Ein Gedicht von unseren Nachbarn

Es hämmert über uns. Die Nachbarn, die den ganzen Tag einen Ausflug machten, wollen doch noch ihr Tagwerk schaffen und klopfen und nageln fröhlich an ihrem Heimwerkerprojekt, das seit Mitte dieser Woche tatkräftig bearbeitet wird.

Und so fragte ich mich, wie wohl ein Gedicht von der anderen Seite aussehen würde? Welches Gedicht würden unsere Nachbarn aus ihrer Sicht zu Papier bringen. Lesen Sie hier einen meiner kläglichen, lyrischen Versuche nach:

Hämmern am Samstagabend

Samstagabend einundzwanzig Uhr dreißig

Auf die Nachbarn sch**ß ich

Ich hämmer hier und auch noch da

Ach, wie ist das Leben wunderbar

Klopf klopf Den Nagel rein

und schnell nach Schatz gerufen

Wer wird denn da schon böse sein 

und scharren mit den Hufen 

Die Nachbarn von unten 

drehen nervös ihre Runden

Das Nachbarskinde schlummert

Unser Hammer wummert

Hobbies sind wichtig

Besonders nach neun

Die Nachbarn oben, unten, links, ach die werd'n sich freuen

Ganztags mussten wir einen Ausflug machen

Schließlich waren wir mit unseren Ausflugssachen

am Badesee beim Sonne tanken

wo sich Erholung und Spaße ranken

deswegen nageln wir so spät

auch wenn unser Nachbar beinahe fleht

dass das Kinde ruht in seinem Bette

Lang schläft's so eh nicht 

Jede Wette!

22 Uhr - Das Werk ist vollbracht

Signorino von unten ist gerade erwacht

Ach wie schön kann Handwerk sein

Spätabends hauen wir den Nagel rein. 

Wir klopfen, hämmern, pochen, schlagen

Soll das Gewissen etwa an uns nagen?

Die Antwort lautet natürlich "Nein"

Gewissen - was soll das sein?

It’s not easy, but we make it look easy.

New York, Flughafen John F. Kennedy, irgendwann im Jahr 2017. Abflug 21:50 Uhr Ortszeit. In Deutschland ist es 03:50 Uhr morgens.

Ein gut gelaunter Stationsleiter kommt vom Upper Deck einer Boeing 747-8 ins Maindeck nach unten, scherzt mit uns und flötet „Problem solved. Der Gast auf 82 C ist jetzt auf 83 C. War ein double seating. Kann passieren.“ Er lächelt sein strahlend weißes Lächeln. Wir lächeln zurück. „It’s not easy.“, antworte ich und gähne in meine Armbeuge. Dann begrüßen wir die letzten beiden Gäste, die müde, mit einem Nackenhörnchen um den Hals ins Flugzeug schlurfen. „Darling, it’s not easy. But we make it look easy.“, antwortet Sam, der Stationsleiter. Dabei täuscht er eine Pirouette an und vorbeugt sich. Wir grinsen, obwohl wir gerade alle lieber schlafen oder bei unseren Lieben auf der heimischen Couch sitzen würden. „So, hier kommt der Abschluss. 7 Passagiere vorne in der First, 80 in der Business und 276 hinten in der Economy. Full house. Good luck, guys! Ihr könnt die Türe schließen.“ Meine Kollegin schließt die Türe 2L. Die Kabinenchefin gibt übers Cabin Interphone ihr Kommando „Cabin crew, all doors in flight.“ Wir stellen unsere Türen um. Let’s go!

An den Satz „It’s not easy, but we make it look easy.“ musste ich denken, als Ver.di zum Streik der Bodenmitarbeiter einer deutschen Fluglinie aufrief. Als ich den einseitigen Meinungsbeitrag von Alexander Hagelüken in der Süddeutschen Zeitung las, musste ich schon sehr schlucken. Verständnisheuchelnd beginnt er seinen Artikel, um dann die ganz große Keule herauszuholen. So fragt er „Ist es wirklich nötig, Urlaubern am Mittwoch diesen zusätzlichen Chaostag zu bescheren?“

Lieber Herr Hagelüken, die so kurze wie einfache Antwort lautet: Ja, ist es.

