Ein denkwürdiger Tag

Ich weiß nicht, was Sie gestern um 13:27 Uhr gemacht haben und vermutlich wissen Sie das auf die Minute genau auch nicht, aber ich habe zur genannten Uhrzeit meine wissenschaftliche Hausarbeit bei der Universität hochgeladen. Überpünktlich wie die Maurer, drei Tage vor meinem selbst gesetzten Abgabeschluss. Dass ich den gesetzten Abgabeschluss zwischen Oktober und Dezember drei Mal verschoben habe, kehre ich an dieser Stelle großzügig unter den Tisch. Am Ende zählt eben nur das Ergebnis, welches im besten Fall im Februar veröffentlicht wird. Ob die Universität mein schnittiges Dr. Markus Söder Thema auch so pfiffig finden wird? Ich werde es Ihnen berichten, oder aber: Es unter den Tisch kehren – zu meinen verstrichenen Abgabeschluss-Daten. 😉

Symbolbild: Ein Lernender (Römer).

Dabei muss ich erwähnen, dass ich gestern Morgen absolut nicht damit gerechnet hätte, etwas abzugeben – außer meiner Seidenpapier starken Nerven. Der Mann, der immer zur Arbeit geht, egal in welchem Zustand, meldete sich gestern früh erst bei mir und dann bei seinem Arbeitgeber krank. Wenn Sie sich auf eines beim Römer verlassen können, dann ist es, dass er selbst auf dem Arbeitsweg angeschossen, noch zur Arbeit humpelt und seine Stunden abarbeitet. Aber heute hatte er migränebedingte Kopfschmerzen, die ihn zwangen, seinen Arbeitgeber über sein Fernbleiben der Arbeitsstelle zu informieren. Das wiederum hieß für mich, nicht er würde Signorino zur Kita bringen, sondern ich. Also machte ich mich in aller Eile zurecht, ging vor ungewohnter Dienstags-Aufregung drei Mal aufs Töpfchen, nur, dass der Römer sich dann in die Jacke schmiss und auch zur Kita mitkommen wollte. Trotz intensiver Bemühungen meinerseits und dem Hinweis, dass er am besten im Bett aufgehoben ist, insistierte er. Also fuhren wir zu dritt zur Kita und brachten das Kind in eine sichtlich leere Betreuungsstätte. Dabei ist es nicht dem vorweihnachtlichen Reiseverkehr zu den Verwandten geschuldet, dass die Kitakinder der Einrichtung fernblieben. Vielmehr erreichte mich am Montagmittag eine E-Mail, dass die beiden Nachbargruppen in Corona bedingte Quarantäne mussten. Ein Glück gab (und gibt) es keinen Fall in Signorinos Gruppe (toitoitoi). Dennoch lassen viele Eltern ihr Kind bereits daheim, um nichts zu riskieren. Da wir eh nirgendwo hinfahren, schickten wir das Kind trotzdem. Trotz alledem würde eine x-tägige Weihnachts-Quarantäne nicht auf meiner Weihnachtswunschliste zu finden sein.

Als wir Signorino um 09:20 Uhr abgegeben hatten, fuhr ich den Römer und mich wieder nach Hause. Der Römer frühstückte, ich tippte nervös Nichtssagendes in den PC, weil ich mich bei seinen Frühstücksgeräuschen nicht konzentrieren konnte. Dann ging der Herr des Hauses schlafen und mein nichtssagendes Getippe wurde endlich von wissenschaftlich fundierten Aussagen abgelöst. Bis 12:55 Uhr klimperte ich geschäftig auf der Tastatur meines PCs umher bis ich zufrieden auf „speichern“ klickte. Geschafft!

