Gute Aussichten

Wissen Sie, welches Bild sich mir bietet, wenn ich aus dem Fenster blicke, während ich auf dem Sofa liege wie eine französische Muse, die nur darauf wartet von einem aufstrebenden Künstler gemalt zu werden?

Ahornbäume und viel Himmel. Ist das nicht bezaubernd? Davor starrten wir auf Betonklötze und parkende Autos. Und nun das!

Wenn Sie genau hinsehen, erspähen Sie auf dem Fensterbrett auch die Wasserwaage und die zusammengeknüllten Vorhänge, die nur darauf warten, an der Wand zu wirken. Doch einen Augenblick müssen sie sich noch gedulden, schließlich brauchen auch wir eine kleine Pause.

Haben Sie einen feinen Samstag! Und wenn Sie in den Baumarkt fahren: Lassen Sie mir bitte etwas Wandfarbe übrig. Schließlich muss die „alte“ Wohnung renoviert werden und da der Römer ab Montag wieder Vollzeit ackert und ich mehr Zeit zu haben scheine, bin ich wohl an der Reihe, die Wohnung zu tünchen.

Ein kurzes Hallo aus der neuen Wohnung

Wir stehen morgens auf und fallen nach Mitternacht ins Bett. Eine traumlose, unruhige Nacht später wachen wir wieder auf und alles beginnt von vorne.

Doch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist: Seit gestern Abend haben wir kein Warmwasser mehr.

Heute früh versuchte ich kalt zu duschen. Wirklich! Ich versuchte es mit ganzem Einsatz, aber ich kam nur bis zum Knie. Mehr schaffte ich nicht. Also wusch ich mich mit einem Waschlappen und benutzte Trockenshampoo. Wenn das Wasser morgen immer noch nicht warm wird, dann fahren wir in die alte Wohnung und duschen im Dunkeln, denn die Lampe ist bereits abgeschraubt im Bad.

Heute waren wir im Möbelhaus mit Signorino. Das war gut – bis er im 2. Möbelhaus wie irre durch die Gänge gelaufen ist. Wenn nur ein Elter gucken kann und der andere dem Nachwuchs hinterher jagt, ist die Exkursion etwas witzlos. Stühle fanden wir dennoch. Wir konnten getrennt voneinander Probe sitzen. Einer saß, schrie dem anderen bei der Signorino-Übergabe die für gut befundenen Stühle zu und der andere testete, während Elter Nummer 1 mit dem Kind in die Badabteilung rannte und mehrmals verbot, Schranktüren aufzureißen und Klobürsten zu klauen.

Vermutlich fiel deswegen das Mittagsschläfchen bei den beiden männlichen Farnientes sehr lange aus. Indessen nutzte ich die Zeit und meldete den Sohn in hiesigen Kitas. Ich war vor unserem Umzug fest davon überzeugt, dass ich ihn in der jetzigen Kita lassen möchte, doch da ahnte ich noch nicht, dass ich jeden Tag zwei Stunden im Auto sitze, um das Kind von einem Ende der Stadt ins andere Ende zu kutschieren.

Immerhin ein Lichtblick: Morgen kommt unsere Waschmaschine an. Das heißt, ich muss doch nicht auf das Ballkleid zurückgreifen, weil ich sonst nichts mehr zum Anziehen habe. Hoffen wir, dass das alles so klappt.

Manche stellen Kaffee, Wasser oder Softdrinks in den Getränkehalter. Wir transportieren so das Olivenöl.

Parkwächter Krause

Flott fahre ich durch die Toreinfahrt in unseren lang gezogenen Innenhof, der sich an unseren neuen Wohnkomplex schmiegt. Vorbei an den Kombis und Kleinwagen, parke ich in meinem eigenen Winkel, der locker für zwei Autos reichen würde. Dieser Parkplatz, linker Hand begrenzt vom Zaun zu den Nachbar-Mülltonnen und rechter Hand von der Tiefgarageneinfahrt umschlossen, ist ein wahrer Glückstreffer. Schwungvoll steige ich aus. Der Römer, mindestens genauso schwungvoll, schnallt bereits Signorino ab. Neben mir, auf Höhe der Knie, taucht ein kahl geschorener, birnenförmiger Kopf auf. Ich gucke nach unten, denn das Grundstück der Nachbar-Wohnanlage liegt etwas tiefer. “Guten Tag.”, grüße ich den mich musternden Kopf und schnappe mir rasch meine Handtasche. “Morsche! [Guten Morgen!]”, antwortet der glatzköpfige Mitfünfziger auf Hessisch, dessen enges, schwarz-weißes Leibchen sich um seinen ausladenden Bauch dehnt und streckt.

Ein Hinweis vorab: Gerne können Sie den Dialog auch auf dem Dialekt Ihrer Wahl, der am besten zu einem Parkplatz-Hilfssheriff passen würde, lesen. Im Original spielte er sich auf Hessisch ab, wobei mein Teil auf Hochdeutsch gesprochen wurde:

Parkwächter Krause (PK): Wohnen Sie hier?

Ich: Ja.

PK: Ist das Ihr Parkplatz?

Ich: Ja.

PK: Haben Sie den gemietet?

Ich: Ja.

PK: Das heißt, Sie zahlen dafür?

Ich (mittlerweile etwas verwirrt von diesem überraschenden Verhör): Ähm… ja.

