Pizzaphasen!

Pizzaphasen heißen sie, die Phasen, die bei uns kommen und gehen wie Ebbe und Flut. In Pizzaphasen kochen wir nicht. Nicht etwa, weil wir nicht wollen, nein, eher weil wir nicht können. Signorino ist in Pizzaphasen so anstrengend, dass wir ihn zu zweit mit Müh und Not bändigen können. Schlecht gelaunt, weinerlich, absetzen vom Arm ist ein Affront, der einem Weltuntergang gleicht.

In Pizzaphasen essen wir nicht nur Pizza, denn Abwechslung im Speiseplan ist wichtig und gesund. Wir essen auch Döner, Hühnchen, Burger, Thailändisch, Koreanisch, Georgisch, Schnitzel,… was unsere Nachbarschaft eben so hergibt.

Manchmal, wenn wir besonders müde und geschafft sind und nicht einmal mehr zur Dönerbude um die Ecke gehen können, dann tut es auch der mediterrane Mikrowellenreis, der mit mediterran so wenig gemeinsam hat wie der Römer mit einem kühlen Norweger. In Pizzaphasen scheint uns selbst eine pasta in bianco [Pasta mit Öl und Parmesan] unerreichbar wie eine momentane Übernachtung im Wellnesshotel.

Sie werden es schon an meiner detailverliebten Beschreibung erkannt haben: Wir sind wieder in einer Pizzaphase. Denn ein so großes Fachwissen gespickt mit Verzweiflung und Hoffnung auf ein Ende dieses Zeitabschnitts, gibt es nur in Pizzaphasen.

Zugegeben, der Name ist etwas irreführend, suchen wir doch meist nur noch Zuflucht und Zuspruch bei Reza, dem netten Besitzer des Dönerladens.

Er sieht uns schon weitem, wie wir müde mit dem endlich schlafenden Signorino die Straße entlang schlappen. Mein unordentlicher Dutt und des Römers wilde Lockenpracht manifestieren diesen Eindruck, sollten die dunklen Augenringe und der fahle Teint nicht ausreichen. Wir öffnen die große Glastüre und Reza schenkt uns ein Lächeln. „Zähne?“ ist das erste, was er sagt und wir nicken stumm.

„Vergeht. Schafft ihr.“ versucht er uns zu beruhigen und fängt an unsere Döner vorzubereiten, ohne dass wir auch nur ein Wörtchen sagen müssen wie wir sie gerne hätten. Er kennt uns – und wir ihn. Jemand, der fünf Kinder ganz allein mit seiner Frau groß gezogen hat, ohne jegliche Hilfe und unter schwersten Bedingungen, der kann in drei Wörtern ausdrücken, was andere nicht in breit angelegten Monologen schaffen.

Flink packt Reza uns noch 2 bis 4 Stücke Baklava ein. „Es muss immer eine gerade Zahl sein. In solchen Phasen kann die kleinste Unebenheit zur Explosion führen, wenn Eltern müde sind. Außerdem beruhigt die Süße des Baklavas und die Nüsse geben Kraft. Du kannst alles durchstehen mit genug Baklava – sogar fünf Kinder.“ Dann lacht Reza laut und steckt uns damit an. Signorino öffnet kurz seine Augen, schläft aber wie durch ein Wunder wieder ein.

Der Römer lehnt sich kraftlos an der Theke an. Reza klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und lächelt wieder sein Reza Lächeln. Dann erklärt er: “Erstes Kind ist immer anstrengend. Wäre gut, wenn man mit zweitem Kind starten könnte. Aber beim zweiten Kind hat man das erste noch. Also wieder anstrengend. Aber 5. Kind ist gut. 1. und 2. Kind kann auf 5. Kind aufpassen.” Er grinst nun und packt unsere Döner feinsäuberlich in Alufolie ein. Wir lächeln und malen uns aus, wie es wohl mit fünf Kindern wäre. „Da pazzi! [Verrückt!] rutscht es dem Römer raus. “Soweit wird’s nicht kommen.” seufze ich geschafft und ziehe das Verdeck des Kinderwagens noch etwas weiter zu, damit Signorino ja nicht aufwacht. “Doch, doch. Ist Evolution. Kann man nicht aufhalten. Bist du mit dem Gröbsten durch bei Nummer 1, fehlt dir der Babygeruch, die kleinen Füße und Hände, das Kuscheln, Kiwikleiner Kopf mit Babyhaaren. Also machst du noch eins…und dann wieder eins. Und so weiter, und so weiter.” begründet Reza sehr überzeugend.

Nun lächelt der Römer müde. “Bist du guter Vater. Seh ich! Guckt dich Kind dauernd an, wenn mal wach. Ihr verbringt viel Zeit, oder?” fragt Reza den Römer. Der Römer nickt eifrig und grinst bei diesen schönen Reza-Sätzen wie ein Honigkuchenpferd.

Als wir zahlen wollen, macht uns Reza einen Elternpreis. “Kinder sind teuer und fressen einem alle Haare vom Kopf.“, er zeigt auf seine Halbglatze, „Frag mich!” sagt er zum Römer und schiebt ihm den Schein wieder über den Tresen. “Aber sie machen großen Spaß. Und bald werde ich Opa. Ist wie ElternPlus. Alle Vorteile, keine Nachteile. Freu ich mich schon sehr! Wird eine kleine Prinzessin.” Wir gucken ganz entzückt und der werdende Opa lächelt stolz.

Wir wünschen ihm alles Gute und er uns viele Nerven! „Tschüssi! Bis in zwei Wochen.“ verabschiedet Reza sich von uns und winkt. Er kennt uns. Denn Pizzaphasen kommen nicht selten, auch wenn sie von nun an Dönerphasen heißen sollte.

[Der Römer, der die Bedeutung des Namens Reza gegoogelt hat, ist ganz entzückt. Er bedeutet soviel wie „Zufriedenheit“ – und das passt wirklich sehr gut zu unserem Reza]

Mehr Schein als Sein

Wenn Sie uns heute hätten sehen können, in diesem einen, kleinen Moment am Main, Sie hätten Stein und Bein geschworen, dass wir eine von diesen perfekten Familien sind, die ihr Leben vollkommen im Griff haben. Wir schienen so unangestrengt makellos, dass mir die Illusion, die wir darboten, äußerst unangenehm war.

Doch zum Glück kennen Sie uns schon und wissen, dass die Attribute makellos und perfekt definitiv nicht uns zuzuordnen sind.

Wie wir da saßen, heute am frühen Abend, auf einem gemütlichen Bänkchen am Main. Das Blätterdach der Allee wirkte wie ein großes, undichtes Sonnensegel. Der Fluss und alles drumherum wurde in ein zauberhaftes, goldenes Licht getaucht. Von unserer Bank hatten wir einen wunderbaren Ausblick auf den Main, eingerahmt von zwei großen Platanen. Auf dem Wasser war eine Gruppe Stand-Up Paddler, die mal mehr, mal weniger erfolgreich im Wasser herumstocherten und angestrengt versuchten die Balance zu halten, dabei aber gleichzeitig vorankommen wollten. Uns gegenüber thronte die Europäische Zentralbank und der Glasbau reflektierte das beeindruckende Licht.