Nach einem zwanzigminütigen Anfall meinerseits, in dem ich die Prüfungsplattform meiner Uni verfluchte, gelang es mir doch noch meine Arbeit hochzuladen. Währenddessen schaufelte ich hektisch Ravioli in mich hinein, die der bereits erwachte Mann uns zubereitet hatte. Um 13:27 Uhr war es dann vollbracht. Ich war ein freier Mensch – bezogen auf dieses abgelegte Modul. Und meine Freiheit kann und konnte ich auch nur unter Vorbehalt genießen. Wer weiß, ob ich das Modul bestanden habe? Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, den Römer zu betrachten. Er sah nach seinem Schläfchen gleich viel gesünder aus. So voller Farbe im Gesicht und einem halbwegs zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Um 14 Uhr wollte der Römer wieder mitfahren, um Signorino abzuholen. Als wir ankamen, kümmerten sich zwei Erzieherinnen um zwei Kinder. Mehr Kinder waren nicht (mehr) im Gruppenraum. Das Kind war dennoch froh, abgeholt zu werden und hüpfte uns in Strumpfhose entgegen. Als alle angezogen, verpackt und verladen im Auto saßen, fragte ich den Römer, ob wir noch kurz nach Frankfurt-Oberrad fahren könnten, denn dort würde ich gerne Gratis-Pflanzen abholen. Er willigte ein und auch Signorino hatte nichts dagegen. Klar, der kleine Kerl hatte auch noch ein Butterbrot in der Hand, an dem er geschäftig nagte. In Oberrad angekommen wurden Fahrerin und Beifahrer auch nur ein einziges Mal und ganz kurz laut, weil der Römer mein Handy auf die Mittelkonsole legte, es prompt in einer engen Kurve auf meine Seite fiel und ich panische Angst hatte, dass es sich unter dem Gas- oder, noch schlimmer, Bremspedal verfangen würde. „Ma che! [Ach was!]“, trotzte der Beifahrer ohne Fahrerfahrung. Meine Hypothese lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Wie so vieles, was mit dem Fahren und Führen von Kraftfahrzeugen zu tun hat. „Fahr halt einfach rechts ran.“, empfahl er mir flapsig auf der dreispurigen Fahrbahn im frühen Berufsverkehr, wobei sich linkerhand eine Tram vorbeiquetschte und rechts Offenbacher Sportwagen an uns vorbeizogen. Ich motzte irgendetwas, wobei der Römer meinen meist gehassten Satz überhaupt darauf antwortete: „Du – fahr einfach! Ich mach den Rest.“ Dieser Satz lässt eine ungeahnte Aggression in mir aufsteigen. Das ist gar nicht in Worte zu fassen, was dieser unverschämte, römische Imperativ mit mir macht. Dazu muss ich ergänzend erwähnen, dass ich mich jedes Mal frage, was denn dieser besagte „Rest“ ist, von dem der Römer als Beifahrer spricht und um den er sich immerzu kümmern will? Meint er damit, dass er Schnittchen und kühle Getränke serviert? Einmal feucht durch die Fahrerkabine feudelt? Die Fenster putzt? Ich weiß bis heute nicht, welche verantwortungsvolle Aufgabe ein Beifahrer hat, von der ich in all den Jahren nichts mitbekam. Doch, Moment. Eine Aufgabe gibt es: Wenn wir zum Supermarkt fahren und in dessen Tiefgarage parken, ist es seine Aufgabe, das Parkticket vom Auto bis zur Tiefgaragenausfahrt in der Hand zu halten und es mir zum richtigen Zeitpunkt auszuhändigen, während ich versuche, nicht zu nah und nicht zu weit von der Säule, die unser Parkticket entgegen nimmt, anzuhalten. Wobei die Aufgabe mir das Ticket auszuhändigen auch von der Mittelkonsole äußerst gewissenhaft erledigt wird.

Pflanzen auf dem Fensterbrett. Die erste auf dem Bild wurde mir überlassen, weil die ehemalige Besitzerin dachte, ich hätte einen grünen Daumen. Na, wenn die gewusst hätte, dass ich passive, florale Sterbebegleitung ausübe, dann hätte sie sie vermutlich behalten.

