Endlich (oder auch nicht)

Ich bin Ihnen etwas schuldig. Und zwar eine Erklärung!

„Ach, Eva (oder, wenn Sie die förmliche Anrede bevorzugen: Ach, Sig.ra Farniente), Sie sind mir doch nichts schuldig.“ werden Sie lächelnd abwinken.

Doch, doch, darauf bestehe ich.

Letzte Woche, es war ein Montag oder Dienstag, Signorino schlief gerade, lagen der Römer und ich auf der Couch. Er links, ich rechts und wir starrten an die Decke. „Urlaub wäre schön.“ sprach ich in die Stille und der Römer seufzte. „Si, si. Ma abbiamo solo una settimana a settembre. E dobbiamo andare a vedere i miei.“ [Ja, ja. Aber wir haben nur eine Woche im September. Und wir müssen zu meinen Eltern fahren.] antwortete er müde.

Wir seufzten gleichzeitig.

„Wie viel Zeit brauchst du eigentlich für dein neues Ph.D. Projekt?“ fragte ich nun um das Thema zu wechseln. „Tre, quattro mesi.“ [3, 4 Monate] antwortete er und versuchte die Verzweiflung wegzugrinsen.* „Aber ich habe nur 6 Wochen bis Abgabeschluss. Es wird sehr knapp mit dem Projekt.“

Draußen prasselten Regentropfen gegen die Scheibe. Es war trist, es war grau und es war stürmisch.

„Unbezahlter Urlaub wäre schön.“ seufzte ich wieder. „Hm….“ stimmte der Römer in die Monotonie ein.

Plötzlich kam Bewegung in die Szenerie. Der Römer setzte sich ruckartig auf. „Ma perché no?“ [Aber warum nicht?] fragte er nun voller Energie. Ich runzelte die Stirn. „Ist es jetzt nicht viel zu spät um für August nach unbezahltem Urlaub zu fragen?“ erwiderte ich etwas überrannt. „Ma era idea tua! [Aber das war deine Idee!] Und, das muss ich diesmal ausnahmsweise sagen, es war eine fantastische Idee.“ strahlte er.

Ich dachte nach. „Aber es ist alles so kompliziert… und sicher werden sie dir keinen Urlaub geben UND….“ ich wollte gerade noch andere Gründe finden, warum es nicht klappen kann, da unterbrach mich der Römer: „Das Neun hast du doch eh schon, wenn du nicht fragst. Aber es kann ein Ja werden, wenn du den Mut hast zu fragen.“ versuchte er mich zu bekehren. „Den Satz hast du von mir!“ wandte ich ein. „Io lo provo! [Ich versuch’s!] Und wenn sie nein sagen, dann ist’s auch okay.“ verkündete er während er auf seine Armbanduhr guckte. „Oh, mi devo sbrigare. [Oh, ich muss mich beeilen.] Gleich fängt der Spätdienst an.“ sprach’s und packte hastig seine Tasche.

Als er von der Arbeit zurückkehrte, wirkte er sehr niedergeschlagen. Die Antwort auf die Frage nach unbezahltem Urlaub beantworteten seine hängenden Mundwinkel. Ein klares Nein für unseren Urlaub, der einen Monat dauern sollte. „Na ja, wir haben’s versucht.“

Gedanklich legten wir das Thema ad acta.

Bis heute.

„Christel [des Römers Chefin] bat mich nach der Arbeit auf sie zu warten. Sie müsse mir etwas zu meinem Urlaub sagen.“ schrieb der Römer um 13 Uhr.

Ich verdrehte die Augen, denn ich hatte Hunger und wollte noch länger auf ihn (und das gemeinsame Mittagessen) warten. „Welcher Urlaub? Den Vorschlag wegen des unbezahlten Urlaubs hat sie bereits abgeschmettert. Da bleibt nur die Woche im September. Sag mir bitte nicht, dass sie dir die Woche auch noch nehmen will?“ tippte ich genervt. Mein Hunger wirkte wie ein zusätzlicher Katalysator meiner – eh schon angespannten – Gefühle.

Doch der Römer antwortete nicht mehr. Frustriert biss ich in einen Schokoriegel und kaute ärgerlich darauf herum.

Nach 45 Minuten sah ich einen beschwingten Römer die Straße entlang spazieren. Fröhlich schwang er seine Milchkaffee braune Arbeitstasche hin und her. Ich wunderte mich.

