Elda geht nach Mailand

Elda geht nach Mailand

[Teil 1 ist hier zu finden] [Teil 2 ist hier zu finden] [Teil 3 ist hier zu finden]

„Absage, Absage, Absage!!! Maaaan! Sehen die nicht, dass ich eine der besten Studentinnen in ganz Albanien bin?“ wütet Elda. „Sind die denn wirklich alle so doof? Ich habe überall Top-Noten! Nur weil ich nicht aus den USA komme, sondern aus so einem blöden, kleinen, unwichtigen Land wie Albanien.“ ätzte sie weiter. Sie knallte die Unterlagen auf den Tisch, seufzte und lies sich mit verschränkten Armen auf den Stuhl am großen Esstisch plumpsen.

„Aber, aber, aber! Deine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen! Wir sind ein stolzes Volk. Behandel dein Land mit Respekt und sei stolz darauf, was du bist und woher du kommst.“ mahnte sie Besnik. Doch er goß nur noch mehr Öl ins Feier mit seinen Worten.

„Ja, was denn? Nur weil wir Albaner sind, nehmen die mich nicht. Was soll denn sonst der Grund sein?“ fragte Elda aufgebracht und nun den Tränen nahe.

„Ich weiß es nicht. Es gibt viele Bewerber aus vielen Ländern. Und die Top-Unis warten nun mal nicht auf dich, mein Kind. “ setzte Besnik erneut an um sie zu bechwichtigen.

Es half nur wenig. Tagelang lief Elda mit einem unsichtbaren, schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht herum. Ihre Laune war nicht mies, sie war auf einem Punkt, den man nur selten im Leben erreicht. Ihre Stimmung war vergleichbar mit dem Marianengraben -abgrundtief und keiner weiß, was da unten alles lauerte.

Mehrere Tage gingen ins Land. Es hagelte Absagen. Frankfurt sagte ab. Zürich sagte ab. Genf sagte ab. Rom meldete sich gar nicht. Elda war verzweifelt. Sie sah sich auch im nächsten Jahr wieder an der Supermarktkasse – mit ihrem Bachelor-Abschluss. „Dann hätte ich mir auch einfach das Studium sparen können.“ seufzte sie als sie mit dem Römer telefonierte. „Ich ende als Top-Studentin an der Supermarktkasse. Na, danke auch. Dann kann ich doch gleich den Sohn meines Nachbarn heiraten und ihm drei Kinder schenken. Wozu brauche ich Bildung? Wozu bitte?“ Sie klang verzweifelt und ihre Stimme war belegt. Mehrmals schniefte sie.

„Du wirst sehen, irgendwoher kommt ein Lichtblick. Keine Sorge.“ erwiderte der Römer.

Und er sollte Recht behalten.

Zwei Tage später kam ein Lichtblick. Ein Lichtblick aus Italien. Università di Milano – Lehrstuhl für economia [Wirtschaft]. Sie teilten Elda mit, dass sie angenommen wurde an eben dieser Universität. Sie flippte aus vor Freude und rief sofort den Römer an. Er gratulierte ihr herzlich und senkte dann seine Stimme: „Elda, es gibt nur ein Problem: Dein Vater hat dir drei Städte vorgegeben und sein Favorit war Frankfurt. Bitte sag ihm noch nichts. Ich kümmere mich darum. Schaffst du das?“ fragte er. Sie bejahte und quiekte vor Freude.

Der Römer recherchierte, telefonierte mit alten Freunden aus Mailand, informierte sich über diverse Möglichkeiten und rief dann kurzerhand Besnik an. Das Gespräch begann wie immer – mit einem harmlosen Geplänkel über die Familie, die Gesundheit, das Wetter und die Arbeit. Irgendwann kamen sie zum Thema Elda. „Ja, sie ist sehr traurig. Sie bekommt nur Absagen. Mein kleines Mädchen so zu sehen, tut mir in der Seele weh.“ erzählte Besnik. „Und wenn es eine Zusage geben würde?“ fragte der Römer unschuldig. „Das wäre toll! Klar, nicht jede Stadt wäre willkommen, aber zum Beispiel Mailand wäre doch ein Kompromiss. Ich habe einen alten Studienfreund dort. Blöd nur, dass ich ihr nur die drei Städte genannt habe. Und die Bewerbungsphase für dieses Jahr ist schon vorbei.“ seufzte Besnik. „Dann ist heute dein Glückstag, lieber Besnik. Ich habe deiner Tochter geraten sich auch bei anderen Universitäten zu bewerben und Mailand hat ihr zugesagt!“ gab der Römer stolz preis. „WAAAAAAAS?“ entfuhr es Besnik – und man wusste nicht, ob nur das reine Erstaunen und die Freude darüber mitschwang oder doch auch ein bisschen Wut.