Doch zurück zum Oberrader Verkehrsmanöver: Irgendwann und irgendwie schaffte ich es dann, ohne Handy, dass sich unter den Pedalen verfing, in eine unscheinbare Einfahrt und friemelte das Handy aus dem Fußraum. „Hier! Festhalten“, pflaumte ich den Römer an und drückte ihm mein Handy in die Hand. Dann entriss ich es ihm sogleich wieder, weil ich nachschauen wollte, wo wir hier überhaupt waren. Die Landkarten-App gab mir an, dass wir nur 200 Meter von unserem Zielort entfernt waren. Ich ließ das Auto (aus Sicherheitsgründen) in der Einfahrt stehen, sprintete die Straße entlang und hüpfte in den 1. Stock, um die Pflanzen von einer netten Kleinanzeigen-Dame abzuholen. Da ich privat zwar einen halbwegs grünen Daumen habe, in der Arbeit aber den Tod der ein oder anderen Pflanze auf meinem Konto verbuchen muss (darunter einen unkaputtbaren Kaktus und einen Bogenhanf🙈), brauchte ich Ersatz, damit mich mein Chef nicht wegen floralem Todschlags entlässt. Ich holte also eine Tüte neuer Leidensgenossen in einem gepflegten Wohnhaus ab und hoffte, dass diese grünen Freunde nach einer kurzen Zeit bei mir schlussendlich auch im Büro überleben werden. Im Auto angekommen verstaute ich meine Tragetasche sicher im Fußraum der Rückbank und ließ den Motor an. Von der Rückbank kam ein leises, aber im Fahrtverlauf immer lauter werdendes „Iiiigel!!“. Der Nachwuchs wollte einen Riegel, aber konnte das dazugehörige R noch nicht aussprechen. Egal – sein Wunsch kam trotzdem bei uns an. Der Römer kramte in meinem Rucksack, doch dort war kein Riegel zu finden. „Du hast vergessen, Riegel in deinen Rucksack zu füllen.“, unterrichtete mich der Römer. „Und du hast nicht einmal einen Geldbeutel dabei. Wird sicher ganz schön kalt, wenn ich dich hier an der Ecke rauslasse und du heimläufst.“, konterte ich. Der Römer maulte etwas nach. „Trotzdem haben wir keinen Riegel für das Kind.“, wiederholte er. Ich nickte. Noch 2,5 Kilometer nach Hause. Er wird schon nicht durchschreien. Auf Höhe des Frankfurter Hauptbahnhofes brüllte Signorino so laut „Iiigel!!!“, dass ich den Römer anwies, ihm das Päckchen gefriergetrocknete Erdbeeren zu geben. „Gesunde Chips für Kinder.“ stand auf der Packung. Ich wusste auch, warum sie so gesund waren. Durch ihren unangenehmen, sauren, aber naturbelassenen Geschmack lässt jedes Kind freiwillig von diesen Chips ab und isst lieber den eigenen Jackenärmel. Doch in der Not war uns jedes Mittel recht, dass ein paar Augenblicke lang das laute Brüllen im Auto unterband und uns sicher und konzentriert durch den Stadtverkehr kommen ließ. Signorino schniefte und brüllte immer noch. „Sicher?“, fragte der Römer. Wir wussten beide, dass diese Erdbeeren seit Wochen im Auto mitfuhren und Signorino diesen Snack bis jetzt jedes Mal verschmähte. Aber was hatten wir jetzt noch zu verlieren? Er tobte eh schon unaufhörlich. Im Gutleutviertel angekommen verstummte das Kind und kaute zufrieden saure Erdbeerchips. Sogar ein „Mmmh.“ kam aus dem Fond des Autos. Irgendjemand hatte uns wohl heimlich das Kind in der Kita ausgetauscht. Wir nahmen die plötzliche Ruhe dankend an und freuten uns über die letzten, ruhigen Meter bis wir von Signorino mehrmals aufgefordert wurden „Tschu Tschu Wa“ zu singen. Nach 500 Metern war der Spuk vorbei. Wir rollten in die Hofeinfahrt. Laut singend. Das Kind war selig. Wir beinahe heiser.

Daheim angekommen leerte ich zwei Packungen Riegel in meinem Rucksack aus. Sicher ist sicher, denn die Packung mit den gefriergetrockneten Erdbeeren war nun leer.

Spieglein, Spieglein an der Wand!

Es ist eine der vielen Geschichten, die hinter einer Kleinanzeige stecken können. Aber diese ist mir (bis jetzt) die liebste.