Im Kinderwagen neben uns schlief Signorino engelsgleich. Ich lehnte meinen Kopf an des Römers Schulter. Toll sah ich aus in meinem schwarzen Etuikleid, den Keilabsatz Schuhen und der großen, dunklen Sonnenbrille.

Der Römer – natürlich ebenso stilecht mit Sonnenbrille, Polohemd und knielangen Shorts ließ seinen Blick über’s Wasser schweifen. Ein Gondoliere (ja, wirklich!) gondelte romantisch an uns vorbei. Ob er direkt aus Venedig kam oder aber hier ansässig ist, konnte ich leider in der Kürze der Zeit nicht herausfinden.

Ein Pärchen mitsamt ihrem brüllenden und um sich tretenden Kleinkind kam an uns vorbei. Beide hundemüde, beide resigniert und bemüht, das Kind zu beruhigen. Neidisch betrachtete uns die Mutter des Kindes.

„Es ist nicht so wie es aussieht.“ wollte ich ihr hinterherrufen. Doch sie waren schon zu weit entfernt. Ein letztes Mal drehte sich die geschaffte Frau um, nun das schreiende Kleinkind auf dem Arm. Der Vater schob ernst den Buggy nebenher.

Und ich? Ich hätte ihr so gerne erklärt wie ihr falscher Eindruck zustande kam.

Denn alles fing heute Nacht an. Signorino und ich hatten eine sehr kurze Nacht. Ich weiß, man sollte die Schuld immer zuerst bei sich selbst suchen. Aber ich möchte trotzdem behaupten, dass wir hauptsächlich eine kurze Nacht wegen Signorino hatten, der alle zwei Stunden aufwachte und darauf bestand, dass ich, da er nun wach war, meinen Schönheitsschlaf ebenso unterbrechen sollte.

Der Römer indessen hatte Glück. Er schlief heute außerhalb des Schlafzimmers – auf unserem Sofa. Nicht etwa, weil wir uns temperamentvolle Beschimpfungen an den Kopf schmissen. Nein, vielmehr, weil um 2 Uhr nachts schon absehbar war, dass diese Nacht keine 8 Stunden Schlaf mehr für uns bereithalten würde. Da er früh zur Arbeit musste, schlug er primär sich selbst und sekundär mir vor, auf der Couch zu nächtigen.

Hundemüde wurden Signorino und ich von der turbulenten Nacht ausgespuckt. Das schlug sich auch deutlich in Signorinos Laune nieder. Wenn er nicht schrie, dann meckerte er. Und wenn er nicht meckerte, dann weinte er.

So kämpften wir uns durch den Tag und es glich einem Schwimmwettkampf, in dem man versuchen musste, gegen die – auf Höchstleistung laufende – Gegenstromanlage anzuschwimmen.

In der einzigen 20 minütigen Schlafpause, die Signorino uns gönnte, duschte ich mich in Windeseile. Ich kam aus der Dusche, trocknete mich ab und zog mir schnell etwas über. Ich packte den Fön aus, fing an den Haaransatz zu trocknen, doch da schrie schon Signorino nach mir. Mit drei großen Klammern steckte ich meine noch nassen Haare zu einer geschickten Banane hoch. „Gar nicht mal so schlecht.“ lobte ich mein Spiegelbild, das mich neugierig beim Verlassen des Bades musterte.

Am späten Nachmittag bekam der junge Herr Farniente seinen Nachmittagsbrei. Als wir – bis auf eine paar wenige, kleine Spritzer – die Breifütterung beinahe überstanden hatten, geschah es: Signorino nieste. Mit dem vollen Breilöffel in seinem Mund. Ich weiß nicht, ob Sie sich das Ausmaß dieser tief roten Brei-Explosion vorstellen können, aber es sei Ihnen gesagt, dass mein weißes T-Shirt aussah als hätte ich ein Massaker begangen. Signorinos ebenso weißer Strampler verriet, dass er offensichtlich mein 7 Monate alter Mittäter war. Rund um den Esstisch machte ich ein spontanes Praktikum als Tatortreinigerin und befreite den hellen Boden von Blut Breispritzern.

Als ich uns beide umziehen wollte, bemerkte ich, dass Signorinos ach-so-kluge Mutter in den letzten Tagen wenig Zeit fand, eine dringend fällige Waschmaschine anzustellen. Das hatte wiederum zur Folge, dass wir keine alltagstauglichen Klamotten mehr vorweisen konnten.

Doch von dieser Lappalie ließ ich mich nicht beirren.

Signorino bekam – unter lautem Gezeter seinerseits – kurzerhand ein furchtbar elitäres Polohemd übergezogen. Dazu eine stocksteife, aber schrecklich elegante, kurze Hose. Er sah aus wie ein sehr klein geratener Eliteschüler eines englischen Internats. Aus Jux kämmte ich seine weizenblonden Haare noch ordentlich zur Seite, was er mit noch lauterem Geschrei quittierte.

Ich hingegen stand verzweifelt vor meinem Kleiderschrank. Nicht ein einziges T-Shirt befand sich darin. Alle Hosen waren in der Wäsche. Ich machte die Schranktür zur längst vergessenen Kleider-Sektion auf. Da hingen sie: Kleider,für deutsche Hochzeiten (etwas legerer, große Blumenapplikationen), für albanische (viel Glitzer, viele, knallige Farben) und italienische Hochzeiten (sehr elegant, sehr teuer, sehr unpraktisch). Bevor ich mit dem Gedanken spielte, mich für ein bodenlanges Festkleid zu entscheiden, fiel mein Blick glücklicherweise auf die kurzen Kleider.

„Strand…Strand…zu elegant…zu eng…zu eng…zu eng…“ murmelte ich. Die Auswahl war, auch durch ein paar Schwangerschaftspfunde mehr, gelinde gesagt, stark begrenzt. Übrig blieb ein nachtschwarzes Etuikleid mit hohem Stretchanteil. Ich seufzte und sprach mir Mut zu: „Immerhin besser als ein Pailletten besticktes, albanisches Abendkleid in meerjungfrauen-grün.“

Dann hielt ich die Luft vorsorglich an, quetschte mich in dieses Etuikleid und bemerkte, dass sich mehrere, große und kleine Schwangerschaftsringe abzeichneten. Ich pellte mich wieder aus dem Kleid, quälte mich in ein Bauch-weg-und-Po-hoch-Höschen und streifte das Etuikleid wieder darüber. Ich atmete nur noch sehr flach, aber ich atmete. Das allein zählte.

