Spaziergang durch Rom

[Prolog: Liebe Leser, wir leben in aufregenden Zeiten. Heute, da fehlt mir Rom, das Reisen und besonders meine und des Römers Familie. Deswegen wollte ich sie hiermit einladen, mit mir nach Rom zu kommen. Meine Impressionen schrieb ich bereits im Sommer – als wir vor Ort waren – auf. Doch der Artikel geriet in Vergessenheit. Aber glauben Sie mir: Man findet nichts ohne Grund. Und heute, da fand ich ihn wieder und er zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dasselbe wünsche ich auch Ihnen – mit meinen Insidertipps von meinem echten Römer.]

Ach, ich nerv Sie doch schon lang genug mit meinem Gefasel über Rom. Das ist mir bewusst.

Aber ist Ihnen bewusst, dass die Luft hier ganz anders riecht? Heute, am Circo Massimo, aufsteigend zum Aventin, ist es mir aufgefallen. Sie riecht nach warmen Pinienholz, nach Sommer, nach Abgasen und nach Meer, wenn der Wind am Nachmittag die aufgewärmte Meeresluft in die Stadt treibt.

In Testaccio, eben noch abgestiegen vom Aventin, da riecht sie nach würzigem Pecorino [Schafskäse], nach römischen Wohnviertel, wo sich selten mal ein Tourist hin verirrt und Oliven. Besonders intensiv wird der Geruch, wenn Sie einen Abstecher beim Feinkosthändler Volpetti* machen. Und ich garantiere Ihnen, dass Ihr Herz noch ein bisschen höher schlägt, wenn der redselige Verkäufer Ihnen noch ein Stückchen Pecorino reicht, den 24 monatigen, und Sie die Augen schließen vor Wonne – und weil sie hoffen, nicht Ihren Verstand bei diesem einzigartigen Geschmack zu verlieren. Da Geben seliger als Nehmen ist, bringen wir Turtle natürlich auch ein Stück mit, bevor sie wieder überlegt 20€ spedizione [Versand] zu zahlen – für 250g Pecorino. An dem Punkt schüttelt sie meist traurig den Kopf, weil das pazzia [Verrücktheit] wäre.

In der Via Marmorata, immer noch in Testaccio, da riecht die Luft nach schwarz fahren und einer Lüge. “Oggi tutti i mezzi publicci sono gratis. “ [Heute sind alle Verkehrsmittel gratis.] sagte der Römer damals, ganz am Anfang als wir uns kennenlernten. Dazu grinste er schelmisch. Ich, gutgläubig wie ich war, stieg fröhlich in den Bus ein. Erst als der Römer an allen darauffolgenden Tagen wiederholte, dass der Verkehrsverbund auch heute keine Kosten erhebe, kam ich ins Grübeln. Er lachte wieder und erklärte mir seine Logik: Für kurze Strecken fahre er schwarz. Da lohne sich der Aufwand nicht, ein biglietto [Fahrkarte] im Kiosk zu kaufen. Ohnehin wäre das kein Problem, würden Kontrolleure doch mit dunklen Poloshirts, auf denen ein kleines ATAC [der römische Verkehrsbund: Azienda per i Trasporti Autoferrotranviari del Comune di Roma] gedruckt ist, einsteigen. Er hätte dann noch genug Zeit, in aller Ruhe auszusteigen und den Kontrolleuren davonzukommen. Da ich aber so pflichtbewusst sei, hatte er keine andere Wahl als diese Lüge zu erfinden um seine Methode durchzusetzen.

Das Wort “Scemo” [Depp] benutzte ich zu dieser Zeit das erste Mal und es passte damals wie heute bei des Römers fantasievollen Geschichten.

In der Via di San Francesco Ripa in Trastevere riecht es immer etwas nach Zuhause, nach Freiheit, nach etwas Unbekannten, das einen ruft. Es riecht nach Frühstück im Café Baylon*, nach caffé [Espresso] und cornetti integrali al miele [Vollkorn Croissants mit Honigfüllung]. Irgendwie auch nach Müll und Abwasser – so ehrlich muss man sein. Es riecht nach anguria [Wassermelone] – so groß wie mein Oberkörper und nach knallgelben Zitronen, die beim Anblick ihrer traurigen, deutschen Brüder nur müde lächeln würden.

Nicht weit entfernt, in der Via dell’arco di San Callisto riecht es nach frischem Fisch, eben gepflückten Steinpilzen und großen, weißen, frisch gewaschenen Bettlaken. Zugegeben, den letzten Geruch trug ich zu Roms olfaktorischen Potpourri bei. Signorino hatte sich dezent im Bett übergeben – und wir hatten glücklicherweise eine Waschmaschine im Apartment*. So hing ich heute morgen die feuchten Betttücher auf und sie schwangen leichtfüßig im privaten Innenhof hin und her. Dazu verteilten sie ihren betörenden Geruch in unserer Ecke der Straße.