„Bevor du es nun doch verteufelst, lass es mich erklären: Es gibt 14 Flüge am Tag nach Mailand – von Frankfurt aus. Wir sind in einer Stunde bei ihr, falls was sein sollte. Dein Studienfreund wohnt dort, aber auch einer meiner engsten Freunde. Mailand hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Norditaliener sind ähnlich wie die Deutschen – eher ernst und arbeitsam. Von Albanien gibt es etliche Direktflüge und was noch wichtiger ist: Du würdest deiner Tochter einen Traum erfüllen.“ argumentierte der Römer ausführlich.

Besnik seufzte am anderen Ende der Leitung. „Und wie soll das alles gehen? Sie ist so jung und war noch nie im Ausland. Es lauern überall Gefahren. Bis ich bei ihr bin, vergehen mindestens 3 Stunden. Mein kleines Mädchen… ganz allein in Mailand.“

[Fortsetzung folgt – letzter Teil]

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

Elda geht ins Ausland! (Teil 2)

[Für Teil 1 und Teil 2 bitte jeweils auf den Link klicken]

„Und die wäre?“ fragten der Römer und Elda unisono.

„Ich habe es mir lange und breit überlegt. Elda darf im Ausland studieren, aber nur dort, wo es Verwandte gibt. Singapur und London wären damit eindeutig vom Tisch. Ich möchte jemanden von meiner Familie in ihrer Nähe wissen.“ erklärte Besnik. „Eine Möglichkeit wäre z.B. Rom…“ setzte er an.

Doch Elda unterbrach ihn sofort: „Rom!?!? Papa! Wo in Rom vermutest du denn die erstklassigen BWL Unis? Da kann ich genauso gut in Tirana studieren.“ Sie schmollte. Der Römer warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu bringen sollte, sich erst einmal alles anzuhören, bevor sie ihre Chancen verspielte. Doch ihr jugendlicher Übermut verhinderte, dass sie den Blick des Römers richtig deutete oder gar wahrnahm.

„Na gut, in den süditalienischen Dörfern gibt es keine Universitäten, die fallen also raus. Dann hätten wir noch Zürich…“ machte Besnik weiter.

Bevor Elda wieder ansetzen konnte, boxte der Römer sie leicht in die Seite, damit sie still ist. „Lass deinen Vater ausreden.“ zischte er.

„Dann natürlich Frankfurt, wo der Römer wohnt.“ zählte Besnik weiter auf. „Ja, Frankfurt hat einen guten Ruf, wenn es um Finanzwesen und um BWL geht. Aber die Spraaaache…“ Elda konnte es nicht lassen. Ihr jugendlicher Leichtsinn zwang sie förmlich dazu, all ihre Gedanken, taktisch unklug, auszusprechen.

„Und sonst würde noch Chicago bleiben. Das ist mir persönlich allerdings zu weit. Ich schicke doch meine Tochter nicht auf einen anderen Kontinent. Wo kämen wir denn dahin? Was würden die Leute sagen?“ führte Besnik weiter aus.

„Danke, Besnik. Ich denke, das sind ziemlich viele Informationen für Elda. Sie muss sicher erst einmal recherchieren und darüber schlafen.“ sagte der Römer, bevor Eldas Mund wieder Sätze los lies, die besser Gedanken geblieben wären.

Besnik und Flora mussten etwas erledigen. So blieben nur wir drei bei ihnen zu Hause. „Ich finde das blöd! Die große, weite Welt steht mir offen und ich soll nach Rom, Zürich oder Frankfurt? Pfff! Ich hab von London, Paris, Brüssel oder gar Singapur geträumt. Meine Freundin Ionnida studiert beispielsweise in New York. Ich sehe all ihre Bilder online und es sieht fantastisch aus.“ maulte Elda.

