Das 23. Türchen im germanoitalbanischen Adventskalender

Gestern habe ich den ganzen Tag gepackt. Signorino fand es irre lustig und packte mit großer Freude alles wieder aus.

Wir sind nun mit 5 Taschen, zwei Koffern und einem Buggy, diversen Quetschies, Riegeln (für die Erwachsenen) und Wasser ausgestattet. Denn heute ist es Zeit in die bayerische Walachei zu fahren.

Lange haben wir überlegt, zwischenzeitlich abgesagt, dann einen Anruf von Ova bekommen: „Wir sind alle gesund, in Selbstauferlegter Quarantäne seit 2 Wochen und haben keine Angst vor Ansteckungen. Bitte kommt! Papa redet seit Wochen nur noch von eurem Besuch. Und, unter uns, es wird sein letztes Weihnachten sein, wo er noch auf eigenen Beinen stehen kann.“

Da wir seit Anfang November keinen physischen Kontakt mehr zu Freunden hatten, der Römer zwar arbeiten geht, dies aber mit Maske, Handschuhen und unzähligen vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen, war die Entscheidung getroffen: Wir fahren!

Anstatt eines Fakts und einer Reise, gibt es heute nur die Reise.

Ich versuchte Sie mitzunehmen am 23.12. auf der Reise von Hessens heimlicher Hauptstadt in die Stadt zwischen Zacking und Pang. 😄

Also sein Sie auf viele verzweifelte Updates gefasst!

7:10 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich hab Kopfweh. Das kommt von meiner Nackenverspannung, die ich bereits vor zwei Tagen mit Schmerzmitteln betäubt hatte. Klappte super – bis jetzt. Ich würde Weihnachten gerne absagen und für immer unter dieser kuscheligen Decke liegen.

8:20 Uhr Der Römer und ich haben fertig gefrühstückt. Signorino schläft noch. Den letzten Keks kauend, verkündet mir der Römer, dass er nicht davon ausgeht, dass wir vor 12 Uhr loskommen. Meine deutsche Mentalität krampft sich zusammen: Um aller-ALLER-spätestens 9 Uhr wollte ich losfahren. Realistischerweise wird das wohl nix. Ich verschiebe meine innere Uhr auf 9:30 Uhr. „12 Uhr… der hat den Schuss doch nicht gehört.“ mosere ich und erinnere mich an den straffen Zeitplan meiner Eltern für Reisen um 4 Uhr morgens nach Südtirol.

8:30 Uhr Der Römer geht duschen. Immer wieder wiederholt er sein Mantra „Con calma“ gebetsmühlenartig. Er lebt das Motto richtig. Ich husche im Haus hin u her, erledige, packe, verstaue. Wenn ich noch einmal „con calma“ höre, setze ich ihn hinter Würzburg aus.

8:40 Uhr Der Römer braucht bei so viel Stress einen zweiten caffé. Meine Nacken- und Kopfschmerzen sind weg – ganz ohne Schmerzmittel. Ich habe auch gar keine Zeit für Schmerzen. Ich bin im Stress!

9:00 Uhr Der Römer weckt Signorino. Er ist „not amused“. Wäre ich auch nicht, wenn jemand die Jalousien hochzieht und mich dann mit einem italienischen Redeschwall begrüßt. Er isst halbwegs, ist aber nicht wirklich interessiert.

9:50 Uhr Das Auto ist bepackt. Aus einer schnellen „5 Minuten Aktion“ laut dem Römer wurde eine 40-Minuten-Aktion. Tetris spielen. Jetzt ist alles verstaut. Wir sind durchgeschwitzt. Signorino gähnt vielversprechend.

10:15 Uhr Der Römer ist sauer, möchte aber vorne sitzen. Mein Hinweis, dass Signorino nach spätestens 10 Minuten alleine hinten schreit, diskutiert er weh. Ich gebe klein bei und fahre los. Automatisch mutiert der Mann ohne Führerschein zu einem Fahrlehrer erster Güte.

10:50 Uhr Signorino schreit knapp hinter der Landesgrenze zu Bayern. Der Römer ist erst verwundert, dann genervt. Ich versuche mein „Ich hab‘s dir doch gesagt.“ wegzuatmen. Es rutscht mir dennoch am nächstgelegenen Parkplatz raus. Der Römer wechselt auf den Rücksitz.

12:00 Uhr Raststätte Würzburg. Ich muss mal. Zu psychodelischen Indianerklängen pinkel ich um mein Leben. Draußen wartet Signorino und der Römer. Nun wickle ich Signorino und der Römer erleichtert sich. Wir wollen einen Kaffee kaufen, doch die Schlange ist zu lang. Corona und so. Wir fahren weiter. Der Römer versucht noch einmal sich nach vorne auf den Beifahrersitz zu diskutieren. Allerdings bin ich der eiserne Vorhang aller Fahrer, die irgendwann ankommen wollen. Er bleibt hinten.

12:30 Uhr Signorino ist hundemüde. Er schreit sich ein. Quetschi doof, Banane doof, Wasser doof, Schnuller doof. Alles doof. Nach weiteren 10 Minuten Gekreische schläft er ein. Die Autobahn ist leer. Ich drücke auf‘s Gas. Der Römer nickt weg.

14:30 Uhr Nächste Pause kurz vor‘m Ziel. Signorino ist wach. Wir fahren raus. Der Römer kann allerdings nicht beim König der Burger essen. Wir fahren weiter. Die goldene Möwe muss es sein. „Wenn ich etwas essen will, dann muss es richtig widerlich sein – wie bei der goldenen Möwe.“ Na dann.

14:50 Uhr Wir essen im Auto. Signorino bekommt Pasta mit Parmesan. Er scheint zufrieden zu sein.

15:10 Uhr Wir fahren weiter. Die Autobahn ist frei. Der Wind wird rauer bzw. die Münchner SUVs fahren in einem Affenzahn an uns vorbei. Ich bin müde und tuckere mit 120 ganz rechts.

16:00 Uhr Wir sind endlich da und werden erwartet. Alles etwas chaotisch, eiskalt hier an den Alpen, Signorino ist weinerlich und findet seinen Cousin und seine Cousine erstmal beängstigend.

16:30 Uhr Wir trinken Tee und essen Plätzchen. Dazu unterhalten wir uns angeregt. Signorino wird von seinem Cousin unter dem Esstisch gejagt.

17:00 Uhr Ovas Mann geht mit den Kleinen spazieren. Danach packen wir aus.

18:00 Uhr Ich rufe bei meinem Papa an und sage, dass wir gut angekommen sind. Er freut sich. Bis morgen!