„Okay! Tutto confermato.“ [Okay! Alles bestätigt.] jauchzte der Römer vor Glück und wirbelte den eben noch auf dem Boden spielenden Signorino im Kreis umher, der dann auch anfing vor Freude zu jauchzen. „Dein Urlaub im September war doch schon bestätigt?!“ hakte ich bei dem unorganisierten Römer nach. „Ja!! 5 Wochen!“ gab er freudestrahlend zurück. Ich war verwirrt. „Ne, ne. Eine Woche war das doch?“ vergewisserte ich mich irritiert. „Ma no! Allora, si! Ma no!“ [Aber nein! Also, ja! Aber nein!] strahlte mich der Römer an.

Ich hob beide Augenbrauen und verstand nichts. Doch diesmal war es definitiv kein sprachliches Missverständnis, das hier vorlag.

Der Römer bemerkte meine verhaltene Reaktion und rollte die Geschichte freundlicherweise noch einmal von vorne aus: „Wir wollten doch unbezahlten Urlaub?“ fing er an. „Dieser wurde uns aber nicht gewährt, weil meine Bitte so kurzfristig kam. Aber weißt du, was Christel heute gesagt hat: „Alles klar,“ sagte sie, „Römer, viel Spaß! Du hast 5 Wochen Urlaub – ab Mitte August! Ich hab nochmal mit Walter [dem anderen Chef] geredet und Walter ist d’accordo. Wir wollen, dass du dein Ph.D. Projekt ordentlich vorbereitest. Also: Ciao Kakao! Viel Spaß im Urlaub.“

Mir stand der Mund offen. „Wirklich?“ fragte ich irritiert. „Maaaa si! Cinque settimane per noi – e il progetto del Ph.D..“ [Aber ja! Fünf Wochen für uns – und das Ph.D. Projekt]

Ich schüttelte nun völlig fassungslos den Kopf. Als ich die Information langsam verstand, fuhr mein Kopf Achterbahn. Soviel war noch zu organisieren! „Ach du liebe Zeit. Wir brauchen einen neuen Kindersitz, eine Hülle, Flüge, Unterkünfte, vielleicht sogar einen Mietwagen?“ plapperte ich hektisch darauf los. „Senti, una volta nella tua vita…lo possiamo fare a modo mio?“ [Hör mal, einmal in deinem Leben… können wir das auf meine Art machen?] fragte er zögerlich an. Doch ich war schon ins Schlafzimmer gerannt und durchforstete Signorinos Kommode. „UV Anzug!“ delegierte ich. „Schreib auch gleich Sonnenschutz 50+ auf – der ist in Albanien** so teuer!“ leitete ich ihn an. „Ma chi dice che andiamo in Albania?***“ [Aber wer sagt, dass wir nach Albanien reisen?] fragte der Römer erheitert. „Wohin denn sonst? Im August sind wir immer in Albanien. Außerdem haben deine Eltern Signorino noch gar nicht kennengelernt. Danach können wir gerne woanders hin. Aber der erste Stop ist Albanien. Dein Ph.D. Projekt lässt sich doch viel erfolgreicher dort vorbereiten.“ quasselte ich fröhlich darauf los. Signorino quieckte erheitert. „Na, wenn selbst Signorino der Meinung ist. Aber sei bitte nicht genervt, wenn wir dort sind.“ bat der Römer.

„Aber natürlich bin ich genervt, wenn wir dort sind. Einfach weil nichts funktioniert, es laut und stickig ist. Dazu ist Pünktlichkeit ein Fremdwort. Absolut nichts läuft in geregelten Bahnen. Doch gleichzeitig bin ich gerne mit deiner verrückten Verwandschaft unterwegs. Ich lasse mich gerne von deiner Mama auf albanisch bequasseln, minütlich umarmen und mich mit „zemra ime“ anschmachten. Mir fehlen die losen Abmachungen, die Zeit und Ort betreffen. Das überrascht wirkende „Es war komischerweise Stau während der Hauptverkehrszeit, deswegen sind wir 40 Minuten zu spät.“ deiner Brüder geht mir ebenso ab, wie das völlig gelassene „s’ka problem“ [kein Problem] bei jedem vollwertigen Weltuntergang. Dazu der Kaffee, die holprigen, nicht geteerten Straßen Kamez‘, die Granatapfelbäume, die gemächlich im Wind wiegen. All das fehlt mir.“ erklärte ich ausschweifend.