PK: Gut, weil ich würde Ihnen raten, dass Sie an der vorderen Wand Ihres Parkplatzes so ein KFZ-Schildchen anbringen, dass das auch wirklich Ihrer ist. Sonst parkt jemand anderes auf Ihrem Parkplatz und dann gibt’s sicher ein großes Geschrei.

Ich: Ein Nummernschild meinen Sie?

Er: Ja, genau.

Ich: Ok, danke. Heute ist unser erster Tag hier. Aber ich erledige das gerne in den nächsten Tagen.

PK: Ja, nur, weil Ihre… also die [sucht das passende Wort] Vor… die Vormenschen, die Ihren Parkplatz vorher hatten, also die, mit dem metallic-blauen Mazda Mx3* mit dem Kennzeichen MG – AB 1234 , die haben ein Mal den Ärger gehabt und deswegen sind wir hier alle vorsichtig geworden!

Ich (erstaunt, dass er das Autokennzeichen der Vormieter, den Autotyp und die Farbe auswendig weiß, während ich mehrere Minuten und absolute Ruhe brauche, um mich an all diese Details meines eigenen Autos zu erinnern – ich nicke langsam): Ja… das verstehe ich.

PK: Ja, nicht dass sie mit Ihrer 5 Meter Kutsch’ keinen Parkplatz finden. Dann ist das Geschrei groß.

Ich (lächle gequält): Das stimmt.

PK: Ich will Sie auch zu nichts nötigen. Weil MIR ist das vollkommen egal (zeigt auf sich und winkt ab), ob Sie jetzt ein Schildchen dranschrauben oder nicht. Aber es kann passieren, dass jemand anderes ansonsten auf Ihrem Parkplatz parkt, weil der das nicht weiß und dann denkt “Ah, der ist frei!”, weil Sie eben kein Schildchen angebracht haben!

Ich: Ja, da haben Sie recht.

PK: Wie gesagt, MIR ist das ganz egal. Ich sag’s Ihnen nur.

Ich: (schaut sich auf der Parkfläche um; jeder einzelne Parkplatz ist mit Schildern markiert) Ja… ähm…danke.

Wir entfernen uns vom Auto. Der Römer zeigt auf die Schilder-Allee und lacht: “Die Predigt hält der wohl jedem neuen Mieter.”

Schild: “Bekannt aus dem Internet” – Ob ich diese Schildaufschrift wählen sollte?

*keine Werbung, aber Sie ahnen es: Ich muss es als solche kennzeichnen.

Der Freitagsrapport | KW30

Besonders gefreut

habe ich mich über den netten Nebeneffekt meines Aufrufes letzte Woche. Sehr viele, überaus nette Leser haben mir geschrieben wie denn das Passwort lauten würde. Es freut mich immer über die Maßen, Sie kennenzulernen und von Ihnen zu lesen, da Sie zwar mich kennen, aber ich Sie (ab und an) überhaupt nicht. Sollten Sie ein Anliegen, einen Wunsch oder gerne auch Kritik haben, zögern Sie nicht und schreiben Sie mir gerne. Ich versuche so schnell wie möglich und in ganzen Sätzen zu antworten. Sollte doch einmal ein krüppeliger Halbsatz dabei sein, sehen Sie es mir nach. Vermutlich brauchte Signorino meine Aufmerksamkeit und ich (oder er) drückte bereits auf Senden.

Tag-Wach-Rhythmus

Ja, Sie lesen richtig. Wir haben momentan keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, sondern einen erkältungsbedingten Tag-Wach-Rhythmus, was viele Vorteile hat. Beispielsweise können Sie uns mitten in der Nacht anrufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind wir gerade wieder zum x-ten Mal wach geworden, weil die kleine Schnupfennase brüllte, denn eben dieses Riechorgan macht ihm (und uns) die Nächte zur Hölle. Sollten Sie ernsthaft darüber nachdenken, uns nach 2 Uhr anzurufen, dann beachten Sie bitte, dass sich unsere Laune nicht gerade im witzig-spritzigen Bereich befindet. Aber erreichbar wären wir, ja.

Danke! Ihnen auch eine erholsame Zeit.

