Von römischen Reiseprofis

[Dieser Text wurde bereits im Sommer von mir geschrieben.]

Sollten Sie in den nächsten Tagen am Flughafen sein und die leise Vermutung haben, dass die nette, dreiköpfige Familie, die Ihnen entgegen stolpert, die „Farnientes“ sind, kann ich Sie beruhigen.

Wir sind es nicht.

Denn uns würden Sie schon von weitem erkennen – insbesondere akustisch. Sie hätten keinerlei Zweifel. Sie wüssten, dass wir es sind.

Heute möchte ich Ihnen erzählen, wie wir reisen. Nach langjähriger Berufserfahrung, unzähligen Aufenthalten an (inter)nationalen Flughäfen, Ein- und Ausreisevorgängen und vorangehenden Sicherheitskontrollen möchte ich behaupten: Ich bin ein Reiseprofi. Doch ich hätte auch mehrere Jahre in Folge mit dem Preis „Der goldene Tourist“ ausgezeichnet werden können, der Römer würde trotzdem alles besser wissen.

Es fängt schon beim Kofferpacken an. Meinen Koffer packe ich mit Ruhe und Verstand. Am Vorabend des Abreisetages steht er fertig gepackt neben der Haustür. Darauf befindet sich ein Klebezettel mit Dingen, die ich am Morgen noch ergänzen muss (Handyladegerät, Handy,…)

Der Römer hingegen hält es für absolut überflüssig am Vortag zu packen. „Lo faccio domani.“[Das mache ich morgen.] klärt er mich leicht genervt von meiner Nachfrage auf. Morgens steht er dann auf, frühstückt gemütlich und kümmert sich um seine sensible Männerhaut – bis ihm siedend heiß einfällt, dass er seinen Koffer noch packen muss und in 20 Minuten unsere geplante Abfahrt ist. Ab diesem Zeitpunkt höre ich nur noch Gefluche und einen irre durch die Wohnung laufenden Römer. „Dove ca**o è…?“ [Wo zum Teufel ist…?] fangen fortan all seine Sätze an und ich flöte ihm ein aufmunterndes „Ich weiß es nicht, amore.“ entgegen.

Nun würde man meinen, dass man in so einer Situation nicht noch das Bügelbrett herausholt und seine komplette Reisegarderobe bügelt. Doch Sie haben die Rechnung ohne den Römer gemacht. Er bügelt und flucht und bügelt. Bis wir die angedachte Flughafen S-Bahn verpassen und ich ordentlich Druck mache. „Wenn wir nicht sofort gehen, fliegen Signorino und ich allein!“ schreie ich dann durch die Wohnung. „Okay, dann fliege ich nachmittags in Ruhe.“ antwortet er prompt. Daraufhin motzen wir uns an und 10 Minuten später steht er in seinen Ausgehschuhen, gebügelter (!) Jeans und Leinenhemd an der Tür. „Vieni?“ [Kommst du?] hallt es durch die Wohnung, während ich Signorino in der Trage verstaue.

An der Haustür gehe ich noch kurz meine Checkliste mit ihm durch. „Schlüssel? Pass? Geldbeutel? Handy? Sonnenbrille?“ frage ich und betone, dass wir alles andere vor Ort kaufen können, sollte er es doch vergessen haben. „Si, si! Hab ich alles.“ sagt er stets. Auf halber Strecke zur S-Bahn rennt er noch einmal zurück, weil sein Pass merkwürdigerweise doch nicht auffindbar ist. Er liegt noch auf dem Küchentisch und hoffte auf eine entspannte Woche ohne uns.

Signorino und ich gehen unbeirrt weiter Richtung S-Bahnhof – mit dem kleinen Unterschied, dass ich nun aussehe wie ein Packesel: Vorne den kleinen Signorino in der Trage, hinten den römischen Rucksack, rechts die Handtasche und jeweils links und rechts einen Rollkoffer.