18:30 Uhr Ova kocht vorzügliches Curry. Der Römer spielt mit den Kindern. Ich unterhalte Ova.

19:15 Uhr Wir essen. Signorino mag kein Curry und isst Joghurt. Cousine V. mag kein Brötchen und isst Joghurt. Nur Cousin B. mag sein Müsli. Immerhin.

21 Uhr Die Kinder sind müde. Wir bringen sie ins Bett. Ich mache mir Tee, Samahan*, zur Vorbeugung.

21:30 Uhr Der Römer und ich sitzen im Gästewohnzimmer und gucken, schreiben, scrollen und klicken

Was für ein Tag! Gute Nacht!

Auflösung Tag 22:

Ja, die Geschichte klang spanisch, ist aber wahr. Franzosen und Italiener? Pfff! Oh nein, da ist keinerlei Liebe im Spiel. Da der Römer aber albanische Wurzeln hat, die Albaner große Sympathisanten und Bewunderer Frankreichs sind, erkannte der Römer tatsächlich Kingsley Coman und Antoine Griezmann.

Kurzer Lagebericht

Wenn Sie sich momentan fragen, warum man nichts von mir hört, dann kann ich Ihnen nur ernüchternd antworten: Das frage ich mich auch! Und die Antwort ist: Ich weiß es nicht.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen erzählen, dass ich im Weihnachtsstress versinke. Plätzchen backen, dekorieren, Geschenke kaufen, alkoholfreien Glühpunsch brauen,… you name it. Doch nichts dergleichen ist wahr.

Halt! Moment! Ein Punkt stimmt. Dekorieren. Der Römer schmückte meinen HulaHoop Reifen, der im Wohnzimmer vor sich hin staubte mit einer Lichterkette. „Ja, auch wir Moslems haben ein Herz für euer Weihnachtsfest.“ schmunzelte er und wickelte das fröhliche Lichtermeer um meinen längst vergessenen, runden Sportfreund. Es sieht ein wenig seltsam aus, dieser leuchtende Ring neben dem Bügelbrett, ganz hinten im Eck des Wohnzimmers. Doch schon an Tag drei wollte ich ihn nicht mehr missen.

Gerne würde ich auch Signorino als Ausrede benutzen. Sein erster Geburtstag steht bald an. Ausschweifend würde ich Ihnen erzählen wie wir ein Cake Smash Shooting planen, ich Luftballon Girlanden orderte, Horden an Geschenken und Süßigkeiten, doch auch das wäre geflunkert. Einem Baby dabei zuzusehen wie es einen Kuchen kaputt macht und fröhlich auf die Kamera zu drücken ist nicht unser Stil. Meine Erziehung verbietet es mir außerdem. Auch die Geschenkehorden und Luftballon Girlanden sind nicht existent. Er bekommt ein Flitzeauto mit Flüsterreifen, weil das Wort „flüstern“ für mich ein tolles Kaufargument war. Ihnen kann ich es ja sagen: Ich würde gerne ab und zu in einem Stummfilm leben. Allenfalls, wenn das nicht möglich ist, wäre ein beruhigendes Summen denkbar. Aber mit dem südeuropäischen Temperament in dieser Wohnung ist ein Stummfilm undenkbar und absolut unwahrscheinlich.

Dazu wächst der Haushalt und seine Tätigkeiten, die zu erledigen wären, exponentiell. Was für die Wirtschaft gut ist, ist für meinen Privathaushalt eher suboptimal. Wäscheberge stapeln sich, Termine vermehren sich wie Kaninchen (wenn Sie einmal mit Arztterminen anfangen… Sie ahnen es), der Abwasch türmt sich, gesaugt und gewischt wurde hier auch. Mal. Letzte Woche oder so. Der Staub umklammert fest das Bügelbrett. Wie ein sehr leidenschaftlich liebendes Paar sehen sie aus. Also möchte ich das junge Glück nicht trennen. So herzlos bin ich nicht.

Dennoch, um Sie zu beruhigen, für meine Wellnessmomente ist gesorgt. Der Römer brachte letztens vom hiesigen Drogeriemarkt das Spülmittel „Lavendel Rosmarin“ mit. Ein Badesalz wäre mir lieber gewesen, aber ich übe mich gerade darin weniger zu meckern.

Während ich also den Abwasch mache, die gelb-pinken Gummihandschuhe bis zum Ellbogen gezogen, den Spülschwamm in der geballten Faust, lasse ich mich einlullen in den Traum aus Entspannung und Urlaub in der Provence. Meist schließe ich dabei die Augen, summe ein Lied und atme tief durch. Das wiederum hat den großen Vorteil, dass ich die Geschirrstapel nicht sehe, was sehr zu meiner inneren Windstille der rasenden Gedanken beiträgt.

Sie sehen also: Für mich wird und ist gesorgt. Kommen Sie gut durch den Advent – und gönnen Sie sich auch öfter einmal eine Auszeit. Auch ein neues Spülmittel kann schon etwas frischen Wind ins monotone Leben bringen. Fragen Sie den Römer.

Heute beginnt die Zukunft

„Die spinnen, die Römer.“ müssen die TIRs von oben gestern gedacht haben.

Der Römer und ich schrien so laut und euphorisch, dass man sich im Kalender vergewissern musste, ob heute auch wirklich kein WM-Endrundenspiel stattfand. Dieses Jahr barg schon so viele Überraschungen – unmöglich wäre es nicht gewesen.

Signorino derweilen war so geschockt von unserem Aufschrei, dass er bitterlich anfing zu weinen. Der Römer durfte ihn fortan für den Rest des Abends nicht mehr berühren. Das mag daran liegen, dass er noch lauter und exzessiver schrie als ich. Zwanzig Minuten lang versicherte ich dem verängstigten Signorino schuckelnd, dass das ein Ruf der puren Freude war und er keine Angst haben müsse. Er traute dem Frieden nicht so ganz und ging vorsichtshalber erst nach Mitternacht zu Bett.

Sie werden sich fragen, was denn im Hause Farniente passiert ist, dass man es mit einem Urschrei derartigen Ausmaßes quittieren muss. Ich erzähle es Ihnen gerne.

Dazu muss ich etwas ausholen: Der Römer studierte in Italien, wie sie sicherlich wissen. Zwei Studiengänge schloss er dort mit Bravour ab. Nun dachten wir, als er hierher zog, dass alle Studiengänge im europäischen Wirtschaftsraum ohne Probleme anerkannt werden.