Am letzten Freitag holte ich Signorino von der Kita ab, bevor diese für zwei Wochen ihre Tore schloss. Sommerferien! Als wir uns verabschiedeten, wünschte ich den beiden Erzieherinnen eine erholsame Zeit. Die Antwort der beiden Damen darauf war: „Danke, Ihnen auch!“ So gerne ich mein Kind habe, aber erholsam ist es nicht, wenn er von früh bis spät daheim ist, ohne Spielkameraden. Meist steht er schon nach dem Aufstehen im Schlafsack an der Wohnungstür und will raus. Dann lässt er das Frühstück irgendwie über sich ergehen und steht dann im Body schon wieder vor der Wohnungstür. Da die Außentemperaturen zwar warm sind, aber nicht so warm, als dass der Südländer-Germanen-Mix einfach so aus der Türe marschieren könnte, lässt er sich unter lautem Zetern ein T-Shirt und eine Hose anziehen. Die Sandalen holt er dann schon selber, während ich hastig in einen Frühstückskeks beiße. Und wehe, Sie melden an, dass Sie noch ganz kurz auf Toilettchen möchten. Dann geht die Sirene erst richtig los. Nach zwei Stunden, in denen wir meist einkaufen und dann auf den Spielplatz gehen, kehren wir heim. Signorino steigt aus dem Buggy, nur um zwei Minuten später wieder im Buggy zu sitzen und damit zu zeigen, dass dieser Ausflug zwar nett war, aber noch lange nicht genug. Ich koche daraufhin etwas, dass er garantiert nicht mag, dies aber noch vor zwei Tagen begeistert verschlungen hat. Er zerlegt währenddessen das Wohnzimmer oder malt sich mit Wundschutz-Creme (die garantiert unerreichbar war, er sie aber doch irgendwie zu fassen bekam) das T-Shirt voll. Dann esse ich. Angewidert guckt er jeden Löffel an, den ich ihm anbiete. „Danke, aber nein, danke!“, scheint er zu denken. Stattdessen bleibt er lieber bei Wasser und Zwieback, denn das geht immer. Dann läuft er wieder zur Wohnungstür. Raus, raus, immer weiter! Stillstand ist Rückschritt, ist die Devise des jungen Herrn Farniente. Doch ich bestehe auf einen Mittagsschlaf. Nach 20 Minuten schläft er leise schnarchend, aufgrund des Schnupfens, ein und ich habe zwei Stunden, in denen ich einen gewagten Spagat zwischen administrativen Aufgaben, Studium und Blog hinlege, wobei der Blog und das Studium meist das Nachsehen haben. Nach seinem Mittagsschlaf steht Signorino auf und sein erstes Wort ist „Eis!“. Wichtig ist, dass der Buchstabe S immer gelispelt ist. Je nach Temperatur bekommt er tatsächlich ein Eis, aber meist reicht die Temperatur in unseren Breitengraden nicht aus, um daraus eine Regelmäßigkeit zu machen. Sehr zum Leidwesen Signorinos! Dann steht er, Sie ahnen es, schon wieder an der Tür. Ich ziehe ihm die Sandalen an und wir tigern los. Spielplatz – und meist noch ein anderes Ziel wie der Altkleidercontainer, wird angefahren. Nach 1,5 – 2 Stunden geht es wieder heim. 50 Meter vor unserer Wohnung fängt er bereits an, nölig zu werden und sich zu winden wie ein Fisch im Netz. Nein! Er möchte nicht heim. Wenn es nach Signorino gehen würde, würde es vollkommen reichen, die Wohnung stundenweise zu mieten und den Rest der Zeit draußen zu verbringen. Wirtschaftlich gesehen wäre der Vorschlag natürlich grandios.

Ich lasse ihn bereits im Innenhof frei und jage ihn durch selbigen. Er kichert und kriegt sich gar nicht mehr ein. Schließlich gehen wir ins Haus. Signorino brüllt. Ich versuche ruhig zu bleiben. Unter Protest ziehe ich ihm die Schuhe aus. Dann schlägt er vor, dass ein „Eis!“ vielleicht eine gute Idee wäre. „Du kannst ein Brot haben!“, antworte ich darauf, doch mein Vorschlag ist doof. Auch Banane, Joghurt und ein richtiges Abendessen findet er ebenso beleidigend für seine Gaumen. Wir warten beide sehnsüchtig darauf, dass Papa heimkommt. Erschwerend kommt hinzu, dass man in der Wohnung jedes Haustür-Öffnen hört und alle, in den Hausflur eintretenden Personen „Papa!!“ sein könnten. Leider sind sie es nicht. Stattdessen sind es gewöhnliche Nachbarn, die in den oberen Etagen wohnen und sich mühsam schnaufend die Treppe hochquälen. Sobald der Groschen fällt, dass es auch diesmal nicht Papa war, der ins Mehrfamilienhaus eintrat: Großes Gebrüll! Hämmern gegen die Haustüre. Alles blöd. Ich atme viel und lange aus. Wir gucken Bücher an. Über Seite drei kommen wir meist nicht hinaus, weil er dann schon wieder ein neues Buch bringt. Dann spielen wir mit Bausteinen, wobei meine Aufgabe ist, zu konstruieren und seine Aufgabe, alles kaputt zu machen. Immerhin macht er das mit großer Freude und lacht laut, besonders, wenn ich ein theatralisch dramatisches „OH NEIN!“ ausrufe. Irgendwann kommt Papa heim und ich denke an den Satz „Danke! Ihnen auch eine erholsame Zeit.“ der Erzieherin, die für mich eine wahre Heldin ist.

Diese Szene an der Playa Rincon würde ich als „Erholung“ bezeichnen. Aber die Meinungen gehen eben auseinander.

Es grassiert momentan in Frankfurt

…sagte die nette Apothekerin, die mich eingehend beraten hat, was Signorino an Erkältungsmittelchen nehmen sollte. Das etwas umgeht, also zusätzlich zum Dauerbrenner Corona, behauptete auch eine Freundin des Römers. In der Kita ihrer Tochter waren die meisten Kinder erkältet. Seit Mittwochnachmittag schlage ich mich mit Halsschmerzen herum, die ich mit meinen Hausmittel, Schmerzmittel und Samahan Tee in rauen Mengen, versuche einzudämmen. Am Freitag soll ich geimpft werden. Ob das was wird?

Eine schöne Szene ereignete sich außerdem in der Apotheke. Natürlich stand ich mit ausreichend Abstand zum Nebenmann. Doch ohne meine Ohren spitzen zu müssen, hatte ich das Glück an diesem Gespräch teilhaben zu dürfen.

Ein Mann, Mitte 30, betritt die Kasse neben mir. Müsste ich ihn genauer beschreiben, würde ich ihm den Titel „der ewige Student“ geben. Er trägt sein Anliegen der gut geföhnten Apothekerin, um die 50, mit katzenaugenförmiger Brille vor:

Mann [etwas stammelnd]: Guten Tag, ich brauche bitte eine Salbe. Irgendetwas gegen juckenden Hautausschlag. [kurze Pause, kratzt sich am Kopf] Für meine Freundin.