Sie sind Journalist. Werden Sie regelmäßig mit Polizeischutz in den Feierabend begleitet, weil die Nerven mancher Passagiere Leser:innen so dermaßen blank liegen, dass sie handgreiflich werden? So handgreiflich, dass sie den Kopf eines Bodenmitarbeiters nehmen und ihn mit voller Wucht gegen einen Check-In-Automaten schleudern, so dass der Bodenmitarbeiter daraufhin seinen Feierabend im Krankenhaus beim Platzwunden-Nähen verbringt? Rät Ihnen Ihr Arbeitgeber, besser Turnschuhe zur Uniform zu tragen, damit Sie notfalls schnell davon laufen können? Werden Sie tagtäglich angeschrien, obwohl Sie für die Flug-Ops absolut nichts können? Machen Sie trotzdem Ihren Job mit einer Engelsgeduld, behalten Sie Ihre Nerven, atmen lieber zwei, drei Mal tief durch und gehen dann trotzdem tagtäglich zum Dienst? Ziehen Sie sich erst an Ihrer Arbeitsstelle Ihre Uniform an, weil Sie Angst haben, auf dem Weg zur Arbeit nicht nur verbal angegangen zu werden, wenn die hiesigen Sommergewitter mal wieder dafür sorgen, dass eben keine Maschine mehr aus Frankfurt herausfliegen dürfen?

Lieber Herr Hagelüken, die Gedanken sind frei. Meinungen sind es auch. Aber bitte informieren Sie sich doch vorab, wie es wirklich hinter den Kulissen ausschaut. Dafür brauchen Sie weder Interviews mit Bodenmitarbeiter:innen führen, noch die Presseabteilung der Fluggesellschaft bemühen. Setzen Sie sich einen Tag an den Flughafen, gerne an den Flughafen Frankfurt Rhein-Main-Airport, beobachten Sie, hören Sie einfach nur zu. Mehr braucht es nicht, um sich ein Bild der katastrophalen Situation und der unglaublichen Leistung der Bodenmitarbeiter:innen zu machen. Und dann, lieber Herr Hagelüken, wäre Ihre Meinung vermutlich eine andere.

Lassen Sie sich dabei vom schönen Schein des Bodenpersonals nicht täuschen, aber zeigen Sie zumindest Verständnis dafür, dass die Bodenmitarbeiter:innen schlichtweg nicht mehr können. Die Geschäftsleitung hört Ihnen nicht zu, denn das Problem besteht nicht erst seit gestern, sondern seit Monaten. Als ich noch regelmäßig in Frankfurt flog, waren die anstrengendsten Tage, die der Sommergewitter oder des Wintereinfalls. In diesem Jahr ist jeden Tag Sommergewitter und Wintereinfall zugleich. Wie sollen sich die Bodenmitarbeiter:innen denn Gehör verschaffen, wenn Sie nicht da treffen, wo es weh tut und wo die Presse gezwungen ist, darüber zu berichten?

Der Stationsleiter in New York hatte damals sehr recht als er sagte „It’s not easy. But we make it look easy.“ Doch wenn man es nicht einmal mehr einfach erscheinen lassen kann, dann muss gehandelt werden, denn so sind die Zustände untragbar.

Zusammengestöpseltes – Samstag

[Zusammengestöpseltes vom gestrigen Samstag]

Zum vierzigsten Mal an diesem Vormittag singt Anna Caterina Antonacci im Royal Opera House „Habanera – L‘amour est un oiseau rebelle“. Natürlich tut sie dies nur in unserem Fernseher im heimischen Wohnzimmer, denn sonst wäre die Oper Carmen furchtbar langweilig, wenn sich die immer gleiche Szene wieder und wieder genau so abspielen würde.

Doch würde es nach mir gehen, wäre auch eine gewisse Variation der Lieder wünschenswert. Aber es geht nicht nach mir. Das Kind bestimmt die Musikauswahl und darf es das nicht, heult es so lange und intensiv, dass sie von der elterlichen Musikauswahl eh nichts mitbekommen würden. Nachdem wir seit Monaten die Kinderliederklassiker der Blondgelockten und ihres Mannes hören, versuche ich vereinzelt ein paar andere Musikeinflüsse in die Kinderlieder-Monotonie zu streuen. Heute gelang es und so hören wir eben zum zigsten Mal, wie die Antonacci den rebellischen Vogel namens Liebe die Sprunghaftigkeit in die Schuhe schieben will.

