerade keiner mehr. „So heiß war es in Varese sonst nicht mal im Juli“, meinte eine Freundin Ende Juni. Aber dass ihr jetzt auch in Deutschland diese Temperaturen habt, ist Wahnsinn bzw. die Hölle. Verschwitzte Grüße aus dem nördlichen Süden!
    PS: Und wer bügelt die schönen Leinenhemden? Bei der Hitze? 😉

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    • Liebe Anke,
      wenn es sogar im nördlichen Süden ungewöhnlich heiß ist, dann wissen wir, dass der Sommer gerade wirklich übermotiviert ist. Klimawandel, ick hör dir trapsen!
      Gestern waren es 37 Grad in Frankfurt – man kommt nicht nur ins Schwitzen, sondern auch ins Grübeln über das, was uns und den Kindern noch bevorsteht. 🤔

      Zum Glück gibt es hier eine strenge „Jeder bügelt seine eigenen Sachen“-Policy. 😉 Mir ist‘s ja eh schon heiß genug hier. Da muss ich nicht noch neben dem dampfenden Bügeleisen stehen. 😄

      Komm gut durch den Sommer und ich hoffe, die Abkühlung 🌊 naht! Liebe Grüße, Eva

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  2. Im Süden – auf einer griechischen Insel zum Beispiel – würde mir eine kühlende Briese Erleichterung gewähren, während mich lauwarme Wellen am Strand sanft umspülen. Und ich würde im Schatten eines Olivenbaumes auf den Abend warten.

    Mittags sind doch nur Idioten unterwegs, also Touristen. Und wenn doch, dann kühlt mich der Fahrtwind wenn ich mit dem Roller über die Insel düse.

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    • Hach, lieber Tom: DAS wäre es jetzt.
      Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich auch auf dieser griechischen Insel unter der schattigen Veranda. Frappé –
      metrio, bitte – und eine eiskalte Flasche Wasser dazu. Man darf ja noch träumen!

      Und wenn alles nichts hilft, lese ich mir deine Griechenland Geschichten durch. 😉

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  3. Auch als nicht Italienerin bin ich Team Römer. Und irgendwie ist ja auch dreiviertel des Jahres alles trist, nass und kalt. Aber du dagegen hast den Vorteil, dreiviertel des Jahres auf deinen Geschmack zu kommen. Ist doch auch ein Gewinn, oder? 🙂
    Kühle Grüße aus Düsseldorf, wo es seit 16h gewittert und inzwischen gefühlt 20° kälter ist, als heute Mittag.
    :-/ 🙂

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    • Das glaube ich dir! Du bist ja Südländerin im Herzen, liebe Bea.
      So sehe ich es auch: Ein paar Wochen im Jahr kann ich mich am Riemen reißen, denn ich weiß, die restlichen Wochen und Monate des Jahres ist es genau so, wie ich mir das vorstelle.
      Ich wünsche dir ganz viel Sonnenschein und warme Temperaturen, die hoffentlich nach dem Gewitter wieder kommen – oder wahlweise einen Flug nach Lissabon! 😉Liebe abgekühlte Grüße aus Frankfurt, Eva

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  4. Ah, rein geografisch sehe ich das nicht viel anders als der Römer. Obwohl meine Grenze zum Norden der Welt natürlich etwas verschoben ist. – Da wäre die Donau.
    Und tatsächlich wer es nie die Hitze, die mich früher in irgendeiner Weise beeinträchtigte. Sondern die direkte Sonne. Denn meine Haut kommt offensichtlich von Norden, vermutlich über viele Umwege von Nordwesten (was die einst roten Haare aufzeigen konnten) her. Und wurde hier zu Markte getragen und billig erstanden.
    Nur hat sich da etwas gewandelt. Meine Haut ist nicht mehr ganz so sonnenempfindlich wie einst. Dafür vertrage ich diese stehende Hitze nicht mehr, ein Zustand, an den ich mich erst noch gewöhnen muß. Puh! Die Kinder haben ja noch Zeit, sich dran zu gewöhnen. An die Hitze, die noch kommen könnte.

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    • Ich musste sehr lachen über die zu Markte getragene und billig erstandene Haut. Sie ist doch ein ganz besonderes Stück, wenn sie die sonnenempfindlichkeit herabgeschraubt hat. 😄
      Die Hitze ist meines Erachtens aber auch unangenehmer geworden. Bei 30 Grad hatten wir hitzefrei und das kam sehr, sehr selten vor. Viel häufiger hatten wir in Oberbayern schneefrei, weil der Schulbus bei den Massen an Schnee nicht durchkam. Und ich meine, heutzutage gibt es kaum mehr schneefrei, sondern eher hitzefrei (ab… 36 Grad?).

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