Kurzes Lebenszeichen

Ein Lebenszeichen wollte ich doch einmal schicken. Ich bin besorgt um meine Kollegen und Freunde. Die Kurzarbeit kommt. 50% der Flüge werden gestrichen. Seit Tagen bekommt der Eine keinen Arbeitsplan. Seine Beförderung? 2 Tage davor abgesagt – nachdem er sich durch einen Monate langen Kurs quälte. Man ist jeden Tag auf Abruf und weiß nicht, wann man arbeitet und wenn ja wie lange. Vielleicht ist man abends daheim? Vielleicht in 5 Tagen? Besser, man hat momentan keine Familie und ist alleinstehend. Denn die Betreuungssituation zu organisieren, wenn man jeden Tag auf Abruf arbeitet, scheint fast unmöglich. Ich bin froh in Elternzeit zu sein, doch bange und hoffe mit den Kollegen und meinen Freunden, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Die dicke Hummel (A380) ist wohl erst einmal am Boden…

Dieter sagte übrigens, dass mein Arbeitgeber schon ganz andere Krisen durchgestanden hat. Und egal was passiert, ich soll mich an die Ameisengeschichte erinnern: Die Ameise, die in Südamerika wohnt, träumt seit jeher von Afrika. Ein lang gehegter Traum! Der Mensch nimmt sie, steckt sie ins Flugzeug und die Ameise beschwert sich und schreit und hat Angst! Das Flugzeug ist laut, die Luft trocken, unbekannte Menschen, so weit oben über der Welt… sie will das alles nicht. Das Flugzeug landet nach einem langen, langen Flug. Die Türen gehen auf und die Ameise begreift: Sie ist in Afrika! Endlich!

Dieter sagt, wir sind die Ameise, Gott (oder das Universum oder an was man eben glaubt) ist der, der uns in das Flugzeug steckt. Wir begreifen vielleicht nicht, dass all die Strapazen uns ans Ziel bringen, aber hinterher, wenn wir in Afrika sind, dann verstehen wir, wozu der ganze Stress notwendig war! Und vielleicht hätte sich die Ameise mit der Erkenntnis lieber zurückgelehnt und einen Tomatensaft (oder was auch immer Ameisen trinken) bestellt und die Aussicht genossen, anstatt sich Sorgen zu machen.

Hätte es sich die Ameise mal gut gehen lassen!

Herr Wilhelm und das Schreibaby

Du schreist. Tage- und nächtelang. Du schreist so laut, dass Herr Wilhelm im Stock über uns letztens geklingelt und mich empört angefahren hat, was ich dem “armen Ding” antue. „Nichts tat und tue ich ihm an. Er schreit – und das seit Stunden.“ war meine Antwort – verärgert, verzweifelt, leicht patzig!

„Das arme Ding“ lag schreiend auf meinem Arm und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Ich brach in Tränen aus und Herr Wilhelm schämte sich.

“Ach komm, Mädel. Der Kleene beruhigt sich schon wieder!” sagte der Exil-Berliner Nachbar Herr Wilhelm zu mir. “Kann ich wat für dich tun?” Er tätschelte unbeholfen meine Schulter. Ich schluchzte. Signorino schluchzte. “Ist denn keiner sonst daheim? Mann, Mutter, Schwiegermutter, von mir aus ’n Goldfisch, der den Kleinen mal eben beruhigen kann?” fragte er versöhnlich.

Da standen wir also, in der Tür unserer Wohnung, ich schluchzend, Signorino schreiend und schluchzend, mit dem hilflosen Herrn Wilhelm vor uns. Er schob uns sanft zur Seite und trat ein.

“So! Kakao!” sagte er fast schon Feldwebelartig. “Wo find ick den in diesem Haushalt?”

Ich zeigte auf den großen, weißen Vorratsschrank. “3. Fach, ganz hinten links!” schniefte ich weiter.

“Jut, jut! Och, ick glob et nicht! Det is dieselbe Marke, die mene Omma auch immer jehabt hat! Mensch, wat ‘n Zufall!” rief er überrascht.

Er schnappte sich den Kakao und bereitete ihn routiniert zu. Geschickt (und ohne zu tropfen) füllte er den Kakao in zwei große Tassen. Zufällig benutzte er meine Lieblingstasse. “Kann ich die haben?” fragte ich und zeigte auf die blaue Tasse mit der Zeichentrick-Figur. “Aber sicher doch! Det guckt meine Enkelin auch immer. Aber die ist 7!” lachte er über die Cartoon Figur auf meiner Tasse. 😄

“Mensch, sag ma Mädchen, da jibt et doch diese Tragetücher. Da packste den Kleenen ma rein und der beruhigt sich. Det hab ich von meiner Tochter Carmen jelernt.” gab er mir als Ratschlag.

“Ich hab eins bestellt, aber es kommt erst morgen hier an.” Meine Unterlippe zitterte wieder und ich wollte gerade wieder losschluchzen, da unterbrach er mich: “Ick hab doch eins oben! Nu sag et doch! Det hat die Carmen hier deponiert. N furchtbar hässliches Teil, indische Elefanten druff. Als wären wa in Goa! Ick hol et ma eben und du trinkst ma schön den Kakao. Der Kleene schreit eh so oder so. Ejal watte machst! Da kannste auch den Kakao trinken.”

Ich setzte mich hin. Mittlerweile schluchzte Signorino nur noch und schniefte ab und zu herzzerreißend. Nach zwei Minuten kam Herr Wilhelm in meine Wohnung geflitzt. “Da isset! Indische Elefanten. Ich hab et jesagt. Aber da müssen wir drei durch, wa?” lachte er.

Ich guckte nur noch geknickt. Signorino schniefte weiter.

“Dat bind ich ma fix, wenn et dich nicht stört. Die Carmen und ich haben ja immer diese Titriels (Tutorials) bei diesem U-tubb (Youtube) geguckt. Det is richtig jut erklärt.” Geschickt band er das Tuch. “So, Doppelknoten und tschüssi Müsli!” Er verknotete das Tuch und nahm mir Signorino ab. “So junger Mann! Jetzt wollen wa dich ma beruhigen.” Er fädelte Signorinos Füsschen geschickt in das Tuch, befestigte ihn. Zog etwas hier zurecht und rückte da etwas in die richtige Richtung. Signorino motzte und schrie während diesem Vorgang weiter und dann? Stille. Tiefe Atemzüge. Ein ruhig dösender Signorino. Ich – erstaunt mit Wimperntuschenbächen, die sich auf meinem Gesicht breit machten. Herr Wilhelm – zufrieden lächelnd, Arme in die Hüfte gestützt. “So! Und jetzt trinken wa den Kakao, bevor der kalt wird. Hier sind noch selbst gebackene Kekse. Hab ich auch bei diesem Eitub gesehen. Det sind Tschantutschini (Cantuccini). Echt Italienisch!“ schmunzelte er. “Danke, Herr Wilhelm!” sagte ich ganz gerührt und ein Tränchen lief mir über die Wange. Es sollte das letzte an diesem Tag bleiben – bei Signorino und bei mir.

“Ick bin der Dieter!” sagte er fröhlich. “Danke Dieter! Du hast mich gerettet.” gab ich lächelnd zurück, durch meine Tränen blinzelnd. “Ach Papperlappap. Det nennt man Nachbarschaftshilfe!”

Indische Elefanten gehören nicht nur nach Goa, sondern auch in jeden Haushalt mit Baby!