Elda geht ins Ausland!

[Der erste Teil ist hier zu finden….]

„Und? Was kam raus?“ belagerte Elda den Römer. Ihre Stimme überschlug sich förmlich. „Er überlegt sich’s. Das war das Beste, was ich rausschlagen konnte.“ antwortete der Römer wahrheitsgemäß. Sie legte ihr Köpfchen mit den dunklen Locken schräg. Ihre Augen guckten nach oben. Ihren Mund verzog sie zu einem Schnütchen. Spätestens hier wusste man, warum Besnik wollte, dass seine adrette Tochter nicht ins Ausland geht.

„Na ja, aber er hat nicht jo [nein] gesagt.“ bemerkte sie. „Auch nicht po [ja], aber eben auch nicht jo [nein]!“

Der Römer musste lachen. „Wenn er etwas absolut nicht will, dann sagt er sofort nein. Du kennst ihn! Und dann ist auch nichts daran zu rütteln. Aber er sagte, er überlegt sich’s. Das ist ein gutes Zeichen. Ich werde warten bis er bereit ist. Du bist Besniks einzige Tochter. Er braucht Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen.“ erklärte der Römer ruhig.

Drei quälend lange Tage für Elda gingen ins Land. Sie versuchte sich abzulenken, aber man merkte ganz genau: Sie war nicht bei der Sache. Ihre Mutter vermutete, dass sie verliebt sei. In gewisser Weise stimmte das auch: Sie war verliebt in den Gedanken ins Ausland zu gehen. Womöglich nach Übersee? Singapur? Oder gar London? Sie wischte den Gedanken weg. „Bloß keine Hoffnungen machen!“ befahl sie sich. Nicht, dass sie wieder im öden Tirana fest saß. Das monotone „biep“ der Kasse, immer wenn sie einen Artikel über den Scanner zog, machte sie in diesen Tagen besonders aggressiv. Klar, es ist der Supermarkt ihres Vaters, wo sie aushalf, wann immer es ging. Aber das konnte doch wohl kaum ihr Leben sein? Sie hatte Wirtschaft studiert. Sie hatte einen Bachelor. Sie wollte raus! Raus aus Albanien. So wie die meisten ihrer Verwandten: Die Zogus haben’s gut, die sind damals nach Amerika. Die Muratis in die Schweiz. Die Xhiajs, Lilas und Kastratis sind alle gesammelt nach Italien. Nur sie, sie war gefangen in Albanien.

Nach drei Tagen klingelte das Telefon des Römers. Besnik stand in großen Lettern auf dem Display. „Alo?“ unterbrach die Stimme des Römers das Klingeln des Telefons. „Po…. Po…Po… Ciao. [Ja….Ja…Ja… Tschüss]“

„Amore mio, was hältst du davon, wenn wir heute bei Besnik essen?“ fragte er mich – pro forma. Dass das Abendessen schon längst beschlossen war, war selbst mir klar. „Kein Problem.“ gab ich grinsend zurück. „Es geht ja schließlich um Elda und ihre Zukunft.“ Der Römer musste lachen: „Esatto!“ [Genau] sagte er.

Um 20 Uhr traten wir in Besniks neugebautem Haus ein. Wir kannten es noch nicht und er führte uns stolz herum. „Hier ist die Etage von Toni [seinem Sohn] und seiner Frau.“ zeigte er uns. Wunderschön war diese. Die Innenarchitekten hatten ganze Arbeit geleistet. „Das hier ist unsere Etage. Flora [die Schwester des Römers und die Frau von Besnik] hat sich etwas florales gewünscht.“ erklärte er uns. Eine geschmackvolle Blümchentapete zierte die große Wand hinter dem gemeinsamen Ehebett. Überall waren florale Elemente eingearbeitet. Es sah bezaubernd aus. Verspielt, aber nicht zu kitschig. Wir nahmen den Lift um noch eine Etage höher zu gelangen. „Und hier ist…“ er stockte. „Eldas Zimmer…also ihre Etage…also falls sie uns mal besuchen kommt.“ Man sah ihm an, dass ihn sein eigener Satz mitten ins Herz traf. Der Römer und ich guckten verwirrt. „…Falls sie uns mal besuchen kommt.“ hallte es in unseren Köpfen nach.