Angekommen am Bahnsteig warten wir noch einige Minuten auf die S-Bahn. Vom Römer fehlt jede Spur. Als der Zug einfährt, rennt ein völlig verschwitzter Römer mit seinem Pass winkend auf den Bahnsteig.

Ich stelle mich mit mit Kind und Koffern für die obligatorischen 10 Sekunden in die Lichtschranke der S-Bahn Tür, damit der Römer diese noch erreicht.

Völlig gestresst versinkt er wenige Augenblicke später in seinem Sitz und macht bis zum Flughafen ein Nickerchen während ich Signorino bespaße.

Nach einer halben Stunde, endlich angekommen am Flughafen, bin ich bestens vorbereitet. Die Bordkarten befinden sich bereits auf unseren Handys, ich kenne die Wege, laufe zielgerichtet zu den Gepäckautomaten, habe das Handy bereits in der Hand und zeige routiniert die Bordkarte vor. Im Hintergrund höre ich den fluchenden Römer „Dove ca**o è…? [Wo zum Teufel ist…?] Sempre ’sta m*rda di telefono… [Immer dieses sch*iß Telefon] Mi fa impazzire… [Es treibt mich zur Weißglut…]“ Der nette Herr an der Bordkartenkontrolle interveniert und fragt, ob wir zusammen gehören. „Bis jetzt schon noch. Das kann sich aber im Verlauf der Reise ändern.“ bemerke ich auf den nervös suchenden Römer schielend und der freundliche Herr lacht. Er winkt den Römer durch und wünscht uns eine gute Reise. „Danke, die können wir gebraucht!“ antworte ich wahrheitsgemäß.

Die nächste Etappe unserer Reise heißt „Sicherheitskontrolle“: Laptops, Tablets und alle anderen elektronischen Geräte des Handgepäcks (mit und ohne Kabel) sind von mir separat verpackt. Flüssigkeiten wurden schon Tage vorher liebevoll in durchsichtige Plastiktüten gepackt. Alle Flüssigkeiten für Signorino sind ebenfalls eigens verpackt und jederzeit bereit einem Test unterzogen zu werden. Alles ist präzise aufgeteilt, beschriftet und selbstredend griffbereit.

Der Römer hingegen hält jegliche Vorbereitung für unnötig. Er fängt meist 10 Sekunden bevor wir an der Sicherheitskontrolle an der Reihe sind an, alle Dinge in einen viel zu großen, drei Liter Gefrierbeutel zu packen. Er kramt in Hosentaschen, in seinem Rucksack und stopft alles, was er in 10 Sekunden finden kann, in die nicht verschließbare Plastiktüte. Meist bekommt er dann die erste Schelte des Sicherheitspersonals und ich reiche ihm wortlos den passenden Flüssigkeitsbeutel, der in meiner Jackentasche auf seinen Einsatz lauert.

Da ich um die Problematik der piepsenden Kleidungsstücke Bescheid weiß, ist mein Outfit beim Fliegen immer dasselbe: Eine bequeme, dennoch elegante Hose – ohne Hosentaschen, Knöpfe und Gürtel. Dazu ein dünnes, langärmliges Oberteil ohne eventuell piepende Metallapplikationen. Offene Haare, damit ich keine piepsenden Haarklammern benutzen muss. Schuhe: einfache Espadrilles mit einer schlichten Gummisohle.

Der Römer hingegen trägt Jeans mit Gürtel und in den Hosentaschen einen Haufen Kleingeld (Wirklich immer! Ich flieg mit dem Mann schon seit 5 Jahren durch die Gegend). Dazu kombiniert er ein Armband und eine Kette, die grundsätzlich piepsen. Schuhe mit einer Metallplatte darin gehören auch zu seinem Standard.

Ich schwebe also durch die Sicherheitskontrolle – leicht wie eine Feder. Routiniert bleibe ich einen Hauch einer Sekunde stehen und werde weiter gewunken. Der Römer übergibt mir Signorino. Der kleine Herr Farniente wird freundlich abgetastet und wir dürfen passieren.