Als der Römer wenig später von der Arbeit nach Hause kam, pfiff er begeistert. „Scusa, ma oggi è il nostro anniversario? [Entschuldige, aber ist heute unsere Jahrestag?] War das nicht immer im Herbst?“ fragte er sehr verblüfft. „Er ist immer noch im Herbst, keine Sorge. Ich finde einfach nichts mehr zum Anziehen.“ antwortete ich wahrheitsgemäß und erwähnte nicht, dass es an meiner fehlenden Muße die Waschmaschine anzustellen lag. „Wow, du solltest öfter einmal einen Mangel an Klamotten haben.“ gab er angetan zurück und strich mir über meine neue Taille, die das Bauch-weg-Höschen vortäuschte. Ich lächelte müde, freute mich aber über sein Kompliment.

„Gehen wir gleich mit Signorino spazieren?“ fragte der Römer. Ich bejahte.

Als ich gerade in meine sehr gemütlichen, aber sehr verlebten Sandalen steigen wollte, fiel es mir wieder ein: Der Riemen des linken Schuhs ist gestern beim Müll wegbringen gerissen.

Ich atmete tief durch. Gestern wollte ich noch neue Schuhe bestellen, doch ich habe es schlichtweg vergessen. Da es mein einziges Paar Sommersandalen war, durchforstete ich – auf eine adäquate Alternative hoffend – den Schuhschrank.

Das einzige, halbwegs akzeptable Paar Schuhe war ein elegantes, schwarz funkelndes Ensemble mit Keilabsatz. Ich seufzte wieder und zog es an. Der Römer pfiff nochmal begeistert. „Wow! Che bella che sei! Proprio una donna di classe. [Wow! Wie hübsch du bist! Eine Frau mit Klasse.]“ sagte er. „Hm… donna di classe.“ wiederholte ich schmunzelnd, während ich mich fragte, ob es nicht doch eine Alternative zum Etuikleid gab. Ich dachte an die dringend auszumusternde Radlhose mit dem fröhlichen Bananen- und Ananas-Print (ein Fehlkauf aus Miami! Lassen Sie uns nicht darüber sprechen!) und fand, dass meine getroffene Wahl doch gar nicht so schlecht war.

Als wir mit unserem kleinen Eliteschüler von zu Hause losgingen, fühlte ich mich wie eine sehr abstrus aussehende Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Allein das Perlencollier fehlte. Und die Kleidergröße 34.

Unterwegs fing Signorino wieder an zu schreien. Er war frisch bewindelt, hatte eben Milchbrei gegessen und alles sollte in bester Ordnung sein. Aber das war es nicht. Der Römer erklärte sich bereit Signorino zu tragen, der sehr vehement im Kinderwagen randalierte. Auf des Römers Arm schniefte Signorino nur noch traurig, weinte und schrie aber nicht mehr. Ich zog meine übergroße Sonnenbrille ins Gesicht, damit ich meine Augenringe kaschieren konnte.

So gingen wir also, mit einem schniefenden Signorino, der nur auf dem Arm tragend zu beruhigen war, die Mainpromenade entlang. Als wir die erste freie Parkbank sahen, Signorino war schon äußerst schlaftrunken, steuerten wir freudig darauf zu.

Wir legten den nun dösenden Signorino in den Kinderwagen. Ich setzte mich auf die Bank und sobald der Römer, der sich nebenbei gesagt immer sehr elegant kleidet, neben mir saß, legte ich meinen Kopf müde auf seiner Schulter ab.

Da saßen wir also: Resigniert, müde und geschafft. Unsere Augenringe wurden von der Sonnenbrille abgedeckt. Unser fahler Teint wurde durch das goldene Sonnenlicht zum Strahlen gebracht. Selbst meine Mozzarella weißen Beine wirkten so, als hätte ich die letzten 14 Tage auf einer Yacht im Mittelmeer verbracht.

Und in eben diesem Augenblick kam die Familie mit dem schreienden Kleinkind vorbei und erblickte uns.

Es muss ganz fantastisch ausgesehen haben wie wir geschmackvoll einen Moment der Zweisamkeit genossen, während das Kind selig schlief.

Aber, liebe vorbeikommende Mutter: Wir sitzen alle im selben Boot! Es war nur eine sehr harmonisch wirkende Momentaufnahme.

Denn 10 Minuten später wachte Signorino wieder schreiend auf. Diesmal trug ich ihn. Und während ich ihn hin- und her schuckelte um ihn zu beruhigen, kam sein Milchbrei wieder hoch und ergoß sich auf meinem Kleid. Natürlich hatte Audrey Hepburn keine Wechselklamotten dabei (woher und wozu auch?) und humpelte, aufgrund von akuten Blasen an den Füßen (diese dummen Keilabsatzschuhe!) nach Hause.

Liebe andere Mutter, es war kein glorreicher Moment meines Lebens, aber ich hoffe, du hast mich auch in dieser Situation gesehen.

Denn die perfekte Illusion ist nur ein Zusammenspiel aus ungewaschener Wäsche, gutem Licht und akuter Müdigkeit.

Emotionale Karotten

„Muss ich denn immer erst Geschirr spülen oder stundenlang duschen, bevor mir ein Thema, über das ich schreiben könnte, in den Sinn kommt?“ denke ich entnervt und rubble noch viel genervter an dem eingetrockneten Soßenfleck in der zu spülenden Auflaufform herum. „Maaaaan! Weg da!!!“ herrsche ich den Soßenfleck an.

„Chi? Io?“ [Wer? Ich?] fragt der Römer, der gerade wie aus dem Nichts in der Küche aufgetaucht ist. „Ich mache nur schnell eine Flasche für den Kleinen, poi è tutto tuo.“ [sinngemäß: dann hast du die Küche für dich.] erklärt er sich schnell und entschuldigend.

„Nein, nein. Mir will keine Idee in den Kopf kommen und dieser dämliche Soßenfleck will auch nicht weg.“ versuche ich mich zu erklären.

„Non voglio dire niente [Ich will nichts sagen,..], amore mio, aber du bist etwas gereizt.“ versucht er sich langsam an das Problem heranzutasten.

Ich „hmpf“-e nur, spüle und rubble weiter an diesem grässlich eingebrannten Soßenfleck.

Wenig später, Signorino hat bereits getrunken, kommt der Römer wieder in die Küche. Vorsichtig stellt er das leere Fläschchen ab. „Per chi sono queste carote?“ [Für wen sind diese Karotten?] versucht er neugierig herauszufinden.

„Für wen? Für wen? Für wen? Für mich nicht! Für Signorino sind sie.“ herrsche ich ihn an. In dem Moment verabschiedet sich eine Espressotasse, die ich gerade versuchte zu spülen. Klirrend landet sie auf dem Boden und zerspringt in unzählige, kleine Scherben.