Vor einigen Tagen sah ich einen Spiegel. Oval. Qualitativ hochwertig. Preis: Zu verschenken. Mittlerweile möchte ich mich, ohne mich selbst loben zu wollen, in den Stand des Experten der Kleinanzeigen erheben. Um die Qualität des Spiegels zu bestimmen reicht es nicht alleine, den Vordergrund, also das Objekt per se, zu begutachten. Nein, auch der Hintergrund ist wichtig. Man erkannte schwere, rote Perserteppiche. Der Spiegel war an ein nussbaumfarbenes Klavier mit goldenen Pedalen gelehnt. Ja, hier schlage ich zu, dachte ich mir und schrieb Frau Melchior an. Sehr höflich antwortete sie, dass sich der Spiegel im Besitz ihres Vaters befinde und dort gerne abgeholt werden könne. Ich müsse aber bitte pünktlich sein, weil ihr Vater eine halbe Stunde später abgeholt werden würde. Selbstverständlich bin ich pünktlich, finde ich doch nichts schlimmer, als unpünktliche Abholer/Käufer bei Kleinanzeigen.

[Zeitsprung – zwei Tage nach vorne]

Ich befinde mich irgendwo in einem betuchten Stadtteil Hanaus. Viele Villen, maximal zwei Stockwerke hoch. Ein Stadtteil, in dem es gemächlich zu geht. So gemächlich, dass ein Schwätzchen zwischen zufällig getroffenen Bekannten am Autofenster keine Seltenheit ist. Unbeirrt setzt man das Gespräch fort, auch wenn ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen gerne vorbei möchte. Drei Minuten später scheint zwischen den Plaudernden alles geklärt. Man beauftragt seinen Gesprächspartner noch rasch, der Gattin die besten Wünsche zu überbringen und die Szenerie löst sich auf. Höflich wird sich bei dem Auto mit dem Frankfurter Kennzeichen per Handgruß bedankt und man huscht rasch weiter in einen der großen Gewerberparks. Es ist schließlich Samstag, was bedeutet, dass die oberste Bürgerpflicht der Einkauf bei Drogerie- und Supermarkt ist.

Ja, hier ist die Luft eine andere und das merke ich auch trotz laufender Klimaanlage und geschlossenen Fenstern. Nicht nur die Luft ist anders, auch die Parkplatzsuche, was daran liegen mag, dass man hier keine Parkplätze sucht, sondern nur findet. Ein Königreich für einen Autofahrer! Das überfordert mich als Frankfurterin dermaßen, dass ich gar nicht weiß, ob ich am Trottoir oder doch in der Einzelgarageneinfahrt parken soll? Ich entscheide mich für die Straßenvariante, denn das Parken in der Garageneinfahrt empfinde ich als etwas übergriffig. Mühsam schäle ich mich aus dem Auto. Hier ist es so ruhig und gemächlich, dass mir jetzt erst auffällt, mit welcher Wucht ich scheinbar immer die Autotür ins Schloss schlage. Beschämt drehe ich mich um. Doch hier ist niemand. Nur große Häuser starren mit leerem Blick auf die Straße. Ich gehe zum dunklen, schweren Gartentor, das hauptsächlich aus unzähligen Metallschnörkeln besteht. „Prof. Dr. Scherer“ steht an der Klingel und ich drücke darauf. Heraus kommt nicht der Professor, sondern der Rauhaardackel Wilma. Ich öffne die Gartentüre vorsichtig und Wilma springt an mir hoch. Ich halte ihr meine Hand hin, sie schnuppert angeregt und ich tätschle sie etwas am Bauch. Das scheint Wilma zu gefallen. Aber der Moment wird von den „Wilma-Rufen“ des Professors unterbrochen. Doch Wilma scheint es recht egal zu sein, was ihr Herrchen von ihr will oder nicht will. Hier ist eine neue Besucherin und diese könnte gleichzeitig eine neue Spielkameradin sein. Tollend gehen Wilma und ich zur Haustüre. Artig bleibe ich vor den gefliesten Treppen stehen. Wilma nicht. Sie hüpft zu dem älteren Mann, Mitte-Ende 80, hoch. „Wilma, jetzt ist aber gut! Haben Sie keine Angst. Wilma will nur spielen.“, begrüßt mich der Professor. Hätten wir nicht selbst einen Hund gehabt, hätte ich vermutlich Angst oder zumindest gehörigen Respekt vor Wilma gehabt, denn kleine Hunde zwicken ganz gemein in die Wade. Aber als erfahrene Hundetante, die ich in meiner Kindheit war, weiß ich, dass Wilma nur spielen, und nicht zwicken, will. Ich lächle und warte, dass der Professor den Spiegel herausreicht.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“, fordert mich stattdessen der Professor in seinem hellblauen Pullunder, unter dem er ein korrekt gebügeltes Hemd trägt, auf. Das Hemd ist blütenweiß – wie seine ordentlich gekämmten Haare. Ich nicke. „Ich ziehe nur eben die Schuhe aus.“, erwidere ich hastig und etwas beschämt, denn schließlich trete ich in ein Haus eines mir unbekannten Menschen ein. Er winkt ab, in etwa so als würde ein müder Löwe seine Tatze nach unten wischen. „Aber, Madame! Bitte, nein. Lassen Sie die Schuhe an und folgen Sie mir. Hier entlang!“, gebietet er mir und schleicht gemächlich voran. Ich folge ihm. Wilma läuft Schwanz wedelnd voraus. Ich habe den Eindruck, dass sie mittlerweile die einzige Dame des Hauses ist. Wir schreiten erst durch das Entrée, weiter durch einen Zwischenraum, in dem man vermutlich den Aperitif eingenommen hat, in den enorm großen, lichtdurchfluteten Salon. „Hier leben sie also, die 70er Jahre.“, denke ich beim Anblick des Interiors. Geschmackvoll, gepflegt und doch so, als wäre die Zeit seit 50 Jahren einfach stehen geblieben. Was müssen hier für rauschende Feste, Diskussionsrunden und Diners stattgefunden haben? Es sieht ein bisschen aus wie in dem alten Koch- und Backbuch, das mein Großvater mir nach der Jahrtausendwende vererbt hatte. Würden gleich Käseigel und Toast Hawaii serviert werden, es würde mich nicht wundern. Doch ein Detail lässt die Szenerie in einem anderen Licht erscheinen. Verstreut stehen immer wieder halb gefüllte Umzugskartons. Der Professor zieht aus. Vermutlich altersbedingt. Das Besitztum eines ganzen Lebens – verschenkt, verstaut, verkauft.

