Telefonate mit Rom

Ich liege in der Badewanne. Warmes Wasser plätschert aus dem Hahn, der Badeschaum türmt sich zu monströsen Gebilden auf, die wie Eisschollen an mir vorbeiziehen. Ein Duft von „Lavendel-Deluxe“ lullt mich ein. Zu hören ist nur das leise summen der Belüftung. Ich schließe meine Augen, atme tief ein und noch bevor ich ausatmen kann, zerschneidet ein lautes „Prontoooo“ die Stille wie ein warmes Messer das noch tiefgefrorene Zimtstern-Eis.

„Ma che?! Giovannino! Marco! Dove state?!“ [Ach was?! Giovannino! Marco! Wo seid ihr?!] ruft der Römer. Er sitzt im Wohnzimmer. Seine sonst so angenehme Stimme dröhnt nun bis ins sieben Meter entfernte Bad. Selbst dort hallt sie noch und überdeckt das leise Rauschen der Lüftung.

Ich vermute in diesem Moment, er telefoniert mit seinem Handy – und nicht, wie es die Lautstärke vermuten lässt, mit einem Dosentelefon, das mühsam aus Faden und alten Blechdosen zusammengeschustert wurde. Er schreit förmlich über den Brenner, der Schall trägt seine Stimme wohl weiter über die colli albani, die Albaner Berge, bis sie in Trastevere ankommt. Anders kann ich mir die Lautstärke nicht erklären.

„Si, si! Aspettate! Vi faccio vedere: Questo e‘ il salotto…“ [Ja, ja! Wartet! Ich zeig‘s euch mal kurz: Das ist das Wohnzimmer…] Der Römer erklärt ausführlich unsere Wohnung wie es scheint – per Videotelefonat. „Diese Dosentelefone werden auch immer moderner – sogar mit Video gibt’s die jetzt.“ denke ich und muss über meinen eigenen Witz lachen.

„Maaaa che!“ [Ach was!] donnert es nun aus dem Schlafzimmer. „No, viviamo in una delle città più care di Germania. Non abbiamo una stanza per il bambino!“ [Nein, wir leben in einer der teuersten Städte Deutschlands. Wir haben kein Kinderzimmer!] erklärt er lautstark. Dann hört man ein Lachen.

Nachdem er seine Hausbegehung beendet hat, gehen die zwei echten Römer und der Exilrömer nun dazu über sich gegenseitig zu beteuern wie sehr sie sich vermissen.

„Si, si! Aspetto un mese dopo la nascita del bambino, ma poi vengo subito a Roma. Senza dubbi!“ [Ja, ja! Ich warte ein Monat nach der Geburt des Kindes ab und dann komme ich sofort nach Rom. Ohne Zweifel!] brüllt er weiter ins Telefon. Meine linke Augenbraue huscht nach oben. Anscheinend fragt man in Rom nach, warum er nicht schon früher kommen kann. Doch unser Römer hat sofort eine Antwort parat: „Nooo, guardate: Io devo stare almeno 4 settimane con lei. Devo un po‘ aiutare. Sarà pesante per lei con un neonato!“ [Neeeein, schaut: Ich muss mindestens 4 Wochen bei ihr bleiben. Ich muss ein bisschen helfen. Das wird anstrengend für sie (also mich) mit einem Neugeborenen.]

Aha, anscheinend wir das nur anstrengend für mich. Wie gut, dass ich den Römer habe, der mir unter die Arme greifen kann. Ich verdrehe die Augen und schiebe einen Schaumberg nach links um das Quietsche-Entchen zu erreichen.

Meine Gedanken flüstern mir zu: „Nach vier Wochen will er nach Rom abhauen. Wovon träumt der nachts? Hihi, ich sag’s dir: Bald träumt er von gar nichts mehr, weil unser Bambino ihn nachts wach hält.“ Ich lache. Meine Gedanken beglückwünschen sich für diesen genialen Spruch.