„MAAAAAAAAAAAAAAAAAN! Was ist denn das heute für ein dämlicher, dummer, widerlicher Tag?“ motze ich. Der Römer bringt wortlos den Besen. Während wir die Keramikscherben aufsammeln und zusammenkehren schießt ihm ein Gedanke in den Kopf.

„Ahaaaa! Die Karotten sind für den kleinen! Capisco!“ [Ich verstehe!] sagt er als wäre es die Offenbarung des Jahres. „Natürlich! Das habe ich doch schon vorhin gesagt.“ raunze ich ihn kurz an und vertiefe mich wieder in das Espressotassendesaster. Er lässt den Besen sinken, kommt auf mich zu, kniet sich zu mir nieder und umarmt mich. Ich gucke ihn verdutzt an.

„Non sei ancora pronta!“ [Du bist noch nicht bereit!] spricht er mir sein Mitgefühl aus.

Ich hmpf-e wieder.

„Amore mio, du kochst Signorinos ersten Brei und fühlst dich noch nicht bereit dazu. Eben erst war er noch so klein, dass wir ihn „Stecknadelkopf“ genannt haben und nun ist er in der Lage Brei zu essen.“ diagnostiziert er richtig.

Ich hmpf-e erneut und vergrabe mich in seiner Schulter. „So ein Scheiß, echt! Erst wünscht man sich, dass sie wachsen. Dann tun sie das und eh du dich versiehst, kochst du Karottenbrei und er isst wie ein Großer! Dann fängt er an zu krabbeln, zu gehen, als nächstes geht er in die Schule und schwuppdiwupp hat er seinen Führerschein und zieht aus. An den Wochenenden kommt er dann vorbei um seine Wäsche zu waschen und irgendwann braucht er mich dann gar nicht mehr. Dann ruft er einmal im Monat an und vergisst meinen Geburtstag. Und noch dazu vergeht diese verdammt blöde Zeit in einem Wimpernschlag und ich kann sie nicht aufhalten. So ein K*ckmist aber auch!“ steigere ich mich in das Thema rein und ein Tränchen kullert über meine Wange.

Der Römer muss lachen, guckt mich an und sieht einen begossenen Pudel, der inmitten von minikleinen Keramikscherben kniet. „Il tempo passa – ma tu sarai per sempre la sua madre.“ [Die Zeit vergeht – aber du wirst für immer seine Mutter sein] versucht er mich aufzumuntern. Sein Versuch zeigt bei mir kaum Wirkung.

„Okay – telo spiego in un altro modo. [Ich erkläre es dir anders]“ fängt der Römer an. „Du hast doch einen Bauchnabel?“ fragt er tiefsinnig.

„Was ist denn das für eine Frage? Natürlich habe ich einen Bauchnabel! Jeder hat einen Bauchnabel!“ raunze ich ihn für diese dämliche Frage an.

„Va bene [In Ordnung], hätten wir das geklärt. Jeder hat also einen Bauchnabel. Auch du. Und Signorino.“ benennt er das Offensichtliche.

Ich gucke ihn sehr irritiert an – aber wenigstens bin ich nicht mehr so nah am Wasser bzw. – in meinem Fall – im Wasser gebaut.

„Und dieser Bauchnabel, den wir nun alle haben, der verbindet uns ein Leben lang mit unserer Mama.“ führt er weiter aus.

„Hä?“ kann ich nur – mehr als verwirrt – antworten. „Dein Bauchnabel ist das Zeichen, dass du mit deiner Mama neun Monate lang eins warst. Die Nabelschnur hat euch verbunden. Du warst sicher und geschützt in ihrem Bauch, ihr Körper hat dich mit allem Wichtigen versorgt, was du gebraucht hast. Und dieses Zeichen, der Bauchnabel, die Narbe der abgetrennten Nabelschnur, wird dich für immer daran erinnern, dass du mit deiner Mutter verbunden warst.“

Ich lege meinen Kopf schief. „Das macht irgendwie Sinn. Etwas seltsam, aber die Aussage stimmt.“ sage ich, überrascht und erstaunt, da ich auf so eine Erklärung nicht gefasst war.

Der Römer führt fort: „Und immer wenn Signorino in den Spiegel schaut, hat er diese Narbe, seinen Bauchnabel, die zeigt, dass ihr eins wart. Er nimmt er vielleicht nicht bewusst war, aber es lässt sich auch nicht leugnen. Sein Bauchnabel bleibt sein Leben lang.“

Seltsamerweise beruhigt mich diese abstruse Erklärung und ich gebe mich damit zufrieden. „Bereit!“ fragt der Römer mit dem Pürierstab in der Hand. Ich atme tief durch – greife den Pürierstab und antworte: „Bereit!“

Nach dem Pürieren probiert Signorino seinen ersten Löffel Karottenbrei. Es scheint ihm zu schmecken. Ein sehr orange eingefärbtes Kind strahlt uns mit großen Augen an.

„Hach Signorino.“ seufze ich als der Römer den Lappen zum Sauber machen holt. „Deine Mama bleibt immer deine Mama. Trotz Karottenbrei, der dich in die Unabhängigkeit führt! Und warum? Weil wir einen Bauchnabel haben.“

Von finsteren Gedanken und Ungeduld

Und die Nerven liegen blank. Eine Woche über Termin. Ich habe keine Lust mehr. Ab heute wird jeden Tag im Krankenhaus kontrolliert.

Und ich habe alles durch: Ich hab dem Bambino gedroht, ich hab gebettelt, gefleht, geweint und gezetert. Doch es passiert nichts. 0,0. Nada. Niente.

Jeden Tag gehe ich auf Gewaltmärsche, trinke Tees und Pülverchen, mach Kniebeugen, putze wie eine Bekloppte, aber… keine Wehen, wenig, aber noch genug Fruchtwasser. Die Plazenta arbeitet ohne Probleme.

Wer mich versteht? Alle Mütter, die schon einmal über Termin gegangen sind. Und die meisten anderen Mütter.

Der Rest gibt dumme Tipps. Und ich kann es nicht mehr ertragen. Betroffen ist davon auch der Römer, der mir zur Geduld rät und sagt “Er kann das nachvollziehen.”

Nein, kannst du nicht. Denn du hast nicht seit Monaten Sodbrennen, egal was du isst, du schläfst tief und fest nachts und hast keine Probleme eine Schlafposition zu finden. Dich vertröstet man nicht jeden Tag. Du hast keine Probleme irgendwo am Körper Haare zu entfernen, du hast kein Nasenbluten, kein ständiges Rippentreten und auch keinen Drang ständig auf Toilettchen zu müssen.

Klar wird er gefragt, wann es soweit ist. Aber er ist nicht der Hauptakt, der ungeduldig daheim sitzt. Während meine Gebärmutter abgetastet wird und das äußerst schmerzhaft ist, sitzt er auf dem Stuhl und sucht in seinem Handy nach Winterjacken. Während ich nach Luft ringe bei kleinen Spaziergängen, läuft er locker flockig neben mir her. Während ich -wie es scheint- sämtliche Yoga Übungen durchturne um ein Paar Socken anzuziehen, ist er in 3 Minuten ausgehfertig.