Daraufhin wird der Römer gefragt, ob er den Körperscanner nebenan benutzen möchte. Er willigt ein und steht in diesem Gerät wie eine ägyptische Hieroglyphe. „Was macht der Mann da eigentlich?“ höre ich eine Sicherheitsmitarbeiterin zu ihrer Kollegin tuscheln. Der nette Herr am Körperscanner erklärt dem Römer nochmal wie er sich am besten hinstellen soll und bittet ihn, die dunkle Sonnenbrille aus dem lockigen Haar zu nehmen. Er gehorcht und tut wie ihm geheißen. Als er heraus gewunken wird, will er schnurstracks zu uns laufen, doch er wird zurückgepfiffen. Ungeduldig wartet er am Bildschirm. Gut zu erkennen sind viele, mal kleinere, mal größere farbige Punkte. „Sprechen Sie Deutsch? English?“ fragt der nette Herr. „Natürlich Deutsch.“ grinst der Römer mit hörbarem Akzent und der Sicherheitskontrolleur scheint ihm nicht recht zu glauben. Dennoch erklärt er ihm, dass er nun im halboffenen Séparée durchgecheckt werden muss. Der Römer gehorcht auch hier und stellt sich wie ein Berliner Ampelmännchen hin. Am Ende dieser Prozedur hat der Sicherheitsmitarbeiter ein Päckchen Kaugummi, ein benutztes Taschentuch, eine Maske und einen Schnuller gefunden. Der Römer grinst verlegen – und darf passieren.

Signorino und ich betrachteten das heitere Spektakel aus der Ferne. Nicht nur einmal schüttelte ich den Kopf. „Dai, famiglia! Avanti, avanti! [Kommt schon, Familie! Los, Los!] treibt der Römer uns an und klatscht in die Hände. „Der Kerl weiß schon, dass WIR auf ihn gewartet haben? Nicht andersherum!“ flüstere ich zu Signorino und er antwortet mit seinem Lieblingswort „Nein! Nein! Nein! Nein!“. Ich streichle ihm über den Kopf.

Vor dem großen Bildschirm mit allen anstehenden Abflügen platziert sich der Römer so, dass kein anderer Passagier mehr einen Blick auf die Abflüge zwischen 12 und 14 Uhr erhaschen kann. „Okay….dov’è il nostro volo?“ [Okay, wo ist unser Flug?] murmelt er fragend und ich schultere bereits wieder die überladene Wickeltasche. „Gate A18.“ bemerke ich knapp während er noch sucht. „Perfetto! Das liegt in der Nähe meiner Lieblingsbar. Mi va proprio un cappuccino buono ed un brioche caldo. [Ich habe totale Lust auf einen guten Cappuccino und ein warmes Croissant.]“ schwärmt er und seine Augen leuchten. „In 15 Minuten ist Boarding.“ ergänze ich streng. Aber er scheint es gar nicht mehr richtig wahrzunehmen. Er ist bereits zu sehr eingenommen von seinem Gedanken an ein zweites Frühstück.

Wir stoppen an der Bar. Eine ellenlange Schlange windet sich vor der Kasse hin und her. „Du, ich glaube das dauert länger. Wir gehen mal besser zum Gate!?“ versuche ich ihn abermals zu überzeugen, doch es ist aussichtslos. „Ma che! [Aber was!] Wir sind im Urlaub – nicht auf der Flucht. Und einen Urlaub möchte ich entspannt mit einem Cappuccino und einem Mandelbrioche beginnen.“ erwidert er. Also stehen wir in dieser nicht enden wollenden Schlange, er, der tiefenentspannte Römer, und ich, die nervöse Mutti, die ständig auf die Uhr guckt. Signorino indessen ist fasziniert von den Menschenmassen und gluckst fröhlich. „Amore, ich habe gerade eine Benachrichtigung auf’s Handy bekommen. Die fangen jetzt mit dem Boarding an…“ sage ich 15 Minuten später. „È allora?“ [Und jetzt?] antwortet er. „Es sind nur noch acht Leute vor uns. Das geht schnell.“

Ich atme angestrengt und versuche mich zu beruhigen. Nach einer weiteren Minute gewinnt dennoch meine Nervosität die Oberhand. „Okay, basta! Ich gehe schon mal zum Gate. Das wird mir hier zu brenzlig.“ klatsche ich ihm hin und ziehe mit Signorino ab. Der Römer bleibt und wirft mir ein flapsiges „Ich dachte, du bist Flugbegleiterin. Da solltest du doch eigentlich entspannter sein!“ hinterher. Ich schnaube und stampfe Richtung Gate.