„Wie? Falls?“ nutzte der Römer die Gunst der Stunde um gleich zu fragen was Sache ist. „Ich habe darüber nachgedacht. Als Vater habe ich eine gewisse Verpflichtung meiner Tochter gegenüber. Bei ihrer Geburt habe ich mir geschworen, dass sie die allerbeste Ausbildung genießen soll, die es gibt. Also ist es wohl an der Zeit, meine eigenen Interessen hinten anzustellen. Sie soll im Ausland studieren.“ erklärte er mit traurigem Blick.

„Das ist ja ganz fantastisch!“ gab der Römer zurück. „Du wirst sehen, dass es absolut die richtige Entscheidung war.“

„Wer studiert im Ausland?“ hörte man eine Stimme aus dem Off. Elda!

„Du!“ antwortete der Römer noch vor Besnik. Sie flippte aus vor Freude. Stürmisch umarmte sie ihren Vater Besnik, ihre Mutter Flora, den Römer und mich. „Ich kann es gar nicht glauben!! Papa!!! Danke!!!“ Ihre Augen schäumten über vor Freude. Flora freute sich für ihre Tochter, doch gleichzeitig liefen ihr dicke Tränen über die Wange. Ihr kleines Mädchen… ins Ausland? Wann war sie denn so schnell groß geworden?

Besnik erhob das Wort: „Es gibt jedoch eine Bedingung!“

[Für die Fortsetzung hier klicken]

Elda geht ins Ausland?

Des Römers liebste Nichte, Elda, beschloss, dass es nun an der Zeit ist, die erste, in Albanien groß gewordene Frau in der Familie zu sein, die allein im Ausland studierte. Ihren Bachelorabschluss hatte sie schon in der Tasche – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, den Master zu machen.

Sie brachte die Idee zuerst beim Römer hervor. Ihren Onkel zu überzeugen, war nicht gerade schwer. Aufgewachsen in Rom, war er Feuer und Flamme, dass seine „kleine“ 22jährige Nichte im Ausland studieren sollte. Am Ende des Gesprächs presste sie ihre Lippen aufeinander und sagte: „Sag mal, dajë (Onkel – mütterlicherseits), könntest du es meinem Vater sagen?“ Sie guckte ihn mit großen, Adria blauen Augen an. Er lachte. „Ja, ich kann’s versuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dein Vater seine einzige Tochter ins Ausland gehen lässt zum studieren…also… puh…die ist gering.“ antwortete er wahrheitsgemäß.

Am nächsten Tag traf er sich mit Besnik, Eldas Vater. Bei einem Espresso saß man in Besniks Bar und unterhielt sich. Ganz vorsichtig schnitt der Römer das Thema an. „Sag mal, Besnik, Elda sollte ihren Master machen. Ein Bachelor allein bringt ihr ja nun nichts.“ Besnik nickte. Ihm war die erstklassige Ausbildung seiner Tochter sehr wichtig. „Aber an der Universität von Tirana… du weißt ja wie es ist! Man bekommt nur die besten Posten, wenn man zufällig die Tochter des Dekans ist. Für die anderen bleiben auch nach einem Masterstudiengang wenig Perspektiven übrig.“ Besnik runzelte die Stirn, musste aber zustimmen. „Im Ausland wäre das anders. Dort hätte man mehr Möglichkeiten. Gerade wenn es um ihren Studiengang, Wirtschaft, geht. Und guck mal, wie sich das in einem Lebenslauf macht, wenn deine Tochter im Ausland studiert hat. Das wäre eine ganz andere Qualifikation. Du legst doch immer soviel Wert auf eine angemessene Ausbildung. Das wäre ihre Chance!“

Besnik starrte dem Römer lange in die Augen. Ich, als stiller Beisitzer, dachte nur: „Entweder er wirft jetzt den Tisch um und zieht wutentbrannt ab oder er fängt an zu weinen. Da sich letzteres als albanischer Mann nicht schickt, wird es wohl ersteres werden.“

Es kam nur ein Laut aus Besniks Mund: „Hm!“ Ja, man kann „Hm!“ mit einem empörten Ausrufezeichen am Ende intonieren. Es war auch kein grübelndes „Hmmm…“, vielmehr ein „Hm!“ das diesen abstrusen Gedanken wegzuwischen versuchte. Seine einzige Tochter! Im Ausland! Womöglich noch allein! Und überhaupt: Was sollen die Leute denken? Er schickt doch seine Tochter nicht ins Ausland. Nein, nein! Das kommt nicht in Frage! Das alles lag in seinem „Hm!“. Und seinem Blick. Durchdringende, braune Augen, die gar nicht mehr so warm lächelten wie sie es sonst immer tun.