Der Geruch nach meeresfrischen Fisch und eben gepflügten Steinpilzen kam vom Restaurant nebenan: Ristorante All’arco Di San Calisto*.

Jeden Abend konnte man den padrone [Besitzer] des Restaurants dabei beobachten wie er mit allergrößter Hingabe und absoluter Freude die unzähligen Steinpilze mühevoll putzte und vorbereitete, damit sie später in der Küche weiter verarbeitet werden konnten. Sein Platz bestand aus einem antiquierten, dunklen Holztisch mit langen, dünnen Beinen. Die Maserung des Holzes drückte sich selbstbewusst durch den bereits absplitternden Holzlack. Mit viel Muße staffierte er jeden Abend diesen Tisch mit einer rot-weiß karierten Tischdecke aus, holte 4 große Körbe Steinpilze aus dem Restaurant und stapelte sie alle auf dem Tisch. Man sah dem Mann an, dass er seine Tätigkeit seit Jahren ausführte. Diese Präzision, schnelle, flinke Bürstenstriche, all das zeigte mir, dass hier ein Profi am Werk ist. Ich guckte ihm gerne von meiner ruhigen Privatloge (alias das Fenster des ersten Stocks unserer Wohnung) zu. Diese absolute Ruhe vor dem Sturm, bevor die ersten Gäste eintrafen und der Trubel des Abends begann, beruhigte mich.

Schließlich, an der Piazza Trilussà riecht es nach Verliebtheit, nach vielen, ganz großen Gefühlen, nach zarten Anfängen und ersten, schüchternen Blicken. Es riecht nach dem Parfüm des Römers, der dort stand, in seiner Lederjacke im Oktober, mit einem schüchternen Grinsen und sich unsicher umblickte. Es riecht nach „etwas Verbotenem“, wussten doch meine Eltern nichts von dem Treffen. Und irgendwie riecht es auch nach Veränderung, denn dieser Platz war der Anfang eines komplett andersartigen Lebens – sowohl für den Römer als auch für mich. Nennen Sie uns kitschig, aber jedes Mal, wenn wir hier vorbeigehen, stoppen wir kurz, gucken uns tief in die Augen und küssen uns. Denn hier begann unser Abenteuer, dass hoffentlich noch lange nicht vorbei ist.

Falls Sie vorhaben irgendwann in diese wundervolle Stadt Rom zu reisen, so hoffe ich, dass Sie die Möglichkeit haben, mindestens einen dieser aufgeführten Orte (die im übrigen auch verlinkt sind) zu besuchen:

  1. Salumeria Volpetti –  Via Marmorata 47 | 00153 Roma | Beschreibung: Die Salumeria bietet wunderbare Weine, würzigen Käse und natürlich Wurst. Vor ein paar Jahren wurde der Laden umgebaut, verlor (leider) seinen alten Charme, nicht jedoch seine überdurchschnittliche Qualität.
  2. Baylon Cafè – Via di S. Francesco a Ripa 151, 00153 Roma | Beschreibung: Hier können Sie von früh bis spät vorbei schneien. Egal ob Frühstück, Mittagessen, Aperitivo, Abendessen oder das letzte Glas Wein, mit dem Sie auf einen herrlichen Tag in Rom anstoßen – man ist immer genau richtig hier. Es gibt einen kleinen Außenbereich. Viel schöner sind jedoch die Plätze am geöffneten Fenster. Sie hören den neuesten Klatsch aus dem Viertel und wenn Sie die Sprache nicht sprechen, dann hören Sie die schönste und ehrlichste Geräuschkulisse zwischen lautem Italienisch, klappernden Espressotassen, poliziotti [Polizisten], die ihren caffé in aller Ruhe trinken und der Orangenpresse für die centrifuga numero uno [Smoothie Nummer 1 mit Orange, Apfel, Ingwer – mein Liebling]
  3. San Callisto – Via dell’arco di San Callisto 44, 00153 Roma | Beschreibung: Im Herzen Trasteveres liegt dieses kleine Reihenhäuschen, das über zwei Schlafzimmer und zwei Bäder verfügt. Der private Innenhof ist nicht nur zum Wäschetrocknen perfekt, sondern auch abends für das Gläschen Wein (oder in meinem und des Römers Fall: SanBitter – alkoholfrei] bei milden Temperaturen.
  4. Ristorante Arco Di S. Calisto – Via dell’Arco di S. Calisto 45, 00153 Roma | Beschreibung: Direkt neben dem Apartment. Sehr gutes Essen, flinke, höfliche Kellner und ein padrone [Besitzer], der die Ruhe selbst ist und immer für ein Schwätzchen Zeit hat. Was will man mehr?

Alle hier aufgelisteten und mit * gekennzeichneten Orte sind Werbung (sehr zu meinem Leidwesen – selbst bezahlt)

[Der Römer sagt, er kenne noch viel mehr einzigartige Orte, aber ich erklärte ihm höflich, dass wir das gerne ein andermal abarbeiten in einem Artikel vom Römer für Rombesucher]

4 Gedanken zu “Spaziergang durch Rom

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