Leider sollten wir uns täuschen. Recht schnell lernten wir, dass er ein gewisses Sprachniveau vorweisen muss um eine Zulassung in Deutschland zu bekommen. Des weiteren muss die zuständige, deutsche Behörde seinen Studiengang auf Herz und Nieren prüfen, obgleich die italienischen Studiengänge fachlich und didaktisch deutlich höherwertiger sind als das deutsche Pendant.

Recht schnell besorgten wir alle notwendigen Unterlagen von der römischen Universität, die beweisen sollten, dass seine Studiengänge mindestens gleichwertig zu den deutschen Äquivalenten waren. Es klappte und sie wurden in Deutschland anerkannt. Nun fehlte lediglich das Sprachzertifikat. Und das erwies sich als Ritt durch die Hölle.

Er, der bestens ausgebildete Römer, musste plötzlich in einer Pizzeria bis weit nach Mitternacht schuften, nur um dann morgens um 6:00 Uhr aufzustehen um zum Sprachunterricht zu gehen. Aber er bewies sich in der Pizzeria: Er war erst Pizzabäcker, dann Kellner, am Schluss war er der engste Freund des Besitzers, der ihm immer wieder die Stelle als Manager seines neuen Restaurants im Zentrum schmackhaft machen wollte. Doch der Römer lehnte dankend ab, denn zu sehr liebt er seinen eigentlichen Beruf.

Die Bezahlung in der Pizzeria war nicht besonders linear. Es gab keine monatliche Zahlung auf das Gehaltskonto. Stattdessen wurde er bar bezahlt. Tröpfchenweise trudelte sein Lohn bei uns ein. Zur gleichen Zeit wurden unseren Fixkosten leider nicht tröpfchenweise abgebucht, so dass es mitunter sehr unangenehme Jahre waren, in denen wir oftmals am Ende des Monats die vielversprechende Auswahl zwischen pasta in bianco (Nudeln mit Parmesan und Öl) oder Kartoffeln mit Quark hatten.

Als der Deutschlehrer des Römers ihm im Frühjahr 2019 mitteilte, dass er nun bereit wäre für die Prüfung, freuten wir uns sehr. Zeitgleich wurde ich schwanger. Nun sollten all unsere Probleme überstanden sein – dachten wir. Und wir sollten uns abermals täuschen.

Der Römer machte den ersten Versuch – und scheiterte haushoch. „Kann ja mal passieren. Nächstes Mal klappt es bestimmt.“ beruhigten wir uns. „Einmal ist kein Mal.“ heiterten wir uns auf. Wir wussten nicht, dass es finanziell deutlich härter und emotional noch viel anstrengender werden würde.

Er scheiterte wieder. Und wieder.

Ich erinnere mich an unseren letzten Urlaub zu zweit. Eine charmante Babykugel zierte bereits meinen Bauch. Wir verbrachten unsere komplette Urlaubszeit lernend am Strand, auf dem Balkon und in der Küche. Der Römer kniete sich rein, doch am Ende bestand er wieder nicht.

Nach diesem Urlaub begann er seine neue Stelle. Ein Praktikum in einer beliebten Praxis. Das hatte zumindest einen Vorteil: Am Ende des Monats ging Geld auf unserem Konto ein. Nicht tröpfchenweise, sondern auf einen Schlag. Für ein Praktikum war die Stelle gut bezahlt. Für jemanden, der deutlich mehr Studiengänge abgeschlossen hat, als die festangestellten Arbeitnehmer der Praxis war es ein Witz.

Schnell war er sehr geschätzt bei seinen Chefs und seinen Patienten. Wer einmal bei ihm war, der wechselte nicht mehr zu einem anderen Kollegen. Er konnte seine Arbeitsstunden aufstocken, was mich hinsichtlich der anstehenden Geburt Signorinos und der Gehaltseinbußen aufgrund des Elterngeldes etwas beruhigte. Die wenigen Urlaubstage, die er 2019 hatte, legte er auf die Tage rund um den errechneten Geburtstermin Signorinos. Signorino kam später – und der Römer musste wieder arbeiten als wir vom Krankenhaus heimkamen. Er hatte, dank Probezeit und vorhergehenden Jobs, keine Chance auf Elternzeit. Meine Geburtsverletzungen waren äußerst ausgeprägt, so dass ich nicht länger als 30 Sekunden stehen konnte. Doch ich hatte keine Wahl. Also biss ich mich durch dieses Wochenbett – weitestgehend allein. Der Römer fühlte sich meist schuldig, da er mich seiner Meinung nach im Stich ließ. Auch mein Hinweis, dass er nichts dafür könne und es definitiv nicht seine Schuld sei, beruhigte ihn nicht. Zeitgleich fühlte mich meist überfordert und allein gelassen mit dem neugeborenen Signorino, der stundenlang schrie. Die Hebamme goss Öl ins Feuer, in dem sie jeden einzelnen Tag, an dem sie ihre Visite machte, fragte, ob es nicht doch jemand gäbe, der mich unterstützen könne. Nein, den gab es nicht.

Der Römer versuchte sich nun wieder an einem zertifizierten Sprachtest. Und scheiterte abermals.

Je öfter er es versuchte, desto mehr litt sein Selbstvertrauen. Er traute sich nichts mehr zu. Er, der bei allem mit Disziplin, Verbissenheit und absolutem Willen gewann, verlor nun – Mal um Mal.

Dazu kamen die Kommentare von Bekannten und Verwandten, wann immer sie erfuhren, dass er wieder einen Prüfungstermin hatte. „Ihr müsst halt mal daheim Deutsch reden.“ sagten sie, die rein deutschen Pärchen, die sich nicht vorstellen konnten, dass man Sprachen nicht einfach so austauschen kann. „Er muss sich halt noch mehr reinknien.“ gab uns jemand als Tipp. „Vielleicht sollte er mehr Fernsehen gucken auf Deutsch.“ Ja, wenn er dazu nur die Zeit hätte. Ab dem vierten Versuch diese Prüfung zu bestehen, behielten wir die Termine für uns. Wann immer jemand danach fragte, antworteten wir, dass der Römer momentan pausierte.

Natürlich belastete die Situation wiederum unsere Partnerschaft. Wir waren nun Eltern, waren darauf angewiesen, dass er endlich diese unsinnige Prüfung bestand, da wir finanziell mit dem Rücken zur Wand standen – noch dazu mit einem Säugling.

Noch niederschmetternder war es für den Römer, wenn er Gleichgesinnten begegnete, die angaben, das Sprachzertifikat beim ersten Versuch bestanden zu haben. Meist waren es Italiener. Ihr Akzent, wenn sie Deutsch sprachen, war gleichzeitig so stark, dass ich kein Wort verstand. Auch die grammatikalische Struktur machte wenig bis keinen Sinn. Wir konnten uns nicht erklären wie ausgerechnet sie diese Prüfung bestanden hatten.

