Eine Brieffreundschaft zwischen Anwohner und Parksünder

Es ist schade, dass wir heutzutage so wenig Briefe schreiben. In einer Zeit, in der wir „mal eben schnell“ eine Nachricht über den Messengerdienst verschicken oder noch flink die E-Mail für den Chef fertig tippen, gehen die mühevoll von Hand geschriebenen Texte, bei denen man jedes Wort sorgsam auswählt, vollkommen unter.

Diese Woche, angetrieben von meiner unbändigen Wut, änderte sich das für mich.

Ich fädelte mein Auto also mühsam in unsere Hofeinfahrt ein (Stichwort: Kamel und Nadelöhr), rangierte, setzte zurück, fluchte, rangierte wieder, quetschte mich nur wenige Zentimeter an dem Objekt meiner Wut vorbei und sah mich vor meinem inneren Auge schon hektisch mit Polizei und Versicherung telefonieren , weil ich schließlich doch an dem unverschämt geparkten Auto mit meinem Gefährt hingen bleiben würde. Letztendlich presste ich mich durch die Einfahrt, fuhr die langgezogene Auffahrt schweißgebadet und etwas zittrig hoch und parkte auf meinem Parkplatz ein. Erleichtert atmete ich zwei, drei Momente tief durch. Die Aufregung war vorbei. Jetzt war genug Platz für meine Wut über diesen Kartoffelkopf über, der seinen Wagen halb in unserer Einfahrt abgestellt hatte. Ich holte einen blassgelben Klebezettel und einen Stift aus der Mittelkonsole des Autos heraus und versuchte dreimal das B von Bitte zu schreiben, doch der Kugelschreiber versagte, während ich beinahe verzagte. Aber Aufgeben war keine Option! Ich hatte eine Mission zu erfüllen.

Rasch kramte ich einen zweiten und kurz danach einen dritten Stift aus meinem Rucksack. Der erste Zettel genügte nun meinen ästhetischen Ansprüchen an eine emotionsgeladene Haftnotiz nicht mehr. Bei aller Wut über den SUV-Fahrer, der so schamlos vor unserer Einfahrt parkte, dass ich nur durch mühsames, zentimetergenaues Rangieren und lautes Fluchen durch unsere Einfahrt passte: Soviel Respekt hatte ich dennoch für diesen unangenehmen Mitmenschen übrig, dass ich darauf bedacht war, meine Briefe ordentlich zu verfassen. Außerdem wollte ich mir nicht die Blöße geben, dass er vielleicht noch erkennen würde, dass ich anfangs noch nicht einmal einen funktionierenden Kugelschreiber bei mir hatte, um diesen Brief an ihn verfassen zu können.

Der dritte Stift und das zweite Post-It später ließ ich meiner Wut freien Lauf. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits einen Krampf in der rechten Hand, was auch daran liegen konnte, dass sich mein Schulterbereich, mein Arm und meine Hand vor lauter wütendem Rangieren ganz versteift hatte und ich den Stift nun führte wie andere ein Skalpell.

Schließlich machte ich den letzten Punkt unter das gespiegelte S, so dass es sich als ein Fragezeichen zu erkennen gab. Fertig! Ich grinste. Nimm das, du unverschämter Volvo*-Fahrer! Ich stieg aus, schlug die Autotüre zu, setzte mir den Rucksack auf die immer noch verspannten Schultern, stiefelte durchs Einfahrtstor, guckte mich hektisch um, eilte zum schwarzen Auto, klebte den Zettel auf die Windschutzscheibe des Düsseldorfer Gefährts (In Frankfurt! Na, hören Sie mal, der kann doch Bahn fahren, dann hätten wir dieses Problem gar nicht erst gehabt!) und schlich mich zufrieden durch den Vordereingang wieder ins Haus.

Am Abend, der Düsseldorfer parkte immer noch behäbig vor unserem Tor, unterrichtete ich den Römer über meine Wut und wie es mir gelang, diese zu kanalisieren, damit ich nun mit dieser Situation zufrieden bis zum Rest meines Lebens leben konnte.

Den Teil, dass ich untertags beinahe pathologisch am Fenster klebte, um zu verifizieren, ob der Klebezettel bei mittelstarkem Wind auch wirklich auf der Scheibe haften würde (wäre ja schade darum!) oder aber dieser Parksünder bereits sein Ungetüm wegbewegt hatte, unterschlage ich hier besser.