„Elda, Elda, Elda. Erst einmal: Am Ende des Tages sind es nur Bilder von Ionnida. Wer weiß, wie toll es wirklich ist? Du bist doch ein kluges Mädchen. Du bewirbst dich für Rom, Zürich und Frankfurt wie mit Besnik abgemacht. Dazu nimmst du noch Orte, die in der Nähe liegen. Das wäre beispielsweise Mailand, Genf, Berlin, vielleicht auch Brüssel? Orte, die von den Wohnorten deiner Familie schnell erreichbar sind. Es geht Besnik ja nur darum, dass du als Mädchen nicht allein im Ausland bist. Er hat Angst um dich.“ erklärte der Römer. Elda guckte ihn mit großen Augen an. Anscheinend war der Groschen jetzt gefallen. Ihr Vater hatte Angst um sie.

„Hm…. gar nicht mal so dumm. Wie weit ist London von Frankfurt entfernt?“ fragte Elda mit strahlenden Augen. „Zu weit.“ war die nüchterne Antwort des Römers. „Na gut, aber dein Tipp gefällt mir. Ich schau mir das mal genauer an.“ gab Elda zurück und setzte sich an ihren PC um zu recherchieren. So genau betrachtete sie die Europakarte das letzte mal im Geographie Unterricht in der 7. Klasse.

Wenig später stand fest, dass sie sich offiziell für die drei bekannten Städte bewirbt, inoffiziell noch für Brüssel und Mailand. Sie bereitete den Bewerbungsprozess vor und wartete nun auf Antwort der Unis. Wie auf heißen Kohlen saß sie da. „Und wenn mich alle Unis nehmen?“ fragte sie. „Dann besprechen wir zwei das zuerst und dann schlagen wir es deinem Papa vor.“ antwortete der Römer besonnen.

In diesen Tagen und Wochen des Wartens suchte Besnik das Gespräch mit dem Römer. „Wir müssen über etwas reden. Wenn ich ehrlich bin, ist mein Wunsch, dass sie in Frankfurt studiert. Seit dich deine Schwester als Alibi benutzte um sich mit mir treffen zu können, bist du wie ein kleiner Bruder für mich. Ich würde mich am wohlsten fühlen, wenn du ein Auge auf Elda hast- Deutschland hat einen grandiosen Ruf in Albanien, es kostet, aber nicht so viel wie Zürich. Ich würde mich einfach besser fühlen, wenn Elda bei euch wäre. Deswegen ist meine Entscheidung schon gefallen. Sie geht nach Frankfurt.“

„Ich verstehe dich. Uns wäre es eine Ehre deine Tochter bei uns zu haben. Frankfurt ist eine größere Stadt, aber keine Großstadt wie Berlin. Man kann alles mit dem Rad oder zu Fuß erreichen. Die Goethe Uni hat einen ausgezeichneten Ruf. Wir würden uns um deine Tochter kümmern als wäre es unsere eigene. Aber nun warten wir ab, was die Unis zurückmelden. Denn ich fürchte, es wird nicht leicht.“

[Fortsetzung folgt…]

Elda geht ins Ausland!

Elda geht ins Ausland!

[Der erste Teil ist hier zu finden….]

„Und? Was kam raus?“ belagerte Elda den Römer. Ihre Stimme überschlug sich förmlich. „Er überlegt sich’s. Das war das Beste, was ich rausschlagen konnte.“ antwortete der Römer wahrheitsgemäß. Sie legte ihr Köpfchen mit den dunklen Locken schräg. Ihre Augen guckten nach oben. Ihren Mund verzog sie zu einem Schnütchen. Spätestens hier wusste man, warum Besnik wollte, dass seine adrette Tochter nicht ins Ausland geht.

„Na ja, aber er hat nicht jo [nein] gesagt.“ bemerkte sie. „Auch nicht po [ja], aber eben auch nicht jo [nein]!“

Der Römer musste lachen. „Wenn er etwas absolut nicht will, dann sagt er sofort nein. Du kennst ihn! Und dann ist auch nichts daran zu rütteln. Aber er sagte, er überlegt sich’s. Das ist ein gutes Zeichen. Ich werde warten bis er bereit ist. Du bist Besniks einzige Tochter. Er braucht Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen.“ erklärte der Römer ruhig.