Am schlimmsten war es, wenn der Brief des Prüfungsamts ankam: „Nicht bestanden.“ stand da und der Römer las jedes Mal laut „incapace“ [unfähig] vor. Die darauffolgenden Tage waren bestimmt von einer schrecklich gedrückten Stimmung. Ich spendete Trost, aber was soll man noch sagen, wenn jemand das siebte Mal nicht bestanden hat?

Gestern kam wieder ein Brief des Prüfungszentrums an. Diesmal war der Umschlag anders – was mir Grund zur Hoffnung gab. Der Römer kam erst spät von der Arbeit. Die Stunden bis zu seiner Ankunft zu Hause zogen sich wie Kaugummi. Als der Römer heimkam, wollte ich ihn nicht gleich überfallen, sondern ihn erst einmal in Ruhe ankommen lassen. Ich schaffte es genau bis zu dem Moment, wo er die Hände wusch und etwas über seinen Arbeitstag erzählen wollte. „Cornelia sta in malattia. [Cornelia ist krank] Das ist wohl die ganze Woche so. Io spero che [Ich hoffe, dass]….“ Ich unterbrach ihn. „Es ist ein Brief für dich angekommen. Vom Prüfungszentrum. Aber diesmal ist er anders. Ich wollte dich erst daheim ankommen lassen, aber ich halt’s nicht mehr aus.“ sprudelte es stakkatoartig aus mir heraus. Auf der Stirn des Römers zeigte sich seine Sorgenfalte. „Dove?“ [Wo] fragte er nur und ich zeigte wortlos auf den Esstisch.

Er riss den Umschlag auf. Signorino war auf meinem Arm und brabbelte. „Mamamamama….babababababa…wawawawa.“ Der Römer las das Anschreiben, guckte mich an und zeigte auf Seite 2.

„Bestanden.“ stand dort.

Wir schrien so laut, dass die Wände bebten. All die Freude, die Fassungslosigkeit, die Anstrengung der letzten Jahre, die unzähligen Rückschlage, alles, alles, kam auf einmal aus uns heraus.

Für uns ist der gestrige Tag ein Tag voller Freude, voller Hoffnung, voller Zukunft, denn wir wissen, dass das Bangen ein Ende hat. All die Einbußen, die unzähligen Kurs- und Prüfungskosten, der ständige, panische Blick auf’s Konto und die damit verbundene Angst, dass unsere finanziellen Reserven zum Leben nicht mehr ausreichen würden, hören heute auf. Heute feiern wir und schreien vor Freude so laut, dass Signorino weint.

Denn heute beginnt für uns die Zukunft.

Spaziergang durch Rom

[Prolog: Liebe Leser, wir leben in aufregenden Zeiten. Heute, da fehlt mir Rom, das Reisen und besonders meine und des Römers Familie. Deswegen wollte ich sie hiermit einladen, mit mir nach Rom zu kommen. Meine Impressionen schrieb ich bereits im Sommer – als wir vor Ort waren – auf. Doch der Artikel geriet in Vergessenheit. Aber glauben Sie mir: Man findet nichts ohne Grund. Und heute, da fand ich ihn wieder und er zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dasselbe wünsche ich auch Ihnen – mit meinen Insidertipps von meinem echten Römer.]

Ach, ich nerv Sie doch schon lang genug mit meinem Gefasel über Rom. Das ist mir bewusst.

Aber ist Ihnen bewusst, dass die Luft hier ganz anders riecht? Heute, am Circo Massimo, aufsteigend zum Aventin, ist es mir aufgefallen. Sie riecht nach warmen Pinienholz, nach Sommer, nach Abgasen und nach Meer, wenn der Wind am Nachmittag die aufgewärmte Meeresluft in die Stadt treibt.

In Testaccio, eben noch abgestiegen vom Aventin, da riecht sie nach würzigem Pecorino [Schafskäse], nach römischen Wohnviertel, wo sich selten mal ein Tourist hin verirrt und Oliven. Besonders intensiv wird der Geruch, wenn Sie einen Abstecher beim Feinkosthändler Volpetti* machen. Und ich garantiere Ihnen, dass Ihr Herz noch ein bisschen höher schlägt, wenn der redselige Verkäufer Ihnen noch ein Stückchen Pecorino reicht, den 24 monatigen, und Sie die Augen schließen vor Wonne – und weil sie hoffen, nicht Ihren Verstand bei diesem einzigartigen Geschmack zu verlieren. Da Geben seliger als Nehmen ist, bringen wir Turtle natürlich auch ein Stück mit, bevor sie wieder überlegt 20€ spedizione [Versand] zu zahlen – für 250g Pecorino. An dem Punkt schüttelt sie meist traurig den Kopf, weil das pazzia [Verrücktheit] wäre.

In der Via Marmorata, immer noch in Testaccio, da riecht die Luft nach schwarz fahren und einer Lüge. “Oggi tutti i mezzi publicci sono gratis. “ [Heute sind alle Verkehrsmittel gratis.] sagte der Römer damals, ganz am Anfang als wir uns kennenlernten. Dazu grinste er schelmisch. Ich, gutgläubig wie ich war, stieg fröhlich in den Bus ein. Erst als der Römer an allen darauffolgenden Tagen wiederholte, dass der Verkehrsverbund auch heute keine Kosten erhebe, kam ich ins Grübeln. Er lachte wieder und erklärte mir seine Logik: Für kurze Strecken fahre er schwarz. Da lohne sich der Aufwand nicht, ein biglietto [Fahrkarte] im Kiosk zu kaufen. Ohnehin wäre das kein Problem, würden Kontrolleure doch mit dunklen Poloshirts, auf denen ein kleines ATAC [der römische Verkehrsbund: Azienda per i Trasporti Autoferrotranviari del Comune di Roma] gedruckt ist, einsteigen. Er hätte dann noch genug Zeit, in aller Ruhe auszusteigen und den Kontrolleuren davonzukommen. Da ich aber so pflichtbewusst sei, hatte er keine andere Wahl als diese Lüge zu erfinden um seine Methode durchzusetzen.

Das Wort “Scemo” [Depp] benutzte ich zu dieser Zeit das erste Mal und es passte damals wie heute bei des Römers fantasievollen Geschichten.