Apothekerin [nachdenklich murmelnd und dabei bereits im PC klickend]: Okay….für eine Erwachsene also…

Mann [insistiert]: Nein, nein, für meine Freundin.

Apothekerin [blickt streng über den Rand ihrer extravaganten Brille auf, mustert den Mann von oben bis unten]: Ihre Freundin wird doch schon erwachsen sein, oder?

Mann [wird knallrot]: Öhm ja.

In diesem Sinne, starten Sie gut ins Wochenende – und das hoffentlich ohne Erkältung, Hautausschlag und anderweitigen gesundheitlichen Einschränkungen.

Soziale Medien anstatt sozialer Werte

Ellen steht hinter mir an der Supermarktkasse. Neben ihr steht ihre namenlose Freundin. Woher ich weiß, dass Ellen so heißt, wie sie eben heißt, liegt daran, dass die Namenlose den Vornamen ihrer Freundin bei jedem erneuten Gesprächseinfall fast herauskreischt. Derer gibt es viele, meist aber relativ seichte, wie mir scheint. Vielleicht liegt mein vernichtendes Urteil des Gesprächsniveaus der beiden, jungen Frauen auch daran, dass ich zu einer Zeit aufgewachsen bin, in der man noch ein Festnetz Telefon mit Wählscheibe hatte. Erst 1996 hatte mein Vater ein oberschenkelknochengroßes Mobiltelefon mit einer ellenlangen Antenne. Aber ich schweife ab….Zurück zu Ellen und der Namenlosen. Letztere stellt meist ein „Boa“ vor den Vornamen Ellen, bevor sie ihrer Freundin wieder einen weiteren, wenig geistreichen Einfall mitteilen muss. Derweil schlängelt sich eine recht lange Kundenschlange vor Kasse 1 bis zu den Tiefkühltruhen, in denen der Blattspinat cool vor sich hin meditiert. Kasse 2 ist auch auf, aber auch dort akkumuliert sich eine Menschentraube samstagnachmittäglichen Ausmaßes. Mehr Besetzung des Kassenpersonals wurde für diesen Tag um 16:06 Uhr anscheinend nicht eingeplant. Wobei ich nicht unerwähnt lassen will, dass Kasse 3 bei unserem Betreten des Supermarktes hastig schließen musste. Ein probiotischer Anschlag hatte sich anscheinend vor dem Joghurtregal ereignet, weswegen der rothaarige Auszubildende, der sich bis dahin als flotter und höflicher Akteur an Kasse 3 bewiesen hatte, zum Tatortreinigen verdonnert wurde. Solche Notfälle sind in Dienstplänen vermutlich nur schwerlich einzuplanen und deswegen stehen wir hier vor der Supermarktkasse, als würden wir auf den einfahrenden Regionalzug nach Niederwalluf warten.

Mein römischer Gatte befindet sich derweil noch in der Tiefkühlabteilung, um zu verifizieren, ob unser Lieblingseis immer noch ausverkauft ist oder ob bereits ein „Restock“, wie man so schön auf frankfurterisch englisch sagt, stattgefunden hat.

Boa, Ellen!”, quietscht die Namenlose schon wieder, “Weißt du noch wie wir mal bei Insta* Werbung für dieses mega ätzende Getränk gemacht haben? Irgendwas mit Vitamin C? Boa, voll die Verarsche für die Follower, die das gekauft haben.” Die Namenlose kichert unangenehm schrill und wirft ihr langes, blondes Haar nach hinten. Ellen prustet ebenso los und klopft anerkennend auf die Schulter der Namenlosen. Ich drehe mich kurz um, um die Instagram Schönheiten zu begutachten. Hübsche Mädchen in Sport-BHs und engen Leggings mit Camouflage-Aufdruck. Ich muss zugeben, dass der Tarn-Aufdruck in der Großstadt auch absolut Sinn macht. Besonders, wenn sie so einen Quatsch bewerben und dafür Geld kassieren. Vermutlich müssen sich die beiden Schönheiten öfter vor ihren Frankfurter Followern in die Büsche flüchten, um von ihnen nicht gelyncht zu werden.

Ich rücke in der Schlangenchoreographie einen Schritt nach vorne und lege meine Ware auf das Kassenband. Signorino versucht währenddessen im Kinderwagen alle Papiertüten unter der Kasse hervorzuziehen. Er scheint ziemlich beschäftigt, als ich den Kinderwagen hektisch in die Gegenrichtung lenke und gleichzeitig mit der rechten Hand den Basilikum und drei glitschige Tüten Mozzarella aufs Band werfe. Mein Manöver gelingt. Die Papiertüten bleiben heil und an ihrem angestammten Platz unter dem Kassenband. Nur Signorino scheint mit der Situation unzufrieden zu sein und protestiert laut. Unbeirrt lade ich weitere Artikel aufs Band und beruhige Signorino.

Hinter mir rollt eine ältere Frau mit Rollator an. Sie will zwischen Ellen, der Namenlosen und mir einscheren. Der Korb des Rollators ist knallvoll. Schlaffes Möhrengrün hängt heraus. Ellen dreht ihr Sportwässerchen in der schmalen Hand und zupft sich einen Fussel von den olivgrün gemusterten Sport Leggings. “Boa, ne! Ich will nicht, dass die Alte sich hier vordrängelt. Haaaallo?! Die soll sich hinten anstellen, so wie wir!“, regt sich Ellen auf. Die Namenlose nickt eifrig. Ihre großen, goldenen Kreolen klimpern zustimmend. Dann steigt sie in das nölige Gezeter mit ein. Die beiden Instagram-Schönheiten drängen sich dicht hinter mir, damit die ältere Dame keine Chance hat, einzuscheren.