Die Zimmerdecke ist sicher am höchsten Punkt vier Meter hoch, dabei ansteigend und architektonisch wie ein großes Beduinenzelt gestaltet. Sie wurde mit hellen Holzpanelen verkleidet. Tropfenförmige Lampen lassen sich in einer Ecke gebündelt nach unten hängen und schaffen es doch nicht, den schwarzen Couchtisch mit den cognacfarbenen Elementen zu berühren. Der Teppichboden erinnert mich an silbriges Olivenlaub. Dieser ist mit schweren, roten Perserteppichen versehen. Warum der Teppichboden mit weiteren Teppich belegt ist, erschließt sich mir zwar nicht, dennoch finde ich die Idee sehr spannend. Wir gehen zu einer der hinteren Ecken des weitläufigen Wohnzimmers. Dort steht das nussbaumfarbene Klavier, das ich bereits im Hintergrund des Bildes erkannte. Daran gelehnt: mein Objekt der Begierde – der ovale Spiegel. Geschmackvoll, edel, schlicht, aber überaus hochwertig. Ich starre den Spiegel fasziniert an. „Der Spiegel sieht sehr edel aus.“, bringe ich staunend hervor. „Das Edle findet man oft in seiner Schlichtheit.“, antwortet der Professor lächelnd. Wilma schnuffelt an meinen Beinen herum. „Sehr schön!“, sage ich und schäme mich einige Sekunden später für meinen lapidaren Satz. Generell bin ich so überwältigt von dieser Professoren-Villa und von den Eindrücken, dass ich nur sehr begrenzte Kapazitäten habe, mich vernünftig verbal zu äußern. „Passt der?“, fragt mich der Herr Professor, in etwa so als wäre er einer der alteingesessenen Verkäufer bei einem renommierten Traditionskaufhaus. Ein solcher weiß natürlich, bevor es der Kunde selbst weiß, dass dieses Stück perfekt zum Klienten passt. Er erkennt es an den Blicken, an der gesamten Körperhaltung des Kaufenden, an dem kleinen, feinen Lächeln und den glänzenden Augen. Die Frage dient allein dazu, einen angenehmen Abschluss in diesem Verkaufsgespräch zu finden. Wenn dieser Spiegel nicht passen würde, dann würde es vermutlich keiner. „Wollen Sie ihn wirklich verschenken?“, will ich verdattert von dem älteren Herrn wissen. „Aber ja! Nehmen Sie ihn mit. Schenken Sie ihm ein neues Zuhause.“, insistiert er. Ich nicke zustimmend. Seine Aussage bedarf keiner Worte meinerseits. Meine Gestik und die glänzenden Augen reichen vollkommen aus. Verzaubert nehme ich den Spiegel in die Hände. Er ist schwerer als gedacht. Daraufhin blicke ich den Professor fröhlich an. „Vielen Dank – von Herzen!“, gebe ich von mir. „Es ist mir eine Freude, junge Frau.“, gibt dieser zurück. „Wollen wir?“, fragt er nun höflich und zeigt mit einer offenen Geste Richtung Tür. Ich nicke wieder und stolpere ihm nach. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Cord-Hausschuhe die gleiche Farbe wie seine Cord-Hose haben. Geschmackvoll und schlicht, niemals aufdringlich. Wilma springt, wie eben, vor uns her Richtung Haustüre. Er öffnet mir diese und lässt mich hindurchtreten. „Junge Dame, es war mir ein Vergnügen. Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund. Machen Sie’s gut!“, gibt mir der Professor mit auf den Weg. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“, gebe ich zurück. „Und – danke nochmal für den Spiegel. Ich werde ihn in Ehren halten. Auf Wiederschauen!“ Der Professor lächelt und winkt. Wilma läuft mir hinterher bis zum Gartentürchen. „Tschüss, Wilma. Pass gut auf dein Herrchen auf.“, verabschiede ich mich von der Dackeldame. Zurück im Auto brauche ich eine Minute, um mich zu sammeln. Ein wenig fühle ich mich in diesem Moment wie ein Aasgeier, der die letzten Reste des Professorenlebens abwrackt und kostenlos mit nach Hause nimmt. Tief atme ich durch und fahre mit der wertvollen Fracht vorsichtig zu unserer neuen Wohnung. Ich werde bereits erwartet, lese ich auf meinem Handy.