Dort angekommen dürfen Signorino und ich direkt zur netten Bodenstewardess gehen und müssen uns nicht in der Schlange anstellen. Unsere Bordkarten werden gescannt und wir laufen den langen Gang hinunter bis zum Flugzeug. Als wir freundlich grüßend bei der diensthabenden Kabinenchefin vorbeihuschen, höre ich, wie sie ihrer Kollegin zuflüstert: „Mutig – allein mit einem Baby zu reisen. Ich habe mich das ja nie getraut.“ Ich lächle und gucke auf die Uhr. Noch maximal 10 Minuten und die Türen werden geschlossen. Wenn es der Römer bis dahin wirklich nicht schafft, bin ich tatsächlich alleinreisend mit Baby. Und er? Er ist einen Kopf kürzer.

Ich setze mich hin, schnalle Signorino mit dem Babygurt, den eine Flugbegleiter-Kollegin mir aushändigte, an und warte. Nach und nach tröpfeln nur noch vereinzelte Gäste ins Flugzeug. Meine Anspannung lässt sich kaum noch verbergen. Ich gucke von meinem Gangplatz nervös richtig Purserette. Sie guckt auf die Uhr. Jeden Augenblick müsste die Bodenkollegin auftauchen und den Passagier-Abschluss bringen. Man hört bereits Getrampel in der Flugzeugbrücke.

„Du und dein blöder Cappuccino! Ich hau ihn dir um die Uhren, wenn du nicht in drei Sekunden in diesem doofen Flugzeug stehst.“ denke ich und bemerke bei einem Blick auf Signorinos Kopf, dass mein Dekolleté bereits nervöse, rote Flecken aufweist. Ich zwinge mich einen Moment die Augen zu schließen und tief ein- und auszuatmen. Nach 20 Sekunden öffne ich meine Augen wieder. Vor mir steht ein nassgeschwitzter Römer. „Permesso?“ [Darf ich?] sagt er grinsend und hält statt einem Cappuccino seine Sonnenbrille in der Hand. „Sag mal, bist du irre!“ fange ich an, doch werde von einem „Boarding completed!“ der Kabinenchefin unterbrochen. Er lässt sich geschafft in seinen Sitz plumpsen.

„Du wirst es mir nicht glauben, aber es war echt knapp!“ hechelt er völlig außer Puste. Ich will bereits loszetern, doch er bittet mich erst einmal alles erzählen zu dürfen. „Gut. Erzähl!“ gehe ich eingeschnappt auf seine Bitte ein.

„Allora, era un disastro! [Also, es war ein Disaster!] Als ihr gegangen seid, hatte ich nur noch ein paar Leute vor mir. Ich harrte geduldig aus und kam auch recht bald dran. Als ich bei der Ausgabestation auf den Cappuccino und das Mandelhörnchen wartete, fuhr ich mir durchs Haar und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Gli occhiali da sole! [Die Sonnenbrille!] Non c’erano! [Sie war nicht da!] Kurz überlegte ich, was ich nun tun könnte, doch es war klar: Ich musste zurück zur Sicherheitskontrolle. Ich lief also den ganzen Weg wieder zurück, fragte mich bei den Sicherheitsleuten durch und hatte Glück: Sie war noch da. Eine Mitarbeiterin wollte sie gerade beschriften um sie zum Fundbüro bringen zu lassen. In Windeseile nahm ich sie entgegen und lief zum Gate. Es war nur noch eine Bodenmitarbeiterin dort, die bereits eifrig tippte. Aaaah! Herr Farniente! Auf Sie haben wir noch gewartet. Ich wollte gerade den Abschluss machen. erklärte sie mir. Nun ja, und jetzt bin ich hier. Was für ein Abenteuer!“ grinst er.