Aber beschweren möchte ich mich nicht. Am gestrigen Freitag hörten wir in Endlosschleife „Bella Ciao“. Auch das Kind kann schon mitsingen, nennt den armen Partisanen aber immer „parmigiano“, Parmesan. Und wenn der Parmesan sich von seiner Schönen verabschiedet, um ihr mit auf dem Weg zu geben, ihn doch bitte auf dem Berg unter dem Schatten einer Blume zu beerdigen, und dabei unser Nachwuchs auf- und abhüpft, erscheint mir die Szene doch etwas abstrus. Es ist sicher nicht Signorinos Schuld, dass die Bedeutung des Liedtextes von der feierwütigen Gesellschaft in den Hintergrund gedrängt wurde. Aber es ist seltsam mitanzusehen, wie die Privilegierteren dieser Welt diese Melodie in den Diskotheken, Bars und Clubs mitsummen.

Dann lieber Signora Antonacci, die die Flüchtigkeit der Liebe besingt.

Wie flüchtig der Liebste sein kann, möchte ich Ihnen hier erklären: Mein Mann weilt alleine (hoffentlich!) im klimatisierten Hotel in Tirana. Wie das kam? Er fantasierte mir vor einigen Wochen zusammen, dass er so gerne verreisen würde. Wie zu unseren besten Zeiten als Paar ohne Kind, nur mit Handgepäck, in ein Flugzeug einsteigen und ab nach Rom. Natürlich nur ein Wochenende. Dort würde er dann am Samstag nach Ostia fahren und abends Freunde treffen und essen gehen, dazu noch dies und das, bis er dann Sonntagnachmittag gut erholt in Frankfurt einschweben würde und gewappnet wäre für den weiteren Verlauf dieses Jahres 2022. Als fürsorgliche Ehefrau bot ich ihm an, seine Idee in die Tat umzusetzen und dies als Geburtstagsgeschenk seines Vierzigsten zu verbuchen. Nun ist dieser Vierzigste zwar einige Jahre her, aber durch Kind und Corona waren ihm die Hände gebunden.

Der Römer ist außer Haus!

Als der Plan konkreter wurde, schwenkte er doch auf Tirana um. So stand er gestern zwei Stunden am Frankfurter Flughafen bei der Sicherheitskontrolle B und wartete darauf, abgetastet und kontrolliert zu werden. Der Flug hob mit einer Stunde Verspätung ab, was momentan durchaus als pünktlich zu werten ist. Und was er dann nicht alles vor Ort erlebt hat. Als er mir abends noch ein Video schickte, wie er(!) das neue Vehikel seines Bruders durch die staubigen Gassen Kamez steuerte, dachte ich wieder daran, wie viel Gottvertrauen diese Albaner haben. Da lässt man jemanden ans Steuer seines neuen SUVs Stuttgarter Herkunft und dies geschieht selbstverständlich im Dämmerlicht der steinigen und staubigen Straßen, die noch dazu kaum bis gar nicht beleuchtet sind. Natürlich besitzt dieser Jemand, der Römer, einen albanischen Führerschein, den er vor 24 Jahren erwarb (fragen Sie nicht wie!), seitdem aber auch nur drei Mal fuhr. Ja, richtig gelesen, drei Mal. Anscheinend passierte nichts bei dieser flotten Fahrstunde in Kamez und Automatik sei „ganz einfach“ zu fahren, tönte der Römer, aber mir wurde ganz anders.

Generell bleibt noch zu sagen, dass die Zeit mit Signorino alleine sehr gut machbar war. Sogar so gut, dass ich regelrecht entspannt bin. Ich ließ aber auch Fünfe gerade sein. Beispielsweise stellte sich das Kind als Mittagessen Salzstangen und danach ein „blaue Eis“ (er meinte die Verpackung) vor. Wir diskutierten. Dazu muss ich sagen, dass Signorino generell ein sehr schwieriger Esser ist. Ich versuchte ihn also davon zu überzeugen, dass mein eben gekochter Couscous-Matsch mit Gemüse nichts anderes sei, als ein sehr kleiner Reis, aber er antwortete mir mit „Bäh“. Partout wich er nicht von eben dieser Meinung ab. Wir klapperten die üblichen Verdächtigen der Signorino’schen Nahrungskette ab: Joghurt – Bäh. Blaubeeren – Bäh. Butterbrot – Bäh. Wassermelone – ok. Hatten wir aber nicht daheim. Am Ende fragte ich mich, wozu ich mich überhaupt stressen soll. Wenn das jetzt gerade der dringende, kindliche Wunsch ist und die Ernährung am Ende des Tages ungefähr passt, dann bitte: „Lass dir deine Salzstangen und dein Schokoeis schmecken, lieber Signorino.“ Ich gab mein Okay und sah das Kind selten sooo glücklich beim Essen. Abends ließ er sich wieder auf meine normale Küche ein. Oder, um es mit den Worten der Habanera, dargeboten von Signora Antonacci zu sagen: Das Essverhalten des Kindes ist eben auch ein rebellischer Vogel.