„Non lo faccio piú qui! Devo venire per forza. Guardate, qui in Germania si va al letto alle 22!“ [Ich halt es hier nicht mehr aus! Ich muss unbedingt kommen. Schaut, hier in Deutschland geht man z.B. um 22 Uhr ins Bett.] schallendes Gelächter auf beiden Seiten des Brenners. Schallendes Gelächter aus der Badewanne. „Loooo so!“ [Ich weiß] prustet der Römer. „Poi praticamente la città e‘ morta. La sera non esce mai nessuno.“ [Dann ist die Stadt quasi tot. Abends geht niemand aus.] erklärt der Römer den anderen Römern die verfahrene Situation in „Germania“.

Ich frage mich zwischenzeitlich, ob er in den letzten drei Jahren hier gewohnt hat oder aber in einem kleinen, verlassenen Dorf im Rheingau. Hier geht man aus, hier ist man gesellig und es gibt genug Anlässe NICHT um 22 Uhr ins Bett zu gehen. Doch um mir diese Frage ausführlich zu beantworten reicht die Zeit nicht. Es geht schon wieder weiter im römisch-germanischen Gespräch.

„Noooo! Ascoltate: La vita non e‘ solo moglie, bambino e lavoro. Io ho bisogno di aria! Devo rispirare l‘aria di Roma, l‘aria d‘Italia. No, no, loro possono stare a casa. Io ho bisogno di passare un po‘ di tempo con voi!“ [Neeein! Hört mal: Das Leben besteht nicht nur aus Frau, Kind und Arbeit. Ich brauche Luft! Ich muss die Luft Roms atmen, die Luft Italiens. Nein, nein, die können daheim bleiben. Ich muss etwas Zeit mit euch verbringen!] röhrt der Römer weiter ins Telefon.

Aha. Macho-Modus an, denke ich – viel zu spät. Jetzt ist bis zum Ende des Gesprächs Hopfen und Malz verloren. Da geht er dahin: In die ewigen Jagdgründe des Sprücheklopfers, der daheim (schwangerschaftsbedingt) nicht mehr als „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] rausbringt. Hier sind also seine 15 Minuten „Alpha Tier“. Es sei ihm gegönnt.

„Hahaha!!!“ lacht es laut. „Ma cheeeee! Certo che mi ricordo. I tempi meravigliosi al campo (de‘ fiori). Con tutti i miei amori… e cuori.“ [Aber was! Natürlich erinnere ich mich. Wunderbare Zeiten auf dem Campo de‘ Fiori. Mit all meinen Lieben… und Herzen/Liebschaften.]

Ich lasse mich tiefer ins Badewasser sinken – nicht ohne meine Augen abermals zu verdrehen. Mein kugelrunder Bauch thront dabei erhaben aus dem Wasser wie ein toskanischer Hügel.

„Allora, ragazzi. Vi prometto di venire a Roma prima possibile, ma adesso devo andare – mia moglie si lamenta.“ [So, Jungs. Ich verspreche euch, dass ich schnellstmöglich nach Rom komme, aber jetzt muss ich los – meine Frau beschwert sich.]

Anscheinend leben der Römer und ich auf zwei verschiedenen Kontinenten der Wahrnehmung. Ich liege selig schweigend in der Badewanne und mache keinen Murks und er behauptet, ich würde mich beschweren, dass er so lange telefoniert. Interessant!

Er grölt seine Verabschiedung über die Alpen und legt auf. Kurze Zeit später öffnet sich die Tür des Badezimmers einen Spalt breit. „Amooooore, vuoi anche tu un té?!“ [Schatz, willst du auch einen Tee?] fragt er. Ich gucke ihn irritiert an. „Das ist aber nett von dir, wo ich mich doch so beschwert habe, dass du telefoniert hast.“ gebe ich schlagfertig zurück.

Er läuft rot an.