Ich gucke ihn an. Meine Augenbrauen sind bereits verdächtig Nahe an meinem Haaransatz.

„Und wo ist dein Cappuccino nun? Hast du ihn in aller Ruhe auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle geschlürft?“ bemerke ich spitz und sah den Römer vor meinem inneren Auge leichtfüßig an seinem Cappuccino nippend zur Kontrolle schlendern.

„Madonna mia!“ schreit er auf und ich psch-te ihn an. „Ma che pal*e! [Was für ein Sche*ß] Ich hab‘ ihn vergessen – an der Sicherheitskontrolle. Nur kurz abgestellt hab ich ihn. Mamma mia! Und die Papiertüte mit dem Brioche auch. Che disastro! [Was für ein Desaster!]“

Nun sind wir auf der Runway. Der Flieger beschleunigt und wir heben ab. „Na, das kann ja was werden.“ denke ich und halte Signorinos Hand ganz fest.

Der Römer indessen lächelt und setzt die Sonnenbrille auf. „Na, wenigstens hab ich die Sonnenbrille wieder. Dieses Neonlicht im Flugzeug ist einfach zu viel für meine empfindlichen Augen.“ erklärt er mir ernst. „Hm….“ gebe ich zurück. „Wenigstens sind wir auf dem Weg nach Rom. Da ist’s nicht so unangenehm, wenn du im Flugzeug mit einer Sonnenbrille sitzt.“ murmle ich. „Scusa?“ [Entschuldige?] fragt er. „Glück im Unglück mit deiner Sonnenbrille.“ bestätige ich ihm – nun etwas lauter. „Infatti!“ [Genau] gibt er mir Recht. „Ja, infatti.“ grinse ich.

Spaziergang durch Rom

[Prolog: Liebe Leser, wir leben in aufregenden Zeiten. Heute, da fehlt mir Rom, das Reisen und besonders meine und des Römers Familie. Deswegen wollte ich sie hiermit einladen, mit mir nach Rom zu kommen. Meine Impressionen schrieb ich bereits im Sommer – als wir vor Ort waren – auf. Doch der Artikel geriet in Vergessenheit. Aber glauben Sie mir: Man findet nichts ohne Grund. Und heute, da fand ich ihn wieder und er zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dasselbe wünsche ich auch Ihnen – mit meinen Insidertipps von meinem echten Römer.]

Ach, ich nerv Sie doch schon lang genug mit meinem Gefasel über Rom. Das ist mir bewusst.

Aber ist Ihnen bewusst, dass die Luft hier ganz anders riecht? Heute, am Circo Massimo, aufsteigend zum Aventin, ist es mir aufgefallen. Sie riecht nach warmen Pinienholz, nach Sommer, nach Abgasen und nach Meer, wenn der Wind am Nachmittag die aufgewärmte Meeresluft in die Stadt treibt.

In Testaccio, eben noch abgestiegen vom Aventin, da riecht sie nach würzigem Pecorino [Schafskäse], nach römischen Wohnviertel, wo sich selten mal ein Tourist hin verirrt und Oliven. Besonders intensiv wird der Geruch, wenn Sie einen Abstecher beim Feinkosthändler Volpetti* machen. Und ich garantiere Ihnen, dass Ihr Herz noch ein bisschen höher schlägt, wenn der redselige Verkäufer Ihnen noch ein Stückchen Pecorino reicht, den 24 monatigen, und Sie die Augen schließen vor Wonne – und weil sie hoffen, nicht Ihren Verstand bei diesem einzigartigen Geschmack zu verlieren. Da Geben seliger als Nehmen ist, bringen wir Turtle natürlich auch ein Stück mit, bevor sie wieder überlegt 20€ spedizione [Versand] zu zahlen – für 250g Pecorino. An dem Punkt schüttelt sie meist traurig den Kopf, weil das pazzia [Verrücktheit] wäre.