Wegen mir bitte keinen Stress

Im ICE von Frankfurt nach München. Ich sitze in einem Ruheabteil der 1. Klasse*. Wir steuern auf Aschaffenburg zu. Ein Herr, Mitte 60, graues, schütteres Haar, hellbeige Bundfaltenhose, nussbrauner Ledergürtel, das weiße Hemd ordentlich in die Hose drapiert, marschiert laut telefonierend an meinem Abteil vorbei.

„Luisa?! Wo bist du denn jetzt um Himmels Willen? WAS? Ich versteh‘ dich nicht? Wo du bist!! Aha…Aha…“

Er legt auf. Rennt wieder an meinem Abteil vorbei. 10 Minuten vergehen. Dann geht er abermals laut telefonierend im Stechschritt an meinem Abteil vorbei.

„LUISA?!?! Ja, Schatz!! WO bist du? Ich bin in Wagen 29! NEUN-UND-ZWAN-ZIG! Genau! Ja… Aha…aha. Nu komm doch mit den Kindern in meinen Waggon!! Ach woher… das ist nicht zu weit! „

Nach fünf Minuten, die Verbindung ist schlecht, legt er auf. Wir halten in Aschaffenburg. Ich sehe ihn von meinem Fenster aus auf dem Bahnsteig stehen. Er hält Ausschau. Anhand seiner Telefonate sucht er Luisa. Als der Schaffner zur Abfahrt pfeift, springt er zurück in den Waggon 29.

Nach wenigen Augenblicken läuft er wieder geschäftig telefonierend an meinem Abteil vorbei.

„Ja, Aschaffenburg wäre jetzt deine Chance zum Umsteigen gewesen!! Mensch, LUISA! Schatz! Wo seid ihr denn jetzt? Sag doch mal Kathi sie soll ans Te…. Luisa?! [Kurze Pause… es scheint als wäre die Verbindung abgebrochen] Ah… da bist du wieder! Luisa, wo sitzt ihr jetzt genau? Aha…aha… ja, die nächste Station ist Würzburg. Hm…hm…genau. Wagen 29! NEUNUNDZWANZIG!“

Bei so viel Aufregung kriegt sogar das Ruheabteil-Zeichen Risse

Die Zeit vergeht. Er telefoniert noch zwei weitere Male mit Luisa. Dann halten wir in Würzburg. Wieder steht er auf dem Bahnsteig und schaut, von wo Luisa und die Kinder angelaufen kommen. Wieder pfeift der Schaffner zur Abfahrt. Wieder eilt der Herr in Wagen 29, der mittlerweile nichts mehr mit einem Ruhewagen gemein hat, sondern viel mehr das Flair eines Großraumbüros vermittelt, was durchaus den lauten Telefonaten des Herrn geschuldet ist.

So langsam meldet sich eine leise Ahnung, warum Luisa und die Kinder Schwierigkeiten haben, Wagen 29 zu finden.

Abermals eilt das Perpetuum Mobile von Wagen 29 an meinem Ruhe(!)-Abteil vorbei:

„LUISA! Was war denn jetzt los?! Ihr seid ja wieder nicht… Luisa? [Die Verbindung scheint mal wieder unterbrochen, obwohl ich mittlerweile nicht mehr an Funk-Probleme glaube] Ah! Ja! Ja! Luisa! Wo seid ihr denn jetzt? Hm… Ja, nun kommt doch…. Genau, Nürnberg ist der nächste Halt. Da könntest du mit den Kindern zu mir wechseln. Wagen NEUN-UND-ZWAN-ZIG! 29! Genau! Wie, das lohnt sich nicht mehr?! LUISA? [wieder ein „Verbindungsproblem“, wie es scheint] Ah… ja… nu Stress dich doch nicht!!! Wir sind doch im Urlaub!! Nein, nein, wegen mir müsst ihr nicht den Waggon wechseln. Dann setz ich mich jetzt ganz entspannt hin und wir sehen uns in München. Genau! Bleibt da sitzen, wo ihr seid. Ganz ohne Stress soll unser Städtetrip beginnen. Macht euch eine schöne Fahrt, auch wenn wir nicht zusammen sitzen. Wir sehen uns dann in München! Luisa??“

Nach der ganzen Aufregung bin ich fix und fertig. Ich wünschte, ich wüsste, in welchem Wagen Luisa und die Kinder sitzen, um einfach mal meine Ruhe haben zu können.