Doch der Römer wäre nicht der Römer, wenn er hier aufgeben würde. „Erinnerst du dich noch als ich klein war und du meine Schwester getroffen hast? Ihr habt mich als Alibi benutzt, dass ihr euch heimlich sehen könnt. All die Jahre habe ich dieses Geheimnis für mich behalten. 35 lange, lange Jahre…. Niemand weiß davon. Vielleicht solltest du dir das mit Elda nochmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“ Oha. Der Römer griff zu einer richtigen Granate. Der Kampf ist eröffnet, dachte ich nur.

Besnik starrte ihn an. Schockiert. Klar, er war seit 30 Jahren mit der Schwester der Römers verheiratet, sie hatten zwei Kinder, doch wäre es unschön, wenn seine hochgeschätzten Schwiegereltern das nun herausfinden würden. Was würden sie von ihm denken? Von ihrer Tochter?

„Ich überleg’s mir….“ sagte er. „Sprich mich in zwei, drei Tagen nochmal darauf an. Aber währenddessen behältst du Stillschweigen. Über alles! Besonders über deine verrückte Idee und diese Geschichte von damals!“

[Für die Fortsetzung bitte hier entlang]

This is no dobre-dan-country

Sie sind stolz auf ihre Sprache, keine Frage. Über 7,6 Millionen Menschen sprechen Albanisch. Dieser erlesene Kreis von Albanisch Sprechern macht die Sprache wahrscheinlich so besonders.

Und das ist sie auch: ein ganz eigener Zweig der indogermanischen Sprachen gehört der albanische Sprache. Gelispelte Laute wie th und dh (und ja, da gibt es Unterschiede), gj das bei mir Krämpfe in der Zunge auslöst, ll-Laute, die zu Atemnot führen und ë das eigentlich eher ein ö ist, machen diese Sprache schwierig. Und von grammatikalischen Konstrukten möchte ich gar nicht erst anfangen. Deswegen beschränkt sich meine Konversation auch auf „Danke, gut! Und dir?“ und den üblichen Tageszeit abhängigen Grüßen.

Miremengjes oder Guten Morgen hätte man wohl im letzten Juli gesagt, so früh ging unser Flug nach Tirana. Es stand mal wieder eine Hochzeit an. Diesmal heiratete Toni, der Neffe vom Römer. Mit seinen 25 Jahren war er spät dran (für albanische Verhältnisse), aber was lange (höhö) wärt, wird endlich gut.

Wie manche meiner werten Leser wissen, arbeite ich bei einer deutschen Fluggesellschaft. Das bringt viele Vorteile mit sich, z.B. vergünstigte Flüge, FALLS (und hier kommt der Haken) noch Plätze frei sind. Nun, im Juli waren wenige Plätze frei. Um nicht zu sagen keine. Als wir online eingecheckt haben, schaute ich noch einmal nach den Passagier-Zahlen. Wenn wir nicht auf den Tragflächen mitfliegen wollten, dann wäre es eine glückliche Fügung wenn in letzter Minute ein (oder besser zwei) vollzahlende Passagiere ihren Flug verpassen würden oder aber stornieren.

Am Gate angekommen, drängte sich eine Menschentraube von reisewütigen Albanern. Juli. Ferienzeit. Jeder unbequeme, aber doch so moderne Sitzplatz in der Wartehalle war besetzt. Das sah nicht gut aus.

Als Mitarbeiter hat man die Möglichkeit einen „Jump Seat“ anzufragen. Dafür muss man sich in eine Liste eintragen und der Kapitän entscheidet, je nach ermessen, Auslastung und Gewichtsverteilung des Flugzeugs, ob er das genehmigen kann oder nicht.