In der Via di San Francesco Ripa in Trastevere riecht es immer etwas nach Zuhause, nach Freiheit, nach etwas Unbekannten, das einen ruft. Es riecht nach Frühstück im Café Baylon*, nach caffé [Espresso] und cornetti integrali al miele [Vollkorn Croissants mit Honigfüllung]. Irgendwie auch nach Müll und Abwasser – so ehrlich muss man sein. Es riecht nach anguria [Wassermelone] – so groß wie mein Oberkörper und nach knallgelben Zitronen, die beim Anblick ihrer traurigen, deutschen Brüder nur müde lächeln würden.

Nicht weit entfernt, in der Via dell’arco di San Callisto riecht es nach frischem Fisch, eben gepflückten Steinpilzen und großen, weißen, frisch gewaschenen Bettlaken. Zugegeben, den letzten Geruch trug ich zu Roms olfaktorischen Potpourri bei. Signorino hatte sich dezent im Bett übergeben – und wir hatten glücklicherweise eine Waschmaschine im Apartment*. So hing ich heute morgen die feuchten Betttücher auf und sie schwangen leichtfüßig im privaten Innenhof hin und her. Dazu verteilten sie ihren betörenden Geruch in unserer Ecke der Straße.

Der Geruch nach meeresfrischen Fisch und eben gepflügten Steinpilzen kam vom Restaurant nebenan: Ristorante All’arco Di San Calisto*.

Jeden Abend konnte man den padrone [Besitzer] des Restaurants dabei beobachten wie er mit allergrößter Hingabe und absoluter Freude die unzähligen Steinpilze mühevoll putzte und vorbereitete, damit sie später in der Küche weiter verarbeitet werden konnten. Sein Platz bestand aus einem antiquierten, dunklen Holztisch mit langen, dünnen Beinen. Die Maserung des Holzes drückte sich selbstbewusst durch den bereits absplitternden Holzlack. Mit viel Muße staffierte er jeden Abend diesen Tisch mit einer rot-weiß karierten Tischdecke aus, holte 4 große Körbe Steinpilze aus dem Restaurant und stapelte sie alle auf dem Tisch. Man sah dem Mann an, dass er seine Tätigkeit seit Jahren ausführte. Diese Präzision, schnelle, flinke Bürstenstriche, all das zeigte mir, dass hier ein Profi am Werk ist. Ich guckte ihm gerne von meiner ruhigen Privatloge (alias das Fenster des ersten Stocks unserer Wohnung) zu. Diese absolute Ruhe vor dem Sturm, bevor die ersten Gäste eintrafen und der Trubel des Abends begann, beruhigte mich.

Schließlich, an der Piazza Trilussà riecht es nach Verliebtheit, nach vielen, ganz großen Gefühlen, nach zarten Anfängen und ersten, schüchternen Blicken. Es riecht nach dem Parfüm des Römers, der dort stand, in seiner Lederjacke im Oktober, mit einem schüchternen Grinsen und sich unsicher umblickte. Es riecht nach „etwas Verbotenem“, wussten doch meine Eltern nichts von dem Treffen. Und irgendwie riecht es auch nach Veränderung, denn dieser Platz war der Anfang eines komplett andersartigen Lebens – sowohl für den Römer als auch für mich. Nennen Sie uns kitschig, aber jedes Mal, wenn wir hier vorbeigehen, stoppen wir kurz, gucken uns tief in die Augen und küssen uns. Denn hier begann unser Abenteuer, dass hoffentlich noch lange nicht vorbei ist.

Falls Sie vorhaben irgendwann in diese wundervolle Stadt Rom zu reisen, so hoffe ich, dass Sie die Möglichkeit haben, mindestens einen dieser aufgeführten Orte (die im übrigen auch verlinkt sind) zu besuchen:

  1. Salumeria Volpetti –  Via Marmorata 47 | 00153 Roma | Beschreibung: Die Salumeria bietet wunderbare Weine, würzigen Käse und natürlich Wurst. Vor ein paar Jahren wurde der Laden umgebaut, verlor (leider) seinen alten Charme, nicht jedoch seine überdurchschnittliche Qualität.
  2. Baylon Cafè – Via di S. Francesco a Ripa 151, 00153 Roma | Beschreibung: Hier können Sie von früh bis spät vorbei schneien. Egal ob Frühstück, Mittagessen, Aperitivo, Abendessen oder das letzte Glas Wein, mit dem Sie auf einen herrlichen Tag in Rom anstoßen – man ist immer genau richtig hier. Es gibt einen kleinen Außenbereich. Viel schöner sind jedoch die Plätze am geöffneten Fenster. Sie hören den neuesten Klatsch aus dem Viertel und wenn Sie die Sprache nicht sprechen, dann hören Sie die schönste und ehrlichste Geräuschkulisse zwischen lautem Italienisch, klappernden Espressotassen, poliziotti [Polizisten], die ihren caffé in aller Ruhe trinken und der Orangenpresse für die centrifuga numero uno [Smoothie Nummer 1 mit Orange, Apfel, Ingwer – mein Liebling]
  3. San Callisto – Via dell’arco di San Callisto 44, 00153 Roma | Beschreibung: Im Herzen Trasteveres liegt dieses kleine Reihenhäuschen, das über zwei Schlafzimmer und zwei Bäder verfügt. Der private Innenhof ist nicht nur zum Wäschetrocknen perfekt, sondern auch abends für das Gläschen Wein (oder in meinem und des Römers Fall: SanBitter – alkoholfrei] bei milden Temperaturen.
  4. Ristorante Arco Di S. Calisto – Via dell’Arco di S. Calisto 45, 00153 Roma | Beschreibung: Direkt neben dem Apartment. Sehr gutes Essen, flinke, höfliche Kellner und ein padrone [Besitzer], der die Ruhe selbst ist und immer für ein Schwätzchen Zeit hat. Was will man mehr?

Alle hier aufgelisteten und mit * gekennzeichneten Orte sind Werbung (sehr zu meinem Leidwesen – selbst bezahlt)

[Der Römer sagt, er kenne noch viel mehr einzigartige Orte, aber ich erklärte ihm höflich, dass wir das gerne ein andermal abarbeiten in einem Artikel vom Römer für Rombesucher]

Traummann mit Macken

„Bitte jammern Sie leise!“ möchte ich der jungen, blonden Dame im Bürgeramt (= KVR, Bürgerbüro, Gemeinde; jeder Ort hat einen anderen Namen) zuraunen, doch die Pausen, in denen sie Luft holt, sind rar gesät. Zu allem Überfluss ist meine Reaktionsfähigkeit durch akuten Schlafentzug auch noch stark verlangsamt. Eine ungute Kombination, wenn Sie mich fragen.

Schrecklich sei das alles, sagt sie und seufzt ein bemerkenswert bemitleidenswertes Seufzen. Und überhaupt, sie sei erst 29. Da wären andere schon verheiratet und hätten ein Kind.