„Allora, va bene.“ nickte der Römer zufrieden und hing mit einem Ohr bereits am Telefon um seiner Verwandschaft Bescheid zu geben, dass der lang ersehnte Enkel Signorino im August das gelobte Land betritt. „Endlich.“ werden sie jauchzen und sich seufzend in den Armen liegen.

„Endlich.“ murmelte ich zufrieden und strich beschwingt über meinen vereinsamten Handgepäckskoffer.

*Der Römer arbeitete seit 8 Monaten an seinem Projekt. Leider hat die Universität nach 10 Jahren beschlossen, die ausgeschriebenen Messgeräte durch andere zu ersetzen. Das wiederum stürzt den Römer in eine mittelschwere Krise, da er nun ein neues Thema braucht – und der Bewerbungsschluss Ende August ist.

**So einfach wie gedacht gestaltet sich eine Reise in ein Drittland wie Albanien leider nicht. Die aktuellen Gesetze besagen, dass man nach der Rückkehr aus einem Drittland 14 Tage in Quarantäne muss. Es gibt jedoch eine Ausnahme: ein nachweisbarer, negativer PCR Test, der bei Einreise nicht älter als 48h ist und aus einem anerkannten Land (Liste: klick) kommt. Alternativ kann der Test nach Einreise am Ort des Grenzübertritts (z.B. das Centogene Testcenter am Frankfurter Flughafen) oder am Ort der Unterbringung erfolgen. Das Testergebnis muss – unabhängig davon, ob die Testung vor oder nach Einreise erfolgte – für mindestens 14 Tage nach Einreise aufbewahrt werde. Es muss dem Gesundheitsamt auf Verlangen vorgelegt werden. (Quelle: Auswärtiges Amt)

***Da wir nicht aus touristischen Zwecken reisen, werden wir die Lage selbstverständlich (auch aufgrund der steigenden Covid-19 Zahlen) beobachten und nicht unbedacht nach Albanien reisen. Wir befinden uns bis zum Reisezeitpunkt in der Feinabstimmung mit der Familie, die darauf besteht, dass wir nicht reisen, sollten die Zahlen sich noch weiter erhöhen.

Dieter wird isoliert

[Berlinerisch kann ich so schlecht wiedergeben, deswegen spricht Dieter in meinen Texten von nun an etwas kölsch]

Vor zwei Wochen trug es sich zu, dass der Römer und ich beunruhigt waren aufgrund der Lage in Italien. Wir tauschten uns viel mit der Familie und unseren Freunden aus, die dort wohnen und man merkte recht schnell: Der Virus wird nicht nur Italien betreffen. Besser jetzt handeln als dass es zu spät ist.

„Dieter“, sage ich, „die Lage ist ernst!“

Dieter, eben noch mit seinem Blick in der Kakaotasse versunken, blickt auf, runzelt die Stirn und antwortet: „Ich habe es mir schon gedacht, Medschen. Du trinkst Kaffee statt Kakao. Wenn du jetzt noch einmal darüber diskutieren willst, dass wir Mandelmilch für den Kakao benutzen sollten, dann sage ich dir hier und jetzt in aller Ehrlichkeit: Nein! Meine Großmutter Agatha würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass ich homöopathisches Nusswasser für den Kakao benutze.“

Ich muss lachen. „Nein, Dieter, das habe ich schon längst aufgegeben. Ich trinke Kaffee, weil Signorino heute Nacht kaum geschlafen hat.“

„Ach gut, das hätte ich mir denken können. Deine Augenringe sind ja nun nicht zu übersehen.“ antwortet er grinsend.

„Danke, Dieter Wilhelm. Du weißt, wie du mich nach einer kurzen Nacht aufbauen kannst. Ich habe dennoch etwas wichtiges zu sagen!“ erkläre ich ihm.

Dieter setzt sich in dem großen, grauen Ohrensessel auf, die Tasse entschlossen in der rechten Hand, Signorino mit festem Griff im linken Arm und spricht: „Okay, Medschen, lass uns Tacheles reden. Onkel Dieter ist bereit!“

„Dieter – wir müssen dich isolieren. Es geht nicht anders. Du nimmst Herztabletten, bist an die siebzig,….“ fange ich an.