Ich stolziere zum Anfang meiner Einkäufe auf dem Band und schiebe sie mit dem Warentrenner auf einen Rutsch nach hinten, so dass nun eine große Lücke zwischen den Einkäufen des Vordermanns und meinen Einkäufen entstanden ist.

“Entschuldigung, die Dame?! Kommen Sie bitte vor mich. Ich habe Ihnen etwas Platz auf dem Kassenband gemacht.”, spreche ich in Richtung der älteren Dame. Dann schere ich mit dem Kinderwagen nach hinten aus und flöte ein “Sorry, ich muss mal eben die Dame vor mich lassen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was es heutzutage für seltsame Leute gibt, die gar keine Rücksicht mehr auf die ältere Generation nimmt!” Ich lächle zuckersüß unter meiner Maske und streichle Signorino über den blonden Kopf. “Was hat die gerade gesagt? Boa, Ellen?! Echt jetzt?!”, zischt die Namenlose.

Der Römer kommt angetrabt – vollbeladen mit Eis. Gefühlt verdoppelt sich unsere Einkaufsmenge gerade. “Permesso! [Entschuldigung!]”, tönt er und drängt sich an der Schlange vorbei. Dann klatscht er seine Eisladung auf das Kassenband. “Amore, das war alles im Angebot. Deswegen habe ich jetzt ein bisschen mehr genommen. Wer weiß, wann hier wieder aufgefüllt wird.“ , erklärt er mir.

Vielleicht ein guter Ratschlag für Ellen?

Ellen und die Namenlose bekommen tennisballgroße, vor Unverständnis schäumende Augen. Gleichzeitig fällt den beiden jegliche Mimik aus dem gebräunten Gesicht. Dabei wollten sie doch nur ihr Sportwässerchen bezahlen.

Hätten die beiden mal lieber auf soziale Werte als auf social media gesetzt, dann hätte ich sie selbstredend vorgelassen. 😉

*Instagram (absolut keine Werbung für diesen Verein)

Alle Wege führen nach Rom

Es war ein Monat voller Auf und Abs, voller italienischer Flüche und Beschimpfungen (seitens des Römers) und dämlichen Kommentaren (meinerseits). Doch am letzten Sonntag gab es ein Happy End, das mehr als nötig und – zugegeben – das Mindeste nach diesen entbehrungsreichen und emotionsgeladenen Wochen war.

So cool wie dieses Kissen in Saudi Arabien war der Römer nicht immer während der EM.

Alles begann am 11.06.. Gli Azzuri (ital. Nationalmannschaft) eröffneten die Fußball-Europameisterschaft im Spiel gegen die Türkei. Das geschah in keiner geringeren Stadt als Rom. Natürlich musste der Römer diesem Event, wenn schon nicht live vor Ort, dann immerhin vor dem Frankfurter Fernseher, beiwohnen. Andrea Bocelli schmetterte ein beeindruckendes „Nessun dorma“ [Niemand schläft] und Signorino, der vermutlich sein größter Fan ist, nahm diese Anweisung sehr ernst. An schlafen war nicht zu denken. Nach dem Anstoß feuerte der Römer mit all seinem Herzblut die italienische Nationalmannschaft an als ginge es um sein Leben. Doch das Verhältnis zwischen den azzuri und dem Römer war von Anfang an sehr ambivalent. In einem Moment schaute er ihnen verzückt zu. Ähnlich einer Mutter, die ihr Kleinkind bei den ersten Gehversuchen anhimmelte. Doch schon im nächsten Moment fluchte und beschimpfte er den Spieler Insigne als „Coglione„. Immobile wurde kurz darauf mit den Worten „Muoviti!!!“ [Beweg dich!] angeschrien. Ich, absolut uninteressiert an sämtlichen Fußballspielen, egal ob EM oder WM, konnte mir den nüchternen Witz „Ich glaube, das wird nichts. Schließlich heißt er Immobile (unbeweglich).“ nicht verkneifen. Für diesen Kommentar erntete ich einen bitterbösen Blick. Am Ende wurde aus Immobile doch noch Mobile [beweglich] und er schoss ein Tor. Als ich in die Küche ging und in die weite Leere des Kühlschranks starrte, dachte ich so bei mir: „Noch vier Wochen halte ich das nicht aus! Hoffentlich erledigt sich das schnell mit Italien, Deutschland und ja, auch mit Nordmazedonien.“

„Nordmazedonien?“, werden Sie sich fragen und die Frage ist durchaus berechtigt, denn auch ich war etwas verwundert. Ja, Nordmazedonien wurde kurzerhand vom Römer als dritte, präferierte Mannschaft adoptiert, da dort einige, albanischstämmige Spieler verkehrten. Familie verpflichtet eben.

Am 13.06. beschimpfte der österreichische Nationalspieler Arnautovic den albanischstämmigen Spieler Ezgjan Alioski. Wobei beschimpfen ein zu hoch gegriffenes Wort wäre. Er verkündete viel mehr die albanische Mutter des jungen Herrn Alioski physisch beim Beischlaf begleiten zu wollen. Ganz unschuldig war Alioski dabei nicht, provozierte er doch gerne und oft. Man möchte dazu verleitet sein, zu behaupten, dass Provozieren eine durchaus albanische Eigenschaft sei, aber das empfände ich als unangebrachtes Klischee. Vielmehr wird es ein reiner Zufall sein, dass auch mein römischer Gatte albanischer Abstammung gerne und oft provoziert und dies eine Familientradition zwischen den mannigfachen Brüdern zu sein scheint.