*Wahnsinn, oder? Ich fühlte mich wie Gottes Geschenk an die Menschheit!

EinsKommaNull

So viel sind Ihre Daumen in Zahlen wert: Einen Schnitt von 1,0 oder 96,6 Punkte.

Tausend Dank für Ihre Unterstützung! Sie waren ganz großartige Glücksbringer und haben mich durch die Prüfung „Medienkonzeption und -recherche“ förmlich schweben lassen.

Und bei der nächsten Prüfung schaffen wir die fehlenden 3,4 Punkte auch noch, oder?

Land der Dichter und Denker

Land der Dichter und Denker

Morgens in der S-Bahn. Signorino und ich fahren zur Kita. Wir setzen uns in die linke Vierer-Sitzgruppe, in dem ein junger, schmaler, sehr intellektuell wirkender Mann ein dickes Buch liest. Als er uns, oder viel mehr Signorino bemerkt, reißt er die Augen panisch auf. Er geht wohl davon aus, dass mein Sohn laut krakelnd seine Ruhe stören will. Doch Signorino ist ein S-Bahn-Profi und weiß sich zu benehmen. Als mein Nachwuchs beinahe flüsternd bemerkt, dass wir jetzt in einen Tunnel fahren, entspannen sich die Gesichtszüge des Intellektuellen. Er hat verstanden, dass Signorino kein Stimmungsmacher ist. Also keine Gefahr für die morgendliche Ruhe in der S-Bahn.

Wir rollen am Hauptbahnhof ein. Ein Typ steigt ein. Neongrünes Oberteil, beige Cargo-Hose mit vielen Schnallen und Verschlüssen. Kurz geschorene, mittelblonde Haare. Alles an dem Mitreisenden schreit. Der erste Eindruck lässt mich erahnen, dass nicht nur sein Kleidungsstil schrill ist, sondern auch alles andere an dem neuen Mitreisenden. Doch vielleicht mag das täuschen. Höflich ist er auf alle Fälle, denn er bedankt sich, als eine ältere Dame mit grauem Pagenschnitt ihre weinrote Handtasche auf ihren Schoß hebt, um für den Herrn einen Sitzplatz zu schaffen. Dass seine Stimme dabei laut und dröhnend ist, bemerke ich zwar, will aber meinem ersten Eindruck noch nicht gleich nachgeben.

Nur der schmale S-Bahn-Gang trennt uns jetzt noch von diesem Mitmenschen. Gerade fahren wir an der Taunusanlage ein, als Signorino leise bemerkt, dass vom Bahnsteig ein Aufzug mit Leuten nach oben schwebt. Ich gebe ihm recht und erkläre ihm mit gedämpfter Stimme, dass der Aufzug die Leute nach oben und unten befördern kann und, mit Blick auf die Anzug- und Kostümträger:innen im Aufzug, weise daraufhin, dass sie zur Arbeit müssen. Der schrille, junge Mann in der Vierersitzgruppe neben uns pult indessen sein Handy unter lautem Stöhnen und Seufzen aus der Hosentasche.

Endlich hält er es in der Hand. Ein paar Mal wischt er lustlos darauf herum, dann stellt er die Musik an. Natürlich ohne Kopfhörer dafür zu benutzen. Blecherne Balkanmusik wird von seinem Mobiltelefon in höchster Lautstärke herausgewürgt. Die Sängerin winselt wehleidig zu den Bässen und Klängen.

Alle Köpfe der um ihn herumsitzenden Mitfahrer:innen schnellen ruckartig zu ihm und fixieren ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er bemerkt es nicht.

“Jetzt Sommermusik.”, kommentiert er laut. Wir Übrigen gucken uns irritiert an. Keiner sagt etwas. Brasilianische Funk-Klänge wummern durch den Waggon. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha. Um-tscha-tscha-um-tscha-tscha.