Ich nahm meinen Mut zusammen und tigerte zu den Gate-Kollegen, die fleißig in ihrem PC rumhakten und schon äußerst gestresst wirkten. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf: „Einen wunderschönen guten Morgen!“ fing ich an. Die Kollegin blickte kurz auf. Lächelte. Das war ein gutes Zeichen. „Ganz schön viel Stress für euch heute, was?“ setzte ich fort. Erst einmal Mitgefühl zeigen. Dann mit der Bombe ins Haus fallen. „Ich bin Kollegin.“ machte ich mutig weiter. Nun wurde ich von oben bis unten gemustert. „Und ich wollte ganz lieb fragen, ob wir uns auf die Jump Liste setzen dürfen?“

Die Kollegin guckte verwundert. „Auf die Jump Liste? Der Flug geht nach Tirana!!“ gab sie irritiert zurück. „Ja, genau da wollen wir hin.“ Ich zeigte auf den Römer. „Sein Bruder heiratet.“ Ich lächelte. Naja, Bruder, Neffe, in diesem Moment nehme ich es mit der Wahrheit nicht so genau. „Ach, das ist ja schön.“ gab die Kollegin zurück und schob mir die Liste zu. „Einmal bitte alle Details eintragen. Ihr fliegt beide bei uns, oder?“ fragte sie lächelnd. „Ich ja, der Römer nur privat. Aber er ist Jump erfahren.“ Das letzte Detail dieses Satzes stimmte nicht, aber die Kollegen haben wohl kaum Lust jemand absolut unerfahrenen zu erklären, was er im Notfall zu tun hat. „Ach super. Ich ruf schon mal den Kapitän an. Ihr könnt Platz nehmen oder euch einen Kaffee holen. Das wird ein bisschen dauern.“ erklärte uns die Kollegin.

Der Römer hörte nur das Wort caffé und war Feuer und Flamme, die Anweisung der Kollegin zu befolgen. Nach einem Espresso später, zurück am Gate, mittlerweile mit einem wachen Römer, waren so gut wie alle Gäste eingestiegen. Wir warteten. Nachdem kein Gast mehr anstand und der, wie es schien, letzte Bus zum Flugzeug abgefahren war, wurden wir aufgerufen.

„Aaaaalso, ihr Süßen“, begann die mittlerweile sichtlich entspannte Kollegin, „für den jungen Mann haben wir einen Sitzplatz. Sogar einen Fensterplatz. Also ganz klasse! Für dich“, sie guckte nun mich an, „haben wir einen Jump Seat. Im Cockpit. Deinen Mitgliedsausweis hast du dabei?“ fragte sie. „Klar, der ist hier.“ antwortete ich und zeigte ihn vor. „Na super, dann bestell ich euch einen Bus und euch zwei Hübschen eine tolle, tolle Hochzeitsfeier in Dingens…ääh…Tirana.“ wünschte sie uns. Wir bedankten uns überschwänglich und gingen zum Bus.

Im Flugzeug angekommen bedankte ich mich bei der diensthabenden Crew für den Jump Seat. Im Cockpit wurde mir mein Sitz umgeklappt, ich zurrte mich fest und wir hielten einen sehr langen (1:30h) Smalltalk.

Ich bekam auch Kopfhörer um mitzuhören, was der Co-Pilot Stefan mit der Flugsicherung besprach. Wir flogen über Österreich, der Co-Pilot begrüßte die österreichische Flugsicherung mit einem herzlichen „Servus, Airline XY 123…„. In Kroatien angekommen begrüßte er die Flugsicherung mit einem freundlichen dobre dan – nicht ganz korrekt, aber man Verstand und schätzte den Gruß. Generell bleibt zu sagen, dass viele Piloten, die für’s Funken zuständig sind, gerne als Wertschätzung den landestypischen Gruß beim ersten Kontakt mit der neuen Flugsicherung benutzen. Also Buongiorno in Italien und Buenas dias in Spanien, usw..

Als wir dann in den albanischen Luftraum eintraten, begann der Co-Pilot wieder mit einem äußerst freundlichen dobre dan, gefolgt von unserer Flugnummer.