„Das war doch nur, weil ich keine bessere Ausrede wusste um das Telefonat zu beenden.“ gibt er kleinlaut zurück. „Na, wenn das so ist und du mich schon als garstige Ehefrau benutzt, dann hätte ich zum Tee auch gerne Vanille-Kipferl.“ gebe ich spielerisch-gekränkt zurück. „Si, amore mio. Subito, amore mio.“ [Ja, mein Schatz. Sofort, mein Schatz.] kommt zurück und der Römer eilt in die Küche.

Na, solange er nur ein scheinbarer Macho am Telefon ist, ist das schon ok.

Sprachlos vor Freude

Sprachlos – anders kann ich es nicht nennen. Ja, sprachlos trifft’s am ehesten. Oder „sono rimasta senza parole“.

Der Römer hat einen Job. Also, seinen Job.

Seit 1 1/2 Jahren arbeitet er – mal mehr, mal weniger zufrieden – in der Pizzeria seines (mittlerweile) guten Freundes „il capo“[Der Chef]. Erst wurde er als Pizzabäcker eingestellt, dann wurde er als Kellner gebraucht, was ihm gut gefiel, da er gerne ein Schwätzchen mit den Gästen hält. Gäste wurden zu Stammgästen, charmant und unterhaltsam wurde er zum Stellvertreter von il capo, wenn dieser nicht da war. Und das war er nicht oft, da er noch eine andere Pizzeria hat um die er sich kümmern muss. Als der Koch kündigte, wurde neu gewürfelt in der Pizzeria und da man einen Kellner einfacher fand als einen Pizzabäcker, wurde der Römer wieder zum Pizzabäcker. Er akzeptierte es, aber „soddisfazione“ [Zufriedenheit] sieht anders aus.

Dennoch: Es war nicht sein Traumberuf, den er jahrelang eifrig studiert und in Rom praktiziert hatte. Wer denkt, dass es für medizinische Berufe reicht, in der EU studiert zu haben, irrt sich leider. Jedes Bundesland Deutschlands hat ein anderes Anerkennungsverfahren mit viel Bürokratie. Im Dezember, als absehbar war, dass der Römer schon ein ordentliches Deutsch-Level (auch so ein Anerkennungskriterium) vorweisen konnte, begannen wir sämtliche Unterlagen in Rom anzufordern. Und das dauerte. Und dauerte. „Si fa le cose con calma“ [Man macht die Dinge in Ruhe] war die Divise in Rom. Im März holten wir die Unterlagen ab. Dann mussten sie übersetzt und beglaubigt werden. Wir schickten sie ein, doch das Sprachzertifikat fehlte noch. Das holen wir im August nach, da der Römer beim letzten Mal nicht bestand. Solange wird auch der Antrag nicht bearbeitet. Deutsche Bürokratie.

Letzte Woche passierte es dann. Es kam zu einem Zerwürfnis in der Pizzeria, das sehr unschön war. Der Koch rastete komplett aus, beschimpfte und bedrohte den Römer, seine Familie und alles, was ihm lieb war. Er, der Koch, war sowohl den Drogen als auch dem Alkohol mehr als zugeneigt und es eskalierte so, dass der Römer entschied, die Pizzeria an diesem Tag zu schließen. Er verständigte il capo, der sofort von der anderen Pizzeria angebraust kam. Die Pizzeria wurde zwei Stunden später wieder geöffnet und der Betrieb ging weiter. Diesmal ohne Koch. Doch ein bitterer Geschmack blieb. Und der Römer wollte, aus gutem Grund, mit dem Koch, der sich nicht das erste Mal so benahm, nie wieder zusammenarbeiten. Das teilte er auch il capo mit. Anstatt dem Koch fristlos zu kündigen (Gründe dafür hätte es einige gegeben), behielt il capo den Koch [Lui è un poveraccio, non ha una lira – Er ist ein armer Kerl, er hat keine müde Mark] und der Römer hielt sein Wort und erschien, mit Vorankündigung, nicht zur Arbeit.