Ein älterer Herr, Hesse vermutlich, geht an uns vorbei. “Sin wa hier an da Copacabana oder was?”, spricht er im Vorbeigehen. Wir grinsen. Unser Mitreisender ignoriert den Kommentar. Als selbst ernannter S-Bahn DJ braucht man eben höchste Konzentration für das, was man tut.

Die junge Frau im Sommerkleid, die ihm gegenüber sitzt, steht genervt ausatmend auf und lässt sich auf einem Sitz am Ende der S-Bahn nieder. Ich blicke ihr nach und werde wütend. Nicht auf die junge Frau, sondern, dass einer sich das Recht herausnimmt, morgens die ganze S-Bahn zu terrorisieren. Eines der ungeschriebenen Gesetze ist es, dass morgens in öffentlichen Verkehrsmitteln absolute Ruhe zu herrschen hat.

Wir fahren an der Hauptwache ein. “Gelb.”, erklärt mir Signorino und meint damit die gelben Wandpanellen der Hauptwache.

“Jetzt lustige Musik.”, stimmt uns unser DJ auf den nächsten Kracher in seiner Playlist ein. Wieder sagt niemand etwas. Die ältere Dame neben ihm verdreht die Augen. Doch jetzt platzt mir der Kragen. Dafür war ich zu lange Flugbegleiterin, als dass ich jetzt meine Klappe halten könnte.

“Also, entschuldigen Sie mal bitte. Ich glaube, es hakt! Wir befinden uns hier im Land der Dichter und Denker. Und wissen Sie, wie es dazu kam? In dem Ruhe herrschte. Ab-so-lu-te Ru-he! Meinen Sie, irgendjemand kann dichten und denken bei dieser scheppernden Musik? Also bitte, verschonen Sie uns mit Ihren DJ-Künsten.”

Die Leute grinsen. Der Kerl will gerade antworten, da heißt es hinter uns: “Sie haben gar keine Maske auf! Das macht dann 50,-€, bitte.” Zwei Kontrolleure stehen bei einem jungen Mann im Anzug. “Oh, aber … hm… heute musste es schnell gehen.”, antwortet dieser. “Helmut, die Ausrede habe ich ja noch nie gehört.”, witzelt der eine Kontrolleur mit dem anderen. Der grinst. Zum jungen Anzugträger gewandt, wiederholt er noch einmal: “50,- € kost Sie die Maskenfreiheit im Zug, der Herr.”

Unser DJ wird blass. Auch er hat keine Maske auf. Wie von der Tarantel gestochen läuft er bis ans Ende des Waggons. Die „lustige Musik“, die er uns gerade eben noch ankündigt hat, begleitet ihn und an der nächsten Station springt er aus der S-Bahn. Ruhe! Endlich Ruhe!

Nur das Kind singt leise ein Lied seiner Lieblingsserie “Bohnentoast bing! Bohnentoast bong! Bohnentoast bingedibangedibung!”.

Einkommensnachweis

Das Verfahren, den Römer zum Germanen zu machen, läuft seit Oktober 2020. Wann immer sich das dafür zuständige Regierungspräsidium bei uns meldet, ist der Gatte schon flattrig im Hausflur. Noch im Lift reißt er den amtsgrauen Umschlag auf und sobald er die Türe aufgesperrt hat, ruft er bereits im Wohnungsflur „Amore, quelli del passaporto mi hanno mandato una lettera.“ [Schatz, die vom Pass(amt) haben mir einen Brief geschickt.]

Nach meiner obligatorischen Frage, was in dem Brief stehen würde, kommt das ebenso obligatorische Schulterzucken. „Beamtendeutsch.“, antwortet der Römer resigniert und drückt mir den Brief in die Hand. Sogleich setze ich mich hin und lese mir den Brief durch.

Doch es geht immer nur um eines: Mehr Unterlagen. Diese sollen gerne vorbeglaubigt, ganz beglaubigt, übersetzt, apostilliert, gestempelt, unterschrieben, vom Notar eigenhändig verpackt, zugeklebt, beschriftet und auf einer weißen Stute, die nicht älter als 5,4 Jahre alt ist bei Vollmond überbracht werden.

