4 Meter Unterschied

Heute, da bin ich melancholisch, obwohl die Stimmung nur 4 Meter von mit entfernt vibriert vor lauter Lebensfreude.

Ich sitze hier, allein auf der Couch in unserem Ferienapartment. Signorino schläft im ersten Stock. Der Römer ist mit seinen Freunden essen. Mit Signorino wäre es ein sehr schnelles Essen geworden. So aber, da waren wir uns einig, kann der Römer die Zeit mit seinen Freunden genießen.

Doch wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann kommt die Melancholie. Sie begann heute Nachmittag, als mir mein Papa mitteilte, dass er ins Pflegeheim geht. Mein wunderbarer Papa schrieb im Schlusssatz: “… and they never come back. Alte Schwergewichtsboxerlehre.”

Der Satz verpasste mir eine Kerbe in meinem Herz. Mittig, ganz klein, doch mit jedem Atmezug wird sie größer und schmerzhafter. Ja, es wird seine letzte Station sein. Nein, die Krankheit hält kein Happy End parat. Das Einzige, was sie parat hielt, war eine Trennung. Die letzten Jahre verbringen meine Eltern nun getrennt. Räumlich. Emotional. Körperlich.

Mir obliegt es nicht, über einen Weg zu urteilen, den ich nicht gegangen bin. Meine Mutter wird ihre Beweggründe haben. Auch wenn sie laut über die Möglichkeit einen neuen Partner zu haben, nachdenkt, so ist es ihr Leben. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. (dennoch wäre es gelogen, würde es mir nicht weh tun)

Mein Papa wird immer mein Papa bleiben. Mit Krankheit. Ohne Krankheit.

Wissen Sie, wir denken alle nicht gerne über den Tod nach. Doch am Ende ist es das, was die Zukunft gewiss für uns bereit hält. Wo ein Anfang ist, ist auch ein Ende. Und irgendwann treten wir ab von der Bühne dieser Welt. Was danach geschieht, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Hier sitz ich nun – in meinem kleinen Reihenhäuschen in Trastevere. Und schreibe, weil es mich heilt, weil es mir erlaubt zu atmen und weil es das ist, was ich liebe. Ich schreibe und lese.

Ich lächle, weil mir die Geräuschkulisse klar macht, dass ich lebe. Diese pulsierende Stadt, die Emotionen, die nicht versteckt werden, die Langsamkeit, die mich zur Entschleunigung zwingt. Die Sätze, die dir Fremde schenken, die so wohltuend sind. Signorino, der so zufrieden hier ist und alle Welt anlächelt. Der Römer, der daheim ist, und 10 Jahre jünger ausschaut. Der caffé bei nonna vincenza. Der caffé überhaupt.

Das Leben ist kurz und keiner von uns weiß, was uns erwartet und wie lange. Lassen Sie es uns nutzen! Treten Sie raus in die Welt und machen Sie das, was Sie glücklich macht. Umgeben Sie sich mit Ihren Lieben, sagen Sie Ihnen, dass jeder Moment mit Ihnen kostbar ist. Denn wie oft vergessen wir genau das in der Hektik der Zeit. Legen Sie das Smartphone beiseite. Glück ist nicht bei Instagram und Co zu finden. Das ist eine Illusion. Ich möchte auch behaupten, dass die interessantesten Menschen nicht 148 Story Sequenzen am Tag produzieren, weil sie stattdessen lieber ihr Leben leben. Seien Sie dankbar für das, was Ihr Leben bereit hielt und hält. Oft ist es nur der falsche Blickwinkel (oder Filter – um bei Instagram zu bleiben), mit dem wir unser Leben betrachten.

FTD

“FTD! FTD! FTD! FTD! FTD! FTD!” hämmert es in meinem Kopf. Ich will diese Buchstaben nicht mehr lesen, ich will nicht die Bedeutung kennen und ich will sie nicht ausgesprochen hören.

“Meine Töchter werden mich schon retten.” sagte mein Vater heute zu meinem Bruder. Und wie ich das versuchte – ihn zu retten. Ich fragte ihn, ob wir zu ihm ziehen sollten. 400km in den – von mir so gehassten – Süden. Der Römer war einverstanden. Und mein Papa antwortete: Ja!

Und während wir uns den Kopf zerbrachen wie wir das alles machen sollten, ging der tägliche Videoanruf meiner Geschwister ein.

Was soll ich sagen? Zurückgepfiffen wurden wir. Wie vor einer Woche auf der Autobahn! “Nein! Kurzzeitpflege! Es gibt keine andere Möglichkeit. Aber danke für das tolle Angebot. Dennoch nein! Nein! Nein! Nein!”