In der Via Marmorata, immer noch in Testaccio, da riecht die Luft nach schwarz fahren und einer Lüge. “Oggi tutti i mezzi publicci sono gratis. “ [Heute sind alle Verkehrsmittel gratis.] sagte der Römer damals, ganz am Anfang als wir uns kennenlernten. Dazu grinste er schelmisch. Ich, gutgläubig wie ich war, stieg fröhlich in den Bus ein. Erst als der Römer an allen darauffolgenden Tagen wiederholte, dass der Verkehrsverbund auch heute keine Kosten erhebe, kam ich ins Grübeln. Er lachte wieder und erklärte mir seine Logik: Für kurze Strecken fahre er schwarz. Da lohne sich der Aufwand nicht, ein biglietto [Fahrkarte] im Kiosk zu kaufen. Ohnehin wäre das kein Problem, würden Kontrolleure doch mit dunklen Poloshirts, auf denen ein kleines ATAC [der römische Verkehrsbund: Azienda per i Trasporti Autoferrotranviari del Comune di Roma] gedruckt ist, einsteigen. Er hätte dann noch genug Zeit, in aller Ruhe auszusteigen und den Kontrolleuren davonzukommen. Da ich aber so pflichtbewusst sei, hatte er keine andere Wahl als diese Lüge zu erfinden um seine Methode durchzusetzen.

Das Wort “Scemo” [Depp] benutzte ich zu dieser Zeit das erste Mal und es passte damals wie heute bei des Römers fantasievollen Geschichten.

In der Via di San Francesco Ripa in Trastevere riecht es immer etwas nach Zuhause, nach Freiheit, nach etwas Unbekannten, das einen ruft. Es riecht nach Frühstück im Café Baylon*, nach caffé [Espresso] und cornetti integrali al miele [Vollkorn Croissants mit Honigfüllung]. Irgendwie auch nach Müll und Abwasser – so ehrlich muss man sein. Es riecht nach anguria [Wassermelone] – so groß wie mein Oberkörper und nach knallgelben Zitronen, die beim Anblick ihrer traurigen, deutschen Brüder nur müde lächeln würden.

Nicht weit entfernt, in der Via dell’arco di San Callisto riecht es nach frischem Fisch, eben gepflückten Steinpilzen und großen, weißen, frisch gewaschenen Bettlaken. Zugegeben, den letzten Geruch trug ich zu Roms olfaktorischen Potpourri bei. Signorino hatte sich dezent im Bett übergeben – und wir hatten glücklicherweise eine Waschmaschine im Apartment*. So hing ich heute morgen die feuchten Betttücher auf und sie schwangen leichtfüßig im privaten Innenhof hin und her. Dazu verteilten sie ihren betörenden Geruch in unserer Ecke der Straße.

Der Geruch nach meeresfrischen Fisch und eben gepflügten Steinpilzen kam vom Restaurant nebenan: Ristorante All’arco Di San Calisto*.

Jeden Abend konnte man den padrone [Besitzer] des Restaurants dabei beobachten wie er mit allergrößter Hingabe und absoluter Freude die unzähligen Steinpilze mühevoll putzte und vorbereitete, damit sie später in der Küche weiter verarbeitet werden konnten. Sein Platz bestand aus einem antiquierten, dunklen Holztisch mit langen, dünnen Beinen. Die Maserung des Holzes drückte sich selbstbewusst durch den bereits absplitternden Holzlack. Mit viel Muße staffierte er jeden Abend diesen Tisch mit einer rot-weiß karierten Tischdecke aus, holte 4 große Körbe Steinpilze aus dem Restaurant und stapelte sie alle auf dem Tisch. Man sah dem Mann an, dass er seine Tätigkeit seit Jahren ausführte. Diese Präzision, schnelle, flinke Bürstenstriche, all das zeigte mir, dass hier ein Profi am Werk ist. Ich guckte ihm gerne von meiner ruhigen Privatloge (alias das Fenster des ersten Stocks unserer Wohnung) zu. Diese absolute Ruhe vor dem Sturm, bevor die ersten Gäste eintrafen und der Trubel des Abends begann, beruhigte mich.