Am Ende des ersten Briefes stand der Zusatz:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Auch den Ihrer Ehefrau.“

Das taten wir natürlich. Die Monate verstrichen. Alle Unterlagen waren wie vorgegeben eingereicht. Ein neuer Brief flatterte ins Haus. Selbe Szene. Das Regierungspräsidium habe die Unterlagen geprüft und sie würden die Unterlagen nun zu allen relevanten, staatlichen Instanzen weiterleiten. Am Ende des Briefes wurde noch vermerkt:

„Bitte legen Sie einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre zuletzt eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

Wir machten einen Termin im Bürgeramt aus, ließen erneut Einkommensnachweise beglaubigen und schickten sie nach Darmstadt. Die Zeit verstrich. Ein neuer Brief des Regierungspräsidiums erreichte uns nach Monaten. Dieser teilte uns mit, dass der Römer einen germanischen Pass bekommen könne, solange sein Herkunftsland ihn aus der jetzigen Staatsbürgerschaft entlassen würde. Am Ende stand der obligatorische Satz:

„Bitte legen Sie zu den geforderten Dokumenten einen aktuellen, beglaubigten Einkommensnachweis bei. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihre eingereichten Einkommensnachweise zurück.“

„Ma che cavollo! [Aber was für ein Unding!] Wie viele denn noch?“, wollte der Mann von mir wissen. Ich zuckte mit den Schultern. „Ist halt so.“, sprach ich. Was soll ich mich auch aufregen? So sind die Regeln für Passanwärter in diesem Land.

“Produziert in Albanien.” kann eben auch manchmal eine Bürde sein.

Ein paar Tage verstrichen. Mein Mann schrieb mir eine Nachricht und schickte mir ein Foto der wöchentliche Einkaufsliste weiter. Er fragte, ob ich nach der Arbeit einkaufen gehen könne.

Ich schrieb zurück: „Nach ausführlicher Prüfung der Einkaufsliste, bitte ich um einen aktuellen Einkommensnachweis. Den Einkaufszettel der letzten Woche schicke ich Ihnen zu meiner Entlastung zurück.“

„Non fa ridere.“ [Das ist nicht lustig.], antwortet der Mann trocken.

Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen.

Ihr/e Hausarzt/-ärztin schreibt nicht hieroglyphisch

Nun habe ich das Thema unitechnisch so lange aufgeschoben, dass ich es jetzt wohl oder übel bearbeiten muss: Typografie – Schrift entdecken.

Mein erster Impuls als Gewohnheitstier war natürlich, dass ich gar nichts entdecken möchte, da nicht jede Entdeckung unbedingt positiv ist. Zu oft, vielleicht kennen Sie das, entdeckte ich etwas negatives, weswegen ich gut und gerne auf neue Entdeckungen verzichten kann. Doch leider, leider hilft das ganze Jammern und Lamentieren nichts – diese Schriften möchten von mir entdeckt werden, sagt die Universität.

Und dabei ist mir etwas ganz erstaunliches eingefallen. Mein Kopf neigt (gerade bei diesen heißen Temperaturen) gerne dazu, abzuschweifen und sich selbstständig zu machen, während ich versuche, ihn zu knebeln und Wissen in ihn zu zwängen. Es ging in meinem Skript-Text altägyptische Hieroglyphen, bei denen mir zuerst die Schrift meines Hausarztes in den Sinn kam, wenn er irgendetwas aufschreibt. Vermutlich haben Medizinstudent*innen im Laufe ihrer Universitätskarriere das Modul „Altägyptische Hieroglyphen – Rezepte und Botschaften richtig schreiben mit der Hand“, das eben so beliebt ist wie mein Typografie-Modul. Doch dort lernen sie nicht hieroglyphisch, wie es vom gemeinen Fußvolk gerne angenommen wird, sondern meines Erachtens demotisch.

Denn, und hier kommen wir zum springenden Punkt, es gibt drei verschiedene Hieroglyphen-Stile.

Da wäre der hieroglyphische Stil mit Abbildungen von Pharaonen, Adlern, Sphinx und Co. Er war der erste Stil, der sich entwickelte. Die Anfänge können auf ca. 2900/2800 v. Chr. datiert werden. Um ca. 500 – 100 v. Chr. verschwand die Hieroglyphenmalerei.

Dann gibt es den hieratischen Stil, der sich parallel zum hieroglyphischen Stil ab ca. 1900 v. Chr. entwickelte und als „starrer, monumentaler Repräsentationsstil“ bezeichnet werden kann. Um 400 v. Chr. entwickelte sich der demotische Stil, die Alltagsschrift, welche bis 100 v. Chr. benutzt wurde. (Quelle: Brockhaus 1992, S. 65)

Da ich mir geschriebene Jahreszahlen schlecht vorstellen kann, dachte ich mir, ich bastle uns einen Zeitstrahl.