„An die siebzisch, aber nisch ÜBER siebzisch. Darauf lege ich Wert!“ betont Dieter.

Ich unterstreiche also noch einmal, dass er „an die siebzig – nicht aber über siebzig ist“ und fahre fort: „Wie dem auch sei: Du bist uns wichtig. Deswegen wollen wir dich isolieren. Carmen [Dieters Tochter] hat dir das doch auch schon erklärt. Kein Besuch mehr von Estefania [Carmens Tochter = Dieters Enkelin], kein Besuch mehr von uns. Wir gehen für dich einkaufen und karren dir alles an, was du zum Leben brauchst.“

„Na hör ma, ich bin doch kein Huhn in der Legebatterie. Meint ihr wirklich, ich werde in meinen zwei Zimmern glücklich? Ich kann doch nicht den ganzen Tag dort rumtigern! Freiheitsliebend – das bin ich. Was würde denn meine Rose [Dieters verstorbene Ehefrau] von mir denken, wenn ich nur daheim sitze? Sicher guckt sie runter vom Himmel, auf ihrer fluffeligen Wolke und sacht: Mensch Dieter, Dieter. Kaum bin ich nicht mehr da, wirste richtig träge. So kenn isch disch gar nicht, mein Dieterchen.“ holt Dieter aus.

„HERR WILHELM! Es ist ernst!“ sage ich bestimmt. Ich stehe auf, streichle über Signorinos Kopf, der bequem gegen Dieter Wilhelms Bauch gelehnt ist und verdunkle den Raum. Dann mache ich den Fernseher an und zeige ihm wie es in Bergamo ausschaut. Bilder von Särgen, von Militärtrucks, von jungen und alten Menschen flimmern über den Fernseher.

„Und genau DA will ich dich nicht sehen. Es ist nur zu deinem eigenen Schutz, dass du daheim bleibst. Bitte, Dieter!“ flehe ich ihn nun an.

„Hmpf…“ ist seine Reaktion. Dieter schmollt. Er schmollt und denkt nach. Immerhin grübelt er – das ist ein gutes Zeichen. Mein Vortrag fruchtet. „Und wenn ihr mich besucht? Dann muss ich nicht aus dem Haus und ihr kommt einfach zu mir hoch!“ schlägt er vor. „Och Dieter, es geht doch nicht darum, wer wen besucht. Es geht darum, Kontakte vollständig zu meiden, auch wenn es in Deutschland noch nicht vorgeschrieben ist. Nur so können wir sicher stellen, dass DU sicher bist. Wir kümmern uns um dich, aber du musst jetzt einfach einmal ein paar Wochen Abstand nehmen.“

„Soschl – Detoxing meinst du, ne? Und du meinst, das ist wirklich nötig?“ fragt er noch einmal nach. „JAAA!“ antworte ich streng. „Das ist wirklich notwendig.“

„Na gut, aber ich gehe noch fix einkaufen. Mein Kühlschrank ist komplett leer – im Angebot gibt es diesen wunderbaren, französischen Käse, den ich so mag.“ will er einwenden.

„Dieter! Nein! Kein Einkaufen, kein „mal-eben-an-den-Kiosk“, kein Schach spielen im Park, keine Freunde treffen, kein Hunde streicheln, kein Schnack, kein Besuch bei uns, kein flanieren auf der Einkaufsstraße, kein Besuch von oder bei Carmen und ihrer Familie. Einfach nichts.“ erkläre ich nochmals ausführlich.

„Mensch, das ist ja wie dieses Schweige-Kloster, dass meine Rose vor 20 Jahren unbedingt ausprobieren wollte. Gut getan hat ihr das aber nicht. Sie war so durch den Wind, dass sie eine rote Socke mit der weißen Kochwäsche gewaschen hat. Ich musste wochenlang rosa Hemden in der Arbeit tragen! Sowas ist ihr vorher noch nie passiert.“ erzählt mir Dieter.

„Ach Dieter, du musst doch nicht schweigen. Nur daheim sein. Ein Telefon hast du doch und ich habe auch schon eine Idee wie du mehr von der Welt siehst ohne deine Wohnung oder deinen Balkon zu verlassen.“ kündige ich an.

„Na, da bin ich ja gespannt, Medschen!“ sagt Dieter und knuddelt Signorino ein letztes Mal für ein paar Wochen.

Der isolierte Dieter