Ich guckte gespannt, wusste ich doch, dass dobre dan nicht nur der falsche Gruß ist, sondern auch noch, je nach Gesprächspartner, nicht gerade freundlich aufgenommen wird. Fünf quälende Sekunden passierte nichts. Als der Co-Pilot wieder anfangen wollte mit dobre dan kam eine Antwort von der albanischen Flugsicherung. Erst war nur ein Räuspern zu hören. Dann ein Schlucken und dann kam mit tiefer, ernster, akzentreicher Stimme: „Sir, this is no dobre-dan-country!!!“ Ich lachte Tränen. Stefan war sichtlich rot geworden und stammelte „Ääääh…ähhh….I mean, good morning….anyway… Airline XY 123…“ Und das Gespräch ging weiter.

Als er eine kurze Funkpause hatte, stammelte er: „Ich dachte, ganz Osteuropa sagt dobre dan oder zumindest etwas in der Art.“ Ich lachte. „Alle – bis auf Albanien. Sie sprechen keine slawische Sprache und deswegen sind sie no dobre-dan-country.“ antwortete ich. „Mensch, voll in die Nesseln gesetzt. Wie mach ich das wieder gut? Er scheint ja sehr nüchtern zu sein.“ gab Stefan zurück. „Sag doch beim Verabschieden einfach „Danke, Auf Wiedersehen“ auf Albanisch.“ wendete ich ein. „Okay, schreib mir das mal hier auf den Block. Das hört sich gut an. Wir müssen ja schließlich wieder zurückfliegen. Und bei meinem Glück wird es keinen Schichtwechsel geben.“ sagte der Co.

Ich notierte ihm „Faleminderit. Mirupafshim.“ übte ein paar Mal mit ihm und war sichtlich stolz als er es höflich zur Verabschiedung vortrug. Zurück kam ein erfreutes „Mirupafshim.“ Sie waren wieder Freunde.

Angekommen in Tirana wartete ich an der vorderen Tür des Flugzeugs auf den Römer. Neben mir die nette Kabinenkollegin und der Co Stefan, die beide den Gästen Auf Wiedersehen sagten. Stefan, mit seinen neuen Sprachkenntnissen, zauberte jedem Albaner ein Lächeln ins Gesicht als er sich bei ihnen auf Albanisch bedankte und verabschiedete. Als der Römer vorbeikam, hakte ich ihn unter, bedankte mich nochmal bei der Crew und verabschiedete mich. „Faleminderit. Mirupafshim.“ sagte Stefan augenzwinkernd.

Auf der Flugzeugtreppe sagte der Römer: „Siehst du, sogar der Co konnte zwei Wörter Albanisch. Das finde ich toll. Albanisch wird immer wichtiger.“ Ich musste grinsen: „Ja, den Eindruck habe ich auch….“

Autofahren in Albanien

Vorab die gute Nachricht: Sollten Sie, liebe Leser, das Fahren eines Kraftfahrzeugs nicht so gut beherrschen wie sie es gerne würden, dann machen Sie sich keine Sorgen. Man wird es Ihnen nicht übel nehmen. Sollte die letzte Fahrt schon etwas länger her sein: Keine Panik! Sie befinden sich in bester Gesellschaft.

Im Buch „Lügen auf Albanisch“ von Francine Prose (muss ich das jetzt mit *Werbung kennzeichnen?! 😄) beschreibt die Protagonistin Lula wie und warum ihre Landsmänner so Auto fahren wie sie es eben tun: Unter Enver Hoxha gab es keine Privatautos, nur „Parteibonzen“ sei es erlaubt gewesen, Auto zu fahren. Nachdem das Land geöffnet wurde, stürzten sich alle gierigst darauf, auch ein Auto zu besitzen. „Erst einmal besitzen – das Fahren kommt von allein.“ so dachte und denkt man – bis heute. Das Problem ist: alle fahren als hätten sie den Führerschein erst seit fünf Minuten.