Und dann tut es mir Leid, aber es tauchen finstere Gedanken auf wie “Es wäre besser gewesen nie schwanger geworden zu sein. Was hab ich mir eigentlich dabei gedacht? Es war doch alles gut so wie’s war! Warum tu ich mir das alles an?!”

Immer noch in der Warteposition. Die Farbgebung unterstreicht meine Laune.

Das Schwiegermonster

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. So wie gestern, als ich folgende Geschichte in einem Babyforum laß:

„Ich möchte nicht, dass meine Schwiegermutter unser Baby anfasst oder gar küsst. Das habe ich meinem Mann auch ganz offen kommuniziert. Es ist ihr erstes Enkelkind, aber ich möchte es trotzdem nicht. Daraufhin sagte er, dass dann aber keine „Oma“ das Kind anfassen bzw. küssen darf. Ja, klar. Gleiches Recht für alle! Aber, wenn mein Mann nicht da ist und ich allein mit meiner Mutter bin, darf sie natürlich unsere Tochter knuddeln und küssen. Mama bleibt schließlich Mama. Nur meinem Mann darf sie es nicht sagen. Und überhaupt: mit meiner Schwiegermutter habe ich eh kein gutes Verhältnis.“

Ohne die Vorgeschichte der Verfasserin bzw. das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter zu kennen, tat es mir unheimlich Leid für die Schwiegermutter. Im Forum stimmten der Verfasserin 2/3 der anderen Mütter – unter lautem Gezeter über das eigene Schwiegermonster – zu.

Nur eine Mutter schrieb: „Ich habe drei Söhne. Ohne deine Vorgeschichte zu kennen, hoffe ich, dass keiner meiner Söhne jemals eine Partnerin wie dich anschleppt. Es bricht mir das Herz diese Geschichte zu lesen.“

Die Diskussionen gingen voran, es wurde lamentiert, dass die Schwiegermütter sich gar nicht für die Enkelkinder interessierten und distanziert wären usw. usw..

Mich machte die Geschichte unendlich traurig. Sowohl meine, als auch des Römers Eltern leben mehrere hundert bzw. tausend Kilometer entfernt. Sie können nicht mal eben vorbeikommen. So lernen meine Eltern ihren Enkel Ende Januar (frühestens!) kennen – falls mein Vater reisefähig sein sollte – was wir alle sehr hoffen. Die Eltern des Römers lernen ihren Enkel im März kennen, wenn unser Bambino einigermaßen flugfähig ist und ein Immunsystem hat, dass es ihm erlaubt, den zwei Stunden Flug zu überstehen.

Ich wäre unendlich dankbar, wenn meine Eltern bzw. Schwiegereltern unser Bambino, sobald es da ist, sofort kennen lernen könnten. Seit Monaten fiebern sie auf den Geburtstermin hin, OBWOHL sie schon mehrere Enkel haben. (Das war auch ein Argument – die Schwiegermutter würde sich nicht interessieren, WEIL sie schon so viele Enkelkinder hat) Aber jedes neue Enkelkind ist ein Geschenk für unsere Eltern. Und wir? Wir können es kaum erwarten die glücklichen Gesichter unserer (Schwieger-)Eltern zu sehen. Küssen verboten? Bitte nicht! Es gibt nichts schöneres als Liebe: Die Liebe in der Familie, die Liebe zwischen Großeltern und Enkel, zwischen Geschwistern, Kindern und Eltern. Was wären wir ohne die Liebe?

Selbst meine Schwester Ova, die wahrlich kein großer Fan ihrer slawisch-dickköpfigen Schwiegermutter Sveta ist, schmilzt dahin, wenn sie die Kleinen knuddelt, ihnen bulgarische Geschichten vorliest oder sie ins Bett bringt.

Als ich dem Römer, der nochmal einen deutlich ausgeprägteren Familiensinn hat als ich, davon erzählte, kam nur ein: „Mazza, che persona di merda!“ [Wahnsinn, was für eine sche** Person] aus ihm raus. „Imagina quanto fa male alla nonna di non avere un rapporto col nipote.“ [Stell dir vor wie weh es der Oma tun muss, wenn sie keine Beziehung zum Enkel aufbauen kann.]

Dann wurde er still und sagte nach ein paar Minuten: „Sono molto felice di averti trovato. [Ich bin sehr glücklich dich gefunden zu haben] Du liebst meine Mutter und meine Mutter liebt dich, aber was noch viel wichtiger ist: Selbst wenn es nicht so wäre, dann wüsste ich, dass du meinen Eltern nie das Enkelkind vorenthalten würdest.“

Wenn ich zurück an meine Großeltern, besonders an meinen Opa, denke, dann kommen mir die Tränen. Ein so großartiger Mensch, ein Schlitzohr, dass mich förmlich mit Liebe überschüttete. Liebe in Form von Milchreis mit extra für mich gekauften Marmeladenherzen. Liebe in Form von warmen Kakao, wenn es draußen stürmt. Liebe in Form von „mich überall hin mitnehmen“. Liebe in Form von Ausflügen in den Zoo. Liebe in Form von Aufmerksamkeit. Liebe in Form von warmen Umarmungen. Liebe in Form von Begrüßungsküsschen. Und Liebe in Form von schrumpliger Hand mit dem eingewachsenen Granatsplitter aus dem Krieg auf warmer, klebriger Kinderhand.

Ich wünsche jedem Kind, dass es so wunderbare Großeltern haben wird wie es bei mir der Fall war. Und ich wünsche jedem Elternteil, dass es seinen Schwiegereltern nicht verwehrt, das Enkelkind zu sehen, zu umarmen und auch mal ein Küsschen zu geben. Denn die wirklich wichtigen Dinge im Leben habe ich u.a. von meinem Opa gelernt. Mein wunderbarer, loyaler, spitzbübischer Opa.

Vorschnelles urteilen

Wenn man nur die halbe Wahrheit kennt, ist man schnell dabei sich eine Meinung zu bilden.

Ich wusste von meiner Mutter, dass sie Ski fahren war als ich noch gut verpackt in ihrem Bauch gewohnt habe. Dieser Fakt belastete mich nicht weiter und ich dachte nie intensiv über die Gefahr nach. Erst als ich es Freundinnen erzählte, die bereits Kinder hatten, merkte ich die Verwunderung in ihrem Gesicht: „Sie war Ski fahren? Schwanger? Weißt du eigentlich wie gefährlich das ist?“

Öhm. Nein. Wenn man keine Kinder hat oder gerade plant, macht man sich darüber keine Gedanken.

Nach dem Grund für ihren Skiausflug fragte ich sie nie.