Drei quälend lange Tage für Elda gingen ins Land. Sie versuchte sich abzulenken, aber man merkte ganz genau: Sie war nicht bei der Sache. Ihre Mutter vermutete, dass sie verliebt sei. In gewisser Weise stimmte das auch: Sie war verliebt in den Gedanken ins Ausland zu gehen. Womöglich nach Übersee? Singapur? Oder gar London? Sie wischte den Gedanken weg. „Bloß keine Hoffnungen machen!“ befahl sie sich. Nicht, dass sie wieder im öden Tirana fest saß. Das monotone „biep“ der Kasse, immer wenn sie einen Artikel über den Scanner zog, machte sie in diesen Tagen besonders aggressiv. Klar, es ist der Supermarkt ihres Vaters, wo sie aushalf, wann immer es ging. Aber das konnte doch wohl kaum ihr Leben sein? Sie hatte Wirtschaft studiert. Sie hatte einen Bachelor. Sie wollte raus! Raus aus Albanien. So wie die meisten ihrer Verwandten: Die Zogus haben’s gut, die sind damals nach Amerika. Die Muratis in die Schweiz. Die Xhiajs, Lilas und Kastratis sind alle gesammelt nach Italien. Nur sie, sie war gefangen in Albanien.

Nach drei Tagen klingelte das Telefon des Römers. Besnik stand in großen Lettern auf dem Display. „Alo?“ unterbrach die Stimme des Römers das Klingeln des Telefons. „Po…. Po…Po… Ciao. [Ja….Ja…Ja… Tschüss]“

„Amore mio, was hältst du davon, wenn wir heute bei Besnik essen?“ fragte er mich – pro forma. Dass das Abendessen schon längst beschlossen war, war selbst mir klar. „Kein Problem.“ gab ich grinsend zurück. „Es geht ja schließlich um Elda und ihre Zukunft.“ Der Römer musste lachen: „Esatto!“ [Genau] sagte er.

Um 20 Uhr traten wir in Besniks neugebautem Haus ein. Wir kannten es noch nicht und er führte uns stolz herum. „Hier ist die Etage von Toni [seinem Sohn] und seiner Frau.“ zeigte er uns. Wunderschön war diese. Die Innenarchitekten hatten ganze Arbeit geleistet. „Das hier ist unsere Etage. Flora [die Schwester des Römers und die Frau von Besnik] hat sich etwas florales gewünscht.“ erklärte er uns. Eine geschmackvolle Blümchentapete zierte die große Wand hinter dem gemeinsamen Ehebett. Überall waren florale Elemente eingearbeitet. Es sah bezaubernd aus. Verspielt, aber nicht zu kitschig. Wir nahmen den Lift um noch eine Etage höher zu gelangen. „Und hier ist…“ er stockte. „Eldas Zimmer…also ihre Etage…also falls sie uns mal besuchen kommt.“ Man sah ihm an, dass ihn sein eigener Satz mitten ins Herz traf. Der Römer und ich guckten verwirrt. „…Falls sie uns mal besuchen kommt.“ hallte es in unseren Köpfen nach.

„Wie? Falls?“ nutzte der Römer die Gunst der Stunde um gleich zu fragen was Sache ist. „Ich habe darüber nachgedacht. Als Vater habe ich eine gewisse Verpflichtung meiner Tochter gegenüber. Bei ihrer Geburt habe ich mir geschworen, dass sie die allerbeste Ausbildung genießen soll, die es gibt. Also ist es wohl an der Zeit, meine eigenen Interessen hinten anzustellen. Sie soll im Ausland studieren.“ erklärte er mit traurigem Blick.

„Das ist ja ganz fantastisch!“ gab der Römer zurück. „Du wirst sehen, dass es absolut die richtige Entscheidung war.“

„Wer studiert im Ausland?“ hörte man eine Stimme aus dem Off. Elda!

„Du!“ antwortete der Römer noch vor Besnik. Sie flippte aus vor Freude. Stürmisch umarmte sie ihren Vater Besnik, ihre Mutter Flora, den Römer und mich. „Ich kann es gar nicht glauben!! Papa!!! Danke!!!“ Ihre Augen schäumten über vor Freude. Flora freute sich für ihre Tochter, doch gleichzeitig liefen ihr dicke Tränen über die Wange. Ihr kleines Mädchen… ins Ausland? Wann war sie denn so schnell groß geworden?

Besnik erhob das Wort: „Es gibt jedoch eine Bedingung!“

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Elda geht ins Ausland?

Elda geht ins Ausland?