„Ja, ich zum Beispiel.“, denke ich und möchte die Hand heben, „Rede weniger, reise mehr und irgendwann bleibt schon einer an dir kleben wie ein Insekt an einem gefräßigen Sonnentau. Er wird dein Klagelied über das Leben, die schreckliche Bowl mit den steinharten Falafel Bällchen und dem arroganten Kellner in der Taunusstraße schon ertragen.“ Ich erschrecke etwas über meinen unangebracht arroganten und zynischen Gedanken – doch schiebe es darauf, dass mein Gehirn im stickigen Bürgeramt mit Maskenpflicht nicht genug Sauerstoff bekommt.

Dennoch räuspere ich mich um ein passiv-aggressives Statement zu setzen. Mehr traue ich mich nicht. Doch sie bemerkt es eh nicht. Besser so, denn in Wahrheit bin ich genervt und fasziniert zugleich von dem, was sie da seit Minuten am Telefon von sich preisgibt.

Sie heißt Sofia und telefoniert mit ihrer Freundin Leonie. Das haben wir neugierigen Beihörer schon in den ersten Minuten ihres Telefonats klären können. Ihre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Sofia sehr viel redet ohne Luft holen zu müssen, Leonie sie im Gegenzug dafür nicht unterbricht und ihr zustimmt… oder mit einem Ohr zuhörend ein Klatschmagazin liest. So genau konnte ich es noch nicht herausfinden.

Ihre Dates, sagt sie, seien überhaupt nicht mehr die selben. Schwierig sei das alles. Sie seufzt erneut und man fühlt sich bei jedem weiteren Seufzer dem Weltuntergang wieder ein Stückchen näher. Wäre sie doch nur bei Markus geblieben. Er war der Richtige: gut aussehend, ein Gentleman, ein paar Jährchen älter (aber nicht so alt, dass die Leute anfangen würden zu tuscheln), geschieden, hatte eine Firma. Schlichtweg ein Traummann!

Leider gab es da diesen Mangel, der ihr das Leben schwer machte.

„Sicher die Exfrau.“ mutmaße ich in meinen Gedanken. „Oder die Kinder, die sie nicht akzeptieren. Männer mit Altlasten – das ist sicher nicht so einfach. Moment! Hatte sie überhaupt etwas über Kinder gesagt? Ach, sicher hat Markus Kinder. Zumal, jemand, der….“

Doch meine Gedanken werden harsch unterbrochen, denn es ging weiter in ihrem Text. „Ja, Leonie. Er tut es immer noch!!! Ich weiß doch auch nicht wie ich es ansprechen soll, dass es mir unangenehm ist. Ich fühle mich einfach unwohl dabei!“ Sie seufzt wieder und ich will bereits mitseufzen, konzentriere mich aber lieber auf meine Wartenummer, die hoffentlich nie bei dieser interessanten Unterhaltung auf dem Bildschirm auftaucht.

Ja, es war nicht mehr zu leugnen: Ich brannte bereits lichterloh – aus Neugier, Faszination und zu langen Wartezeiten im städtischen Amt. Jede Telenovela würde ich in diesem Moment links liegen lassen um zu erfahren, was Markus‘ dunkles Geheimnis ist.

Glücklicherweise lies ihre Antwort nicht lange auf sich warten.

„Weißt du, ich bin ja keine 14 mehr. Natürlich bin ich aufgeklärt. Zumindest würde ich mich als aufgeklärte Person bezeichnen. Meine Eltern haben auch mit mir darüber geredet. Wir haben zwar nicht lang und breit darüber diskutiert, aber zumindest die grundsätzlichen Fragen wurden geklärt.“ erzählt sie weiter und strich sich eine blonde Strähne aus dem mutlosen Gesicht.

„Sicher Sadomaso! Das machen doch jetzt alle.“ denke ich und rolle mit den Augen. „Aber ja doch. Da suchst du nach einem Gentleman, alles scheint perfekt und dann sollst du ihn auspeitschen. Oder noch schlimmer: Er dich! Man kann noch so aufgeklärt sein – ich wäre da auch restlos überfordert. Seit es da diese Bücher und diesen Film im Kino gab, drehen alle durch. Besonders, weil…“

Sie seufzt wieder und ich spitze die Ohren, weiß ich doch bereits, dass jeder neuer Seufzer einen neuen Monolog ihrerseits für das Publikum – mich – bereit hält.

„Du hast Recht. Ich werde ihm sagen, dass ich nicht so eine bin.“ sagt sie halbherzig entschlossen und ich feuere sie in Gedanken an: „Richtig so! Sag, dass dir sowas nicht gefällt! Du findest definitiv einen Besseren. Es gibt auch Markusse, die Sadomaso Praktiken komplett daneben finden.“

„Ich kann das einfach nicht. Natürlich habe ich mich eingelesen, aber wie viel kann man schon aus einem schnellen Onlineartikel für sich herausziehen? Ich bin total überfordert.“ ergänzt sie.

„Klar – wäre ich auch. Zumal ich überhaupt keinen Gefallen an sowas finden würde. Ich versteh dich, Sofia aus dem Bürgeramt.“ spreche ich ihr in Gedanken Mut zu.

„Hm… es gefällt mir definitiv. Das ganze Drumherum, die feinen Leute, die schummrige Beleuchtung. Das imponiert mir sehr. Dennoch weiß ich, dass ich dort nicht hingehöre. Weißt du, mein Papa sagt immer: Ein Esel, der sich wie ein Zebra anmalt, bleibt am Ende immer noch ein Esel.“ [*]

Sie atmet tief aus und wischt sich mit der Handoberfläche über die feuchtgewordenen Augen.

Mittlerweile finde ich sie richtig nett, diese Sofia aus dem Bürgeramt. Und: ich kann sie verstehen. Ein Sadomaso Swingerclub – da kann er noch so fein sein – da wäre ich sowas von raus. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und rennen! Arme Sofia! So bezaubernd kann er gar nicht sein, als dass ich meine Grundwerte verkaufen würde.

In diesem Moment leuchtet meine Wartenummer auf dem großen Bildschirm auf und ich erhebe mich in Zeitlupe, krame nach einem Taschentuch und will es ihr im Vorbeigehen geben.