3-4 Tage saß er also daheim, enttäuscht von seinem Chef, vom Leben, von allem. Und er vermisste seinen „richtigen“ Job – seine Berufung.

„Vielleicht ist das jetzt der blödeste Zeitpunkt oder aber der beste…“ fing ich an. „Es gibt da diese Stellenanzeige, die perfekt auf dich passen würde. Ja, ich weiß, du darfst noch nicht offiziell arbeiten.“ versuchte ich ihm gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber was spricht denn gegen ein Praktikum?“

Er hörte sich alles stirnrunzelnd an und schwieg. Das war zumindest ein gutes Zeichen, insofern es ein Zeichen dafür war, dass er darüber nachdachte. Ein langgezogenes „Okaaaaay.“ verließ seinen Mund. „Io dico di sì!“ [Ich sage ja!] antwortete er und lächelte. Wir schrieben zusammen ein Anschreiben, einen Lebenslauf, scannten seine Unterlagen, ließen Bewerbungsfotos machen und sendeten alles per Email an die Praxis. Das war der kleinste und leichteste Teil des Prozesses.

Zwei Tage später meldeten sie sich. Sie würden ihn gerne kennen lernen. In zwei Tagen. Das heißt, wir hatten zwei Tage Zeit um uns auf ein deutsches Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Wir gingen häufige Fragen, ihre Bedeutung und ihre Antwort durch. Wir lernten neue Vokabeln. Tagelang hörte man den Römer nur Wörter wie „Dehnen“ und „Ganzheitlich“ murmeln. Gefolgt von „Können Sie sich bitte aufrecht hinsetzen?“, „Was haben Sie für Beschwerden?“ und „Sagen Sie mir, wenn das unangenehm ist!“. Um das Wissen besser wiederholen zu können, übte er diese Sätze mit Karteikarten.

Dann stand das Bewerbungsgespräch an. Man unterhielt sich über die Konditionen und am liebsten, so der Römer, hätten sie ihn morgen anfangen lassen, da es soviel Arbeit gibt. „Morgen“ konnte der Römer nicht anbieten, dafür aber Anfang September.

Als der Römer daheim war, fragte ich ihn, wie sie verblieben sind. Er konnte sich nicht erinnern, er wusste nur, dass er ein sehr positives Gefühl hatte. Das war natürlich ein bisschen wenig Information.

Deswegen schlug ich vor, am nächsten Tag eine Email zu schreiben um noch einmal sein Interesse zu bekunden. Wir formulierten eine sehr nette Email, die offenkundig zeigte, dass er sehr angetan ist. Wenig später kam eine positive Email der beiden Chefs zurück. Sie würden ihn gerne als Praktikant einstellen (zu überaus fairen Konditionen) und er solle sich kurz zurückmelden, dann würde man einen Termin finden um alle Details zu besprechen. Der Römer grinste von einer Backe zur anderen. „Ho capito bene? Mi prendono?!?!?!?“ [Habe ich das richtig verstanden? Die nehmen mich?!?!?!?!] fragte er vollkommen euphorisch und entgeistert. „Esatto!“ [Genau] antwortete ich. Er umarmte mich stürmisch. Dann klopfte er an meinen Bauch: „Hai sentito?! Prendono il tuo papà a lavorare!“ [Hast du das gehört? Sie nehmen deine Papa!] Er konnte sein Glück kaum fassen. „Oggi, pizza per tutti!“ [Heute, Pizza für alle] verkündete er. Ich musste lachen. Er verschwand mit einem „Inizio subito di preparare tutto.“ [Ich fange sofort an, alles vorzubereiten] in die Küche.

Zwei Stunden später saßen wir zufrieden kauend am Esstisch. „Che fortuna che ho!“ [Was für ein Glück ich doch habe] sprach er und konnte immer noch nicht aufhören zu grinsen. „C’è sempre un lato positivo diceva mia nonna. Ed è vero!“ [Es gibt immer auch eine gute Seite sagte meine Oma immer. Und das ist wahr!]