Erklären Sie mal einem Ertrinkenden, dass der Rettungsring nur ein “Witz” war! Und ziehen Sie ihn dann weg!

Genau das hab ich getan. Es tut mir so Leid! Wirklich!

Ich darf nun auf dem sicheren Boot stehen und ihm beim Ertrinken zu sehen, während alle um mich rum ständig “FTD! FTD! FTD!” krächzen.

Ich halte mich nun raus. Nicht, weil ich will, sondern weil es das Beste ist – auch für meinen untergehenden Vater, der gerne den ehrlich angebotenen Strohhalm angenommen hätte.

Einige, fröhlichere Texte habe ich in meinen Entwürfen, aber verzeihen Sie mir, dass es sich momentan falsch anfühlt, diese zu publizieren.

Kommen Sie gut durch die Woche! 💛

Zauberhaft

Sie alle sind eine ganz zauberhafte “Gemeinde”. Ich danke Ihnen für all die lieben Worte und Umarmungen. Jede einzelne hat mich berührt (aber das wissen Sie sicher)!

Jetzt wird der Rock gerafft und morgen wird wieder ein flotterer Text veröffentlicht.

Mein Vollbad, mit den Badezusätzen “Trauer”, “Schmerz” und “Überforderung”, ist auf alle Fälle unangenehm kühl geworden, deswegen steig ich aus, trockne mich ab, kuschle mich in Ihre Worte und dann geht es hier wieder wortreich weiter.

Bis dahin, Sie sind die Besten!

Interview mit meinem Vater

Viel zu oft habe ich den Beitrag neu angefangen. Erst suchte ich nach Zitaten. Aber keines wollte so richtig passen. Dann hatte ich unzählige, andere Ideen – doch keine wurde dem Thema gerecht. Nach langem Grübeln beschloss ich: Mein Projekt liegt mir so am Herzen, dass es keiner Einleitung bedarf.

Ich habe angefangen meinen Vater – meinen wunderbaren, weisen, lebensklugen Vater – zu interviewen. Auch wenn die Krankheit, Demenz, bis jetzt nur seine Sprachfähigkeit und seinen Bewegungsapparat angegriffen hat, so habe ich dennoch Angst, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, in dem sie seine Erinnerung und besonders seine Persönlichkeit angreift. Die Angst ist leider begründet. Aufgrund der Krankheit mag dieser Tag schneller kommen als bei manch anderem.

Doch dann bin ich vorbereitet. Denn bis dahin haben wir einen Schatz von unbezahlbarem Wert erschaffen: Unsere Interviews.

Es war vor ein paar Wochen. Ich zermarterte mir den Kopf wie ich seine Weisheiten und seine Lebenserfahrung konservieren kann. Und aus dem nichts kam die Frage „Wie gut kennst du deinen Vater eigentlich?“ auf. Ich nenne ihn „Papa“ und weiß schemenhaft seine Vorgeschichte. Aber was weiß ich tatsächlich über ihn als Mensch – nicht als Papa. Wenig bis gar nichts. Die Antwort mag kaum überraschen, doch macht sie gleichsam traurig, wenn man weiß, dass die Zeit drängt.

Wie schnell kann man seinen Vater richtig gut kennen lernen?

Ich werde es für Sie herausfinden, denn noch kann ich all meine Fragen stellen, per Email, denn sprechen ist ihm unangenehm, weil nicht mehr alle Worte so herauskommen wie er sie losschickt.

Ebenso schnell wie ich den Entschluss zu diesem Projekt getroffen habe, kam seine positive Antwort zurück. Er versprach mir, meine Fragen so gut wie möglich zu beantworten.

Seine Zusage stellte mich vor eine neue Herausforderung: Was fragt man denn nun seinen Vater? Mit welcher Frage fängt man an? Mit den hochtragenden? Und wenn ja, wie würden diese aussehen?

Ich fing mit der, mir am einfachsten und gleichzeitig am schwierigsten scheinenden Frage an und schrieb:

„Lieber Papa, was sind und waren bis jetzt die wichtigsten Werte für dich im Leben? Und warum findest du diese Werte so wichtig? Und: Welche Werte wolltest du uns vermitteln? Liebe Grüße, deine Tochter“

Seine Antwort lies nicht lange auf sich warten:

„Liebe Tochter, die Antwort hört sich einfach an, ist aber schwierig in die Tat umzusetzen: Loyalität! Auch wenn es manchmal schwer fällt. Ich weiß, dieser Wert zählt heute wenig. Dennoch, ich habe ihn von meinen Eltern vermittelt bekommen und ich halte ihn bis heute für meinen wichtigsten Wert. Nur wer wahre Loyalität in seinem Leben erfahren hat, weiß um deren Bedeutung und ihrem Wert. Sei zuallererst dir selbst gegenüber loyal. Verkaufe nicht deine Meinung und deine Ansichten. Stehe zu deinem Wort und halte es. Verspreche dir nichts, was du nicht halten kannst und halte dich auch bei deinen Mitmenschen daran. Eure Erziehung betreffend: Mir war es wichtig, dass ich diesen Wert an euch weitergebe und ich hoffe, es ist mir gelungen. Gruß Papa“

Ich druckte die Email sorgsam aus und heftete sie in einem Ordner ab.