Zu meinem großen Glück setzt sie ihre Geschichte fort: „Ja, du hast Recht, Leonie. Ich sage es ihm einfach. Was bringt es mir, mich zu verbiegen? Markus, werde ich sagen, ich fühle mich unwohl in einem französischen Sternerestaurant. Das Besteck überfordert mich und den Knigge kann ich nicht so schnell lesen um den Ansprüchen dort gerecht zu werden. Meine Eltern haben mir zwar die Grundlagen wie man mit Messer und Gabel umgeht, gezeigt, nicht aber wie das ganze Chichi in einem Restaurant dieser Klasse funktioniert. Dann werde ich eine theatralische Pause machen und ihm klar sagen, was ich von ihm erwarte: Markus, wenn du wieder mit mir liiert sein willst, dann müssen wir auch in ein normales Restaurant gehen können. Dieses leckere, persische Restaurant im Bahnhofsviertel zum Beispiel. Genau so werde ich’s machen.“

„Die Nummer 9345, bitte!!! Letzte Chance für die 9345!!!“ schreit es aus dem Beamtenzimmer. Schnell packe ich das Taschentuch weg und eile an Sofia vorbei.

„Alles okay bei Ihnen?“ fragt mich die nette Verwaltungsfachangestellte kurz darauf. Ich muss auf sie wirken wie das Kaninchen vor der Schlange. „Äääh…ääähm…ja. Irgendwie schon.“ Ich muss lachen und schäme mich zugleich für meine Interpretation Sofias Leben betreffend. „Hier erlebt man noch richtige Geschichten bei Ihnen.“ gebe ich perplex von mir. „Oh ja, da sagen Sie was. Bücher könnte ich über meine Arbeit hier schreiben.“ Ich nicke begeistert. „Das glaube ich Ihnen auf’s Wort.“

[*Der Römer, der die Geschichte bereits vorab lesen durfte, möchte darauf hinweisen, dass ein ägyptischer Zoo das Sprichwort mit dem Esel und dem Zebra wortwörtlich nahm. Hier z.B. können Sie den Artikel lesen: *klick*]

Für echte Römer m/w/d

Müde lächelnd lese ich einen sogenannten Lifestyle Blog. Die Überschrift des neuesten Artikels heißt: „Home away from home.“ Ich bekomme Pickel bei soviel schlechtem Marketing. Berichtet wird über ein x-beliebig austauschbares Hotel, das es erst seit kurzem gibt und gekennzeichnet wird der Artikel mit *Werbung (gesponsert).

Ich klappe den Laptop zu und schüttle den Kopf. „Home away from home…wie lächerlich.“ murmle ich und der Römer, der mit mir am großen Esstisch sitzt, guckt mich fragend an. „Na, ist doch so! Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ein x-beliebiges, neues Hotel ein Zuhause, weit ab von Zuhause ist. Die wissen doch gar nicht, wie sich ein richtiges Zuhause anfühlt. Banausen!“ schimpfe ich.

Der Römer lächelt und sagt: „Ich zeig dir mal was…“ Er öffnet seinen Laptop und zeigt mir ein sehr kleines, zweigeschossiges Reihenhaus, hastig zwischen zwei Palazzi geworfen. Ein Schuhkarton, der sich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit zwischen den „großen Häusern“ behauptet. “Roma….“ seufze ich. Er tätschelt mir die Schulter.

„Questo e‘ la casa lontana da casa [Das ist das Zuhause weit weg von Zuhause]. Für uns ist es kein Wellnessbereich in einem überteuerten, anonymen Hotel. Es ist keine überfüllte Bar, kein Hotelbett und kein Frühstücksbuffet. Für uns ist es Rom. Wir kommen in Fiumicino [einer der Flughäfen Roms] an und fühlen uns zu Hause. Wir nehmen den Regionalzug und er tuckert uns zur stazione di Trastevere [Bahnhof Trastevere]. Dann die Tram „numero otto“ [Nummer 8]und dann gehen wir die wenigen Schritte über unebene Pflastersteine nach Hause.“ Des Römers Beschreibung verwandelt sich in meinem Kopf zu einem Film und nicke verträumt.

„Und das schönste ist, dass unser „Zuhause“ immer ein anderes ist. Mal sind wir enttäuscht, weil es ein modriges Erdloch ist, aber meist sind wir positiv überrascht, weil wir einen richtigen Schatz finden. Rund um die Via San Francesco Ripa – da sind wir daheim, denn unsere zweite Heimat ist und bleibt immer Trastevere….“ ergänzt er seine Ausführung.

Ich räuspere mich: „…oder Testaccio.“

„Daiiii [Komm schon!], jetzt kommt der alte Streit wieder auf. Welches ist das schönste Viertel Roms? No, da lass ich nicht mit mir diskutieren! Es ist Trastevere. Basta!“ führt er sehr emotional aus. „Okay… für dich ist es Trastevere. Für mich ist es Testaccio. Es ist einfach ein ehrlicheres Viertel und kaum ein Tourist verirrt sich hierher. In Testaccio wohnen die richtigen Römer, so wie ich.“ erkläre ich ihm stolz.

„Ma no! [Aber nein!] Non iniziare, ti prego! [Fang nicht damit an, ich bitte dich!] Nur, weil ich damals die Wohnung in Testaccio hatte, macht dich diese nicht zu einer Römerin. No, sicuramente no! [Nein, sicherlich nicht] Ich habe IMMER in Trastevere gewohnt. Erst in der „Via Goffredo Mameli“, dann nach einigen Jahren wohnte ich im „Vicolo dei panieri“ und schlussendlich, auch berufsbedingt, musste ich nach Testaccio umziehen. Erst wohnte ich an der lauten Via Marmorata und wenig später bin ich dann in die Via Luca della Robbia gezogen.“ führt er sehr präzise aus.

„Berufsbedingt? Du bist lediglich 500 Meter von einem Stadtviertel ins angrenzende Stadtviertel gezogen! Allein die Flussseite ist eine andere. Gib doch nach all den Jahren endlich zu, dass du Testaccio schöner findest!“ mosere ich.

„Achwo! Ma il traffico! [Aber den Verkehr!] Den darf man nicht unterschätzen. Es hätte eeeewig gedauert in die Arbeit zu kommen.“ versucht er mich zu überzeugen.

„Ja, 20 Minuten zu Fuß.“ ergänze ich äußerst nüchtern. „Ma che!!! [Aber was!!!] Erano 25 minuti in macchina. [Es waren 25 Auto-Minuten] “ will er mir einreden.

„Aber wer fährt denn 1,5 Kilometer mit dem Auto, wenn er zu Fuß gehen kann?! Besonders in Rom?!“ frage ich nun ganz provokant.

„Amore mio, du unterschätzt die Temperaturen. Kannst du dir vorstellen, vollkommen verschwitzt an deinem Arbeitsplatz anzukommen? Io no! [Ich nicht!] Ich hatte keine andere Wahl als umzuziehen!“

Ich verdrehe die Augen und dränge darauf die Diskussion zu beenden, da wir uns nur im Kreis drehen.