Aber wie sehen sie aus, diese hieroglyphischen, hieratischen und demotischen Stile? Sehr schön fand ich diese Grafik, in der der Unterschied gut zu erkennen ist. Wenn Sie sich diese genau anschauen, werden Sie merken: Ihr Hausarzt/-ärztin schreibt gar nicht hieroglyphisch, sondern eher demotisch. Manche sicher auch hieratisch, aber hieroglyphisch, nein, so schreibt wirklich kein Arzt/keine Ärztin.

Falls Sie zu diesem Thema etwas ergänzen wollen, weil Sie es ganz genau wissen, zögern Sie nicht und klären Sie mich auf. 🙂 Wie immer bin ich um jeden Impuls dankbar.

Das Beitragsbild zeigt übrigens die gut leserliche „römische“ Schrift. Mein Gatte wünschte mir viel Glück für die Prüfung letzte Woche.

Bums! Aus! Ende!

1000 Dank für all Ihre gedrückten Daumen!

Endlich Licht am Ende des Prüfungstunnels. Zumindest für den Moment.

Die Prüfung lief phänomenal. So phänomenal, dass ich in einer halben Stunde – angesetzt waren 90 Minuten – fertig war und die ganze Zeit dachte „Und dafür habe ich monatelang gelernt? Für diese 20 Scherzfragen?“. Nennen Sie es Überheblichkeit, aber tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass die Fragen sehr an der Oberfläche kratzten.

Wie dem auch sei: Lieber so, als eine Prüfung, die mir die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Und sollten Sie Fragen zum Informantenschutz, zur Mediengeschichte, zu einem Treatment oder Abstract haben, melden Sie sich gerne. Auch auf die Frage, warum die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bei Presse- und Rundfunk beinahe nicht greift, kann ich Ihnen antworten. 😉

Und da ich bei jedem Studien-Modul etwas mitnehme, teile ich dieses Zitat mit Ihnen:

In den Nachrichtenmedien wird die Wirklichkeit nicht einfach widergespiegelt, sondern konstruiert.

Beck, K. (2014) Soziologie der Online-Kommunikation. , S. 184ff.. Springer VS, Wiesbaden

Nächtliche Ruhestörung

Es ist Samstag, 23:30 Uhr. Unser Sohn sollte eigentlich schlafen und würde das auch gerne tun, nur über uns herrscht Partystimmung. Es hört sich an als würden wir unter einer Wild-West-Kneipe leben. Schrille Damen-Jauchzer, Gelächter, Trappeln, Klatschen und lautes Gerede halten unseren Sohn wach.

Irgendwann reißt meinem Gatten der Geduldsfaden und er stapft hoch. Wütend klingelt er, ganze vier Mal. Ich weiß es so genau, da ich das Klingeln in unserer Wohnung hören kann. Unsere Nachbarn und ihre Partytruppe können es nicht hören. Dann pocht er mehrmals laut gegen die Tür. Die Nachbarin schreit „Schahaaaatz! Schahatz!“ durch das Gegröhle und Gestampfe der sich amüsierenden Meute. Bei ihrem Organ höre ich auch das glasklar. Schahaaatz anscheinend auch, denn er öffnet gut gelaunt die Türe, erzählt mir der Römer später.

Unmissverständlich macht mein Gemahl dem Nachbarn klar, dass unser Sohn um 23:30 Uhr gerne schlafen würde.

Dieser antwortet irritiert, mit seinem eigenen einjährigen Nachwuchs auf dem Arm: „Aber wir machen doch gerade eine Party!!!“

Ein bisschen Zoff gabs‘s schon

Ja, und genau das wäre das Problem, antwortet der Römer. „Oh.“, sagt der Familienvater überrascht und fragt sicherheitshalber nochmal beim Römer nach: „Das heißt, wir müssen jetzt leiser sein, oder?“

Der Römer, so wird er es mir später berichten, nickt langsam und mit irritiert zusammengekniffenen Augen. Dann wünscht er den Nachbarn eine geruhsame Nacht und macht auf dem Absatz kehrt.

Als er mir die Geschichte erzählt, pruste ich (leise!) los. Nein, die hellsten Kerzen auf der Torte sind unsere Nachbarn sicher nicht. Aber unterhaltsam sind sie allemal.