Mittlerweile sind viele Seiten dazugekommen. Mehrmals die Woche schreibe ich ihm eine Frage, die er meist noch am selben Tag beantwortet. Seine Emails sind ein bunter Mix aus gefühlvollen, weisen, lustigen, erstaunlichen, melancholischen, überraschenden und bittersüßen Antworten, die mich immer wieder auf’s Neue begeistern.

Denn am Ende bleibt uns nur die Erinnerung. Und unsere Emails.

Demenz und Nachsicht

Vielleicht ist die Nachsicht das Schwierigste an der Demenz. Denn nach und nach bröckeln die alten Charaktereigenschaften ab wie alter Putz an bunten Fassaden. So sehr man sich auch wünscht, dass neuer Putz an die Wände kommt, so sehr weiß man doch, dass der Fortschritt der Krankheit mit der Zeit bald das ganze Haus angreifen wird. Die Fenster sind plötzlich morsch, obwohl sie letzte Woche noch wie neu schienen. Die Tür quietscht nicht nur, sie fällt aus den Angeln. Man muss zusehen wie es verfällt. Die Hände sind einem gebunden.

Und eh du dich versiehst, ist dein Vater nicht mehr der Fels in der Brandung. Denn er wird von der Brandung stückweise weggetragen.

Man ärgert sich am Anfang. Auch wenn man sich noch so verspricht und gut zuredet, dass man geduldig und nachsichtig ist. Immer schafft man es nicht.

Der Moment, der mir am meisten das Herz bricht, wird wohl immer der sein, in dem Papa seine Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren konnte, weil der Kopf zu spät Bescheid sagte und dann dieser 1,82 cm große Mann vor einem steht, beschämt wie ein kleines Kind, mit herabgesenktem Blick – und ich so unendlich sauer wurde. Sauer auf die dreckige Hose, auf die Situation, auf das was passiert ist, wo es passiert ist, wie es passiert ist. Sauer darauf, dass er uns alle beschämt. Zumindest war das mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt.

Doch das Beschämenste an der Situation war nicht er – ganz im Gegenteil. Ich war es. Seine eigene Tochter, die ihm nicht gut zuredete, die ihm nicht half, die einfach nur von ihren eigenen Gefühlen übermannt war. Seine Tochter, die vor lauter Überforderung versuchte die ganze Situation zu ignorieren und doch nicht ihren unendlich traurigen Vater mit seiner beschmutzten Hose wahrnahm. Ich schäme mich – für mich. Für mein Verhalten. Für meine Gedanken und Gefühle in diesem Augenblick.

Tage danach erklärte er tief beschämt, dass sein Körper nicht mehr das macht, was er soll. „Er sagt zu spät Bescheid. Dann schaff ich’s manchmal nicht mehr.“ erklärt er traurig und mir bricht es das Herz.

Mein Held, mein Papa, der mich jedes Wochenende die Alpen hoch getragen hat, auf den Schultern, weil ich zu klein und meine Beine noch zu schwach waren. Mein Papa, der immer einen Rat hatte. Mein Papa, der loyal ist – bis zum Ende. Mein Papa, der sich so oft an Süßigkeiten überfressen hat, dass er Mittags keinen Hunger mehr hatte, weil ihm noch so schlecht war. Mein Papa, der hart gearbeitet hat, dass seine Frau und seine Kinder versorgt sind. Mein Papa, der nie an sich selber gedacht hat. Immer nur an andere. Mein Papa, den ich mit meinen 4 Jahren morgens um 5 Uhr weckte, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mein Papa, der mich zum Brötchen holen mitnahm und immer etwas Süßes dabei für mich raussprang. Mein Papa für den nur die Familie zählt.