Ich lasse Sie gerne an einigen Beispielen teilhaben:

Der Blinker wird grundsätzlich nicht benutzt. Das ist etwas für Ausländer. Man wird schon am Bremsverhalten merken, dass das Auto vor einem einscheren möchte. Ausgleichend dafür wird gerne die Warnblinkanlage benutzt. Leidenschaftlich und oft – meist ohne ersichtlichen Grund. Man fährt einfach gerne mit dieser Disko ähnlichen Lichtinstallation durch die Dörfer. Dazu kommt: Das Fernlicht ist meistens an. Komme was da wolle. Man möchte auch was sehen.

Einzige Ausnahme: Wenn man die Lichthupe benutzen muss. Dann setzt man das Fernlicht für ein paar Bruchteile von Sekunden aus. Man verdeutlicht gerne, dass man als größeres Auto das Vorrecht auf der linken Spur hat und ein Kleinwagen da nun wirklich nichts zu suchen hat.

Hindernisse gibt es auch unzählige: Die reichen vom betrunkenen Großvater auf dem Rad (mit einem sehr großen und fantasievollen Wendekreis) über streunende Hunde, die das Prinzip Auto noch nicht verstanden haben und keinen Zentimeter von der Straße weichen, bis hin zu Schlaglöchern, so groß wie bayerische Seenlandschaften, die aus dem nichts auftauchen. Rechnen Sie immer mit allem.

Dazu gibt es noch die Bonusversion, die aus albanischen Hochzeiten (meistens Donnerstags oder Sonntags), waghalsigen Überholmanövern, plötzlich bremsenden und anhaltenden Autos auf der rechten Spur der Autobahn, Obst, das von den Obstständen in die Straße kullert, Esel- und Pferdekarren (ja, ich dachte auch, es ist ein Klischee – aber fahren Sie mal auf ruraleren Straßen), Müttchen, die in Trauben auf der Autobahn spazierengehen,… usw. besteht.

Es gibt keinen – und zwar wirklich keinen Spezialeffekt – den es nicht gibt. Seien Sie auf alles gefasst. Wirklich auf alles! Aus dem nichts.

Vielleicht können Sie nicht wirklich gut Auto fahren. Das sollte, wie eingangs erwähnt, kein großes Problem sein. Aber Sie sollten eine schnelle und ungetrübte Reaktionsfähigkeit haben. Seien Sie auf alles vorbereitet und schonen Sie Ihre Stimme. Sie werden die Fahrweise der Albaner nicht ändern. Die Albaner werden aber wiederum Ihre Fahrweise ändern. Man wird nachlässiger, mutiger, man wendet, wo es gerade passt oder man zieht in letzter Sekunde raus, weil ein Auto auf der rechten Spur plötzlich auf der Autobahn parken muss (ohne Warnblinkanlage – das wäre ja pure Übertreibung). Letzteres empfehle ich Ihnen nicht, wenn Sie den Kleinwagen haben und das Auto, das hinter Ihnen bremsen muss ein teurer SUV ist. Aber es ging ja nochmal gut. Stichwort: Reaktionsfähigkeit.

Noch ein Tipp: Die besten Restaurants finden Sie in den entlegensten Gegenden. Wundern Sie sich nicht, wenn plötzlich die Straße aufhört und nur noch eine bergige Schotterstraße den kläglichen Weg weißt. Sie werden belohnt – hier zum Beispiel:

(Verzeihen Sie mir meine kläglichen Fotokünste – ich war mit Essen und Genießen beschäftigt)

Das Restaurant ist – wie sollte es auch anders sein – auf Fisch spezialisiert. Etwas unterhalb gibt es eine kleine Badebucht mit Liegen. Ach, und wenn Sie genervt sind von den zwei kleinen Kätzchen, die auf der Terrasse rumschleichen und um ein Stück Fisch miauen: Geben Sie nach! Danach beruhigen Sie sich. Glauben Sie mir, eine andere Möglichkeit haben Sie nicht. Auch nicht beim Autofahren.

Albanien: S’ka problem

„Albanien? Jaja, irgendwo im Balkan. Die sprechen wie alle anderen da unten.“ Die Meinung hoert man gerne und oft. Klar, woher sollte man auch wissen, dass die Sprache so gar nichts mit den anderen slawischen Sprachnachbarn zu tun hat?