Zeit zu verschenken

Das Zeitgefühl eines jeden Menschen variiert. Wie variabel es jedoch sein kann, erfuhr ich allerdings erst mit dem Römer. „Ich bin nur schnell fünf Minuten im Bad.“ sagte der Römer und schlängelte sich an mir vorbei. Unter dem Arm eine bekannte, italienische Tageszeitung. Da hätte ich schon skeptisch werden sollen. Wurde ich aber nicht. Stattdessen dachte ich, halb zurecht gemacht im Hausflur: „Na gut. Was muss, das muss! Fünf Minuten sind fünf Minuten.“

Wie falsch ich doch damit liegen sollte. Er meinte keine deutschen fünf Minuten. Er meinte italienische fünf Minuten. Nach 15 Minuten klopfte ich. „Scusa, amore! Ma devo uscire. [Entschuldige, Liebling! Aber ich muss aus dem Haus]“ sagte ich zaghaft. „Si, si, un attimo.“ [Ja, ja, einen Moment.] kam zurück. „Ein Moment ist ein Moment. Also maximal eine Minute.“ Wie man sich nur zweimal innerhalb so kurzer Zeit täuschen kann, ist selbst mir ein Rätsel.

Nach einem weiteren Moment hörte ich ihn wie er die Zeitung umblätterte.

Besser spät als nie: Meine Skepsis war geweckt. Ich wartete drei Anstandsminuten und klopfte wieder. „Senti, [Hör mal] mit einem Moment meintest du einen italienischen Moment oder einen deutschen?“ fragte ich ihn mittlerweile leicht knurrend.

„Die Definition von Moment ist doch überall gleich.“ antwortete er gelangweilt und blätterte anscheinend wieder um.

„Ein Moment inkludiert im Deutschen nicht das 20-minütige Zeitung lesen im Bad während ich in fünf (!) echten, deutschen Minuten aus dem Haus muss. Ein Moment„, fuhr ich weiter fort, „ist ein kurzer Augenblick. Eine geringe Zeitspanne. Die Zeit, die es braucht, die Aktion, die du gerade ausführst, zu Ende zu bringen und dich dann den angeforderten Belangen zu widmen.“ erklärte ich ihm ausführlich.

„Si, sto per finire.“ [Ja, ich bin gerade dabei fertig zu werden] meckerte er und man hörte wie er die Zeitung beiseite legte.

Ich seufzte und setzte mich ins Wohnzimmer. Ich schrieb dem Anderen: „Es tut mir Leid, es wird etwas später. Rechne mit 10-15 Minuten. Die italienische Zeitangabe geht nicht einher mit meiner deutschen.“

Nach weiteren fünf Minuten kommt der Römer gut gelaunt aus dem Bad. „Also, ich weiß gar nicht, was du hast? Du stehst ja wirklich mit der Stechuhr vor der Tür und achtest haarklein darauf, dass es fünf Minuten sind. Fünf Minuten e‘ solo un detto. [Fünf Minuten sagt man doch nur so] Genau wie „einen Moment, bitte“. Das ist doch nur eine Floskel für „es kann noch dauern„.“

„Im Deutschen nicht!“ setzte ich ihm entgegen, mittlerweile im Bad angekommen und mich zu Ende schminkend. „Siete troppo precisi!“ [Ihr seid viel zu genau], gab der Römer zurück, „Deswegen seid ihr auch so angespannt. Zeit ist doch etwas fließendes, flexibles. Man darf sich auch überhaupt nicht ärgern, wenn jemand zu spät kommt. Er hat sicher seine Gründe. Du setzt dich einfach in ein Café und genießt das Vogelgezwitscher und die Sonne während du wartest. Du hast sozusagen, wartend, einen Moment Zeit geschenkt bekommen, nur für dich, ganz unerwartet. Ist doch toll?“

„So habe ich das noch nie gesehen.“ antwortete ich verdutzt. „Siehst du! Und jetzt hast du einen Moment Zeit geschenkt bekommen von mir und der Andere hat einen Moment Zeit geschenkt bekommen von dir.“ erklärte der Römer.