Am Abend klappt der Römer neben mir wieder den Laptop auf und schiebt ihn mir unter die Nase! „Okay, genau das! Das können wir buchen!“ sagt er sehr knapp.

Das sehr kleine, sehr absurd wirkende Häuschen von vorhin strahlt auf einem Buchungsportal. „Ist gerade frei geworden! Und da wir momentan nicht nach Albanien fahren können und wir eine Woche überbrücken müssen bis wir nach Bayern fahren…. Hm, das wäre vielleicht keine schlechte Idee!“ Ich klicke die Bilder durch. Zwei Etagen. Eigener Patio, Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder. Ich sehe schon den fröhlich glucksenden Signorino über den Fußboden krabbeln. Der Innenhof wäre perfekt, wenn Signorino im ersten Stock schläft, man aber noch gemütlich etwas draußen trinken will. Die Wohnung war umgeben von netten Restaurants und Bars – auch alles zum Mitnehmen, was uns mit Signorino sehr entgegen kam, da romantische Abendessen vorerst nicht möglich sind. 😉

„Wow! Das wäre perfekt! Lass mich noch kurz nach Flügen schauen und los geht’s.“ stimme ich seinem Vorschlag zu. Die Flüge stellen kein Problem dar und flugs ist die Unterkunft gebucht.

„Ich muss dir was sagen…“ fängt der Römer grinsend an.

Ich warte gespannt auf seine weiteren Ausführungen.

„Die Unterkunft ist in TRASTEVERE! Und sie hat dir gefallen. Also ist Trastevere doch der bessere Stadtteil. Und komm mir jetzt nicht mit „Das hab ich nicht gewusst.“ Du hast dir die Lage auf Google Maps sehr genau angeschaut.“

„Äääähm…aber…ja! Das war eine Ausnahme. Ich wollte dir einfach einen Gefallen tun.“ stottere ich etwas überrumpelt. „Ma che! [Aber was!] Ausnahme!“ triumphiert der Römer. „Das ist die Bestätigung!“

Ich gönne ihm die Genugtuung. Wir Bewohner von Testaccio sind großherzig und großzügig, was andere Meinungen betrifft. Das können wir auch sein, wissen wir doch, dass das beste Viertel Roms konkurrenzlos „Testaccio“ ist.

[Wenigstens bei einer Sache sind wir uns einig: Das beste Café/die beste Bar ist das Baylon Café in der Via San Francesco Ripa, Rom. Werbung – sehr zu meinem Leidwesen ungesponsert! 😔😉]

Darf ich Sie was fragen?

Ich habe meinem Vater eine meiner Geschichten geschickt. Erstens, weil ich es schön fände, dass er weiß (bevor er irgendwann nichts mehr weiß…), dass ich gerne über mein Leben schreibe. Zweitens, weil ich seine Meinung sehr schätze.

Er war so lieb und hat sich die Zeit genommen, mir ein ausführliches Feedback zu schreiben, wofür bin ich ihm sehr dankbar.

Seine Quintessenz war folgende:

Ihn irritierten die Namen. Mit „Der Römer“ konnte er nichts anfangen. Er wollte den richtigen Namen seines Schwiegersohnes lesen. Oder zumindest einen existierenden Namen und kein Synonym. Ich hingegen bin so an die Namen wie „Der Römer“, „Signorino“, „Turtle“ gewöhnt, dass mir dieser Punkt gar nicht in den Sinn gekommen wäre.

Was mir aber in den Sinn kam, war, dass ich Sie fragen könnte. Denn ich bin mir sicher, dass Sie eine Antwort auf die Frage wissen:

Wie halten Sie’s mit den Namen? Bevorzugen Sie lieber Namen wie „Gianluca“ oder finden Sie es angenehmer z.B. den Römer unter dem Namen „Der Römer“ zu kennen?

Warnung!

Kennen Sie das? Sie lesen ein Buch und in ihrem Kopf fügen Sie automatisch Bilder dazu ein. Die Hauptdarstellerin sieht für Sie vielleicht aus wie Grace Kelly und der widerwärtige Nebendarsteller wie ihr unsympathischer Cousin Markus mit den derben Sprüchen?

Doch dann passiert es: Einige Monate danach sehen Sie (zufällig) die verfilmte Version des Buches. Doch die Schauspieler scheinen so gar nichts gemein zu haben mit den Personen, die Sie in Ihrem Kopf in liebevoller Kleinstarbeit zusammengesetzt haben.

Sollte Ihnen das so – oder so ähnlich – schon einmal passiert sein, dann klicken Sie nun auf das kleine [X] oben rechts. Schließen Sie den Beitrag und genießen Sie den restlichen Tag.

Wenn Sie dennoch weiterlesen, dann nur auf eigene Gefahr:

Ich – in meiner damaligen, letzten Schwangerschaftswoche, gebe Ihnen nun die Möglichkeit diesen Beitrag zu schließen

Nun gut, Sie wollten es so:

Ich habe mein Personenregister (Haupt- und Nebendarsteller) überarbeitet. Schon lange war es mir ein Dorn im Auge, denn es war ein einziger Haufen hastig hingeworfener Darstellernamen. Ordnung musste endlich her!

Gesagt – getan. Und wo ich gerade dabei war, dachte ich, dass ich auch gleich das ein oder andere Bildmaterial einfüge. So kam es also, dass ich, Eva Farniente, nun gar nicht mehr so anonym durch’s Internet rausche. Auch den Römer, den Einen und den Anderen kann man erahnen.

Dennoch: Signorino, Turtle und Ova bleiben ein Phänomen. Der Erstgenannte, weil er noch so klein ist und mit 18 Jahren ganz allein entscheiden darf, welche Bilder von ihm ins Internet katapultiert werden und die beiden Letzteren, weil ich weiß, dass sie sehr verschwiegene Personen sind.

Nun denn, viel Spaß! Und kommen Sie mir hinterher nicht mit: Ich hätte Sie nicht eindringlich gewarnt!

P.S.: Da ich aber keine Influencer-Mutti bin, ist und bleibt das Fotomaterial bis auf weiteres das einzige. Es gibt keine liebevollen Insta-Stories, wo ich Ihnen Tee, Haarspülungen und Gesichtscremes aufschwatzen will (mit Rabattcode 40% günstiger!!) und es wird keine 10 Min HIT Workouts (das würde ich auch nicht durchhalten!) geben. Ich hoffe, Sie verkraften das und begnügen sich weiterhin mit den Geschichten auf meinem Blog!