Des Römers liebste Nichte, Elda, beschloss, dass es nun an der Zeit ist, die erste, in Albanien groß gewordene Frau in der Familie zu sein, die allein im Ausland studierte. Ihren Bachelorabschluss hatte sie schon in der Tasche – jetzt war der Zeitpunkt gekommen, den Master zu machen.

Sie brachte die Idee zuerst beim Römer hervor. Ihren Onkel zu überzeugen, war nicht gerade schwer. Aufgewachsen in Rom, war er Feuer und Flamme, dass seine „kleine“ 22jährige Nichte im Ausland studieren sollte. Am Ende des Gesprächs presste sie ihre Lippen aufeinander und sagte: „Sag mal, dajë (Onkel – mütterlicherseits), könntest du es meinem Vater sagen?“ Sie guckte ihn mit großen, Adria blauen Augen an. Er lachte. „Ja, ich kann’s versuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dein Vater seine einzige Tochter ins Ausland gehen lässt zum studieren…also… puh…die ist gering.“ antwortete er wahrheitsgemäß.

Am nächsten Tag traf er sich mit Besnik, Eldas Vater. Bei einem Espresso saß man in Besniks Bar und unterhielt sich. Ganz vorsichtig schnitt der Römer das Thema an. „Sag mal, Besnik, Elda sollte ihren Master machen. Ein Bachelor allein bringt ihr ja nun nichts.“ Besnik nickte. Ihm war die erstklassige Ausbildung seiner Tochter sehr wichtig. „Aber an der Universität von Tirana… du weißt ja wie es ist! Man bekommt nur die besten Posten, wenn man zufällig die Tochter des Dekans ist. Für die anderen bleiben auch nach einem Masterstudiengang wenig Perspektiven übrig.“ Besnik runzelte die Stirn, musste aber zustimmen. „Im Ausland wäre das anders. Dort hätte man mehr Möglichkeiten. Gerade wenn es um ihren Studiengang, Wirtschaft, geht. Und guck mal, wie sich das in einem Lebenslauf macht, wenn deine Tochter im Ausland studiert hat. Das wäre eine ganz andere Qualifikation. Du legst doch immer soviel Wert auf eine angemessene Ausbildung. Das wäre ihre Chance!“

Besnik starrte dem Römer lange in die Augen. Ich, als stiller Beisitzer, dachte nur: „Entweder er wirft jetzt den Tisch um und zieht wutentbrannt ab oder er fängt an zu weinen. Da sich letzteres als albanischer Mann nicht schickt, wird es wohl ersteres werden.“

Es kam nur ein Laut aus Besniks Mund: „Hm!“ Ja, man kann „Hm!“ mit einem empörten Ausrufezeichen am Ende intonieren. Es war auch kein grübelndes „Hmmm…“, vielmehr ein „Hm!“ das diesen abstrusen Gedanken wegzuwischen versuchte. Seine einzige Tochter! Im Ausland! Womöglich noch allein! Und überhaupt: Was sollen die Leute denken? Er schickt doch seine Tochter nicht ins Ausland. Nein, nein! Das kommt nicht in Frage! Das alles lag in seinem „Hm!“. Und seinem Blick. Durchdringende, braune Augen, die gar nicht mehr so warm lächelten wie sie es sonst immer tun.

Doch der Römer wäre nicht der Römer, wenn er hier aufgeben würde. „Erinnerst du dich noch als ich klein war und du meine Schwester getroffen hast? Ihr habt mich als Alibi benutzt, dass ihr euch heimlich sehen könnt. All die Jahre habe ich dieses Geheimnis für mich behalten. 35 lange, lange Jahre…. Niemand weiß davon. Vielleicht solltest du dir das mit Elda nochmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“ Oha. Der Römer griff zu einer richtigen Granate. Der Kampf ist eröffnet, dachte ich nur.

Besnik starrte ihn an. Schockiert. Klar, er war seit 30 Jahren mit der Schwester der Römers verheiratet, sie hatten zwei Kinder, doch wäre es unschön, wenn seine hochgeschätzten Schwiegereltern das nun herausfinden würden. Was würden sie von ihm denken? Von ihrer Tochter?

„Ich überleg’s mir….“ sagte er. „Sprich mich in zwei, drei Tagen nochmal darauf an. Aber währenddessen behältst du Stillschweigen. Über alles! Besonders über deine verrückte Idee und diese Geschichte von damals!“

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