Mittlerweile fertig zurecht gemacht, nahm ich meine Tasche, zog meine Schuhe an und entgegnete: „Und jetzt bekommst du einen Moment Zeit geschenkt von mir. Nur du und der Abwasch. Genieß es, amore mio. A dopo! [Bis später]“

Zurück ließ ich einen verdutzten Römer. Zeit zu verschenken klappt gamz hervorragend.

Etwas Zeit in Vancouver – an der Dampfuhr.

Wie ich den Römer in den Keller jagte

Langsam aber sicher nimmt es überhand mit diesen Hormonen. Wobei ich mir noch nicht einmal sicher bin, ob es tatsächlich die Hormone sind, auf die ich so gerne alles schiebe. Vielleicht werde ich einfach nur verrückt, jetzt, wo unser Leben langsam in geordneten Bahnen verläuft.

Es fing recht harmlos an. Ich las am Montagabend einen Artikel in einer deutschen Zeitung, dass es morgen zu heftigen Regenschauern kommen soll. „Überschwemmungsgefahr!!!“ stand da und die drei großen, schwarzen Ausrufezeichen schienen förmlich zu schreien. „Pfff!“ dachte ich mir. „Davon lass ich mir doch keine Angst machen. Überschwemmungsgefahr? In unserer Stadt? Aber sicher nicht. Wenn der Main überlauft, dann trifft es erstmal die Häuser in der ersten Reihe und bis das Hochwasser dann bei uns ist – ne, ne – das dauert.“ beruhigte ich mich und ging kurz darauf ins Bett.

Die Nacht war durchwachsen. Meine Blase weckte mich gefühlt jede Stunde viermal. Irgendwann hatte ich eine Verschnaufpause und schlief zumindest bis 6:30 Uhr durch. Dann meldete sich Blase mal wieder. Ich begab mich ins Bad. Dort dachte ich über den Überschwemmungs-Artikel in der Zeitung nach.

Plötzlich viel es mir wie Schuppen von den Augen. „Oh nein, oh nein, oh nein! Wir müssen sofort in den Keller!!!“ schoss es mir durch den Kopf. Wie ich auf den Gedanken kam? Der Überschwemmungs-Artikel in Kombination mit den Regentropfen, die gegen die Jalousie prasselten, wäre es noch nicht gewesen. Es war viel mehr unser Kellerfenster.

Seit 2 Jahren ist es nun schon kaputt – also seitdem wir hier wohnen. Und vermutlich war es auch schon immer kaputt, aber es kümmerte sich keiner darum. Wir taten das ja nun auch nicht. Es gab auch nie Probleme. Es stand einfach immer angelehnt offen. Im Winter, im Sommer und auch in allen Jahreszeiten dazwischen. Niemand beschwerte sich.

Als ich aber im Bad war und darüber nachdachte wurde ich panisch. „Es regnet sicher rein. Der Keller läuft voll! Der ganze Keller. Und dann muss die Feuerwehr kommen und das Wasser aus dem Keller pumpen. Wir müssen den ganzen Hausstand unserer Nachbarn zahlen. Wir werden arm. Oh Gott, ich bin auch noch schwanger und wir sind hoch verschuldet, nur weil wir das Kellerfenster aufgelassen haben. Was mache ich jetzt? Ich muss den Römer wecken. Es geht nicht anders. Jetzt sofort!“

Und genau das tat ich. Ich schoss ins Schlafzimmer und rüttelte ihn am Arm: „Römer! Römer!!!! Aufstehen. Wir haben eine Katastrophensituation!!!“ eröffnete ich das Gespräch. Nicht der beste Satz um jemanden zu wecken. „Hm….“ war die erste Reaktion des Römers. Er versuchte sich umzudrehen und weiterzuschlafen. „Svegliatiiii!!!“ [Wach auf] versuchte ich ihn zu wecken. „Es wird eine Katastrophe passieren, wenn wir nicht sofort in den Keller gehen!“ herrschte ich ihn panisch an.