Bis sie gestern erzählte: „Als ich mit dir schwanger war, wusste ich am Anfang nicht, dass ich schwanger bin. Wir hatten unsere Kinderplanung weitgehend abgeschlossen. Es dauerte etwas bis ich es bemerkte. Also gingen wir Ski fahren – die ganze Familie. Der tiefe, glitzernde Pulverschnee in dem Jahr lud mich förmlich dazu ein auch etwas riskantere Abfahrten zu nehmen. Ein paar Tage später, ich wunderte mich wo meine Monatsblutung blieb, macht ich einen Test. Schwanger! Als ich dann nach zwei Tagen anfing heftig zu bluten machte ich mir solche Vorwürfe, dass ich Ski fahren gegangen bin. Angekommen beim Frauenarzt versuchte er mich zu beruhigen. <<Schonen Sie sich! Heben Sie nicht schwer! Und alles andere regelt die Natur>> sagte er. Ich weinte auf der kompletten Rückfahrt. Diesen kleinen, unschuldigen Menschen wollte ich nicht verlieren aufgrund meiner Unwissenheit. Nach ein paar Tagen hörte die Blutung auf. Ich hatte wieder einen Frauenarzttermin und siehe da: Ein kleines Gummibärchen mit einem kräftigen Herzschlag. Das warst du! Ich hätte nicht glücklicher sein können.“

Das war also die ganze Geschichte. Sie wusste nicht, dass sie schwanger war und machte sich Vorwürfe. Auch nach drei Jahrzehnten schien sie dieses Gefühl immer noch mitzunehmen. „Aber es ging ja alles gut. Und es wäre doch nicht deine Schuld gewesen.“ versuchte ich sie aufzumuntern. „Doch, doch. Es wäre meine Schuld gewesen.“ antwortete sie nach all den Jahren immer noch überzeugt von ihrem Verschulden.

Mütter – in Gänze schätzen lernt man sie erst, wenn man selber zum Elter wird.

Tipps zwischen Müttern

Wie die Zeit und die Distanz so spielen wurde aus einer guten Freundin eine gute Bekannte. Ab und zu schreiben wir uns, alle paar Jahre sehen wir uns, aber es ist immer noch ein überaus herzlicher Kontakt zwischen uns vorhanden. Das bedeutet auch, dass wir über die wichtigsten Lebensabschnitte der jeweils anderen informiert sind. Vielleicht nicht mehr so schnell wie damals als wir uns jedes kleine Detail haarklein und brühwarm erzählen mussten, sondern manchmal mit einer gewissen Zeitspanne, aber dennoch: Man weiß Bescheid über das Leben der anderen.

So schrieb sie mir letzte Woche, dass sie und ihr Mann ein Baby planen und fragte wie lange es beim Römer und mir gedauert hat. Es entstand ein nettes und offenes Gespräch und ich erzählte ihr von meinen Erfahrungen und meinen damaligen Gefühlen. Ich thematisierte mein Mitfiebern – jeden Monat aufs Neue – meine Vorfreude, meine Enttäuschung und dann irgendwann meine Resignation bei der es mir egal war wie lange es dauert bis sich der kleine Bambino auf den Weg macht. Und tadaaaa! Genau da klappte es.

Ich drückte ihr die Daumen, dass es diesen Monat klappt und gab ihr einen Tipp, den ich mir damals von meinen Mitmenschen gewünscht hätte: Iss nochmal Sushi! Geh nochmal Carpaccio essen, erfreu dich an Parmaschinken, an Bresaola, an Thunfisch Ceviche. Iss nochmal ein 5-Minuten Ei. Genieße poached eggs mit flüssigem Kern. Denn all das geht mir am meisten ab.

Ihre Antwort kam prompt: Das finde ich lächerlich darauf zu verzichten. Japaner essen doch auch rohen Fisch und rohes Fleisch. Das heißt, wenn mein Körper darauf besteht, dass ich Sushi esse oder Carpaccio, dann tue ich das einfach.

Grundsätzlich bin ich so, dass ich niemanden überzeugen möchte, wenn es um ihre oder seine Angelegenheiten geht. Wenn ich nach Tipps gefragt werde, gebe ich sie gerne, aber ich verteufel keine Ansicht.

Ich schrieb: Ich für mich habe mir gesagt: 9 Monate darauf zu verzichten kriege ich hin. Denn wenn es dann zu einem Abgang oder zu einer Fehlbildung kommen würde, würde ich mir persönlich Vorwürfe machen. Wenn ich aber für mich jedes Risiko ausgeschlossen habe und es trotzdem dazu kommt, dann ist es Schicksal und ich hatte es nicht in der Hand. Das habe ich am Anfang der Schwangerschaft für mich so entschieden. Jede Frau ist anders und jede Frau entscheidet für sich und für ihr Kind, das was sie am Besten findet. Also mach ganz entspannt!

Ich bin nicht dazu da, andere Menschen zu belehren, weil jeder den für sich richtigen Weg findet. Ich verurteile auch niemanden. Für mich habe ich den richtigen Weg gefunden und ich bin mir sicher, dass sie für sich auch den richtigen Weg findet.

Sie bedankte sich für meinen Erfahrungsbericht und das weitere Gespräch verlief im Sand…

Briefe ans Bambino (Teil 2)

CTG, Ultraschall und Doppler sind absolut nicht dein Fall. Da lässt du auch keine Zweifel daran.

Als du noch ganz klein warst, ja, noch kleiner als heute, ca. in der 17. Schwangerschaftswoche, hast du Rosi, der Hebamme, erst einmal gezeigt wie sehr dir der Doppler missfällt. Um Herztöne von dir zu erhaschen, musste sie sich ganz schön anstrengen. Als sie dich dann endlich gefunden hatte, in der hintersten Ecke, hast du darauf eingetreten als gäbe es keinen Morgen mehr.

Genauso heute: Das erste CTG stand an. Neben mir in der anderen CTG Kabine lag eine andere Mami. Gleichmäßig blubbernd hörte man den Herzschlag bei ihrem Baby. Und bei dir? Erst einmal nichts. Die Arzthelferin musste ganz schön suchen um deinen Rücken zu erhaschen. Aber leider ist die Zeit des Versteckens vorbei. Mit deinen 1200g und deinen 36cm bist du auch einfach zu groß um dich zu verstecken.

Als sie dich dann gefunden hatte, gingst du sofort in die Verteidigungsposition. Mit aller Wucht tratst du gegen das CTG Gerät, dass deine Herztöne erfassen sollte. 10 Minuten war gar nicht daran zu denken, irgendetwas von dir zu messen. Entweder du hast dich weggedreht (wahrscheinlich um Anlauf zu nehmen) oder du hast mit voller Kraft zugeschlagen.

Dein Papa, der Römer, ist deswegen sehr stolz auf dich. 😉 Ist er doch damaliger Olympiateilnehmer im Taekwando gewesen. „Lui diventa un campione.“ [Er wird ein Weltmeister] verkündete er stolz als ich ihm nach dem CTG verkündet habe, was du gemacht hast.