Es ist viel mehr eine eigene Sprache, die im Laufe der Zeit aus altgriechisch, lateinischen, türkischen, später italienischen und französischen Einflüssen ergänzt wurde. Die Albaner sind sehr stolz auf ihre Sprache, erwarten aber nicht, dass sie irgendwer außer ihnen lernen müsste. Vielmehr sind sie überglücklich, wenn man dann doch 1-2 Wörter kann, zeigt es doch, dass man sich interessiert.

Dennoch: Das wichtigste Wort ist nicht etwa Po (und hierbei ist nicht das Hinterteil eines Lebewesens gemeint, sondern es bedeutet schlichtweg Ja), sondern mirë (gut). Alles ist hier mirë. Es geht einem mirë. Einverständnis zeigt man mit mirë. Telefongespräche beendet man mit mirë. Gerne auch in der Kombination mit mirë, mirë, hajt. Auch wenn das Leben nicht immer mirë zu sein scheint, so ist die Grundeinstellung doch, dass sich die Angelegenheiten doch früher oder später zum Wohlwollen ändern. So könnte man sagen: Alles wird mirë am Ende.

Den zweithäufigsten Ausdruck bilden die beiden Wörter „s’ka problem“ (Kein Problem). Es gibt eigentlich nichts, was ein wirkliches Problem darstellen würde. Man findet für jede Aufgabenstellung eine Lösung. Und wenn man sie nicht alleine findet, dann kennt man jemanden, der wiederum jemanden kennt, der eine Lösung findet. Ein Land voller Probleme, in dem man dennoch den Ausdruck „s’ka problem“ wie eine weiße Flagge hervorhebt um zu symbolisieren, dass es irgendwie doch weiter geht – trotz Korruption, trotz mieser Politik, trotz Armut. „S’ka problem“ – wir kriegen das hin. Hier gibt es keinen Platz um zu verzweifeln. Wie in den letzten Jahrhunderten auch kommen die Albaner irgendwie durch. Ein Volk, das ständig von allen möglichen anderen Volksgruppen bedrängt wurde, aber trotzdem seine Sprache und seinen Dickkopf behält.

Pflaster für 8 Cent

Ich kann’s ja doch nicht lassen und tippe meine Erfahrungen schnell ab, bevor ich sie vergesse.

Albanien macht mir Spaß. Albanien ist anders. Herrlich anders.

Gestern haben wir ein Pflaster für mich gebraucht (die neuen Schuhe…). Da wir alles mitgenommen haben, außer Pflaster, mussten wir diese natürlich fix in der Apotheke kaufen. „Wie sagt man nochmal Pflaster auf Albanisch?“ fragte der Römer, der ab und an eine seiner Muttersprache im Sprachengewirr verliert. Ich guckte ihn mit großen Augen an, bin ich doch froh „Guten Morgen“ halbwegs fehlerfrei auszusprechen.

„Okay, ich krieg’s schon hin!“ sagte er um sich selbst Mut zu machen. Wir traten in die Apotheke ein. Er beschrieb, was wir benötigten. Es ging etwas hin und her wegen der Größe der Pflaster. Es wurden uns diverse Modelle vorgeführt (Wasserfest, rund, länglich) und diverse Packungen geöffnet und wieder verschlossen. Es glich in diesem Moment mehr einem indischen Stoffgeschäft als einer Apotheke. Als wir uns auf Größe und Funktion der Pflaster geeinigt hatten, fragte der Römer: „Und? Wie viele brauchen wir?“ Ich guckte ihn verdutzt an. „Muss man nicht die ganze Packung kaufen?“ entgegnete ich.

„No, no! Pflaster sind sehr kostspielig in Albanien. Du kannst sie auch einzeln kaufen. Wir nehmen vier Stück. Das hört sich doch gut an!“ antwortete er mir.

„40 Lek, bitte.“ sagte die Dame. Ich rechnete im Kopf um. 32 Cent war mein Ergebnis. Also 8 Cent für ein Pflaster. Da kann man nicht meckern.

Als wir aus der Apotheke traten und wieder ins hektische Tirana gespült wurden, fragte ich: „Aber KANN man eine ganze Packung kaufen?“

„Klar, aber wer braucht denn schon eine ganze Packung?“ gab der Römer zurück.

Na gut, wo er Recht hat. 😄😄