Durch den Sahara-Sand wurde die Szenerie mit einem beeindruckenden Himmel belohnt. Nicht auf dem Bild: Der Volvo des Grauens.

Der Römer grinste. „Va bene. [In Ordnung.]“, kommentierte er meine Aktion und ließ sich das Auto meines Gegenspielers von mir zeigen. Dabei starrten wir wie die Eulen aus dem Küchenfenster auf die dunkle Straße. „Ah, die schwarze Volvo.“, sagte der Römer.

Dass es „der Volvo/BMW/xy*“ heißt, versuche ich ihm übrigens seit 2016 zu erklären. Aber im Italienischen heißt es nunmal „la Volvo/BMW/xy“. Und im Zuge meines aufkeimenden Feminismus fand ich, dass es viel mehr weibliche Nomen geben sollte. Gerade Automarken, die gerne als Sinnbild der Männlichkeit vermarktet werden, verdienen doch wirklich einen weiblichen Artikel.

Wenig später kochte der Römer für uns. Aus der Küche rufend, informierte mich mein Gatte, dass mein Brieffreund dabei war, von Dannen zu ziehen. „Er ist eingestiegen. Aber er fährt nicht los.“, hielt mich der Römer auf dem Laufenden. Beide glotzten wir wieder herunter zu der schwarzen Riesenkarosse. Einen Fahrer konnte man nicht erkennen. Dafür war es zu dunkel. Nur die Scheinwerfer leuchteten im Dunkeln stumm vor sich hin. Bei gekipptem Küchenfenster konnte man bereits den Motor laufen.

„Der ärgert sich sicherlich über meine Nachricht.“, grinste ich selig nach unten. Der Römer schüttelte beinahe unmerklich den Kopf und legte seinen Arm um meine Schultern. Nach quälend langen fünf Minuten fuhr der Parksünder weg. Er musste wohl erst den ersten Gang seines fahrbaren Monstrums finden. Doch ich hatte meinen Standpunkt klargemacht. Die Geschichte war für mich abgeschlossen.

Am nächsten Tag, ich fuhr unseren Nachwuchs in die Kita und kam nach 30 Minuten wieder zurück, sah ich bei der Einfahrt durchs Tor, dass dort der gelbe Zettel klebte. Mein gelber Zettel! „Den hätte er wenigstens entsorgen können. Pff!“, dachte ich, stellte das Auto ab und ging zurück Richtung Tor. Doch eine ältere Dame mit fröhlich gemustertem Einkaufstrolley, der nun stramm neben ihr stand, las neugierig den Zettel. Natürlich wollte ich mich nicht als Autorin dieses literarischen Meisterwerkes outen und so tat ich so, als würde ich nur eben den vorderen Eingang benutzen wollen.

Ich kontrollierte zur Tarnung unseren Briefkasten und sah wie die Dame leise in sich hineinlachend und kopfschüttelnd an unserem Haus vorbeischlürfte. Pfeilschnell wie ein Gepard eilte ich wieder aus dem Haus, bog nach links ab, rupfte den Zettel vom Tor und ließ ihn unauffällig in meiner Manteltasche verschwinden. Dann schlenderte ich betont lässig durch den Hintereingang ins Wohnhaus, nahm den Aufzug und sperrte wenige Augenblicke später die Wohnungstür auf.

Ich zog den Zettel aus der Tasche, bereit ihn zu entsorgen, doch da sah ich, dass mein Düsseldorfer Brieffreund mir geantwortet hatte. Das war also der Grund gewesen, weswegen er nicht sofort wegfuhr!

Auf meinen wunderbaren Ratschlag:

„Bitte lassen Sie dringend Ihre Sehkraft überprüfen! Dies ist eine Ausfahrt, kein Parkplatz! Oder könnten Sie Ihre Karre durchs Nadelöhr fädeln?“

Antwortete mein Brieffreund:

„-> Hier kommt ein LKW durch!“

Und dadurch, dass er den Zettel an die Hofeinfahrt hing, konnten viele, neugierige Passanten an unserem informativen Briefwechsel teilnehmen.

Well played, Düsseldorf! Well played!

*Werbung, unbezahlt und unbeauftragt.