Er kam langsam zu sich. „Che è successo?“ [Was ist passiert?] fragte er schlaftrunken. „Wir müssen SOFORT in den Keller. Sofort! Der Keller läuft voll und das ist unsere Schuld. Alles ist unser Schuld. Und wir können den Schaden nicht zahlen. Er ruiniert uns.“ sprudelten die Wörter aufgeregt aus mir heraus. „Okaaaaaay…. quindi? Che dobbiamo fare?“ [Okay… nun?Was sollen wir tun?] versuchte er die Fassung zu bewahren. „Aufstehen, anziehen, sofort in den Keller und versuchen, das Fenster zu schließen.“ befahl ich in einem Ton, der jeden Feldwebel stolz gemacht hätte. „Alle sette di mattina?“ [Um 7 Uhr morgens?] fragte er vollkommen entgeistert. „Jaaaaaaaaaaaa!! Aber natürlich. Es geht um jede Sekunde. Der Keller läuft voll!“ stoß ich panisch aus.

Er musste wohl geahnt haben, dass es die Hormone sind. Ohne Murren zog er sich an. Der sonst so eitle Römer war in wenigen Sekunden einsatzbereit um in den Keller zu gehen. „Tu stai qui!“ befahl er mir diesmal. Ich gehorchte, zitternd, die Gedanken fuhren Achterbahn.

Nach 10 Minuten kehrte er zurück. Ich lief sofort zur Haustür. „Und?!?! Hast du es hingekriegt? Ist der Keller schon voller Wasser?“ fragte ich ihn aufgeregt. „Allora….“ begann er und suchte nach Worten, die mich beruhigen sollten. „Erst einmal die schlechte Nachricht: Ich habe versucht das Fenster zu schließen. Es ist verbogen und lässt sich nicht schließen.“ fing er an. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott.“ dachte ich und guckte auf seine Füße. Die waren noch trocken. Wenn er nicht gerade durch den Keller geschwebt ist, war das eigentlich ein gutes Zeichen.

„Poi… unser Kellerfenster ist mindestens – und ich betone mindestens 80 cm über dem Grund. Das heißt, das Wasser müsste 80 cm hoch sein, dass es überhaupt in den Keller laufen kann. Und dann, amore mio, wäre es durchaus nachvollziehbar, dass unsere Schutzgitter ohne Glaseinsatz durchaus nicht mehr dicht sind. Wie auch? Ein Gitter kann nun mal nicht dicht sein.“ führte er seine Erklärung grinsend zu Ende. Er gähnte herzhaft. „Können wir nun wieder ins Bett?“ fragte er.

Ich war vollkommen aus dem Konzept und wusste gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Einerseits schämte ich mich den Römer um 7 Uhr morgens in den Keller zu jagen wegen einem Grund, der keiner ist, andererseits war ich mir 100% sicher, dass wir richtige Fenster hatten.

„Ja…. können wir.“ gab ich kleinlaut zurück. „Entschuldige, bitte.“

„Und guck mal: Es hat auch aufgehört zu regnen. Es sind nur ein paar kleine Pfützen übrig.“ sagte er und streichelte mir über den Oberarm.

Im Bett angekommen, wünschte er mir eine gute Nacht: „Buona notte, stupida.“ sagte er ironisch. „Buona notte… e scusa per il disturbo.“ [Gute Nacht und entschuldige die Störung]

P.S. Ich konnte es natürlich nicht lassen und schlich mich nachmittags noch einmal in den Keller. Der Römer hatte recht. Es sind keine Glasscheiben. Es sind Gitterfenster – ohne Glas.

Ich dachte der Keller wäre so voll gelaufen, dass schon allerhand Meeresgetier dort lebte.