„Wenn er sich jetzt nicht beruhigt, dann versuchen wir es später noch einmal. Eine Chance haben wir aber noch. Legen Sie sich mal auf den Rücken.“ sagte die nette Arzthelferin. Gesagt, getan. Und siehe da: Du hast dich beruhigt. Klar hast du ab und zu noch zu getreten und geboxt, aber bei weitem nicht mehr so schlimm wie vorher. „Noch drei Minuten – genauso bleiben und wir haben’s geschafft.“ munterte sie uns auf. Und du hast dich wunderbar betragen.

Danach stand der dritte, große Ultraschall an. Du bist zeitgerecht entwickelt, sehr groß, aber schlank. Und wie sollte es anders sein -getreten hast du auch wieder. Der Ultraschall gefällt dir eben auch nicht. Die Frauenärztin wollte uns auch dein Gesichtchen zeigen, aber du bist schüchtern. Das heißt, dass du brav deine Händchen und Füßchen vor’s Gesicht gehalten hast. Genau wie beim letzten Mal. Aber warte mal ab! In wenigen Monaten musst du Mama und Papa wohl oder übel dein Gesichtchen zeigen.

Doch eins ist klar: Du hast keine Probleme dich zu wehren. Und das ist auch gut so. Aber nächstes Mal könnten wir das CTG abkürzen, wenn du, mein Schatz, nur fünf klitzekleine Minuten still hältst. Abgemacht?

Krankenhaus Besichtigung

Liebe Leser, meine Albanien-Berichterstattung wird unterbrochen für einen anderen Beitrag aus der Serie „Schwangerschaftsgedanken“. Nicht, dass Sie sich noch langweilen. Aber keine Sorge, immer Mittwochs (oder Dienstags 😄) kommen meine Albanien Artikel weiterhin raus. 😉

Bin ich die coolere oder die naivere Mutter? Das ist die große Frage. Und die wurde mir bewusst bei der Krankenhaus Besichtigung letzte Woche.

Vorab: Es gibt einige Krankenhäuser in unserer Stadt. Man findet hier die kleinen, heimeligen oder aber die großen, hochspezialisierten Krankenhäuser. Bei uns ums Eck, Luftlinie 500 Meter, ist ein kleines, heimeliges. Entbinden kann man dort ab der 36. Schwangerschaftswoche, da es keine Baby-Intensivstation gibt.

Wir kennen das Krankenhaus schon. Der Römer wurde dort operiert und ich wurde dort mit meinem gebrochen Fuß behandelt.

So trug es sich also zu, dass ein Grüppchen Schwangere sich zusammen mit den jeweiligen Partnern in der Lobby des Krankenhauses traf. Man konnte 40 Babybäuche in allen Größen und Formen bewundern. „L’incontro delle balene“ [Das Treffen der Wale] flüsterte mir der Römer wenig charmant zu. Ich musste trotzdem grinsen. Ja, es sah tatsächlich so aus.

Wir wurden in die Cafeteria des Krankenhauses geführt und der Vortrag des Chefarztes und der leitenden Hebamme begann. Mir gefiel er sehr gut, weil freundlich aber bestimmt gesagt wurde, was geht und was nicht. Der Chefarzt sagte – eine für mich logische Sache – die aber viele erstaunte Gesichter hervorrief: „Wenn wir eine brenzlige Situation haben, dann haben wir keine Zeit in genau dieser Sekunde mit Ihnen ausführlich darüber zu diskutieren. Wir machen unseren Job und sorgen für Sicherheit für Sie und Ihr Kind. Gerne sprechen wir danach ausführlich über die Situation, wir erklären und machen verständlich. Aber in dieser Situation bitten wir Sie, dass wir unseren Job machen dürfen.““

Das saß. Mindestens zwei Elternpaare erhoben sich und gingen. Ich grinste. Der Römer nickte begeistert. „Giusto quello che dice! Assolutamente giusto!“ [Das ist richtig was er sagt! Absolut richtig!] flüsterte er in mein rechtes Ohr. Zu sehr kannte er es aus seinem medizinischen Beruf, dass gerne der medizinische Laie mitredet. „Dr. Google sagt aber, dass….“

Eine Mutter fiel mir ganz besonders auf. Sie stellte trölfzigtausend Fragen und hatte sehr genau im Kopf wie die Geburt ihres ersten Kindes ablaufen muss. „Ich möchte es so und so. Aber ohne Dammschnitt. Wie ist das mit einem Kaiserschnitt? Wie wird das bei Ihnen mit Bonding gehandhabt? Wie kann ich ein Familienzimmer buchen? Kann sich mein Mann direkt nach der Geburt auf meine Liege legen?“ Ich rollte genervt mit den Augen.

Vielleicht bin ich naiv, vielleicht ignorant, aber seit Jahrtausenden von Jahren existiert die Menschheit und die Medizin ist weiter als jemals zuvor. Frühchen, die früher keine Chance hatten, bekommen die beste, medizinische Hilfe, die man sich vorstellen kann. Aber, und da bin ich mir sicher, eine Geburt folgt keinem Drehbuch. Wenn es so wäre, wäre die Geburt vom Bambino nämlich ein Kurzfilm und endet nach 6 Minuten mit einem Happy End. 😉

Von Wehen geplagt ist mir wahrscheinlich egal, ob die Hebamme eine homöopathische Lösung für mich bereit hält. Ich möchte nur keine Schmerzen mehr haben. In den Presswehen sind mir Akkupunktur Nadeln in meinen Ohren egal. Ich möchte auch meine Plazenta nicht mit nach Hause nehmen und sie einfrieren.

Es gibt keine 100% Sicherheit für eine Geburt. Es gibt ja nun auch keine 100% Sicherheit für dasLeben. Leben heißt Überraschung. Vieles ist planbar, so denken wir. Manches ist gesteuert. Man hat es nicht in der Hand. Egal wie sehr man sich bemüht.

Und dazu zähle ich auch die Geburt. Bis jetzt habe ich keine Angst. Wenn es anfängt, fängt es an. Ob es am Ende ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt, eine Traumgeburt oder 36 Stunden Wehen wird – ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, ich werde es in den nächsten Monaten herausfinden.

Aufgenommen vom Einen auf den Galapagosinseln. So fühle ich mich! Müde und dickbauchig im Sand.

Sprachlos vor Freude

Sprachlos – anders kann ich es nicht nennen. Ja, sprachlos trifft’s am ehesten. Oder „sono rimasta senza parole“.

Der Römer hat einen Job. Also, seinen Job.