Übrigens: Ob die Mutter des jungen Herrn Alioski das Angebot des Herrn Arnautovic angenommen hat, darüber ist bis heute nichts bekannt. Einzig die Tatsache, dass Nordmazedonien in diesem Spiel gegen Österreich verlor, wurde recht schnell publik.

Am 15.06. spielte Deutschland gegen Frankreich. Ich feierte überschwänglich, dass Deutschland nach nur zwanzig Minuten ein Tor schoss und das auch noch von Mats Hummels, einem der wenigen Spieler, die ich noch kannte. Vorab las ich in der Boulevardpresse, dass sich seine Gattin ein Tor zum Hochzeitstag von ihrem Mats gewünscht hatte. Was waren wir in diesem Moment glücklich, die Hummel’sche Gattin und ich. Leider klärte der Römer mich mit düsterer Miene auf, dass Herr Hummels ein Eigentor erzielte. Was das über die Ehe der Hummels aussagte, darüber lässt sich wohl nur mutmaßen.

Unsere Ehe blieb von diesem Eigentor unberührt. Jedoch war die Hummel’sche Aktion eine einzige Katastrophe für den Römer, war er doch gerade erst dieses Jahr zum Deutschland-Fan mutiert. Und das gezwungenermaßen, da er einen deutschen Sohn hat. Dessen alleinige Existenz verlangte vom Römer, dass er die tedeschi [Deutschen] anfeuern musste. Familie verpflichtet eben. Auch wenn die Landsmänner der Familie miserabel spielten und das einzige Tor ein Eigentor bleiben sollte.

Am 16.06. gewann Italien -bumsfallera- gegen die Schweiz, was bei uns – mal wieder – zu einem kulturellen und seelischen Konflikt führte. Dazu muss ich etwas ausholen: Der Römer fühlt sich zum Großteil als Römer. Um es mit einem Prozentsatz auszudrücken, würde ich hier einen Richtwert von 75% angeben. Somit verbleiben 25% Albanertum, die aber deutlich schwerer aufwiegen (und deutlich dominanter sind), als das Italienertum. So kam es, dass (gefühlt) die halbe Schweizer Mannschaft aus Albanern bestand. Gegen die eigene Familie wettern geht nun eben auch nicht! Also saß er mit Bauchkrämpfen da und wusste nicht so recht, ob er sich bei den drei Toren der Italiener freuen sollte oder lieber nicht. Er war förmlich zerrissen zwischen seinem Vaterland und seiner Heimat, dass es eine einzige Tortur war, ihm nur dabei zuzusehen. Am Ende gewann Italien. Der Sieg war bittersüß und wurde wortwörtlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge gefeiert.

Am 17.06. bemerkte der Römer beim Spiel Nordmazedonien gegen die Ukraine wie anstrengend es war, drei Teams anfeuern zu müssen und guckte sich das Spiel weitestgehend emotionslos an. Fortan machte er mit sich selbst aus, dass zwei Herzen in der Brust, das deutsche und das italienische, schon mehr als genug wären. Bei drei Herzen würde am Ende nur sein Kreislauf versagen. Damit wäre schließlich auch keiner Mannschaft geholfen. Der Gatte schaltete schweren Herzens ab, als Ezgjan Alioski ein Tor erzielte. Vermutlich lag es auch daran, dass ich aus dem Schlafzimmer laut brüllte, einen Windelunfall zu haben, was bei uns Alarmstufe Rot glich. Wie auch immer, ab diesem Spiel hatte er nur noch zwei Herzen. Doch auch das sollte sich bald ändern.

Am 20.06. gewann Italien gegen Wales. Pessina schoss ein Tor. Der Tag war gerettet. Als ich das Spiel sah und laut überlegte, ob Chiesa mit seiner hellen Haut wohl ein Wintertyp sei, denn das kräftige azurblau stand ihm ganz ausgezeichnet, wurde ich mit einem römischen Blick abgestraft. Eine satte, gelbe Karte gab es für meinen Kommentar, wenn man den römischen Blicken trauen durfte. Doch unter uns: Nach etlichen anderen Spielen, die ich gelangweilt mitverfolgte, war ich mir beinahe zu 100% sicher, dass Chiesa der klassische Wintertyp sei, was bedeutete, dass ihm ebenso ein kühles Rosa exzellent zu Gesicht stehen würde. Oder mit anderen Worten: Er dürfte sich in meinem kompletten Kleiderschrank austoben, denn auch ich zähle zu den kräftigen Wintertypen. Aber bei seinem Gehalt hat er vermutlich keine Stippvisite in meinem Kleiderschrank nötig.

Am 23.06. spielte Deutschland gegen Ungarn und ich fragte mich, ob András Schäfer, der in der 68. Minute ein Tor schoss, deutsche Wurzeln hatte. Vermutlich! Herausgefunden habe ich es bis heute nicht, aber was ich herausfand, war, dass er 1999 geboren wurde. Folglich ist er, laut meiner Zeitrechnung, in etwa so alt wie ein 14jähriger Lehrbub. Auf alle Fälle ist er sehr, sehr jung, um professionell Fußball zu spielen. Der Römer winkte bei meinen Ausführungen ab und beschimpfte Hummels als – Sie ahnen es – coglione. Hummels kümmerte das wenig und er stümperte unbeirrt weiter. Anscheinend war er die Gallionsfigur der deutschen Nationalmannschaft, denn der Rest, außer Goretzka, tat es ihm nach.