Doch vielleicht ist der größte Knackpunkt für mich: Ich will mir nicht eingestehe, dass er schwächer wird. Ein Abschied auf Raten. Auf Fragen, auf die er früher bestens antworten konnte, kommt oft nur noch ein Satz mit gesenkter Stimme: „Ich weiß es nicht. Es tut mir Leid, dass ich dir da nicht weiterhelfen kann.“

Doch vielleicht ist es so, dass es besser für uns ist, wenn die wertvollsten Menschen in Raten gehen als auf einmal komplett – von einem Moment auf den anderen. Vielleicht ist es besser, dass man dann nach jahrelangem Kampf sagt: „Es ist besser für ihn gewesen. Ich hab mir für ihn gewünscht, dass er gehen darf.“

Doch noch ist es nicht so weit. Und so kämpfe ich manch inneren Kampf mit mir, damit ich nachsichtiger reagiere. Denn wer weiß wie schnell das Haus verfällt. Noch sind es kleine Schäden, doch auch die großen werden nicht lange auf sich warten lassen…

Egal wie, es wird irgendwie weitergehen

Mein Papa hat Demenz. Für manche nichts neues, für andere hingegen schon.

Der Gesellschaft ist es lieber, wenn man hört, dass mein Papa eine gesundheitliche Einschränkung hat. Und meinem Papa auch. Parkinson sagt meine Mutter (mit vorgehaltener Hand), wenn sie mit Freunden und Bekannten redet. Parkinson hört sich gut an. Demenz nicht. Demenz hört sich nach altem, vergesslichen Mann an.

Nun ist es so, dass mein Vater für die üblichen Formen der Demenz deutlich zu jung wäre. Schmückt doch eine stete 6 seine Jahreszahl. 69 Jahre ist kein Alter für Demenz. Nun hat er aber eine außergewöhnliche Form. Eine, die wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten vor sich hingärt. Erst lässt sie dich sorgloser werden, dann oberflächlicher. Irgendwann verlierst du das Interesse an Familie und Hobbies und das schlimmste ist: Das erste, was du vergisst, sind nicht Geburtstage oder wo du deine Schlüssel hingelegt hast. Es ist die Sprache, die dir erlaubt mit deinem Umfeld zu kommunizieren. Mehr und mehr Wörter fallen dir nicht mehr ein, dein Mund macht nicht mehr das, was er soll und du sprichst Wörter nicht mehr so aus wie sie sein sollen. Manchmal nuschelst du unverständliches vor dich hin. Und manchmal sagst du, die Tanne ist rosa und nicht grün. Weil du den Unterschied nicht mehr benennen kannst.

Doch in meinem Fall ist die Demenz ein Glücksfall gewesen. Nie war mein Vater weicher. Er war nie gefühlsbetonter und ehrlicher.

Als wir zusammen verreisten, nur er, der Römer und ich, da sprach er einige Sätze, die ich nie vergessen werde. Sätze, die seine Hilflosigkeit ausdrücken. Sätze, die zeigen, dass er nicht mehr Herr über seinen Körper ist. Sätze, die aber auch zeigen, was er gerne anders gemacht hätte.

„Könnte ich nochmal die Zeit zurückdrehen“, sagte er auf der Rückbank eines Taxis in Rom „dann wäre mir das ganze Geld egal. Ich habe soviel gearbeitet und hatte nie Zeit für euch. Das tut mir so unendlich Leid.“ Und dann guckte er mich mit festem Blick an. „Aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich wusste es doch nicht besser.“

Jetzt füllten sich seine und meine Augen mit Tränen. Ich reichte ihm wortlos ein Taschentuch und er drehte sich zur Seite, denn ich weiß, dass er nicht weinen mag vor mir.

„Papa, du hast alles nach bestem Wissen und Gewissen getan. Es war alles gut so wie es ist. Umso schöner ist es doch jetzt Zeit miteinander zu verbringen.“ antwortete ich, mittlerweile wieder gefasst und drückte seine Hand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Aber ich kann doch nicht mehr so wie ich will. Ich würde gerne viel mehr können, aber mein Körper macht nicht das, was ich ihm sage. Er geht zu langsam, er stolpert, er muss auf’s Klos, wenn’s mir nicht passt und gibt mir kaum 5 Minuten ihm seinem Wunsch nachzukommen. Sonst zieht er einfach sein Ding durch. Ohne mich zu fragen.“ erzählt er traurig und auch ein bisschen verärgert. „Na, dann gehst du deinen Bedürfnissen nach. Wenn dein Körper stolpert, helfen wir dir auf. Wenn du langsamer gehst, gehen wir auch langsamer. Wenn du mal musst und zwar jetzt sofort, dann finden wir hier ganz sicher genug Toiletten. Egal, was es ist, wir finden eine Lösung dafür. Du bist nicht allein.“ versuche ich ihn zu beruhigen.

Er drückt meine Hand und schweigt. Während uns das Taxi über die Pflastersteine Roms schuckelt, döst mein Papa ein. Meine Hand fest in seiner. Er lächelt zufrieden in seinem Halbschlaf und ich weiß, egal wie, irgendwie wird es weitergehen.