Seit 1 1/2 Jahren arbeitet er – mal mehr, mal weniger zufrieden – in der Pizzeria seines (mittlerweile) guten Freundes „il capo“[Der Chef]. Erst wurde er als Pizzabäcker eingestellt, dann wurde er als Kellner gebraucht, was ihm gut gefiel, da er gerne ein Schwätzchen mit den Gästen hält. Gäste wurden zu Stammgästen, charmant und unterhaltsam wurde er zum Stellvertreter von il capo, wenn dieser nicht da war. Und das war er nicht oft, da er noch eine andere Pizzeria hat um die er sich kümmern muss. Als der Koch kündigte, wurde neu gewürfelt in der Pizzeria und da man einen Kellner einfacher fand als einen Pizzabäcker, wurde der Römer wieder zum Pizzabäcker. Er akzeptierte es, aber „soddisfazione“ [Zufriedenheit] sieht anders aus.

Dennoch: Es war nicht sein Traumberuf, den er jahrelang eifrig studiert und in Rom praktiziert hatte. Wer denkt, dass es für medizinische Berufe reicht, in der EU studiert zu haben, irrt sich leider. Jedes Bundesland Deutschlands hat ein anderes Anerkennungsverfahren mit viel Bürokratie. Im Dezember, als absehbar war, dass der Römer schon ein ordentliches Deutsch-Level (auch so ein Anerkennungskriterium) vorweisen konnte, begannen wir sämtliche Unterlagen in Rom anzufordern. Und das dauerte. Und dauerte. „Si fa le cose con calma“ [Man macht die Dinge in Ruhe] war die Divise in Rom. Im März holten wir die Unterlagen ab. Dann mussten sie übersetzt und beglaubigt werden. Wir schickten sie ein, doch das Sprachzertifikat fehlte noch. Das holen wir im August nach, da der Römer beim letzten Mal nicht bestand. Solange wird auch der Antrag nicht bearbeitet. Deutsche Bürokratie.

Letzte Woche passierte es dann. Es kam zu einem Zerwürfnis in der Pizzeria, das sehr unschön war. Der Koch rastete komplett aus, beschimpfte und bedrohte den Römer, seine Familie und alles, was ihm lieb war. Er, der Koch, war sowohl den Drogen als auch dem Alkohol mehr als zugeneigt und es eskalierte so, dass der Römer entschied, die Pizzeria an diesem Tag zu schließen. Er verständigte il capo, der sofort von der anderen Pizzeria angebraust kam. Die Pizzeria wurde zwei Stunden später wieder geöffnet und der Betrieb ging weiter. Diesmal ohne Koch. Doch ein bitterer Geschmack blieb. Und der Römer wollte, aus gutem Grund, mit dem Koch, der sich nicht das erste Mal so benahm, nie wieder zusammenarbeiten. Das teilte er auch il capo mit. Anstatt dem Koch fristlos zu kündigen (Gründe dafür hätte es einige gegeben), behielt il capo den Koch [Lui è un poveraccio, non ha una lira – Er ist ein armer Kerl, er hat keine müde Mark] und der Römer hielt sein Wort und erschien, mit Vorankündigung, nicht zur Arbeit.

3-4 Tage saß er also daheim, enttäuscht von seinem Chef, vom Leben, von allem. Und er vermisste seinen „richtigen“ Job – seine Berufung.

„Vielleicht ist das jetzt der blödeste Zeitpunkt oder aber der beste…“ fing ich an. „Es gibt da diese Stellenanzeige, die perfekt auf dich passen würde. Ja, ich weiß, du darfst noch nicht offiziell arbeiten.“ versuchte ich ihm gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Aber was spricht denn gegen ein Praktikum?“

Er hörte sich alles stirnrunzelnd an und schwieg. Das war zumindest ein gutes Zeichen, insofern es ein Zeichen dafür war, dass er darüber nachdachte. Ein langgezogenes „Okaaaaay.“ verließ seinen Mund. „Io dico di sì!“ [Ich sage ja!] antwortete er und lächelte. Wir schrieben zusammen ein Anschreiben, einen Lebenslauf, scannten seine Unterlagen, ließen Bewerbungsfotos machen und sendeten alles per Email an die Praxis. Das war der kleinste und leichteste Teil des Prozesses.

Zwei Tage später meldeten sie sich. Sie würden ihn gerne kennen lernen. In zwei Tagen. Das heißt, wir hatten zwei Tage Zeit um uns auf ein deutsches Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Wir gingen häufige Fragen, ihre Bedeutung und ihre Antwort durch. Wir lernten neue Vokabeln. Tagelang hörte man den Römer nur Wörter wie „Dehnen“ und „Ganzheitlich“ murmeln. Gefolgt von „Können Sie sich bitte aufrecht hinsetzen?“, „Was haben Sie für Beschwerden?“ und „Sagen Sie mir, wenn das unangenehm ist!“. Um das Wissen besser wiederholen zu können, übte er diese Sätze mit Karteikarten.

Dann stand das Bewerbungsgespräch an. Man unterhielt sich über die Konditionen und am liebsten, so der Römer, hätten sie ihn morgen anfangen lassen, da es soviel Arbeit gibt. „Morgen“ konnte der Römer nicht anbieten, dafür aber Anfang September.

Als der Römer daheim war, fragte ich ihn, wie sie verblieben sind. Er konnte sich nicht erinnern, er wusste nur, dass er ein sehr positives Gefühl hatte. Das war natürlich ein bisschen wenig Information.

Deswegen schlug ich vor, am nächsten Tag eine Email zu schreiben um noch einmal sein Interesse zu bekunden. Wir formulierten eine sehr nette Email, die offenkundig zeigte, dass er sehr angetan ist. Wenig später kam eine positive Email der beiden Chefs zurück. Sie würden ihn gerne als Praktikant einstellen (zu überaus fairen Konditionen) und er solle sich kurz zurückmelden, dann würde man einen Termin finden um alle Details zu besprechen. Der Römer grinste von einer Backe zur anderen. „Ho capito bene? Mi prendono?!?!?!?“ [Habe ich das richtig verstanden? Die nehmen mich?!?!?!?!] fragte er vollkommen euphorisch und entgeistert. „Esatto!“ [Genau] antwortete ich. Er umarmte mich stürmisch. Dann klopfte er an meinen Bauch: „Hai sentito?! Prendono il tuo papà a lavorare!“ [Hast du das gehört? Sie nehmen deine Papa!] Er konnte sein Glück kaum fassen. „Oggi, pizza per tutti!“ [Heute, Pizza für alle] verkündete er. Ich musste lachen. Er verschwand mit einem „Inizio subito di preparare tutto.“ [Ich fange sofort an, alles vorzubereiten] in die Küche.

Zwei Stunden später saßen wir zufrieden kauend am Esstisch. „Che fortuna che ho!“ [Was für ein Glück ich doch habe] sprach er und konnte immer noch nicht aufhören zu grinsen. „C’è sempre un lato positivo diceva mia nonna. Ed è vero!“ [Es gibt immer auch eine gute Seite sagte meine Oma immer. Und das ist wahr!]