Am 26.06. gewannen die azzuri gegen Österreich und Chiesa, mit seinem winterlichen Hauttyp, machte ein Tor. Die Stimmung bei uns daheim war ausgelassen. Ein wenig färbten meine unqualifizierten Kommentare wohl auf den Römer ab, denn in der 88. Minute sagte er: „Donnarumma? Ma che cognome è? [Donnarumma? Aber was ist das denn für ein Nachname?]“, dann lachte er laut und schallend. Ich guckte ihn streng an, denn anscheinend hatten wir die Rollen getauscht und ich wollte ihn, als fußballbegeisterte Römerin, nicht enttäuschen.

Am 29.06. verlor Deutschland gegen England und der Römer war außer sich. Nicht etwa, weil die Engländer gewannen, denn sie spielten wirklich sehr gut. Nein, viel mehr, weil seine Deutschen genau in diesem Jahr, wo er zum Deutschland Fan mutieren musste, so bescheiden spielten. „Meglio di non giocare invece di giocare così. [Es ist besser, nicht zu spielen, als SO zu spielen.]„, brüllte er seinen Ärger den Deutschen hinterher. Er war bitter enttäuscht und schüttelte immer wieder grimmig den Kopf. Doch immerhin, seine azzuri waren noch im Spiel. Wie sich später herausstellen sollte, rächten sie sich bei England für das, was sie den Deutschen angetan hatten. Doch ein Gutes hatte das Ausscheiden der Deutschen: Dem Römer wurde deutlich leichter ums Herz. Er konnte sich voll und ganz auf eine einzige Mannschaft konzentrieren. Ich malte mir aus, was passieren würde, wenn die Italiener nicht den Europa-Pokal mit nach Hause nehmen würden und mir wurde ganz blümerant. Nein, einen traurigen Römer konnte ich einen Tag, vielleicht einen zweiten, aber garantiert keinen dritten Tag oder gar eine Woche ertragen. Ich sah mich gezwungen, nun Partei für die Italiener zu ergreifen – meinem Mann zu Liebe. Wie gesagt, Familie verpflichtet.

Am 02.07. feuerte ich die azzuri an, als ginge es um mein Leben. Mein Gott, gewinnt dieses blöde Spiel und wenn möglich auch gleich den dazugehörigen Pokal, damit der Römer zufrieden ist und nicht wie ein angeschossener Trauerkloß tagelang durch die Wohnung schleicht. Gleichzeitig wunderte sich der Römer etwas über meine plötzlich entflammte Leidenschaft für das Fußballspiel, aber wenn es helfen sollte, dass sie den Pokal nach Rom fliegen würden, war mir jedes Mittel Recht. Ein Glück gewannen sie gegen Belgien. Puh! Ein leichtes Aufatmen ging durch das Hause Farniente.

In etwa so würde der Römer durchs Haus schleichen, sollten alle Stricke reißen.

Am 06.07. wurde die Partie zwischen Spanien und Italien ausgespielt. Der winterliche Chiesa schoss ein Tor und ich hätte ihm am liebsten einen schwarzen Rollkragenpulli geschickt (und notfalls eigenhändig gestrickt), denn das würde seine zarte Haut besonders schön zur Geltung bringen. Der Mann fand diesen Vorschlag mehr als daneben. Würde ich auch, wenn schwarz nicht meine Farbe wäre. Am Ende gewann Italien und stand somit gegen England im Finale. Ich wurde ganz kribbelig und die Tage zogen sich wie Kaugummi.

Am 11.07. war es dann soweit. Die Engländer waren im „Bring it home“-Modus, aber sie rechneten nicht mit dem Satz: „Alle Wege führen nach Rom.“ So auch dieser. Die Italiener wurden beim Singen der Hymne ausgebuht, was ich mehr als unsportlich fand. Doch mit voller Inbrunst sangen sie die, wie ich finde, schönste Nationalhymne der EM. In Minute zwei wurde der Himmel über Rom vermutlich zappenduster, denn Shaw erdreistete sich doch tatsächlich, ein Tor zu schießen. Ich hakte den EM Titel für Italien ab und sah den Römer bereits mit hängenden Schultern und Mundwinkeln die Woche bestreiten. Zu meiner Verwunderung grinste der Römer jedoch. Nein, nein, denn spätestens JETZT wäre der Jagdinstinkt der Italiener erst richtig geweckt worden, erklärte er mir. Zudem sei Londra, nein Londinium, nichts anderes als eine römische Siedlung gewesen. Damit hatten die Briten zwar von den ganz Großen gelernt, könnten diese aber bei weitem nicht übertrumpfen. Ich war mir da nicht so sicher. Der Römer setzte fort, dass er sein neues Paar butterweicher Edeltreter darauf wetten würde, dass die azzuri den Pokal heimbringen würden. Darauf hätte ich persönlich nicht gewettet, ganz besonders nicht, wenn Sie, so wie ich, den horrenden Preis dieser sündhaft teuren Lederschuhe kennen würden. Doch Bonucci, vermutlich auch ein Luxusschuh-Liebhaber, lochte in der 67. Minute ein. Der Römer schrie vor Glück, wurde dann aber umgehend von mir gemaßregelt, denn das Kind schlief bereits tief und fest. Er nickte verständnisvoll grinsend. Italien anzufeuern sei die eine Sache, das Kind aufzuwecken eine ganz andere. Etwa zwanzig Minuten vor Schluss, feuerte ich meinen letzten, doofen Witz dieser Europa-Meisterschaft 2021 ab. „Amore, secondo te [deiner Meinung nach], wer gewinnt die EM?„, fragte ich den römischen Gatten. „Italia!!!“, behauptet der Römer mit voller Inbrunst. Nach einer kurzen Pause, wollte er schließlich von mir wissen, wen ich als Gewinner sähe. Ich grinste belustigt: „Verratt-i dir nicht.“ Dann lachte ich schallend. Der Römer rollte genervt mit den Augen bei meiner plumpen Anspielung auf den italienischen Spieler Marco Verratti.