In der Wohnung angekommen treffe ich den Römer und Signorino. Der Große schiebt den Kleinen mit dem Rutschauto durchs leere Wohnzimmer. „Und, Amore? Was hast du angeschleppt?“, grinst mich der Römer süffisant an. „Den Spiegel, von dem ich erzählte.“, antwortete ich und wusste doch, dass der Römer es für absolut überflüssig hielt, 25 Kilometer für einen Spiegel zu fahren. „Ooooh, che bello! [Ooooh, wie schön!] Wow! Was für eine Qualität.“, bemerkt dieser begeistert als er das edle Teil erblickte. „Der war anscheinend echt die Reise wert.“ Ich nicke: „Ja, das alles war die Reise wert.“

Spiegel in der Küche – ruhend.

Denise ist keine „abgehobene Nix-Könner-Barbie“

Achtung! Achtung! Denise sucht einen Job. Da sie sich gerne schminkt, möchte der ein oder andere vermuten (ich zitiere) sie sei eine „abgehobene Nix-Könner-Barbie“, ABER dem ist nicht so. Denise ist ein Allrounder, gar ein Chamäleon der Arbeitswelt. Also lassen wir uns nicht von ihrem Make-Up täuschen. P.S.: Am Führerschein „ist sie auch bereits dran“ – also nur Mut – ich stelle den Kontakt gerne her. 😄

Suche Menschen, die mir Geld schenken

Mit 20 Jahren darf man doch noch Träume haben, so wie diese junge Dame. Sie möchte „nur“ etwas Geld – aber bitte ohne Gegenleistung, da sie Millionärin werden will. Das geht aber in ihrem sozialen Beruf nicht. Gleichzeitig möchte sie das Geld auch in ihre Zukunft, ihre Tiere und in andere Menschen investieren. Hoffentlich auch in ein paar Satzzeichen und einen Kurs über Groß- und Kleinschreibung.