Schließlich, an der Piazza Trilussà riecht es nach Verliebtheit, nach vielen, ganz großen Gefühlen, nach zarten Anfängen und ersten, schüchternen Blicken. Es riecht nach dem Parfüm des Römers, der dort stand, in seiner Lederjacke im Oktober, mit einem schüchternen Grinsen und sich unsicher umblickte. Es riecht nach „etwas Verbotenem“, wussten doch meine Eltern nichts von dem Treffen. Und irgendwie riecht es auch nach Veränderung, denn dieser Platz war der Anfang eines komplett andersartigen Lebens – sowohl für den Römer als auch für mich. Nennen Sie uns kitschig, aber jedes Mal, wenn wir hier vorbeigehen, stoppen wir kurz, gucken uns tief in die Augen und küssen uns. Denn hier begann unser Abenteuer, dass hoffentlich noch lange nicht vorbei ist.

Falls Sie vorhaben irgendwann in diese wundervolle Stadt Rom zu reisen, so hoffe ich, dass Sie die Möglichkeit haben, mindestens einen dieser aufgeführten Orte (die im übrigen auch verlinkt sind) zu besuchen:

  1. Salumeria Volpetti –  Via Marmorata 47 | 00153 Roma | Beschreibung: Die Salumeria bietet wunderbare Weine, würzigen Käse und natürlich Wurst. Vor ein paar Jahren wurde der Laden umgebaut, verlor (leider) seinen alten Charme, nicht jedoch seine überdurchschnittliche Qualität.
  2. Baylon Cafè – Via di S. Francesco a Ripa 151, 00153 Roma | Beschreibung: Hier können Sie von früh bis spät vorbei schneien. Egal ob Frühstück, Mittagessen, Aperitivo, Abendessen oder das letzte Glas Wein, mit dem Sie auf einen herrlichen Tag in Rom anstoßen – man ist immer genau richtig hier. Es gibt einen kleinen Außenbereich. Viel schöner sind jedoch die Plätze am geöffneten Fenster. Sie hören den neuesten Klatsch aus dem Viertel und wenn Sie die Sprache nicht sprechen, dann hören Sie die schönste und ehrlichste Geräuschkulisse zwischen lautem Italienisch, klappernden Espressotassen, poliziotti [Polizisten], die ihren caffé in aller Ruhe trinken und der Orangenpresse für die centrifuga numero uno [Smoothie Nummer 1 mit Orange, Apfel, Ingwer – mein Liebling]
  3. San Callisto – Via dell’arco di San Callisto 44, 00153 Roma | Beschreibung: Im Herzen Trasteveres liegt dieses kleine Reihenhäuschen, das über zwei Schlafzimmer und zwei Bäder verfügt. Der private Innenhof ist nicht nur zum Wäschetrocknen perfekt, sondern auch abends für das Gläschen Wein (oder in meinem und des Römers Fall: SanBitter – alkoholfrei] bei milden Temperaturen.
  4. Ristorante Arco Di S. Calisto – Via dell’Arco di S. Calisto 45, 00153 Roma | Beschreibung: Direkt neben dem Apartment. Sehr gutes Essen, flinke, höfliche Kellner und ein padrone [Besitzer], der die Ruhe selbst ist und immer für ein Schwätzchen Zeit hat. Was will man mehr?

Alle hier aufgelisteten und mit * gekennzeichneten Orte sind Werbung (sehr zu meinem Leidwesen – selbst bezahlt)

[Der Römer sagt, er kenne noch viel mehr einzigartige Orte, aber ich erklärte ihm höflich, dass wir das gerne ein andermal abarbeiten in einem Artikel vom Römer für Rombesucher]