Nach diesem aufregenden Spiel und dem Elfmeterschießen stand es dann fest: „It’s coming Rome!“ Italien gewann die Fußball Europameisterschaft 2021.

Der Himmel hing voller Geigen. Die Ehre der deutschen Mannschaft haben die Italiener wieder hergestellt.

Was am 11.06.2021 im Stadio Olimpico in Rom begann, endete mit einer Reihe jubelnder und grinsender Nationalspieler, die den Europapokal am 12.07.2021 in den strahlenden Morgenhimmel Roms streckten, als sie mit dem Alitalia Flug AZ9001 am römischen Flughafen Leonardo da Vinci wie Könige empfangen wurden. Die beiden Schauplätze, das Stadium und der Flughafen Rom, trennen geografisch nur 23,3 Kilometer. Zeitlich lag nur ein Monat zwischen dem ersten und dem letzten Spiel der Europameisterschaft. Und doch liegen zwischen Siegern und Besiegten oft Welten.

Knallharter, Frankfurter Nachwuchs

[Dieses Ereignis fand letzte Woche statt]

Ich bin gerade mit Signorino unterwegs und wir wollen (also eher: ich will) ein bisschen Normalität schnuppern und in ein Ladengeschäft gehen. Kein Drogeriemarkt, kein Supermarkt, nein, ein richtiges Geschäft – und das nach Monaten der Abstinenz. Was wir dort suchen? Eine Sandschaufel. Der Nachwuchs hat seine nach dem Vater-Kind-Brunch beim anschließenden Spielplatzbesuch verlegt und dem Römer ist erst daheim aufgefallen, dass ein Signorino ohne seine Sandschaufel nur ein halb so glücklicher Signorino ist.

Wir gehen also an einer der Hauptverkehrsstraßen Frankfurts entlang. Auf dem Gehsteig befinden sich zwei Jungs, ca. 10 Jahre alt. Der eine sitzt ganz cool auf seinem Mountainbike, während der andere auf seinem Cityroller (heißen die noch so?) steht. Sie scheinen einen Plan auszuhecken, denn der eine flüstert dem anderen etwas ins Ohr. Der andere nickt eifrig und grinst schelmisch.

Als ich gerade mit Signorino auf Höhe der beiden Frankfurter Lausbuben bin, ruft der eine laut aus:

„…und weißt du, was wir dann machen? Wir dissen sie und am Schluss [kichert] sagen wir, wir finden ihre Mütter echt okay.“

Na, wenn das mal kein richtiger Frankfurter “Diss” ist, dann weiß ich auch nicht?

Wichtiger Hinweis in eigener Sache: Ich stelle den Blog heute Abend auf „privat“ für circa eine Woche. Der Grund ist recht profan. Im bestmöglichsten Fall werde ich Ihnen zeitnah davon berichten.

Zwei Mozzarellas, eine Haselnuss

Signorino und ich beim Kuscheln – ein Symbolbild

„Voi due mozzarelle!“ [Ihr zwei Mozzarellas!], spricht der Römer seine engste Familie, bestehend aus Signorino und mir, an. Dann lacht er laut und spitzbübisch über seinen eigenen Witz. Jedes Mal. Seit Tagen.

Nun hat ein Römer gut lachen, wenn der Hauttyp je nach Jahreszeit stets zwischen Walnuss und Haselnuss hin- und herwechselt. Doch in der germanoitalbanischen Familie erbte Signorino anscheinend meine vornehme Blässe, die der Römer liebevoll als mozzarellafarben bezeichnet.

Ganz unrecht hat er bei seinem frechen Kommentar nicht. So habe ich mir doch tatsächlich einen Sonnenbrand zugezogen, als ich freitags Signorino von der Kita abgeholt habe. Zehn Minuten Hin- und zehn Minuten Rückweg in der sengenden Mittagssonne* reichten aus, um meine Haut zart erröten zu lassen. Als ich dies dem Römer erzählte, kugelte er sich vor Lachen auf dem Boden. Er konnte es gar nicht fassen. Ein Glück saß das Kind wohlbeHUTet in seinem Kinderwagen. Zusätzlich schützte ihn das Sonnenverdeck seines Buggys. So gab es nur einen zart rosafarbenen Mozzarella in der Familie.

Wohl dem, der einen höheren Melaninanteil hat! Die römische Haselnuss kann gerne in der prallen Mittagssonne durch Frankfurt spazieren und das dolce vita genießen. Mama und Sohn Mozzarella nutzen im Sommer eben die frühen Morgenstunden und die späten Nachmittagsstunden, um die Welt zu entdecken.

*in Zukunft creme ich mich ein, wenn ich Signorino abhole.